Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 157. Donnerstag, den 11. August. 1904 (Nnchdvitck verboten.) 2] Die flucht» Von K. Bagrynowski. 2. jJj( Sie wurden durch ein lautes Gepolter an der Thür ge- weckL, �ynand klopfe so laut und so lange und ausdauernd, dawMiMWN, zum äußersten gebracht, endlich aufstand und die MMjSÜfhakte. Aber da er nicht im geringsten neugierig war zu' erfahren, wer da sei, öffnete er die Augen nicht mal und sMüppte schlaftrunken wieder ins Bett, indem er seine bloßen,.Mße vor der kalten Luft, die durch die offene Thür eindrang, zu"schützen suchte. Von., dichten Dunstwolken umgeben, trat ein klein ge- Wachseneri'untersetzter Mann in die Jurte, der eine kurze, mit schwarzem, schon sehr fadenscheinigem Tuche bezogene Joppe aus Hasenfell anhatte. Seine Füße steckten in weißen, haarigen „Torbasen", wie sie die Jakuten tragen; den Kopf schützte eine alte Bibermütze. Als er sie abnahm, schien eine mächtige Glatze durch das Dämmerlicht des Zimmers. „Sie schlafen noch! Da soll doch gleich der Donner drein- schlagen!" sagte er laut in polnischer Sprache. Niemand ant- wartete, niemand regte sich. Da zog er das graue Tuch vom Gesichte, in das er bis über die Ohren eingewickelt war. trat an Woronins Lager und rief wiederholt mit klangvoller Stimme: „Zum Kuckuck! Steht auf, Ihr Langschläfer!" Woronin regte sich nicht. „Kuchen!— Daraus wird nichts!... Ihr habt mir's Wort gegeben, also rin in den Korb," lachte er laut, faßte die Decke an einem Ende und begann daran zu zerren und sie von dem Schlafenden zu ziehen, wobei er die Stimmen aller mög- lichcn Wald- und Haustiere nachahmte, llmsonst kauerte sich Woronin zusammen., verteidigte sich und hielt die Decke mit den Händen fest-�der Angreifer zwickte und kitzelte, und peinigte ihn, die Decke immer wieder herunterziehend, ohne Erbarmen. Endlich kam der zerzauste Kopf des Langschläfers unter der Decke zum Vorschein. „Hören Sie, Jan, Samuel schläft auch noch; ich geb' Ihnen mein Wort, er schläft noch. Sehen Sic, wie fest er schläft, er hört nichts. Ehe er sich ermuntert, will ich noch einen Moment, einen kurzen Moment einnicken. Bei Gott, ich werde euch nicht warten lassen," schmeichelte er und kroch wieder unter die Decke. Herr Jan lachte und wußte nicht, was er anfangen sollte; da meldete sich Samuel, der wach geworden war, der Bieder- mann ließ von seinem Opfer ab und ging zu ihm. „Habt Ihr denn gar kein Gewissen?" klagte er, indem er sich auf den Rand des Bettes setzte,„Ihr schlaft, als müßte .M so sein, und meine Alte will unterdessen aus der Haut .fähren, und alle warten schon lange auf Euch." s*„Warten sie? Die ganze Gesellschaft? Also ist auch der "�Serr Doktor" da und„der Geist des Bösen und des Wider- .Hauchs" und die„auswärtigen Mächte?" Und sie haben sich nicht gezankt? Schade!" scherzte Samuel und reckte sich nmn„Bitte, reichen Sie mir doch den Tabak, lieber Jan. Wir wolleil eine Cigarette rauchen und ein bißchen philosophieren, was meinen Sie? Und Ihre Gäste können sich unterdessen gegenseitig in die Haare fahren. Glauben Sie mir nur: das reizt den Appetit, und Ihre Frau hat sicher ganze Berge von eßbareil Sachen gekocht luid gebraten. Wir haben uns lange nicht gesehen! Was giebt's Neues bei Ihnen, was haben Sie die ganze Zeit über gemacht?" Statt aller Antwort zog Herr Jan eine umfangreiche Tabaksdose aus Birkenrinde aus der Tasche, klappte sie mif und reichte sie Samuel. «Kann ich Ihnen mit einem Prischen dienen?" fragte er plötzlich. Samuel sah den Tabak mit erhelicheltem Schrecken an.„Nein nein, danke ergebenst! Ihr Prischcn liegt mir noch von damals her im Magen. Ich muß schon niesen... Weg damit!" Jan tauchte seine dicken Finger mit einem zufriedenen Lächeln in das duftende Pulver und lud seine„Doppelflinte" mit umständlicher Sorgfalt.„Seine Doppelflinte" nannte er nämlich seine große, sattelförmige Nase, deren mächtige, geblähte Nasenlöcher er denjenigen, mit denen er eben zu thun hatte, immer gerade ins Gesicht entgegenzustrecken pflegte. In dieser„Doppelflinte" fand, wie er behauptete, ein ganzes „Achtel" Platz. Das bezog sich natürlich auf jene gesegneten Tage, in denen ihre Nüstern»och nicht von dem langen Katzen- bart geziert waren, Herr Jan üm Gouvernement Kaluga diente und im Ueberfluß lebte. Jetzt, da ihm die Armut plagte, war auch sein Prischen bedeutend zusammen- geschrumpft. Aber trotzdem leuchtete der Humor wie ehemals aus seinen kleinen, kornblauen Augen, und wie ehemals, sahen sie unter den buschigen Augenbrauen keck in die Welt. „Sputet Euch, sputet Euch! Der Gottesdienst ist längst vorüber. Sie warten alle, trieb er sie beim Ankleiden an. Und als Samuel die vorgeschrittene Stunde bezweifeln wollte, öffnete er die Thür energisch und ließ die Stimmen, die draußen erklangen, ins Zimmer dringen. „Hört Ihr?" Das Gezwitscher der kleinen Gesellen übertönend, dröhnte die ernste Stimme der großen Glocke von Dschurdschuj, als riefe sie gemessen: „Gott— ist— geboren! Gott— ist— geboren! Gott!" Denn der erste Wcihnachtsfeicrtag war da. An diesem Tage erhebt sich die Sonne in diesen Breiten zum ersten Mal völlig über den Horizont. Ihre Scheibe hatte sich eben von der Erde gelöst, als Herr Jan mit Samuel und Woronin auf die Straße traten. Ein Strom des hellen, lang vermißten Lichtes überflutete die Gegend; der Schnee funkelte, die noch von rosiger Dämmerung durchtränkten Nebel ballten sich in den Vertiefungen des Thales, in der Ferne traten die blassen Um- risse der Berge hervor. Das fahnengeschmückte Städtchen sah mit seinen in der Sonne blinkenden Fenstern wie ein Beamter in Gala-Uniform aus. Die Glocken läuteten klangvoller, ein Ruf erscholl von fem, ein Fluch oder ein Lied, und die in Pelze gehüllte, pauspäckige Kinderschar, die von den flachen Dächern nach der Sonne ausblickte, zwitscherte wie ein Vogel- schwärm. Ileberall waren Neugierige aus den Häusern ge- treten und sahen, die Augen mit den Händen beschattend, gegen Süden. Auch einige Jakuten, die von den hellen Strahlen in der Mitte des Sees überrascht worden waren, wandten ihr Gesicht dahin. Sie waren festlich gekleidet; jeder trug einen weißen, gelben, oder schwarzen„Balachon", der an den Schultern bauschig, am Gürtel reich gefaltet und schwarz oder rot eingefaßt war. Die Männer entblößten ihre kurzge- schorenen Köpfe, die Weiber neigten die Spitzen ihrer hohen Bibermützen znr Erde. Alle ehrten sie„den weißen, sonnigen Gott" mit dem Zeichen des Kreuzes und andächtigen Verbeugungen. Herr Jan führte seine Begleiter quer über den See in eine demselben parallel laufende„Straße". Am Ende derselben stand das Hospital, in dem Herr Jan, der den Posten eines Hausdieners versah, seine Wohnung hatte. Die letztere machte im ersten Augenblick den Eindruck einer greulichen Höhle, aber er behauptete, sie sei„gar nicht so übel". Ain Eingang umzog ein weißes Netz von eisigen Instruktionen die Wände und die Decke mit einem phantastischen Nahmen. Weiter öffnete sich ein tiefer-, dunkler, abenteuerlich ausschauender Raum, der jetzt von dem purpurnen Scheine des Herdfeuers beschienen wurde. Die Fenster waren nicht aufzufinden, so klein waren sie, und die Schatten der schrägstehenden, schwarzen Wände waren so groß, daß sie alles aufsogen, was der Kreis des vom Herde strahlenden Lichtes nicht umfassen konnte. An dem erhellten Platze waren die Anwesenden versammelt. Nur zwer Frauen befanden sich darunter: Jans Frau, eine polizeiwidrig häßliche Jakutin, die sich prätenziös in ein Kattunkleid von russischem Schnitt geworfen hatte, und noch eine Jakutin in volkstünilicher Tracht. Das Mädchen verschwand immer im Schatten, hinter dem Herde, und nur wenn sie das Feuer schüren, oder eine Kohle iii dem am Boden summenden„Samo- war" werfen mußte, kam ihre lange, bronzefarbene Hand und ihr anmutiges Zigeunergesichtchen mit den großen suhernen Ohrringen zum Vorschein......,. �. Jans Gattin war damit beschäftigt, die auf dem Herde stehenden Kasserollen, Kesselchen und Bratpfannen, in denen dw in Dschurdschuj üblichen Leckerbissen kochten, aus- und zuzu- Lecken und von einer Seite zur andern zu schieben. Der Schweiß floß in Strömen über ihr Gesicht und ihrem Munde, den sie unbarmherzig verzog, entflohen langgezogene Seufzer und Klagen. Rechts am Tische, auf dem Bette, oder auf Stühlen saßen die Gäste. In der Mitte hatte Alexandroff Platz genommen, ein ungewöhnlich breitschultriger, hochge- wachsener Mann, der ein weißes, grobes Hemd anhatte, wie sie von den Gefangenen getragen werden. Den zottigen Schaf- pelz— auch ein Andenken aus dem Gefängnis— hatte er von den Schultern gleiten lassen, stemmte die Ellenbogen auf den Tisch, hielt den großen, bereits kahlwerdenden Kopf ge- senkt und lauschte den Genossen mit gespannter Austnerk- samkeit. Niehorski, eine schmächtige, mittelgroße, dunkelblonde Gestalt von krankhaftem Aussehen, und Tscherewin, ein schwarz- haariger Mann mit sorgfältig gepflegtem Barte standen am Tisch und disputierten. Tscherewin war der einzige in der Gesellschaft, der einen vollständig europäischen Anzug und ein gesteiftes Vorhemd trug. Dicht hinter Alexandroff, auf dem Bette, saß Krasnski, ein Jüngling, dessen blasses Gesicht wie in Marmor gemeißelt war. Er hörte nicht zu; seine wunderschönen achatfarbigen Augen blickten unverwandt ins Feuer, und er zupfte, in Ge- danken verloren, an seinem weichen, dunklen Schnurrbart. Etwas weiter, auf einer Kiste an der Wand, hatten die„aus- wältigen Mächte" in ernster und gemessener Haltung Platz genommen— es waren dies: der lange, magere, brünette Petroff und Gliksberg, ein kleiner, rotbackiger Blondin. Hinter ihnen aber, aus dem entferntesten Winkel, sah der dicke, zerzauste Kopf des Franzosen Delille neugierig hervor. In der Mitte der Stube lag ein großer, schwarzer Hund und kroch ein ganz nacktes Kind herum, und an der einen Wand zerrte ein buntes Kalb an seinem Stricke. „Sie irren sich, Doktor," sagteNichorski scharf,„Sie haben durch Ihre Konzessionen nichts, rein gar nichts gewonnen... Seit einem Jahre arbeiten sie nun. Hat aber die Seuche in der Umgegend auch nur um ein Jota abgenommen? Oder steht's mit dem Krankenhause besser? Oder stiehlt Adrianoff weniger? Wohnen die Kranken nicht wie ehedem in ekel- haften, verpesteten Ställen, essen sie nicht angefaultes Fleisch? Fürchten die Eingeborenen das Krankenhaus nicht, wie ehe- dem, mehr als den Tod? Und haben sie nicht recht?" Tscherewin runzelte die Stirn:„Das ist möglich. Ich gestehe gern, daß mein Unvermögen schuld daran ist. Aber das ist eine andre Sache. Ich will hier nur das Prinzip ver- leidigen." „Ganz recht, das Prinzip," brausten die„auswärtigen Mächte" auf.„Um irgend eine Frage zu lösen, muß immer aufs Princip zurückgegangen werden." Niehorski nmchte eine ungeduldige Handbewcgung. „Ach! immer dasselbe Lied! Es giebt verschiedene Principien und nicht alle sind achtungswert. Ich meine, ein Arzt sollte weniger aufs Kurieren, als darauf bedacht sein, die Per- Hältnisse zu beseitigen, die die Krankheit hervorrufen. Das ist das medizinische Prinzip. Der Jurist sollte danach trachten, die Gefängnisse und das Gerichtswesen abzuschaffen... Der Gesetzgeber— das Gesetzbuch durch eine zweckmäßige Er- ziehung zu ersetzen." „Aber was soll augenblicklich aus den Kranken werden, aus den Opfern des Verbrechens?" „Mögen sie leiden," gab Niehorski eisig zurück.„Sind sie zu beklagen, so ist das Los der Millionen tausendmal be- klagenswerter, die krank und schlecht werden müssen, weil es keinen Menschen unter ihnen giebt, der kühn genug, und voraussehend genug, und bei all seinem Mitgefühl hart genug wäre, um alles, was besteht, niederzureißen und einen neuen Bau aufzuführen." „Das sind Phrasen! Die Geschichte kennt keine gewalt- samen Sprünge." „Oh gewiß! Das höre ich immer wieder; aber dagegen ist sie bereit, jeden Unsinn, der bequem ist, geduldig zu er- tragen..." brauste Niehorski auf. „Uebrigens besteht die Aufgabe der Revolutionäre gar nicht im Bauen, sondern im Zerstören. Das Aufbauen muß den alltäglichen Bedürfnissen überlassen werden," warf Alexandrofs ruhig dazwischen, indem er den sich immer mehr zuspitzenden Streit ins rechte Fahrwasser lenkte. „Halt! Darauf können wir unter keiner Bedingung ein- gehen!" riefen die„auswärtigen Mächte", Tscherewin und selbst Niehorski. Auch der Franzose kam aus seinem Winkel ge- sprungen und legte mit großer Entschiedenheit eine Kohle auf seine ausgegangene Pfeife. In diesem Augenblick traten Jan, Samuel und Woronin ein. „Warum so spät? Wir warten und warten. Wir glaubten schon, Ihr würdet nicht kommen. Alles ist aus? getrocknet, ausgedörrt!" klagte die Frau. „ilca. culpa, rnea culpa!" scherzte Samuel, indem er sich an die Brust schlug, und drückte die sich ihm entgegen- streckenden Hände. „Ah, was sehe ich? Unser hochverehrter Bonapartist! Eine Ewigkeit! Eine Ewigkeit! Seit mir Mußja meinen Bohrer ohne Erlaubnis davongetragen hat, ist er auch nicht mehr auf der Bildfläche erschienen. Aber wie kommen Sie hierher? Warum sind Sie nicht in der großen Welt— beim Jsprawnik*) oder bei einem der andern Würdenträger?" wandte sich Samuel gutgelaunt an Delille.„Und dieser Staat. Ho. ho!" � Alle Blicke wandten sich belustigt nach Mußja, der istd.em ortsüblichen, zottigen Anzug in der That drollig geRMMssah. Er war verlegen, aber auch befriedigt von der-ölHemeinen Aufmerksamkeit, die er erweckte.'st''/"5 „Ja, ja!— Aber ich wollte— mit Ihnen �mschstn— es ist doch immer—" stammelte er und schlug die Hitckeii seiner weißen„Etertessen"**) galant aneinander. st« ckllst „Angefangen, angefangen, meine Herren?'HM Jan!" mahnte Tscherewin.„Ich habe noch eine Viertelstunde Zeit, Abends sprech' ich vielleicht wieder vor." (Fortsetzmig folgt, �Nachdruck verboten.) Me Amerika ilk und trinkt. Da die Bevölkerung Amerikas sich ans den Völkern der ganzen Welt zusammensetzt und jeder einzelne seine Sitten und Gewöhn» heiten aus der Heimat mit herübergcbrach: hat, so darf man amerikanische Sitten nicht in den Häusern der eingewanderten Deutschen, Franzosen, Italiener, Nüssen usw. suchen. Sie haben, soweit es der amerikanische Boden überhaupt gestattet, ihre heimischen Gewohnheiten, ihre heimische Küch' bewahrt. Aber wenn man die Restaurationen, die Bars, die Lunch-Rooms, die Cafes und Austern-Salons besucht, da erkennt man, was spccifisch amcri» kanisch ist. New Jork besitzt allerdings eine große Reihe deutscher Lokale, die auch gewisse deutsche Einrichtungen besitzen, ferner französische, ungarische, russische, chinesische Restaurants; aber diese sind hier natürlich nicht gemeint. Hier woben wir lediglich den amerikanischen Trink- und Spcischäusern unsre Aufmerksamkeit zu» wenden. Ich vermeide absichtlich den gut deutschen Ausdruck„Gasthaus" oder„Kneipe". Es giebt in Amerika, wenn wir nun eben von den immerhin vereinzelten deutschen Restaurationen absehen, weder Gasthäuser noch Kneipen. Mit diesen deutschen Begriffen verknüpfen wir die Vorstellung von etwas Gemütlichem, Behaglichem, wir ver» stehen darunter Räume, in denen man auch mit seinen Freunden einen ganzen Nachmittag oder einen ganzen Abend verbringen kann; für den Amerikaner ist das Restaurant, der Lunch-Room oder das Cafe nichts andres als eine Abfütterungsanstalt, welche man nach Einnahme der Speisen sofort zu verlassen hat. Die Restaurationen sind fast ausschließlich nur um die Speisestundcn von 7 bis 8 Uhr morgens, von 12 bis 1 Uhr mittags und von 7 bis 8 Uhr abends sehr belebt, aber während der übrigen Stunden des Tages einsam und leer. Mittags ist il. den Lunch-Rooms der Großstädte jeder Stuhl besetzt, und man findet es schon verhältnismäßig behaglich, wenn man wirklich an einem sauber gedeckten Tisch Platz nehmen lcpz», obwohl der Spielraum zwischen den Armen des rechten und fimen Nebenmannes ziemlich beengt ist. Wahrhastig schrecklich aber erschsjnt dem Europäer und ganz besonders dem Deutschen jene Art pctn Lunch-Rooms, in denen man überhaupt keine Tische, überhaupt ktme Stühle, sondern nur den sogenannten„Countcr" findet. Der Couiitilr ist ein hoher Tisch, welcher einen mehr oder minder weiten einschließt, innerhalb dessen Koch und Köchin, Kellner und Kellnerin hantiere». Die nötigen Brat- und Wärmcapparate, die Gestelle für kalte Schüsseln und Kuchen, für Früchte usw., die großen Kessel für Kaffee, Thee und Kakao befinden sich innerhalb dieses umschlossenen Raumes. Der Counter ist gerade so hoch, daß die dienenden Geister bequem daran hantieren können. Er ist also für eine auf einem Stuhle sitzende Person viel zu hoch. � Die Gäste haben nun, um die Tischplatte zu erreichen, aus hohen Sesseln direkt am Counter Platz zu nehmen und hier gleichsam unmittelbar vor den Augen der Kellner und Kellnerinnen oder des kochenden Personals ihre Speisen und Ge- tränke zu verschlingen. Die Sessel bestehen aus einem am Fußboden befestigten Metallfuß mit einer kleinen Sitzplatte, auf welcher niemand länger ausharrt, als unbedingt nötig ist. Von Bequem» lichkeit keine Spur. Selbstverständlich hat der Sessel keine Lehne. Man kommt hier nicht her, um zu ruhen, sondern lediglich um zu füttern. Das Schlimmste aber ist, daß man in diesen Anstalten niemals Bier erhalten kann. Willst Du etwas trinken, so steht Dir Polizeichef. *•}, Jakutische Stiefel aus Pferdefell. Kaffee, Thee, Milch, Limonade und Eiswasser zur Verfügung. Ob man nun ein Rumpsteak oder ein Rührei verzehrt, immer trinkt man seinen Schluck Kaffee, Thee oder seine Limonade dazu. Brrl Selbstverständlich giebt es eine grosse Reihe von Restaurants, welche mit grösserem Komfort ausgestattet sind, aber auch hier weilt man nur gerade so lange, wie die Mahlzeit dauert. Niemand fällt es ein, in diesen komfortablen Restaurants Platz zu nehmen, um lediglich ein Glas Bier zu trinken. Dazu sind die Bars oder Saloons da. Der rechte amerikanische Saloon enthält überhaupt keine Sitzplätze; man stellt sich an den Counter, um seinen„Drink" zu nehmen. Neben Bier giebt es hier Wiskey und andre alkoholische Getränte, welche zum Teil mit Eis bereitet und vor den Augen des Bestellers gemischt werden. In diesen Bars findet man häufig einen sogenannten„Free-Lunch-Counter", d. h. einen Tisch mit Wurst und Käseschnitten, Kartoffelsalat, einigen Schnitten Brot und der- gleichen, von welchen man nach Gutdünken einige kleine Proben gratis entnehmen kann. Den Lunch-Rooms und Restaurants kann dieses kostenfreie Frühstück keine Konkurrenz bereiten; dazu ist denn doch die Auswahl des Free-Lunch-Counter zu gering, den übrigens kein anständiger Mensch regelrecht plündern wird. Das ameri- kanische Bier ist im allgemeinen ziemlich schlecht. Es kostet 5 Cents (20 Pf.) pro Glas. Die Gläser sind nicht grösser als ein normales deutsches Rotweinglas. Importiertes deutsches Bier, meist Würz- burger, Münchener, Pilsener, kostet 4» Pf. pro Glas. Will man ein richtiges deutsches Mass echten Bieres haben, also einen halben Liter, so hat man 20 Cents(80 Pf.) zu zahlen. Teurer noch sind die gemischten alkoholischen Getränke, welche allerdings zum Teil sehr köstlich sind. Mint Julep, Sherry Cobbler, Egg Nogg, Cocktails usw. kosten in der Regel 0,80 bis 1,00 M. pro Glas. Bisweilen sind die Bars mit grossem Luxus ausgestattet; da ist der Counter aus edlem geschnitzten Holz gefertigt und mit schönen Marmorplatten abgedeckt, das Flaschenregal ist mit grossen Spiegelscheiben ausge- legt, der Futzbodcn ist mit Mosaik, Wände und Decken mit Kacheln und Marmorplatten bekleidet oder mit schönen Malereien geschmückt. Doch die äussere Pracht eines Lokales verbürgt nicht die Sauber- keit der Speisegeräte. In den„Childs"— so werden diese neuen Frühstückslokale kurzweg genannt— ist es allerdings recht sauber, aber im allgemeinen nimmt man das in Amerika nicht so genau, namentlich wenn man weiter nach dem Westen kommt. In Deutsch- land sind die Tische mit seltenen Ausnahmen fein sauber gedeckt, gleichgültig, ob man für das Couvert eine Mark oder drei zu zahlen hat. Kommt man in St. Louis nicht Punkt 12 Uhr in den Lunch- Room, sondern eine halbe Stunde später, so sind die Tischdecken bereits mit so vielen Speiseresten bedeckt, dass man erst gar nicht die Speisekarte durchzusehen braucht. Was nun die Kost selbst betrifft, so ist sie trotz des Umfanges der Speisekarte meist sehr eintönig und schlecht. Ich nehme natürlich die vornehmsten Hotel-Restaurants aus. Das Fleisch kommt meist kalt oder lau auf den Tisch, und schmeckt darum auch dann nicht, wenn es zufällig einmal gut bereitet ist. Höchst selten begegnet man einem guten Stück Rinder- oder Kalbsbraten, dagegen wird man mit Roastbeef und Sirloin-Steak zu Tode gefüttert. Geradezu gräss- lich wird einem das Chickcn(Huhn), welches man zur Saison auf jeder Speisekarte findet. Der Geruch von Chicken hat mich durch ganz Amerika begleitet, und so oft ich an Amerika denke, werde ich auch an die Millionen von Hühnern denken müssen, welche in diesem Sommer ihr Leben lassen mussten. Der Amerikaner scheint nun auch mehr und mehr zu erkennen, dass diese amerikanische Fütterung ihre grossen Schattenseiten hat, denn die Lokale mit deutscher Küche blühen immer mehr und mehr empor. Ich habe mir einige Preise eines guten, aber keineswegs luxuriösen Restaurants der mittleren Preislage notiert. Für Fisch zahlt man Preise von 1,40 bis 2,40 M., für drei gekochte oder ge- bratene Eier 1 M., für gebratene Eier mit Schinken oder Speck 1,60 M., für Rührei 1 M., während die Preise der verschiedenen Omelettes zwischen 1,20 und 2,40 M. schwanken. Gewöhnlich giebt es an 10 verschiedene Sorten von Omelettes. Ich will einige der Wissenschast halber anführen: Spargel-, Pfirsich-, Trüffel-, Tomaten», Schinken-, Pilz-, Käse- und Hühnerleber-Omelette. Viele Omelettes tragen die Namen irgendwelcher hervorragender Persön- lichkeiten, und ich kann natürlich nicht sagen, welches die geheimnis- vollen Bestandteile dieser Leckerbissen sind. Auch die Kartoffeln erscheinen in zehn- oder zwanzigfachcr Form und unter mehr oder minder rätselhaften Namen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nian in Amerika noch eine besondere Sorte grosser, süsser Kartoffeln hat— es giebt solche bis zu 30 Centimeter Länge— die das Kochbuch natürlich wesentlich bereichern. Diese Kartoffeln sind in der That sehr süss und schmecken fast wie Bisguitteig, der nicht durch- gebacken ist. Die Amerikaner lieben diese Kartoffeln ausserordentlich; ich bin weniger dafür begeistert. Endlich muss ich noch betonen, daß es eigentliche CafeS, d. h. nach dem Wiener und Pariser System, in Amerika überhaupt nicht giebt. Wir verstehen unter einem Case-Haus einen gemütlichen Raum, welchen man hauptsächlich aufsucht, um bei einer Tasse Kaffee oder Thee die Zeitungen zu lesen, oder einige Stunden mit Freunden zu.plaudern. Dergleichen giebt es in Amerika überhaupt nicht. Es «z. ganz undenkbar, daß man irgendwo in einer amerikanischen Gross- stadt ein bis zwei Stunden bei einer Tasse Kaffee sitzen könnte, um Dutzend Zeitungen durchzublättern. Diese Cafes halten keine Zeitungen, jeder muß sich selbst sein Blatt kaufen. Im übrigen ist eS auch gar nicht üblich, in Restaurants oder CafeS zu lesen. Das Swtrilanische Cafe ist nichts weiter als ein Restaurant, in welchem man zu den Speisen an Stelle des Bieres ein nicht alkoholisches Ge, tränk erhält; es unterscheidet sich vom Lunch-Room eigentlich nur durch die höheren Preise. Es giebt allerdings auch einige Cafes, in welchen man ausnahmsweise Bier erhalten kann. Die Bezeichnung darf aber niemanden irre führen; mit unserm gemütlichen Wiener Cafe hat das amerikanische Cafe auch nicht die geringste Aehn- lichkeit.— FredHood. kleines fciullcton. ot. Bom Wandern. Das ist überhaupt das allerschönste, das freie Wanden: über Land, und Roß und Wagen und Rad und Töfftöff und Schiff und Eisenbahn sind gar nichts dagegen. Aber gar nichts I Ein bißchen schneller kommt man ja vorwärts, wenn man per Rad die Chaussee entlang fliegt; und etwas Vonrehmer sieht es auch aus, wenn man bequem im Landauer lehnt, im Töfftöff kann man sich sogar als Protz fühlen und Menschen und Hunde niederfahren. Aber das Wandern! Wißt Ihr denn überhaupt noch, was Wandern heißt? Wie viele von Euch verstehen es denn»och, Ihr überhctzten, blasierten Groß- städter? Wenn Ihr anr Sonntag einnral Hunger bekommt nach frischer Luft und frischem Grün,„geht" Ihr ja bloß„spazieren". Im Tiergarten lustwandelt Ihr mit zierlichen Schritten, oder auch noch ein Stückchen weiter draußen im Grunewald, der ja wohl demnächst„endlich" in einen Volkspark verwandelt werden soll. Und wenn Ihr eine halbe Stunde„gegangen" seid, werdet Ihr nrüde und bekonrmt Hunger und Durst und schaut sehnsüchtig aus nach der nächsten Kneipe mrd nennt die Gegend weltverlasseu, wo auf zehn Minuten in der Runde etwa gar kein Wirtshaus zu finden ist. Das nennt Ihr„Wandern!" Und wehe, wenn eine Regenwolke droht! Ihr habt natürlich Euer„bestes Zeug" an, und die holde Weiblichkeit trägt weiße Blusen, Hüte, die keinen Tropfen vertragen, und Röcke, die ver- derben, wenn ein nasser Halm sie streift. Und das nennt Ihr Wandern I O, du mein freies Wandern über Land, was weiß man noch von dir in der großen Stadt! Von diesem Weitausschreiten durch Wind und Sonne, ob der Regen fällt oder blaner Himmel lacht, dem frohen Weitausschreiten auf Wegen, da nicht die Menge geht, durch Felder rmd Wälder. an Dörfern und einsamen Höfen, an Seen und Sümpfen vorbei. Man geht und geht und geht— hinein in die lockende Ferne.... Und so weit ist der Himmel über Deinem Haupt und so weit das Land an Deiner Seite, und so frisch geht die Lust um Deine Stirn I Da hebt sich die Brust in tiefen Zügen, da reckt sich der Rücken, von der Last des Alltags und des Lebens gebeugt. Wagen rollen vorbei im Staub der Straße, nritleidig schauen Ivohl die Insassen auf den Wanderer am Wegesrand. Aber der Wanderer schwenkt den Hut und sieht ihnen nach in lachender Verachtung und hell- aufjubelndem Stolz. Ja, Ihr habt es leicht, Ihr da im weichen Polster. Laßt Euch bequem dahin fahren und rührt nicht Fuß noch Hand. Wir wandent. Weite Wege gehen wir, gehen über Thal und Hügel fort, und gehen auch über Dorn und Steine. Regen und Sturm entgegen; mit unfern Füßen gehen wir, mit eigner Kraft. Habt Ihr schon mal geflihlt, wie eS ist, wenn man hoch oben steht auf der Höhe, oder allein auf weitem Feld, am Waldrand, und sieht den Weg zurück, den man ging, den weiten Weg?... O diese jauchzende Wonne, daß man nicht müde wurde, daß man das kann. Und man kann noch weiter gehen, noch viel viel weiter und wird nicht müde sein. Daß man das kann, ja, daß man d a S kann. Das macht die Seele so frei und stolz, das giebt so frischen, frohen Mut. Das schwellt die Glieder mit neuer Kraft. Hervor hinterm Ofen Ihr Stubenhocker, heraus auf die Straße Ihr Blaßgesichter, auf die freien Straßen, wo die Winde wehen. Probiert, was Ihr könnt. Ihr wißt es ja gar nicht, Ihr armen Großstädter, Ihr wißt es gar nicht mehr, was es heißt, nral sieben Stunden gelaufen sein und dann zu wissen: Dn hast's gekonnt. Und das ist das allerschönste an, Wandern, daß es zeigt, was wir können, daß es zum Maßstab wird unsrer eignen Kraft.— — Ueber das Arsenikesscn der Bergsteiger teilt ein Aufsatz im Juliheft der„Deutschen Alpenzeitung" folgendes mit: Der Zweck des Arsenikessens der Bergsteiger nähert sich dem Gebrauch, den man von der Koka und in einigen Fällen auch vom Opirim und vom Haschisch macht, um beim Steigen ein leichtes Atmen zu ermöglichen. um sich, wie die Bergbewohner sagen, lüftiger zu machen. Alle Er- fahrungen gehen dahin, daß dieser Zweck durch das Arsen, kessen auch wirklich voll erreicht wird. Man kann annehmen, daß unter un- günstigen Verhältnissen-in Mensch durch 0.1 Gramm Arsenik sterben kann; jedenfalls ist eine grössere Gabe immer gefährlich. Jens Bergsteiger aber nehmen ihn in Mengen zu vier und mehr Zehnteln eines Grummes. Man erfährt nicht viel über d,e Angewohnung und die Art und Weise des Nehmens überhaupt, denn fast alle Arscmk- 'effer verheimlichen den Gebranch de? Mitiels. Eine religiöse Be- denklichkeit, sich eines so abnormen Mittels zu bedienen, vielleicht auch die Furcht vor dem Gesetze, da der Besitz des Arseniks verboten ist, auch die Eitelkeit mögen sie vorzugsweise bestimmen, verschwiegen zu sein. Was man weih, ist. dajz die Bergsteiger entweder den Arsenik in einem ganzen Stückchen in den Mund nehmen und ihn, ähnlich wie Kandiszucker, langsam zergehen lassen, oder sie streuen ihn gepulvert auf Speck oder Brot und essen ihn auf diese Weise, Meist beginnen sie mit ganz kleinen Mengen, etwa dem hundertsten Teil eines Gramms, und nehmen diese Menge einige Male in der Woche, und das längere Zeit hindurch, um sich an das Gift zu ge- wöhnen. Anfängern erleichtert diese Gabe schon bedeutend das Berg- steigen. Nach und nach werden größere Mengen genommen; und es'ist ganz überraschend, wie solche Menschen mit schweren Lasten die steilsten Anhöhen flüchtig besteigen, ohne die mindeste Atmungs- bcschwerde zu empfinden. Man hat Beispiele von Leuten, die ein hohes und kräftiges Alter erreichten, und jedesmal fast ein halbes Gramm Arsenik nehmen. Die meisten Arsenikcsser binden sich beim Genuß des Mittels wenig an gewisse Zeiten, sondern nehme: ihr Quantum bei Beginn der Wanderung; andre aber beobachten eigne Perioden, indem sie sich nach dem Mondwechesl richten und gewöhn- lich beim abnehmenden Monde nur sehr spärliche Gaben oder gar nichts nehmen. Ob am Anfange gelinde Symptome von Vergiftung auftreten, natürlich aber verheimlicht werden, ist nicht bekannt. Hat aber das Individuum sich einmal an den Arsenik gelvöhnt, und nimmt denselben in nicht allzu großen Mengen weiter, so treten keinerlei üble Erscheinungen ein, und bei einem blühenden Aussehen er- freuen sich solche Menschen meist wirklich einer guten und dauer- hasten Gesundheit.— c. Ein Blick in das Innere Lhassas. Nachdem Lhassa, die so lange den Europäern verschlossene Hauptstadt Tibets, nun den Eng- ländcrn ihre Thore geöffnet hat, giebt der Korrespondent der„Daily Mail" einen Bericht über den äußeren Eindruck, den die Stadt dar- bietet. Die„Stadt der goldenen Dome" ist sehr ausgedehnt, etwa drei englische Meilen lang und zwei breit. Sie liegt in dem sumpfigen Thale des Kyi, der einer der hauptsächlichsten Nebenflüsse des großen Sangpo-Flusses ist. Man nimmt an, daß der Sangpo mit dem Brahmaputra Assams identisch ist, doch ist das noch nicht erwiesen. Ein großer Steindamm bezeichnet den Weg zu der Stadt: über zahlreiche baufällige Brücken geht er hin und fichrt dann am Staatspalast der Mutter des Lamas vorbei. Von diesem gelangt man rechts zu der„Wilden Eselswiese", die im Frühling im Blumen- schmuck prangt, und links zu einer sandigen Ebene, die„Lustort der Kaufleute Kaschmirs" genannt wird und ihnen zum Lagerplatz dient, wenn sie die Märkte Lhassas besuchen. Wenn man sich dem Haupteingang nähert und eine kreisrunde, um die Stadt herum- führende Straße kreuzt, windet sich der Weg zwischen zwei kleinen Hügeln hindurch. Auf einem liegt der Pota-la, der Palast des großen Lama, auf dem andern der Chanpa oder die ärztliche Schule. Etwas weiter liegt der östliche Wcidcnhain, ein großes, längliches Gehege, das von einer Mauer umschlossen lvird und als„Königlicher Weide- und Tanzplatz" bekannt ist. Jetzt liegen die Gebäude dichter beisammen, rechts das Haus und der Garten des Premierministers, jenseits davon die Residenz des jetzigen Königs. Noch weiter rechts liegt die chinesische Residenz mit ihren Gemüsegärten, Schweineställen, dem Restaurant, dem Theater und den Kasernen für die chinesischen Truppen. Wandert man geradeaus, so komint man zur Kathedrale, die„Das wahre Lhassa oder der Ort der Götter" genannt wird. Nahebei ist das Gefängnis, ein viereckiger Platz zum Auspeitschen der Diebe, und eine chinesische Folterkauimcr. Daneben liegen Läden von Händlern aus Nepal und Bhotan, ein Reismarkt breitet sich aus, über dem eine große Gebetsfahne flattert, ein Leder- und Sattler- bazar schließt sich an, in dem tibetanische Waren verkauft werden. Andre wichtige Gebäude sind noch die„Obere Schule des geheimen Kultes", das Sera Kloster, der berühmte„Ramoche Tempel", der von Tara Doltang im siebenten Jahrhundert errichtet wurde, der Tempel des„Buddhas vom unendlichen Leben", der„Schlangen-Drachen- Tempel", das Paradies oder Tong-Mo-Pa, der Wohnsitz der Eltern des großen Lama. Alle diese verehrten Stätten, die Lhassa zu dem Heiligtum des Buddhismus machen, sind nun den Blicken der Europäer zugänglich, die Mysterien aber, die sie in sich schließen, können auch aus ihren Namen nur dunkel gedeutet werden.— Technisches. — Elektrische Lokomotiven für die Nelv Dorker Centralbahn. Die General Elcktric Company, die bedeutendste Elektricitätsgesellschaft Amerikas, hat jüngst für die New Dorker Centralbahn neue elektrische Lokomotiven geliefert, die mit zu den gewaltigsten im Betrieb befindlichen gehören und auch in konstruktiver Hinsicht weitgehendes Interesse haben. Das Gewicht jeder Lokomotive beträgt nicht weniger als 85, S Tonnen— eine preußische Normal- Schnellzuglokomotive wiegt etwa die Hälfte— bei vollkommen symmetrischer Bauart nach beiden Seiten. Sie be- sitzt vier Triebachsen mit je 1,3 Meter Mittelabstand, sowie an jedem Kopfende eine Laufachse. Die Gesamtlänge zwischen den Puffern beträgt 11,1 Meter. Der Durchmesser der Triebräder ist 1,12 Meter, der der Laufräder 0,915 Meter. Längs- und Qucrrahmen des Untergestelles bestehen aus Gußstahl. Ter obere Teil der Lokomotive hat eine Form erhalten, die dem Winddruck möglichst wenig An- griffsfläche bietet. Der Führerstand gestattet freie Aussicht nach Vcrantwortl. Redakteiw: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Berlag: allen Richtungen hin. Alle Fenster imb Thüren bestehen aus feuer- sicherem Material. Vier Gleichstromserienmotoren von normal je 559 Pferdekräften bei 699 Volt Spannung liefern die Triebkraft für jede Lokomotive. Die Maximalleistung jedes Elektromotors beträgt jedoch ca. 799 Pferdekräfte, so daß die Lokomotive mit der gewaltigen Arbeitsleistung von 2899 Pferdekräften die größten Personenzug- Lokomotiven um das Doppelte übertrifft. Die Motoren besitzen die bemerkenswerte Neuerung, daß die beiden Magnetpole mit den Querrippen des Untergestelles vergossen sind, und die Rahmen des Untergestelles gleichzeitig die Magnctjoche bilden. Die Steuerung erfolgt nach dem bewährten Vielfachsystem der General Elcktric Company, indem auf jeder Lokomotive ein Fahrschalter für jede Fahrt- richtung vorhanden ist, so daß der Führer stets die zu befahrende Strecke übersehen kann. Die Lokomotiven können auch gekuppelt und dann von einem Punkte aus gesteuert werden. Die angestellten Versuche ergaben sowohl bei leichten Zügen mit nur einer, als bei schweren Zügen mit zwei Lokomotiven eine Fahrtgeschwindigkeit von 129 Kilonieter pro Stunde.— („Technische Rundschau".), Humoristisches. — Morgentoilette in der Sommerfrische.„Nicht 'mal einen anständigen Toilettentisch hat man hier— da pfeif' ich auf die ganze Natur!"— — Ueberholt.(Auf dem Oceandampfer.)„Nu Gott, Colnmbus, wissen Se, der hat im ganzen drei Reisen nach Amerika gemacht: ich fahr' jetzt schon das zwölfte Mal ruber!"— — Ein praktischer Artikel. Frau:„Heute ziehst Du aber einen reinen Kragen an, Du machst mir ja den ganzen Kragenschoner schmutzig I"— („Lustige Blätter.") Notizen. —„Die Gräfin von Keck", ein dreiakttger Schwank von Max Schönau, wird im Dezeniber im Berliner Theater die Erstaufführung erleben.— — Zickels neues Lu st spielhaus in der Friedrichstraße wird am 1. Oktober mit einer Vorstellung vor geladenem Publikum eröffnet werden.— — Ein Globus aus dem Jahre 1 692 ist, der„Vossischen Zeitung" zufolge iu der Runipelkammcr eines Landwirts zu Rüd- lingen(Kanton Schaffhausen) gefunden worden. Der Verfertiger des Globus ist der niederländische berühmte Mathematiker, Geograph und Astronom Willen: Jansoon Blaen(1531— 1638), der viele für die da- malige Zeit treffliche Globen angefertigt hat. Die Kugel mißt im Durcbnlesser 24 Centime ter und ist von einem in 369 Grade ein- geteilten niessingenen Meridian umgeben. Der Fund ist für die Geschichte der Globentechnik von hoher Bedeutung.— — Dauer des Holzes in: Erdboden. Versuche mit kleinen, in die Erde gegrabenen Klötzen verschiedener Holzarten er- gaben, nach dem„Prometheus", folgende Resultate: Birke und Espe verwittern in drei Jahren, Weide und Roßkastanie in vier, Ahorn und Rotbuche in fünf, Ulme, Esche, Hagebuche und Pappel in sieben Jahren. Eiche, schottische Fichte, Weymouthkiefcr und Silberfichte verwittern in sieben Jahren. Lärche. Wacholder und amerikanische loeiße Ccder waren nach Ablauf dieser Zeit noch unversehrt. Die Dauerhaftigkeit von gezinnnertem Bauholz, welches vor Feuchtigkeit so geschützt ist, daß es vollkommen trocken erhalten werden kann, er- streckt sich auf beinahe unbegrenzte Zeit.— — Die anonyme Ohrfeige. Der Annoncenteil der „Posener Zeitung" von: 5. d. Mts. enthält folgende komische An- zeige:„Erkannt! Der Herr, der mir Dienstagabend auf dem Wilhelmsplatz, als ich in den Anlagen mit meiner Braut ging, eine Ohrfeige gegeben hat, ist von mir erkannt. Wenn er sich bis Sonnabendabend nicht bei mir einfindet und sich entschuldigt, so werde ich die Sache der Polizei übergeben. Meine Adresse ist ihm bekannt und meine Braut kennt ihn auch, denn er hat sie früher mit Anträgen belästigt und einen Korb bekommen. Deshalb hat er mir auch die Ohrfeige gegeben. Er ist erkannt! W. T."— Vüchereinlauf. — Joseph Dumek:„Unter HabSburgs Doppel- a a r". Roman, Braunschweig. Richard Sattler.— — Robert Niborn:„Sage und Sein vom deutschen Reich". Drama. Leipzig. Curt Wigand.— —„Das nene Magazin". Heft 1—4. � Berlin. Magazin- Verlag, Jacgues Hegner. Preis des Heftes 39 Pf.— —„Der Städtebau." Monatsschrift für die künstlerische Ausgestalwug der Städte mach ihrem wirtschaftlichen, gesundheit- lichen und socialen Grundsätzen. Heft 8. Verlin. Ernst Wasmuth.— — Dr. W. Marshall:„Die Tiere der Qtbt': Heft 33—38. Stuttgart und Leipzig. Deutsche Verlagsanstalt. PxttK des Einzelheftcs 59 Pf.— — M. Hoff mann:„Geographische Länderfib rtf Leipzig, Curt Wigand.—_ Vorwärts Buchdruckcrci u.VerlagsaustaltPaul Singer LcCo.,Berli:rSV�