Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 160. Dienstag, den 16. August. 1904 51 Die flucht. (Nachdruck verboten.) Von K. Bagrynowski. Plötzlich ging die Thür gerönschvoll ouf und Delille, der schon eine geraume Zeit verschwunden war, stürzte ganz bereift herein.„Meine Herren! Der Bezirksvorsteher, sein Adjunkt, der Kommandant, Warlaam Warlamowitfch—• die ganze Stadt— sie kommen— üe m""— sein." „Wie?" „Was?" „Wo?" „Wonach?" „Weshalb?" „Und wo bist Du gewesen?" überschütteten sie ihn mit Fragen und sprangen bestürzt auf. „Was geht's Euch an, wo ich gewesen bin!" airtwortete er würdevoll. Aber, mein Ehrenwort, ich lüge nicht. Tscherewin hat sie dazu veranlaßt! Hört Ihr— da sind sie schon." In der That, das von der Straße hereindringende Pserdegetranipel und Geklingel kam immer näher und brach plötzlich auf dem Hofe ab. Ein Kosakenwachtmeister trat eilig ins Zimmer und flüsterte, die Thür aufhaltend: „Seine Hdchwohtgeboren, der Herr Bezirksvorsteher werden gleich erscheinen!" In dem letzten Augenblick trat eine in Pelze gehüllte Männergestalt auf die Schwelle. Mit einer stolzen Be- wegung ließ er den Pelz auf die bereitgehaltenen Arme des Kosaken gleiten, neigte den Kopf höflich zu einem allgemeinen Gruß und ging unentschlossen auf die im Hintergrunde ver- sammelten Verbannten zu.„Prost Fest!... Sie amüsieren sich, meine Herren?" fragte er lächelnd, indem er die auf deni Tisch stehende Flasche mit einem flüchtigen Blick streifte. Sie boten ihm einen Sitz an, aber niemand antwortete auf seine Frage. Indessen füllte sich die Jurte mit immer neuen Gästen, die sich um den„Jsprawnik" gnippierten. Bald wurde es eng und schwül im Zimmer, ein unangenehmer Geruch von Schnaps, Gewürz und türkischem Tabak machte sich fühlbar, „Nun, meine Herren, wie geht's Ihnen? Wir haben Sie vielleicht gestört? Vielleicht waren wichtige Beratungen im Gange," versuchte der Bezirksvorsteher zu scherzen. Je nüchterner er wurde, desto deutlicher empfand er das Schiefe der Lage, in die er sich hatte hineinlocken lassen. Es war der erste Besuch, den er den Verbannten abstattete. „Meine Herren... Man muß leben und leben lassen," murmelte Tscherewin, der sich, tüchtig betrunken, durch die Gäste drängte.„Sing uns etwas vor, Samuel, Du bist ja unser Singvogel!" Die Verbannten, die eng aneinander gedrückt zusammen- standen, schwiegen noch immer. Die Lage wurde immer peinlicher. „Vielleicht haben Sic sich über etwas zu beklagen— irgend eine Beschwerde?" fragte der Beamte, indem er sich erhob. „Nein, durchaus nicht... Wir hätten's bei der Polizei angezeigt," antwortete Alerandroff schnell. Der Bezirksvorsteher verabschiedete sich von den An- wesenden wieder mit einem leichten Kopfnicken, und als sie seinen Gruß auf dieselbe Weise erwidert hatten, ließ er sich den Pelz reichen. Sie verschwanden, wie sie gekommen waren, lärniend, ungeniert, indem sie die Jurte durch ein allzu weites, allzu großspuriges Oeffnen der Thür erkalten ließen. 4. Wenn der Winterschnee die Erde einhüllt und der Reif die Wälder beeist, sieht das ganze Land um Dschurdschnj aus, als wäre ein Heer von Riesen plötzlich voni Schlafe über- mannt, auf seinem Marsche niedergesunken und hätte sich mit einem einzigen großen Leichentuche bis über die Ohren zu- gedeckt. Und so schlafen sie einen tiefen, lautlosen, regungs- losen Schlaf, schlafen, wenn rosiger Morgeisichem über ihnen schwebt, wenn die sternenhelle Nacht sie umfängt, wenn sie vom grünlich schimmernden Mondesglanz versilbert, oder vom schillernden Sonnenlicht überfluret werden. Winde, Stürme und Wolken streifen nur die Oberfläche des Leichentuches und zeichnen dunkle Flecken darauf. An besonders windstillen-, frostigen Tagen verkündet der leichte Nebel, der von den Thälern und Wäldern aufsteigt, daß doch nicht alles unter dem Schnee tot ist, daß doch etwas dort lebt und atmet. Zu- weilen wälzt sich ein langgezogenes Krachen von Ort zu Ort. das einem-nächtigen Aufatmen oder Aufstöhnen gleicht, und dann zuckt die Erde zusammen, und der Reif fällt von den Bäumen. Das Kesselthal, in dein Dschurdschnj lag, zeichnete sich unter den angrenzenden, mannigfach verschlungenen Ver- tiefungen und Schluchten drirch nichts Besonderes aus. Es war von gezackten Berggipfeln umgeben, die sich weiß und wild und unergründet vom dunklen Himmel abhoben; es war ebenso starr und tot, wie die benachbarten Thäler, und bot wie diese deir Anblick eines weißen Marmorbeckens, dessen fein gemeißelten Rand das Spitzeirgewebe der Wälder bildete. Die benachbarten Höhen schienen es mit einem Ringe zu umgeben, aber dieser hatte in seiner nördlichen und südlichen Seite je eine Lücke-— je eine felsige Schlucht, durch die der reißende Fluß Dschurdschnj herein- und hinausstürzte, indem er zwischen den Bergrücken hindurch dem fernen Ocean zueilte. Ter winzige Kranz, den die fünfzig Häuser des Städtchens darstellten, verschwand in dem weißen Beinhaus fast spurlos, ui-d nur die gelben Striche der schmalen Wege, die alle einer Richtung zustrebten, und die spärlichen Holz- schläge in den Wäldern verkündeten die Nähe der„Wüsten- Hauptstadt"— wie der Stadtschullehrer Dschurdschnj nannte. Um empfinden zu können, daß es diesen Namen wirklich ver- dient, muß man diese Straßen durch diese Wüsten gewandert sein, müß man die Sehnsucht nach einen- Menschenai-tlitz, einer Menschenwohnung kennen gelernt haben. Die Häuser der„Hauptstadt" waren alle erbärmlich, alle in dem häßlichen russisch-jatütischen„Gouvernements"-Stil erbaut. Sie hatten platte Dächer, die Wände bestanden aus Rundhölzern, die mit Lehm und Mist verschmiert waren, die Fenster waren klein, die Thüren niedrig und init rauhen Kuhhäuten beschlagen. In den Höfen befanden sich gewöhn- lich fensterlose, mit Platte,- Dächern versehene Vorrats- kammern, die hier und da mittels eines überdachten Ganges mit dem Hause verbunden waren. So sahen die„Paläste" von Dschurdschnj aus. Unter ihnen glänzte— der kostbarste Topas in der Krone des Städtchens— � das gelbe Haus des Polizeiamtes mit seinen großen Fensterscheiben. Es hatte ein spitzes Dach, ein ganz europäisches Aussehen und stand so einsam in der Mitte eines kleinen Platzes, daß es aussah, als wären die andern Häuser furchtsam vor einer so hoch- ehrenden Nachbarschaft zurückgewichen. Am nächsten wagte sich die Hanptwache heran, und die Mehl- und Salzmagazine der Negierung. Nach Norden und Süden hin zogen sich dann die Häuser der Dschurdschnjer Aristokratie— ein Gemisch von europäischem und jakutischein Stil. An der Südseite des Sees schloß die russische Kirche den Zug, an der Nordseite hingegen die Schenke des reichen Jakuten Tas. Von hier aus bog der Häuserkranz an das gegenüberliegende Ufer ab, wo nur die Hütten der Armen standen. Diese unterschieden sich in nichts von den Jurten der Jakuten: im Sommer er- innerten sie an Misthaufen, im Winter an Schneehügel mit eisigen Fenstern; riesige, hölzerne Rauchfänge, die ewig Ranch und Funken spien, ragten darüber empor. Die Häuserkette war in beiden Vierteln sehr weitläufig: überall sah die Tajga durch: hier und da drängten sich Wald und Sümpfe bis in die Gassen und zwangen dieselben, Kreise zu beschreiben oder im Zickzack weiterzugehen. Es kam vor, daß Hasen aus dem Gebüsch mitten auf die Straße sprangen, oder ein Volk weißer Rebhühner vor dem Vorübergehenden aufflog. Es hieß, daß auch Wölfe und Füchse manchmal bis hierher gerieten, und der Ortspope, der ehrenwerte Akakij Ferapontowitsch, behauptete, einmal sogar einem„ver- steinerten" Mammuttier begegnet zu sein. Alle Verbannten wohnten, Tscherewin ausgenommen, im Armenviertel. Es war eine kalte, frostige Winternacht. Der Himmel war mit Sternen besät, aber unten lagerten sich Nebelschleier über die jErde. Niehorski stand auf dem Dache seiner Hütte unS suchte die Jurte Alexandroffs in dem unter ihm schwebenden Dunste zu erspähen. Aber es war umsonst; unter den abenteuerlichen, verworrenen Linien des milchweißen Nebels, der dunklen, eckigen Flecken der Bauten, der flimmernden Lichter und des blutigen Feuerscheins, der aus den niedrigen Schornsteinen ausstieg, war sie nirgends zu entdecken. Er wollte schon hinabsteigen, als er den Schnee knistern hörte und eine bekannte Gestalt erblickte, die weit ausschreitend über den See marschierte. „He! Herr Jan! Wohin geht die Reise?" rief Niehorski Mit tiefer Stimme. „Ah! Das sind Sie! Ich geh' zu Tas, ein Spielchen zu versuchen! Es ist mir heute gar zu wunderlich ums Herz." „Haben Sie Krassuski nicht gesehen?" „Ja, er sitzt bei mir und thut, als� ob er schusterte. Zlber 's ist nichts los im Geschäft! Bah: würde ich sonst wohl aus- gehen! Aber, sehen Sie, meine Alte kann wenigstens mit ihm zanken, und— er— na, im Grunde genommen, macht er der Majka den Hof." „Hat er nichts gesagt, ist Alexandroff zu Hause?" „Nein, er hat nichts gesagt. Und Sie?— immer noch dasselbe aufm Tapet? Eh... he!'s steht schlimm. Die Eintracht fehlt! Gute Nacht!" „Wie? Wie meinen Sie? Ist was Neues vorgefallen?" Statt jeder Antwort machte Jan eine wegwerfende Hand- Vewcgung und verschwand im Nebel. Niehorski kletterte vom Dache. Einen Augenblick später ging er warm gekleidet über den See und auf ein Haus zu, das dem Polizeiamte gerade gegenüber am andern Ufer stand. Er trat nicht gleich ein, sondern ging sinnend eine Zeitlang auf dem Pfade hin und her. Er spürte nicht, wie kalt es war, hörte nicht, wie durchdringend der Schnee unter seinen Tritten knirschte, merkte nicht, daß seine Kleider ganz steif wurden und sich über und über mit Reif bedeckten. Er grübelte über Alexandroff und ihr gegenseitiges Verhältnis. Er fürchtete, die Lage durch Ueberstürzung zu verschlimmern.... Ah! Dieser Ehrgeiz, ohne den es nie abgehen kann> der überall seine Streiche spielen muß! Giebt es denn keinen Menschen, der davon frei wäre?! Sollte er nicht lieber warten? Es wäre besser, der Eigensinn thäte den ersten Schritt! So weit ich ihn kenne, ist es unmöglich, daß ihn der Fluchtplan nicht interessiere, nicht reize. Es würde ihn tief verletzen, wenn ich ihn umginge. Und doch kommt er nicht! Und die Zeit ist so kurz, und wir haben noch so viel zu thun. Oder will er damit sagen, daß er nicht einverstanden ist? Dann machen wir uns zu dreien auf den Weg: ich, Krassuski und Woronin. Mag kommen, was will!— Er blieb unschlüssig vor Alexandroffs Jurte stehen, denn die Fenster waren dunkel. Er ist nicht da! Wohin könnte er gegangen sein? Höchstens zu Samuel. Oder sitzt er in der Hinterstube? Als er näher kam, sah er. daß das Vorhängeschloß an der Thür fehlte, und drinnen hörte er die taktmäßigen Schritte eines auf- und abgehenden Menschen. „Wer da?" rief eine bekannte Stimme, als er die Thür öffnete. „Ich bin's, Niehorski. Warum sitzest Tu im Dunkeln? Aus Sparsamkeit? Nein, laß sein, mach' kein Licht!" ver- suchte er Alexandroff zu wehren, der ein Zündholz anstrich. Dieser brummte etwas in den Bart und zündete die Kerze an. Dann nahm er die ausgegangene Pfeife aus dem Munde und stopfte sie mit frischem Tabak, den er aus einem auf dem Tische stehenden Kasten nahm. jEr hatte einen kurzen Pelz an und die Pelzmütze auf dem Kopfe, und seine kolossale Gestalt, mit den weit ab- stehenden Ellenbogen erschien bei dieser nichtigen Beschäftigung noch ungelenker. Er schwieg und maß den Gast mit einem kurzen, fragenden Blick. Und als dieser, obgleich er den Pelz schon abgelegt und sich gesetzt hatte, auch nichts sprach, fing der Hausherr wieder an, schweren, regelmäßigen Schrittes im Zimmer auf- und abzugehen, wie es Menschen thun, die sich in langer Gefangenschaft an das Durchmessen eines kleinen Raumes gewöhnt haben. „Nun, ist der Berg zufriedengestellt, da Mohammed zu ihm gekommen ist?" begann Niehorski endlich. Alexandroff blieb stehen und hob die Brauen. „Sag' mal, ist's nicht'ne Schande, daß zwei brave Burschen, zwei Genossen, die irgendwo ain Ende der Welt fitzen müssen, ihre Beziehungen aufgeben, ihre Freundschaft erkalten lassen, und das alles um einer Meinungsverschieden- heit willen?" fuhr Niehorski mit sanfter Stimme fort. „Oder hast Du vielleicht ein Vademekum, dem Tu die un- 'trügliche Lösung jeder socialen Frage entnehmen kannst? Streben wir nicht im Grunde genommen demselben Ziele nach? Doch nein: es muß so sein,— muß bis auf das Tüpfelchen über dem i so sein, immer und überall so sein, wie Du es. meinst." „Das ist nicht wahr!" antwortete Alexaudroff mürrisch. „Du willst also nicht zugeben, daß Du diese ganze Zeit über böse warst? Warum bist Du denn seit vierzehn Tagen nicht bei mir gewesen?" „Du bist ja auch nicht gekommen!" Das ist was andres. Ich bin auch früher nicht ge- kommen. Du hast es selbst oft gesagt, daß man hier nicht frei von der Leber weg reden kann, denn entweder ist Mußja da oder Krassuski hämmert. Daher hat es sich von selbst gemacht, daß Tu mich aufsuchtest. Als Du nun einmal nicht kamst und Dich auch am zweiten Tage nicht sehen ließest, wußte ich wohl, daß es Dich nicht nach mir verlangt. Und wie bist Du in den Feiertagen mit mir umgegangen? Wahrhaftig. Du hattest mehr Zärtlichkeit für— Pjetroff übrig!" (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) IVloäerne GroKmüllerei. Das Wesen der Müllerei besteht in der Entfernung der für die Ernährung des Menschen unbrauchbaren Schalcnbestandteile des Ge- trcidekorns und in der Zerkleinerung der das Innere des Korns aus- stillenden Stärke nebst der sie umgebenden Kleberschicht. Außerdem muß auch der Keim aus dem Korn möglichst entfernt werden, da derselbe die Haltbarkeit des Mehls beeinträchtigt. Es kommt aber in der Müllerei durchaus nicht darauf an, das Gctreidekorn lediglich zu Staub zu zerkleinern, sondern nur darauf, die nutzlosen Be- standteile des kompliziert aufgebauten und von einer Reihe ver- fchiedencr Hüllen umgebenen Korns von den für die menschliche Er- nährung wichtigen zu trennen und letzteren ein für ihre spätere Weiterverarbeitung geeignete Form zu geben. Das Produkt dieser Umwandlung, das Mehl, ist aber nicht zur Staubform geriebenes Getreide, wie der Laie leicht annehmen mag, sondern es besteht aus kleinen, möglichst von allen Unreinheiten gesäuberten scharf- kantigen Teilchen Stärke und Kleber von möglichst gleicher Größe. Die Aufgabe, aus dem Getreidekorn ein Mehl herzustellen, welches diesen Bedingungen genügt, wird nun in der modernen Müllerei in folgender Weise gelöst. Das zunächst von den gröbste» Verunreinigungen, Steinen usw. gereinigte Getreide gelangt in Waggon- und Schiffladungen zur Mühle. Wegen der Frachtcrsparnis ist es erklärlicherweise sehr vorteilhaft, die Mühle an einem schiffbaren Wasserlaufe anzulegen, auch wenn die Ausnutzung einer Wasserkraft an demselben nicht möglich ist. Aus den Schiffen wird das Getreide dann mittels Becherwerken automatisch herausgeholt und durch Transportbänder, Schnecken oder andre Hilfsmittel in die Vorratsspeicher geschafft, in denen es bis zur Verarbeitung lagert; wenn erforderlich, wird zunächst noch eine Reinigung vorgenommen; eventuell wird das Getreide, auch wenn es auf dem Transport feucht geworden sein sollte, getrocknet oder zur Erzielung eines gleichmäßigen Mehles mit andern Sorten ge- mischt. Selbstverständlich wird das Getreide vor der Einlagerung auch auf automatisch wirkenden Wagen gewogen, um so eine Kontrolle über die angelieferte Menge zu gewinnen. Für den deutschen Leser wird es von besonderem Interesse sein, den Arbeitsgang in einer der großen amerikanischen Walzmühlen zu verfolgen. Wir wählen zu diesem Zwecke die große Mühle der Washburn-Crosby-Company in Minneapolis in Minnesota, welche eine Tagesproduktion von 30 000 Faß Mehl besitzt und täglich nicht weniger als 125 000 Bushcls(etwa 2700 Tonnen) Weizen vermahlt. Dies entspricht einer bebauten Fläche von etwa 40 Ouadratkilo- meiern. Der Weizen wird hier aus den Lagcrsilos zunächst in Separier- Maschinen geführt, welche aus mehreren übereinander liegenden Sieben aus gelochtem Blech von verschiedener Lochweite bestehen. Die obersten Siebe lassen den Weizen durch, während die größeren Unkrautsamcn, sowie die sonst nicht in das Mahlgut gehörenden Körner— Hafer z. B.— über dieselben hinweggleiten, für sich auf- gefangen und beseitigt werden. Die unteren Siebe dagegen sind sa eng gelocht, daß die Weizcnkörner selbst nicht durchfallen können und nur die kleinen Unkrautsamcn durchschlüpfen. Nachdem auf diese Weise die den Weizenkörncrn in der Form ähnlichen Fremdbcstand- teile— die übrigen Verunreinigungen, größere Samen, Holz usw., müssen schon vorher fortgeschafft sein— hcrausgesicbt sind, wird das Mahlgetreide in eine Entschälungsmaschine gebracht. Diese besteht im Prinzip aus einem reibblechartig durchlochten Reibmantcl, inner- halb dessen ein mit Flügeln und Bürsten versehenes System um eine vertikale Achse rotiert. Dadurch wird das oben eingefüllte Getreide an den Reibchlinder geschleudert und hier durch die rotieren- den Bürsten seiner äußeren dünnen Schale und des Staubcs cnt- kleidet. Hierauf wird der Weizen, um ihm eine gleichmäßige Temperatur zu verleihen, durch ein in verschiedenartiger Weise durchgebildetes Heizsystcm geführt. Nachdem das Getreide hierin über Dampf- Heizschlangen erwärmt ist, wird eS in Tempcrierbchälter gebracht, in denen sich die etwa noch immer ungleiche Wärme in der ganzen Getreidemasse gleichmäßig verteilt. Wenn dies erreicht ist, beginnt der eigentliche Mahlprozeß, der in den modernen Grotzmühlen fast ausschließlich mit Hilfe von, Walzenstühlen ausgeführt wird. Durch den Ersatz der Mühlsteine durch die Walzen ist nicht nur die Produktionsfähigkeit der Mühlen erheblich gesteigert worden, sondern es kann auch das Mahlen selbst in rationeller Weise durchgeführt werden. Bei den Walzen ist es ganz gut möglich, die Zerkleinerung des Korns so durchzuführen, daß die Schale in großen Stücken zusammenhängend bleibt— dies ist für die spätere Bearbeitung des Mahlgutes von größter Wichtig- kcit—, während dies bei Vermahlung mittels Mühlsteinen mit Schwierigkeiten verbunden ist. Hier wird die Schale leicht zu kleinen Stückchen zerrieben, die dann nachher sehr schwer von den Nähr- bestandtcilen des Mehlcs zu trennen sind. Bei Anwendung von Walzen zum Zwecke des Vermahlens ist dieser Nachteil nicht vor- Händen. Ein in der Regel als Doppelsystem ausgeführter Walzenstuhl besteht im wesentlichen aus zwei Paaren gehärteter Stahlwalzen, die auf der Oberfläche mit einer scharfkantigen Riffelung versehen sind. Diese Walzen lassen sich so gegen einander einstellen, daß der Zwischenraum zwischen ihnen eine ganz bestimmte Größe hat. Die Umlaufsgeschwindigkeit der Walzen ist um einen gewissen Betrag verschieden, so daß das Getreide, wenn es in den engen Zwischenraum zwischen den Walzen geführt wird, von den Walzen mitgenommen, zerquetscht und in einzelne Stücke zerrieben wird, ohne jedoch zu Staub zermahlen zu werden. Das Getreide wird so zwischen die Walzen geführt, daß es zuerst von der langsamer laufenden Walze mitgenommen und dann später erst von der schneller laufenden er- faßt und zerkleinert wird. Nach dieser Zerkleinerung wird das Material auf Sichtsiebe gebracht, durch die die feineren Teile von den gröberen, meist mehr Schale enthaltenden getrennt werden. Letztere werden nochmals zwischen� Walzen gemahlen und dann der ganze Vorgang, Mahlen und Sichten, im ganzen fünfmal wiederholt. Die durch das Sichten gewonnenen Mehltcile, die sogenannten Griese, werden hierauf ihrerseits in Plansichtcrn oder Trommeln nach der Größe der einzelnen Teilchen in verschiedene Klassen getrennt; der Wert der dadurch gewonnenen Sorten ist genau der gleiche, der Unterschied besteht nur in der Größe der einzelnen Teilchen. Jede dieser Griessorten wird nunmehr in eine sogenannte Griesputz- Maschine gebracht, die aus einer Reihe mit Seidcngaze überzogener Siebe besteht, durch welche Luft hindurchgcsaugt wird. Hierdurch werden die feinen Staubteile sämtlich mitgerissen und in einen Staubsammler geführt. Letzterer besteht aus einem röhrenförmigen Tuch, durch dessen Gewebe die Luft nach außen tritt, während sich der Staub an den Innenwänden ansetzt und von hier durch Abklopfen entfernt wird. Die in den Griese» noch enthaltenen Klcieteilchen werden ebenfalls, da sie spezifisch leichter sind als die Griese, von der Luft mit fortgeführt und in besonderen Behältern aufgefangen. Die Griese selbst werden durch die im Innern der mit der Seidcngaze bespannten Putztrommcln rotierenden Bürsten durch die Seidensicbe durchgebürstet und gehen in eine zweite Maschine, in der das Ver- fahren wiederholt wird. Auf diese Weise wird jede Greissorte für sich völlig gereinigt. Ist dies geschehen, so werden die Griese in Feinmahlwalzen soweit weiter vermählen, daß die einzelnen Partikel- chen die für das Handelsmehl erforderliche Größe erreicht haben. Allzu weit darf dieses Zerkleinern jedoch auch nicht getrieben werden, da sich dann das Mehl nicht hält und stockig wird. Ob die richtige Feinheit erreicht ist, wird vermittelst der mit feinster Scidengaze überzogenen Siebtrommeln, in die das Mehl nun gebracht wird, festgestellt. Die zu groben Teile gehen nochmals zu den Feinwalzen zurück, während die feinen Teile in die Vorratsbchälter geschafft und zum Versand gebracht werden. In den Fcinsicbtrommeln be- wegen sich ebenfalls Bürsten, welche das Mehl durch die Gazcsiebe durchbürsten, und ferner rotieren im Innern Schlagleistcnsysteme, welche das Mehl gegen die Gazcwand schleudern. Jede Gricssorte wird bis dahin für sich gesondert bearbeitet. Die besten und reinsten Mchlsortcn erhält nian aus den gröbsten Griese», da diese die wenigsten Kleietcile enthalten. Da es nun wesentlich darauf ankommt, die im Handel üblichen Mehlsortcn zu erzeugen, muß schließlich in der Regel, falls nicht gerade zufällig das aus einem Gries erzeugte Mehl genau der Handelsware entspricht, eine Mischung verschiedener Sorten vorgenommen werden. Zu diesem Zwecke werden schon während der Verarbeitung fortdauernd Proben genommen und sowohl in trockenem wie in feuchtem Zustande mit Normalproben verglichen, sowie auch in kleinen, elektrisch ge- heizten Oefen Backprobcn gemacht. Dadurch ist cS möglich, schon während der Vermahlung ein fortlaufendes Bild von der Güte des einzelnen Erzeugnisses zu erhalten und danach das zur Herstellung von Marktware nötige Mischungsverhältnis zu bestimmen. Die Qualität wird dabei immer etwas über der aekordcrten gehalten, damit nicht zufällige Mischfehler sofort ein Mehl ergeben, das den Oualitätsbedingungcn nicht entspricht. Hiermit ist die eigentliche Fabrikation beendet und es beginnen die Vcrpackungs- und Versandarbeiten. Der Versand erfolgt ent- weder in Fässern von 99 Kilogramm Inhalt oder in Säcken, deren Größe bis zu 13« Kilogramm Fassung hinaufgeht. Die Füllung erfolgt aus den Mchlbehältcrn heraus automatisch. Etwaige Un- gleichheiten in dem Gewicht der Füllung, die sich bei der sofort nachher erfolgenden Wägung herausstellen, werden durch Nachfüllen resp. Abnehmen mit einer Handschaufel abgeglichen. Nach dem Ver- schließen und Zeichnen der Fässer werden dieselben sofort in die Waggons verladen, welche auf einem Anschlutzgeleise in die Mühle hineingefahren werden. Jeder dieser amerikanischen Wagen saßt etwa 20« bis 275 Faß, d. h. etwa 20 bis 27 Tonnen Bruttolast. Im letzten Jahre betrug der Gesamtversand der Washburn-Crosby. Company von ihrer Mühle in Minneapolis allein, dem„Scientific American" zufolge, etwa 6 00««v« Faß, von denen ein großer Teil exportiert wurde. Für den Export erfolgt die Verpackung in Säcken, da diese sich bequemer transportieren und unterbringen lassen. Die Säcke werden ebenfalls automatisch gefüllt, gewogen, sodann mit einer Specialmaschine zugenäht und mit Hilfe kleiner Transportwagen in die Waggons verladen.— W. Stengl. Kleines feuilleton» k. Alte Vorläufer des modernen Plakats. Wenn irgend etwas. so erscheint uns das Plakat als eine Errungenschaft unsrer Zeit, und doch lassen sich seine Vorläufer bis weit ins Altertum verfolgen. Ueber diese noch so wenig erforschte Geschichte de« Plakats giebt Walter von zur Westen in seinem unlängst erschienenen Buch „Reklamekunst" einige Aufklärung. Der Gedanke, der dem Anschlag» Wesen zu Grunde liegt, tritt schon in der Veröffentlichung von Ge- setzen auf Tafeln\m Altertum hervor; die Taselgesetze, die Anfänge des römischen Rechtes, waren doch im Grunde Plakate. indem auf ihnen gewisse Mitteilungen dem gesamten Publikum zugänglich gemacht wurden. Auch die„Alba", die Weißen Holz» tafeln, aus denen der Prätor beim Antritt seines Amtes sein Programm darlegte, hatten mit den Anschlägen unsrer Litfaßsäulen vieles gemein. Zur römischen Kaiserzeit aber gab es ein auS» gedehntes, schon ganz modernes Reklamewesen, das uns durch die Ausgrabungen von Pompeji und Herculanum wieder vor Augen geführt worden ist. Solche Theateranzeigen, GasthauSempfehlungen und andre Anpreisungen waren meist mit roter Farbe an die Häuser angeschrieben; doch in den Bädern, wo viele Leute zusammenkamen, waren die Wandfelder extra für Reklamebilder reserviert, die von den Schriftmalern ausgeziert wurden. Einer der beliebtesten mstyr diesen Ahnen unsrer modernen Plakatkünstler war Aemilius Celatz, der unter die kunstvolle Anzeige eines Gladiatorenkampfes im Ge» fühle seiner Bedeutung schneb:„Dies" schrieb Aemilius Celer ein» sam beim Mondenschein." Sehr oft standen solche Inschriften an Stelle unsrer heutigen Annoncen, und auch heute liest man in jeder Zeitung ganz ähnlich lautende Anzeigen wie diese:„Der, dem am 25. No» vember eine Stute mit einem kleinen Packsattel entlaufen ist. nrag sich bei A. Decius inelden." Auch Wirtshausschilder fanden sich schon bei den alten Römern, und hier wurde auch durch eine bildliche Darstellung das Anziehende des Plakates noch erhöht. Auf dem Schilde des GasthauieL„Zum Elefanten", das sich als„neurcnoviert und mit allen Bequemlichkeiten der Zeit ausgestattet" den verehrten Gästen empfiehlt, war ein Elefant abgemalt, den ein Mann führte. Und auf Firmenschildern hat sich auch hauptsächlich der künstlerische Plakatschnmck bis in unsre Zeit beschränkt. Sehr zahlreich müssen auch schon im alten Rom die Plakate der Buchhändler gewesen sein; und als dann am Anfange der Renaissance die Welt sich dem Buche wieder mehr zuwandte, waren Buchanzeigen die ersten Re» klanien, die man druckte. Durch das ganze Mittelalter herrschte die lebende Reklame in Gestalt des Ausrufers oder Heroldes, der in prächtiger Weise ausstaffiert war, und in dessen buntem Anzug sich doch ein künstlerisches Schmuckbedürfnis neben der Sucht zum Auffallenden bemerkbar machte. Auf Wirtshaus- und Finnen» schildern konnte sich eine zuerst künstlerische Auffassung des Plakates entfalten, und zwei Maler, die die größten ihrer Zeit waren, haben solche Werke geschaffen. Holbein in seinem Aushängeschild eines Schulmeisters, das sich im Museum zu Basel befindet, schildert die Freuden und Leiden eines Lehrers, wie er in niederer Stube, in die durch die Butzenscheiben doch ein freundliches Licht eindringt, den Kleinen das Abc beibringt und den Großen ihre Korrespondenz be- sorgt. Und WatteauS letztes Gemälde, das Firmenschild für seinen Freund, den Modehändler Gersaint, führt mit all' der feinen Anmut seines Pinsels in die elegante Welt der zarten Roben und schönen Frauen ein. Doch waren solche Werke in der Zeit von der Renaissance bis zum Rokoko noch vereinzelt. Theateranzeigen. phantasttsch ausge>chmückte Plakate von Akrobaten und Seiltänzern waren am häufigsten. Auf der Ankündigung einer Meisterfingschule vom Ende des 16. Jahrhunderts sieht man das Bildnis des alten Hans Sachs. Auch die Werbe-Offiziere suchten durch Affichen, auf denen Soldaten in bunter Uniform prangten, junge Burschen an- zulocken. Eine wirkliche Verbreitung fand das Plakat erst zur Zeit des großen kommerziellen Ausschwunges und der damit eng ver- bundenen Schwindelunternehmungen am Anfang des 18. Jahr» Hunderts. Nun wurde auch das Anschlagen von Reklame» Plakaten sehr üblich, ja es wurde fast zu einer Plage. Ein' satirisches Bild von damals zeigt einen Ausrufer auS der guten alten Zeit, der betrübt und stumm davonschleicht, während ein Zettelankleber große Plakate an die Mauern heftet, darunter steht: „Heut, wo man alles an den Wänden anschlägt, macht auch bekannt, daß auch die Henne Eier legt." Auch die Geschäftskarten, durch die sich die Kaufleute ihren Kunden in die Erinnerung rufen, wie eS ja auch heute noch üblich ist, waren aufs Feinste gestochen und von den großen Künstlern deS Rokoko sehr schön geschmückt. So em- pfiehlt sich z. B. ein Zahnarzt mit einem allerliebsten Kupfer Marilliers, auf dem niedliche kleine Putten auf die netteste Weise von der Welt dieses schmerzhafte Geschäft besorgen. So blickt also das Plakat auf eine lange Reihe von Vorgängern zurück, wenn auch seine eigentliche künstlerische Entwicklung erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begonnen hat.— — Ucber die masurische Sprache veröffentlicht O. Gerß in den „Mitteilungen der Litterarischen Gesellschaft Masovia" einen Aufsatz, deni der„Globus" einige interessante Angaben entnimmt. Das heutige Ma surisch ist dieselbe Sprache, die im 14. und 15. Jahr- hundert die niederen Stände in den östlich»nid südlich vom heutigen Ostpreußen gelegenen Teilen des Königreichs Polen gesprochen haben. Auch die südlich und südwestlich von dem heutigen Ost- Preußen gelegenen Teile Polens hatten damals in den unteren Ständen dieselbe Sprache, mit den geringen Unterschieden unver- meidlicher Provinzialisnien. Nur in der Aussprache des Polnischen differierten Osten und Westen, und diese Differenz macht sich bis' heute geltend, wobei die Grenze den Ortelsburger Kreis schneidet. Die Hauptdifferenz betrifft nach Gerß die Aussprache des sz und cz: im nordöstlichen Masuren spricht man es wie das scharfe s und das scharfe z aus, im übrigen Masuren wie sch und tsch. Das z wird ferner im nordöstlichen Masuren wie ein weiches s, im Südwesten wie ein weiches sch gesprochen, dieses in lieber- einstiminung mit der Aussprache der gebildeten Polen. Endlich bildet noch die Aussprache des 1 eine Differenz, indem der nordöstliche Masur nicht im stände ist. diesen Konsonanten richtig auszusprechen. Jede Abweichung, jede eigentümliche Betonung wird auf das pein- lichste von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt. und so hielt bei fast gänzlichem Maugel an Litteratur die mündliche Tradition seit der Einwanderung, also 590 Jahre lang, die Sprache des Mittel- alters unverändert aufrecht. Nur mußte bei dem Mangel an Weiterbildung und an Litteratur beim Fortschreiten der Kultur die deutsche Sprache, als die offizielle Sprache der Landesregierung, aushelfend eintreten, und so kamen viele deutsche Wörter, die mit polnischen Endungen versehen wurden, in die masurische Umgangs- spräche hinein. Daß diese jetzt überhaupt noch als polnisch erkenn- bar ist, verdankt sie lediglich der polnischen Bibelübersetzung und dem polnischen Kirchengesangbuch sowie einer kleinen Zahl polnischer Andachts- und Predigtbücher aus den: 16. und 17. Jahrhundert, meist Uebersetzungen aus dem Deutschen. Diese Litteratur ist durchweg in der Volkssprache des Mittelalters geschrieben, die bei den heutigen gebildeten Polen natürlich als gänzlich veraltet und minderwertig gilt, die unberührt geblieben ist von der Fortbildung des Polnischen im Königreich Polen durch eine reiche Litteratur und große Dichter.— Kulturgeschichtliches. — Das ostfriesische Deichrecht. Ein besonderes oft- friesisches Landrecht bezog sich auf die Deichlast. Das ganze weite ostfriesische Marschland verdanken wir dem Meere, dem es zum großen Teil erst künstlich durch Menschenhand abgewonnen werden mußte, und es bedurfte eines dauernden sorgfältigen Schutzes gegen immer neuen Flutenandrang. Zur Entschädigung für diese schwere Deichlast war Ostfriesland in der frühesten Zeit aller Verpflichtungen zur Heeresfolge enthoben, doch nahm dies im Mittelalter ein Ende. Seit dem Jahre 1521 hatten die Ostfricsen acht Mann zu Roß und 45 zu Fuß zu stellen, fiir die jedoch meist eine Ab- lösnng gezahlt wurde: von einem Besitztum im Werte von hundert Gulden ein halber Gulden, von jedem Grase Landes ein Schaf, das damals eine übliche Rechnungseinheit bildete. Nach dem alten Deichrecht, das, zu den Zeiten der Häuptlinge aufgesetzt, der Reihe nach durch die Grafen Ulrich, Theda, Edzard, Enno Johann und die Gräfin Anna bestätigt wurde, wurden alljährlich sechs Deich- schauungen gehalten, um St. Petri<18. Januar), um St. Gregorii (12. März), um St. Georgii<23. April) spätestens gegen den 11. Mai, weil da die Heuerleute abzogen und jeder von ihnen gehalten war, den Deich so gut wieder abzugeben, wie er ihn übernommen hatte. Die vierte Schau war zwischen Pfingsten und St. Bitii<15. Juni) abzuhalten, damit die Deiche von da an gegen den Winter nn: so besser begrasen könnten, und niemand durfte die Sense zum Mähen anschlagen, bevor er seinen Deich völlig instand gesetzt hatte. Die letzten Deichschauungen fanden um Batholoinäi <24. August) und um Martini(10. November) statt. Wer nicht im stände war, seinen Deich zu halten, sollte mit den Deichrichtern und der ganzen Gemeinde auf den Deich gehen, eine Heugabel darauf setzen, drei Rasen mit dem Spaten ausgraben und dann schwören, daß er den Deich nicht mehr halten könne. Fand sich unter seinen Verwandten keiner, der zugleich seine Habe und die Deichpflicht über- nehmen wollte, so sollte es die Obrigkeit thun, unter die er gehörte, damit den gemeinen Friesen kein Schaden daraus erwachse. Jede der erwähnten Bestätigungen dieses alten Deichrechts beginnt mit der Klage, daß die Gefahr der wilden Seewässer in stetem Wachsen ' sei, daß die Inseln kleiner würden und die Meeresarme zwischen ihnen tiefer und breiter. In allen Verordnungen gedachte man auch der Rechte der Deichrichtcr, deren jedes Kirchspiel einen haben sollte. Vor ihnen galt kein Ansehen der Person: sie durften sogar aus den Aemtern und adeligen Herrlichkeiten die Kühe der Säumigen pfänden lassen, ohne die Junker und Anttslcute darum zu fragen.— („Kölnische Zeitung".) Aus dem Tierleben. — Das Sinnesleben der Tiere. Die Bewegungen, durch die ein Tier eine ihm schädliche Einwirkung flicht, oder einen Schlupf- Winkel aufsucht, oder einen Nahrungskörper ergreift, finden nach G. Bahn fast immer statt auf Grund der Erregung mehrerer Sinne. Ein Röhrenwurm z. B., der bei der Annäherung eines Palaemon- Krebses sich in seine Röhre zurückzieht, spürt erstens mit dem vorderen Teile seines Körpers die Bewegung des Wassers! er bemerkt ferner den Schatten seines Feindes und fühlt diesen letzteren endlich mit den Tentakeln. Diese drei Reize haben das Zurückziehen des Wurmes zur Folge. Doch genügen, um dieselbe Wirkung auszulösen, bereits der an erster und zweiter Stelle genannte Reiz i ja, selbst unter den: bloßen Ein- fluß des leisesten Schattens ziehen sich die Tiere bereits in ihr Gehäuse zurück. Wenn ferner eine Strandschnecke(lätoriua) bei der Flut sich einen Schlupfwinkel in dem Gefelse sucht, so bemerkt sie erstens den Wellenaudrang des steigenden Meeres; sie folgt zweitens dem Schatten, den die Felsen werfen, und sucht sich drittens auf dem beschatteten Gestein eine Zufluchtsstätte. Auch hier werden also mehrere Sinneswahrnehmnngen ausgelöst! auch hier aber genügt, um denselben Erfolg zu erzielen, ein einziger Reiz, nämlich die Be- schattung. Eine Iltorma, die von der Seite des offenen Meeres her künstlich beschattet tvird, folgt diesem Reize und geht im Wasser zu Grunde. Man findet eine derartige, von dem Objekt selbst unabhängige Perception der Eigenschaften eines Objektes auch bei höheren Tieren und selbst bei Kindern. Ein Kind bezeichnet oft genug zwei verschiedene Dinge, die eine gleiche Eigenschaft haben, mit demselben Worte. Gewisse Psychologen haben aus diesen Er- scheinungen ein Abstrakttonsvermögen nachzuweisen versucht. So wenig man aber auf Grund obiger Thatsachen annehmen darf, der Röhrenwurm oder die Ditorina abstrahiere, so wenig darf man dieselbe Schlußfolgerung bei den analogen Aeußernngen der Kindes- seele ziehen.—(„Prometheus".) Humoristisches. — Erkennungszeichen. A.:„Ob die Touristen dort an dem Tisch wohl Berliner sind?" B.: So sprich doch einfach in ihrer Hörweite das Wort„Denk- mal!" aus! wenn sie dann nervös zusammenschrecken s i n d' s Berliner." — Aus Tirol. War's denn voll gestern in der Versamm- lung?" „Ja, Kropf an Kropf standen s'".— — Vor dem S tratzburger Münster.„Warum mag der eine Turm nicht vollendet sein?—" „Wahrscheinlich find damals die Bankdirektoren schon vor der Vollendung eingesperrt worden!"—(„Jugend".) Notizen. o. E i n e Statistik der amerikanischen Zeitungen Erstaunlich groß ist die Zahl der amerikanischen Zeitungen und Zeit- schriften; sie beträgt 15 420 periodisch erscheinende Journale, die in einer Zahl von 30 165 200 Nummern umgesetzt werden. Davon ent- fallen auf die wöchentlich erscheinenden Zeitschriften 17 946 250 Nummern, auf die monatlich erscheinenden 6 058 250, ans die täglich erscheinenden 4 772 500, auf die halbinonatlichen 796 750, auf die zweimal wöchentlich erscheinenden 224 000, ans die Vierteljahrs- Zeitschriften 193 250 Nummern. 13 unter diesen Publikattonen haben eine Auflage von mehr als 150 000 Exemplaren. 12 von mehr als 100 000 Exemplaren■, unter diesen 25 weitverbreitetsten Blättern sind 13 wöchentlich, 7 monatlich, 4 täglich und eine halbmonatlich er- scheinende.— — Starke Nerven. Die amerikanische Schauspielerin Leslie Carter hat in drei Jahren die Titelrolle in dem Schau- spiel„Du Barry" 1118 mal gespielt.— — Felix M o t t l wird den größten Teil der Wiener philharmonischen Konzerte in der Wintersaison 1904/1903 dirigieren.— — Die Stereotypie ist im Jahre 1804 vom Grafen Stanhope erfunden worden, der auf den Abdruck des Lettern- sntzes in Gips verfiel. 25 Jahre später nahm der Franzose G e n o u x statt Gips Papierbrei.— — E i n neuer Sprudel. Unweit von Andernach, auk einer Rheinhalbinsel, ist es vor kurzen: gelungen, einen neuen Sprudel zu erbohren, der viermal an: Tage in regelmäßigen Zwischenräumen etwa 30 Meter hoch springt und ein stark kohlen- säurehaltiges Wasser liefert.— — Die Preise für Elfenbein sind in den letzten Wochen außerordentlich gestiegen. Der höchste Preis, der neuerdings für Stücke gezahlt wurde, die sich besouders für Billardbälle und der- gleichen eignen, war 117 Pfund Sterling(2340 M.) gegen 92,10 Pfund Sterling im vorigen Jahre.— — Amtliche S t i l b I ii t e. Ein badischer Gendarm berichtete an das Amtsgericht in L. über ein Vergehen gegen die Gewerbe- Ordnung(unbefugter Handel mit Flaschenbier). In den: Bericht findet sich der Satz:„Unter dem Schleier des Flaschenbier« Trinkens treibt die Beschuldigte jedoch die Unsittlichkeit; ihr Man« ist aber nicht als eifriger Vorkämpfer gegen die Unsittlichkeit be» kennt!"— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo„Berlin S W.