Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 162. Donnerstag, den 18. August. 1904 (Nachdruck verboten.) 7t Die flucht. Von K. B a g r y n o w s k i. Woronin überlegte lange. „Nein, oder vielmehr...'s ist nichts vorgefallen— aber was meinst Du, wenn wir zum Beispiel— ein Luftschiff!..." „Ein Luftschiff! Prachtvoll! Aber komm herein, hier ist's zu kalt." „Die Bekleidung könnte man statt aus Taffet aus Kattun anfertigen, das mit einer wasserdichten Lösung inrprägniert würde, mit Wasserglas oder in Alaun ausgekochter Seife... Ihn Gas zu erhalten, könnten wir Holzkohlen in Retorten aus Eisenblech erhitzen. Ich habe schon mit Krassuski darüber gesprochen: er findet keine Schwierigkeiten dabei. Wir habcn's ja nicht nötig, hoch zu steigen, lind wie würden wir fliegen, gelt? Das ist doch viel angenehmer! Auf in die Luft ist er und... Pfeif ihm nach! Wir würden die Dschurdschnjaner ihre Mäuler aufsperren! Fliegen würden wir, was?" „Ho! ho! und wie!" stimmte ihm Niehorski fröhlich bei. Tie Freunde traten in die Stube, und in dieser Nacht schien noch lange Licht aus ihrem Fenster. 5. Der Jsprawnik hörte schweigend zu und fuhr mit dem Rasiermesser vorsichtig über seine rauhe Wange. Von Zeit zu Zeit half er sich mit der Zunge nach, indem er die wider- strebenden Stellen vorschob: zuweilen fastte er sich an seine große Nase und bog sie zur Seite. Er schien ganz in seine Beschäftigung vertieft, aber trotzdem ruhte sein Auge mit Vergnügen auf dem langgestreckten Spiegelbild seines Burschen, der, das Handtuch über der Schulter, hinter ihm stand, und auf der zottigen Gestalt Muszjas, der weiter ab auf einem Stuhl saß. Ter Franzose redete ohne Unterlaß und illustrierte seine Erzählung nnt dramatischen Geberden. Ter rote Schein, der von der purplirroten Tapete des Schlaf- zimniers, der amarantenen Bettdecke des Jsprawniks und den schweren, kirschroten Gardinen am Fenster aus ging, tarichte die Anwesenden in ein gchcinmisvolles Licht und stimmte den„Distriktschef" sehr gemütlich. Er hatte eine Vorliebe für rote Farben, denn wenn er sie um sich sah, fühlte er sich ein wenig„General", obgleich er feinem Range nach kaum Hauptmann war. Das war auch der natürlich nicht zugegebene Grund, weshalb er seinen Bucharaschlafrock mit den zinnoberroten Aufschlägen gern so lange wie möglich an- behielt. Ein angenehmer Traum, der rote Nebel und die Er- � Zählungen Mißjas hatten ihn sehr fröhlich gestimmt. „Wer will heiraten?" fragte er unvermittelt und legte das Rasiermesser nieder. Mußja schwieg, und riß den Mund zu einem erstaunten Lächeln auf. „Das Hab' ich ja gar nicht gesagt. Ich Hab' nur gesagt, ich müßte ausziehen, ich hätte in der ganzen Stadt herum- gesucht und niemand wolle mich aufnehmen. Und da ich doch bei der Kälte nicht auf der Straße wohnen kann, so..." „Aber wie komnit das? Das inuß doch einen Gmnd haben? Ich weiß nur zu gut, mein Herr Mußja, daß bei Ihren Landsleuten immer alles mit den grauen zusammen- hängt. Cberebe� In komme," fügte er mit haarsträubendem ?lccent hinzu. Das Gesicht des Verbannten wurde wieder von einem inühsam unterdrückten, zufriedenen Lächeln aufgehellt. „Sehen Sie, Krassuski richtet sich die Schmiede in Niehorskis Jurte ein, Niehorski zieht zu Alexandroff. Und da Niehorski mich nicht leiden kann— weshalb weiß ich selbst nicht, also—" „Aha! So ist die Geschichte!" sagte der Beamte gedehnt. „Aber wie kann ich Ihnen helfen? Ich kann den Ehemännern doch nicht verbieten, Angst vor Ihnen zu haben. Sie müßten denn gerade griechisch-katholisch werden und ins Kloster gehen... Uebrigens, wissen Sie was? Ich Hab' da einen Einfall! Gehen Sie zum Doktor Krasnopjuroff. Er hat eine hübsche Frau... dort wird's Ihnen gut gehen. Sagen Sie, ich Hütt' es so angeordnet. Ausgezeichnet! Vortrefflich! Ich will Ihnen gleich einen Kosaken mitgeben, der wird Ihnen eine Wohnung ausfindig machen. Aber Sie versprechen mir, vor allem zuin Doktor zu gehen. Immer los— geradenwegs ins Schlafzimmer... Sagen Sie, ich hätt' Ihnen gerade dies Zimmer bestimmt, es sei eine Beschlagnahme von Staats wegen... Suchen Sie so viel wie möglich zu erblicken, und dann werden Sie mir davon erzählen, ja? Nur ohne Furcht! Geradenwegs ins Schlafzimmer. Wanjka!" rief er laut dem Burschen zu—„lauf' zur Wache und schick' mir gleich den Goliath her!" Mußja wußte sofort, was im Zuge war, seine Augen blitzten und er machte sich schnell reisefertig. „Ich will mit Wanjka gehen. So komm ich schneller hin. Denn die Frau Doktor geht vielleicht in die Kirche. Natürlich will ich gehen! Was können sie mir anhaben. Nichts! Ich sage, Sie hätten mich geschickt. Wenn die Kameraden mich nicht haben wollen, mögen sie's büßen!" Als die Einwohner Mußja, von dem stämmigsten Kosaken in Dschurdschnj begleitet, schon so früh der Wohnung des Arztes zusteuern sahen, blieben sie erstaunt stehen und schiittelten den Kopf: die Frauen, denen die Kinder von dem „Ereignis" berichteten, eilten trotz der 5lälte vor die Thür, um den Anblick nicht zu versäumen. Als Mußja bald darauf nebst Goliath aus dem Hause des Doktors stürzte, und dann der Hausknecht mit einem Blatt Papier zu Tscherewin eilte, war die Neugierde grenzenlos. Mußja wurde mit Fragen überschüttet: aber er setzte eine geheimnisvolle Miene auf und warf allen vor, sie wollten, er solle ihnen gegenüber freund- schaftlich handeln und aufrichtig sein, aber ihn zum WoHnungS- genossen haben wollen— das gab's nicht. Das wirkte ab- kühlend auf die Zudringlichkeit der Neugierigen. Sie wandten sich also an Goliath. Abi�r der Kosak versicherte, er sei un- schuldig, er wisse von nichts, denn er sei in der Küche geblieben. Trotz des schlechten Empfanges, der seinem Gesandten geworden, war der Polizcichef hocherfreut. Im Städtchen gärte und summte es wie in einem aufgescheuchten Bienen- schwärm. Der Arzt kam betrunken vor die Thür und drohte, er würde der ganzen„Polizei" die Knochen kurz und klein schlagen. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, erhob die Opposition von Dschurdschnj— den Adjunkten des Polizeichefs an der Spitze— das Haupt. Es wurde bemerkt, daß Denisoff, Polizeischrciber und erster Don Juan des Städtchens in einer Person, in das Haus Kosloffs trat, dessen Tochter für das hübscheste Mädchen in Dschurdschnj galt. Sofort wurde der Polizeichef davon benachrichtigt. „Gut! Ich werde ein Paar aus ihnen machen!" lächelte dieser und stürmte zur Revision ins Hospital, dessen Haupt- lieferaut ktosloff war, und dann in die Schule, wo die Opposition auch ihren Sitz hatte, lieberall fand er eine Menge zu rügen und schrie, so hieß es, wie besessen:„Ins Zuchthaus mit Ihnen!" Alles war starr vor Entsetzen, denn der er- boste Jsprawnik teilte nach zwei Seiten Hiebe aus.�die sowohl seine Parteigänger, als auch seine Feinde trafen. In der all» gemeinen Bestürzung geriet Mußja ganz in Vergessenheit. Bei den Genossen zeigte er sich nicht mehr, nicht einmal seine Sachen hatte er sich geholt, sondern nur eine Jakutin, die Seltucha, danach geschickt, in deren ekelhafter Jurte er einen augenblicklichen Unterschlupf gefunden hatte. Abends kam Tscherewin zu Alexandroff. Des laugen und breiten beklagte er sich über sein Schicksal, über die schiefe Lage, in die ihn der unpassende Scherz Mußjas gebracht hatte. „Ins Schlafzimmer haben sie ihn natürlich nicht gelassen, aber der Doktor ist furchtbar erbost, und denkt Euch nur, er ist über uns alle hergezogen und vor allem, versteht sich, über mich. Kuriose Leute! Uns alle für die Taktlosigkeit eines cinzelitcn verantwortlich zu machen. Sie können nicht be- greifen, daß es unter uns verschiedene Leute giebt. Sogar der Aeskulap, der doch llniversitätssüldien hinter sich hat, rst derselben Meinung. Wir sollten unfern Einfluß geltend machen, meint er. Kaum ist mir's gelungen, ihm klar zu machen, daß wir Verbannten nichts mit der ioache zu thun haben, und daß die Anwesenheit der Kosaken der be,te Beweis dafür sei. da schrieb er einen impertinenten Brief an den Bezirksvorsteher. Diesem hat nun jemand gesagt, ich sei s gewesen, der den Doktor auf den Gedanken gebracht, er sei der Urheber des Skandals; nun geht er mürrisch umher, aus Per Straße hat er meinen'Gruß mcht erwidert, sondern ge- than, als sähe er mich nicht. Ach, ich habe dies ewige Lavieren zwischen dem versoffenen Doktor und den: aufgeblasenen ».Pompadour" schon bis in den Tod satt. Ich weiß nicht, wie das enden soll. Ich denke, sie werden mir das Hospital, die Praxis verbieten. Und ehe es so weit ist, sch' ich schon, wie ich wieder mit den Lieferanten um jedes Quentchen Arznei, um jedes Endchen Verbandsstoff, um jedes Holzscheit werde kämpfen müssen. Sie werden meine Anordnungen mit ver- öchtlichem Schweigen übergehen... Schon heute hat Kosloff jso schlechtes Fleisch geschickt, daß den Kranken vom bloßen Gerüche übel wurde. Er ist zwar reingefallen damit.�aber der Doktor wird ihn, dem Jsprawnik zum Possen, in Schutz aiehmen und ihm wird kein Haar gekrümmt werden... Wahr- haftig, es giebt Augenblicke, in denen ich Lust habe, die ganze Geschichte zum Teufel zu schicken und mich in meine Bücher zu vertiefen, wie Ihr... Aber ich weiß, ich halt's nicht aus. Ich bin vor allem Praktiker, bin an Beschäftigung, an reges Leben gewöhnt... Ich bin noch zu jung, um mich nur mit Büchern zu begnügen, zu alt, um von Phrasen leben zu können." Lange floß seine Rede in diesem Tone weiter, dann machte er den Genossen Vorwürfe, daß sie Mrißju vertrieben und verlassen hatten. „Aha! Da haben wir's!" brummte Niehorski. „Das kommt davon, wenn man sich von doktrinärer Ver- hohrtheit hinreißen läßt," fuhr Tscherewin fort.„Pereat mundi... Er war auch durch seine Ausfälle unangenehm. Oft war er unerträglich, das muß ich zugeben, aber er war ein guter Kerl, das könnt Ihr ihni nicht nehmen. Ohne Düren Beistand wird er sicher dümmer, aber gewiß nicht besser werden. Und der Dschurdschnjer Mob wird sich indessen an ihm üben, den politisch Verbannten zuzusetzen. Wir� sind ihnen ein Dorn im Auge, wir sind so verschieden von ihnen» allen, als wären wir eine andre Menschenrasse... Sie haben uns geachtet, denn wir imponierten ihnen mit unserm Zusammenhalten, mit unsrer Einigkeit... Mit der Ver- treibung Mußjas geht diese Vorstellung zu Schanden. Ver- sucht's, ihnen auseinanderzusetzen, daß Mußja nicht einer von den unfern ist, daß er ganz zufällig hierher geraten, daß er ein Opfer des weißen Schreckens ist, und nichts mit der Politik, mit irgend einem Ideal gemein hat. Sie werden's nicht verstehen und nicht glauben." „Warum nehmen Sie ihn denn nicht zu sich?" fragte Niehorski plötzlich. „Ich?" rief Tscherewin verwundert.„Aber das ist ja ganz was andres. Meine Arbeit ist derart, daß sie sich nicht mit der Anwesenheit eines Sonderlings vereinbaren läßt. Ich muß wählen: Mußja oder das Hospital, und natürlich wähle ich das Hospital, wo ich meine Kraft besser verwenden kann. Ihr aber, Ihr habt nichts..." Seine Reden regten die Verbannten bis zum äußersten auf, aber sie schwiegen. Selbst Samuel sprach kein Wort, rauchte nur eine Cigarette nach der andern. Woronin wollte aufspringen, aber Niehorski hielt ihn am Rockzipfel zurück. Tscherewin verließ sie sehr ärgerlich. Seine Genossen waren die Veranlassung zu häufigen Zusammenstößen, die störend in seine Beziehungen zu den Einwohnern und den Beamten eingriffen, aber er ertrug alles geduldig, um der traulichen Plauderstündchen und der erfrischenden Diskussion willen, in denen sie ihre Grundsätze und Anschauungen verfochten. In der letzten Zeit hörte auch das allmählich auf. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbalen.) Sin Debüt. Von E. G. Glück. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen. k. Nachdem sie im Konservatorium von Paris den ersten Preis für Klavierspiel erhalten hat, ist Fräulein Josephine Dupont in ihre Vaterstadt Papotteburg zurückgekehrt und hat sich daselbst als Musik« lehrerin niedergelassen. Diese Thatsache, welche die biederen Papotte« burger etliche male in den Lokalblättern haben lesen können, hat im Schöße der Familie Dupont eine Reihe von mehr oder weniger be- deutsamcn Umwälzungen ausgelöst. 1. Herr Onösime Dupont, der Vater von Josephine, ein pensio- nierter Chaussee-Aufseher, hat das„Börsencafe", wo er bis dato mit seinen Freunden täglich sein Spielchen zu machen pflegte, Verlasien und besucht fortan nur noch das„Cafe de Paris", den Treffpunkt der vornehmen Welt von Papotteburg. L. Madame Estelle Dupont hat ein Dienstmädchen engagiert. 3. Fräulein Josephine Dupont hat ihren Vornamen Josephine mit dem weniger alltäglichen Josette vertauscht. Das Resultat dieser Veränderungen, welche ihre Existenz von Grund aus revolutioniert haben, ist indessen nicht derart gewesen, wie es die Duponts gehofft haben. Die heißersehnten Klavier- zöglinge— zehn Frank pro Stunde, unter dem darf man bei einem ersten Preis des Konservatoriums von Paris wohl nicht nehmen— sind noch immer eine schöne Zukunftsmusik. Man beschließt daher, schwereres Geschütz aufzufahren. Eines Tages lesen die biederen Papotteburger in den Zeitungen die An- kündigung eines„Klavierkonzerts von Fräulein Josette Dupont". Das mitabgedruckte Programm umfaßt 48 Musikstücke„klassischer und moderner Meister". n. Im Festsaal von Papotteburg. Ungefähr 600 Personen. Viele junge Mädchen(die Pensionate vollzählig), einige Offiziere, der Maire und ein Teil des Munizipalrats. Man plaudert in Erwartung der Dinge, die da kommen sollen. ©in junges Mädchen(in einer Gruppe):„Ach Unsinn l Ich sage Dir doch, sie ist ein ganz hochnäsiges Geschöpf!" Ein zweites junges Mädchen:„Aber trotzdem—" D i e e r st e:„Sie ist ein ganz hochnäsiges Geschöpf I Schon als Kind hat sie immer so vornehm gethan. Sie ist dumm, ein- gebildet, klatschsüchtig." Die zweite:„Woher weißt Du—?" Die c r st e:„Oh 1 ich weiß I Ich spreche aus Erfahrung: ich bin ihre Jugendfreundin!" An einer andren Stelle disputiert der Kritiker vom„Papotte- burger Echo", Alexander Bouchot, mit Herrn Amadse Floche, seinem Kollegen vom„Lokal-Anzeiger". Bouchot:„Wie alt ist denn das Wunderkind?" Floche:„Sein Vater giebt ihm 16 Lenze." Bouchot:„Hübsch 1" Floche:„Geschmackssache I Sie war mit ihrem Vater bei uns in der Redaktion. Sie ähnelt ihrem Vater." Bouchot(eine Grimasse schneidend):„Also keine Venns l Und— ist Geld da?" Floche:„Worum? Wollen Sie die Dame heiraten?" Bouchot:„Um Himmels willen I Nein! Ich frage deshalb, iveil Vater Dupont uns bat, eine kurze Biographie der jungen Künstlerin zu bringen, hinterher aber einen Mordsspektakel machte, als man dafür einen Frank pro Zeile verlangte." Floche:„Freilich, freilich. Als Chaussee-Aufseher ist noch niemand Millionär geworden. Aber dennoch zweifle ich nicht, daß da irgendwo ein alter Strumpf mit den Ersparnissen—" Bouchot:„Mutter Dupont soll schauderhaft geizig sein?"' Floche:„Ja, das habe ich auch gehört..." In, Künstlerzimmer. Madame Dupont:„Dreh' Dich mal um! Dein Kleid sitzt nicht besonders." Josette(ärgerlich):„Na ja, da haben wir's! Wie das Geld, so die Ware!" Madame Dupont:„Was willst Du damit sagen!" Josette:„Was ich damit sagen will? Sehr einfach I Wenn Du nicht so geknausert hättest, würde mein Kleid jetzt besser sitzen." Madame Dupont:„Was, Du wirfft nur meine Sparsam- keit vor?(Josette zuckt ungeduldig die Achseln.) Ei, sieh mal an! Das ist ja niedlich! Wenn ich nicht die paar Groschen zusammen- gehalten, wenn ich nicht mein ganzes Leben lang an allen Ecken und Kanten geknapst hätte. Du wärest heute nicht das, was Du bist!... Hätte ick da? Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswerfen wollen, wie Dein Vater, dann hätten wir Dich nicht ins Konser- vatorium schicken können.(Zum. eintretenden Dupont.) Nun? Sind viele Leute da?" Dupont:„Hm... 600 Personen." Madame Dupont:„Ausgezeichnet! Du hast doch nicht mehr als 200 Freibillets verteilt?" Dupont(nach einigem Zögern):„N— ein." Madame Dupont:„Also 400 bezahlte Plätze— zu drei Franks— das macht 1200 Franks I— Gieb auf den Kassierer acht, hörst Du I" Dupont:„Na— es ist doch Dein Bruder!" Madame Dupont:„Ein Grund mehr!"(Dupont zuckt die Achseln.) Dupont(zu Josette):„Schnell, Kindchen! Man wird schon ungeduldig im Saal!" Madame Dupont:„Ja, ja— gleich!" Josette:„Ich bin fertig." Ein Glockenzeichen. Die Gespräche verstummen. Auf dem Podiun, erscheint am Arm ihres Vaters, auf dessen Frackaufschlag etliche Kriegsdenkmünzen klingeln, Fräulein Josette Dupont in einem ziegelroten Kostüm. Schüchternes Beifallsklatschen. Josette läßt sich vor den, Flügel nieder und nimmt ein Veethovensches Konzert in Angriff. Das Stück wird glanzvoll im Sturm genommen. Applaus. Ein Blumenkorb wird aufs Podium gereicht. Halblaute Kritiken, während die Künstlerin ausruht. Ein Offizier(nachsichtig):„Nicht übel." Eine Dame:„Ja, eine schöne Technik." Gine Freundin:„Viel Virtuosität— aber keine Seele P Zweite Freundin:.Seele? Wo sollte sie die wohl her» nehmen?" Flache(zu Bouchot):.Hm, hm.' B o u ch o t(zu Floche):.Hm. hm." Ein junger Mann:„Wer hat den Blumenkorb gestiftet?" Ein junges Mädchen(überlegen):„Gottl wie naiv Sie find! Vater Dupont natürlich I" Eine alte Dame(welche Josephine heißt):„Warum nennt sie sich eigentlich Josette? Ist ihr„Josephine" nicht fein genug?" Zweite alte Dame:„Josette— das reimt sich auf Grisette. Pfui! wie unanständig I" Madame Dupont(zu ihrem Gatten):„1200 dividiert durch 48— macht wieviel?" Dupont:„Warum?" Madame Dupont(kategorisch):„Rechne!" Zweites Stück. Neuer Applaus. Weitere Kritiken. Ritadame Dupont:„Das macht wieviel? 120(1 durch 48?" Dupont:„Das macht 25." Madame Dupont:«Schön! Also jedes Stück, das Josette spielt, bringt ihr 25 Frank ein!" Dupont(verblüfft):„???" Madame Dupont(erklärend):„Ich schätze die Zahl der Personen, welche ihre Billets bezahlt haben, auf 400. Das macht 1200 Frank Einnahme. 48 Stücke werden gespielt. 1200 durch 48—" Dupont(mit einer Grimasse):«???" Das Konzert wird fortgesetzt, aber der Enthusiasmus wird immer geringer. Und die Zuhörer machen es wie der Enthusiasmus: beim 13. Stück sind keine 300 Personen mehr im Saal. Die Gefahr begreifend, kürzt Josette Chopin ab, verstümmelt Mozart usw. Aber auch diese frevelhaften Opfer, Ivelche das Publikum übrigens gar nicht gewahr wird, sind umsonst: bei Schluß des Konzerts ist noch ungefähr ein halbes hundert Personen anlvescnd, die durch die Lange- weile versteinert zu sein scheinen. Eine Freundin:„Schon?" Im„Künstlerzimmer". Fräulein Dupont tritt ein, die Thür heftig hinter sich zuschlagend. Madame Dupont schweigt. Herr Dupont hüstelt verlegen. Madame Dupont(ängstlich):.Na— alles in allem war es gar nicht so schlecht!" Josette(bitter):„Bloß nicht! Ein anständiges Fiasko!" Wiadame Dupont: Aber durchaus nicht I— Wirklich nicht I" Josette:„Doch!" Dupont:„Ich versichere Dir..." I o s e t t e(aufbrausend):„Es ist aber auch eine Idee, dem Publikum 48 Nummern zuzumuten!" Madame Dupont:.An wem liegt die Schuld? An Deinem Vater! Ich sagte ja, 36 Stücke waren vollkommen ge- nllgend l" Dupont:.Du sei nur ganz still l Wenn wir auf Dich hätten hören wollen, würde Josette noch zwei Stunden länger gespielt haben. Du sagtest tagaus tagein:„Die Leute muffen etwas für ihr Geld haben. Man muß ihnen beweisen, daß Josette etwas kann I" Madame Dupont:„Das sage ich auch noch I Und Josette hat den Beweis erbracht. Uebrigens ganz gleich— wir können zufrieden sei».(Zu Josette.) Jedes Stück, das Du gespielt hast, bringt Dir 25 Frank ein." Josette(ohne zu begreisen):„25 Frank?" Madame Dupont:„Ja. Die Einnahme beträgt ungefähr 1200 Frank. 1200 dividiert durch 48." Josette(zu Dupont):„Wir haben 1200 Frank Einnahme?" Dupont:„Nein." Madame Dupont(lebhaft):«Mehr?"(Dupont zuckt die Achseln.).Wieviel?" Dupont:„Wieviel?(Mit Todesverachtung.) Sechs Frank!" (Bestürzung.) Madame Dupont:„Sechs Frank? Wie? Sechs Frank? Aber es waren doch wenigstens 600 Personen im Saal I Und Du hast nur 200 FreibilletS verteilt I(Von Argwohn ergriffen.) Oder hast Du mehr verteilt?" Dupont:„Nun denn— ja I" Madame Dupont:„Dummkopf I" Dupont(wütend):„Dummkopf? So? Na, dann arrangiere Du doch das nächste Konzert, wenn Du so schlau bist!"(Er nimmt Hut und Stock.) Madame Dupont:„Wohin gehst Du?" Dupont:„Wo ich zu thun habe. Wenn ich nicht so bald nach Hause komme, beunruhigt Euch nicht weiter!"(Er geht.) Madame Dupont(zu Josette):„Du Unglückskind l An dem Tage, an dem Imanf Dich zum erstenmal hat Klavier spielen lassen— wahrhaftig, man hätte beffer gethan, Dich mit einem großen Stein am Halse ins Wasser zu werfen!" Josette(bitter):„Sechs Frank dividiert durch 48— macht wieviel?" m. Ein Pribatkabinett im Restaurant Walter, dem ffeinsten Lokal von Papotteburg. Amadöe Floche und Alexander Bouchot, die beiden Oberpriester der Papotteburger�Kritik, speisen in Gesellschaft von Herrn Onssine Dupont— selbstverständlich auf seine Kosten. Das Souper ist exquisit. Gute, alte Weine begießen es. Und dank diesen guten. alten Weinen entdecken die beiden Journalisten plötzlich, daß Fräulein Dupont eine ungewöhnliche, gottbegnadete Künstlerin ist. Floche:„Alles in allem, mein teurer Herr Dupont, war eS ein schöner Erfolg Ihres Fräulein Tochter." Bouchot:„Ein großer Erfolg I" Dupont„Nicht wahr?" Floche:„Ja, Sie können zufrieden sein!" Dupont:„Das bin ich auch. Wenn nur die Einnahme besser gewesen wäre!" Bouchot:„Na ja— hm— Aber was wollen Sie? Für ein Debüt muß man schon Opfer bringen können!". tt Dupont:„Es scheint so." Floche:„Dieses Konzert wird Fräulein Dupont zweifelsohne viel Schüler—" Dupont:„Ich hoffe es." Floche:„Uebrigens werden die Recensionen, welche wir über das Konzert schreiben werden, sehr wesentlich dazu beitragen." Dupont:„Ich danke Ihnen, meine Herren!" Floche:„Glauben Sie mir: das Geld, welches Sie für dieses Konzert verausgabt haben, ist gut angelegtes Geld!" Bouchot(nachdem er seinen Kollegen ins Einverständnis gezogen, indem er ihm heimlich auf den Fuß getreten hat): „Apropos, mein lieber Floche! Da wir gerade von Geld sprechen... Ich möchte Sie um eine kleine Gefälligkeit bitten. Borgen Sie mir doch 200 Frank!" Floche(wichtig, seine Börse ziehend):„Aber gerne I" Bouchot(erklärend):„Ich habe mich nämlich mit einigen Freunden verabredet, eine Partie Baccarat zu machen, habe aber vergessen, Geld z« mir zu stecken." Floche:„Donnerwetter! Ich glaubte, die Bagatelle bei mir zu haben— und ich habe nichts!" In diesem Augenblick bedauert Herr Onösine Dupont, daß er bei Beginn des Soupers so unvorsichtig gewesen ist, seine wohl- gespickte Brieftasche sehen zu lassen. Floche(verzweifelt seine Börse durchwühlend):„Nein— ich habe nichts I Aber— eigentlich— Herr Dupont könnte viel- leicht?" Dupont(ohne Enthusiasmus):„Aber natürlich!"(Er reicht Bouchot mit Bedauern zwei Banknoten.) Bouchot:„Pardon! Was Sie mir da geben, sind ja zwei Fünfziger I" Dupont:„Ach ja! Richtig! Entschuldigen Sie! Hier, bitte!" (Er giebt noch zwei Banknoten.) Bouchot:„Merci I Ich werde es Ihnen morgen wieder- geben." F lo ch e(plötzlich begeistert):„Auf die Gesundheit von Fräulein Josette I" Bouchot:„Auf ihre künftigen Erfolge!" Floche:„Auf ihr nächstes Konzert I" Dupont(beiseite):„Lieber nicht!" IV. Am folgenden Tage konnten die Papotteburger zum Morgen- kaffee im„Lokal-Anzeiger" folgenden, von Amadüe Floche gezeichneten Ar�Jel genießen: „Das gestern von Fräulein Josette Dupont(Erster MusikprciS des Konservatoriums von Paris) veranstaltete Konzert ist für die junge Künstlerin zu einem großen, berechtigten Erfolg geworden. Der Saal erwies sich als zu klein, um alle Verehrer guter Musik zu fassen, welche sich eingefunden hatten, der talentvollen Künstlerin zuzujubeln. 48 Nummern auf dem Programm. Die glühenden Verehrer des Pianos konnten reichlich auf ihre Kosten kommen. Und sie kamen auf ihre Kosten. Nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Das kraftvolle und doch decente Spiel von Fräulein Josette Dupont hat stürmischen Beifall geerntet. Applaus, Hervorrufe, Blumenspenden— alles wurde der jungen Künstlerin in überreichem Maße zu teil. Wir rufen Fräulein Josette Dupont zu:„Auf baldiges Wieder- sehen!"—_ Kleines feuilleton. —„DaS ist für die Kab". Diesem Volksworte widmet die „Frankfurter Zeitung" aus dem Nachlasse von Dr. Daniel Saul folgende sprachliche Betrachtung: Büchmann führt die wohl all- gemein in Deutschland gebräuchliche Redensart:„Das ist für die Katz!" oder„Das ist der Katz I"(wie man in Sachsen sagt) auf eine von Burkard Waldis im„EsopuS" erzählte Anekdote zurück. Ein Schmied im Harz faßte den Entschluß, für seine Arbeit keine Be- zahlung mehr zu nehmen. Wenn die Leute seinen guten Willen sähen, meinte er, würden sie ihn gern lohnen. Er hatte wirklich großen Zulauf, wie es aber mit der Bezahlung ging, erzählt Burkard Waldis in folgendem: Und wenn die arbeit war bereit, so nahmen sie's mit dankbarkeit, dankten und giengen aus der tür. der schmit sprach:„katz, das geb ich dir!' Die katz nam ab und ward bald mager — 648— dieweil sie nit auS irein lager mocht gen, daß nach der narung tracht, und man ir sonst nichts zessen bracht. damit verschmacht und gar verdarb, daß sie zuletzt auch Hungers starb. da solchs der schmit nun innen wart, er sprach:«mit mir ein ander fart nit geniigen lan an solchen fratzen, sonst get'mirs gleich wie meiner katzen.* Die Redensart„Das ist für die Katz I", in der gar keine un- mittelbare Beziehung zum Dank zu finden ist, ist geWitz viel älter als die Anekdote. Neben einzelnen guten Eigenschaften hat die Katze auch üble, ja, diese scheinen zu überwiegen. Zahlreiche Sprichwörter und Redensarten bekunden also die Mitzachtnng, in der die Katze steht. Dementsprechend wird das Tier auch abgelohirt. Im deutschen Wörterbuch heitzt es:„Für sie ist zum Futter das schlechteste gut geling, die Reste des Mahles(vergleiche Katzenfisch, Katzentisch), daher „das ist der Katze, ist für die Katze", das gehört der Katz, verdient verworfen, ausgeschossen zu werden." Auch Ausdrücke wie Katzen- gold, Katzenmusik, Katzenfleisch