AnterhaltungsSlatt des Horwärls Nr. 163. Freitag, den 19. August.' 1904 kNachdruck verboten.) «t Vie fwckt. Von K. Bagrynowski. „Sobald komm' ich nicht wieder her!" dachte Tscherewin, indem er sich fester in seinen Pelz hüllte und sich immer mehr von der Hütte der Verbannten entfernte. „Die Brauseköpfe! Wieder ist ein Komplott im Gänge. Sie verbergen mir etwas. Ich bin nicht verpflichtet, mit ihnen zu Grunde zu gehen, besonders wenn sie mir nicht trauen..." „Warum habt Ihr ihm nichts gesagt?" rügte Woronin die Genossen, als Tscherewin fort war. „Siehst Du, Wronjo, bei Tage schläfst Du und in der Nacht liest Du weise Bücher und stellst Berechnungen an, daher kannst Du natürlich nichts wissen, was in der Welt vorgeht," scherzte Niehorski.�„Tscherewin verkehrt zu viel mit jenen — Herren. Es ist zu seinem eignen Wohl, wenn er nichts weiß. Wenn er mal eins über den Durst getrunken hat, könnte er sich einem dieser ehrenwerten Leute gegenüber ver- plappern. Er ist weder gewandt, noch erfahren. Jetzt wieder: wozu hat er sich in die lächerliche und häßliche Affaire Mußja gemischt? Wozu hat er sich dem Doktor gegenüber gerecht- fertigt, uns hineingezogen und den Jsprawnik bloßgestellt? Er konnte es doch voraussehen, daß d i e einander nichts an- haben werden, und daß er es wird büßen müssen... Es hat den Anschein, als verteidige er uns, aber je mehr sie an uns denken, desto schlimmer ist's für uns." „Uebrigens ist's iinmer ain besten, wenn die Dinge für sich selbst reden. Es thut nicht gut. den Ereignissen durch Kommentare zuvorzukommen. Der Eindruck wird dadurch geschwächt," fügte Alerandroff hinzu. „Das trifft nicht immer zu. Wir hätten Mußja höflicher behandeln, ihm eine Erklärung geben sollen: ich bin über- zeugt, er hat die Dummheit gemacht, weil er uits gram ist. Jetzt werden wir auch mit den Losen auf Schwierigkeiten stoßen." flüsterte Krassuski mißmutig. Niehorski sah ihn mit einem langen Blick an, ließ die Faust, auf die er den Kopf stützte, schwer aus den Tisch sinken und sagte: „Das ist umsonst: wo Bäume fallen, müssen Splitter fliegen. Wenn wir höflich geblieben wären, wären wir ihn nie los geworden. Solchen Menschen gegenüber muß man mit Entschiedenheit auftreten und alle Gefühlsseligkeit für bessere Zeiten aufsparen. Uebrigens kannst Tu sicher sein, daß Mußja es weniger empfunden hat als Tu." „Wir werden uns noch, weiß Gott wo hineinreden," gab Krassuski mürrisch zurück, indem er aufstand. Mußja that ihm leid. Er hatte so viele Nächte mit ihm unter einem Dache zugebracht, hatte ihm so manchen Schabernack gespielt und iminer nur ein Lächeln zur Antwort erhalten... Er war ja nicht geistreich, aber doch so gut zu leiden. „Der arme Kerl, ist's denn seine Schuld, daß er unter uns geraten ist: eher sind wir selbst schuld daran," dachte er mit der erfrischenden Naivität seines zwanzigjährigen Herzens. Er mußte lächeln, als ihm die Schilderung einfiel, die der Franzose von seinem politischen Erlebnis gemacht hatte. „Ich war mit Proben von Galanteriewaren nach Petersburg gekommen. Ich begegnete einem Freunde aus Paris, und wir fuhren nach der Insel Arkadien, uns einen fröhlichen Abend zu machen. Wir plauderten über dies und jenes. Er war Bonapartist, ich desgleichen. Wir tranken eine Flasche. dann noch eine. Es wurde uns etwas wüst im Kopfe.„Weißt Du was," sagt er,„ich will Dir ein hübsches Lied vorsingen, es wird hier allgemein gesungen— nach der Melodie der Marsailleise, aber die Worte sind wehmütiger."„Wenn's allgemein gesungen wird, dann los," sag' ich.„denn mit dem russischen Staat will ich«in Neutralität" bleiben."„Ja doch, alle singen's," versicherte er und sagte mir die Worte auf russisch vor: Nach Frankreich zogen zwei Grenadier I Die waren in Rußland gefangen. Er hatte eine hübsche Stimme und ich hielt ihm ganz gut stand.,. Bald waren wir von Zuhörern umringt. Damen, junge Mädchen, Kavaliere. Sie klatschten uns Beifall. Und als die Worte kamen: Der Kaiser, der Kaiser gefangen! rief jemand:„vis!" Also wir noch einmal: Der Kaiser, der Kaiser gefangen! Wieder:„Bis!" und wir wieder: Der Kaiser, der Kaiser gefangen! Ich schloß die Augen, um besser singen zu können und wiederholte: Der Kaiser, der Kaiser gefangen! Da tippt mir jemand auf die Schulter.-. Ich seh mich um:'s ist niemand mehr da— nur der Polizeikommissar steht vor mir.„Folgen Sie mir!"„Weshalb?"„Nur nicht viel Worte gemacht!" Sie packten mich in eine Droschke und brachten mich fort. Dann wurde ein Protokoll aufgesetzt und ich ins Gefängnis gesteckt. Eine lange Zeit saß ich da, bat und schrieb, endlich fragten sie mich, aber nur wenig. Sie ließen mich nicht mal ordentlich zu Worte kommen. Gleich hieß es:„Hören Sie auf. nicht viel Worte gemacht." Sie steckten mich wieder ins Gefängnis, wieder saß ich dort ein halbes Jahr und dann wurde mir das Urteil vorgelesen, in dem stand, daß ich„wegen Majestätsbcleidigung" zur Ver- bannung verurteilt wäre: ich mußte etwas unterschreiben und dann brachten sie inich hierher. Der Kaiser soll damals, nach den Altentaten, wirklich sein Palais nie verlassen haben!... Aber was konnte ich davon wissen! Ich sagte, ich wüßte von nichts, ich wäre eben aus Wien gekommen. Sie schüttelten den Kops. Und wenn ich noch was sagen will, heißt's:„Nur nicht viel Worte gemacht!" Ich wiederhole ihnen, ich sei„Neutralität", aber es half nichts.— Jetzt aber — Basta! Jetzt ist's aus, jetzt mögen sie sich in acht nehmen!" schrie Mußja gewöhnlich, wenn er zri Ende war. Krassuski sah die blitzenden Aeuglein des Franzosen vor sich, den zer- zausten Bart, die geballte Faust, und lachte.„Der arme Kerl! Morgen geh' ich zu ihm." Als er am nächsten Tage in Mußjas Jurte trat, fand er Pjetroff und Gliksberg bei ihm, die ostentatiös„Thee" tranken. Es war das ein drohender, stillschweigender„Wink der auswärtigen Mächte" Alexandroff und den„andern Anarchisten" gegenüber, die schlecht mit dem„Genossen" um- gegangen waren. „Wir sind nicht von denen, die glauben, es sei zulässig, ein Individuum gegen seinen Willen auf dem Altar irgend einer Idee zu opfern. Solch eine Idee hat keinen Wert. Nur die Ideen sind reif, die in einer gegebenen Epoche von der Mehrheit der Menschen verstanden werden und deren man sich nicht zu schämen brmicht. Was hilft eine Idee, die keinen Boden hat!" setzte Pjetroff weitläufig und langweilig aus- einander. „Lesen Sie das bei Spencer nach!" redete Gliksberg in vollem Ernst Krassuski zu. „Laßt mich in Ruhe!" rief der junge Mann. Es war ihm peinlich, sie über Alexandrosf und Niehorski herziehen zu hören. Mit seiner Beredtsamkeit war es überhaupt nicht weit her, russisch sprach er, aber sehr schlecht, und ließ sich daher in keine Erörtcruicgen ein, sah nur ärgerlich drein und zupfte trotzig an seinem kleinen Schnurrbart. Er hatte die größte Lust,' fortzugehen, aber Mußja sah ihn so wehmütig an, daß er blieb und plötzlich lustig anfing zu erzählen, wie er vor kurzem auf der Jagd gewesen, wie er sich verirrt hatte und die Finger ihm fast abgefroren wären. Mußja fiel auch der Sonnenstich ein. der ihn einst in Algier fast ums Leben gebracht. Pjetroff und Gliksberg waren anfangs über die„sinnlosen" Reden entrüstet und setzten eine kühle und abweisende Miene auf: nach und�nach aber kamen ihnen auch verschiedene Abenteuer in den Sinn, die sie erlebt hatten, ihre Empörung legte sich, und sie blieben plaudernd bis spät in die Nacht sitzen. Mußja konnte kaum so viel Thee kochen, wie sie trinken wollten. Seltucha, die sich im stillen satt gegessen und getrunken hatte, wie noch nie in ihrem Leben, bekam eine hohe Meinung von ihrem neuen Einwohner. „Der Franzos ist klug, er stellt sich nur so dumm an. Ihr hättet sehen sollen, wie die„Verbrecher" ihn küßten und umarmten! Und diese Menge Thee, die sie getrunken — DOU— haben!.-, Man merkt's gleich, daß es vornehme Leute sind. Und er ist auch ein vornehmer Herr!" erzählte sie den Nach- ibarinnen am andern Tage. Die Kunde von dem Besuch ver- breitete sich schnell und war Mußja bei dem neuen Geschäft. das er sich ausgedacht hatte, von großem Nutzen. Er hatte nämlich angefangen, ganz hübsche Manschettenknöpfe, Cigarrenspitzen, Pfeifen und Federhalter aus Mammutzähnen anzufertigen, und bot sie in den Häusern feil. Tie Not- wendigkeit entschuldigte jetzt sein Herumwandern von Haus zu Haus— eine Beschäftigung, die er über alles liebte. Die Frauen lächelten ihn wieder freundlich an, denn sie freuten sich auf die Neuigkeiten, Klatschgeschichten und gewagten Witze, die er zum besten gab, und die Männer machten sich über ihn lustig, indem sie fragten, was er im Schlafzinnner des Doktors gesehen habe. Ter Sturm, den er heraufbeschworen, legte sich allgemach. Sein letzter Accord war„der Versöhnungsball", den der Jsprawnik der Opposition gab. Es war ein glänzendes Fest. Lange noch wurden Wunderdinge von den Unmengen Schnaps erzählt, die vertilgt worden waren. Herr Jan erzählte, sie hätten sich alle bis„auf die grüne Schlange" besoffen. Der Doktor, der im Range eines „Generals" stand, hatte dem Jsprawnik, der nur Hauptmann war, großmütig Verzeihen angedeihen lassen. Der Adjunkt sollte allen der Reihe nach die Hände geküßt, sich an die Brust geschlagen und seine Sünden auf den Knien liegend gebeichtet haben. Kosloff wich keinen Augenblick von Tscherewins Seite und bekannte sich öffentlich zu den„Socialisten", und um ein Haar wäre er deshalb auf die Hauptwache geraten: aber die allgemeine Stimmung war so gehoben, daß ihm verziehen wurde. Der Ball schloß mit einem herrlichen„ese prompte", das Tenisoff geistreich eingeleitet hatte. Mit Hintansetzung ihres Ranges stellten sich die Gäste diesmal nur nach Wuchs und Korpulenz in eine Reihe und faßten eine Schnur, deren eines Ende der Jsprawnik hielt. Wenn er daran zog, ahmten die andern die Stimmen der Dschurdschnjer Kirchenglocken täuschend nach. Daraus sangen sie dem Gastgeber zu Ehren ein Lied, dann tranken sie und ließen wieder Glockengeläut ertönen. Am folgenden Tage gab der Doktor einen Ball, dem Festlichkeiten beim Adjunkten, bclim Kommandanten, beim lllußschreibcr folgten, und auch die andern Potentaten von Dschurdschnj, die Handelsbeflissenen sowohl, als auch die, denen verschiedene Aemter oblagen— Tscherewiu nicht ausgenommen— ließen es sich nicht nehmen, ihrer Freride durch festliche Gelage Ausdruck zu geben. Diese Festlichkeiten waren natürlich nicht so glänzend, wie die ersten, aber als der von Haus zu Haus geführte Pope nach acht Tagen endlich sein Heim aufsuchte, sah er wieder ein„versteinertes Mammut- tier", diesmal aber nicht im Gesträuch, sondern mitten im Städtchen.„Es stolzierte ruhig einher und schwenkte vergnügt den Rüssel." Die Festlichkeiten wurden durch die Ankunft einer Karawane unterbrochen, die aus drei Lastpferden und drei Reitern bestand. Bereist, von Dunstwolken umgeben, vom rosigen Lichte der Abendröte umflossen, ritten sie, die er müdeten zottigen Tiere mit den Hacken antreibend, schnür stracks auf die Polizei zu. Sofort sprang ein diensthabeiwer Polizist zum Jsprawnik. Ueber das ganze Städtchen, das sein Mittagsschläfchen hielt, verbreitete sich blitzschnell die Kunde: „Die Post ist da!" Selbst diejenigen, die weder Briefe noch Zeitungen er- hielten, ermunterten sich und krochen aus ihren Winkeln. Ter von einem Talglicht erhellte Vorraum des Polizei-Amtes füllte sich allmählich mit Kosaken, Bürgern und der städtischen Aristokratie. Ter Schreiber Denisoff machte die„Honneurs". er stand im Hintergrunde, die Cigarette im Munde, die Hände in den Taschen und flüsterte den ihn umdrängenden Gästen die eben aus dem„Gouvernement" angelangten Neuigkeiten zu. Immer wieder knarrte die Thür, immer wieder traten neue Gestalten ein und brachten mit einem frischen Lust- hauch auch die den Einwohnern von Dschurdschnj eignen Düfte des Kuhstalls, schlecht gegerbter Felle und billigen Tabaks mit. Das Geflüster schwoll an, aber es hielt sich doch in gewissen Grenzen, und hütete sich, das Klappern der Kugeln auf dem Zahlbrett und die feierlichen Stimmen des Jsprawniks, seines Adjunkten und der Geleitkosaken zu über- tönen, die im benachbarten Zimmer Geld zählten. Durch die Thürspalte drang ein heller Lichtstreif in den Vorraum, und ab und zu schwankte ein Schatten vorüber. Da knarrte die Thür wieder, aber es klang anders wie bisher, und feste, selbst- bewußte Schritte erschallten. Der Jsprawnik wußte sofort. Laß einer von„denen" gekommen war und runzelte die Stirn. „Wer ist da? Nicht hereinlassen!" rief er- „Niehorski! Er kommt die Briefe holen." „Er muß warten!" Die Kosaken eilten Niehorski entgegen. „Sie müssen warten. Seine Hochwohlgeboren empfangen Gelder. Sechzehntausend sind angekommen..." sagten die Kosaken, den Befehl mildernd. Niehorski streckte Denisoff, der ihm die Hand reichte, zwei Finger entgegen und blieb abseits stehen. Durch die Thürspalte sah er den bedenklich kahl werdenden Kopf des Jsprawniks. sein rotes Gesicht, das sich über den Tisch neigte, und die weißen, beringten Hände, die die Päckchen mit Banknoten geschäftig durchblätterten. „Eins... zwei... drei..» fünf... zehn... zwanzig... dreißig... hundert." „Richtig." „Nachzählen!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) (lnterseeiscbe Vulkane. Unter denjenigen Gebieten der Geologie, auf denen die moderne wissenschaftliche Forschung in den letzten Jahrzehnten ganz gewaltige Fortschritte zu verzeichnen hat, nimmt der Vulkanismus vielleicht die erste Stelle ein. Nur sehr wenige Nallirerscheinungen auf Erden giebt es, die geeignet sind, den menschlichen Geist in höherem Matze zu fesseln, sein Denken und Forschen mehr anzuregen als die Thätigkeit der Vulkane und als die Frage nach ihrer Ent- stehung. Bollends in Tagen, wie die Gegenwart sie gebracht hat, in Zeiten, wo die geheimnisvollen Kräfte der Unter- welt wieder einmal, wie schon so oft, plötzlich und unerwartet blühende Städte vernichtet, reichgesegnete ftuchtbare Land- striche versenkt haben und ganze Inseln dem Untergange und der Vernichtung durch die brennenden Gewalten des Erdinneni geweiht schienen, mutzte mehr und mehr die Frage nach dem Warum und Wie dieser Dinge in den Vordergrund drängen und der Geologe niit ganz besonderer Vorliebe und erhöhtem Eifer sich der dankbaren Aufgabe der Forschung auf diesem Gebiete zuwenden. Obwohl wir nun interessante und wertvolle Studien über die Vulkane des Fest- laudes der geologischen Wissenschaft verdanken, so ist doch unser Wissen bezüglich der unterseeischen Vulkane, besonders deren Aus- bruchSstellen, noch zienilich lückenhaft und unzuverlässig. Giebt es doch Gelehrte, die der Ansicht sind, daß ihre Existenz überhaupt recht fraglich sei. Um so angemessener dürste es erscheinen, das Wichtigste und Wesentlichste über unterseeische Vulkane zusammen- zustellen. Wir legen dabei ein Kapitel aus dem soeben erschienenen Werke von Dr. Htzppolit Haas.Der Vulkan", Berlin, Alfted Schall, zu Grunde, in dein der Verfasser, Professor an der Hochschule zu Kiel, in einer auch dem Laien durchaus verständlichen Schreibwerse nach ganz vorzüglicher Methode die Natur und das Wesen der Feuerberge ün Lichte der neueren Anschauung darzustellen ge- lvutzt hat. „Die nach der Katastrophe auf Martinique dahin abgesandte Kominission hat erklärt, datz sich auf dem in der Nachbarschaft deS Feucrkegels gelegenen Meeresgründe keine topographischen Ber- ändcrungen vollzogen hätten. Mag sein, datz sie dazu be- rechtigt war. Noch besser hätte sie gethan, wenn sie das weniger bestimmt ausgesprochen hätte. Rund um die Inselwelt der Antillen herum haben da und dort Brüche und Zerreitzungen der untenneerischen Kabel stattgefunden, und eS ist die Annahme, datz dergleichen Ereignisse vor sich gegangen sein sollten, ohne die Folge von einem Wechsel in der Topographie des Meeresbodens gewesen zu sein, recht schwer zu verstehen. Man mutz hier ja beachten, datz derartige Erscheinungen nur auf einen verhältniSmätzig kleinen Flüchenraum beschränkt bleiben und datz deren Feststellung sehr genaue und sehr mühsame Untersuchungen erfordert, denn unser Blick kann die Tiefe leider nicht durchdringen und das Lot erteilt doch jeweils nur über den einzelnen Punkt genaueren Ausichlutz. Auch zuverlässige Seekarten giebt eS nur erst wenige. Immerhin sind deutliche Beweise für submarine Eruptionen vor- Händen, wenn es der Wissenschaft auch noch nicht gelungen ist, die genaue Lage eines solchen unter dem Wasser des Oceans verborgenen Vulkans festzustellen. Im Jahre 1811 tauchte die Insel Sabrina in der Nachbarschaft der Azoren aus �den Tiefen des Weltmeeres auf. Ferdinandea an der Südküste von Sicilien hat seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1832 mehrfach wieder ihr feuriges Fclseiihaupt aus dem Ocean er» hoben, der Georgios im Archipel von Santorin hat zischend unk» pfauchend die Meeresfluten durchbrochen und sich einen dauernden Platz über ihren, Spiegel erobert. Im hohen Norden, bei Alaska, haben sich die Bogoslof-Vulkane aus dem Meeresgrunde aufgetürmt, und im Mexikanischen Golf ist die unter 22« 8i' 14" und 93° 38' 16" gelegen gewesene Insel Bermuja infolge des Ausbruchs der Montagne Pelöe ganz plötzlich wieder in der Tiefe der Wogen ver- schwunden. Derartige Ausbrüche finden meist tn verhältnismäßig wenig tiefen Meeresräumen statt, womit auch das Auftauchen der eruptiven Massen über dem Wasser genügend erklärt sein dürste. Für Sabrina scheint das jedoch nicht zuzutreffen, denn Lotungen an der Stelle des nunmehr wieder versunkenen Eilandes haben Tiefen von 2600 Meter ergeben. Aber die Azoren und die diese Inselwelt umgebenden Meeresteile sind deshalb besonders interessant, weil sie gelvister- maßen im Schnittpunkt zweier großer Zonen vulkanischer Thätigkeit liegen. Die eine derselben umzieht den Planeten und läuft über Central-Amerika, Mexiko, die Antillen. Azoren, Südspanien, den Aetna, Vesuv, Santorin, das Rote Meer, den persischen Meerbusen, die Bahreln-Jnseln und den malahischen Archipel, während die andre der Achse des Atlantischen Oceans folgt, und zwar über Tristan dÄcunha, St. Helena. Ascension, die Kap-Verden, Kanaren, Azoren, Madeira und die nördlichen Regionen mit dem vulkanreichen Island. Diese Achse deS Atlantik ist bekannt als eine Linie, längs welcher sehr häufig Meeresbeben austreten. Erscheinungen, die sich durch ganz besondere Stöße an Fahrzeugen, die eben dann durch diese Gegenden segeln oder dampfen, kund zu geben pflegen. Man weiß heutzutage bestimmt, daß solche stoßartige Er- schütterungen der Schiffe die Folgen erdbebenartiger Phänomene auf dem Meeresgrunde sind, zumal sie sich meist als gänzlich unabhängig von irgend ivelchen vulkanischen Ausbrüchen auf dem Festlande er- wiesen haben. Noch weitere Belege für das Vorhandensein sub- mariner Ausbruchsstellcn geben die so vielfach beobachteten Kabel- brüche und die ganz eigentümliche Art und Weise, in der sich dieser Vorgang vollzieht. Die Kabel sehen nämlich aus, als ob sie mit Gewalt zusammengeriffen worden seien. Dann lassen sich auch thatsächliche Umwälzungen am Meeresboden konsta- tieren, so im griechischen Meere und im malahischen Archipel. Von Ausströmungen von Schwefelwasserstoff- Gasen auf dem Meeresgründe bei Ajaccio, zwischen den Sanguinaires- Inseln und der Küste, die in die Tiefe gebrachte Gegenstände von Silber anlaufen oder matt werden lassen sollen, wirb ebenfalls erzählt. Englische Kabclgesellschaften haben besonders in den jüngstber- flossenen Jahren an den Gestaden der verschiedenen vulkanischen Eilande Lotungen zum Zweck der Legnng der Telegraphendrähte vornehmen lassen, die klar und deutlich darthun, daß diese Inseln einen Steil- absturz in die Abgründe des Meeres besitzen und von tiefen Ab- gründen durchzogen werden, genau so wie die Vulkane des Fest- landes. Die submarinen Gehänge von Tristan d'Acunha zeigen 33 Grad, die von der Paulsinsel sogar 62 Grad, und überall, im Golf von Guinea, an den Azoren, an Jan Mayen, den Liparischen Inseln, an Santorin, der Amsterdam-Jnsel und den Eilanden des Vanda-Meeres und des Gesellschaftsinseln-Archipels lassen sich ähn- liche Verhältnisse erkennen. Ucberall, wie das auch auf den Feuer- bergen bei den Kontinenten zu sehen ist, ist das Gehänge in un- mittelbarer Nähe des Kraters immer am größten. Manche dieser Vulkaninseln erheben sich auch auf einem gemein- samen Fundament und lösen sich erst in einer gewissen Tiefe in em- zclne Pfeiler auf, wie die Azoren, die Gesellschafts-Jnseln, die Fidschi-, die Sanioa-Eilande und andre mehr. Nachdem sich auf den, Meeresboden aus den festgewordenen eruptiven Massen erst ein massiver, gemeinsamer oder einzelner Grundsockel mit geschrägten Flanken gebildet hatte, mußte dieser an Höhe und Umfang infolge der noch später ausgebrochenen feurig- flüssigen Materialien in der Gestalt von Laven oder losen Gesteinen immer mehr und mehr zu- nehmen. Und auch semer noch, wenn der Vulkankegel sich schon über den Wellen erhoben hatte, trugen die von seinen Abhängen in die Fluten rollenden Bruchstücke viel zur Befestigung und Aus- dehnung des vulkanischen Unterbaues bei. Mag sein, daß auch von unten her in den Sockel sich einstauende Magmamengen dabei mtt« gearbeitet haben. Auf solche Weise also haben sich manche submarine Vulkane im Laufe der Zeiten bis über den Meeresspiegel emporrecken können, und wenn das möglich gewesen ist, warum sollte eS dann nicht ebenfalls welche geben, dre noch auf ihrem Wege dahin begriffen find, wenn vielleicht auch noch recht fern vom Ziel befindlich; solche, die noch ttef' unten in de» salzigen Wassern des Oceans versteckt sind und deren Vorhandensein oft nur ganz zufällig durch eine besonders glückliche Lotung entdeckt wird? Einige Beispiele derartiger submariner Eruptionen mögen hier noch aufgeführt werden. Sabrina im Archipel der Azoren hat in geschichtlichen Tagen fünsinal von sich reden gemacht, aber immer nur für kurze Zeit. 1658 und 1691, dann 1720 und 1811. In diesem letztgenannten Jahre kam eine Vulkaninsel von etwa 90 Meter Höhe zur Aus- bildung, die eine centrale Kratcröffnung besaß. Ihr Leben war nur ein recht kurzes, schon nach wenigen Jahren blieb von Sabrina nicht viel mehr übrig. Anno 1867 fand vor Terceira ein neuer Ausbruch statt. Eine Insel tauchte diesnial nicht aus den Wogen auf. wohl aber erschienen Schlacken an der Meeresoberfläche und Flammen, die vom Verbrennen der aufftcigenden Gase herrührten(Kohlen- Wasserstoffe und reiner Wafierstoff). Santorin, eine der Zykladen, ist ein alter, vom Meere durch- brochener Krater, der manche Ausbrüche erlebt hat. Im Jahre 97 vor unsrer Zeitrechnung erstand Paläa-Kaimeni etlva im Centrilm dieser vulkanischen Bucht, 46 nach Christus bildete sich eine weitere Insel, die sich mit der ersteren vereinigte; durch feniere Ausbrüche im Jahre 726, dann 1673 nahm das neue Eiland zu. DaS 18. Jahrhundert sah die Geburt einer zweiten größeren Insel im Golf von Santorin. Nea-Kaimcni kam zum Vorschein. Die Anfänge seiner Entstehung fallen in die Jahre 1707 bis 1712. Damals war es schon zu einem kegel- förmigen Gebilde von etwa 100 Meter Höhe herangewachsen, das einen Krater von ungefähr 80 Meter Durchmesser hatte. Nur wenige Spuren der vulkanischen Thätigkeit zeigten sicb in den folgenden 150 Jahren, bis im Januar 1866 die unterirdischen Gewalten von neuem und in großarttger Weise entfesselt wurden. Schwefelwasser- stoffgase und iveiße Däinpfe entströmten dem Meerwasser, das zu sieden anfing, und am 4. Januar stieg ohne besonderes Geräusch eine glutige Masse aus der Tiefe auf, die bereits nach wenigen Stunden 25 Meter lang und 8 Meter breit geworden war bei zehn Meter Höhe, und sich drei Tage später schon in einen Berg von 70 MeterLänge auf 3VMeter Breite und 20 MeterHöhe verwandelt hatte, den man nach dem griechischen König.Georgias" taufte. Flammen- erscheinungcn, die auf dem glühenden Berge auf- und niedertanzten, sind dabei beobachtet worden. Gleich darauf fand die Vereinigung des neuen Vulkans mit Nea-Kaimeni statt, während im Südwesten dieser Insel noch ein andres Riff aus dem Wasser emporbrodelte, das ebenfalls stetig an Höhe und Umfang heranwuchs und den Namen„Aphroessa" erhielt. Im Mai war auch dieses in Zusammenhang mit Nea-Kaimeni getreten. Inzwischen war der Georgias nicht unthättg geblieben. Mehr- fache Ausbrüche von glühenden Steinen und Aschen waren auS seinem Scheitel erfolgt, jedoch ohne daß es zu einer eigentlichen Krater- bildung gekommen wäre. Diese Massen wurden aus Spalten heraus- geschleudert, die den Berg in nordsüdlicher Richtung durchzogen. Im August kam daim eine Krateröffnung zur Entstehung, welche Lavamassen aussandte, die viel zur Vergrößerung des Eilandes bei- trugen, in der Gestalt 1 Kilometer langer Ströme, die aber 100 bis 200 Meter Dicke besaßen. Im Laufe der darauffolgenden Jahre wiederholte der Georgios diese Ausbrüche, und im Herbst 1870 war Nea-Kaimeni etwa viermal größer geworden, als vor Begüm der Eruptionsphase von 1866. Aehnlich wie die Geschichte Sabrinas ist diejenige der Insel Julia oder Ferdinandea, deren Geburt in das Jahr 1831 fällt. Am 28. Juni stiegen unweit der Küste von Sizilien, zwischen dieser und Pantellaria, gewalttge Rauchwolken aus dem Meere auf, das Wasser wurde bergartig aufgetürmt, und am 18. Juli kam die Insel zuerst zum Vorschein, aus deren Krater ständig Aschen und Schlacken ausgeworfen wurden. An der betreffenden Ausbruchstelle war durch Lotungen kurz vorher eine Tiefe von etwa 200 Meter gefunden worden. Die Rauchsäule wurde immer mächtiger und soll bis 500 Meter hoch in die Lüfte aufnesttegen sein, die Insel nahm immer mehr zu; im Anfang August hatte sie einen Umfang von 4800 Meter. Aber bereits Ende September war das nur aus aus- geworfenen losen Massen und nicht etwa aus Laven zusammengesetzte Eiland wieder auf 700 Meter Umkreis reduziert, bei 33 Meter Höhe, und Ende Dezember war es völlig verschwunden. Die betreffende Stelle blieb aber ziemlich seicht und zeigte lange Zeit hindurch nur einen Wasserstand von 2 Meter. 32 Jahre später erfolgte ein neuer Ausbruch im Juli 1863. Eine Insel von 60 bis 80 Meter entstand, hatte aber alsbald das gleiche Geschick wie ihre älteste Schwester. Und abermals, im Oktober 1891, regte sich hier die vulkanische Macht. Durch heftige Erderschütterungen wurde Pantellaria betroffen, während wenige Kilometer davon, im Nordosten eine wohl 1 Kilometer lange Barre heißer Lavablöcke auf dem Meeresspiegel erschien, die Rauch und Dampf unter zischenden Ge- räuschcn von sich gaben. Nach zwölf Tagen kam alles wieder zur Ruhe. In der Bering-Sce ereignete sich im Frühjahr 1796 folgendes: Im Archipel der Aleutcn kam unter erdbevenarttgen Erscheinungen und donnerarttgem Getöse eine dampfende Gcsteiusmasse zum Vor» schein, die zur Insel heranwuchs und aus deren Krater Steine 30 Meilen weit, bis Unnak, geschleudert wurden. 1806 besuchte Langsdorf die dortige Gegend und beschrieb das Eiland alS pfeilerartiges Gebilde mit senkrechten Wänden. 1817 hatte es einen Umfang von 2Vz Meilen, 850 Fuß Höhe und einen drei Meilen in die See sich hinein erstreckenden Rand von Bimssteinen. Damals wurde es auch mit einen, Namen belegt und Joanna BogoSlova genannt. Tebenkof sah den neuen Vulkan im Jahre 1832 und berichtete, derselbe hätte nunmehr 1500 Fuß Höhe bekommen, sei von pyramidaler Gestalt und bestände auS einer An» zahl steiler Klippen, die aussähen, als müßten sie jeden Augenblick zufammenbrechc». So blieb im wesentlichen die Gestalt des Feuer» bergeS, bis ,hm im September 1883 ein Genosse erstand, der qualmend und dampfend in seiner Nachbarschaft auS dem Wasser emporkam, seinen Bruder bald an Umfang überragte und innerhalb kurzer Zeit zu einem spitzen Kegel von 800—1200 Fuß Höhe heran- wuchs. Dieses neue Ungetüm erhielt den Namen„New-Bogoslov". während von andrer Seite„Grewiugk-Vulkan" zu Ehren dcö Forschers Grewingk vorgeschlagen wurde. Die Offiziere deS amerikanischen RcgierungSdampfcrs.Corwin" besuchten den Vulkan am 21. Mai 1884 und waren die ersten, die ihren Fuß auf seine Felsen gesetzt haben. Sie maßen die Höhe des Berges, etwa 500 Fuß, und stellten die Lage der kraterähulichcn Spalte fest, aus der Schwefeldämpfe, Wasserdampf und� noch andre Dinge hervorkamen. Die Spalte befand sich etwa im obersten Drittel des Berges, von dessen Gipfel gleichfalls Dampfmassen aus- gesandt wurden. Allmählich bildete sich auch eine Art Landbrücke heraus, die den alten Vulkan mit deni neuen verband, doch der- schwand diese wieder und war im Jahre 1891, wo beide Berge wieder durch die See von einander getrennt waren, nicht niehr zu beobachten.— I. W i e s e. kleines feuilleton. — Die Messe von Beancaire. Der„Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: In jedem Jahre Ende Juli findet, wie nun schon seit mehr als ö Jahrhunderten, in dem kleinen, an der Rhone gelegenen Städtchen Beaucaire eine große Mcjse statt. Sie ist, so erzählt ein Mitarbeiter des„Journal des Debats", ein schwacher Abglanz der früher so berühmten Messe, zu der oft 399 999 Fremde pilgerten. Die Messe von Beaucaire datiert aus dem Anfang des 13. Jahr- bunderts. Durch die zahlreichen Privilegien, welche ,hr durch die Fürsten verliehen wurden, wurde sie bald eine der hervorragendsten Messen, die die Bedeutung derjenigen von Medina del Campo, Sinigaglia, Nifhnij Nowgorod und Leipzig noch übertraf. Als im Jahre 1721 die Pest dort fürchterlich wütete, versuchten die Rivalen Beaucaires, diese Heimsuchung auszunützen, und bemühten sich, die Messe nach einem andern Ort zu ziehen. Aber alles war vergebens, im Gegenteil, Beaucaire erhielt noch weitere Privilegien. Als die französische Revolution die ausländischen Kunden fernhielt, fand die Messe in dem jungen General Bonapartc einen neuen und eifrigen Beschützer. Nach den Berechnungen von Thierriat wurden hier im Jahre 1799 für etwa 49 Millionen Geschäfte abgeschlossen. Doch bleibt diese Zahl noch weit hinter der Wirklichkeit zurück. Die Messe wurde stets am 22. Juli eröffnet. Während ihrer Dauer hatten die Bewohner der Stadt sämtliche nur irgend verfügbaren Räume an die herbeiströmenden Fremden vermietet, sie selbst wohnten in den Kellern, auf den Dachböden, ja sogar auf freiem Felde, während sie für ihre Zimmer, ja selbst für die kleinsten Winkel in ihren Häusern fabelhafte Summen einnahmen. Zer- streuungen aller Art fehlten nicht; es gab einen ganzen Ver» gnügungspark: Possenreißer, Marioncttenspieler, Seiltänzer, ein gut eingerichtetes Theater, Ballspiele und jeden Abend Feuer- werk auf der Rhone. Besondere Anziehungskraft auf die Fremden übten auch die vor den Cafes als Lockniittel postierten„Damen", die von den Wirten zu hohen Preisen während der Dauer der Messe engagiert waren. Aber nichts bat den endgültigen Verfall der Messe aufhalten können. Seit dem Jahre 1845, mit dem Erscheinen der ersten Eisenbahnen, fing die Messe an, an Bedeutung zu verlieren. Der Präfekt des Departements Gard, H. d'Arcy, war der letzte, der es noch einmal, wenn auch vergebens, versuchte,„der europäischen Julimcsse", auf der die ganze Welt sich Rendez-vous gab, neues Leben einzuflößen. Noch heute entsteht in jedem Jahr im Monat Juli hier an den Ufern der Rhone eine große Zelt- und Barackenstadt. Aber wenn auch die zahlreichen Belustigungen und Cafes nicht fehlen, so sind doch die ernsten Geschäfte von dort verschwunden.— ie. Die Auferstehung des Mocris-TeeS. Der jetzt verschwundene Moeris-See nahm im Altertum die Niederung des Fajum ein, dic� etwas südlich von Kairo 49 Meter unter dem Meeresspiegel auf der linken Nilscite gelegen ist. Heute findet sich dort nur noch cm zeitweise wasserführender Sumpf, das Birkct el Kerun. Schon im Jahre 1888 hatte ein Engländer den Vorschlag gemacht, diese Einsenkung zur Aufstauung der Nilflut zu benutzen und dadurch einen großen Wafscrvorrat zur Bewässerung der umliegenden Ländcreien während der Trockenzeit zu gewinnen. Jetzt hat der Schöpfer der ungeheueren Bewässerungsanlagen bei Assuan und Assiut, William Wilcocks, diesen Plan wieder aufgenommen, da es sich herausgestellt hat, daß noch immer Stauwasser nötig wäre, um noch eine Million Hektar Land mit dem unentbehrlichen Naß zu versorgen, da eine solche Fläche bei den jetzt vollendeten Anlagen noch unberücksichtigt geblieben ist. Der Wert Aegyptens als Acker- bauland würde nach den aufgestellten Berechnungen dadurch um etwa 1299 Millionen Mark gesteigert werden. Wilcocks will den Wadi Rajan, der sich südlich von dem eigentlichen Fajum hinzieht, in ein Staubecken verwandeln, das nicht nur die noch fehlende Wasscrmengc zu liefern, sondern auch einen wirksamen Schutz vor den Gefahren einer zu starken Nilflut zu gewähren vermöchte, durch die das ganze Land schon oft in Not und Gefahr versetzt worden ist. Früher konnte gegen den Plan, den Moeris-See wieder auferstehen zu lassen, eingewendet werden, daß die betreffende Gegend zu tief läge und daher nur ein verhältnismäßig geringer Teil ihres Wassers zum Abfluß gebracht werden könnte. Jetzt aber Ivürdc eine solche Leistung bereits genügen, da die Stauwerke bei Assuan und Assiut so viel Wasser liefern, daß nur noch eine Er- gänzung in Frage kommt. Die für die Schaffung des künstlichen Sees notwendige Zeit wird von Wilcocks auf 3'/-— 4 Jahre, das erforderliche Kapital auf 49— 52 Millionen Mark geschätzt, je nachdem der See eine Fläche von nur 799 oder 1899 Quadratkilometern erhält.— Technisches. »--Neues Verfahren der Eisenhärtung. Die Haupterfordernisse eines guten Stahlhärtemittels sind: Schnelle ! und intensive Härtung, deren Grad man in der Hand behalten mutz, das Härtemittel darf ferner den Stahl nicht angreifen, so daß er nicht rauh wird, und beim Ablöschen sollen die Gegenstände keine Nisse erhalten. Zur Härtung von Eisen und weichem Stahl ist es erforderlich, ihm Kohle zuzuführen, was durch Glühen mit kohlenstoffhaltigen Körpern, wie Blutlaugensalz, Hornmehl, oder mit freiem Kohlenstoff und gewissen Zuschlägen unter Luftabschluß geschieht. Neuerdings sind zur Kohlung auch die leicht zugänglichen Karbide, insbesondere Calciumkarbid verwendet worden, wobei man annahm, daß diese bei Glühhitze zersetzt werden, was bei Gegen- wart von Eisen auch wenigstens teilweise der Fall ist. Ein sehr interessantes Härteverfahren für Eisen und Stahl hat die Feuer- feste Industrie in Düffeldorf in die Industrie eingeführt. Es ist dadurch gekennzeichnet, daß die Karbide nicht allein, fondern mit solchen Zuschlägen zur Anwendung kommen, welche die Karbide zer- setzen. Dies hat außerdem noch den Vorteil, daß die Reaktion zwischen dem Kohlenstoff und dem Eisen, also die Kohlung des Eisens, schneller vor sich geht. Es wird z. B.: Siliciumkarbid mit Natriumsulfat gemischt und das Gemisch auf noch kaltes Eisen oder Stahl aufgebracht und dann mit diesem geglüht, oder die vor- her glühend gemachten Eisen- oder Stahlstücke werden mit dem Gemisch bedeckt. Das Verfahren gestattet bei sehr kurzer Glüh- dauer jeden gewünschten Härtegrad zu erzielen; die Schnelligkeit der Härtung ist so groß, daß sie gestattet, dünne Gegenstände ein- seitig zu härten. Selbst Bleche von 2— 3 Millimeter können in kurzer Zeit auf der einen Seite so hart gemacht werden, daß sie von den besten Werkzeugen aus naturhartem Stahl nicht mehr zu bearbeiten sind, während die Rückseite noch völlig weich ist. Sehr gut bewährt hat sich das Universal-Stahlhärtemittel außer bei Werk- zeugen, Stempeln, Pressen und andrem, für die Härtung von Zieh- ringen bei der Fabrikation von Rohren und Hohlgeschossen. Es gelingt, die Arbeitsflächen der Ringe bei verminderter Zähigkeit derart zu Härten, daß das zehnfache Quantum Rohre bei genauem Durchmesser gezogen werden kann wie bisher.— („Technische Rundschau".)s Notizen. — Das l ä n g st e Z e i t u n g s t e l e g r a m m, das jemals über den Draht gelaufen ist, will der„Glasgow Herald" vom 2. August erhalten haben. Es handelte sich um etwas Kirchliches. Man erwartete die Entscheidung des House of Lords in dem Appell der Free Chnrch für Anfang August; und da alle Kirchen auf diesen Entscheid und seine Details außerordentlich gespannt waren, ließ sich der„Glasgow Herald" sämtliche im House of Lords am 1. August in dieser Sache gehaltenen Reden im genauen Wortlaut und im Anschluß daran auch noch Interviews darüber mit hervorragenden Geistlichen telegraphieren. Das Telegramm, das die Reden allein enthielt, umfaßte 49 999 bis 59 999 Worte. In dem üblichen Format der deutschen Zeitungen würde ein solches Telegramm 19— 12 volle Seiten eingenommen haben.— — Das dreiaktige Schauspiel„ Wacht m ei st er Neuwirt" von Sofie v. Schön wies wird morgen(Sonnabend) seine erste Aufführung im Wiener Raimund-Theater erleben.— — Im Februar wird die Pariser Comedie Franyaise ein noch ganz unbekanntes Stück von Victor Hugo aufführen: „Warum sie speisen?" Ferner soll„M a r i o n D e l o r m e" in Scene gehen, das seit 1873 in Paris nicht mehr zur Darstellung gebracht worden ist.— — Der Architekt August Endel! wird Mitte September in Berlin eine Schule für F o r m k u n st eröffnen.— — Der Sammler S i k o r a hatte auf Madagaskar, wo er mit Unterstützung der Wiener Akademie der Wissenschaften Forschungen anstellte, Knochen entdeckt, die nun im naturhistorischen Hofmuscnm zu Wien sich befinden. Der Kustos Dr. v. Lorenz er- stattet nun folgende Mitteilung: Diese Änochenrcste stammen von R i e s e n l e m u r e n, welche einst auf der Insel lebten, die reich an Halbaffen ist. Während die heutigen Lemuren nicht viel großer als starke Katzen werden, hatten die Lemure», deren Reste auf- gefunden wurden, ungefähr die Größe eines Orangutangs. Die Zähne übertreffen sogar die des Gorilla und der Schädel gleicht dem eines Nashorns. Es sind drei Schädel vollständig erhalten, außer- dem Reste von sechs unerwachsenen Individuen.— — Hamburg hatte im Jahre 1992 einen Gesamt-Seeverkehr von 17 129 999 Tonnen. In Ivcitem Abstände folgen Bremer- Häven mit 2 992 999, Stettin mit 2 497 999, Bremen mit 2 134 999, Da nzig-Ncn fahr wasser mit 1 341 999, Kiel nüt 1 126 999 und Lübeck mit 1 969 999 Tonnen.— — In Camaran, der Ouarantäuestaffon der von Süden nach Mekka kommenden Pilger, sind seit dem 39. September 1993, d. h. seit Ankunft des ersten Schiffes der jüngst abgelaufenen Pilgerfahrt, bis zum 19. Februar 1994, dein Tage der Abfahrt des letzten Schiffes, den„Veröffentlichungen des kaiserlichen Gesundheitsamtes" zufolge, ini ganzen 32452 Pilger beherbergt worden. Der Nationalität nach befanden sich unter den Pilgern u. a. 15 855 Inder, 9166 Javaner, 2632 Malaien, 795 Perser, 682 Afghanen.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 21. August. Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaustaltPaul Singer kkCo., Verlin SW.