Unterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 169. Sonntag, den 23. August. 1904 (Nachdruck verdaten.) 11] Die flucht, Voil K. Bagrynowski. Schon vor einigen Tagen hatte Krassuski, um keine Zeit gu verlieren, seine Betten in die Kammer gebracht, die an die Werk- statt stieß, und nächtigte hier. Eben hatte er den Thcekessel aus den Herd gestellt und sich traurig und abgearbeitet auf den Bettraud geseht. Wie ein Specht hämmerte immer der- mir etwas von dieser Oual loszumachen, als Plötzlich die Thür weit aufging und dann so heftig zuschlug, daß die Erde von den Wänden der Jurte abbröckelte. „Vorsicht! Wer ist da?" rief er aufgebracht. Statt aller Antwort hörte er das Klirren des nieder- fallenden Thürhakens und das Rauschen von Frauenkleidern. Er sprang fast entsetzt auf und eilte mit dem Lichte in das Nebenzimmer. „Wer ist da?" „Still! Ilm Eottcswillcn! Netten Sie mich! Mein Mann!" Das Tuch gab den Kopf der Eingetretenen frei und Krassuski erkannte— die Frau des Lehrers. „Sie! Was fehlt Ihnen? Sie sind ganz mit Schnee bedeckt... Ihr Mann ist nicht hier? Hat ihm jemand etwas gethan? Der Jsprawnik vielleicht?" „Oh ja, sicher der Jsprawnik. Er ist Denisoff gram. weil dieser jetzt zur Partei des Adjunkten gehört. Er hat mich ausspionieren lassen, ich bin verraten. Mein Mann hat mich bei ihm überrascht... Ich hatte kaum Zeit, mich zur andern Thür hiiiauszuretten... Oh, mein Gott! Hören Sic! Da ist er!" In demselben Augenblick klopfte es ungestüm an die Thür. „Gnade! Ich beschwöre Sie bei allem. waS Ihnen heilig ist, verraten Sie mich nicht!... Er ist betrunken... Er wird mich totschlagen... Er ist furchtbar!... Verlangen Sie als Lohn was Sie wollen! Nichts, nichts soll Ihnen ver- sagt bleiben!" stammelte die Frau totenbleich. „Gehen Sie hier hinein!" Er zeigte auf die Kammer und schloß die Thür hinter ihr: dann ging er, ohne sich zu beeilen, zum Eingang, der immer heftiger bestürmt wurde. „Wer ist da? Hören Sie gefälligst auf!" „Mach' auf oder ich reiße das Haus ein... Meine Frau, meine Frau ist hier! Ich hab's gesehen! Mach' auf,.Du Vagabund— Tu Dieb! Vor mir kannst Tu Dich nicht ver- kriechen." Er erkannte die Stimme des Lehrers. „Holla! Halten Sic vor allen Dingen Ihre Zunge im Zaume!" Er stellte das Licht auf den Amboß und hakte die Thür auf, die heftig aufgerissen wurde. Aus der Schwelle stand der über und über mit Schnee bedeckte Lehrer: seine Kleider waren in der größten Unordnung. „Aha, so bist Du, Tu elender Moralprediger! Wo ist sie!.Her mit ihr! Euch beide will ich im Namen des Ge- sctzcS— hier— auf der Stelle..." Sein betrunkener Blick irrte durch die Stube, über die Gerätschaften hin, nach irgend einem Werkzeuge suchend. „Polikarp Sylwestrowitsch! Sie sind betrunken!" sagte Krassuski, sich mit Gewalt zusammennehmend.„Ich rate Ihnen, sofort nach Hause zu gehen. Sicherlich werden Sie Ihre Fran dort finden." .Mein, ich geh' nicht! Ich will nicht! Nicht eher, bis ich hier alles durchsucht habe... Zum Narren halten laß ich mich nicht!" „Sie werden hier keine Haussuchung vornehmen. Das müssen Sie sich aus dem Sinne schlagen. Sie werden nach Hause gehen, denn ich bitte Sie inständigst darum." „Wie, ich soll keine Haussuchung vornehmen?" Meine Frau ist hier..» Und weißt Du, was ich mit Dir anfangen will? Ich will einen Kreis ziehen— mit Kohlen, will Dich sangen und mitten hinein setzen, bis Du bis an die Hüften in der Erde steckst... So!" Er trat einen Schritt näher, aber Krassuski kam ihm zuvor, umschlang ihn, drückte ihm die Arme fest an den Leid und stieß ihn nach einem kurzen Hin- und Herzerren zur Thür hinaus. Er hakte sie fest und zog schnell seinen Pelz an. Der Frau sagte er kein Wort, und verstand nicht einmal recht, was sie ihm zuflüsterte. Er behielt nur. die Worte:„bis in den Tod!" Das Klopfen und Stürmen hörte draußen nicht auf, aber nian hörte keine Flüche mehr, sondern Schluchzen und Klagelaute. „Ich Hab' Dir zu essen und zu trinken gegeben, wie einem Freunde, und Hab' Dir erzählt, was Du wissen wolltest, lind ich Hab' sie so sehr geliebt... Und Sie... Sic haben mich rausgeschmissen!" Als Krassuski das Haus verließ, sah er den Lehrer in einiger Entfernung im Schnee sitzen und sich wehmütig hin- und herwiegcn. „Ich Hab' Dir zu essen und zu trinken gegeben, wie einem Freunde..." „Stehen Sie auf! Kommen Sie! Tie Glieder werden Ihnen abfrieren." „Wohin soll ich denn gehen, wenn sie mich betrogen hat. Die Kosaken haben gesagt, sie sei zu Denisoff, aber ich hab's. deutlich gesehen, wie sie hierher..." „Ich versichere Sie, wir werden Ihre Frau zu Hause vorfinden." „Nein, nein! Ich will bis an den jüngsten Tag hier sitzen! Sie müßten mir denn schwören, mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie sie nicht geliebt haben..." „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich sie nicht ge- liebt habe." sagte Krassuski ernst.„Kommen Sie, ziehen Sie die Handschuhe über, setzen Sie Ihre Mütze aus und schütteln Sie sich den Schnee ab. Wie kommen Sie auf den Gedanken, daß ich Ihnen Ihre Frau verführe? Verkehre ich denn so viel. bei Ihnen? Haben Sic was gemerkt?" „Warum bist Tu denn früher immer gekommen und hast in einem fort von den Bergen geredet? Von den Bergen! Oh, ich kenne meine Pappenheimer, ich laß mir nichts weiß machen!" Wieder brauste er auf und versuchte sogar, Krassuski zu widerstehen, der ihn fest unter den Arm gefaßt hatte und mit sich fortzog. „Ich Hab' gesehen, daß sie Dir gefiel," begann er wieder mit kläglicher Stimme, als sein Widerstand erfolglos blieb, „und hier machen's alle so! Je schlimmer, das ist, was sie im Schilde führen, desto seltener lassen sie sich sehen. Ich kenne meine Pappenheimer... Und sie gicbt mir dann immer so viel Schnaps, wie ich haben will!" Eine plötzliche Mattigkeit überkam ihn, sein Gang lvnrde immer schwankender, und es verstrich eine geraunre Zeit, ehe Krassuski ihn nach Hause bringen konnte. Zum größten Erstaunen und zur Freude des Lehrers wurden sie von seiner Frau empfangen, die ihren Anzug schon wieder geordnet hatte, und ihnen freundlich zu- lächelte. „Ach, Du ekelhafter, unausstehlicher Trunkenbold, wo bist Tu nur so lange gewesen? Ich Hab' Leute ausgeschickt und Dich suchen lassen. Und wie durchnäßt� er ist, wie schmutzig! Wo hast Du Dich umhergetrieben? Es ist der reine Jammer mit ihm... Erst betrinkt er sich, dann bildet er sich was ein und läuft lvcg— weiß selbst nicht, wohin.» � Macht mir Eifersuchtsscenen, traut mir alles mögliche zu... Dann sieht jede Frau gerade so aus wie ich... Und ich muß ihn suchen und dann ausziehen wie ein kleines Kind, und er wird mir zum Dank die Haare ausraufen. Ich versichere Sie... Ich will Ihnen einen ganzen Haufen davon zeigen, den er mir das letzte Mal ausgerauft hat, ich bewahre sie zum Andenken ans.". „Glaub' ihr nicht. Sie gehen ihr von alleine aus,■ lächelte der Lehrer schon beschämt. Krassuski wollte sich verabschieden, aber sie ließen ihn beide nicht fort. „Ich beschwöre Sie, bleiben Sie! Ter ParoxismuS muß sich jeden Augenblick wiederholen. Dann geht er mit der Flinte auf jeden Menschen los! Wen sollte ich zu Hilfe rufen? Ich versichere Sie, ich bin nur zu Ihnen geeilt, zu meinem einzigen Freunde, um Sie um Beistand anzuflehen. Ich weiß selbst titcfjf, Kas ich zu Ihnen gesprochen habe, aber er drohte, er würde mich totschlagen. Ich war halb wahnsinnig vor Angst.".1 Mr war ganz stumm vor Erstaunen über ihre Verlogen- heit, aber zugleich beschlich ihn ein Gefühl tiefer Beschämung. f£r erinnerte sich, wie er vor nicht gar langer Zeit ohne Ab- scheu an ein Verhältnis mit dieser munteren, hübschen Frau gedacht hatte. Fetzt wußte er, daß es ihm ein für allemal unmöglich geworden war, den Helden ähnlicher Abenteuer zu spielen, daß der letzte lleberrest jeglicher Lüge unwider- ruflich aus seiner Bnist verschwunden war, jener Art Lüge. die selbst von den edelsten der ihm bekannten. Menschen der- ziehen wurde. Nein, nie wird er ein Weib besitzen, das er nicht von ganzem Herzen liebt! Und nie mehr, unter keiner Bedingung, wird er eine Unwahrheit sagen. 9. Dies Fahr war für die Einwohner von Dschurdschnj un- gewohnlich reich an Ereignissen. Noch war das letzte Echo des Abenteuers der Frau Lehrer nicht ganz verklungen, als eine neue Kunde kam, die übrigens niast nur Dschurdschnj, sondern das ganze russische Reich bis in seine tiefsten Tiefen hinein erschütterte. Der Kosak, der ihr Bote war, stürmte wie besessen von Ort zu Ort. Seinen Weg zeichnete er mit den Leichen der Pferde, die er zu Tode ritt, ließ sich von den Einwohnern neue geben und raste weiter, indem er im Sattel schlief und nur so viel aß, als er während des Um- sattelns zu sich nehmen konnte. In fünf Tagen hatte er nahezu tausend Werst zurückgelegt. Endlich hielt er am Rande des Abhanges, von dem er das Städtchen erblicken konnte. Es war nur noch eine Meile bis dahin. Aber die tief über die Berggipfel herabhängenden Wolken, der in den Thälern aufwirbelnde Schnee und die schwankenden Lärchen- Wipfel unter ihm sagten dem Kosaken, daß er noch ein hartes Stück Weg vor sich habe. „Wollen wir nicht ins Torf abbiegen, es ist hier ganz nahe," lockte sein Wegweiser. „Was fällt Dir ein? Esel!" Er ließ den Führer vom Pferde steigen, das besser war vis das feinige, überließ ihm sein Gepäck und sprengte mit verhängtem Zügel davon. Unten aber, im Thale, erhob sich einer jener Frühlings- stürme, die daherbrausen, als träfen alle Winde, die sich in den Schluchten verborgen hielten, hier zum letzten, ent- scheidenden Kampfe zusammen. Zuerst brach einer hervor und strich mit sicgesgewisscm Trompetenton. den letzten Schnee von den Wäldern schüttelnd, über die erwärmte Ebene. Aber noch hatte er die Mitte nicht erreicht, als ein andrer aus dem Walde sprang, sich an ihm festklammerte, ihn um und um wirbelte, nach der andern Seite riß, und alle beide dann eng- verschlungen, heulend und miteinander ringend weiter eilten. Schon hatten sie fast das ganze Thal in ihrem Besitz, schon waren sie den gegenüberliegenden Bergen ganz nahe, als sich eine flache, breite Luftlawine von dort herabwälzte, sie heim- tückisch unterwühlte und emporschleuderte. Plötzlich blähte sich der Schneesturm auf, wand sich in tollen Wirbeln und teilte sich in tausend Stürme und brausende Winde. Einer Heerschar von weißen, zottigen Gespenstern gleich, wälzten sie sich heulend, pfeifend, rufend, einander fassend und wuchtige Schläge versetzend, durch das Thal, indem sie auf alles, was sie auf ihrem Wege antrafen, lange Schneestreisen abschössen, die niedersausten, wie ein Hagel von Pfeilen. Ülnter der Wucht ihrer Ricsenleiber ächzte und bog sich der Wald wie schwaches Rohr. Die Schluchten und Bergwände heulten, und die mit fortgerissenen Wolken brodelten wie siedendes Wasser, und stiegen auf oder senkten sich, um sich mit dem Schneegestöber zu vermengen. Als diese wütende Sturmwoge gegen den Kosaken anprallte, stöhnte das Pferd unter ihm auf und wankte, er selbst aber schlug das Kreuz. Bald wußte er nicht mehr, wo er war und wohin er sich wenden sollte. Der Wind peitschte ihn von allen Seiten, sprang sogar von unten an ihm hinauf, denn die zu Boden geworfenen Stürme schlagen nach oben aus, indem sie ganze Säulen von zu Staub geriebenem Schnee cmporschleuderten. Zuweilen, wenn alles plötzlich einen Augenblick still war, sielen große, ffchtvere, weiße Flocken tonlos aus den niedrig ziehenden, schwarzen Wolken. Dann zog der Kosak den Lederschurz seines Eapuschons vom Gesicht und sah sich forschend um und »as Pferd rieb sich an dem vorgestreckten H'.f sorgfältig das Vis aus den Nüstern. Aber das dauerte nur einen kurzen Moment: gleich darauf wurden sie wieder von dem weißen, kalten, unerbittlichen Wirbel erfaßt. Das Pferd keuchte, witterte den Weg, und der Kosa? beieke. Sie waren üeide schon halb erstarrt, als das Tier endlich stehen blieb und leise wieherte. Ruhevoll stand in dem treibenden Schneegestöber ein dunkles, hohes Haus mit einem spitzen Dache dicht vor ihnen. Der Kosak bekreuzigte sich wieder, denn er fürchtete, es sei ein Wahngeblld, aber er stieg doch vom Pferde, stampfte durch den Schnee und schlug mit Händen und Füßen an die Thür. Nachdem er lange geklopft hatte, öffnete sich dieselbe und das verwunderte Gesicht des Hausknechtes sah heraus. „... Aus dem Gouvernement!... Der Kaiser ist er- mordet! Hol' den Bezirkshauptmann!" (Fortsetzung folgt. j: lNachdruck verboten.) Jan Hambur. Von Chriel Buysse. Autorisierte Uebersetzung von Rhea Sternberg. Frage den Erstbesten im Torf, wer Fan Tambur ist, und er wird Dir antworten: ein Trunkenbold, der im Rausch sein Hausgerät zerschlägt und Frau und Kinder mißhandelt. ES ist etwas merkwürdiges mit dem allgemeinen schlechten Ruf. Denn ich weiß es ganz bestimmt, daß Jan Tambur viel weniger trinkt als die meisten andern Dorfbewohner, daß er nie etwas zer- schlägt in sc nem Hau'e und daß er Frau und Kinder nie mißhandelt. Aber Jan' ambur ig ein Spaßvogel, ja, das ist er. Er ist Schuhmacher vc.i Berus. Er wohnt in dem kleinen Giebel- Häuschen, mitten an rer großen Dorfstraße, gerade gegenüber der Gasse, wo einige arme Familien Hausen, und wo auch ganz am Ende, die Gasse abschließend, der taubstumme Schneider wohnt. Der Fußboden von Hans Häuschen liegt tiefer als die Straße. Drinnen riecht es stark nach Pech und Leder, und überall an den Wänden hängen große und kleine, schwarze, braune und gelbe drollig geschnittene und gekerbte Ledcrlappcn, von denen einige noch etwas von den Körpcrformen der Tiere bewahrt haben, aus deren Fell sie geschnitten sind. Vor dem lleinteiligen, bleigefaßten linken Fenster sind die farbigen Stiefel, Schuhe und Pantoffel verlockend glänzend zum Verkauf ausgestellt. Vor dem rechten Fcnsterchen sitzt Jan Tambur bei seiner Arbeit. Sein ganzes Werkzeug liegt auf der breiten Fensterbank und dem Arbeitstisch um ihn her. Er schneidet, sticht, näht und klopft, den Kopf über die Arbeit gebeugt, mit schnellen, gewandten Be- wcgungen. An der rechten Wand hängen zwischen dem Leder Käsige mit verschiedenen Vögeln: ein Fink, ein Zeisig, zwei Kanarienvögel, zwei Staare und eine Drossel. Auf der Fensterbank hüpft flatternd zwischen allerlei Gerätschaften, Glasscherben und Lederschnipseln eine zahme Dohle frei herum. Und in einem Körbchen sitzen zwei ganz kleine graugclbe, rauhhaarige Hündchen, WhiSly und Gin genannt. Die hat Jan von seinem Bruder aus Amerika geschenkt bekommen. Jack Tambur ist etwa sechzig Jahre, alt, er ist hager und von kleiner Gestalt, das Gesicht voller tiefer Runzeln, mit scharfer Nase und schlauen, durchtriebenen, hellblauen Augen. Sein Kopf erinnert an einen Vogellopf, und während er sich über seine Arbeit neigt, und der schwer herabhängende graue Schnurrbart den Mund fast ganz verbirgt, scheint er beständig ein leises Vogellied zu flöten. Die Tiere um ihn her sind alle seine guten Freunde, und ich glaube, daß er ihre Sprache versteht. Ab und zu schwatzt das eine oder andre in seineni Korb oder Käfig etwas, dann sieht der fleißige Jan ver- ständnisvoll von seiner Arbeit auf und antwortet. Mit der Dohle steht er auf besonders intimem Verkehrsfuß. Spricht er sie an, so lauscht sie aufmerksam mit zur Seite geneigtem Kopf, und eine tiefe Intelligenz leuchtet aus ihren runden Augen. Auch Gin und Whisky scheinen ihn wohl zu verstehen. Sie richten sich in ihrem Korb auf, strecken die Hälse und beginnen zu zittern, wenn er mit ihnen spricht, und unter- leisem Knurren versprechen ihm_ die wässerigen Augen und gespitzten Ohren Freundschaft und Gehorsam. Doch während Jan vom frühen Morgen bis zum späten Abend dort am Fenster sitzt und arbeitet, denkt er darüber nach, was er wohl für Späße ausführen könnte, um sich die Langeweile ein wenig zu vertreiben. Neben ihm im Winkel steht im Bereich der Hand sein langes hölzernes BlaSrohr. Damit geht er wohl manchmal Sonntags aufs Feld oder in den Wald, um Vögel zu schießen. Er schießt sie nicht etwa tot, er betäubt sie nur mit kleinen weichen Thonkugeln. � So hat er seine beiden Staare und die Dohle gefangen. So amüsiert er sich auch ab und zu, indem er auf die Straße hinausschießt. In einem der kleinen Scheibchcn seines Arbeitsfensters ist ein kleines Loch. Es ist mit einem Stückchen Hellem Lcder verhängt, und niemand kann es von draußen sehen. Ist er in spaßiger Laune— und das passiert gar oft— so nimmt er das Lcderchen fort, legt sein Blas» rohr an und pustet eine Thonkugcl auf die Straße. Seine Zielpunkte sind verschieden. Bald sind es cm paar Frauen, die endlos lange vor der Thür stehen und schwatzen, bald eine Schar Jungen, die in dem Rinnstein spielen, bald eine Alte, die mit Mühe ihren Schubkarren fortschiebt. Ganz unerwartet pufft das weiche Kügclchen auf ihre Hand oder ihre Backe, ein Angst» schrei ertönt, erschrockene Augen blicken auf, und niemand kann sich vorstellen, woher das wohl gekommen sein mag. Denn niemand denkt an Jan Tambur, der wieder fleißig an seinem Fenster sitzt und auf seinem Stiefel herumhämmert. Doch seine beiden vornehmsten Opfer, mit denen er schon seit Jahren seinen Spaß treibt, sind der taubstumme Schneider gerade- über und der Hund des Herrn Pastor, der zwei- oder dreimal wöchentlich mit dem Mädchen da vorbeikommt. Bei warmem Wetter sitzt der Schneider am weit offenen Fenster mit gekreuzten Beinen arbeitend auf seinem großen Tisch. Es scheint ihm in seinem kleinen Zimmer stets zu warm zu sein, denn er sitzt immer mit offenem Hemd und entblößter Brust. Leise lächelnd beobachtet ihn Jan eine Weile, um den günstigen Moment abzuwarten. Da ist er. Der Taubstumme legt die Arbeit nieder und streckt sich, um einen Augenblick aufzuatmen. Schnell fährt Jan auf, legt an und ffftl Da fliegt das Kügelchen. Wie unter einem plötzlichen Peitschenhieb fährt der Schneider empor und beginnt in seinem schönen langen Bart und auf der behaarten Brust wütend zu suchen. Unter wilden Gebärden scheint er laut rufen zu wollen und zeigt seiner ängstlich herbeieilenden Frau dann den schmuitzgcn Thon, den er unter fratzenhaften Grimassen aus dem Bart holt. Jan duckt sich lauernd hinter seinen Arbeitstisch, und wird das Fenster drüben nicht gleich geschlossen, so fliegt schnell eine zweite Thonkugcl hinüber, und der Schneider gebärdet sich nun noch wilder. Er springt vom Tisch, läuft mit seiner Frau vor die Thür, guckt un- ruhig und mißtrauisch in die Luft und auf die Nachbarhäuser, während Jan stillvergnügt sein Blasrohr wegsetzt und pfeifend wieder an die Arbeit geht. Und dann mit des Pastors Hund: Dieser begleitet die alte einfältige Magd, wenn sie da in der Nähe ihre Einkäufe macht. Eine altmodische schwarzwollene Haube auf dem Kopf, den Korb am Arm geht sie hinkend mit schaukelnden Bewegungen vorbei. Einige Schritte hinterher kommt Mouton, ein schwarzer kleiner Pudel. Jan läßt die Magd ungestört vorbei; doch: da plötzlich ein scharfes Gekläff, und wie ein Pfeil schießt der Hund der alten Magd in die Hacken, daß sie mit einem Angstschrei auf ihren unsichern Beinen zu schwanken beginnt. Was ist das nun wieder I Fast immer, wenn sie hier vorbeikommt, kläfft der Hund plötzlich los und springt ihr an die Beine I Sie streichelt das Tier und untersucht es mit Hilfe einiger andrer Frauen, die neugierig herzugekommen sind.... Nichts zu finden. Vielleicht ist's rheumatisch, der Hund wird ja schon alt. Und sie geht weiter. Aber als sie zurückkommt, wirds noch viel schlimmer mit dem Hund. Er ist nicht bei der Gasse vorbei zu bekommen. Er läuft bis zum Eckhaus und bleibt dann auf einmal unbeweglich stehen, den runden schwarzen Zottelkopf, in dem man die Augen nicht sieht, gleichsam fragend auf die Magd gerichtet. „Mouton, Mouton, komm hierher!" ruft diese ermutigend. Aber Mouton rührt sich nicht. Sein Kopf neigt sich zur Seite nach Jans Fenster, als fühle er instinktiv, daß daher das Unheil kommt. Jan hat sich hinter der Fensterbank verkrochen und kann sich vor Lachen nicht halten. Er krümmt sich und platzt schließlich dumpf heraus, daß seine Frau und seine beiden Töchter, die im Neben- zimmerchen schneidern und Hüte garnieren, herzukommen, um zu sehen, was es gicbt. „Bist Du schon wieder dabei?" fragt die Frau halb lachend, halb vorwurfsvoll den Kopf schüttelnd. Aber das Gesichr des arg- wöhnischen Pudels jenseits der Straße und das fruchtlose Bemühen der Magd sind so komisch, daß auch die drei Frauen nur gewaltsam ein lautes Lachen unterdrückten. Gin und Whisky werden unruhig, er- heben sich, entdecken durchs Fenster Mouton und beginnen schrill und spöttisch zu kläffen, auch die Dohle hüpft schreiend hin und her. Etliche Thürcn öffnen sich, und neugierige Leute erscheinen auf den Schtvellcn. „Ach. na so Ivasl Sich so vor den zwei kleinen Hunden zu siirchtenl" ruft die Magd wütend und will Mouton gewaltsam mitschleppen. Da nimmt er plötzlich einen Anlauf und angstvoll bellend und zitternd fliegt er an der Gasse vorbei. Warum nennen sie nun Jan Tmtibur einen Trunkenbold? Sein eigentlicher Name ist Jan van de Wieke, Tambur wurde er genannt, weil er der Trommelschläger in der Torfkapelle ist. Am Neujahrstage, zur Kirmes und am Tage der heiligen Eäcilia bat Jan seine einzigen Feier- und Ausgangstage im ganzen Jahr. Stolz die Trommel schlagend schreitet er dann zunächst dem Fahnenträger an der Spitze des Bläsercorps. Für nichts in der Welt hätte er diese Ausflüge preisgegeben. Keine menschliche Macht hätte ihn an diesen Tagen an dem Arbeits- tisch gehalten. Mit den Musikanten besuchte er dann die zahlreichen Schenken des Dorfs und goß mit ihnen manchen Schluck hinter die Binde. Schnell befand er sich dann stets in einem Zustand des Rauschs und der Erregung, und der Spektakel begann: ein ge- waltiges Lärmen, Keifen, Heulen, Schreien, alles öffentlich, mitten auf der Straße, so arg. daß man ihm oft Tromniel und Schlägel fortnehmen und ihn nach Hause treiben mußte. Da wurde das Gepolter dann hinter verschlossenen Thüren fortgesetzt, während das Volk horchend und schimpfend am Fenster stand. Frau und Töchter seihten und drohten abwechselnd. Jan wie ein Närrischer und widersetzte sich, es war ein betäubender Lärm unh endlich kam unter Geschrei und dumpf dröhnenden Schlägen die Ueberrumpeluna. bei der nicht, wie hinterher im Dorf erzählt ivurde, Frau und Töchter dm Schläge bekamen, sondern Jan sie von den wütenden Frauen hinnehmen mußte. Einmal habe ich ihn einen Tag nach solch einer Ausschweifung in seinem Häuschen aufgesucht. Wie gewöhnlich saß er bei seineu Arbeit, aber über dem linken Auge hatte er einen großen blau-rot- grünen Fleck, und an den verstörten Gesichtern der Frauen merkte ich, daß das Unwetter noch immer in der Luft lag. Die Frau schimpfte mit scharfen Worten auf ihn, und nebenan erklang boshaft und beleidigend die Stimme der ältesten Tochter, die noch eine ge- hässige Bemerkung hinzufügte. „Amen," sagte Jan ruhig, als seine Frau die Thür hinter sich geschlossen hatte. „Aber Jan," fragte ich in freundschaftlichem Tone,„warum trinken Sie nur so viel, so bald Sie einmal ausgehen?" Er zog die Lippen rund, als wolle er ein Liedchen pftefen. sah mit einem scharf lauernden Blick nach dem Schneider hinübeo und antwortete halblaut: „Sie Werdens mir zwar nicht glauben, Herr, aber ich will Ihnen mal was sagen. Ich Hab' gestern wieder getobt, nicht wahr? Na, wissen Sie, was ich getrunken habe? Alles zusammen vier Schnäpse und drei Schnitt den ganzen Tag. Aber ich Hab nicht dazu gegessen.— Wollen Sie wissen, was mich betrunken macht?... Nicht das Bier und nicht der Schnaps, die freie Luft ist'ch— Ja ja, lachen Sie nur,'s ist, wie ich's Ihnen sage, die freie Luft.— Ich fühl's gleich, wenn ich rauskomme. Ich sitze hier tagaus, tagein. und sobald ich rauskomme, bin ich betäubt. Ein oder zwei Gläschen. und ich bin weg! Aber das schad't mir nichts, Herr. Ich brauch das so ab und zu für meine Gesundheit. Das hält mir den Doktor aus dem Haus." Ich mutzte lachen. Die Vögel begannen in ihren Käfigen zu piepsen und die Dohle schlug mit Fuß und Schnabel gegen die Stäbe. „Was erzählt Ihr Euch?" rief Jan schalkhast.„Was? daß ich gestern wieder besoffen war?'s ist wahr. Aber schweigend Nicht im Dorf darüber reden. Sonst mutz ich's noch dem Herrn Pastor beichten." Er lachte in Erinnerung an all seine übermütigen Spähe, und wieder beobachtete er mit listigem Blick ein Weilchen sein Gegen- über. „Aber wissen Sie, was das ärgerlichste ist, Herr?" schloß ev seine Erwägungen,„jeder im Dorf sagt, daß ich ein Trunkenbold bin. weil sie mich immer so sehen, wenn ich auf der Straße bin. Aber der da, der Taubstumme, sitzt ganze Tage betrunken auf seinem Tisch, ohne daß es jemand weih." „Ach was," sagte ich ungläubig. „So wahr ich hier sitze, Herr!" rief Jan, plötzlich laut lachend. „Sehen Sie, heut' ist's doch nicht gerade warm, nicht wahr? Und er sitzt wieder am offenen Fenster,-weil er's nicht aushalten kanu vor all dem Spiritus, der ihm im Leib brennt. Aber passen Sis auf, er soll's bald wieder zumachen I" Er sprang auf, schob das Stückchen Leder von dem Loch im Fenster fort, nahm sein Blasrohr aus der Ecke und bückte sich lauernd. Doch im selben Augenblick ging die kleine Thür, und ärgerlich trat seine Frau ein. „Hoho, das Ding aus den Pfoten!" kreischte sie wütend. „Was? Warum?" fragte Jan scheinbar höchlichst erstaunt. „Ich wollte dem Herrn mal zeigen, wie das innen gemacht! wird." „Aus den Pfoten, sag' ich Dir," schrie die Frau. Und nub Gewalt riß sie ihm das Rohr aus der Hand. „Amen." wiederholte Jan ruhig und begann wieder auf seinen Leisten zu klopfen.„Wissen Sic was. Herr?" flüsterte er Hinte» seiner Hand, während die Frau brummend verschwand,„kommen Sie im Laufe der Woche mal wieder, wenn der Sturm vorbei ist. Sie sollen sich amüsieren.. kleines fcirilUton. en. Beruf und GesichtsauSdruck. Daß die Berufswahl für den inneren wie für den äußeren Menschen in jeder Beziehung von ge- waltigem Einfluß ist, können wir alltäglich beobachten; schon unser Sprachgebrauch liefert eine Menge von Beweisen dafür, daß das seit langem so gewesen ist. Den Geistlichen beispielsweise erkennen wir nicht nur an seiner Amtstracht oder einem besonderen Schnitt des Kleides, sondern auch an seinem Gesichtsausdruck, fast ebenso häusig den Arzt oder den Advokaten, den Schauspieler, den Sportsman. desgleichen den Gastwirt, den Schlächter, den Schneider und Schuh- machcr, den Kellner, den Barbier usw. Sic haben alle gewisse Eigen- tümlichkciten, oder sie tragen, könnte man richtiger sagen, ein Merkmal ihrer Arbeit im Antlitz. Die Thatsache zu erkennen ist leicht, schwieriger sie zu erklären. Die Verbindung zwischen dem Gedanken und seinem körperlichen Ausdruck, ebenso zwischen der Erregung und ihren körperlichen Begleiterscheinungen ist immer sehr verwickelt und schwer zu fassen. Immerhin haben sich Leute genug gefunden, die sich sehr sorgfältig mit dem Studium dleser Fragen beschäftigt haben. Namentlich haben uns Aerzte, die sia durch scharfe Beobachtung auszeichnen, mancherlei Aufklärungen darüber gegeben. Ein Arzt beispielsweise hat aus der Zeit, als er am Krankenhaus in einer Seestadt mit großartigen Werften an- gestellt war, die Wahrnehmung gemacht, daß alle Kesselschmiede und Nieter einen eigentümlich finsteren Gcsichtsausdruck mit zusammen- gezogenen Augenbrauen besitzen. Erst die Erfahrung lehrte ihn, daß dieser Umstand nicht auf einer augenblicklichen Stimmung beruhte, sondern auf der Notwendigkeit, während der Arbeit zum Schutz der Augen gegen die herumspringcndcn Funken die Brauen nieder- zuziehen. Ein Grobschmied gilt allerdings auch sonst als ein ernster Mann, der geradheraus spricht und handelt und der Welt trotzig iÄ> Gesicht schaut. Das mag auch nicht falsch sein, selbst wenn es irrtümlich aus dem durch einen ganz andren Grund bestimmten . Gesichtsausdruck gefolgert worden ist, denn die Beschäftigung eines Schmieds erfordert ein Gemisch von wuchtiger Kraft und Ruhe, das nicht ohne Wirkung auf die Bildung des Charakters überhaupt sein i kann. Die Leute, die beim Schiffbau beschäftigt sind, sollen noch eine andre Eigentümlichkeit im Gesichtsansdruck haben, nämlich etwas aufmerksam Hinhorchendcs, weil sie wegen des ungeheuren Lärms, von dem sie bei ihrer Arbeit dauernd umgeben sind, sich immer nur � schwer verständigen können und wohl auch überhaupt etwas schwer- hörig werden. Ein andres merkwürdiges Berufsgcsicht ist das des Schneiders. Man beobachte einmal das Gesicht eines ehrenwerten ' Klciderkünstlers, während er ein dickes Stück Zeug mit einer Schcere durchschneidet, und man wird sehen, daß der untere Teil des Gesichts unwillkürlich mit den Bewegungen der Schcere mitarbeitet. ' Auf diese Gewohnheit wird der Gesichtsausdruck, der dem Schneider eigentümlich ist, zurückgeführt, doch muß man zu diesen Erörterungen wohl bemerken,'daß sie heute vielleicht nicht mehr so zutreffend sind wie vor etwa 50 oder 100 Jahren, weil sich das Handwerk seitdem . durch den Großbetrieb wesentlich umgestaltet und an Einfluß vcr- lorcn hat. Anders und klarer liegen die Umstände außerhalb. des cigent- lichcu Handwerks. Man nehme zunächst einmal einen Jockei. Der wohlbekannte Typ des Gesichtsausdrucks, der zu diesem Beruf gehört, liegt in dem Ansatz des Mundes und des Kinns und läßt sich daraus ' verstehen, daß beim Reiten die Muskeln, die das Schließen der Kinnladen und das Zusammenpressen der Lippen bewirken, fort- dauernd in Spannung sind. Diese Thatsachc hängt zweifellos damit � zusammen, daß diese Muskeln in Gebrauch treten, wenn es dein . Menschen darauf ankommt, seine Willenskraft mit besonderer Energie zu bethätigen, wie es beim Jockei während eines Rennens ' natürlich der Fall ist. Wir kommen im Verständnis dieser sonderbaren Verhältnisse am weitesten, wenn wir annehmen, daß sich die Empfindungen eines Menschen, wenn sie sich, wie es durch das Berufsleben mit einiger Notwendigkeit in gewissem Umfang geschieht, in gleicher Weise häufig wiederholen, allmählich einen bleibenden Einfluß auf.die Gestaltung der Gesichtszüge ausüben. Die wunderbarste Folge dieser Wahrheit sieht man darin, daß Lcutch die lange zusammen gelebt und alles mit einander geteilt haben, wie ein altes Ehepaar, nach und nach auch eine gewisse Aehnlichkeit mit einander annehmen. Sehr wichtig ist zur Erklärung dieses Umstandes die Neigung zu un- bewußter Nachahmung, die sich bei jedem Menschen findet. Die unfehlbare Sicherheit, mit der ein Gähnen sich durch eine ganze Gesellschaft fortpflanzt, ist ein wohlbekannter Beweis dafür. Auch mit Rücksicht darauf ist von besonderem Interesse das Gesicht des Schauspielers, der wohl von allen Bcrufsarten am leichtesten zu erkennen ist. Seine Kunst erfordert die äußerste Ausbildung der Gesichtsmuskcln; er muß nicht nur deren Bewegungen besonders verstärken,. gewissermaßen übertreiben, sondern er ist auch durch den fortgesetzten Wechsel seiner Rolle darauf angewiesen, diesen Muskeln alle Arten von Bewegungen abzuzwingen, deren sie über- Haupt fähig sind. Daher rührt erstens das maskenähnlichc oder hölzerne Aussehen eines Schauspielcrgesichts, wenn sich die Muskeln in Ruhe befinden. Auch erklärt sich daraus leicht die Bildung einer Lage von Fett unter der Gesichtshaut, da sich die Muskeln bei dauernder Benutzung verstärken. Außerdem kann man daraus der- stehen, weshalb das Antlitz eines Schauspielers oder, was noch auf- fälliger ist, einer Schauspielerin dem Einfluß des Alters besser widersteht, weil der dauernde Gebrauch der Gesichtsmuskeln der Bildung von Runzeln entgegenarbeitet. Die Musiker sind meist ausgezeichnet durch eine Verdickung des Gesichts unter den Augen und dem Kinn. Die Augen sind außerdem gewöhnlich etwas vor- stehend und träumerisch, der Mund charakterisiert durch einen ganz leichten Schluß der Lippem Es ist merkwürdig, daß ein solcher Mund, der immer eine Begleiterscheinung des künstlerischen Tcm- peramcnts zu sein scheint, gleichviel ob in der Musik oder in andern Künsten, auf die Gewohnheit eines Sichgehenlassens hindeutet. Vermutlich ist das dadurch zu erklären, daß der echte Künstler geboren und nicht erzogen wird, und daß er daher seine Leistungen mehr durch ein Nachgeben gegen seine eignen spontanen Erregungen als durch mühevolle Anstrengungen erreicht.— ie. Wissenschaftliche Kochversuche. Eine Reihe interessanter Ex- perimente ist von zwei amerikanischen Gefehrtcn im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums der Bereinigten Staaten unternommen worden, um die Verluste festzustellen, die das Fleisch beim Kochen in seiner chemischen Zusammensetzung erleidet. Als Verfahren der Zubereitung wurden berücksichtigt: einfaches Sieden, Rösten, Braten mit und ohne Zusatz von Fett. Die wesentlichsten Ergebnisse sind: DaS Sieden in einer Bratpfanne ohne Fett ist die Form des Kochens, die den geringsten Verlust an Nährstoffen veranlaßt. Der größte Gewichtsverlust beim Sieden und Braten ist der Entziehung von Wasser zuzuschreiben, beim Rösten der von Wasser und Fett. Bei allen Arten des Kochens steht der Verlust im Verhältnis zum Grad des Kochens. Wenn Fleisch in Wasser von 80— 85 Grad gekocht wird, so macht es wenig Unterschied, ob es von vornherein in kaltes oder warmes Wasser gelegt worden ist. Rindfleisch verliert beim Kochen in Wasser 3 bis über 12 v. H. der stickstoffhaltigen Verbindungen, 0,0 bis über 37 v. H. des Fettgehalts und zwischen 20 und über 67 v. H. der Salze. Diese Beträge gehen also in die Brühe über. Daraus ergiebt sich, daß man den Nährwert der Fleischsuppe nicht zu gering ansetzen darf. Wenn Fleisch geröstet wird, so werden bis zu iVz v. H. der stickstoffhaltigen Bestandteile, bis zu 57V. v. H. des Fettes und bis zu 27 v. H. der Salze in der abtropfenden Flüssigkeit gefunden. Rindfleisch, das zur Bereitung von Bceftea(Fleischthee) benutzt worden war, bewies einen verhältnismäßig geringen Verlust an Nährwert, obgleich ihm viel von den wohlschmeckenden Bestand- teilen genommen war. Diese Feststellung läßt darauf schließen, daß die Wirksamkeit des Bceftea stark überschätzt worden ist.— — Tie„gute alte Zeit". Ter Geschichtsforscher Karl Heinrich Lang unternahm im Jahre 1821 eine Fußreise nach seiner Heimat Schwaben und in die Schweiz. Zu Schafshausen, als Lang swon die große Rheinbrücke passiert hatte,- lief ihm ein Thorschrcibcrlein nach mit dem Rufe:„Herr! Hier müsset Sie Ihren Paß visiere lasse!" Lang aber kehrte sich trotzig um mit den Worten:„Was fällt Ihnen denn ein? Ich habe ja gar keinen Paß," was wirklich der Fall war. Das Schreiberlein, hierüber höchst betroffen, gab die belustigende Antwort:„Ja, dees isch was andres; reiset Se glücklich." — Auf der Rückreise ging Lang über Stockach nach Singen, von wo aus er den Hohcntwiel besuchte, und zog auf der Straße fort nach Ulm. Da man ihm gesagt hatte, in Ulm werde er nickst leicht ohne Paß durch das Thor gelangen, griff er schon vor der Stadt den nächsten besten Soldaten auf, gab ihm sein Bündel zu tragen und ging neben ihm her. Auf das Anrufen der Wache rief der be- gleitende Soldat:„Laßt ihn gehen,'s ischt a Landsmann und gicbt vier Kreuzer Trinkgeld."— Nichts war leichter, als mit solchen und ähnlichen Keckheiten einen Thorposten zu überrumpeln. In Salz- bürg, wo der Thorpostschrcibcr nicht Lust hatte, ihn durchzulassen. sagte Lang, da er kein andres Mittel mehr hatte:„Hör' Er. Er ist ein Esel!" worauf der erschrockene Thorschreiber mit tiefem Bückling zurücktrat und demütig sagte:„'s ist alles richtig, Jhro Gnaden!"— Humoristisches. — Der Gescheitste.„Wer ist denn der Gescheitste bei Euch in der Schul'?" „Der Schuaster Nazl— der kann in i t der Zu n g' und in i t die Finger s ch n a ck e l Ii— — Entrüstung.„Auf nichts kann man sich heutzntag' mehr verlassen! Gestern ist der Sydowschc Planet nicht erschienen und hellt' bringt mir der Schuster meine Stiefel nicht!"— — Verlockende Einladung. Bauer(zu Sonnner- frischlern, welche zufällig Zuschauer eiiier Rauferei werden):„Was schaut's denn nur zua? Thnt's do' mit, öS Stadtfrack!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — S ch m i d t- B o n ii S Drama:„Die g o l d e n e T h ii r e" und I. I. Davids:„Der getreu! E ck a r d t" sind vom D e u t s ch e n V o l k s t h e a t e r in W i c n zlw Aufführung in der kommenden Spielsaison angenommen worden.— — Menzel hat R. VoigtlnnderS Kunstverlag in Leipzig die Erlaubnis gegeben, eine Auswahl seiner H o l z s ch n i t t- K o m- Positionen durch die Reichsdrnckerei zu Wandbildern vcr- größern zu lassen. Die ersten Blätter werden im Septenibcr in Schivarz-Weiß erscheinen. � — Für die deutschen ITni v er s itäte n betrug die Gesamtsumme der ordentlichen Ausgaben im Jahre 1003: 29 456 208 M. Davon entfielen auf die elf preußischen llniversitäten (mit Brannsberg) 14 457 004 M.— — Die in der Umgebung FranzenSbads lagernden Moor- selber sind, wie sich kürzlich heraiiSgestcllt hat, in ganz außer- ordentlichem Maße radioaktiv.— t. Wieviel Eiweiß wir täglich brauchen, darüber haben sich die Ansichteii der Gelehrten im Laufe der Zeit erheblich geändert. Früher hielt man 100—150 Gramm täglich für crforder- lich, aber die Chemiker haben später die Ziffer bis auf 75 und. dann auf 45 Gramm herabgesetzt. Jetzt sind wieder einmal sehr auSsühr- lichc Versuche nach die>er Richtung gemacht worden, die sich auf fast IVz Monate erstreckt haben, und ibre Veranstalter,. die beiden Chemiker Labbo und MarchoiSne, die darüber der Pariser Akadeniie der Wissenschaften berichtet haben, erklären, daß nicht mehr als 25 Gramm Eiweiß in der täglichen Nahrung des Menschen not- wendig seien.— — Die G o l d w ä s ch e r e i im Feuerlande soll in Zukunft mit großen Dampfbaggern betrieben werden. Die Unternehmer sind Nordamerikaner.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck unh Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlaaSavitalt Paul Singer 6rCo.. Berlin