Zlnlerhallungsblatt des vorwärts Nr. 171. Mittwoch, den 31. August. 1934 (Nachdruck verboten.) is] Die flucht Von K. Bagrynowski. Sie traten der Reihe nach an den Tisch, als Mußja hereingeplatzt kam. „Hast Du geschworen?" „Ja! Was ist denn los? Sie haben mir gesagt, Ihr hättet alle geschworen." „Soo!... Hast Du's schon vergessen? A bas la tjrannie..." Samuel stimmte die Marseillaise an. „Also es ist nicht wahr? Aber das ist ja Betrug. Gleich geh ich zum Jsprawnik... Ich will ihm sagen, daß ich mir das nicht gefallen lasse, dast er mir meinen Eid zurückgeben soll." „Das wird Dir nichts helfen. Vorbei ist vorbei." Einen Augenblick stand Mußja da, wie vom Blitz ge- troffen. Zwei schwere Thränen flössen über seine erblaszten Wangen. „Seht Ihr, Ihr stoßt mich zurück, und ich... möchte... wie Ihr alle." Sie hatten den Eid verweigert und waren unbehelligt ge- blieben, aber die letzten schwachen Fäden, die sie noch mit den Einwohnern des Städtchens verbanden, waren zerrissen, und um sie herum hatte sich eine weite Einöde gebildet. Sie lebten wie auf einer Insel. Selbst die durchreisenden Jakuten, die sonst nicht umhin konnten, sie unter den andern Sehenswürdig- keitdn Dschurdschnjs aufzusuchen, ein Weilchen auf der Schwelle stehen zu bleiben und zuzusehen, wie die„Verbrecher" leben— selbst diese zudringlichen, unausstehlichen Gaffer blieben jetzt aus. Alle wußten, daß der Jsprawnik einen Rapport ins Gouvernement geschickt hatte, um zu erfahren, was er mit ihnen anfangen sollte, und alle waren überzeugt, daß sie zum Tode verurteilt werden müßten; Alexandroff aber und Krassuski, die stärksten unter ihnen, würden vorher noch„die rechte Hand und der rechte Fuß gebrochen werden." Daher wurden sie ge- mieden, wie Aussätzige, und wenn„einer von ihnen" in den Laden kam, gab der erschrockene Warlaam Warlaamowitsch jede Ware um die Hälfte des Preises hin, um ihn nur so schnell wie möglich los zu werden. „Sie werden's niir noch anrechnen, daß ich mit„ihnen" rede!" klagte er seiner Frau. „Das ist auch wahr! Rede also nicht, nicke nur mit dem Kopfe..." „Das nehmen„sie" vielleicht wieder übel. Denkst Du, die lassen mit sich spaßen? Es ist der reine Jammer, wenn man gezwungen ist, Kaustnann zu sein." Die fette, sehr ängstliche Frau Warlaamoff seufzte schwer und brannte vor dem Bilde des Heiligen Jnnocent, des Schutz- heiligen Sibiriens, ein Lichtchcn an. Es kam niemand in den Sinn, daß in Alerandroffs Jurte die Schießscharten bereit und die Gewehre geladen waren. Nie- mand kam dahin. Selbst die andren Verbannten mieden das gefährliche Haus. Woronin war mit seinen Büchern dahin übergesiedelt. Seine Stelle bei Samuel hatten Pjetroff und Glitsberg eingenommen. Ihr Hauswirt, der alte, streng- gläubige Kosak Jakuschkin, hatte ihnen die Wohnung gleich ge- kündigt, als er erfuhr, daß sie den Eid verweigert hatten. Krassuski brachte die Nächte auch bei Alexandroff zu, aber am Tage saß er, wie früher, in der Schmiede. Mußja, dm Arkanoffs bei sich aufnahmen, war hier sein häufiger Gast. Er wohnte in der Küche des Ehepaares und schwor hoch und teuer, daß ihm das Städtchen nie niehr erblicken würde. Er fand, daß er zur Belohnung das Recht haben müsie, in der Schmiede zu sitzen und seine Knöpfe, Cigarrenspitzen und Pfeifen aus Mammuthzähnen zu drechseln und zu polieren und die endlosen Geschichten von seinen Erlebnissen in der Schweiz, in Italien, Deutschland und Algier zu erzählen. Krassuski hörte ihm, der spärlichen Nachrichten halber, die der Franzose unbewußt von Eugenien brachte, mit rührender Geduld zu. Zuweilen wurde es ihm aber doch zu arg. „Aber liebster Mußja, gestern hast Du gerade das Gegen- teil behauptet." „Gut! Ich bin schon still. Ich Hab' nicht gewußt, daß ich schon mal davon erzählt habe!" Die fieberhafte, gespannte Erwartung eines bevorstehenden Kampfes, einer Katastrophe, eines unberechenbaren Ereignisses hatte sich im Städtchen nach und nach gelegt. Unter den Ver- bannten war sogar die schüchterne Hoffnung erwacht, daß die aus ihren Ufern getretenen Flüsse, die unter Wasser stehenden Sümpfe und unwegsamen Straßen vielleicht die Antwort aus dem„Gouvernement" verzögern würden; sie nahmen an, die vier„Tollen" würden wirklich fliehen können, für die Zurück- bleibenden aber würde die ganze Affaire nnt einer Gefängnis- strafe oder einer Verschickung nach„den entlegenen lllussen"*) enden. Tie Stimmung der„Tollen" selbst hob sich, als der warme Wind und die grelle brennende Sonne den Schnee mit unwiderstehlicher Gewalt aufleckte und schwarze, samtne Erd- flecken hervorblühten. Wenn jedoch an trüben Tagen feiner. weißer Staub voin grauen Hiinmel fiel und die Schnee- kliimpchen froren und beim Gehen knisterten, dann kehrte die Furcht wieder zurück. Tann konnte Frau Arkanoff am Abend nicht lesen, sie erbebte beim leisesten Geräusch und schickte Mußja, der ganz uneingeweiht war, auf die Polizei, sich nach der Post zu erkundigen. Sie wurde immer bleicher, immer magerer, ihre Kornblumenaugen waren eingesunken und strahlten in krankhaftem Glanz. Jeden Morgen eilte sie auf den kleinen Gang vor dem Hause, um nach dem Wetter zu sehen. Dann schaute sie nach der verwahrlosten, eingesunkenen Jurte der Freunde, aus deren Schornstein gewöhnlich der vom Morgenrot rosig gefärbte Rauch aufstieg. Was machen sie da? Klopft ihnen das Herz auch, wie mir? dachte sie. Im Geiste sah sie die ganze Scene im Purpur- lichte des lohenden Feuers wieder: wie Niehorski die Patronen zurechtmachte und die Aerte im Flur dröhnten, die die Schieß- scharten schlugen. Sie malte sich aus, wie Schüsse aus der stillen Jurte fallen, wie der weiße Dampf niedrig über dem See schweben und dort drinnen Blut fließen würde, und jene Menschen, die eins mit ihr waren in ihrem Streben, ihre Brüder im Geiste, dem Tode anHeim fallen würden. Sie sehnte sich nach ihrem Anblick. Aber ihr Mann ließ sie nicht hin, er drohte ihr, sich das Leben zu nehmen, noch che die Post da sei, wenn sie ansinge, die andern zu besuchen. „Mit ihnen Verkehren, heißt ebenso viel, wie mit ihnen ge- mcinschaftlich schießen. Tu ivürdest in den Prozeß verwickelt werden und ich... überlebe die Trennung nicht... Die ganze Geschichte ist nichts weiter als der übertriebene Ehrgeiz NieHorskis und sein Eigensinn. Er will durchaus komman» dieren!" „Da irrst Du Dich!" versuchte sie die Freunde zu der- teidigcn. Tann begann er methodisch, jedes Wort, jeden Schritt, jede Bewegung der Verschworenen zu analysieren und ließ nichts an ihnen übrig, als Dummheit, Verbissenheit und Humbug. „Tie Hauptsache aber ist. daß die ganze Affaire letzt nicht den mindesten Eindruck in Nußlmrd machen wird." Die jilnge Frau biß die Zqhne zusammen, schloß die Augen und wartete mit ängstlich verborgenem Schmerze, wann ihr Mann endlich aufhören würde zu reden. Dann sprachen sie gewöhnlich mehrere Stunden nicht miteinander, bis Mußja erschien und Neuigkeiten, die er aus der Stadt brachte, die beiderseitige Bitterkeit besänftigten. Jeden Abend kam Samuel zu ihnen, zuweilen auch Tscherewin oder„die auswärtigen Mächte", aber nie kam jemand aus... jener Jurte. „Wir sind„das europäische Konzert" im Kleinen, scherzte Samuel.„Wir haben ein drum- und draufgchendes Staats- Wesen ohne jeden politischen Takt, streng neutrale Gemäßigte und einen bis an die Zähne bewaffneten Frieden— w weiner Wohnung nämlich, wo wir lange interessante Gespräche über den Stand des Wetters führen, über den Geschmack des �h�'-', die Zweckmäßigkeit einer hellen, trockenen Wohnung, den Wert der Gesundheit und eines frohen Gemüts rn denen nur einem Worte alles berührt wird, außer Grunosasen- Wollen Sie mir erlauben, Frau Eugcnie. ihnen meine Dienste anzubieten und ein wenig in den Samovar zu pusten?" •) Muß= Gemeinde. „Nehmen Sie lieber Artemis Stiefel« Es thut mir leid WN Ihre Lunge." „Wollen wir nicht etwas singen?" schlug Arkanoff vor. „Ich will Ihnen lieber erzähle», was mir der Jsprawnik gesagt hat." „Ah... Sie haben ihn also gesprochen?" „Gewiß, heut morgen hat er mich in seinem eignen Schlitten holen lassen. In letzter Zeit geschieht das ziemlich oft.„Wir, Herrscher über Dschurdschnj von Gottes Gnaden, fühlen uns nicht ganz sicher auf unsrem Thron. Wir merken, daß etwas vor sich geht, wovon wir keine Ahnung haben und was wir nicht erraten können, daher setzen wir unsre diploma- tischen Talente in Gang." Heut haben„Jhro Gnaden"„uns" eine vorzügliche Cigarrc angeboten und gesprochen:„Was meinen Sie, kommt der Frühling bald?" „Das hängt von der Sonne ab; wenn sie warm scheint, giebt's Tauwetter, wenn nicht, dann nicht!" „Hm! Haben Sie in den neuesten Zeitungen die Geschichte von der Reise um die Welt gelesen, die ein Herr zu Fuß unter- nimmt? Ich möchte wohl wissen, wie er übers Meer spazieren wird?" � „Er wird wohl auf dem Schiffe herumspazieren, das ihn Wer die Wellen tragen wird." „Ein witziger Einfall! Und haben Sie von dem Wnnder- kinde gelesen, das mit verbundenen Augen Klavier spielt?" „Ich habe von dreien gelesen." Ein Seufzer und eine lange Pause. „Was meinen Sie, gehört die Polizei auch zur Armee? Müßte im Kriegsfall zum Beispiel die Polizei auch aus- marschieren?" Jetzt laß ich ein leises Vnimmen ertönen und betrachte meine Cigarre mit gespannter Aufmerksamkeit. „Warum besucht keiner von ihnen Herrn Alexandrosf mehr?" Ich bringe meine Cigarre wieder in Brand und kann nicht gleich antworten, dann verschlucke ich mich, huste und erhebe mich. „Wollen Sie schon fort? Wie schade." „Ich muß, Herr Jsprawnik, das Halls steht leer, denn Meine Hausgenossen sind spazieren gegangen." „Ah! ich verstehe! Es ist aber doch schade, daß es so kommen mußte. Wir lebten so ruhig in Dschurdschnj. Als ich mich anschickte, mein Amt hier zu übernehmen, glaubte ich nicht, daß mir hier etwas Kummer und Sorgen bereiten könnte. Bis dahin haben wir doch ganz leidlich gelebt, nicht wahr?" „Oh, ich will mir nicht erlauben, daran zu zweifeln." „Jm Grunde genommen, was ist der Eid denn eigentlich? Dine gewöhnliche Fornialität, wie wir sie im alltäglichen Leben zu taufenden erfüllen. Auf der Straße grüßen Sie doch auch viele Menschen, die Sie kaum kennen. Wenn Sie Ihre Ansichten geändert haben, könnte ich's im Gouvernement Melden." Diese Acußerung bringt mich in die Lage eines Kato. ,,Mein Herr, Sie Müssen einsehen, daß wir nur noch eins be- sihen: die Achtung vor uns selbst." Hierauf folgt eine weh- leidige Miene und ein ziemlich fester Händedruck.„Es thut mir leid um Euch!" Ich denke, es thut ihm wirklich leid. Wir gaben ihm wenigstens zu thun. Das wird ihm nun fehlen, und außer den Liebschaften Denisoffs wird er nichts mehr zu wittern haben. Frau Arkanoff wurde rot. „Wie kommen Sie auf Denisofs." In demselben Augenblick mischte sich Arkanoff ins Ge- Mäch. „Aber der Jsprawnik schien doch etwas zu argwöhnen. Wenn das nur für„jene" kein schlimmes Ende nimmt. Sie müssen gewarnt werden." „Ich war heut morgen bei ihnen. Sie behaupten, einzig m der Gewalt des Wetters zu stehen." (Fortsetzung folgt. (Nochdruck verboten.) Große magnetische Stürme. Ungetvöhnlicke Naturerscheinungen pflegen den Anlaß zu Nach« förschungen darüber zu bieten, ob ähnliche Vorgänge auch früher schon stattgefunden haben und uicker welchen Umständen sie sich abspielen, so daß daraus hänfig eine wesentliche Vennchrung unsrcs Wissens resultiert. Eine solche Anregung bot auch der noch in aller Erinnerung lebende große magnetische Sturm vom 31. Oktober 1903, der sich nach außen hin durch eine Störung ausgedehnter Telegraphenlinien bemerklich machte. Man durchmusterte die älteren Aufzeichnungen meteorologischer und erdmagnetischcr Observatorien, und hierbei waren namentlich die in Greenwich vorhandenen darum wer- voll, weil sie die ältesten Veobachtmigen und die größte un- unterbrochene Beobachtungsreihe aufweisen. Danach haben in den letzten 2g Jahren, also vom 1. Januar 1875 bis zum 31. Dezember 1903, nicht weniger als 19 große magnetische Stürme stattgefunden. Hierbei bedeutet das Wort„groß" nicht eine allgemeine Schilderung der Sturmgewalt, sondern es bedeutet einen ganz bestimmten, wissenschaftlich definierten Grad der Erscheinung, gerade wie auch die Worte leiser Zug, frischer Wind, voller Sturm u. dgl. im meteorologischen Sinne genau definierte Größen der Lustbewegung bedeuten, derart, daß beim leisen Zug die Luft in der Sekunde l'/z Meter zurücklegt, beim frischen Wind 12 Meter, beim vollen Sturme 50 Meter. Ueberhaupt treten zwischen Er- scheinungen des Luftmeeres und denen des Erdmagnetismus gewisse Aehulichkeiten zu Tage, die sich beim Luftmeer namentlich bezüglich seiner Erwärmung äußern. Der Gang der Lufttemperatur läßt drei Perioden erkennen: eine tägliche, eine jährliche und eine säkulare. Täglich nimmt die Luftwärme von einer besummten Zeit, die einige Stunden nach Mitternacht liegt, zu, bis einige Stunden nach Mittag, um von dem dann erreichten Hvchstbetrage wieder allmählich bis zu dem niedrigsten Tagesstande zu sinken. Die jährliche Periode der Temperawr äußert sich in dem durch die Jahreszeiten bekannten Kreislauf: einige Zeit nach den kürzesten Tagen haben wir die niedrigsten Temperatur- grade, von da an nimmt die Wärme bis zu ihrem Maximum zu, das sie einige Zeit nach den längsten Tagen erreicht, und von diesem Zeitpunkt sinkt sie wieder ebenso regelmäßig. Die säkulare Periode erstteckt sich über sehr große Zeittäume, und schon deswegen haben wir darüber jetzt noch keine genauen Aufzeichnungen; aber die geologischen Befunde beweisen, daß vor langer Zeit Mittel- Europa zum größten Teil vereist und vergletschert war, wie jetzt noch Grönland und Nord- Skandinavien. Zu einer andern Zeit lebten, wie ausgegrabene Skelette erkennen lassen, in nordischen Gegenden Tiere, deren ganze Organisation sie nur im warmen Klima leben läßt— schon diese Thatsachen sprechen dafür, daß sich in den klimatischen Verhältnissen allmählich, aber sehr langsam Veränderungen vollziehen, die höchst wahrscheinlich periodisch veriaufen. Solche tägliche, jährliche und säkulare Perioden finden sich auch bei den erdmagnettschen Zuständen, und zwar in allen dreien dieser Zustände, nämlich bei der Deklination, bei der In- klinatton und bei der Horizontal-Jntensität. Unter der magnetischen Induktion versteht man die Abweichung der Richtung der Magnetnadel von der geographischen Nord- und Slldrichtung. Wenn die hierbei sich zeigenden periodischen Aende- rangen nur geringfügig sind, so sind sie dennoch praktisch von größter Bedeutung, weil ein auch nur geringer Irrtum hierüber für Seeschiffe von der verhängnisvollsten Bedeutung werden kann. Unter der magnetischen Inklination versteht man die Abweichung der Magnetnadel von der wagcrcchten Linie. In unfern Gegenden nur unbedeutend, steigert sie sich in nördlicheren Breiten so erheblich, daß man an manchen Punkten der Erde bei der fast senkrecht stehenden Magnetnadel nur mit Mühe noch die Richtung erkennen kann, in welcher der magnetische-Nordpol liegt. Die dritte beim Erdmagnetismus in Betracht kommende Größe ist seine Horizontal- Intensität, das heißt die Kraft, mit der die Magnetnadel in ihrer jeweiligen Richtung festgehalten wird, oder auch die Kraft, die nötig ist, um eine Magnetnadel aus ihrer Richtung abzulenken. Alle diese Größen zeigen nun neben den sehr allmählich ver- laufenden Aenderungen, welche sich als tägliche, jährliche und säku- lare Perioden äußern, noch jäh einsetzende Aenderungen, und sie sind eben die erdmagnettschen Stürme. Nach der Größe der Ab- lenkung, die dabei eintritt, teilt man sie in große,_ aktive, mäßige und kleinere;„groß" sind magnetische Stürme, bei denen die Ablenkung mindestens 1 Grad beträgt(also den neunzigsten Teil des Winkels, den eine senkrechte und eine wagerechte Linie ein- schließen).„Akttv" heißt ein magnettscher Sturm mit Ve bis 1 Grad Nadelablenkung,„mäßig" bei Ve bis Va Erat», und„kleiner" bei weniger als vj Grad Ablenkung. Diese Winkel erscheinen an sich nicht groß, und wenn eine plötzliche Ablenkung um 1 Grad schon einen großen Sttirm bedeutet, so wird man daraus ermessen können, daß die gewöhnlichen periodischen Aenderungen nur sehr klein sind. Aber aus dieser Geringftigigkeit der an einzelnen Orten auftretenden Nadelablenkungen darf man nicht schließen, daß dabei auch nur geringfügige Kräfte ins Spiel kommen. Die erdmagnettschen Aende- rungen, periodische sowohl wie stürmische, dehnen sich über die ganze Erde oder doch über einen großen Teil des Erdballs aus, und dazu sind jedenfalls, auch wenn am einzelnen Ort nur wenig zu merken ist, gewaltige Kräfte erforderlich, die den bei den Luftstürmcn sich zeigenden an Gewalt nicht nachgeben. An den einzelnen Orten sind die Erscheimmgen allerdings wirklich recht gering, und um sie n» registrieren, find sehr feine Instrumente nötig, da sonst die Reibung der Magnetnadel an der Axe, um die ie sich dreht. so stark ist. daß sie diese kleinen Aenderungen völlig verdeckt. Uebrigens sind Vorkehrungen gettoffen worden,� die es er- möglichen, den durch die periodischen und stürmischen Veränderungen hervorgerufenen Gang der Magnetnadel automatisch zu photo- graphiercn, so daß man ihn auch später noch studieren kann. Diese an sich schon recht schwierigen Studien werden in höchst empfindlicher Weise beeinträchtigt durch elektrische Leitungen, die den elektrischen Bahnen, der elektrischen Beleuchtung und der elektrischen Kraft- Übertragung dienen; jede solche Leitung beeinflußt auch auf größere Entfernungen die Nadeln der seinen Instrumente, und es ist infolge davon so weit gekommen, daß bielfach die erdmagnetischen Beob- achtungcn thatsächlich aufgegeben werden mußten, und statt daß, wie eS im Interesse der Sache wünschenswert wäre, die Zahl der erd- magnettschen Observatorien zunähme, hat sie abgenommen. Die Ursachen des Erdmagnetisnms überhaupt und der mit ihnen in engem Zusanimenhange stehenden elektrischen Erdsttöme sind noch nicht aufgeklärt. Wahrscheinlich wirken hier Einflüsse der Sonne und rein irdische Erscheinungen, wie die Axendrehung und vernrutlich die Reibung des fcurig-flüssigen Erdinnern gegen die festen Teile der Erdrinde zusammen. Was aber die magnetischen Stürme anbetrifft, so hat die Zusammenstellung der Greenwicher Beobachtungen einen Sonneneinfluß unzweifelhaft nachgewiesen; denn immer waren in derselben Zeit, in der ein magnetischer Sturm stattfand, außer- ordentlich große Sonncnflecken vorhanden. Schon längst war bekannt, daß, wenn sehr viele ober sehr große Sonnenflecken zu sehen sind, bei uns aus der Erde große Hitze herrscht, sehr viele Nordlichter auftteten, und der elekttische Erdstrmn zu lebhafter Stärke steigt. Ja, man hatte für alle diese Erscheinungen eine elfjährige Periode nachgewiesen. Innerhalb eis Jahren steigt die Sonnenfleckeinnenge einmal vom Minimum zum Maximum und sinkt dann wieder zum Minimum, ebenso findet in einem mit dieser Periode zusammen- fallenden Zeitraum eine Reihe von erst zunehmend wannen, dann zunehmend kalten Jahren statt, in denen dann auch die Nordlichter und die Gewakt der elektrischen Erdströme allmählich einmal zu- nehmen, dann abnehmen. Der Zusammenhang der Sonnenflecken- Häufigkeit mit der auf der Erde herrschenden Wärme ergab sich, sobald man die Natur der Sonncnflecken mit einiger Sicherheit festgestellt hatte. Sie entstehen aus kolossalen Dampfmengen, die von der in ungewöhnlicher Thätigkeit befindlichen Sonne viele Tausende von Meilen hochgeschleudert werden, so daß sie sich in Welträumen befinden, die so kalt sind, daß sich dort die der Sonne entströmten Dämpfe so kondensieren, wie bei uns die abgekühlten Wasserdämpse der Luft sich zu Wolken kondensieren. Die Sonnenwolken— sie bestehen aber nicht nur aus Wasser, sondern zum Teil auch aus Metall— sind die Sonnenfleckcn. Es ist klar, daß bei einer so gesteigerten Sonnenthättgkeit auch die uns zugestrahlte Wärme größer ist als gewöhnlich; dann sind aber die Sonnenflecken nicht ettva die Ursache der größeren bei uns herrschenden Wärme, sondern sie sind nur eine Begleiterscheinung, beide sind Wirkungen einer und derselben Ursache, Weiter hatte man nun gefunden, daß gewisse Aetherwellen, nämlich die sehr großen, sich nicht als Wärme oder Licht bemerUich machen, sondern als elektrische Erscheinungen, Natürlich gehen von der Sonne nicht bloß kleine Aetherbewegungen aus, sondern auch größere, und so konnte wenigstens etwas Licht auf den Zusammenhang zwischen der mit der Fleckenhäufigkeit ge- steigerten Sonnenthättgkeit und der Stärke des elektrischen Erdstroms und der Zahl der Nordlichte, die als elektrische Lichterscheinungen ge- deutet sind, fallen. Beziehungen zwischen Elcktricität und Magne- ttsmuS bestehen ganz sicher; schon die Ablenkung der Magnetnadel durch einen um sie geleiteten elekttischen Strom beweist es. So durfte man also auch annehmen, daß ein Zusammenhang zwischen den Sonnenflecken, die ja in Beziehung zwischen den elektrischen Erd- erscheinungen, und größeren Veränderungen des Erdmagnetismus sich herausstellen dürfte. Und diesen Zusammenhang haben nun die vorhandenen Aufzeichnungen erwiesen, ja sogar seinen Umfang fest- gestellt, denn mit den größten Sonnenflecken' fallen die großen erd- magnettschen Stürme zusammen. Nun möchte man vielleicht glauben, daß von zwei Sonnen- flecken, die beide so groß sind, daß jeder mit einem großen magnetischen Sturm verbunden ist, auch der größte Sonnenfleck mit dem größten magnetischen Sturm zusammenfallen muß. Das ist aber nicht immer der Fall, sondern manchmal haben wir bei einem kleineren Sonncnfleck einen größeren Magnetsturm, und unigekehrt. Es kommt auf die Stellung des Sonnenflecks auf der Sonnenscheibe an; steht jener ungefähr in der Sonnenmitte, so ist der ihn be- gleitende erdmagnetische Sturm größer, als wenn der Fleck ain Sonnenrande steht, selbst wenn der dort am Sonnenrand befindliche Fleck größer wäre. Auch das ist leicht begreiflich. Wenn der Sonncnfleck in der Mitte der uns zugewandten Sonnenscheibe steht, so ist die ihn verursachende Sonnenstrahlung gerade auf uns gerichtet, sie trifft uns senkrecht, und>vie die senkrechten Wärmestrahlen der Sonne unsre Erde viel stärker erwärmen als die schräg auf uns treffenden winterlichen, so muß auch die von der Mitte der Sonnen- scheibe aus senkrecht auf uns gerichtete ungewöhnlich starke Sonnen- thättgkeit, die zur Bildung von Sonnenflecken führt, auch kräftiger auf unsre elektrischen, magnetischen und Wärmezustände einwirken als eine am Sonnenrande vor sich gehende, die uns nur schräg streift. Eine einzige Zusammenstellung der bisherigen Greenwicher Be- obachtungen hat also reichliche Resultate gefördert, und wir dürfen danach erwarten, daß die weiteren Beobachtungen auf erdmagnetischen Observatorien unsre Kennttns auf dem noch so dunklen Gebiete des Erdniagnetismus in gleicher Weise fördern— wenn diese Observatorien nicht noch mehr, als eS schon der Fall war, der elektrischen Belcuchttmg weichen müssen, sondern nur ihr eignes wissenschaftliches Licht spenden dürfen.— g- Kleines Feuilleton. — Ter Holunder im Volksglauben. In dem bei B. G. Teubner in Leipzig erschienenen Buche„Unsre Pflanzen" hat Franz S ö h n s interessante Studien über die heimatlichen deutschen Namen unsrer Pflanzen und ihre mannigfaltigen Beziehungen zur Mytho- logie und zum Volksabcrglauben veröffentlicht. Die„Köln. Zeitung" druckt daraus einen Abschnitt über den Holunder, dessen Namen der Verfasser mit der deutschen Märchengestalt der Frau Holle in Ver- bindung bringt, ab. Ihr war der Holunder heilig, wie Söhns im ein- zelncn folgendermaßen ausführt: Alles, was sich an mythologischer Kunde erhalten, alle noch heute auf den Baum bezüglichen Volks- brauche sprechen dafür. Sicherlich giebt es in der Natur kein GS- wachs, das so völlig alle Eigentümlichkeiten der Göttin in seinem Kultus(denn von einem solchen kann man bei der Pflanze redensi zur Darstellung bringt. Im Hornung(Februar) regiert nach alter Anschauung„die Frau", nämlich Frau Holle. An sie lehnt sich das ursprünglich altheidnische Lichtmctzfest an. An diesem ihrem Feste tanzen die Weiber in dem allmählich wieder kräftiger, wärmer werdenden Sonnenschein, den die den Frühling herbeiführende Göttin erzeugt; sie tragen dabei Holundcrgertcn in den Händen und schlagen damit auf die dem Tanzplatze sich nähernden Männer los. Fällen darf man den Holundcrbaum beileibe nicht, da die weiße Frau— auch das Urbild dieses vorwiegend aristokratischen Spuk- geistcs ist Frau Holle— in ihm verborgen ist; ist es aber durchaus nicht zu vermeiden, so muß man entblößten Hauptes dabei sprechen: „Frau Ellhorn, gicb mir von deinem Holze, dann will ich dir von meinem auch geben, Wenns wächst im Waide." Der Name Ellhorn hat sich für Holla noch bis heute in Ostfricsland und als Aalhorn in Holland, Ostpreußen und Hannover erhalten. Die Gottheit des Lebens war im Altertum stets auch die Gottheit des Todes, und viel- leicht hat an dieser Thatsache der fast überall sich findende Glaube an ein besseres Leben, welches mit dem Tode beginnt, als Ver- anlassung gedient. Auch der Tod war somit der Anfang eines Lebens und wurde folgerecht durch die Gottheit alles Entstehens, Werdens und Lebens herbeigeführt.(Frau Holle als Hel.) Nun, bereits bei Tacitus gehört der Baum zu den Holzarten, welche zur Bestattung der Leichen verwandt werden, schon der Duft seiner Blüten galt für gefährlich, und die alten Preußen opferten dem Todcsgotte unter Holundcrbäumen. Wächst ein Holunder unter der Mauer heraus, so giebt es nach Ansicht des Dithmarschen bald eine Leiche im Hause, und in mehreren Dörfern des mittleren Vintschgau trägt man der Bahre ein Kreuz aus Holunder vor, das man Lebelang nennt. Dieses Kreuz steckt man auf das Grab, und der Mensch, auf dessen Grabhügel das Kreuz wieder anfängt zu grünen, ist selig. Die Slowaken verfertigen aus dem Marke(Pcddek) der Pflanze Holundermännchen,„Diener des Todes", und der Pole wagt noch heute nur unter Zauberformeln den Baum umzuhauen. Wenn in Hildesheim jemand stirbt, so nimmt der Totengräber schweigend das Maß zu seinem Sarge mit einem Holunderstabe, und der die Leiche fahrende Knecht hat eine Peitsche aus Holunderholz; selbst durch Anpflanzen des Baumes(in Teutschland bekanntlich überaus häufig) will man die unterwcltlichen Götter günstig stimmen. Frau Holle verleiht Schutz gegen böse Dämonen und alles, was mit ihnen im Bunde steht. Um Bezauberung zu verhüten, wird in einzelnen Gegenden Deutschlands vom Landmann Holunder an die Stallthür gehängt, und in Thüringen— eines der Hauptgebicte des Holla- kultus— pflanzte man früher große Holunderbüsche an beiden Enden des der großen Spinnerin geweihten Leinfeldes. In den Alpen, wo(besonders wieder in Tirol) das Andenken an Frau Holle in tausend Sagen fortlebt, pflegt der Holunderstrauch bei keinem Bauernhause zu fehlen, der Jnnthalcr sagt von ihm: der Holler ist ein so edler Baum, daß man vor ihm deipHut abnehmen soll, denn an ihm ist alles gesund und heilkräftig. Aus der Mannigfaltigkeit der sich an ihn knüpfenden Ueberlieferungen wird auch hier klar, wer über ihn gebietet. Wem etwas gestohlen ist, der geht vor Sonnenaufgang zu einer Hollerstaude, biegt sie mit der Linien gegen Sonnenaufgang und spricht: Hollerstaude, ich thu' dich drücken und bücken, bis der Dieb das Gestohlene bringt. Je stärker man den Strauch drückt, um so schneller muß der Dieb das Entwandte bringen. Am Johannistage dürfen in keinem Hause die Hollerkücheln(in Schmalz gebackene Blüten mit samt dem Stengel) fehlen, es gäbe sonst eitel Unfriede und die allergrößten Zerwürfnisse zwischen den Ehehaltcn, und die Hollerblüten werden in der zwölften Stunde der Nacht gepflückt und" sorgsam als Heilmittel aufbewahrt. In den Holunderbaum schlägt nie der Blitz, ein Kreuz aus seinem Holz wird dem Toten mit in den Sarg gegeben, und seine reifen Beeren schützen das Vieh gegen den Viehschclm(Personifizierung der Rinderpest). Unter einem Holderbusch hält sich der Schläfer vor jedem Unfall, vor Schlangen, Hexen und todbringenden Mücken sicher, er erwartet schöne Träume und hat nicht selten daS Glück, von luftigen, licht- hellen Elfen(die Holden der Hollel) umtanzt zu werden. Wer endlich Lust und Neigung hat, daß ihm Hexen und Druden nach. laufen, der schnitze einen Löffel aus Hollcrholz, lege ihn am Oster- abend nach Sonnenuntergang in gute Milch, daß Rahm daran hängen bleibt, und lasse ihn dann trocknen. Am Sonnenwendabend lege er den Löffel nochmals in gute Milch und lasse den anhangenden Rahni abermals eintrocknen, dann berge er ihn unter Gewand und Gürtel auf dem Rücken und gehe so zum Sonnenwendfcuer, da müssen ihm alle Hcxcnmenschinnen nachlaufen I Er ist also der xf* Baum der Holle, der sie geradezu auf der Erde selber� 'noch besonders feine Namensableitung von der hob Leben und Tod begünstigt, ist folgendes: In Westfalen heißt der Baum Hollerkcnstrük, b. l). der Holla- gleich Erka-(gleich Herke-) Strauch. Die Herke aber ist eigentlich nur ein Ausfluß der göttlichen Macht der Frau Holle und tritt in Norddeutschland nicht selten geradezu für sie ein, oder mit ihr zu einem Worte zusammen, Ivie unsre westfälische Benennung bezeugt. So ist denn der Holunder vor andern der Baum der im Heidentum unsrer Altvordern allver- ehrten Göttin Holla, der Mutter der Erde, alles Lebens und Sterbens auf ihr und aller Kultur.— c. Wie die Fraueu gehen.„Gelassen wandelnd und in sanft geschwungenem Schritt", so trat die homerische Helena daher vor die troischen Greise, ein Entzücken dem Auge. Heute klagt man wieder darüber, daß die Frauen nicht gehen könnten, und die Schönen der einen Nation zucken zum mindesten die Achseln über den Gang andrer Völker.„Was man heute gehen nennt, ist eigentlich nur ein Sichfortbewegen," hat man verächtlich gesagt, und die Französin, die vielleicht noch am ehesten sich den Rhythmus einer feinen Kultur in ihrem leichten, eleganten Schreiten bewahrt hat, findet doch, daß die schöne Amerikanerin sich zu steif und gerade, zu eingeschnürt (corsetee) bewege, daß die Engländerin den Körper ungraziös vor- beuge und zu lange Schritte mache; unsre deutschen Frauen träten, nach dem Urteil der Französin, zu schwer auf und schlenkerten mit den Armen; die Italienerinnen und Spanierinnen beugen sich zu sehr nach hinten über, die kokette Geziertheit ihrer sehr auswärts gestellten Schritte erscheint unnatürlich.... Wollte man so die Schilderungen des Ganges in Wort und Bild durch alle Epochen ver- folgen, nian könnte eine sehr unterhaltende Kulturgeschichte des Ganges schreiben. Die vollendetste Art des Gehens ward bei den Griechen erreicht, deren allseitig ausgebildetes Schönheitsgefühl auch die Bewegungen des alltäglichen Lebens beherrschte. In den weiten Faltengcwandungcn, die die Melodie des Gehens begleiteten, schreiten die Jungfrauen des Parthcnon-Frieses gemessen und wohl- abgewogen feierlich daher. Eine große ästhetische Kultur hat die würdige Rundung bestimmt, mit der der eine Fuß das Auftreten des andern begleitet, und ein anmutig wechselndes Spiel des Gewandes belebt dieses Wandeln. Die Griechin setzte den mit den Sandalen bekleideten Fuß fest auf, sie suchte nicht, wie es bei den modernen Völkern Sitte geworden ist, die Bewegungen der Hüften und Schenkel zu verbergen; sie hüllte nicht die Beine in einen engen Rock, der das Ausschreiten unmöglich macht, sondern die frei wallenden Stoffe folgten den Bewegungen der Gehenden, ließen die Wiederholung der Schritte erkennen und gaben dem Gange etwas Notwendiges, während man sich heute manchmal darüber, wie eine Frau eigentlich geht, nicht ganz klar wird, weil die festen Formen der Kleidung den individuellen Rhythmus nicht anklingen lassen. Der Gang der Griechin war der natürliche Ausdruck ihrer Lebenshaltung; ihr Gehen war„Anmut", so wie sie Schiller von aller wahrhaft schönen Bewegung gefordert. Im Mittelalter, als nach den Zeiten eines unkünstlerischen Seins, zur Zeit der Kreuzzüge und der Minne- sänger frühe Keime eines neuen ästhetischen Gefühls sich regten, mußte man erst gehen lernen. Man war so schwer gewesen und plump, der Gang ungleichmäßig und fahrig. Nun kam das Ideal der„Maze", der schönen Selbstbeherrschung der Glieder und der Seele. Der Gang ward jetzt überlcicht und tänzelnd; auf Zehen- spitzen glitt man daher, setzte die Füße möglichst spitz und geckenhaft. Und während der Körper der griechischen Frau in leichter Neigung der Richtung der Füße folgte, wird nun, während die Füße vorwärts schreiten,„der Kopf i» die Luft gehoben, der Blick aufwärts ge- richtet"; der Leib möglichst zurückgcbogen; so gehen sie daher„wie Pfauen". Eine französische Chronik erzählt, daß die Frauen„müh- sam sich fortbrächten", wie ein segelndes Schiff, unter der Last ihrer Stickereien und der GeMrtheit ihres Ganges. Allmählich läutert sich dann dieser eckige und übertriebene Gang zu einem lieblichen Schreiten, wie er in Dantes Werken und den frühen Bildern der Kölner und Sienescn lebt. Die Frau scheint zu schweben; ihre Füße berühren kau», den Boden; die leise Neigung des Kopfes gicbt den Grundaccord für das feine behutsame Setzen der Füße, das flüchtige Erbeben des Gewandes. In der Renaissance verläßt die Frau diese himmlischen Regionen, aus denen sie früher herabzuschwebcn schien, und tritt als Erdenweib wieder kräftig auf. Sic gewöhnt sich wieder an das Ausschreiten, an den Gebrauch ihrer Beine, und ihr Gang bekommt leicht etwas Springendes, Hüpfendes, Unausgeglichenes. Man sucht diese freie Art des Schreitens, wie die Frau des Alter- tums sie hatte, wieder aufzunehmen. Das Gangmotiv wird bei den geschürzten Gewändern deutlich hervorgekehrt; aber statt des gc- mäßigten, würdevollen Tempos, in dem die Griechin schritt, flattern hier um die flinker auftretenden Füße die Kleider lustig und toll herum, scheinen erfüllt zu sein von dein überschäumenden Lebensmut dieses Vötkerfrühlings. So auf Bildern des Botticelli und Filippino Livpi. Auch das schöne Motiv, einen Fruchttorb oder einen Krug auf Kopf oder Schulter zu tragen, das dem hcrauflangendcn Arm eine so weiche Linie, dem ganzen Körper einen wundervollen Schwung verleiht, haben sie von den Griechen gelernt. Doch wird der Gang allmählich massiger und schwerer, bis dann schließlich das Weib des Rubens ungefüge und wuchtig, fast plump einhcrschrcitet. Schwer fällt der Sammet und Brokat ihrer Kleider hernieder, sie scheint zu «yn; ihre Hand ruht auf der Hüfte. Von dieser kraftvollen Ganges fort bedeutet der Gang der Rokokodame eine � 3 zum Feinen, Gezierten und Künstlichen. Ein spitzes und ftreten, ein melodiöser und tänzelnder Takt, wie ihn ktcur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: die gemessenen und wohlaccentuierten Töne des Menuetts gaben, eignet nun dem Gang. Der hohe Stöckelschuh giebt dem Tritt etwas Zögerndes, Unsicheres, Kokettes. Die Bewegung der Beine ver- schwindet völlig unter dem steifen Reiftock; in dieser Zeit durfte eine Dame„keine Beine haben", wie der berühmte Ausspruch einer spanischen Prinzessin lautete. Doch dieser steife, kerzengerade Gang, diese übcrzierliche, unbequeme Haltung wird bald durch einzelne freie Nuancen gemildert. Der Rock wird ein wenig aufgenommen und läßt ein Paar Füße sehen, die schon wieder in einer lustigen Chiaconne, einem Bauerntanz, sich zu bewegen gewohnt sind. Spitzentücher und Schärpen lassen diese frischere Note anklingen, und das kokette Fächerspiel giebt dem nun beliebten schnellen Trippeln etwas Unruhig-Anlockendes. Mit der großen antiken Strömung, die zur Zeit der Revolution sich erhob, kam auch ein neuer Rhythmus in die Bewegungen: Freiheit und Ungezwungenheit zogen ein und mit dem antiken Kostüm wollte man den antiken Gang wieder- gewinnen.— Humoristisches. — Wohlangebrachter Hinweis. Besuch:„Sind die Herrschaften zu Hause?... speciell möchte ich die Dame sprechen." D i e n st m ä d ch e n:„Jawohl, im Salon sind s' alle zwei und dichten... die mit den kurzen Haaren ist die Gnädige."— — Schnelle M e i n u n g s ä n d e r u n g. Bankier lzum Gast):„Was der Diener jetzt serviert hat, ist eine der v o r z ü g- l i ch st e n Delikatessen, ein sogenannter Seehase." G a st:„Ja, Seehase oder L u m p f i s ch." Bankier:„Wie haißt: Lumpfisch? Johann, trag weg das gemeine Essen!"— — Hoch st e Gemütlichkeit. Passagier:„Sagen Sie, Schaffner, warum hält denn der Zug hier schon über eine halbe Stunde?" Schaffner:„Ja, hären Se, der Stationsvorsteher is Sie nämlich e leidenschaftlicher Amadherphotograph, und da braucht er immer de roden Zugladernen, um die photographischen Platten zu enttvickeln."— („Meggendorfer Blätter".) Notizen. — Im Residenz-Theater wird am 3. September der dreiaktige Schwank„Eine Hochzeitsnacht" von Henri Keroul und Albert Barr« zum ersten Mal gegeben.— — Das Jantsch-Theatcr in Wien geht im April 1S03 in den Besitz Jarnos vom Josephstädter Theater über und erhält den Namen: Wiener L u st s p i e l- T h e a t e r.— — In der Ausstellung der S e c e s s i o n wurden in die letzten Zeit folgende Werke verkauft: HanS Thoma:„Träumere an einem Schwarzwaldsee"; A. Oberländer:„Amvrs Sieg"; Ulrich Hübner:„Frühling" und„Stilllcben"; Druydorff:„Letzte Strahlen"; Ä. Schmidt- Michelsen:„Kastanien"; W. Püttner;„Hornbläser"; Phil. Frank:„Borftühling": Leo Lutz:„Schncckcnmlltter"; O. Modersohn:„Moorstimmung"; H.'.Lichtenberger:„Variete"; Fritz Klimsch: „Mädchen beim Auskleiden".— — In der Rh ö n hat man abermals wichtige a r ch ä o- logische Funde gemacht. Auf dem Stallberge bei Rasdorf wurde ein Steinwall in wunderbar erhaltener Form aufgedeckt. Die unregelmäßig geformten Basallblöcke und Säulen sind ii� geschickter Weise unter einander verbunden; Mörtel und Holzkonstruktioncn fehlen gänzlich. Ferner wurde auf dem Oechsen bei Vacha ein großer Steinwall entdeckt, der dadurch besonders interessant ist, daß an ihm die erste Mauerschichtuiig(cyklopisches Mauerwerk) festgestellt werden konnte. Auf dem Geiskopf und auf der Diesburg legte man einen wohlerhaltencn Ringwall frei.— — Auf der Insel D e l o S wurde im Laufe der letzten ftan- zösischen Ausgrabungen unter andren Inschriften eine umfangreiche T e m p e l s ch a tz- 3i e ch n u n g in wohlerhaltenem Zustande auf- gefunden. Die lange Urkunde giebt eine Fülle neuer Aufschlüffe über Einnahmen und Ausgaben eines der reichsten antiken Tempel.— — Das reichhaltige Herbarium des verstorbenen Natur- forschers Dr. W. Behren s wurde dem botanischen Museum an der Universität zu Göttingen als Geschenk überwiesen. ES enthält 6000 Pflanzenarten, darunter solche von den kanarischen Inseln, aus Algerien, Madeira, von den Azoren, aus Kleinasien und von St. Thomas.— — Ein praktischer Arzt. Der Doktor Meier erhält ohne vorausgegangene Bestellung von einem Cigarrenhause eines Tages eine» Posten Cigarre» laut beigelegter Rechnung zum Gesamtpreise von fünfzehn Mark zugeschickt mit der Bemerkung, daß diese ganz vortrefflich seien. Eine Probe bestätigt dies. Hierauf geht von dem Doktor an die Firma folgendes Schreiben ab:„Ich empfing von Ihnen 150 Stück unbestellte Eigneren zum Preise von fünfzehn Mark. Als Gegenleistung übersende ich Ihnen beifolgende fünf Rezepte a 3 M. 15 M. Sie sind zwar ebenfalls nicht bestellt, aber auch sehr gut. Hochachtungsvoll Dr. Meier, prakt. Arzt."— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsaustaltPaul Singer LrCo., Berlin 2 W.