AnterhaltmgMatt des Horwärts Nr. 173. Freitag, den 2. September. 1904 (Nachdruck verboten.) 18) Die flucht. Von K. Bagrynowski. „Ds ist aber doch besser, wenn Eure Abwesenheit einige Tage verborgen bleibt. Heut bin ich mit Pjetroff in Eurer Wohnung gewesen. Als wir die leeren Winkel sahen, packte uns die Verzweiflung so, daß er bittei: ließ, wenn..." Samuel stockte, ergriff einen Stab und scharrte damit die Asche nervös auseinander. Auch sie schwiegen lange. ..Laßt sie doch initkommen! Was kann das schaden!" unterstützte Alexandrosf Samuel und maß ihn mit einem neu- gierigen Blick. „!Zie Flucht würde zur Posse werden. Ohne Zwieback, ohne Sachen," widersprach Niehorski heftig. Niemand antwortete ihm. „Will Arkanoff auch fliehen?" „Nein, nur wir drei!" Wieder entstand ein langes Schweigen. «Nun? was soll ich ihnen sagen?" „Zu spät! Ihr habt es Euch deu ganzen Winter hindurch überlegen können. Ihr müßt verniinftig sein. Wenn's uns gelingt, dann schicken wir Euch Geld) gehen wir aber zu Grunde, dann sind nur wir verloren." Samuel scharrte immer noch in der Asche ohne aufzu- sehen. „Krassuski, es ist Zeit, das Pferd zu zäumen, die Sonne steht schon niedrig," wandte sich Niehorski an den Jüngling. Ehe das Pferd gesattelt und belastet war, war die Sonne erkaltet und dicht Uber die Bergwipfcl gesunken: der goldene Glanz des Tages hatte sich in den Kupferglanz einer sonnen- hellen arktischen Nacht verwandelt. Vom Flusse her wehte ein kühler Wind, die Mückenschwärme fielen wieder über die Wanderer her. Woronin war nicht im stände, sie dem Schimmel fernzuhalten, obgleich er ohne Unterlaß einen Noßhaarwedel schwenkte. Das Pferd schlug aus und tänzelte trotz seiner schweren Last. Sie gingen imnierfort durch pfadloses Ge- sträuch, das am Flusse entlang lief, um das schlafende Thal vorsichtig zu umkreisen. Krassuski ging mit der Flinte voran und gab ihnen Zeichen, wenn sie weitergehen konnten oder halten mußten. So legten sie unbemerkt den ganzen Weg bis an den Kreuzweg zurück, in den die Hauptstraße aus dem Städtchen mündete, und wo die Jurte des Fährmanns Galka stand. Hier trat der Wald zurück, eine weite Lichtung öffnete sich. Es war unmöglich, dieselbe zu umgehen., denn von der einen Seite stieß sie an das abschüssige Flußufer, von der andern aber an die Wiesen, die sie schon umkreist hatten. Sie machten also Halt und sahen sich aufmerksam um. Tie Ein- wohner der Jurte schienen schon zu schlafen. Aus dem Schorn- stein schlängelte sich eine kaum merkliche Rauchsäule. Krassuski wurde als Kundschafter ausgeschickt. Die Kühe lagen ruhig in ihrer Umzäunung. Nur der Hund auf dem flachen Dache knurrte leise, als der junge Mann das Ohr an das mit einer Blase überzogene Fenster drückte. Drinnen hörte er deutlich ruhiges Schnarchen und gab den Gefährten ein Zeichen, daß sie weiter gehen könnten. Schattengleich eilten sie schnell quer über die Lichtung. Der erstaunte Hund sprang auf und ließ ein kurzes, zorniges Geheul ertönen. Krassuski stellte sich an die Thür, um bei der leisesten Bewegung kn der Jurte ein- zutreten und die Aufmerksamkeit der Bewohner von den Wan- derern abzulenken. Aber das war überflüssig. Niemand kam heraus, und die Kameraden waren schon im Gebüsch per- schwunden..Er ging ihnen freudig nach, aber plötzlich sah er einen Jakuten auf einem Pfade daherkommen, der quer durch den Wald führte. Er blieb stehen und ließ einen Pfiff ertönen, der auch einem Hunde gelten konnte. Der Jakut wurde seiner ansichtig und machte Halt. Eine Weile sah er ihn von weitem an, endlich hatte er ihn erkannt und kam näher. „Kapsje nutscha? Was machst Du hier?" fragte er in seinem russischen Kauderwelsch. „Und Du?" „Ich? Ich suche meine Kuh. Vielleicht hast Du sie ge- sehen? Sie ist bunt, hat einen weißen Kopf und ein abge- brochenes Horn." -„Jo za, ich Hab' sie gesehen, dort an jenem Ende des Thals." „Wirklich? Was hat sie denn da gemacht?" fragte er verwundert.„Und was hast Du da gesucht?" Krassuski sah. daß er sich etwas vergalloppiert hatte. „Ach, geh schon, geh wohin Du willst!" rief er drohend. Der Jakut zögerte und blinzelte mißtrauisch nach den Sträuchern. Da ertönte das Stampfen des Schimmels, den die In- fetten peinigten. „Was ist denn das?" „Eine Frau!... Ich sag' Dir doch, mach, daß Du sorf- kommst." „Meine Frau?" „I, was kommt Dir in den Sinn? Was Hab' ich mik Deiner Frau zu schaffen? Willst Du Dich endlich fortscheren, verdamniter schiefer Teufel Du!" schrie der junge Mann und -trat dem Wilden einen Schritt näher. Der Jakut entfernte sich eilig. Als er die Jurte fast er- reicht hatte, blieb er stehen, sah sich um und schlug das Zeichen des Kreuzes. „Mein Gott! Totschlagen wollte er mich. Sicherlich hak er meine Kuh gestohlen. Ich Hab' sie deutlich stampfen hören. Aber er hat Augen, wie ein Wolf. Oh je! Er hat mich durch und durch geschossen. Ein Glück, daß ich noch lebe! Krepieren sollst Du an meinem Verlust, Du russischer Hund. Uch je!" Er bekreuzigte sich noch einmal und trat in die Jurte. Das war der einzige Mensch, dem sie auf ihrem Wege be- gegnet waren. Nun führten sie das Pferd schon ruhig den Waldpfad entlang, der Schluchtmündung zu. Ein hoher Berg mit einem kahlen, düsteren, bis zur Hälfte mit dunklem Wald bewachsenen Gipfel, wehrte der eben aufgegangenen Sonne mit seinem dichten Schatten den Zutritt zum Hohlwege. Die Luft war dort kalt und feucht, daher waren die Mückenschwärme zahlreicher. Geduldig ertrugen sie ihre Stiche, nahmen dem schwerbelasteten Pferde seine Bündel ab, luden sie auf ihre Schultern und nahmen die Gewehre zur Hand. Nun konnten! sie langsamer gehen und brauchten den Lärm nicht mehr zu fürchten, den sie verursachten. Niedergeschlagen betrachtete Samuel die Genossen und die sich in der Ferne türmenden Berge. „Ihr könnt überzeugt sein, wenn wir nicht zu Grunde gehen, werden wir Euch auch nicht hier lassen!" versuchte Nie- horski ihn zu trösten. „Sie werden uns getniß trennen und nach verschiedener» Ulussen verschicken— weil wir den Eid nicht leisten wollten." „Uns würden sie auch fortschicken, wenn wir noch länger zögerten." „Schnell, schnell!,., Das Pferd ist unruhig,,» dig Mücken." Samuel nahm mit einem Händedruck Abschied von ihnen, umarmte sie aber nicht. Woronin allein drückte er fest an sich und schlug die Arme run seinen Hals.- Aber der junge Mann riß sich schnell los, denn die Gefährten waren schon weit. „Leb' wohl!" „Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!»», Grüß die Zurückgebliebenen." „Vergeßt uns nicht! Schreibt uns, wenn ihr frei seid!" „Oh, seid unbesorgt! Wir werden Euch nicht vergessen« Auf Wiedersehen!" Er drückte ihm noch einmal die Hand und eilte den Ge- fährten nach. Samuel seufzte. Der Boden der Schlucht, die sie verfolgen mußten, war mit dichtem, verworrenem Weidcngesträuch � bewachsen, ein kleiner, sumpfiger Bach murmelte unter den niedrigen Büschen und weitete sich stellenweise zu einem mit großen Sträuchern bestandenen Moraste. Um das Dickicht und die sumpfigen Stellen zu umgehen, erklommen sie den Abhang. Hier fand Krassuski leicht einen alten, ihm von mehreren Ausflügen her bekannten Waidmannspfad. Die Wildnis ringsumher war düster und rauh, mußte aber schon früher von Menschen auf- gesucht worden sein. Alle Augenblicke trafen die Wanderer auf modernde, aus Stöcken hergestellte Dreiecke, die von Hasen- fallen herrührten, und an einer Stelle, dicht neben dem Pfade, hing ein Pfeil mit der Spitze abwärts, ein Zeichen, daß Habichte oder Krähen den Jägern hier besonders zugesetzt und ihnen die VÜV gefangene Deute geraubt yatten. Auf einem knorrigm alten Lärchenbaum aber erblickten sie die Fetzen eines Rinderfelles samt den Hörnern und Klauen, ein bei den Jakuten übliches Schamanenopfer. Hier und da hingen an den Zweigen farbige Fetzen und weiße Roßhaarbündel. Aber je weiter sie in die Berge vordrangen, desto spärlicher wurden die Menschenspuren: der Pfad wurde immer schmaler und verschwand stellenweise vollständig unter den Tannennadeln und Moosen. Sie gingen immer langsamer, das Pferd glitt auf dem feuchten Abhang aus. Sie mußten am Boden liegende Stämme in großen Bogen umgehen. Die Aeste hakten sich an den Ballen fest, und alle Augenblicke mußte die Art gebraucht werden. Per- lender Schweiß trat auf die Stirnen der Flüchtlinge, die Mücken peinigten sie, die Bündel und Waffen wurden zur un- erträglichen Last. Woronin überließ den Schimmel sich selbst, er wehrte ihm die Mücken nicht mehr ab, und das Pferd, das die Last der Ballen ermüdete und die beschwerliche Reise auf dem glatten Boden schreckhaft machte, hatte auch keine Zeit dazu. Die blutgierigen Insekten bedeckten es in dichten Massen, zwängten sich ihm in die Augen und Nüstern und zwangen es zu schnauben und den Kopf heftig aufzuwerfen. Als nun auch noch bissige Schmeißfliegen brummend vorbeiflogen, verlor das Tier den Kopf ganz und gar. Immer wieder rannte es blind- lings gegen einen Baum, warf seine Ladung ab, stolperte und schwebte in Gefahr, in den Abgrund zu stürzen. Tann mußten sie es beruhigen, von neuem zäumen, beladen und es dazu bringen, den Weg zu verfolgen, der immer schlechter und sumpfiger wurde. Der düstere Wald mit den unzähligen, entwurzelten Bäumen und aufgehäuften Stämmen umgab sie jetzt von allen Seiten. Die feuchte, von Schimmelgeruch er- füllte Luft erschwerte das Atmen. Die Füße traten unsicher auf den dicken Moospolstern auf, unter denen oft verräterische, wassergefüllte Vertiefungen lauerten. Die Wanderer waren ganz erschöpft und litten unsäglich, aber sie wußten, daß sie noch nicht rasten durften. Immer sahen sie durch eine Oeffnung der Schlucht das von einem heißen, sonnigen Nebel umhüllte Thal von Dschurdschnj vor sich, und das Silberband des Flusses: sie konnten die Seen, ja selbst die Häuser und das goldene Kreuz der Kirche unterscheiden, das zwischen dem dunklen Grün der Bäume hervorblickte. Sie waren den Menschen noch zu nahe; noch konnte der aufsteigende Rauch ihres Jeuers in der Stadt bemerkt werden. Sie mußten wenigstens die erste Biegung erreicht haben. Diese schien nicht weit zu fein, und doch erreichten sie sie erst gegen Abend. Als die Berge hinter ihnen zusammentraten, warfen sie alsbald ihre Bündel zur Erde und entlasteten den Schimmel. Krassuski machte Feuer an, die andern banden die Bündel auf, und Alexandroff ging Wasser holen. Der Rauch vertrieb die peinigenden Insekten, ihr Schlveiß war getrocknet, sie hatten sich durch einen Imbiß gestärkt, und doch wollte sich die gute Laune nicht wieder einstellen. Die wund gedrückten Schultern brannten unerträglich, die erstarrten blutenden Füße mochte,? fie beim Gedanken an die Weiterwanderung schaudern. Und doch hatten sie noch viele, vielleicht hunderte von solchen Tagen vor sich! „Wir werden uns daran gewöhnen!" tröstete Niehorski sich selbst und die andern. „Höher oben wird'S wohl windig sein, aber hier können wir nicht darauf hoffen'," sagte Krassuski. (Fortsetzung folgt.), (Nochdruck verboten.) )ZrneriKamlcKer Gifcnbabn- komfort. Die vereinigten Staaten besitzen die besten und schnellsten Eisen- bahnen. Führt eine der großen Gesellschaften ini Interesse des reisenden Publikums eine Verbesserung ein, so folgen bald die übrigen Gesellschaften diesem Beispiel. Es ist eine Existenzfrage; denn alle großen Industrie- und Handelszentren sind durch Linien verschiedener Gesellschaften verbunden, woraus sich von selbst der lebhafte Wettbewerb ergiebt. Die wichtigste Erscheinung des amerikanischen Eisenbahnverkehrs ist die Behandlung der Passagiere als Kunden der Eisenbahngesell. schaft, welche in der That von dem Wohlwollen des Passagiers ab- hängig ist. Auf deutschen Staatsbahncn fühlt sich jeder der An- gestellten in der Rolle eines Staatsbeamten sehr erhaben. Haupt- fache ist, durch Schneidigkeit zu glänzen und dem Publikum Respekt einzuflößen. Alle sind aber furchtbar geschäftig, man kann selten »ine vernünftige Auskunst erhalten, und wenn der Zug einläuft, wird der Passagier hierhin und dorthin gestoßen, ja häufig nicht viel besser behandelt als ein Gepäckstück. Man empfindet sofort den ganzen Kontrast, sobald man zum erstenmal einen amerikanischen Eisenbahnzug benutzt. Auf allen amerikanischen Eisenbahnen wird dem Passagier beim Ein- und AuS» steigen eine mit Gummidecke bekleidete Fußbank vor das Trittbrett gestellt, damit er sich ja nicht übermäßig anstrenge. In jedem Wagen steht ein sogenannter Porter zur Verfügung, der allen Wünschen des Passagiers zu entsprechen hat. Selbst unaufgefordert bürstet er Hut, Stiefel und Kleider des Gastes. Man giebt ihm ein kleines Trinkgeld, aber zu beanspruchen hat er es keineswegs; er ist zur Bedienung des Publikums engagiert. Wie aber wirst du erst staunen, wenn du in der Dinmg-Car(Speisewagen) der Newyork Central Railroad sitzest, und nun der Oberschaffner erscheint, um dich nach Art eines höflichen Hotelwirtes zu fragen, ob du auch mit allem zufrieden seiest. Und dabei sind derartige Höflichkeitsformen in Amerika sonst gar nicht üblich. Wenn man in Europa reist, so muß man sich vor allen Dingen ein gutes und zuverlässiges Kursbuch anschaffen; dann beginnt man eine Stunde lang darin herumzublättern, um ausfindig zu machen, welchen Weg man zu wählen hat, welche Züge die schnellsten und die besten sind usw. Kursbücher kauft man nicht in Amerika, sie sind vielmehr in allen Hotels, auf allen Dampfschiffen und in zahlreichen Bureaus jeder Stadt kostenfrei zu haben. Man geht da einfach hinein und wählt sich aus der wohlgeordneten Kollektion das Ge- eignete aus. Jede Gesellschaft giebt für die einzelnen Linien de- sondere Kursbücher aus, welche die besten Karten und die gerade in Betracht kommenden Züge enthalten(Ume-tsdlce). Wenn ich z. B. von New Jork nach Washington reise, dann ist eS für mich ganz gleichgültig, welche Züge überhaupt sonst noch in Amerika laufen. Aber die Gesellschaften thun noch ein llebriges; sie be- schreiben auch in Kürze die Reise selbst und die hervorragendsten Punkte, die man passiert, damit dem Passagier nichts entgeht. Die Hefte der verschiedenen Gesellschaften haben der Bequemlichkeit halber alle dasselbe Format. Es giebt ll'ilue-csbles, welche alle Linien einer Gesellschaft, wie solche, welche eingehende Darstellungen einzelner Linien enthalten. So haben z. B. die größten Gesell- schaften, wie die Pennsylvania Railroad und die Newyork Central Railroad besondere Hefte für die Weltausstellung ausgegeben, in welchen sie ihre Tour zur Weltausstellung, von New Dort nach St. Louis, eingehend beschreiben und an der Hand eines Planes den Passagier selbst durch die Weltausstellung geleiten. Neben ihrem Kursbuch giebt die Newyork Centrai Railroad z. B. ein Heft heraus, in welchem sie die hervorragendsten Sommerplätze, Badeorte usw. schildert, die mit ihren Linien zu erreichen sind. Und diese Hefte, deren es Hunderte giebt, sind alle gut illustriert und mit Special- karten versehen, so daß sie nicht nur einen Führer, sondern auch ein Andenken für den Reisenden bilden. Die Pennsylvania Railroad befördert ihre Passagiere zu ' mäßigen Tarifpreiscn in eignen Cabs vom Hotel nach dem Bahnhof, I bczw. vom Bahnhof nach den Hotels. Die Cabs werden tclephonisch ' nach dem Hotel bestellt. Kommt man per Wagen zur Bahn, so wird I der Wagenschlag durch einen Porter der Gesellschaft geöffnet, der ' sofort das Handgepäck in Empfang nimmt und dasselbe ganz nach Wunsch nach dem Gepäckraum oder nach dem Zuge befördert. Auch I für dies» Dienstleistung bezahlt man eine Kleinigkeit— nach Be- • lieben. Im übrigen kann man sein Gepäck überall durch eine Exprcßgescllschaft vom Hotel nach dem Bahnhof schaffen lassen; man s giebt dann an der Gepäckstellc nur die Anweisung der Expreßgesell- . schaft ab und erhält dafür den Gepäckschein. Roch bevor der Zug sein i Ziel erreicht, giebt man dann den Gepäckschein wieder dem Agenten der Exprcßgesellschaft, ivelcher den Zug durchwandert. Man giebr ihm den Eeväckschein gegen einen Check der Expreßgesellschaft, nennr das Hotel, in welchem man logieren will, und hat sich nun nichr werter um die Gepäckstücke zu kümmern. Auf diese Weise kann man durch ganz Amerika reisen, ohne seine Koffer ein einziges Mal in die Hand nehmen zu müssen. Abgesehen von sogenannten Emigrantenzügen giebt eS in Amerika überhaupt nur eine Wagenklasse; doch wird diese als „?lrst CInzs" bezeichnet, um dein Passagier anzudeuten, daß er allen Komfort der Gesellschaft beanspruchen kann. Bei uns in Deutschland, wo so viel Klassemmterschiedc bestehen, denkt der Herr Lieutenant und der Herr Assessor in erster Linie daran, daß es höchst un- angenehm sein müsse, mit den Leuten vierter Klasse in einem Coupe zu fahren— obwohl diese Herren und ihre Damen gar nichts dabei finden, in der Elektrischen mit Leuten jeber Art vereint zu sein. Die sehr langen und breiten Eisenbahnwagen besitzen keine Teilungswände, vielmehr bildet jeder Wagen einen einzigen Raum. Diese„Cars" enthalten mit Plüsch oder Leder überzogene, parallel angeordnete Polsterbänke. Der Gang befindet sich in der Mitte. Will man aber noch bequemer reisen, dann wählt man die„Parlor- Car", für deren Benutzung man einen kleinen Zuschlag zu zahlen hat. Für die Strecke von New Aork nach Philadelphia macht dies einen halben Dollar{2 Mark) aus, für die riesige Strecke von New Dork nach St. Louis 6 Dollar, einschließlich Benutzung des Schlaf- Wagens. Die Einrichtung der„Parlor-Car" ist nun im höchsten Grade luxuriös. Hier find überhaupt nur Sessel an beiden Längs- feiten des Wagens angeordnet; der ganze Mittelraum bildet einen breiten Durchgang. Diese gepolsterten Drehsessel sind ungewöhnlich breit und bequem. Große Fenster auf beiden Seiten des Wagens ermöglichen den fteien Ausblick in die Landschaft. Auch die AuS- stattung des Wagens ist sehr vornehm. Ein stumpfgrüner, fein- gemusterter Teppich bedeckt den ganzen Fußboden und harmoniert mit den Bezügen der Sessel wie der in grünen Emaillefarbcn mit Gold- und Silber-Arabesken ausgeführten Decke. Das wichtigste aber ist, daß dem Reisenden hier genügend Raum zur Verfügung steht, so daß er sich's bequem machen kann. Ich glaube nicht zu über- treiben, wenn ich sage, daß jedem Reisenden in der.Parlor-Car' auch bei voller Besetzung des Wagens noch doppelt so viel Raum bleibt, wie in den deutschen Eisenbahnwagen zweiter Klasse, lieber- Haupt wird für den Reisenden, dank der lebhaften Konkurrenz der Eisenbahn-Gesellschasten, auf das trefflichste gesorgt. Der Porter, ausnahmslos ein Schwarzer, hat am Ende des Wagens eine kleine Gasküche, in welcher er schnell bereiten kann, was begehrt wird, falls nicht in dem betreffenden Zuge ohnehin eine„Dinins-Csr" lSpeise- wagen) enthalten ist. Für die mitreisenden Babys kocht oder wärmt der Porter die Milch. Rauchen darf man in der.Parlor-Car", welche den Charakter eines Salons besitzt, jedoch nicht; dafür sind aber besondere Rauchkabinetts in demselben oder im nächsten Wagen vorgesehen. Selbstverständlich fehlen in keinem Wagen Toiletten und Waschbecken(mit Kalt- und Warmwasser-Zuführung), sowie Eiswajser-Behälter. Erquickendes Eiswasser, das man an den heißen Tagen kaum entbehren kann, steht zu jeder Zeit gratis zur Verfügung des Reisenden. Ich möchte bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, einige Worte über die Toilettenräume in Amerika einzuschalten. Für Wasch- gelegenheit ist in einer geradezu üppigen Weise gesorgt; in Eisen- bahnzügcn, Hotels, Geschäftshäusern, auf den Dampfschiffen— überall findet man Waschbecken auS fchönAn Porzellan, Steingut, Marmor oder Nickel, und zwar immer mit zwei Wasserhähnen ver- sehen, für kaltes und warmes Waffer. Neben jedem Becken liegt auch ein Stück Seife, und die Handtücher sind gleich zu Dutzenden aufgestapelt. Das ist eine jener schönen hygienischen Einrichtungen, die man in Deutschland nachahmen sollte. Ein Handtuch, welches man benutzt hat, wirst man sofort in den bereitstehenden Wäschekorb. Es spielt gar keine Rolle, ob an einem Tage IVO oder 500 solcher Handtücher benutzt werden. Die sogenannten Pullmann-Vcstibiil-Cars sind am Tage Parlor- Cars, werden aber bei Nacht zu Schlafwagen(Sieeping-Cars) verwandelt. Die getäfelte Decke zeigt eine merkwürdig gewölbte Form; der Raum zwischen der mittleren Täfelung und der Wand ist durch eine große, viertelkreisförmige Voute gedeckt, welche korrett in die Deckenarchitettur eingreift. Xnndi is ready", verkündet der Porter. Also gehen wir nach der Dining-Car. Auch hier ist die Anordnung derart, daß der ganze Wagen einen Raum bildet. Die Tische, an denen je zwei bis vier Personen Platz finden, sind an die beiden Längsseiten gerückt; der Gang ist in der Mitte. Für das Diner hat man einen Dollar zu zahlen, doch— es giebt weder Wein- noch Bicrzwang. Siehe dal alles trinkt Wasser. Der Leser wünscht vielleicht zu erfahren, wie solch eine Mahlzeit in der Dining-Car aussieht. Was bekommt man fiir einen Dollar? Ich habe diese Frage erwartet und mir vor« sorglich notiert, was ich selbst zu dieser Mahlzeit meinem Körper einverleibt habe. Da gab es: Bouillon mit Reis, Oliven, Heilbutt, Tenderloin-Steak, Roastbeef, Kartoffeln und grüne Erbsen, gerösteten Butter-Toast, Eis-Creme nebst Kuchen, Apfelsinen und Kaffee. Schon während des Soupers— während sich die meisten Passa- giere in der Dining-Car befinden— beginnen die Porter aus dem Geheimnisvollen Deckengewölbe die Betten zu holen. Der Wagen ist urch die zwischen den Fenstern liegenden Pfosten in Felder geteilt, und jedes Feld hat nun an der rechten wie an der linken Längs- wand je zwei übereinander liegende Betten aufzunehmen. In der Mitte zwischen den langen Bcttreihcn verbleibt ein Gang. Der Porter beginnt damit, in eine kleine Oeffnung unmittelbar unter der Decke einen Schlüssel zu stecken; ein kleiner Druck nach rechts, die gewölbte Scheibe des Feldes dreht sich um ein Scharnier und wird zum Unterbodcn des oberen Bettes. In der Höhlung, welche die gewölbte Platte verschlossen hatte, werden Kissen und Matratzen ficht- bar. Zwei zusammengehörige Sessel bilden das untere Bett; durch Umklappen der Polsterkisscn wird der Raum zwischen den beiden Sesseln gefüllt. Die Lehnen der Sessel bilden unten die Scheide- wand zwischen diesen und den Nachbarbctten. Die Scheidewände für die oberen Betten, trapezförmige Füllungsstücke, liegen auch in der Deckenhöhlung. Sie werden herausgeholt und nun mit einem ein- zigen sicheren Griff befestigt. Dann werden die Matratzen, die Kissen, die Decken unten ausgebreitet; an Messingstangen, welche an der Decke befestigt find, werden Vorhänge angebracht, die jetzt von oben bis zum Boden herniederhängcn und so das obere wie das untere Bett decken. So werden allmählich in jedem Felde des Wagens die Betten bereitet und natürlich in gleicher Weise in sämt- lichen andern Wagen des Zuges. Oft wird eS von reifenden Europäern getadelt, daß man sich in diesen Wagen, die ohne strenge Scheidung so viele Betten um- schließen, nur sehr schwer zu entkleiden vermag. Nun, Prüderie ist hier sehr wenig am Platze; die Gesellschaft bietet allen möglichen Komfort, und cS kommt nur auf uns an, denselben auch mit unserm modernen Geiste zu durchdringen. Die Damen sind verstandig genug, zuerst zu verschwinden. Sie entkleiden sich hinter den Vor- hängen. Im übrigen ist die Toilette der Amerikanerin auf der Reise sehr praktisch eingerichtet; ihre Unterkleidung, die aus einem voll- ständigen leichten Anzug besteht, wird zur Nachtfleidung. Vielfach sind die Exprctzzüge auch noch mit einem AuSsichts- wagen mit Plattform verschen, welcher sich am Ende des Zuges be- findet. Die Hintere Wand des Wagens wird durch eine Glaswand gebildet, welche ungehindert den Ausblick nach allen Seiten gestattet. Man kann aber auch auf die Plattform hinaustreten und hier auf einem Stuhl Platz nehmen, um während der Fahrt die frische Lust zu genießen. Auf jedem Bahnhof findet man im Schalterraum ein so« genanntes Jnformatwnsbureau, in welchem man jede Auskunft er» halten kann. Man ist also nicht genötigt, andre dienstthuende Be» amte zu stören, obwohl diese jedermann in der liebenswürdigsten Weise unterrichten. Wenn ich an einem Orte Halt machte, so ließ ich mir vom Schalterbeamten sofort in mein Notizbuch oder auf das Rctour-Billet die besten Züge zur Weiterfahrt nach den nächsten Städten notieren, in denen ich mich aufhalten wollte. Welcher deutsche Schalterbeamte würde sich darauf einlassen? Doch in Amerika wird das Fenster nicht erst eine halbe Stunde vor Abgang des Zuges geöffnet, sondern ich kann jederzeit ein Billet zu irgend- welchen Zügen erhalten, und zwar nicht nur auf dem Bahnhof selbst, sondern in jedem größeren Hotel und zahlreichen Ticket-Bureaus der Stadt.— Fred Hood. kleines Feuilleton. Abend n« Fluß.*) Regen wusch das herbstlich bunte Land, - Rot von Liaoblumen ist der Strand. An dem Ufer ruft ein Mann die Fähren Dunkel vor dem Abendsonnenbrand. Fernher kommen dumpfe Glockenschläge. Um die Blumen spielt ein goldner Rand. Auf die roten Wolken in den Fluten Wirst er nun sein Netz mit sichrer Hand. Tetsujiro Jnouhe. lic. Haidereuter- und Wupatzsee. Wendet man sich vom Bahn» Hof Erkner nach rechts durch den Ort. über die Brücke und dann nach denl ersten Bahnübergang, den man überschreitet, so gelangt man nach allem in allem etwa einem Viertelstündchen an die Lvcknitz, die hier von einer öffentlichen Kahnfähre gekreuzt»vird. Mit zwei Stößen bringt der alte nervige Bootsmann unS hinüber. Zum Ueberspringen ist die Löcknitz nämlich doch etwas zu breit, trägt dieses Mittelding zwischen märkischem Fließ und norddeutschem Flüßchen doch sogar Motorboote. Kiefernwald begleitet die Niederung neben dem schlängelnden Laufe, uud an seinen« Rande lveiterschreitend erreichen wir die weite Mulde, die der flachrandige Wupatzsee erfüllt. Bon der Löcknitz si'ihrt ein wenige Meter breiter Graben zum See; aber nur an beiden Enden enthält er Wasier, in der Mitte seines Laufes hat die herrschende Dürre sein schwarzes Schlanimbett an das Licht gebracht. Auch die Ufer des Sees sind zurückgetreten. Die Bestände des Schilfes, des Rohr» kolbcns(von den Berliner Kindern„Schlnackedutschkeir* genannt), der hohen Sumpfbinsen find nicht so üppig wie sonst, und die Blätter der Seerosen treten stellenweise in inselartigen Haufen aus dem niedrigen Schlaminboden hervor. Ein paar Miiruten später leitet die Karte uns zuin nächsten See, dein Förstersee, wie ihn die Karten, dem Haidereutersee, wie ihn die Eingeborenen und die Weg» weiser iir etwas ursprünglicherer Art nennen. Kein Graben führt zum Seespiegel. Das Gewässer ist rings umschloffen und weniger auf von untei« zufließendes Grundwasser, als auf atmosphärische Niederschläge augewiesen. Dies ist das Kenn- zeichen für Moorseen, zu denen der Förstersee einen Uebergang darstellt. Am Rande des Waldes blüht das Heidekraut und gegen den See hin wachsen auf den bleiche» Polstern des Torfmooses in Fülle die roten Rosetten des Sonnentaus. Die zierlichen Ranken der Moosbeere kriechen �darüber hin, und niedrige Moorkiefern fristen ihr Dasein. Wein« einst der Verbindungsgraben zwischen Wupatzsee und Löcknitz völlig zugewachsen sein wird, wird auch dieser See vermooren und in seiner Randvegetation dem Förstersee ähnlich werden, während gegenwärtig beide Gewässer noch ziemlich ver» schiedene Typen märkischer Seen darstellen. Wir wenden uns gegen die Löcknitz zurück und erreichen bald ihre Miindung in den Flakensee, um von hier aus dessen Ufern und später, hinter Woltersdorfer Schleuse, jene» des Kalksees zu folgen. Wieder ist das Bild em andres. Unter den steilen Ufern bedecken Kallbrockeit die Ränder des Sees, an die der Wellenschlag der Dampfer uilausgesetzt zusamniengewirrte Wasserpflanzen, Schnecken und Muscheln ausspült. Auf Schritt und Tritt verrät sich der Ein- fluß der nahen Kalkberge. Voi» dort aus führt der Dampfer uns wieder heimwärts durch»ine der schönsten Landschaften der Berliner Uingebung.— u. Hausschwamm durch Ameisen hervorgebracht. In einem hölzernen Schuppen, dessen Fußboden die bloße Erde bildete, hatten sich zahlreiche Ameisen niedergelaffen. Die sämtlichen Holz- teile, die mit dem Ameisenban in Berührung gekommen waren, zeigten sich später vom Hausschwamm durchsetzt, ') Als Probe modenier japanischer Lyrik dem nächstens erscheinenden 5. Bande der Monographien-Sammlung„Die Litteratur" (Berlin. Bard, Marquard u. Co.) entnommen. Die Uebersetzung stamnrt von Otto Hauser. der vorher nicht dagewesen war. Bei genauer Untersuchung zeigten sich in dem ganzen Ameisenbau die Fadengewebe des Haus- schwamms: dies ist ein Pilz, der eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Schimmelpilz besitzt. Vermutlich hatten die Ameisen den Keim des Pilzes mit Absicht auf ihren Bau über- tragen, denn gerade dort, wo der Schlvamm am meisten wucherte, lagen die meisten Ameiseiipuppen. Durch die Bildung des Hausschwamms entsteht nämlich eine ziemlich bedeutende Wärme und den Ameisen kam es wohl auf die Benutzung dieser Wärme an, weil in ihr die Larven sich am besten entwickeln. Da aber leider für die Menschen diese Sorgfalt der Ameisen für ihre Jungen mit Nachteil verbunden ist, wird man von allen Holzbauten die Ameisen sorgfältig fernhalten müssen, wenn man vom Hausschwamm frei bleiben will.— Völkerkunde. c. Neu-Guinea, nächst Australien und Grönland die größte Insel der Welt, ist im Innern des Landes noch gänzlich unerforsckit, während seine Küstenlinie auch nur erst teilweise kartographisch aufgenommen ist, ein Umstand, an dem wohl hauptsächlich die menschenfresserischen Neigungen der Bewohner schuld sind. Deshalb erwartet man jetzt mit Interesse die Ergebnisse der Expedition, die vor kurzem unter dem Major W. Cooke Daniels die Erforschung der Insel unternommen hat. Am besten sind noch die Missionare mit dem Lande vertraut, und unter diesen besonders die französischen Priester der römisch-katholischen Mission, die weiter als die andren ins Innere eingedrungen find. Von ihnen hat E. H. Morphy, der im„Wide World Magazine" über die merkwürdigen Sitten und sonderbaren Gebräuche der Papuaner berichtet, viele Mitteilungen, ja sogar einige Photographien, die ein Pater Fillodeau angefertigt, erhalten. In der Schönheit und Pracht der Kleidung stellen die Papuaner ihre Frauen ganz in den Schatten. Ihr hauptsächlicher Schmuck besteht in den Federn des Paradiesvogels, in Perlmutter, Perlen und Schweinezähnen. Wundervoll und kostbar sind die Kopfzierden der Krieger und Häuptlinge, mit denen sie sich bei den feierlichen Kriegstänzen schmücken, und manchmal erreicht ein solcher Kopfputz die fast unglaubliche Höhe von 6 bis 8 Fuß. Auf einer Art steifer Kappe, die sich ihrem krausen Haar eng anschmiegt, ist ein ungeheurer Fächer aus Federn des Paradiesvogels aufgebaut, der sich zwei bis vier Fuß erhebt. Die Fedeni sind sehr kunstvoll angeordnet, so daß sie in auffallenden Farben zusammenstehen, und aus diesem reichen Prunk heben sich, in Zwischenräumen sorgsam verteilt, andre lange Federn heraus. In einigen Fällen ist auch ein langer, dünner, mit Federn bedeckter Stab von Bambus oder einem andern leichten, starken Holz angebracht, der vier bis fünf Fuß über dem Fächer aufrecht emporragt, so daß dann die Gesamthöhe dieses„Helmes" acht Fuß beträgt. Durch die Nase gesteckt, trägt der Krieger ein etwa sechs Zoll langes pinselförmiges Schmuckstück aus Perlmutter, das an beiden Enden spitz zuläuft. In seiner schimmernden Weiße hebt es sich hübsch von der dunklen Haut ab und sieht beinahe wie ein heller Schnurrbart aus. Um den Hals hängt sich der Papuaner einen halbmondförmigen Kragen aus Perl- mutter, der fast wie ein„Laberlätzchcn" für die Kinder aussieht, und ist der Krieger reich, so hängt über seiner Brust unter dem Kragen noch ein zweiter ähnlicher Halbnwnd. Vom Kragen bis zu den Hüften tragen sie dann Verzierungen aus aufgereihten Perlen, Schweinezähnen, Muscheln oder ähnlichen Schmuckstücken, die in ganz verschiedener Breite aufgelegt sind. Ein Gürtel aus ein oder zwei Perlenreihen, Zähnen oder andern derartig glänzenden Dingen giebt dem also dekorierten und ausgeputzten Körper die letzte Vollendung. Manchmal werden noch Armringe zwischen Schulter und Ellbogen angelegt, und zwischen Arm und Armring steckt man dann noch ein Paar sehr hübsch sich abhebende Büschel Gras oder einen Zweig hängenden Mooses, das dann nach dem persönlichen Geschmack des Trägers zottig herunterhängen oder keck aufrecht stehen kann. Außerdem tragen sie merkwürdige Tamtams von L'/a Fuß Länge und einem Durchmesser von 4 bis 5 Zoll. Diese lassen beim Angriff ein aufreizend klapperndes Geräusch hören, das zum Tanzen und Springen ladet: so gehen diese Kannibalen zum Kampf wie zu einem Reigen, ebenso wie mit ihrem heiser erregten Kriegsgeschrei wollen sie den Feind damit erschrecken und täuschen. Wenn die Papuaner aber den eigentlichen Kriegspfad betteten, so hat ihr Kopfputz nur eine Höhe von 12 Zoll. Be- zeichnend für ihre Art der Kriegsftihrung ist es, daß der Held vieler Kämpfe in Neu-Guinea fast immer seine Narben auf dem Rücken hat.... Interessant sind auch die Trauergebräuche der Papuaner. Die des Gatten beraubte Witwe hat die Verpflichtung, die tieffte und stärkste Trauer an den Tag zu legen. Wenn ein großer Häuptling oder Krieger in einem Hause stirbt oder doch nahe genug dabei, daß seine Leiche in sein Hcimatsdorf gebracht werden kann, bauen seine Verwandten, Freunde oder Nachbarn eine roheÄahre aus Aesten, die von etwa fünfzehn oder zwanzig Fuß hohen leichten Stangen getragen wird und sich in dem Dschungel in der Nähe des letzten Wohnortes des Verstorbenen befindet. Darauf wird die Leiche ge- legt, die schnell zum Skelett wird; aber während dieser ganzen Zeit sitzt oder liegt die unglückliche Witwe in einem düster aussehenden Gewände aus Rindentuch unter dem hohen Grab und beklagt bitter ihren Verlust. Sind nur noch die gebleichten Gebeine da. so sammelt die Trauernde die kleineren Knochen und verfertigt daraus ein„momento mori" in Forni eines Halsbandes. Den Schädel hängt sie über ihre Thür, als Zeichen, daß dort eine Witwe wohnt. Wenn dadurch die Aufmerksamkeit eines Mannes erregt wird und sie ihn heiratet, so wird der Schädel entfernt und das Knochen» Halsband gegen ein andres aus Glasperlen oder Perlmutter ver» tauscht. Eigentümlich ist auch die Art, wie die kleinen Kinder unter» gebracht werden. Dazu dient einfach ein Sack aus Netzwerk, in den das Kind eingebündelt wird. Der Sack mit dem Kinde schwingt an einer Rohrstlltze, so daß das Kind nicht herausfallen kann und gleich» zeitig auch gegen die Moskitos geschützt ist. Wenn ein Mädchen heiratet, so werden die Hochzeitsgeschenke, die der Preis für die Frau sind, an Stangen in das Haus ihres Vaters gebracht. Je zwei Träger ttagen eine solche Stange. Die Geschenke bestehen in toten Schweinen und dem Fell und den Federn von Paradiesvögeln, die überhaupt in Neu-Guinea das Sinnbild des Reichtums und Ranges sind. Zur Ausschmückung der Häuser werden menschliche Schädel am meisten geschätzt, und es ist der Hauptlebenszweck eines Papuaners, möglichst viele zu sammeln, da seine Tapferkeit und die Achtung, die er genießt, nach der Größe seiner Sammlung bemessen wird.— Humoristisches. —„U e b r i g e n s." In einer Gesellschaft unterhält man sich über die schlechten Eigenschaften der Menschen. Endlich erklärt ein Herr, das Erbschleichen sei doch eme ganz gemeine Seite im mensch- lichcn Charakter, wobei ihm alle eifrigst zustimmen. Die übliche Nachdenke-Pause tritt ein. Da hört man eine junge Frau zu ihrem Gatten sagen:„...Uebrigens, Manne, wir sind doch recht lange nicht bei Tante Eulalia gewesen."— — Ueberbürdet.„Arbeiten Sie denn jetzt so viel?" „Tag und Nacht: ich bin wirklich diesen Monat noch nicht dazu gekommen... ein reines Hemd anzuziehen!"— — Sicher.„Na, Weibchen, was kochst Du denn da?* „Fricassoe." „Du, wird es das wirklich?" „Erlaube, ich habe mir vorhin die Karten gelegt— es wird Fricassoe!"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Die Neue freie Volksbühne bringt an, kommenden Sonntag im Neuen Theater zum erstenmal Heinrich Leopold Wagners Trauerspiel„Die Kindes Mörderin" aus dem Jahre 1773 für die erste Abteilung ihrer Mitglieder zur Aufführung.— c. Vom Siegeszug der Frau. Nach einer jüngst ver- öffentlichten Statistik gab es in den Vereinigten Staaten von 187l) bis 1890 nur 414 Frauen, die amtliche Stellungen innehatten; heute sind es 4875 1 Die Zahl der I o u r n a l i st i n n e n ist in derselben Zeit von 35 auf 883 gestiegen, die der dekorativen Künstlerinnen von 412 auf 10 310, und Buchhalterinnen gab eS vor 30 Jahren 9, heute— 27 777 I— — Der Zoologische Garten zu Antwerpen ist in den Besitz eines ausgestopften Okapi gelangt.— t. Die Naphta-Brunnen auf Apscheron, der durch sie berühmten Halbinsel im Kaspischen Meer, haben im Jahre 1903 eine Gesamtmenge von fast zehn Milliarden Kilogramm Naphta geliefert.— — Setzt man einen Diamanten in einem luftleeren Raum unmittelbarer Radium st rahlung aus, so wird der von diesen Sttahlen uninittelbar getroffene Teil seiner Oberfläche in Graphit verwandelt und geschwärzt. Verwendet man zu dem Versuche einen schwach gelblich gefärbten Stein, so nimmt er eine bläulich-grllne Färbung an.— — Der Bau der Ennepe-Thalsperre geht seiner Vollendung entgegen. An der Riesenmauer, die einen Stauweiher von 13 000 000 Kubiknieter Inhalt absperrt, fehlen etwa zwei Meter Maueriverk, die gegen Ende des Monats fertiggestellt sein werden. Angcnblicklich arbeiten nahezu 1000 Arbeiter daran. Der Stausee wird eine Fläche von 100 Hektar bedecken. Außer der Gewinnung von Kraft soll das Wasser der Sperre anch den ganzen Kreis Schwelm mit Trinklvaffer versorgen.— — Ein gutes Beispiel von der Erzeugung von Elektricität durch Windmühlen giebt das Dorf Askov in Däneniark. Bei richigem, windstillem Wetter kann die Wind- mühle durch eine kleine Petroleunimaschine in Bewegung gehalten werden. Da aber für fünf Tage Elektticität aufgespeichert werden kann, tritt die Petroleummaschine nur selten in Tbätigkeit und wurde durchschnittlich nur 3V Tage vom Jahre in Kraft gesetzt. Der Windmühlen-Motor versorgt nicht allein das ganze Dorf mit Licht, sondern genügt auch noch für die nötige Kraft zu industriellen und agrikulturcllen Zwecken.— — Die Herstellung der gleichen Menge von Zucker erfordert heute nur noch ein Zehntel der Arbciteranzahl wie vor 30 Jahren.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 4. September. Berantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin