Nnterhaltungsblatt des Hlorwärts Nr. 173. Dienstag, den 6. September. 1904 (Nachdruck verboten.) 20t Die flucht Von K. Bagrynowskr. „Was ist das?" fragte Niehorski erstaunt.„Sollte das schon einer der Nebenflüsse der Lena sein?" „Nein, das ist Dschurdschnj!" antwortete Alerandrofs ruhig.„Wir müssen umkehren." „Dschurdschnj? Du bist wohl verrückt?" „Durchaus nicht! Bückt Euch ein wenig, dann werdet Ihr das Kreuz dort am Flusse blitzen sehen." Nur zu bald hatten sie sich überzeugt, wie recht er hatte, und nun erkannten sie auch die ganze Gegend wieder. Dieser Scherz war zu grausam für ihre schmerzenden Füße. Als sie sich hinter den Vorsprung zurückgezogen und ihr Lager auf- geschlagen hatten, saßen sie lange niedergeschlagen und in sich gekehrt am Feuer. „Es bleibt uns nichts andres übrig! Wir müssen uns streng nach dem Kompaß richten und dürfen nicht daran denken, einen bequemeren Weg zu suchen," sagte Niehorski endlich. „Es ist unmöglich, immer geradeaus zu gehen. Ich fürchte, ähnliche Irrtümer werden uns noch oft zustoßen. Die Landkarte gewährt gar keinen Anhalt," sagte Krassuski, der die am Boden ausgebreitete Karte betrachtete. „Was hilft's? Wir müssen gehen!" Seufzend legten sie sich zur Ruhe, und nur der Schimmel gab seine Freude über das reichliche Futter, das er gefunden, durch munteres Schnauben kund. Am Morgen kehrten sie auf den Sattel zurück und wandten sich jenen„unsäglich düsteren" Bergen zu. Der Aufstieg war nicht allzu beschwerlich, ja, er war leichter als die Wanderung über die Felsrriinen. Diese Berge bildeten ein hoch über dem Meeresspiegel erhobenes, sanft gewelltes Bergland. Geräumige Thäler und breite Berghügel von fast gleicher Größe wechselten mit einander ab. Aber kaum hatten sich einige dieser Steinwellcn hinter ihnen geschlossen, kaum waren die Spuren der buschigen Schluchten und Flußthälcr verschwunden, als sich Furcht in die Herzen der Wanderer schlich. Sie sahen, daß sie ein ungeheures, wogen- türmmdes Steinmecr vor sich hatten, das mit einer ein- sörniigen, schmutziggrünen Moosdecke wie mit einer Schimmel- schicht überzogen war. Weit und breit kein Baum, kein Strauch, kein Fleckchen frisches Grün und nirgends ein Tropfen Wasser. Nichts als aufschwellende Hügelreihen und Moos, Moos ohne Ende:.hinter diesen Hügeln— neue unendliche Hügclreihen und wiederum Moos, Moos, nichts als Moos... Totenstille— denn selbst der Wind sauste hier nicht mehr, da er in seinem Fluge nichts fand, was er berühren konnte. Starre Einöde, denn kein Vogel kam hierher, da er hier keine Nahrung zu finden hoffte. Und wie über dem Ocean, ging die Sonne auch hier blutrot auf und ließ die langen, bleichen Schatten der.Erdwellen über die Senkungen des Bodens gleiten. Und auch die vorüberziehenden Wolken schleppten ihr Abbild ungehindert über die Wüstenei. Aber dieser steinerne Ocean war nicht wandelbar wie sein wasserreicher Bruder: ihm fehlte das ewige, lebensvolle Wogen, das die wunde Seele zur Ruhe wiegt. Kaltes Grausen beschlich die Herzen der Wanderer, wenn sie die zackige Linie des Horizonts ansahen und den blaß-blauen Himmel, der sich über die unabsehbare, graue jEinöde spannte. Und gleichviel ob sie die Hügel erstiegen oder hinabgingen, immer trat das Moos unter ihren Schritten aus- einander und deckte den eisigen Boden auf. Von der Feuchtig- keit aufgeweicht, hing ihnen das Schuhwerk um die Füße wie ekle Lappen. Bei Tage brannte die Sonne, in der Nacht zitterten sie vor Kälte. Und sobald sich der Wind einen Augen- blick legte, überfielen sie unzählige, gleichsam aus dem Nichts erstandene Mückenschwärme, vor denen sie sich nicht mehr retten konnten, denn weder das Moos noch das feuchte Weiden- gestnipp wollte Feuer fangen. Volle acht Tage irrten sie ohne Wasser und nahezu ohne Feuer über diese bergige Tundra. Als wären sie von einem furchtbaren Fieberwahn befangen, gingen sie ohne jede Begeisterung weiter, schritten einher wie Nachtwandler, die von einem geheimnisvollen Befehl an- getrieben werden. Wird es noch lange so fortgehen? Werden ihre Kräfte reichen?. Wann wird sie der Wald endlich mit seinem fröhlichen Rauschen empfangen, wann werden sie ihre trockenen Lippen mit kaltem, reinen Wasser netzen? Sie dürsteten nach der kühlen Flüssigkeit wie sie in den langen arktischen Nächten nach der Sonne gelechzt, denn die ganze Zeit über hatten sie nichts zu trinken als schmutziges, moosdurch- setztes Wasser, das sie unterwegs in kleinen Pfützen antrafen oder in winzigen Brunnen ansammelten, die sie an den Rast- stätten eigens graben mußten. Der Schimmel hatte kein Futter mehr: er fraß alles, was er vorfand: er beknabberte die Zweige des Weidengesträuchs, kaute harte Flechten, aber er war mager wie ein Gerippe. Er stolperte auf Schritt iIViS Tritt, stürzte nieder, schlug sich das Maul, dann die Knie wund, und um ein Haar hätte er sich die Zähne ausgeschlagen. Sie mußten sich entschließen, ihn fallen zu sehen, oder ihre Bündel mit einem Teil seiner Last beschweren. „Wir müssen die Sachen mustern und alles Ueberflüssige fortwerfen. Vielleicht haben wir nur noch ein, zwei Tage solchen, Manderns vor uns und kommen dann an die Wassergrenze und steigen in die Flußthäler hinab, die an die Lena führen," sprach ihnen Niehorski Mut zu. Aber er vermied es, sie an» zusehen. Das männlich-schöne Gesicht Krassuskis war so klein und so dunkel geworden, daß es an einen Adlerkopf erinnerte, Die starke Gestalt Alexandroffs war gebückt, seine Füße traten mit verbissenem Trotz auf, als wollten sie die Erde von sich stoßen, und die schwarzen, trübe blickenden Augen Woroninsl trafen die Gefährten wie Dolchstiche mit ihrem schweigenden� geheimen Schmerz. Er klagte nie, aber er stöhnte im Schlaf, Niehorski hatte es oft gehört, denn er schlief wenig: er aß auch wenig und fühlte, daß er noch lebe, weil er glühe. Als sie am Morgen die dem Schimmel abgenommene Last in ihre Bündel steckten, nahm Niehorski Woronins Teil heimlich an sich und teilte es mit Krassuski. Aber als er sein Bündel heben wollte, sah er wohl, daß er selbst nicht weiter konnte, daß er heute sicher erliegen müsse. Er ging immer langsamer, glitt immer öfter aus und mußte sich auf Knie und Hände stützen. Trotz- dem wurde er böse wenn die andern auf ihn warteten. „So geht doch! Warum seht Ihr Euch um? Ich werde Euch schon am Lager erreichen: Eure Spuren werden mich hinführen. Habt keine Angst. Außer uns ist ja niemand hier!" Alerandrofs und Krassuski sahen einander mit fiebernden Pulsen zweifelnd an. Die Sonne brannte, wie in der Sahara� und oft schwebte eine rote Blutwolke vor ihren Augen. „Du mußt einen Teil Deiner Last abgeben. Wir werden den Schimmel damit beladen. Ein paar Pfund weniger oder; mehr werden ihm nichts anhaben!" drangen sie in Niehorski. „Das fehlte noch! Ich bitt' Euch, laßt mich in Ruhe!" Sie beschlossen ihm die Last gegen seinen Willen während der Nachtruhe abzunehmen. Aber als sie weiter gegangen waren und er auf einem Hügel allzu lange auf sich warten ließ, warf Krassuski sein Bündel ab und kehrte um. Er fand ihn auf dem Abhang liegen. Der Sack lastete auf seinem Rücken, der schmerzlich zuckte. Er war nicht ohnmächtig, denn er machte eine ungeduldige Bewegung als er die nahenden Schritte vernahm. „Was fehlt Dir?" fragte Krassuski, indem er sich neben den Gefährten niederließ und ihm den Sack abzunehmen suchte. „Rühr mich nicht an!" „Steh auf! Was fehlt Dir? Dein Gepäck ist zu schwer. Di: hast zu viel auf Dich geladen: ich hab's Dir gleich gesagt. Laß Dir das doch nicht zu Herzen gehen! Was kannst Du dafür, daß Du schwächer bist als wir." „Ach, laß mich in Ruhe! Ich will hier bleiben. Nimm die Sachen und geh! Geh— sag ich Dir... mögen mich die Wölfe hier auffressen." „Sei nicht wunderlich, steh auf!" In demselben Augenblick wurde Niehorski von einem heftigen Husten befallen. Als Krassuski ihn bei den Schultern packte und aufrichtete, stürzte dem Kranken ein roter Blutstrom aus dem Munde, und heiße Thränen flössen aus seinen Augen« „Siehst Du! Ich sterbe.,, Laßt mich hier. Ich bin schuld daran... vergebt mir!.., Ich werde..>. Polen .«. nicht wiedersehen." Krassuski sprang auf den Hügel und rief dre Gefährten zurück. 4 Die Zierde Dschurdschnjs— der See. der in seiner Mitte lag,— hatte einen häßlichen Namen. Die in der Umgegend wohnenden Eingeborenen hatten ihn schon nach der Gründung des Städtchens„Düngermeer" genannt, und dieser Spitzname war an ihm haften geblieben. Er war übrigens richtig gewählt, aber davon konnte man sich nur überzeugen wenn man in der Nähe war und seinen Geruch spürte oder die städtischen Ge- pflogenheiten kannte. Sonst war der Anblick des Sees sehr hübsch, sein Wasser schien klar zu sein und an hellen Tagen war es sogar spiegelhell. Den Kehricht und den Schmutz verhüllte eine dünne Wasserschicht vor den Augen der Menschen. Die Wolken, der Himmel, die grünen Ufer, die Spiegelbilder der Häuser hoben sich wie ein schöner Rahmen vön seinem schwarzen Schilde ab. Die Frauen wußten, daß sie in diesem Schilde, vhne den Kopf zu heben, sehen konnten, wer über die Straße ging. Ter Tag war klar. Die Lehrerfrau saß mit einer Hand- arbeit beschäftigt am offenen Fenster und sang mit ihrer seinen Sopranstimme vor sich hin. Plötzlich brach sie ab und begann eifrig zu nähen. Der Lehrer, der mit weit ausholenden Schritten im Zimmer auf- und abging, blieb stehen und sah auf die Straße. Das verräterische„Düngerineer" verriet ihm als- bald, daß ein Mann in einer grauen, mit einem silbernen jakuttschen Gürtel umspannten Joppe ganz in der Nähe am Äser stand. Seine Züge waren in dem undeutlichen Spiegel- bilde nicht zu erkennen, aber einen Cylinderhut gewahrte er doch. Da nun Denisoff der einzige Besitzer eines solchen Hutes in Dschurdschnj war, so harrte der Lehrer, dessen Neu- gierde aufs höchste gespannt war, mit geblähten Nüstern der Dinge, die da kommen sollten. Die Gestalt rührte sich nicht: der weiße Hals der über der Arbeit gebeugten Frau war auch unbeweglich. Aber ihr Busen wogte so stürmisch, daß die darauf ruhenden Wachsperlen raschelten als ließe sie jemand durch die Hand gleiten. Alles dies dmierte jedoch für Dschurdschnjer Verhältnisse zu lange; der Lehrer wurde unge- duldig und neigte sich zum Fenster hinaus, um zu sehen was die Gestalt veranlassen könnte, so unbeweglich an einem Flecke zu bleiben. Die Gestalt gewahrte ihn alsbald und grüßte höflich. (Fortsetzung folgt.) (Ndchdnn? verboten.) Kivmcß am Rhein. Daß der Rheinländer zu lustigen Festen aufgelegt ist, ist bekannt. Er ist von Natur lebfroh. Nicht nur der berühmte rheinische Karneval entfesselt die Geister. Wer das Volksleben beobachten will, der muß sich auch die Kirmeß ansehen. Um die Zeit des August und September regt flch's überall_ Ter Geist der Lustbarkeit geht um und spukt in den Gemütern. Schon vorher eröffnen Kinderfeste, Konzerte den Reigen der Vergniignngen. Dann aber setzt die Kirmeß ein. Jedes Dorf, in den größeren Städten jeder Stadtteil, hat seine Kirmeß. Ist sie an dem einen Ort beendet, so beginnt sie nicht weit davon, im Nachbarort. So acht es immer abwechselnd die Reihe herum. Die Gelegenheit zu feiern reißt nicht ab. Die beliebten Kirmeßtage sind hier meist Sonntag und Montag. Kirmeß oder Kirchmesse, Kirchwcihe— der Name schon deutet auf den Ursprung des Festes. Eine Kirche wurde neuerbaut oder nachdem sie ihrer Bestimmung entzogen war, ihrem Zweck wieder zurückgegeben. Schon im neunten Jahrhundert ist dieser Brauch bekannt, im Anschluß daran Volksfeste zu verniistalten, die schließlich ganz in den Vordergrund traten. Die Veranlassung, die Einweihung einer Kirche, verschwindet ganz. Die Volksbelustigung bleibt. Und nur der Name und die alte Sitte, solch Fest meist a»f dem Kirch- platz zu feiern, rings um die Kirche die Buden aufzubauen, erinnert den Eingelveihten noch daran. Der Rheinländer hat keinen ruhigen, stillen Charakter. Auf seinen Festen nmß es laut und lustig und lärmend zugehen. Der Name„Kirmeß" weckt zugleich schon die Erinnerung an Holland, an die Kirmeßmalcr Ostade, Steen, Brouiver und all die andern holländischen Maler, die ihnen folgten. Sie schildem das Leben und Treiben auf diesen Volksfesten. Sie haben ihre helle Freude daran, die vierschrötigen, ungeschickten Gestalten in den grotesken und ge- Waltsamen Verzerrungen ungeschminkt wiederzugeben, wie sie der reichliche Geimß des Bieres und Weines, der die Gemüter erhitzt, verursacht. Ich entsinne mich einer Scene, die für den Rheinländer charakteristisch ist. Ich fuhr auf einem Dampfer rheinabwärts. Als die Fahrt los- ging, befand sich eine Kapelle an Bord, die eine Gesellschaft be- «leitete. Sie spielle falsch genug. Unterwegs steigt noch eine Gesell- fchaft mit noch einer Kapelle ein. Grauenhast wirbelten diese beiden Kapellen nun ihre Dissonanzen durcheinander. Am tollsten wurde es unter dem Lorelehfelsen..Ich weiß nicht, was soll es bedeuten' wurde natürlich intoniert. Um ihren Persönlichkeitsstandpunkt zu wahren, setzte die zweite Kapelle natürlich ein paar Takte nach der ersten ein, und so ergab sich ein gottsjämmerliches Gemisch gwekender Töne. Aber jede Kapelle wahrte energisch ihr Recht. Keine gab nach. Das Stück wurde bis zu Ende in mörderischem Tongewühl durchgeführt. Und während das große, schöne Schiff stolz die breiten Fluten hinabglitt, quäkte oben aus dem Deck eine gräßliche Katzen- musik. Das stört jedoch den Rheinländer gar nicht. Im Gegenteil— er hat seine Freude daran. Es nahm also auch niemand Anstoß daran, und der Fremde, der zaghaft darauf austnerksam macht, daß eigentlich eine falsch spielende Bande von Musikern schon hinreichte, einen Menschen zur Verzweiflung zu bringen, kann auf kein Ent- gegenkommen rechnen. Er begegnet allgemeiner Verständnislosigkcit. Ein andennal beobachtete ich eine Schar sonntäglicher Aus- fliigler, ebenfalls auf dem Deck eines Dampfers. Offenbar ein Ge- sangverein. Sie machten einen solchen Lärm, redeten so laut, daß jedes Wort auf dem Schiff zu vernehmen war. Nachdem sie eine Zeitlang getrunken hatten, kriegten sie Händel miteinander. Schimpf- Worte flogen hin und her. Als alles aufmerkte, wurden sie nicht etwa ruhig, sondern nun, da sie alle Blicke auf sich gerichtet fühlten,.stählten" sie sich. Es wurde eine Art Theaterscenc aus dem Zaick. Jeder führte seine Rolle stilgerecht durch. Es wurde ein Wettzank; intime VereiuSaugelegenheitcn kamen aufs Tapet. Der Rendant der Kasse wurde iliibarmherzig vorgenommen. �Einige wollten nichts mehr mit sochen Kumpanen zu thun haben und erklärten, nach Hause gehen zu wollen, was ihnen, in Anbetracht, daß sie sich auf dem Dampfer be- fanden, schwer gefallen wäre. So begnügten sie sich damit, zu ver- schwinden, um die Kajüte herumzugehen und auf der andern Seite wieder aufzutauchen. Einmal fielen sie sich in die Anne, um dann wieder einander zu verhöhnen. Sie klopften sich auf die Schulter und warfen sich rücksichtslos Schimpfworte an den Kopf. Schließlich stieß einer— ob mit oder ohne Absicht— an die Flaschen, die am Boden standen, die nun zur Freude aller Anwesenden eine Rund- fahrt auf dem Deck antraten. So mutz es sein. So will es der Rheinländer haben. Nicht immer liegen alle Buden beisammen. Die Kirche, der Marktplatz bildet wohl den Sammelpunkt, das Centrum. Aber auch jede andre Gelegenheit wird gern benutzt. Wo ein Plätzchen sich bietet, ein Bauplatz z. B. freisteht, füllt der Jahrmarkt diese Lücke aus. So vertellt sich die Kirmeß über eine weite Strecke, durch den Ort hin. Karussels drehen sich unaufhörlich. Mehrere Etagen hoch aufgebaut. Mit Schiffen, Pferden, Gondeln. Alles dreht sich und dreht sich noch einnml um sich selbst. Oder wiegt und schaukelt sich. Und die Musik schallt durcheinander, ans das Gehör wird keine Rück- ficht genommen. ES geht alles im Geschwindbetrieb vor sich. Die Glocke ertönt. Alles stürzt, drängt sich herauf, und voll sind die Plätze. Die Musik setzt ein. und schon dreht sich der Koloß. Während der Fahrt wird einkassiert. Wieder ertönl ein Glocken- zeichen. Die Fahrt ist zu Ende. Jungens springen auf die im Saude nachschleifenden Bretter, und so wird das Ungetüm zum Stehen gebracht. Die euren klettern hinab, die andern drängen schon hinauf. Silber- und goldglitzernde Schaukeln schwingen sich hoch in die blaue Luft, in inimer kühnerem Bogen. Es ist eine Lust, so zu fliegen. Austechtstehend loird um die Wette geschaukelt. Ganz gefährlich sieht es aus. Es sieht aus, als müßte die Schaukel oben herumfliegen, so hoch saust sie hinauf. Papierfächer werden ausgeboten, in allen Farben prunkend. Kinemarographen zeigen den„corndat naval russo-japonais." Es llingt gelehrter, und das Fremde lockt an. Pfefferkuchenbuden strotzen in bunten Auslagen. Da ist jede Farbe in Bonbons ver- treten. Man lanu das Glücksrad drehen und ein Pfefferkuchenherz gewinnen oder sogar eine Puppe. Auf dem Herz ist ein Oblaien- Liebespaar und darunter steht: Zum Zeichen, daß ich Dein gedacht — Hab' ich Dir dieses mitgebracht— Zucker, Rosin' und Mandel- kern,— das weiß ich ja. das ißt Du gern. Oder ein Oblaten- Engelköpfchen klebt in der Mitte und darunter steht: Genieße stets der Tugend Freuden— so weichen von Dir alle Leiden. Bunte Kringel von rotem und weißem Zuckerwerk schlingen sich rund herum. Limonadenvcrkäufer halten am Wege. Rot, gelb, grün stehen die Flaschen ausgereiht. Das Geschäft blüht. Die Flaschen werden an Ort und Stelle aus einem großen Apparat gefüllt. Andre versuchen ihr Glück in andrer Weise. Sie mühen sich ab, runde Scheiben so geschickt zu werfen, daß alle vier Scheiben einen Kreis bedecken. Anderswo stehen Messer aufgespießt. Wer einen Ring darüber wirft, dem gehört das Messer. Ein Herr in schäbig glänzendem Gehrock und schiesgcdrücktem Cylindcr tritt liebenswürdig lächelnd an uns heran, reibt sich die Hände und möchte absolut, daß wir unö photographieren ließen. Er verfolgt unö mit feinen Anträgen. Dann kommen die Schießbuden und die Spielwarenhändler, die all das in ihren Ständen feilbieten, was ein Kind sich wünscht und ersehnt. So viel hängt da, es ist gar nicht aufzuzählen. Eine ganze Welt, Trommeln, Pfeifen, Puppen, Geigen, Baukästen, Bilder- bücher, Segelschiffe. Alles baumelt lustig durcheinander oder liegt sorgsam aufgebaut, eins neben dem andren, Und zwischen all den Buden gehen die einher, um deretwillen diese ganze Herrlichkeit eigentlich aufgebaut ist, die Kinder. Aus- gelassen tollen sie oder schreiten gravitätisch auf und ab. Sie haben eine schwere Aufgabe— das Auswählen. Was sollen sie sich kaufen? Was ist das Beste? Was reizt sie am meisten? Sie sind hier die Herren. Sie wissen hier besser Bescheid als die Erwachsenen. Man preist ihnen die Waren an. Man sucht ihre Gunst zu gewinnen. Sie fühlen sich. Sie uberlegen lange und genau, wie sie das Geld am besten an- legen. Und wenn sie dann schließlich im Karussel, dessen bunte Pracht sie anlockt, Platz nehmen, thun sie es mit einer Ruhe und Würde, die alles um sich herum vergißt. Es ist eine Entscheidung. So— denken sie— nun habe ich das höchste Glück erwählt. Es ist für sie ein feierlicher Moment. Das ganze Gewicht ihrer Empfindungen werfen sie in die Wagschalc. Sie sind ganz bei der Sache. Es ist ein schwerer, selbständig überlegter und ohne jede Hilfe behaupteter Entschluß. Mit Bedeutung legen sie ihre fünf Pfennige in die Hand des sehnigen Karusselmannes, der sie wie Nichts zerdrücken könnte, der sie aber achtet und freundschaftlich ihr Geld in Empfang nimmt. Oft ist mit einer Kirmeß ein Schützenfest verbunden. Die Schützen erscheinen in feierlich-lärmcndem Aufzug am Plan, den vor- jährigen König und die Königin in der Mitte. Das Vogelschießen beginnt, und der neue König, dem die Ent- scheidung günstig ist, tritt seine Würde an. Hoch oben, über dem Ort, liegt auf dem Hügel ein Gasthaus. Auch bis hierher ist der Festtrubcl gedrungen. Ter Besitzer ist auf die Idee gekommen, auf zwei Tage die bayerische Gemütlichkeit hierher zu verpflanzen. Weiß und blau überall, die bayerischen Farben. Schuhplattler zeigen ihre Tänze, Sänger jodeln und tragen Lieder aus dem Gebirge vor. Ein„Bratwurjtglöcklein" ist errichtet; jedesmal ertönt laut die Glocke, sobald eine Wurst fertig gebraten, ist. Zwischen den Tischen eilen Kellner einher, in Tiroler Tracht gekleidet, und Mädchen in bayerischen Kostümen verkaufen Salz- brezeln. Beinahe wie im Karneval siehts hier aus. Und wenn Gesang und Tanz hier zu Ende, dann setzt die Militärkapelle ein, und wenn deren Melodie verklungen ist, beginnt weiter hinten im Walde die Tanzmusik. Hier wird im Freien getanzt. Mitten im Walde ist ein Plätzchen abgesteckt und zurechtgemacht und da drehen sich die Paare. Daneben klettern die Jungens auf hohe schwankende Stangen. Bis in die Nacht wird hier getanzt. Zwischen den Bäumen hängen elektrische Glühlämpchcn. Und wenn man von hier hinab- sieht ins Thal, schallt der Lärm von unten herauf. Auch dort unten ist es noch lange lebendig. Dort unten fließt der Rhein. Drüben die grünen Höhenzüge, auf denen Burgen und Ruinen liegen. Dörfer im Walde versteckt. Und mitten darin dieses bunte Gewimmel. Die umliegenden Wirtshäuser und Gartenrestaurants in der Nähe des Fcstplatzes haben alle geflaggt. Ucberall schallt aus dem Innern Musik. Zwischen den engen Straßen wogt lustiges Leben lachend hin und her. Die Gassen sind dicht besetzt mit Obst- und Cigarrenverkäufern, die die kleinsten Winkel benutzen. Blinde Bettler hocken am Wege und spielen langsam und eintönig immer wieder dasselbe Lied. Der dunkle, weite Nachthimmcl umspannt das alles. Der Mond beleuchtet das Treiben. ES ist klare Nacht. Und immer noch drehen sich die Karussels. Denn manch ein Paar schleicht sich hinaus aus den heißen Tanzräumen an die Luft, die sie kühl umweht, und macht noch eine Fahrt. Es glitzern die Lichter und die Musik dudelt unaufhörlich. Und silbern und ruhig schauen die Sterne herab.— s— r. Magners Kindcrmördctm sNene freie Volksbühne.) Heinrich Leopold Wagner— eine Rettung! Wer wollte da nicht gerne mit dabei sein? Er ist jung, im Jahre 1779, gestorben. Goethe, ein Jugend- genösse, hat rhu überlebt, rein physisch überlebt. Goethe, sein Ge- nosse, hat ihm Unrecht gethan, als er ihm deS Plagiats beschuldigte. Und eS wäre gar so verlockend, den jungen Titanen gegen den Olympier aufzurufen, wenn nur nicht— ja wenn nur nicht das verdammte litterarische Gewissen wäre, das solchen Flug eigen- herrlicher Litteraturbetrachwng schon bei seinem Ausstieg lähmte. Die Aufführung der„Kindcrmördcriir" durch die«Neue freie Volksbühne" war gewiß ein Verdienst, ein außerordentlich interessantes Stück litterargeschichtlichen Anschauungsunterrichts, aber für den armen Heinrich Leopold Wagner ist sie doch— man täusche sich darüber nicht!— ein Stein mehr auf seinem Grabhügel geworden. Ein bedeutsames Dokument aus der Geschichte deS DranraS und des achtzehnten Jahrhunderts, hat sieZdoch nur— man täusche sich darüber nicht!— bewiesen, daß man in Deutschland schon vor der klassischen Periode unsrer Dichtkunst so schlechte Dramen schrieb, wie es unsre gute» modernen sind. „Naturalistisch", ja wahrhaftig, das ist die Kindcrmörderin I Sie hat alles, was dazu gehört, Heimatskolorit und Dialekt, sie riecht nach Scholle und nach gewöhnlicher Durchschuittsmenschlichkeit. Sie ist aber ebensowenig ein Plagiat an Goethes Faust-Grethchen- Tragödie, wie Schillers Kabale und Liebe, Hebbels Maria Magdalena Plagiate an ihr sind. Wenn man ihr Verhältnis zur Grethcheu-Tragödie mit einem kurzen Ausdruck bezeichnen will: es ist die Grethchcn-Tragödie von hinten herum gesehen. Alles was im Faust zwischen den Scenen spielt, Schlaftrunk für die Mutter, körperliche Verführung, Reue danach, Kindesmord, spielt hier in der Scene, aber von allem, was in Goethes Faust in der Scene spielt, fehlt jeder Hauch. Goethe giebt die Poesie des Dranias und man muß die Wirklichkeit dazu denken. Wagner giebt die Wirklichkeit und man muß sich die Poesie dazu denken. Evchen Humbrecht sagt nie dergleichen wie:„Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer". sondern sie drückt ihre Liebe in Romanphrasen aus— und das ist richtig und natürlich. Sie sagt auch nie:„Ach neige, du Schmcrzens- reiche, dein Anlitz gnädig meiner Not!" sondern sie sagt in gleichem Falle nur„Ach" und„Oh"— und auch da? ist richtig und natiirlich. Merkwürdig nur, daß das poetisch verklärte, bcrse-redende Gretchen uns tausendmal mehr menschliche Wahrheit giebt, als jene durchaus lebensechte wirkliche Kindesmörderin, die so wenig eine poetische Wendung gebraucht oder einen selbständigen bedeutsamen Gedanken ausspricht wie— irgend ein gutes modernes Sttick. Aber, seien wir gerecht I Hätte nicht Goethes unbilliger Vorwurf, Wagner habe den Stoff„weggeschnappt", zu dem Vergleiche heraus- gefordert, so wäre es wohl nie jemand eingefallen, Grethchentragödie und Kindermörderin als incommcnsurable Größen aneinander messen zu wollen. Jene steht über der Zeit, diese steht mit Bewußtsein in der Zeit, sie ist ein Kampfdrama der liberalen Humanität und ein moralisches Tendenzstück. Innerhalb dieser ganz respektablen Ge- staltting also muß sie geprüft und gemessen werden.„Einige philosophisch prüfende Kosmopoliten", schrieb Wagner in einer späteren Vorrede,„waren der Meinung, eine auf Befehl der Polizei in einem wohlregierten Staate monatlich wiederholte Vorstellung dieses Stückes könne nach und nach dies immer unnatürliche, nie ganz willkürliche Verbrechen (nämlich den Kindesnwrd) an seiner Wurzel untergraben und ans- rotten." Darauf also kommt es an, die Schaubühne soll ihm wie Schiller eine„Schule der Sitten" werden. Nun, Schiller hat Schwert und Wage übernommen und die Laster seiner Zeit vor den gräßlichen Nichtcrstuhl der Schaubühne gczerrt.„Kabale und Liebe"— hätte die deutsche Litteratur doch nur noch ein Stück gleicher Art, das diesem an die Seite zu setzen wäre. Lenzens„Soldaten"? Wagners„Kindermörderin"? Ach, beiden fehlt die Kraft und Kühnheit. Die Soldaten sind der Zapfenstreich und die Kindesmördcrin der Rosenmontag des achtzehnten Jahrhunderts, während Kabale und Liebe des zwanzigsten noch zu schreiben ist! Das Geschlechtsproblem meldet sich im achtzehnten Jahrhundert als Standesprob�m an. Dem vom Kavalier verlassenen Bürgermädchen, das in Elend oder Verbrechen herabsinkt, wendet sich alle menschliche Teilnahme zu. Aber von zwei Dingen eines: Entlveder man verkünde frei die Freiheit der Liebe, wie es Goethe in herzhaft naiver Form gethan hat(„und alles, was mich zu ihm trieb, ach war so gut, ach war so lieb") oder man raffe seinen ganzen Dichter- zorn zusammen gegen eine Gesellschaftsordnung, die trennt, was Gott verbindet— wie es Schiller gethan hat. In Wagners Plänen scheinen— nach der Anlage seines Stückes und nach der Vorrede zu schließen— beide Ideen unklar gegärt zu haben: zu klarem Ausdruck ist weder die eine noch die andre ge- kommen. Lieutenant v. GrönigSeck, der dem Brauche seines Standes folgend, die Tochter des Schlächters Humbrecht in ein Bordell ver- schleppt, wandelt sich später doch wieder zum nntadeligen Ehrenmann und nur ein gefälschter Brief eines schurkischen Kameraden ver- hindert die glückliche Lösung des rechtschaffenen Ehebettes. Die Geschlechtsmoral der Kindern, örderin läuft also schließlich trotz allen Anscheins von Rcvoluttonarismus auf die banale Tendenz hinaus:„Thu keinem Dieb etwas zu lieb, als mit dem Ring am Fingerl"— wozu der kluge Weltkenner Mephisto spöttisch bemerkt: „Geh, sing ihr ein moralisch Lied, um sie gewisser zu be- thören." Gleichzeitig aber blieb die revolutionäre Lösung des Standes- Problems im Entwürfe stecken. Luise und Ferdinand sind Opfer eines Systems, Evchen und Grönigseck aber— wie man heute sagen würde— eines„bedauerlichen Einzelfalls". Daß in beiden Fällen ein gefälschter Brief dazu hcrhaltei, muß. um die beiden Liebenden verschiedenen Standes auseinander zu bringen, ist eher das gemein- same Eigenttimliche einer herkömmlichen gering entwickelten Technik als ein Zeiche» verwandter Richtung. Und darum bleibt die Kindermörderin niir eine Verteidigungs- rede für ein Verbrechen, das die Strafgesetzgebung jener Zeit ohne Rücksicht auf psychologische Momente mit den sinchtbarsten Strafen ahndete und als solche— immer vorsichtig!— kein Plaidoyer auf Nichtschuldig sondern nur auf mildernde Umstände. Ihre Kühnheit — ein Bordell auf die Bühne zu bringen— ist nur der äußere Schein von Kraftgenialität, es fehlt die Kraft, fehlt das Genie. Das Stück aus hundertjährigem Schlafe wieder zu erwecken, war eine verdienstvolle That. Man sollte es in einem wohlgcord- nctcn Staate auf Befehl der Polizei monatlich wiederholen und unfre Dramatiker, die es über die Klassiker hinaus so herrlich weit gebracht haben, zwangsweise zur Vorstellung vorfiihren. Es ist auch für ein weiteres Publikum überaus lehrreich. wenn es nur zuvor gewarnt wird, die falsche Rührstück-Sentimentalität nicht echt zu nehmen und seine Thrcmendrüsen zu schonen. Mit feinen, Verständnis hat es sein erfolgreicher Bnhnenbearbeiter E t t l i n g e r ein„realistisches Vorläuferdrama" genannt und an den „Zapfenstreich" und den„Rosenmontag" angespielt. Hier zeigt der Wegweiser in der That zu Jffland und Beyerlein weit mehr als zu Schiller und Goethe. Eine treffliche Darstellung mit den Damen E i k e n s ch ü tz und W a» g e l. den Herren Lich o. Reßner und S t e i n r ü ck der- halfen dem Stück zu einem unmittelbaren starken Erfolg, an dem freilich initunter das leichtempfängliche Gemüt mehr Anteil zu nehmen schien, als man eigentlich wünschen dürfte.— f. s. Kleines feuületon. — Ein Zwiegespräch zwischen einem Japaner und einem Deut- scheu. Der„Franks. Ztg." wird geschrieben: Vor kurzem äußerte sich ein in Würzburg Medizin studierender Japaner einem deutschen Studiengenossen gegenüber in interessanter Weise über die Stellung des Staates in Japan gegenüber den Religionen. Der mit dem Japaner seit langem befreundete Deutsche fragte ihn eines Tages: „Zu welcher Religion bekennen Sie sich denn eigentlich?" „Warum fragen Sie das?" war die ausweichende Gegenfrage des Japaners. „Nun Sie müssen doch bei Ihrer Immatrikulation an der beut- fchen Universität die Rubrik, die nach Ihrem Religionsbekenntnis fragt, ausgefüllt haben!" „Ja, geht bei Ihnen in Deutschland das die Universitätsbehörde etwas an?" „Dann waren Sie eben doch wohl gezwungen, bei Ihrer An- Meldung bei unfern Polizeibehörden irgend eine Angabe über Ihr Glaubensbekenntnis zu machen." „Ich habe keine gemacht, geht denn das in Europa die Polizei etwas an?" „Sie müssen aber doch in Japan am Gymnasium oder in der Volksschule irgend einen bestimmten Religionsunterricht genossen haben." „Ja, wird denn in Deutschland die Religion auf der Schule gelehrt?" „Wie bringt denn sonst der Japaner dem kindlichen Gemüte bei: Das sollst Du thun, dies darfst Du nicht thun, sonst kommst Du in die Hölle und beleidigst Gott usw.?" „Mein Lieber, lehrt denn bei Ihnen das etwa die Religion? Sie verwechseln ja Religion mit Moral und Ethik. Freilich wird bei uns in Japan in der Familie und in der Schule der Begriff gut und böse den Kindern durch Erziehung und Unterricht beigebracht. Aber diese Begriffe sind doch, sollte ich meinen, auf der ganzen Kultur- Welt vollständig gleich. Ebenso wenig wie Sie sich� ohne weiteres in der Philosophie als Anhänger von Kant oder Schopenhauer oder Nietzsche oder einem andren Philosophen bezeichnen werden, ebenso wenig kann ich Ihnen sagen, was ich für ein Religionsbekenntnis habe: ich weiß es einfach nicht. Wenn Sie wollen, bin ich Buddhist, denn meine Mutter ist Buddhistin. Wenn Sie wollen, bin ich Schin- toist, denn mein Vater ist Schintoist: ich selbst bin aber in Wirk- lichkcit keines von beiden; mein Vater ließ mir eben keinen Religions- Unterricht geben, weil die Religion in Japan reine Privatsache der Familie ist, etwa wie Sie in Deutschland den Kindern nach Belieben Klavierunterricht geben lassen. Wenn Sie wollen, können Sie mich auch einen Christen nennen, denn ich nahm als junger Mann eine Zeit lang bei einem protestantischen Pfarrer in Japan Religions- Unterricht, weil es mich interessierte. Aber deshalb bin ich doch kein Protestant? Ich kenne natürlich auch die Lehren des Buddhismus und Schintoismus und trotzdem bekenne ich mich zu keiner der drei genannten Konfessionen. Ich hatze auch nicht das geringste Bedürfnis, mich irgend einem Religionssystem anzuschließen."— Theater. Deutsche Volksbühne.„Die Räuber." Trauer- spiel von Friedrich Schiller. Das Karl Weiß-Theater, dessen frühere Direktion den Kampf ums Dasein mit oft recht groben Attraktionen, mit lärmenden Sensations- und Spektakclstücken in englischem Geschmacke fährte, will man nun in eine Stätke ernster Kunstübung, in eine um hohe Ziele sich bemühende, durch niedrige Eintritttspreise möglichst jedermann zugängliche Volksbühne um- wandeln. Der Erfolg der Freien Volksbühnen und der Schiller- Thearcr mag dein neuen— übrigens privaten, in Form einer geschlossenen Handelsgesellschaft konstituierten— Unternehmen, das sich„Deutsche Volksbühne" nennt und amSonnabend mit derVorstellnug der„Räuber" eröffnet wurde, den Anstoß gegeben haben. Aber so erfreulich die Verheißungen auch klingen, daß die Werke Schillers und Goethes, Kleists und Grillparzers, Hebbels und Shakespeares, Byrons und Calderons zur Darstellung gelangen sollen, so wunderlich, dem Wesen einer Volksbühne widerstreitend erscheint die in dem Programm sich ankündigende Intention, die moderne naturalistische Dramatik, die ja, von Hauptmann abgesehen, vorwiegend Auslandsprodukt, aus- zuschließen und statt dessen unter dem Stichwort„deutsch" Epigonen des deutschen Klassizismus von Halm bis Kruse und Wilden- brach zu einer Art von Scheinleben zu galvanisieren. Der Direktor, Herr Viktor Laverrenz, ist, wie der gefällige, den Zuschauern verabfolgte Programmartikel mitteilt, selbst glücklicher Verfasser eines„König Rotbart' und hat nach Felix Dahns grandiosem Roman„Ein Kamps um Rom" den Plan zu einem groß angelegten Gothendrama„König Wittichis" entworfen; die Deutsche Volksbühne, die er zuerst als ein Versuchstheater, als eine freie Bühne vor mehreren Jahren hier in Berlin begründete, wurde mit einem Prologe Dahns, die ständige Deutsche Volksbühne jetzt mit einem Prologe Wildenbruchs, einem patriotisch zugespitzten Hymnus auf Schiller, in dem die nordische, russische und französische Dichtung als unbefriedigend für den„deutschen Geist" zurückgewiesen wird, eröffnet. Aber auf Schiller, den großen Kosmopoliten, sollte man sich am wenigsten berufen, wenn man, wie es den Anschein hat, auf einer Bühne, die dem Volke dienen soll, Schlagbäuine wider das Neue, Lebendige als etwas Undeutsches errichten und auf nationale Etiketten sehen will! Das wäre eine Bühne, der das Volk bald fehlen würde. Was die angekündigten Klassikervorstellungen anlangt, ließ die Vorstellung der„Räuber" Günstiges erlvarten. Die Jnseenierung war stimmungsvoll, das Zusammenspiel in den Massenscenen gut vorbereitet, und nirgends, auch in den Nebenrollen nicht, störte eine direkt schlechte Besetzung. Hans Arnim, eine Hühnengestalt mit angenehmen?, sonorem Organ, das in den Ausbrüchen erregter Leidenschaft die Sätze nur noch zu rasch, so daß das Ohr manchmal nicht folgen kann, herausstößt, war ein im Ganzen entschieden präsentabler Karl Moor. Die weitaus beste, ja eine auffallend gute Leistung bot Herr M o i s s i, ein früheres Mitglied des Neuen Theaters, als Franz. Schlank, beweglich, mit einer überaus modulationsfähigen, sicher beherrschten Stimme gab er der„Kanaille" eine geschmeidige, fast einschmeichelnde Kavalierserscheinung, etwas Fascinierendes, das die Macht, die dieser Mensch auf andre aus- übt, geistreich ergänzend motiviert. Der Ausdruck kalter Bosheit, zitternder Liebesgier und wirrer Todesangst— hier erinnerte er an die zuckenden Tanzbewegungen der Eisoldt in Hofstnannthals „Elektra"— gelang in gleicher Weise. Erwähnt sei noch Herr Arndt vom Königlichen Schauspielhause als Kosinsky, Elise Schneider als Amalia und der alte Moor des Herrn Claudius Merten, der in dein ersten Teil des Stückes einige sehr glückliche Momente hatte. Das Haus, daS nach der Renovierung um vieles freundlicher aussieht, war bis auf den letzten Platz gefüllt von einem Publikum, das der Vorstellung mit den lebhaftesten Beifallsbezeugungen folgte.— dt. Die Freie Volksbühne eröffnete am Sonntag ihre neue Spielzeit im Berliner Theater mit„Götz von Berlichinge n". Dem oft ausgesprochenen Wunsche vieler Vereinsmitglieder nach klassischen Stücken konnte nicht leicht besser entsprochen werden, als mit der Aufführung dieses kraftvollsten der Goethcschcn Dramen, das — episodenhaft zwar— ein Stück Geschichte auf die Bühne stellt. Eine Zeit nationaler und sozialer Zerrissenheit wird lebendig, Faust fährt gegen Faust, Schwert gegen Schwert, brennende Burgen und Dörfer werfen ihre Lichter auf die haßerfüllten Mienen rebellierender Bauern, und die heilige Vehme zückt den rächenden Dolch. Wie kommt es, daß wir nur niäßig erschüttert werden von dieser Thatfülle? Wie kommt es überhaupt, daß wir so selten vollbcfriedigt heimgehen von den Auferstchungsfesten unsrer Klassiker? Die klingende Sprache des Genies rauscht an uns vorbei. Es knüpft sich nicht zwingend ein innerliches Band. Der Vollklang unsrer Empfindungen wird nicht geweckt. Nur hier schwingt eine Saite mit und dort. Aber mit- gerissen, wirklich atemlos mitgerissen werden wir nicht. Der Ursachen sind mehrere: zu entfernt steht der Zuhörer dem Stoff; weitab von den alltäglichen Aufgaben der modernen Darstellungskunst harren die klafsischen Kunstwerke würdiger Verkörperung. Dem Stile der großen Alten entfremdet, suchen die Künstler meist ver- geblich nach dem voll vermittelnden Tons der dem Zuhörer die Brücke schlägt zwifchen eheinals und heut. Auch die Aufführung des„Götz" litt unter diesen Schwierigkeiten, ganz besonders im Anfang. Die ersten Scenen trafen auf ein kühles, abwartendes Publikum, das sich nur nach und nach erwärmte und wirklich antcilvoll sich erst vom Ende des dritten Aktes ab erwies. Die gute Wirkung ist in erster Linie E r n st P i t t s ch a u zu danken. Er ließ uns einen männlichen, sympathischen Götz sehen und wuchs zusehends mit der Handlung. Das letztere ist auch von den übrigen Darstellern der Hauptrollen zu sagen. Marie Frauendorfer verkörperte die Adelheid in ihren ersten Scenen wenig glaubhaft; sie erhob sich über das Mittel- maß aber in dem Auftritt, der ihr zum Schluß den Tod durch die Behme bringt.— e. p. Humoristisches. — Gleichwertig. Mann(mit Bezug auf Vorüber- gehende, zu feiner Frau):„Was ist denn das eigentlich für a P a a r l?" Frau:„Er is a Schriftsteller und sie mag auch nichts thun!"— — Wenn's geht. Ein Engländer hat in einem kleinen Ort in der Nähe des Rheins ein paar Tage gewohnt und läßt sich bei seiner Abreise die Rechnung bringen. Hier findet er alles der Ordnung gemäß. Als letzter Posten war aufgeführt:„Wenn's geht... 8,50 M." Erstaunt fragte er den Gasthalter:„Uas ist das:„Uerni's geht"?"„No." sagt der Gasthalter,„wenn's net geht, do streiche mer's Widder dorch!"— („Jugend.') Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsaustalt PauI Singer LcEo., Verlin SVV.