Mnterhaltungsblatt des Dorwnrts Nr. 176. Mittwoch, den 7. September. 1904 (Nachdruck verboten.) 20 Die f lurbt. Von K. Bagrynowski. „Was machen Sie dort, Denisoff? Was ist tos?" „Die Hunde! Verstehen Sie mich: die Hunde!" Er zeigte nach dein gegenüberliegenden Ufer des Sees, wo Alexandroffs Jurte lag. Eine Schar zottiger Hunde zerrte dort wütend an etwas herum, und einen Äugenblick später sprang noch einer mit irgend einem Gegenstand im Maul zum zerschlagenen Fenster heraus. „Ich nierke schon lange, daß dort nicht geheizt wird. Es macht den Eindruck einer vollständigen Einöde, und jetzt... was meinen Sie?" „Sie haben so was von Gerste geredet, sie sollen jenseits des Flusses pflügen." „He, he! Lassen Sie sich doch nichts weiß machen! Ich denke: diese Gerste wird unsrein„Pompadour" teuer zu stehen kommen. Wir werden was Neues erleben, ja wohl, was Neues! Meinen Sie, ein Alexandroff oder Niehorski seien im stände, sich so lange mit Bauernarbeit zu begnügen?" „Warum denn nicht? Krassuski ist ein gebildeter Mann und befaßt sich trotzdem mit �chmiede-Arbeiten." „Mit Schmiede-Arbeiten?! Ach. Wertester, wir wissen wohl, was er schmiedet! Das ist nur ein Vorwand... Dieser Lüstling, dieser Weiberfreund! Seine ganze Schmiederei ist nichts als eine Falle, die uusren Frauen gestellt wird, ein Mittel, sie in seine Hütte zu bringen. Jawohl, jawohl... Ringe, Ohrringe, Broschen, verschiedene Reparaturen... Aber seine Haupteinnahinen fließen aus einer andren Quelle. Galka hat mir erzählt, er habe eine Kuh..." Ter ehrenwerte Herr Denisoff konnte seine.Erzählung nicht zu Ende bringen, denn plötzlich erblickte er... ein Ge- spenst. Es hatte Augen, die flammten wie zwei Fackeln, und ein Gesicht, das so dürr und schwarz geworden war, daß es an einen Adlerkopf erinnerte, lieber die Schulter hatte es eine Flinte hängen und am Gürtel ein Messer. Das Gespenst hatte sicherlich nichts gehört, aber eS ging so schnell und hocherhobenen Hauptes an ihnen vorüber, daß Herr Denisoff, obgleich ihn die Erscheinung gar nicht zu sehen schien, eilig den wunderschönen Eylinder abnahm und denselben eine ganze Weile über seinem Kopf? hielt. „Haben Sie gesehen? Er ist bei Samuel eingetreten. Ich lauf zum Jsprawnik, auf Wiedersehen!" Die Freunde trennten sich, um die Kunde nach per- schiedeuen Seiten hin zu verbreiten. Ilm Abend war das ganze Städtchen voll von der auf- regenden Neuigkeit, daß die Verbannten von jenseits des Flusses zurückgekehrt seien und Niehorski auf einer Tragbahre mitgebracht hätten. Tscherewin eilte zu den Genossen. „Krank ist er! Hab' ich's nicht gesagt? Sie wollten kliiger sein als mein Großvater! Sie werden's auf den Bergen versuchen. Jetzt haben sie ihre Gerste. Ho, ho! Unsre Erde ist eine harte Nuß. Das ist sibirische Erde, nicht russischer Boden!" triumphierte Warlaam Warlaamowitsch. Ter Jsprawnik war in rosiger Laune. Für den kam- Menden Sonntag kündigte er ein großes Fest an, und den Kranken ließ er durch einen Kosaken fragen, ob er ihn nicht mit Chinin dienen könne. Ter Adjunkt machte ein langes Gesicht. „Wie können sie geflohen sein, wenn sie da sind?! Dieser Esel von Kosloff muß mich immer hineinlegen!" dachte er nielancholisch über seine letzte Denunziation nach, die nun wieder einmal falsch gewesen war,.. Pech muß man haben!" II. Band. 1. Das trübe Licht eines regnerischen Tages war kaum im stände, Alerandroffs Jurte einigermaßen zu erhellen. Der Gerätschaften und Gefäße beraubt, die zur Flucht gebraucht worden waren, sah sie noch dürftiger, noch unansehnlicher aus als sonst. Die dunklen, aus Rundhölzern aufgeführten Wände neigtm sich düster über die niedrigen Bänke und hüllten alles in schmutzige Halbschatten. Das Papier, das die zerschlagenen Scheiben ersetzen mußte, war aufgeweicht und klatschte, vom Sturm hin- und hergezerrt, dumpf und eintönig durch das tiefe Schweigen. Graue Rauchfetzen, die der Sturm immer wieder zum Qfenloch zurücktrieb, hingen von der schwarzen Stubendecke herab, als wären's Wolken, die sich zum Dache hereinzwängten. Tie Verbannten saßen schweigend um den Mittagstisch, Die Stille wurde nur vom leisen Klappern der Holzlöffel unterbrochen. Krassuski wischte sich den Mund zuerst und stand auf. Alexandroff zog seine Pfeife und den Tabaksbeutel hervor. „Warum eßt Ihr kein Fleisch? Ich werde auch ke?ns mehr essen. Das muß endlich mal aufhören! Ich bin gesund! Ich will nichts mehr von besonderen Rücksichten wissen!" brauste Niehorski auf. Die andren sagten kein Wort, blickten aber beide unwill- kürlich das totenbleiche Antlitz des Sprechenden an. „Ich muß schon gehen. Es wird bald dunkel werden!" sagte Krassuski halblaut. „Und wie wird's mit Thee? Laß es heute sein, bei diesem Unwetter wirst Du doch nichts schießen," meinte Alexandroff. „Laßt mir ein Glas Thee übrig: ich werde es trinken wenn ich wiederkomme." Er nickte ihnen zu, zog die Pelzmütze über die Ohren und ging fort. Das schmutzige, infolge des langandauernden Regens triefende Städtchen schmiegte sich wie ein durchnäßtes Nebhühnervölkchen an die Hügel rund um den See. Die bräunlichen, trüben Wellen des„Düngermeeres" klatschten schläfrig an die aufgeweichten llfer. In der fterne zogen bleierne Wolken dicht über der Erde hin und stäubten feinen Regen herab, während der sturmzerzauste und schon halb- entlaubte Wald wehmütig hin- und herschwankte. „Du schießt doch nichts!" dachte Krassuski verdrießlich. Ich kann diese Prophezeiungen nicht leiden! Dumm sind sie und nur dazu da, einem die Laune zu verderben. Und wenn ich wirklich nichts schieße? Die Vorräte sind verbraucht. Wieder müssen Arkanofts oder Tscherewin in Anspruch ge- nommen werden. Sicherlich werde ich wieder zu ihnen gehen müssen. Oh, wie ich das hasse! Diese drei ausgenommen. hungern wir alle. Die„auswärtigen Mächte" thun noch so, als besäßen sie Vorräte, aber auch ihre Nasen sind ganz spitz geworden. Und der ist krank— der Arzt verordnet ihm Fleisch, und im Städtchen ist kein Happen aufzutreiben. Wir müßten ein Kalb oder eine ganze Kuh kaufen, aber daran ist nicht zu denken. Ich muß etwas schießen, und wenn's nur ein einziger Vogel ist. Wir Gesunden können uns mit Pilzen und Thee behelfen. Zu Arkanoffs geh' ich nicht— um nichts in der Welt!..." Er schlug den Kragen hoch und wandte sich ins feuchte Gebüsch. Wenn er die Zweige streifte, troff ein Sprühregen auf ihn herab. Er überwand den ersten unangenehmen Ein- druck und drang tapfer durchs Dickicht, ohne der Zweige und Tropfen zu achten: nur sein Gewehr verbarg er sorgfältig unter der Joppe. Im Gehen war er warm geworden, die Jagd interessierte ihn mrd vertrieb die düsteren Gedanken. Er umkreiste die Seen der Reihe nach, lauerte im Röhricht, sprang von Insel zu Insel über Sümpfe und Moräste, kroch durch dichtes Gesträuch und horchte oft lange, nnt vorgestrecktem Halse, von Wind und Regen gepeitscht, ob nicht irgendwo im Gemurmel des rings umher plätschernden Wassers und im Rauschen des Regens Eutengeschnatter zu hören sei. Aber er horchte umsonst: nur der Wind allein pfiff in allen Tonarten durch die nackten Zweige der Bäume und Sträucher. Die Vierfüßler hatten sich in ihre Höhlen verkrochen, die Vögel im Grase versteckt. Aber überall, zwischen dem roten, herabgewehten Laub und den dunklen, feuchten Moosen leuchteten unzählige Mengen von Pilzen hervor. Sie wurden von niemand gesammelt, deshalb gab's auch solche unter ihnen, die ihre übermäßig großen Hüte kaum auf den schiefen Stielen halten, und ganz junge, die noch nicht aus der gelockerten Erde hervorlugen konnten. Aber alle sahen sie appetitlich aus: sie strotzten von Gesundheit und strahlten vor Freude iiber den Regen, der die Würmer von ihnen fernhielt. Krassuski sammelte eine ganze Menge davon in em Tuch- Er war sicher, er würde nichts weiter im Walde finden; et fror und war bis auf die Haut durchnäßt, aber trotzdem ellte er nicht, nach Hause zu kommen, denn er wollte Eugenien, die ihre Jurte gewöhnlich in der Dämmerstunde aufsuchte, nicht daheim antreffen. Anfangs, als Niehorski lebensgefährlich krank war, kamen die Genossen oft und brachten den ganzen Tag bei ihnen zu: aber dann, als der Tod nicht mehr an der Thür stand, und nur Armut und Sehnsucht zurückgeblieben waren, beschränkte sich ihr Verkehr mit den andern, der infolge der Flucht schon seltener geworden war, vollends aufs unvermeidliche. Eugenie allein war ihnen bis zuletzt treu geblieben: sie kam jeden Tag, und mit ihrer anmutigen Gestalt, mit ihren« Goldhaar, ihren blauen Augen, ihrer weichen, inelodischen Stimme und ihrem edlen Anstand leuchtete der Abglanz eines andern Lebens einen kurzen Augenblick in ihrer Jurte auf. Als Krassuski durchnäßt und kotbedeckt nach Hause kam, saß sie eben über den Tisch gebeugt und hörte Niehorski zu. Sie mußten von ihm gesprochen haben, denn sie sah mit einem besonders freundlichen Lächeln zu dem Jüngling aus, und Niehorski hielt plötzlich in der Mitte seines Satzes inne. „Nun, hatten wir nicht recht? Diese Mühe ist umsonst gewesen! Setz' Dich, der Samowar ist noch warm." Finster blickend, grüßte Krassuski Eugenien, legte die Pilze vorsichtig auf ein Wandbrett uird ging ins Nebenzimmer, uin seine feuchten Kleider zu wechseln. Niehorski warf einige Kohlen in den Samowar. »Willst Tu heute in die Werkstatt gehen? Bleib' lieber zu Hause. Der Wind saust und es regnet in Strömen." „Ich muß hin. Ich habe versprochen, die Bestellungen bis morgen fertig zu machen." „Wenn Sie nichts dagegen haben, will ich warten, bis Sie Ihren Thee getrunken haben. Ich will Sie bitten, mich heimzubegleiten. Es ist so glatt draußen!" sagte Eugenie. Es war in der That glitschig und dunkel, und der Wind wehte die Vorübergehenden auf den kotigen Straßen fast um. Aber der gewandten, starken und tapferen Frau war das nichts Neues. Krassuski ahnte, daß sie etwas andres im Sinne haben müsse. Sein Herz erbebte vor Freude und vor Schmerz. Sie hat gewiß etwas mitgebracht, was sie sich nicht ge- traut, Niehorski anzubieten. Alexandroff ist nicht zu Hause, daher will pe's mir zustecken... Oder will sie etwas er- fahren?... suchte er sich zu beruhigen. Aber dessen ungeachtet stieg seine Erregung immer mehr. Aus dein flüchtigen Kopfnicken, mit dem der Jüngling seine Bereitwilligkeit kundgegeben hatte, war es Eugenien leicht gefallen, ein gewisses Uebelwollen, eine ihr unerklärliche Härte und Strenge herariszulesen. Als sie daher allein waren, fragte sie, ohne den ihr angebotenen Arm anzunehmen: „Ich seh' zu meinem Erstaunen, daß Sie mir böse sind. Bitte, seien Sie aufrichtig und sagen Sie mir. wann und wie ich Sie beleidigt habe, denn ich versichere Sie, es ist gegen meinen Willen geschehen." (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) Der Dcrv Verteidiger. Skizze von Martin Zöldi. Autorisierte llebcrsetzung aus dem Ungarischen von Georg Busse. „Was glauben Sie, Herr Nechtsanlvalt? Wieviel kann ich be- kommen Diese Frage wurde von einem großen, breitschultrigen, sorg- fältig gekleideten Herrn an Dr. Alfons Tilbey gerichtet, den be- rühmten Advokaten, den die Gerichtsreporter mit ciscrncr Konsequenz »unfern großen Kriminalisten" nannten. Mit Recht. Dr. Tilbey war nicht umsonst berühmt. Dtit seinem wohlklingenden Bariton vermochte er die hartgesottensten Geschworenen zu rühren, nndmitseinen geistreichen Einfällen und Argumenten hatte er schon manchesmal den gefähr- lichsten Anklagen die Spitze abgebrochen. Wie die meisten Advokaten hing er mit wahrer Leidenschaft an seinem Beruf. Bei den Wer- Handlungen brachte er seine Gründe stets mit so hinreißender Ueber- zeugnng vor. als ob das Verbrechen thatsächlich nur in der Phantasie des Staatsanwalts existiere und als ob er ausschließlich gegen falsche Verdächtigungen zu kämpfen hätte. »Niemals wird nnch der verehrte Herr Staatsanwalt überzeugen, daß mein Klient das ihm zur Last gelegte Verbrechen begangen hat", pflegte er zu sagen, auch wenn der Verbrecher selbst gestanden hatte. Aber auch abgesehen von der theatralischen Wirkung, die er durch Wort und Gesten zu erzielen wußte, war er mit allen Salben ge- schmiert und hatte schon oft eine Lücke in der Gesetzgebung aus- gefunden, durch die sein Klient entschlüpfen konnte. In solchen Fällen sprach er mit derartiger Entrüstung, als ob er eine Taube aus Habichtskrallen zu erretten hätte. Die Taube war zmueist ein Deftaudant oder ein Hehler. Der Fragesteller strich nervös seinen weichen seidigen Bart und wartete ungeduldig auf Antwort. Der Herr Rechtsanwalt blätterte ruhig im.Oesterreichischen Wechselrecht", das in gar keiner Beziehung zu diesem Falle stand. «Hm, lieber Freund, Sie fragen, wieviel Sie bekommen können? Sehen wir nach... 391... 392... ja, hier ist es, lieber Freund: ich glaube zwei Jahre...." Der frenide Herr sprang nervös aus dem elastischen Fauteuil. „Was? Zwei Jahre?" »Ja, lieber Freund, Fälschung von Staatsakten... Der Staat ist brutal, wenn es sich um seine Papiere handelt. Der Staat ist immer brutal. Das sag' ich Ihnen... Privatakten, das wäre etwas andres, lieber Freund...." Der große Kriminalist nannte jeden seiner Klienten„lieber Freund". Aus ehrlicher Ileberzengung, denn er fühlte, litt und freute sich mit ihnen. Stets behandelte er sie auf das Zuvor- kommendste, mit der gleichen Liebenswürdigkeit wie ein Geschäfts- mann seine Kunden. Er lebte ja von ihnen und verdankte ihnen Vermögen und Carriere. „Ja, ja, lieber Freund," fuhr er in leichtem Planderton fort, „wir können sehr zufrieden sein mit zwei Jahren. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir bereits sechs Monate wegen Unterschlagung hinter uns haben. Sie verstehn... Nun, ich werde alles Mögliche thun... Was den Vorschuß betrifft..." „Jetzt kann ich nur fünfzig Gulden zahlen," sagte der Akteit- fälscher scheu. „Wenig, sehr wenig, lieber Freund. Aber, da Sie ein alter Klient von mir sind...'s ist egal. Bringen Sie mir das übrige nur bald. Sie wissen, daß ich große Ausgaben Hab', lieber Freund... vier Gehilfen! Sonst können Sie aber ganz ruhig sein: ich garantiere Ihnen dafür, daß wir es mit zwei Jahren abmachen. Ich wieder- hole: zwei Jahre." „Aber Herr Rechtsanwalt, zwei Jahre Zuchthaus!" „Wer spricht von Zuchthaus? Gefängnis, lieber Freund, ein- faches Gefängnis I Gott befohlen und beunruhigen Sie sich nicht. — Gefängnis..." Der Herr mit dem seidigen Bart war durchaus nicht ruhig, entfernte sich aber.— Ein untersetzter Mann mit einem Kahlkopf trat für ihn in das Zimmer und begrüßte den Rechtsanwalt nnt vertraulicheur Lächeln. Alles an ihin ivar alt, sogar seine Zähne waren so rostbraun, als hätte er sich alte einsetzen lassen. „Herr Dokwr keimen mich nicht mehr?" „Oh. ja, gewiß, aber..." „Ich bin der Goldfinger." „Aha, der Tapezier!" „Nein, bitte, der Alteisen-Händler auS der Walzgnsse." „Ich erinnere mich, ja." „Herr Doktor haben mich schon einmal verteidigt." «Weiß, weiß... man hat Sie freigesprochen.. „Nein, bitte, ich bekam zwei Monate." „Ah, richtig! Betrug, nicht wahr?" „Nein, bitte. Hehlerei..." „Nichtig, richtig, die Zeugen sagten schlecht aus..." „Ja, die Zeugen"— lächelte Goldfinger—„Herr Doktor haben ein großartiges Gedächtnis". „Das gehört zum Beruf, lieber Freund! Nun, was bringen Sie diesmal Gutes?" „Ich habe wieder ein kleines Anliegen. Es ist schrecklich, wie man uns Althändler malträtiert I Belieben Sie zu glauben, Herr Doktor: das löbliche Gericht hat es direkt auf mich abgesehen. Ich habe acht lebende Kinder..." „Hat nian Sie wieder angeklagt?" unterbrach ihn der Advokat, der sich für seine Familienverhältnisse nicht sehr zu interessieren schien. „Ja bitte, ich kaufte altes Eisen und darunter waren einige Gewehre..." «Verstehe, verstehe! Fahren Sie nur fort!" „Was weiß ich von Gewehren? Bin ich ein Jäger? Ich dachte, es war' altes Eisen..." „Natürlich! Wieviel bezahlten Sie dafür?" „Was weiß ich? Ich bezahlte ehrlich. Ich blieb keinen Heller schuldig. Ich wollte, man bezahlte inich so prompt. Von wo sollt' ich wisten, daß eS gestohlen ist? Ich bin doch kein Spiritist!" „Freilich nicht I Und der Dieb?" Goldfinger zwinkerte vertraulich mit den Augen. «Ist im Krankenhaus gestorben I" „Bravo I Etwas Klügeres konnte der Mann gar nicht thun. Haben Sie keine Furcht! Nicht ein Haar wird Ihnen gekrümmt. Ich notiere mir gleich den Sachverhalt. Aber wieviel gaben Sie fiir die Gewehre?" „Was weiß ich? Soll ich mich noch erinnern?" „Es ist wahr: Sie sind keine protokollierte Finna, haben nicht die Pflicht, Bücher zuführen. Aber so beiläufig: fünf Gulden, sechs Gulden?" Goldfinger dachte nach. »Ich glaube, sieben Gulden." „Sehr gut. Sieben Gulden. Das ist ein durchaus ehrenwerier Preis für ein altes Gewehr. Ich hätte auch nicht mehr gegeben. Haben Sie nur keine Furcht: wir machen die Sache schon!" »Belieben zu wissen, Herr Doktor: ich bin nur deswegen un- ruhig.... meine Tochter ist Braut...* .Ich verstehe... Sie würden am Hochzeitstag nicht gern sitzen, natürlich... wäre sehr unangenehm...." „Jawohl, bitte: die Partie könnte auch auseinandergehen. Der Bräutigam ist aus peinlicher Familie... Ich würde gern zwei- bis dreihundert Gulden aufwenden, wenn die Geschichte jetzt..." „Richtig, lieber Freund! Mein Gehilfe wird eine Empfangs- bestätigung über dreihundert Gulden ausfertigen. Vorschutz ist nicht nötig. Die Firnia Goldfinger ist nur gut. Leben Sie wohl, lieber Freund. Nur keine Furcht!—" Der Althändler entfernte sich ebenso lächelnd wie er gekommen war. Der Schreiber meldete Frau Horn. „Schicken Sie die Dame herein!" Die kleine, zierliche Gestalt einer auffallend schönen Frau trat in das Kabinett. Unter dem flotten Strohhut türmten sich schwere goldblonde Zöpfe, deren Farbe den Eindruck des Künstlichen machte. Sie kontrastierte zu stark mit den» dunklen Braun der Brauen und dem unruhig brennenden schwarzen Auge. Sie verstand sich aber zu kleiden, die kleine Frau I Die Falten der lilafarbigen Seiden- bluse waren sorgsam geordnet. In den rosigen Ohrläppchen blitzten grotze Boutons. Alles war comme il kaut. Nur der Sonnenschirm war allzu reich mit Spitzen besetzt. Er war auffällig. Der grotze Kriminalist sah sie aufmerksam, beinahe forschend an. Die elegante Toilette interessierte ihn augenscheinlich. „Freut mich sehr, gnädige Frau! Bitte Platz zu nehmen." Die junge Dame zerrte sich nervös die Handschuh von den Fingern. „Herr Rechtsanwalt," sagte sie in beinahe wcmerlichem Tone, „Sie werden sehen, ich begehe noch einen Selbstmord. Diese Schande---" „Nun, nun. so etwas darf man nicht thunt" „Wenn man solch' einen Gatten hat..." „Er ist ein nichtsnutziger Mensch. Ich sage das nicht wegen der Unterschlagung, aber gestern sprach ich im Untersuchungsgefängnis mit ihm und... ich wurde böse auf ihn, sehr böse... beinahe hätte ich seine Verteidigung zurückgelviesen.. „Was hat er denn gesagt?" „Ach, reden wir lieber nicht davon! Für alles macht er gnädige Frau verantwortlich!" „Mich?" „Ja, Madame. Er sagt, bitte, wenn Madame nicht solche Unsummen vergeudet hätte, wenn Madame sich mit seinem bescheidenen Gehalt begnügt hätte, dann.. „Sechzchnhundert Gulden Gehalt!" murmelte die schöne Frau verächtlich. „Dann, sagte er, hätte er auch nicht defraudiert. So spricht dieser Mensch I Denken Sie I Nun, ich machte aus meiner Meinung kein Hehl. Aber vergebens. Er sagte noch andres. Sachen... Sachen..." „Was kann er mir nachsagen?" warf das Frauchen heraus- fordernd ein.„Habe ich ihn etwa betrogen?" „Gott behüte, Madame. Wohin denken Sie? Das traute er sich doch nicht zu sagen, wenigstens nicht direkt, wenn er auch... obzwar..." „Ich werde mich scheiden laffen von diesem Schuft!" „Das ist Ihr Recht vor Gott und Welt I" deklamierte der An- walt pathetisch.„Kriminelle Anlage ist ein klassischer Scheidungs- grund. In Ihrer Lage würde ich selbst... Aber stellen Sie sich vor: vorläufig wünscht dieser Mann, datz Sie die neunbundert Gulden zahlen, die notwendig sind, um die Bank zur Zurücknahme der Klage zu bewegen." „Ich soll zahlen? Ich?" Das hübsche Gesicht verzerrte sich vor Wut. „Ja, meine Gnädige, so sagt er. Und leider, man mutz es thnn I Dieser Mensch ist zu allem fähig I" „Keinen Heller zahl' ich. Meinetwegen mag man ihn hängen! Ich habe kein Geld." „Dieser Mensch sagt," fuhr der Rechtsanwalt ruhig fort— „Er kann sagen, was er will. Ich lüminere nuch nicht darum." «Aber er sagt..." „Ich will nichts von ihm wissen. Nichts. Gar nichts mehr!" Nor Zorn schlug sie mit dem Sonnenschirm auf den Futzboden. Ihr Gesicht wurde von roten Flecken bedeckt. Aber der Advokat Uetz sie ruhig wüten. Er war seiner Sache gewitz. . drille Woche haben Sie Zeit, gnädige Frau. Ich habe das mit der Bank bereits abgemacht." „Aber von wo soll ich das Geld nehmen? Und warum eigentlich?" Der Rechtsanwalt antwortete nur auf die letzte Frage: „Weil Madame sonst auch unter Anklage gestellt werden." Die Frau sah ihn niit weitaufgerissenen Augen entsetzt an. „Ich?" fragte sie erschrocken. „Jawohl, Madame. Auch Sie. Natürlich mir als Mithelfer. Dieser Mensch behauptet nämlich..." Und schön langsam erklärte er ihr, dieser Mensch, nämlich ihr Mann, lväre ein ordinärer Lügner, der es dem Gericht glaub- Haft machen würde, datz die defraudierten Papiere durch Madame verkauft worden seien, trotzdem diese ihre Herkunst vollkommen kannte. „Dafür kann Madame drei Monate bekominen, im besten Falle zwei..." Als die Dame sich entfernte, sah der Anwalt ihr zuftieden nach. „Die kleine Bestie zahlt! Das ist gewitz. Ob ich die auch noch einmal verteidigen werde?" Der Schreiber steckte seinen Kopf schon wieder durch die Thür. „Frau Lipstock." Der Advokat eilte selber in das Vorzimmer. „Kommen Sie, liebste Frau Lipstock! Wie ich Sie erwartet habe I" Damit führte er eine noch junge, aber blasse und hagere Frau hineiir, aris deren Bewegungen die tiefste Müdigkeit und Erschöpfung sprach. „Bitte unterthänigst, ich habe die Schrift gebracht." „Zeigen Sie, meine Liebe, zeigen Sie." Die Frau holte ein sorgsam gefaltetes Papier hervor, das der Advokat mit blitzenden Augen überflog. „Bravo I Prächtig! Grotzartig!"——„Das unterfertigte Gemeinde-Amt bestätigt hiermit, datz die Mutter des genannten Anton Lipstock geistesgestört war", las er laut vor sich hin.„Wissen Sie, sütze Frau Lipstock, datz hier jeder Buchstabe Gold wert ist? Zuin Tode kawr man ihn schon nicht nrehr verurteilen. Das ist ausgeschlossen. Aber was fehlt Ihnen denn?" Die Frau Ivankte wie eine Betrunkene. „Ich bin sehr nuide," sagte sie leise.„Ich bin von Losonc zu Futz gekommen." „So setzen Sie sich doch! Hier auf den Dioan! Von Losonc zu Futz? Aber das ist ja fürchterlich!" „Ich hatte kein Geld." „Warum haben Sie mir nichts gesagt?" fragte der Anwalt mit zarter Stimme.„Ich bin böse auf Sie. Soll ich Ihnen vielleicht etivas zum essen holen lassen? Schinken und Wein, nicht wahr?" „Ich danke tausendmal, Herr Doktor. Ich habe keine Zeit... Ich mutz nach Haus zu meinem Kind." „Und Sie haben kein Geld? Ei, Frau Lipstock, was sind das siir Sachen? Hier nehmen Sie! Thun Sie es nur weg. Wenn Sie welches haben, geben Sie es mir wieder. Nicht?" Die fünfzig Gulden, die ihm der Aktenfälscher auf den Tisch gelegt hatte, zwang er ihr in die Hände. Er gab sie gern. Ihr Mann hatte einen' Mord verübt und er war sein Verteidiger. Freilich, er verdiente nichts dabei... aber der Fall hatte Aussehen erregt, und das Schriftstück, das die arme Frau ihm gebracht, war eine mächtige Waffe in seiner Hand. In seinem Kopf spukten schon die wundervollsten Phrasen herum... ererbter Wahnsinn— be- schränkte Zurechnungsfähigkeit— Lombroso, Krafft- Ebing, Nibot, Ellis Havelock... der Eindruck würde autzerordentlich sein, und die Zeitungen... „Ich bin für niemand zu Hause," schrie er in die Schreibstube, als Frau Lipstock gegangen war.„Nicht mal für den Minister- Präsidenten!" „Die krankhafte Veränderung der Gehirnmoleküle, wie sie klar und deutlich sich auch bei der Mutter zeigte... Ja, das wird wirken! Es klingt etwas nebelhaft, aber desto bester I" Ein kleines Stubenmädchen nnt weitzer Schürze und gestärftem Häubchen trat ein. „Die gnädige Frau lasten fragen, ob der Herr Rechtsanwalt beute ins Theater gehn?" „Man soll mich in Ruhe lassen!" herrschte der grotze Kriminalist sie an.„Ich gehe nicht." Er wird ein Narr sein! Ins Theater gehn, um sich allerhand ausgehecktes Zeug anzusehen, wo er selbst in einem grotzziigigen Drama eine Rolle spielt. In dem Drama, das Anton Lipstock heitzt, schminken sich die Helden nicht die Gesichter, sprechen nicht nach dem Souffleur und deklamieren nicht falsch. Zwei Menschen hat der an einem Abend gemordet! Und er, sein Verteidiger,— wird er etwa nicht einen ebenso grotzen Erfolg haben Ivie ein Tragöde? Man applaudiert ihm ebenso und die Journale loben ihn mehr.„Der grotze Kriminalist erhob sich zu einer seiner glänzenden Verteidigungs- reden." So wird überall zu lesen sein. Er nahm die Prozetzakten aus dem Schreibtisch und überflog die Anklage. Triumphierend schwenkte er den Vogen über seinem Kopf. „Damit rcitz ich ihn dem Herrn Staatsanwalt aus den Hände 1 1 Vielleicht spricht man ihn sogar ganz frei I... � Aber nein, das wäre zuviel verlangt!— Immerhin, so ganz unmöglich..." Sein ganzes Gesicht glühte vor freudiger Spannung. Der Schreiber trat wieder ein. „Ich vergatz: de» Banknotenfälscher..." „Er soll zum Teufel gehn l Aber nein l Donnerstag soll er Wiederkommen!" Und wütend schlug er die Thür ins Schloß.— Kldme fciriSleton. K. Auf dem höchsten Vulkan Japans während eines Ausbruchs. Den Asamayama in der Provinz Shinano, den höchsten von allen thätigcn Vulkanen Japans, hat der Engländer Herbert G. Ponting Vcrs, wie:„Hie schafft Himmel und Erde Gott, Danach die vier Element gemacht hat" oder„Allda scheidet er den Tag und die Nacht, Sonne und Mond darnach macht". Wegen der schlechten Reime kam dann auch das Sprichwort auf:„Es reimpt(reimt) sich eben wie der Teufel und unser Herrgott am Hungertuche." Als das Hungertuch 1672 aus der Kirche in Zittau entfernt wurde, sang der damals berühmte �Dichter und Rektor Christian Weise:„So ist das Hungertuch zerripenl Und hat die Zeit, die alles frißt, Auch diese Leimpt(Leinwand) entzwei gebissen, Daß sie nun voller Löcher ist, Und daß man sie so hoch hinan, Nicht ohne Schaden hängen kann." Im 16. Jahrhundert kam das Sprichwort„am Hungcrtuche nähen" oder„nagen" auf, im Sinne von fasten, sich kümmerlich bchelfen. So singt Hans Sachs von einem ungetreuen Hausvater:„Dein eigen Weib und Kind, Knecht, Maid und alles Hausgcsind, das muß am Hungertuche nähen." Die meisten der Hungertücher sind vom Zahn der Zeit vernichtet worden, in Sachsen dürfte das erwähnte das einzige sein, welches der Nachwelt erhalten worden ist.— Meteorologisches. en. Winde und Stürme in oberen Luftschichten. Die Luftbewcgungen in den höheren Schichten der Atmosphäre sind für die Beurteilung des Zustandes und des voraussichtlichen Ganges der Witterung oft bedeutsamer als die Winde, die am Erdboden selbst wahrgenommen und gemessen werden können. Daher haben sich die Meteorologen nicht nur seit längerer Zeit mit der Beobachtung der Zugrichtung der Wolken beschäftigt, sondern wenden neuerdings auch Flugdrachen und Luftballons in immer steigendem Maße für diese Untersuchungen an. Wir wissen jetzt, daß sich die Luftschichten in größerer Höhe oft i» einem sonderbaren Wirrwarr der Bewegungen befinden. Zuweilen fließen Luftströme übereinander in entgegen- gesetzten Richtungen, ohne sich zu vermischen; dann wieder entstehen durch Begegnung und Vermischung solcher einzelner„oberer Winde" eigentümliche Störungen. Letztere sind ohne Zweifel auch der Grund dafür, daß die Fortpflanzung des Schalls auf und über der Erde mit einer merkwürdigen Ungesetzmäßigkeit vor sich geht. Die Signale von Nebelhörnern z. B. können ihren wichtigen Zweck oft nicht er- füllen, weil die Schallwellen von einem launischen vagabundierenden Wind plötzlich aufwärts entführt werden. Dann wird der Schall wohl auch ebenso unerwartet aus der Höhe wieder zur Erde getragen, und so werden in einer Ortschaft Geräusche hörbar, deren Ursprung sich niemand zu erklären vermag. Die sogenannten Nebelschüsse und manche andre wegen ihrer Rätselhaftigkeit berühmt gewordene» Schallerscheinungcn dürften nur auf diesem Wege ihre Erklärung finden.— Hnnioristifches. — I n der Buchhandlung. Kunde:„Ich bitte um Goethes Werke." Ko minis:„Bedaure, sind momentan nicht da; aber mit etwas Aehnlichem kann ich dienen."— — Z a u n g ä st c im Jahre 2666. Wirt:„Gartcnkonzcrte halt' ich keine mehr ab, niemand kommt, alle lauschen sie d r o b e n in ihren Ballons!"— — Ein S ch I a u ch e r l.„Ja. Herr Nigerl, warum nehmen Sie denn jetzt immer diese mächtige Perrücke mit ins Wirts- haus; Sie haben ja doch noch alle Ihre Haare?" „Ja wissen S', jetzt in der Bockz�it muß man besonders vor- sichtig sein, und wenn ich so hie und oa mit'nein kleinen Schwips heimkonlme, gelüstet meiner Alten nach einer Auseinandersetzung— na und— d a l a ss' ich ihr halt die kleine Freude!"— („Mcggendorfer Blätter.") während eines Ausbruchs erstiegen, und er schildert nun das Wagnis in einem Artikel, den er im„Century Magazine" veröffentlicht. Der Vulkan ist 8280 Fuß hoch; aber die Stadt Karuizawa, von der aus man den Berg besteigt, liegt schon 3270 Fuß über dem Meeres- spiegel, und so braucht man nur noch 0000 Fuß in die Höhe zu klimmen, wenn man den Eisenbahnzug verlätzt. Der Berg erhebt sich in sehr sanfter Steigung bis zum Gipfel. Die Eisenbahn von Tokio aus fährt durch das Gebiet des alten japanischen Hochlandes, das in den vergangenen Zeiten der Lehnsherrschaft Kioto die Residenz der Mikado von der Hauptstadt der Shogune, von Ueddo, trennte. Bei der Stadt Myogi breitet sich ein herrliches Panorama von Bergen aus. An einem klaren und ruhigen Morgen um 7 Uhr früh brachen Ponting und sein Begleiter Denis Hurley mit einem Führer auf; drei Kulis trugen den schweren photographischen Apparat. In der trockenen Bcrgluft stand der Gipfel klar und scharf gegen den Himmel und ein feiner weißer Dampf schwebte wie ein Wölkchen über dem leicht gerundeten Kegel des Ltraters. Plötzlich stieß einer der Kulis einen Schrei aus und wies auf den Gipfel, aus dem plötzlich eine dicht geballte Masse weißen Dampfes hervorquoll, dem eine schwarze Rauchsäule folgte. Fast zehn Minuten lang schössen nun starke Ströme von Dampf und Rauch aus dem Krater hervor und stiegen in schönen Windungen bis zu einer Höhe von drei oder vier englischen Meilen, bis dann ein starker Luftstrom der geschlossenen Säule die Spitze wegnahm und sie allmählich zcrflattern ließ. Man warnte die Reisenden, den Berg weiter zu besteigen und sich dem Krater allzusehr zu nähern. An Reisfeldern und Gebirgsflüssen vorbei ging der Weg, und er führte über Stellen, die Asche und Schlacke bedeckte. Kurz nach zehn Uhr mußten die beiden Engländer von den Pferden, auf denen sie bis dahin geritten waren, herunter- steigen, da wie alle japanischen Vulkane auch der Asamahama heilig ist und sein Kegel von Pferdehufen nicht berührt werden darf. Von da zum Gipfel schreitet man über ein Feld von Bimsstein. Zwanzig Minuten nach elf Uhr erfolgte ein neuer Ausbruch; riesige Rauch- und Dampfmassen quollen hervor, und Windstöße fegten einen dichten . Aschenregen über die Wanderer hin. Während sie den Lunch nahmen, erzählte der Führer, daß der Berg bei solchen Eruptionen sehr gefährlich wäre und manchmal Massen von Steinen herausschleudere. Wirklich lagen auch Myriaden Steine dicht gesät aus der weichen Asche und sie waren noch wann von dem inneren Feuer des Vulkans. Als sie den Gipfel erreichten, schwebte nur noch ein leichter Dampf- nebel über dem Kraterschlund, der 600 Fuß tief hinabreicht. Am Rande dieses Abgrundes stehend, sahen die Reisenden in dem unruhig brodelnden Hexenkessel auf dem Grund Flammen und kochende Massen mit dumpfem Dröhnen und Krachen ein unheimliches Wesen treiben. Die Kulis standen mit Furcht und Grauen an diesem Abgrund, aus dessen Tiefen böse Dämonen unheilvoll zu drohen schienen. Als die Reisenden gegen 3 Uhr einen letzten Blick in das geheimnisvolle Innere der Erde warfen, da dröhnte plötzlich ein furchtbares Brüllen, ein knirschendes Krachen folgte, gleich als ob Steine die Abhänge des Kraters herniederrollten. Vulkanische Bomben barsten in der Luft mit lautem Knallen und Steine regneten hernieder. Felsstücke flogen in pfeifendem Schwünge daher, und ein so kräftiger Sturmwind wirbelte um die Köpfe, daß der Hut Hurleys den unterirdischen Mächten zuflog. Alle ergriffen sogleich die Flucht; doch die beiden Engländer erkannten bald, daß sie den Steinen auch mit dem schnellsten Laufen nicht entgehen könnten; sie blieben und erwarteten ihr Schicksal. Der stärkste Steinregen war auf der Nord- und Ost- seite des Kraters erfolgt; sie befanden sich im Süden; so ging die Gefahr an ihnen vorüber. Als sie aber, nachdem der stärkste Aus- bruch vorbei war, daran dachten, dieses grandiose und wilde Schau- spiel durch die Photographie festzuhalten, sahen sie die Kulis mit den Apparaten bereits in einiger Entfernung eilig davonfliehcn. Augenblicklich fingen sie an, ihnen nachzulaufen, doch da gab es kein Anhalten: der Führer rief, daß sie alle totgeschlagen würden, wenn sie einen Augenblick einhielten; nur mit Mühe konnte Ponting einen der Kulis zum Stehen bringen und ihm seine Handkamera entreißen; dann kehrten sie mit einem alten Kuli zu dem Rachen zurück und machten von den wild aufstürmenden Rauchmassen und den hagelndcn Steinstürmcn eine Aufnahme.— — Pom Hungertuch. Der„Franks. Ztg." wird au» Dresden geschrieben: Von sogenannten Hungersteinen, die in der auS- getrockneten Elbe zutage getreten, ist in letzter Zeit vielfach berichtet worden. Treten diese Steine hervor, dann müssen zahlreiche Familien der Elb-Schiffer und-Flößer am Hungcrtuche imgcn. Was hat es niit dem„Hungcrtuche" für eine Bewandtnis? Im Museum des Sächsischen Altertumsvcrcins in Dresden befindet sich ein solches Hungertuch. Ferner gicbt es solche Hungertücher noch in Augsburg, im Elsaß und in der Schweiz. Ursprünglich wurden die Hungertücher im Mittelalter in der, Fastenzeit in den Kirchen aufgehängt, wo der Anblick der Tücher die Gläubigen mahnen sollte, zu hungern. Dann aber wurden die Hungertücher auch gestiftet zur Erinnerung an Hungersnöte. So wurde das im Dresdener Museum befindliche Tuch im Jahre 1172 von dem Gcwürzkräicker Jakob Gürtler der St. Johanniskirche in Zittau gestiftet. Es ist 90 Ouadratellcn groß, oben und unten an Stangen befestigt, und in 10 Reihen sind 90 Felder auf der geleimten Leinwand abgeteilt, auf die 90 Bilder ans der biblischen Geschichte mit Wasserfarben gemalt sind. Alle Personen, selbst Adam und Eva, sind in der Tracht der Zeit des Stifters dargestellt, dieser selbst ebenfalls, wie er vor dem Gewürz- kram seiner Firma steht. Unter jedem Bilde steht ein erklärender Notizen. — Heinrich Hart wird nächstens eine biographisch-ästhettsche Studie über Peter Hille veröffentlichen.— —„Ernst fein", eine vieraktige Komödie von Oskar Wilde, hatte bei ihrer deutschen Uraufführung im A l t o n a e r Stadt-Theatcr nur einen geringen Erfolg.— — Das Berliner-Theater wird am 23. Dezember ein neues vieraktiges Versdrama von Oskar B l u in e n t h a l:„Der tote L ö w e" zun: erstenmal aufführen.— — Die gemusterten Farbkleider der Eidechsen und Schlangen sind von Prof. G. Tornier, wie die„Kölnische Zeitung" berichtet, auf ihre Entstehung untersucht worden. Von oben betrachtet, erweist sich die Haut eines solchen Reptils als mit Furchen von verschiedener Richtung bedeckt; sie umschließen begrenzte Bezirke, Hautfluren, die das Farbkleidmustcr oder den Sitz von Schuppen bilden. Nach Torniers Untcrsuchnng treten diese Farbkleid- muster unter dem Einfluß der Körperbewegungen des Tieres auf. und zwar Furchenmuster bei minder beweglichen, Faltenmuster bei stark beweglichen Tieren. Jedem solchen Muster kommt eine be- stimmte biologische Bedeutung zu, so daß man, wenn erst alle derartigen Muster gedeutet sind, jeder Eidechse oder Schlange einen Teil ihrer Lebensweise unmittelbar vom Körper wird ablesen können.— — Fünfundvierzig Meilen nordöstlich von Pretoria, im so- genannten Buschseld, hat man ei» mächtiges Zin nerzlager entdeckt.— Verantwortl. Redakteur: Franz Nchbeiii, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin ZW.