Knterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 177. Donnerstag, den 8. September. 1904 (Nachdruck verboten.) 22z Die flucht, Von K. Bagrynowski. „Ich bin ein Sonderling; achten Sie nicht auf meme Grillen.. antwortete der Jüngling mit veränderter Stimme. Diese Stimme hätte ihn gewiß verraten; aber die Windstöße waren so heftig, daß die junge Frau annehmen konnte, sie sei infolgedessen so dumpf und stockend. „Gestehen Sie's nur: meine Gesellschaft ist Ihnen lästig. Sie haben uns— Philister— nicht gern. Aber ich mußte Sie allen: sprechen, um unliebsamen Mißverständnissen vor- zubeugen. Sie erimiern sich wohl noch, daß mein Mann ge- sagt hat, er betrachte das Pferd, das Ihr uns wiedergeben wolltet, nicht als sein Eigentum. Es ist aus uuscrm Budget gestrichen und wir haben es auch nicht nötig. Aber die Stadt- bewohner sind andrer Ansicht. Es muß ihnen jemand gesagt haben, daß das Pferd uns gehört." „Das haben wir gethan. Vorgestern war ein Jakut bei uns, der das Pferd kaufen wollte. Wir haben ihn an Ihren Mann gewiesen." „Ja, heute war ein Jakute da und fragte, wieviel wir dafür verlangten. Das wird wohl derselbe gewesen sein. Er lobte das Pferd und bot sechzig Rubel. Das soll ein guter Preis für Dschurdschnjer Verhältnisse sein. Wenn wir also wüßten, daß Ihr das Pferd wirklich nicht mehr braucht, dann würden wir es verkaufen und Euch das Geld dafür geben. Ich denke, Ihr werdet es brauchen können. Wir haben's bis jetzt nicht gethan, denn wir fürchteten, Ihr hättet vielleicht neue Pläne vor, und es könnte Euch schwer fallen, ein andres zu kaufen, nun die Wachsamkeit der Polizei geweckt ist." „Haben Sie Nichorski gefragt?" „Nein; ich weiß im voraus, was er sagen wird. Er wird mir raten, das Pferd zu verkaufen, und das Geld wird er nicht annehmen wollen. Es ist jetzt sehr schwer, in solchen Dingen mit ihm fertig zu werden. Er ist so argwöhnisch geworden, so übertrieben feinfühlig. Und doch weiß ich, daß er nicht auf- gehört hat, zu hoffen. Heute hat er wieder davon gesprochen, daß ein Entfliehen möglich ist; es sei Euch damals nur miß- lungen, weil Eure Mittel nicht genügend waren. Ich wollte Alerandroff um Rat fragen. Er ist jedenfalls der ver- uünftigste von Euch und der beste Kamerad. Er ist weder so stolz wie Ihr, noch hat er so tief eingewurzelte Vorurteile, Vorurteile der Besitzenden möchte ich sie. nennen: Mein, dein, sein... Und doch sollte alles denen gehören, die es im Augen- blicke am nötigsten gebrauchen. Hab' ich nicht recht? Würden Sie nicht mit jedem Genossen teilen, wenn Sie gerade in der Lage wären, mehr zu haben als jener? Sagen Sie mir - also aufrichtig, wie einem guten Kameraden, wie einer Schwester: braucht Ihr das Pferd? Habt Ihr irgend einen Plan und werdet Ihr daS Geld annehmen, wenn wir das Pferd verkaufen? Ich muß es heute wissen, denn der Jakute soll morgen früh wiederkommen." Krassuski schwieg verlegen. „Sie antworten nicht," fuhr sie schüchtern fort.„Sie trauen mir wohl nicht. Und doch denke ich so oft an Euch. Ihr thut mir so leid, so leid. Ich weiß nun auch, was es heißt: verbannt zu sein! und fühle nur zu wohl, was Ihr leiden müßt, Ihr, die Ihr schon so viele Jahre hier verlebt habt. Um Euch aus diesem Grabe zu befreien, bin ich bereit,— sind wir beide bereit," sügte sie schnell hinzu,„jedes Opfer zu bringen. Viel können wir ja nicht thun, aber doch etwas. Sechzig Rubel sind doch keine so große Summe. Uebrigens handelt sich's jetzt hauptsächlich um das Pferd. Gestehen Sie mir, daß Sie etwas Neues planen. Niehorski hat mir gesagt, ein Pferd sei zu wenig; wenn die Flucht ge- lingen solle, müßte jeder ein Pferd haben. Also vier Pferde! Vielleicht gelingt es auch, so viele zu erlangen, schlimmsten- falls zwei, drei... das wäre doch immer noch besser, als eins, oder gar keins. Ich habe mir sagen lassen, Sie, Herr Krassuski, und Alexandroff, Sie seien beide auch ohne Pferd im Walde wie zu Hause. Ich werde meinem Manne also sagen, er solle das Pferd behalten— auf jeden Fall! Gestehen Sie nur. Sie wenigstens haben nicht entsagt!" Sie lachte. „Oh, wenn ich so stark wäre wie Sie, oder Flügel hätte, dann würde ich mich auf und davor machen, glauben Sie mir, und Euch alle mitnehmen." „Sie sind sehr... gut!" antwortete Krassuski, und seine Stimme hatte einen seltsam traurigen Klang.„Sie haben richtig geraten: ich muß fliehen, ich muß! Und— ich werde es thun! Ich sehe keinen andern Ausweg.». Aber njcht auf dem Rücken dieses Pferdes." „Sehen Sie, wie garstig Sie immer sind! Ich bin ganz erstaunt, zu hören, daß Sie dies Pferd wie etwas Ekelhaftes behandeln, wie ein Scheusal! Und doch gehört es niemand! Es gehört demjenigen, der fliehen will. War denn das Geld, das es gekostet hat, unser Eigentum? Haben wir es mit unsrer Hände Arbeit erworben? Vielleicht kommen Sie wieder unter Menschen und zahlen die Schuld tausendfach zurück, indem Sie für die Befreiung all der Unglücklichen wirken, die es geschaffen haben. Ach, mein Gott, so viele hochtönende Worte um einer so nichtigen Sache willen! Gut denn, das wäre also erledigt, ich werde meinem Manne sagen, er solle es nicht verkaufen. Er würde gewiß nie daran gedacht haben, wenn er nicht jeder neuen Verzwickung seiner Verhältnisse aus dem Wege gehen wollte. Er glaubt daran, daß ihm ein paar Jahre von seiner Verbannungsfrist gestrichen werden können." Sie seufzte und hing ihren Gedanken nach. Eine Zeit- lang gingen sie schweigend nebeneinander her. „Auf Wiedersehen!... Ich danke Ihnen... Hier biegt Ihr Weg ab, nicht wahr?... Da ist der Pfad nach der Schmiede... Und auch ich hab's nicht mehr weit." Sie hielt seine Hand lange in der ihren und drückte sie herzlich. „Lassen Sie Ihren Mann thun, was er für möglich hält. Ohne Rücksicht darauf, was Sie versprochen haben. Meiner Ansicht nach sollten Sie das Pferd verkaufen, aber nicht gleich. Jetzt braucht es Jan; er fährt Heu..Ein Käufer wird sich immer finden, denn das Pferd ist gut. Wir haben nur den Fehler begangen, zu sagen, das Pferd gehöre Ihnen: im Falle einer Untersuchung könnte die Polizei Ihnen wirklich Un- annehmlichkeiten bereiten. Daher rate ich entschieden, noch etwas zu warten und dann das Pferd zu verkaufen." Sie standen an: Kreuzwege, und endlich nahm Krassuski Abschied von Eugenien, die schnell auf ihr Haus zuschritt. Nach einigen Augenblicken war der junge Mann wieder neben ihr. „Lassen Sie Ihren Mann das Pferd verkaufe::, am liebsten schon morgen. Ich Hab' mich eines andern besonnen. Wir werden weder das Pferd noch das Geld benutzen," sagte er, die Worte ateinlos hervorstoßend. Ehe sie fragen konnte, was das bedeuten solle, grüßte er und verschwand in der Dunkelheit. Nachdenklich stieg sie die Stufen zu ihrem Hause hinan und trat dann in den Flur. Die aufgequollene Thür drehte sich leise in den Angeln. Ihr Mann saß in: Sessel an dem Tische, an dein er zu schreiben und zu arbeiten pslegte. Ein reichlich beträufeltes Talglicht schien mit seinem schwachen Glänze aus hoch aufgestapelte Papiere und Bücher. Links an der Wand saß Samuel, rechts— Tscherewin. „Ja so— ich Hab' vergessen, daß Sie jetzt ins Stadium der schöpferischen Thätigkeit getreten sind und'nur«uf statistische Zahlen schwören!" scherzte Samuel. „Was wollen Sie damit sagen: nur noch? Wann hätte ich Ihnen denn anvertraut, worauf ich schwöre, oder ivorauf ich nicht schwöre? Im Gegeisteil, meine Ansichten haben sich nicht geändert, aber— alles hat seine Zeit." „Richtig! Das lob' ich mir! Jetzt ist gerade der passendste Zeitpunkt zum Multiplizieren eingetreten! llnd mir scheint, Arkanoff, Sie thun, was in Ihren Kräften steht! Ihre Frau sieht ganz elend aus," lachte Tscherewin. Arkanoff lächelte auch, wollte etwas antworten, wurde aber Eiigeniei: gewahr, und die Ulsterhaltung verstummte. .�Endlich? Warum bist Du so lange geblieben?" Der Scherz des Arztes hatte die junge Frau peinlich berührt; sie schwieg, und ihre Blicke glitten über Tscherewin hinweg, als sie den Anwesenden einen Gruß bot. „Warum sind Sie so mürrisch? Der Samowar ist siedend heiß, der Herr Gemahl hat ihn eigenhändig ins Kochen ge- kracht. Nun müssen Sie nur noch Thee aufbrühen und uns was zu essen geben.".. Eugenie zündete eine Kerze an und gmg m den anstoßenden Raum. Samuel stand auf und folgte ihr. „Wenn Sie erlauben,»vill ich Ihnen leuchten." „Ich danke. Bemühen Sie sich nicht." „Ich bin eben beim Jsprawnik gewesen!" fügte er leiser hinzu. „Hat er Sie rufen lassen? Er hat sich wohl nach dem Pferde erkundigt?" „Ja. Er hat gefragt, ob es wahr sei, daß Sie das Pferd einem Jakuten verkauft haben, denn er habe es selbst kaufen wollen. Verstehen Sie? Was soll ihm das Pferd? Er hat schon ein Paar. Ich denke, der Jakut ist eine Finte und alles andre auch. Sie ahnen etwas und haben eine ganze Kabale ersonnen, um die Wahrheit herauszukriegen und das Pferd zu konfiszieren." „Itiib was sagt mein Mann dazu? Haben Sie mit ihm gesprochen?" „Ich Hab' gesagt, das Pferd wird verkauft!" rief Arkanoff aus dem andern Zimmer. „Das Pferd braucht Herr Jan. Er fährt Heu. Er hat das Pferd fast das ganze Jahr hindurch gefüttert. Ich finde es nicht in der Ordnung, ihm das Tier fetzt zu nehmen. Mag er es bis zum Frühling behalten." „Ich will ihm lieber ein paar Rubel geben, � daß er sich ein andres mieten kann. Ich habe keine Lust, so lange zu warten, bis das Pferd konfisziert wird und wir in die Patsche kommen. Ich bin überzeugt, sie haben Wind von der ganzen Geschichte, und es wird gar nicht mehr lange dauern/ bis die Untersuchung eingeleitet wird, lind um das Maß voll zu machen, waren die Tonquichotte noch witzig genug, zu sagen, das Pferd gehöre mir." „Tos war wirklich eine Tummheit," stimmte ihm Tschcrewin bei. Eurzenie stellte ihre Tasse zornig auf den Tisch. „Sie müssen meinem Manne immer ohne Grund Angst machen. Wie konunt Ihr nur mif eine Untersuchung? Alle sind an Ort und Stelle. In den Bergen hat sie niemand ge- sehen. Es können also nur Vermutungen im Spiele sein, und dagegen ist nichts zu machen. Wenn wir es mit unsrer Vor- und Einsicht erst soweit gebracht haben, wie Sie es wünschen, dann werden wir uns wohl vor unserm eignen Schatteil in acht nehmen." (Fortsetzung folgt.)! (Nflchdriick verboten.) Bdiiard JVIöhke, 1804.— 8. September.— 1004. Was ist cS mit diesem Dichter, dessen Name heute, wo sein Geburtstag sich zum hlmdertsten Male jährt, lauter und weiter klingen wird als je zuvor? Als er vor fast dreißig Jahren, in einer Zeit, die allem dichterischen Wesen niit ungeheuerlicher Vor- ständnislosigkeit gegenüberstand, starb, schrieb kein Geringerer als der Dichter Gottfried ikeller:„Wenn sein Tod nun seine Werke nicht unter die Leute bringt, so ist ihnen nicht zu helfen, nämlich den Leuten." Damals war den Leuten allerdings nicht zn helfen, und auch heute noch ist der Sieg, den Mvrikes Dichtungen über die Zeit errungen, kein Sieg, der sich Massen unterworfen hat. Aber auö der Stille heraus machen die Werke ihren Weg, langsam aber sicher, in immer größere Kreise hinein, und das Urteil steht fest: Mörike ist einer der wenigen Dichter ans der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhundert», die zukünftigem ästhetischen Geuuhbegehren etwas zu schenken wußten. Echte Dichterschast verkörpert eine Kraftlvirkmlg der Kultur, und so auch ist es mit dem Verständnis für diese Dichterschast. Die Masse der Zeitgenossen MörikcS hatte sehr wohl Dichter, die sie kannte, auch„wirkliche" Dichter, aber die ganz besondere Art, zu der ein Mörike zählte, ging ihr freilich nicht ein. Ihr noch nicht. Es fehlte die kulturelle Reife, die ein inneres BedürstuS nach dieser höchsten geistigen Wirkung erreichter Kultur erzeugen konnte. Die Masse mußte erst hineinwachsen in daS, was sich Über dem Boden, ans dem sie in der Niederung von einem Wirrsal von Hemmungen .umfesselt lag, als geistige Frucht, von einzelnen getragen, hoch emporwölbte. Auch waS Mörike in sich trug und in seinem gemächliche» Schaffen spendete zählte im großen Strome des Werdens nnd war ein Element seiner von materiellen Triebkräfte» im wesentlichen anders als er gerichteten Zeit. I» einem der jüngst über Mörike veröffentlichten Werke, einem kritischen Buche Karl Fischers, heißt eS:«Die Dichter sind eS vor allein, die diejenigen Instinkte ihres Volles wach erhalten, die in be- ßimimen Zeitabschnitten unterdrückt sind. Es giebt Dichter, die*u-j gleich Erzieher und Propheten für ihre Nation find, und sie sind bei weiten, die einflußreichere»! es giebt aber andre, die nur Künstler sind und sein wollen, sie bieten, was nur die Kunst bieten kann: Ergänzung der Wirklichkeit, Erfüllung des Lebens! zu diesen reinen Künstlern gehört Mörike." Man lege den Nachdruck auf den Wirklichkeitscharakter der Dichtung MörikeS und man weiß, weshalb er, der längst gestorben, in der Gegenwart neu zum Leben ge« langen kann. Man fühlt sich versucht, bei Mörikes Namen eine Abhandlung über Kunst zn schreiben und die Zeit ganz zu vergessen, der sein Leben angehörte. Und doch wieder, wenn wir seine Art an dein Gesamtbilde seiner Zeit messen, gewinnen wir ein wichtiges Element, den tiefen Gehalt seiner Schöpfungen zn würdigen: er war ein Mensch der Einsamkeit und Stille deS äußeren Lebens, aber einer, der mit wachen Sinnen ans der Enge in die Weite spähte und gesund zn wägen nnd sich zu begeistern wußte. Er mochte in der Natur gern von der Höhe in d,e lichte Weite sehen, und so auch im Leben und zn den Dingen der Wirklichkeit. Er hatte ein Urteil, das von der Philisterhaftigkeit seiner Gegenwart frei war und das Nichtige ohne Grübeln, gleichsam instinktiv fand, aber er war weder Forscher noch Kämpfer. Er konnte sich wohl ins Kleine versenken, aber nicht ins Kleinliche verlieren, er wußte vielmehr das Große und die Größe zu nehmen, nnd ihm wurde wohl, wem, er den Großen menschlich vor sich sah, wie Goethe sich in Dichtung nnd Wahrheit gegeben. Und mit diesen, Wesen lebte er in einer engen kleinen Weltlichkeit, die ihre zeitlichen Kämpfe nicht groß zu führen vermochte, weil sie noch tief in den Kinder- schuhen steckte. Ans solchen Zügen gemischt, von solchen Bedingungen der Umwelt berührt tvar der Mensch, der hinter den Dichtungen, die Mörikes Itamen tragen, stand. Mörike, der in Ludwigsburg als Sohn eines für die spekulative Naturphilosophie der Nomantii begeisterten Arztes geboren, in Tübingen zum Theologen gebildet, dann schwäbischer Dorfpfarr- Vikar und endlich Pfarrer in Cleversulzbach wurde, stand in engster persönlicher Fühllmg zur schwäbischen Dichtcrschnle, deren Häupter Justin,!s Kerner, Ludwig Uhland, Gustav Schwab waren. Es wäre aber verkehrt, ihn in den Ring dieser Schwabendichtcr einspannen zu wollen. Ihre Greuzung war seiner Kunst zu eng. Eben weil sie reinste, an, Urquell menschlichen Empfindens aufgefangene Kunst war. Zu�hn, ziehen Fäden von ganz andrer Seite. MörikeS Ret- gnng für Schiller und den unglücklichen Hölderlin giebt einen Fingerzeig. Antikes und Atoniantisches mischte sich in ihm. Seine litterarische Stellimg tritt deutlicher noch hervor, wem, man seine Gegnerschaft gegen den eklektischen Formen künsiler Rückert und gegen die von der radikal-politisch gerichteten bürgerlichen Tagesmeinuilg getragene Bewegung des jungen Deutschland bc- achtet. Er stellte sich gegen Gutzkow imd fühlte sich von Heine geradezu abgestoßen. Bei Heine vermißte er den Geist der Wahr- haftigkeit— so sehr war dieser Dichter seinem inneren Wesen fremd. Zwischen Herne und den schwäbischen Dichtern gab es kein friedliches Dulden: man bekämpfte, verspottete sich, lehnte sich gegenseitig ab, und Mörike„ahn, an dieser Stimmmig teil. Er hatte auch an der politischen Lyrik der vierziger Jahre keine Lust und spitzte in den Briefen an seine Freunde manchen Spottpfeil über Herlvcgh. In alledem wirkte vornehmlich seine künstlerische Ueberzeuguug. Politik war ihn, in küustlerischer Farn, ein Unding. Ein paar wenig bedeutende Verse über Königsmoral sind alles, was in poetischer Form die politische Gefiuimiig Mörikes verrät. Er war kein erdentrückter Idealist und nahm an der polt- tischen Bewegung seiner Zeit mit ganzem Herzen teil. Tie deutsch- initionale Tendenz, die als Erbteil der Romantik in der schwäbischen Tichterschule lebendig ivar, giebt die Farbe seiner politischen Ge- st, in, mg an. Als Schuler schon hatte Mörike für den Burschenschafter Sand, der Kotzebue erdolchte, geschwärmt. Das bnrschenschasiliche, spielerische Drum und Drau stieß ihn aber ab. und mit radikalem Wesen, das ihn zn lebhafterer Teilnahme an den Ereignissen von 1830 gebracht haben könnte, hatte er keine Berührung. Er trat seiuc» Pfarrdienst an, der ihm gar nicht zusagte, inachte einen Versuch, sich im freien schriftstellerischen Berufe sein allzeit knappes Brot zn er- werben, kehrte aber schnell in seine pfarrdörfliche Weltabgeschieden- hcit zurück nnd hielt sich die pfarramtlichen Pflichten nach Möglichkeit vom Leibe. Nervöse Kränklichkeit brachten den, kauni Vierzigjährigen bereits die Peiisioniertilig. Ein Wort-vou ihn, war: „Es kommt nur auf einen männlichen Entschluß an,»in auch inner- halb des Kircheildienstes der ganze ungeteilte Mensch zu bleiben." Jetzt hatte er ganz seine Freiheit und konnte er seincir Neigungen leben. Er that es, versorgt von seiner Schwester Klara, in länd- sicher Stille, schrieb an kleineren Dichtungen, sammelte Bersteine- ruiigen, trieb Töpferei und unterhielt mit seinen Freunden emsig brieflichen Verkehr. Lieder, Stimmungen, Balladen, epische Dichsimgen, Märchen, Novellen, einen Roman hat Mörike geschaffen. Früh begann sein Werk, langsam schritt es vor, und das Alter— Mörike starb am 4. Juni 1875— fügte nur wenig niehr zu den Gaben der Jugend und MaimcSzeit hinzu. In vier nicht allzu starken Bänden") liegt das Lebenswerk des Dichters vereinigt, aber die vier Bände bergen einen goldenen Schatz. Mörike war nicht ein Dichter, der die Muse zu sich zwang: er war ja ei» wirklicher Dichter, der zu Ivarten weiß, bis dichterische Offenbarung in ihn, aufquillt und die Dinge ') Leipzig, G. I. Göschcnsche BerlagShandlimg. in Form und Wesen neu durchleuchtet und gestaltet zeigt. Diese dichterische llrsprünglichkeit Mörikes ist von einer wunderbaren Lauterkeit der Wirkung. Wer Ohren hat, künstlerisch m hören, der höre! Mörike ist in dieser Art Lyriker ganz und gar, Lyriker von Goethischer Herrlichkeit des Verschmelzens von Inhalt und Form. Die lyrische Kraft giebt auch seinem Nomane„Maler Rotten" und seinen Märchen und Novellen—.Mozart auf der Reise nach Prag" ist die bedeutendste— das Eigentliche ihres Reizes und das heute noch lebendig Wirkende. Diese lyrische Kraft beruht in der Kunst, unmittelbar und plötzlich die Dinge in ihrem vollen Leben vor die Augen zn stellen. Itnd alle Fülle entspringt dabei ans einer schlichten und einfachen Fassung, die in der ersten Berührung kaum den ganzen inneren Reichtum ahnen läßt. Aber dieser Reichtum ist Wirklichkeit, und er verrät überall die einzig-starke Kunst Mörikes: in plastisch gezeichnetem Bilde ties empfundenes Leben, alle farbige, belvegte, tönende Natur, zusammengedrängt in aufquellender und ins Weile greifender Bewegung, zu geben. Mörikes Gedichte bergen die heimliche Musik der Dinge, die in allem Lebenskräftigen am klangvollsten lebt. Deshalb werden diese Gedichte selber leben, und deshalb soll man sich den Eingang in ihr Leben zu erobern suchen. Jeder Dichter, der so wahr ,md deshalb so gesund wie Mörike ist, nmß um der geistigeu Wohlfahrt des Volkes willen Volkseigentum werden.— Fr. D. Kleines feuületon. Das vcrlnsscuc Mägdlein. Früh, wann die Hähne krühn, Eh' die Sternlein verschwinden, Muß ich am Herde steh», Muß Feuer zünden. Schön ist der Flammen Schein, Es springen die Funken: Ich schaue so drein, In Leid versunken. Plötzlich, da kommt es mir, Treuloser Knabe, Daß ich die Nacht von dir Getränmct habe. Thuine ans Thräue dann Stürzet hernieder: So konnnt der Tag heran— O ging er wieder!— Eduard Mörike. c.„Eine Hölle auf Erden" nennt Remirowitsch Tantschenko die Mandschurei.„Wie schrecklich ist doch die Hitze hier," schreibt er. „ich habe Marokko im Sommer besucht, habe einen glühenden Sommer in Andalusien verbracht, bin durch den Kaukasus und durch Persieli in brenuender Hitze gewandert, doch nie habe ich solche Gttiten keimen gelernt ivie hier. Sonue und Himmel sind unsre fmäitbalsten Feinde. Die Sonne flaiimit drohend wie ein ewiges Sniuhikd eines unabweudbaren Zornes: der Himuiel umhüllt uns mitleidslos mit seinem verdorrcndcu Blau, als wollte er sagen: „Ihr lönnt mir nicht entgehen, ihr köuut euch nirgends vor wir bergen." Unten ans der Erde dasselbe Bild. Alles glüht vor Hitze und ist vertrocknet ivie die Haut einer Schlange. Weuir Dich ein plötzlicher Schwindel befällt und Du mii der Hand nach einem Stein tastest, faßt Deine Handflchjhe auf brennendes Feuer: setzest Tu Dich nieder auf der grauen Felsen- wand eines Klippenvorsprunges, dann ist es, als säßest Du auf der rotglühenden Platte eines Kücheiwsens. Du willst weiter reiten: Dein Sattel ist glühend heiß geworden während der Rast. Du trinkst Feuer zugleich mit der Luft, die Du atmest. Der erbarmungS- lose Glanz blendet Dein Auge, in Deinen Ohren braust es, das Herz weitet sich, bis Du ohnmächtig zu werde» glaubst. Noch eine Mümtc länger, denkst Du, und dann wirst Du niederstürzen, von der furchtbare» Hitze der Mandschurei besiegt. Und in dieser Glut mußten unsre Soldaten marschieren, unter dieser vernichtenden Sonne mit ihrem schweren Gepäck. Da, sieh, gerade ziehen sie vorüber! Wahrlich, vor der Schlacht schon sind sie besiegt durch diesen unbarmherzigen Himmel, gemartert vom Durst, getötet von der Hitze. Alle sind sie ermattet und nüt Schweiß bedeckt, der durch das Hemd und durch den Lhaki-Auzug hindurch- dringt. Es ist wie in einem Dampfbad, in dem die nasie Feuchiig« keit auf uns eindringt, aber mau ist diesen heißen Dämpfen nicht nur wenige Minuten ausgesetzt, sondern Sttniden auf Stunden ist man in Schweiß gebadet, vom Morgen bis zur Nacht, in der endlich eine erfrischende Kühle uns unuvcht. Den Soldaten ist es un- möglich, ihre Stellungen zu verlassen: ein Soldat lechzt danach, zu einem Brmmcn zu kommen, aber er darf nicht aufspringen und damit sich und seine Gefährten den scharfen Augen der Feinde preisgeben. DaS Hirn scheint im Schädel zn schmelzen: es ist, als ob ein glänzender blendender Schimmer in wechselvolleu Schtvankungen vor dem Auge auftauche in dieser flimmernden Luft. Stimmen, die von fern her gellend rufen, scheinen aus dem feurigen glitzernden Abgrund empor- zutönen. Ans jedem Gesicht sind vis tiefen Qualen der Hitze ein- geschrieben, nicht ein Gedanke blitzt ans in diesen erschlafften Ge- stchtern, die durch die Sonne stumpf gemacht sind. Der Hinterschädel ist tief rot, wie wenn das Blut hier sich hervordrängen wollte. Komm näher I Hier liegen ein paar Opfer, die vom Hitzschlag ge- troffen. Tie Gesichter sind rot und verschwollen, der Mund weit offen, als wollte er noch etwas von dieser Lust einziehen, die so glühend heiß ist und voll giftiger Dämpfe.. Die Augen sind heraus- getreten und blutunterlaufen, die Beine krampfhaft zusammen- gezogen..."— Theater. Deutsches Theater. Lady Winder m eres Fächer. Das Drama eines guten Weibes in vier Aufzügen. Oskar Wilde, der schillernde Aesthet und einst verwöhnte Günstling der vornehmen Londoner Gesellschaft, der dann in dnmpfen Zuchthaus- manern, ausgestoßen und verachtet, so ftirchtbar schwer für Selkstm- leiten seiner'Triebe büße» mußte, ist in Deuffckland als Dramatiker zuerst durch die glänzende Aufführung der Salome im Kleinen Theater bekannt geworden. Es gab einen großen Erfolg, mit einem Schlage erhielt der Name populären Klang. Die architc klonische Ge- schlossenhcit des Aufbaues, das Musikalische, Dekorative, Stwlmungs- volle, der konzentrierte schwüle Hauch orientalischer Sinnlichkeit in diesen Seencu schien von eigenartiger fruchtbarer Phantasie zu zeugen und ließ vielfach die Kehrseite dieser Dichtung, das Manieriert- Gekünstelte, übersehen. So hitzig war bei einem Teil der»lritik der Enthilsiasmus, daß hier und da die Bnubnrry-Äomödie Wildes, die an dem gleichen Abend folgte, gleichfalls als Werk besonderen Ranges gepriesen, daß ein verborgener Tieffiim hineininterpretiert wurde, obwohl das Stück, dos iu der Absicht wohl eine Parodie des üblichen Pariser Verwechslungsschwankes sein sollte, sich über den in diesem Poffeugenre herrschenden Geist kaum merklich erhob. Seither sind mit moderneu Dramen Wildes auf deutschen Theatern wiederholt Versuche gemacht, doch sämtlich ohne Gelingen. Wo er Menschen der Gegenwart auf der Bühne rede» und handeln läßt, Ivo jener märchenhafte Hintergruni», jene farbige Lyrik des Erotischen, die in der Salome(bei guter Darstellung) so fasciniercnd wirkt, ausscheidet, versagt die Kraft der Anschauung, bleibt er in den leeren wesenlosen Künsten des französischen Konversations- und Jnttigilendramas stecken. Wie sich Bunburry zu der Pariser Poffe, ähnlich verhalten sich die ernsteren Stücke— so das Schauspiel„Lady Windermeres Fächer"— zu Sardou und Dumas. Vielleicht— der Rebentitel„Das Drama eines guten Weibes" mag darauf hindeuten— hat er auch hier ironisieren wollen: aber hcransgekommeu ist eine neue Auflage der alten Schablone, für die, nachdem der Naturattsmns Wirklichkeitssinn und Blick für echte Charatteristik geschärst hat, das Interesse sich nicht mehr beleben kann. Die paradoxen Wendungen in dem Dialog amüsieren wohl im Augenblick, helfen aber über den Mangel an Silbstankiellem nicht hinweg. Auch läßt die dramatische Form die Fülle dieses boshaft- spielertfcken, um Wahrheit unbekümmerten WitzeS bei weitem nicht so ungehemmt sich entfalten, wie etwa in dem merkwürdigen Roman Wildes„Das Bildnis Doriau Grays". Da erst hat er volle Freiheit, da gewinnt das Spiel der Worte ein ganz persönliches Gepräge und damit etwas Spannendes, weit hinaus über das salongemäßc Geplänkel in der Komödie. Die Lady Windermere des Stückes ist aufgewachsen, ohne ihre Mutter, die»ach einem Ehescheidungsprozeß als Abenteurerin durch die Welt streift, je gekannt zu haben. Ein paar Jahre nach der Verheiratung der Tochter taucht die Mutter in London auf, benachrichtigt den jungen tadellosen Ehemann, zieht ihn an sich, preßt ihm Gelder ab und verlangt nicht etwa, weil sie ihr Kind wiedersehen möchte, sonder», um sich Eintritt in die vornehme Gesellschaft zu verschaffen und einen trottelhaften, abgelebten Lord zu kapern, daß sie zn den Windermereschen Soireen hinzugezogen werde. Der Lady, einem Unschuldsengel, Ivird von einer guten Freundin und einem Verehrer das Geschwätz zugetragen, ihr Mann betrüge sie mit jeuer zlveifelhaften Dame. Tragische Eifcrsuchtsscene. Der Gatte, der mit einem Motte das ganze Miß- Verständnis lösen könnte, schweigt nach des Dichters Willen hart- näckig und sendet obendrein gegen den Protest der Lady, die erklärt, sie werde eine Person wie Mrs. Erlymie schimpflich fortjagen, eine Einladung an die Friedensstörerin. Die Entivicklung giebt an Willkür den Voraussetzungen nichts nach. Der tornpro- mitticretide Gast erscheint auf der Soiree und macht bei Herren wie bei Damen Sensation. Der verachtungsvolle Blick, mit dem die Lady sie mißt, prallt eindruckslos von ihr ab. Da, als die Gäste sich verabschieden und sie den Gatten mit der Fremden in intimem Gespräche überrascht, stürzt die Lady auf einmal davon, sie will— � ganz unverständlich bei ihrem Charakter— in Nacht und Nebel bei dem Verehrer Schutz suchen, die Untreue des Mannes mit eigner Untreue vergelten. Der Brief, den sie zurückläßt, nmß von Mrs. Erlynne gefunden und gelesen werden, die urplötzlich zu mütter- lichen Gefühlen erwachend, ihr nacheilt, um die Uubesomrene zu wanieu. Und ebenso muß der wohledlc Lord, ohne nach seiner Frau nur einmal nachzufrageu. von den Freunden in den Klub, und da dieser schon geschlossen ist, in die Wohnung des betreffenden Wer- ehrers geschleppt werden. Hier spielen die Effektscenen des dritten Aktes. Voller Abscheu weist Lady Windermere die Beschwörungen ihrer Mutter, deren?otnt d'lloimsur es ist, sich auch jetzt nicht zu erkennen zu geben, ab; aber als die Verhahte sie an ihr kleines Kind erinnert, das zu Hause ihrer harrt, da schmilzt der Starrsinn der jungen Frau, da blitzt in ihren feuchten Augen ein dankbares freundliches Vertrauen zu der Fremden auf. Die Lady kehrt heim, Mrs. Erlynne jedoch verbirgt sich, weil gerade der Hausherr, Windermere und die Freunde in das Zimmer treten, hinter einer Thür. Die gähnenden Chnismen der übernächtigen Lebemänner, vorzüglich beobachtet, füllen die Pause bis zu der nächsten Ueberraschung. Der Fächer, den die Lady ver- gessen, ivird gefunden. Lord Windermere rast und will die Wohnung untersuchen, da tritt Mrs. Erlynne aus dem Versteck, niit dem Opfer ihrer eignen, freilich schon recht arg ramponierten Reputation den Ruf der Tochter zu retten. Sie sei es, die den Fächer versehentlich aus der Gesellschaft mitgenommen und hier verloren habe. Mrs. Erlynne erscheint dann noch einmal, um mit diskret zurück- gehaltenen mütterlichen Enipfindungen von der Tochter Abschied zu nehmen. Nie wird die Lady erfahren, wer ihre Mutter war, und sie selbst muß versprechen, die nächtliche EScapade dem Gatten niemals zu verraten. Die freundlichen Illusionen— es ist das einer der feineren ironisch psychologischen Züge im Drama— werden konserviert und die Abenteurerin hüpft aus der sentimental heroischen Verpuppiing rasch wieder in ihr eigentliches Fach. Eine geschickte Ausrede, wie sie in die frenide Junggesellen-Wohnung gekommen sei— und Lord Augustus, der aufs Korn genommene Ehekandidat, ist sofort wieder von ihrer Unschuld überzeugt. Um alle Peinlichkeiten zu vermeiden, wird das neue Pärchen den Himmel seiner Ehe im Aus- lande genießen. P a u I a M ü l l e r, die schon als Cressida eine Probe ihres Könnens abgelegt, spielte die Lady mit gewinnender Anmut. A d e l e H a r t>v i g in der Rolle der Mutter enttäuschte bei dem ersten Auftreten etwas, wuchs aber zusehends im dritten und im letzten Akte. Auf Augenblicke gelang es ihr sogar, dem Stück zum Trotz, den Schein der natürlichen Empfindung vorzutäuschen. Harry Waiden mußte seine bewährte Kraft für die schweigsame, so unntteressante Lordschaft einsetzen. Das Ensemble der Gesell- schaftssrcnen in dem zweiten Akte ließ viel, sehr viel zu wünschen übrig. Die Aufnahme des Stückes beim Publikum Ivar, wie nicht anders zu erlvarten, kühl.— ckt. Völkerkunde. — lieber die B a s i m u und Zauberer von Ruanda lDentsch-Ostafrika) berichtet ein Missionar: Die Basimu sind die Seelen der Verstorbenen und toerden wie böse Geister gefürchtet. Besonders muß sich jede Familie vor den Geistern der eignen Vor- fahren schützen. Neben dem Wohnhause des Negers befindet sich das „Zlalo", das ist eine kleine Hütte, in der die Basimu weilen. Bei einem Krankheitsfall, vor Unternehmung einer Reise, vor einer Geburt opfert man stets den Basimu,»m sie sich günstig zu stimmen. Aber woran erkennt man den Willen der Geister? Wer bezeichnet die Opfer, die sie wünschen? Dies thun die Zauberer. die„Bafunm", die wirklick, erfinderisch in der Wahl der Mittel sind, durch die sie den Willen der Basimu zu erkennen vorgeben. Die einen bedienen sich dazu der Eingeweide von Rindern und Hühnern oder der Flammen von Unschlittlerzen, „Lugumbo" genannt; andre gebrauchen Stöcke von Knochen, Elfenbein, Eisen, Kürbissen, die sie über ein Brett werfen, um sodann aus der Lage der Stöcke den Willen der Geister abzulesen: wieder andre, besonders die Zauberinnen, werfen Holz ins Wasser und sagen aus den kleinen Wellen die Zukunft voraus. Die Zahl der Zauberer ist groß? ans hundert Einwohner kommt durchschnittlich ein solcher. Ihr Geschäft ist sehr gewinnreich. So hat jeder zehn bis zwanzig Knuden, die ihm Bohnen, Getreide, Bananenwein, Harken usw. bringen, ja, die berühntten wollen nur Rinder und arbeiten nur für Reiche. Ihre Geheimnisse vererben sich gewöhnlich vom Bater aus den Sohn. In dem Gcisterbefragen sind nun besonders die Reichen recht eifrig, damit sie ihre Ruhe behalten. Ja, selbst der König und die Großen seines Reiches vertrödeln ihre Zeit damit, Zauberer zu befragen und Opfer darzu- bringen. Jeden Morgen kommen die Bafumn zum König und sagen ihm, was für ein Opfer er darbringen und welche Amulette er tragen müsse, um einen glücklichen Tag zu erleben. Mit großen Kosten läßt er oft berühmte Zauberer aus den Nachbarländern kommen lind bezahlt ihre Dienste mit Ochsen. Die Wahrsager ferner, die„Bahanje", prophezeien nach gewissen Thatsachen lind Zufällen die bevorstehenden glücklichen oder unglücklichen Ereignisse. Sodann giebtts noch Propheten, nämlich die eigentlichen echten, die nur bei Hos sicki befinden. Die Regenmacher ferner, die„Baschara*, sind wirklich nicht die glücklichsten Geschöpfe ans der Welt. Denn wenn der Regen ausbleibt, müssen sie dies mit ihrem Leben be- zableni offenbar halten sie ihn ja zurück,»ind das Volk wirft sie einfach ins Wasser. Als im letzten Jahre z. B. eimnal der Regen abnahm, ließ der König sechs Baschara töten.— Medizinisches. io. Eine seltene Ohrverletzung wurde von Dr. Scheier vor der Berliner Otologischen Gesellschaft besprochen, die trotz ihrer Seltenheit allgemein beachtet zu werden verdient, weil sie auf eine häufig vorkommende Unsitte zurückzuführen gewesen ist. Eine junge Dame hatte sich schon seit Jahren jeden Morgen nach dem Waschen den Gehörgang dadurch gereinigt, daß sie das ge- bogene Ende einer Haarnadel in ein Handtuch wickelte und energisch damit in das äußere Ohr hineinfuhr. Eines Tages mußte sie wohl ein etwas mürbe gewordenes Tuch genonnneu haben, das den Druck der Nadel nicht aushielt, denn diese fuhr plötzlich mit großer Kraft in das Ohr hinein. Im nämlichen Augenblick empfand die Dame ein furchtbares Ohrensausen und bekam einen Ohnmachts- anfall, so daß sie sich sofort niederlegen mußte. An der äußeren Ohröffnung waren einige Tropfen Blut sichtbar. Eine Stunde später begab sich die Verletzte zum Arzt, der feststellte. daß die Hörfähigkeit des betroffenen Ohres sehr bedeutend abgenommen hatte, so daß Flüstersprache selbst in der Nähe nicht verständlich war. Da die Erscheinungen sich nicht bessern wollten, wurde der Ohrenarzt befragt, und dieser ermittelte, daß vor dem Tronnnelfell des verletzten Ohres ein Fremdkörper lag, der in einen« kleinen Gehörknöchelchen, nämlich dem ganzen Amboß, bestand, den die Dame also mit der Haarnadel herausgerissen haben mußte, das Trommelfell lvar selbstverständlich vorher durchstoßen, so daß beim Schneuzen der Nase die Luft durch das Ohr zischte. Die Hörkraft verbesserte sich in der nächsten Zeit wieder, und auch das Ohrensausen ließ etwas nach, jedoch trat eine vollkommene Wiederherstellung nicht ein, wie ja auch bei der Natur der Verletzung und dem Fehlen eines so wichtigen Bestandteiles des inneren Ohres nicht erwartet werden konnte.— Humoristisches. — I in Gamsgebirg.„Hären Se mal, niei kutester Herr Ekonom, gehn denn bei Eich de Leite gar nich mehr in dem scheenen, ächten Nationalgostieme?" „Mir Hamm koans mehr. Mir hamm's alle an die Fremden verkafft."— — Dumme Frage.„Jetzt möchtt ich wissen, warum Du da überhaupt geheiratet hast „Schwatz' doch nicht. Wenn ich Dein Geld allein hätte be- kommen können, wäre es mir auch lieber gewesen."— —(Sin Gemüts mens ch.„Tua»öt allaweil auf d' Sau neischlag'n, Lausbua, dummer I" „Brav, Meister! Der Gerechte erbarmt sich auch des Viehes." „Freili, von dem Schlag'» werd ja's Fleisch ganz g'schcckat."— („Simpliciffimus".) Notizen. — In dem von der Zeitschrift„De V l a m i n g e n" veranstalteten Preisausschreiben für vlä mische Litte- r a t u r gewann den ersten Preis Hubert Melis mit seinem Schauspiel„Neues Leben", den zweiten L o u i s S l o k, der Dichter des Schauspiels„NeueSchätze". Es hatten sich 17 Mitbewerber eingefunden.— — Der französische Architekt Heiiard hat in einer Pariser Zeit- schrift zahlenmäßige Vergleiche angestellt zwischen der Park- fläche innerhalb der französischen Ha upt st adt im Jahre 1789 und der im Jahre 1999. Danach hat nämlich Paris in 119 Jahren fast zlvei Drittel seiner alten freien Plätze und Parks verloren. Diese bedeckten im Jahre 1789 noch 499 Hektar, 1999 nur noch 157 Hektar, so daß also nur ein Zehntel des Gcsamtareals der Stadt aus Anlagen besteht.— —„Adieu, T h e r e s e I", eine„heitere Liebcsepisode" von Ludwig Renner, ist für das L u st s p i c l h a u s in der Friedrich st raße erivorben worden.— — Roseggers ländliches Idyll„Komödianten" wurde für das Wiener Josefstädter Theater erworben. Das Stück Ivird mit Frau Niese in der Hauptrolle zur Aufführung gelangen.— — D i e Kosten der Kochschen Studien. Nach süd- astikanischen Blättern haben die bakteriologischen Studien des Prof. Dr. Kock, den Kolonien 29 999 Pfd. Sterl. httX) 999 M.) gekostet.— — In B a g e n z bei Kottbus hält man, nach dem„Kottbuser Anzeiger", gegenwärtig den Schulunterricht in einem alten Kuh st all ab, da angeblich ein geeignetes Lokal während des Neubaues der Schule nicht aufzutreiben ist. Die Thür deS eigenartigen llnterrichtsrauines muß ständig aufbleiben, da die Scheiben der Fenster zerschlagen und die Löcher mit Stroh ver- stopft sind.— — Der„Köln. Ztg." wird aus Tokio berichtet: Am 23. Juli blieben 599 Knaben und Mädchen der Volksschule in Wada bei Matsumoto dem Unterricht fern, um ihre Unzufriedenheit mit dem Hauptlehrer zu bezeugen, den sie durch ihren Ausstand zum Rückttitt zwingen wollen. Schülerausstände sind in Japan häusig.— — Der grobe Unfug-Paragraph in— Kor e a. § 672 des koreanischen Kriminalgesetzbnchs lautet:„Mit vierzig Stock schlagen ivird jeder bestraft, der gethan hat, was er nicht thun sollte." Berantwortl. Redakteur: F ranz Nehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsaujtalt Paul Singer LeEo., Berlin 3 W.