Anterhattlmgsblatt des Horwürls Nr. 179. Sonntag, den 11. September. 1904 24� Die flucht. (Nachdruck verboten.) Von K. Bagrynowski. „Ich kenne welche, für die es mit ein paar Sonetten enden wird!" antwortete Samuel und verzog den Mund zu einem hqmisch-schmerzlichen Lächeln.„Aber die„auswärtigen Mächte" sind futsch... und futsch auch so manche Pläne. Der Doktor wird sich zum„maßvollen" Opportunisten häuten. Iteberhaupt schwebt der Schrecken einer inneren Revolution über unfern Häuptern. Ich Hab' nichts dagegen. Es ist lang- weilig, daß man sich vor lauter Verzweiflung bis über die Ohren verlieben könnte. Und die Frau ist hübsch, und süß, und interessant, und poetisch, wie Mondenschein, wie der Duft des Jasmins. Gern gäbe ich ein Jahr meines Lebens für ein Zweiglein von dieser Blume hin." Niehorski antwortete incht; er sah vor sich hin. mit einem Blicke, der nichts von dem gewahrte, was ihn umgab, und sein ganzes Löben zog an seiner Seele vorbei. „Ich... träume... nicht mehr!... Ich bin bei Leb- zeiten eine Leiche!" seufzte er endlich.„Und Woronin geht's ebenso." So vergingen einige Tage. Pjetroff plauderte wieder mit Gliksberg wie ehedem, aber trotzdem wartete er vergebens auf eine Berichterstattung über die Abendvisiten seines Freundes. Dieser setzte eine geheimnisvolle Miene auf und in seinem ganzen Wesen kam eine gewisse Unabhängigkeit zum Ausdruck. Das beunruhigte Pjetroff dermaßen, daß er es endlich nicht länger ertragen konnte, und eines Abends, als die Versammelten eben fröhlich plaudernd ihren Thee tranken, that sich die Thür plötzlich aus und an der Schwelle erschien die schmächtige, hochgewachsene Gestalt Pjetroffs, die ein nach Bauernart geschorener dichter Haarschopf krönte. Er grüßte und nahm die Brille ab, die ganz beschlagen war. Die Gast- geber erhoben sich und gingen ihm höflich entgegen. „Endlich, endlich! Willkommen! Bitte, hier ist ein Platz für Sie. Heute sind Sie der Held des Tages!" „Der Held des Tages" war etwas verlegen und strich nervös mit der Hand über sein Ziegenbärtchen. Er sah weder Gliksberg noch Samuel an, aber er räusperte sich, als wollte er sagen, er sei bereit, zu protestieren und eigentlich nur um dieses Protestes willen gekommen. Aber sein Protest be- schränkte sich auf dies Räuspern, denn Arkanoff hatte ihn auf der Stelle durchschaut, sah seinen Gast init lachenden Augen an und... schwieg. Pjetroff war empört iiber die forschenden Blicke und hätten seiner Entrüstung vielleicht freien Lauf ge- lassen, wenn Frau Arkanoff, die dem Genosser beistehen und ihm aus seiner Verlegenheit Helsen wollte, nicht bittend zu Samuel gesagt hätte: „Sie lesen uns jetzt vor, was Sie versprochen haben, nicht wahr?" „Ich habe nichts versprochen: ich weiß nicht, was Sie meinen," wehrte sich dieser. „Doch, doch! Nur keine Ausflüchte!" sagte Niehorski. „Ha, was soll ich machen! Ich habe zwar nichts ver- sprachen, aber wenn Ihr alle behauptet, ich hätte es doch ge- than, dann muß ich mich wohl oder übel fügen; leider habe ich keine Zeugen!" willigte Samuel endlich ein. � Er erhob sich, aber statt zu deklamieren, begann er mit gedämpfter Stimme zu singen: Von Sevilla bis Granada Hallt die Nacht von Serenaden, Klingen klirren, Lieder laden Bon Sevilla bis Granada. Wunden bluten, Saiten tönen Unter dem Altan der Schönen. Wann, wann kommt der helle, hehre Tag des Glanzes und der Ehre, Und es fließt für Freiheitsziele, Wie bisher für Minnespiele Blut und Lied dahin. Wir vergaßen Schmach und Kerker. Mut ward schwächer. Not ward stärker. Ach, um unsre Minnespiele l Ach, um unsre Freiheitsziele l Alles welk und hin.— Von Sevilla bis Granada Ruh'n im Mond Park und Arkaden, Klingen ruh'n und Serenaden, Rauschen nur noch der Kaskaden Ewig gleiche Melodien: Alles welk und hin. Die wehmütige Melodie war längst verklungen, und noch immer saßen die Verbannten lautlos, regungslos da. Endlich stand Arkanoff auf, ging, den Löwenkopf auf die Brust gesenkt, einigemal im Zimnier auf und ab und sagte dann mit einer theatralischen. Handbewegung:* „So schlimm steht es nicht! Wir sind noch im stände, unser Leben hinzugeben um die Freiheit." Niemand antwortete, aber der Bann war gebrochen und ein jeder fand seinem Nachbar etwas zu sagen. Pjetroff, der seit langem kein Lied gehört und nicht so viele Menschen bei- sammen gesehen hatte, war am tiefsten bewegt. Er fühlte ein Kitzeln im Halse, seine Augen wurden feucht. Er haßte niemand mehr, nicht einmal„die Räuberbande von Terroristen". Daher erhob er sich und begann mit dumpfer Stimme: „Meine Herren, ich bitte uins Wort!" „Pst!... Pjetroff hat's Wort!" „Meine Herren! Genossen!... Vom gemeinsamen Feinde verfolgt, von demselben Mißgeschick gepeinigt— in diesem gottvergessenen Winkel... kurz, Menschen, die alle unter den Schrecknissen der Verbannung leiden, und oben- drein... der Heimat beraubt sind, jeder Gelegenheit zur Ent- faltung ihrer Thätigkeit... und in eine Welt verstoßen mit der sie nichts gemein haben, in der die elementarsten Be- dürfnisse der Seele unbefriedigt bleiben müssen... und... endlich... ceh!... hm!..." Er hielt verlegen inne, aber gleich darauf fügte er in seinem gewöhnlichen Tone und mit einem herzergreifenden kindlichen Lächeln hinzu: „Meine Herren! Ich schlage vor, wir arbeiten ein Pro- gramm aus, auf welches alle Parteien eingehen können." „Bravo, Pjetroff!... Hoch! Die Propagandisten!" Lautes Beifallsklatschen erscholl, am lautesten aber klatschten die Gastgeber. Pjetroffs Züge verfinsterten sich. „Ich habe nicht scherzen wollen." „Nein, und Sie haben recht!" sagte Eugenie, indem sie freundlich lächelnd auf ihn zutrat.„Ich stimme Ihrem Plane von ganzem Herzen bei. Lange schon schmerzt mich die un- begreifliche und traurige Zwietracht, die unter uns Verbannten herrscht. Unfern Ansichten und Bestrebungen nach sind wir doch alle Brüder..." „Oh ja! aber... nur, soweit diese Ansichten ganz all- gemein in Betracht kommen," fügte Arkanoff hinzu. Diese Aeußerung rief lebhafte Bemerkungen wach, die einen Augenblick von Niehorskis Stimme übertönt wurden: „Eins ist uns jedenfalls allen gemein, glaube ich. Und zwar ist's die Sehnsucht nach Freiheit." „Das stimmt," warf Arkanoff hin,„insofern es auch allen Menschen gemein ist, Träume zu haben." „Wieso: Träume?" „Das ist keine Antwort. Auf diese Weise ist's unmöglich, zu irgend einem Resultat zu gelangen!" „Im Gegenteil, wir müssen vom Allgemeinen ausgehen." „Erlauben Sie, ich glaubte, es handle sich um die ein- fachsten gesellschaftlichen Formen, um allgemein anerkannte Usancen, die selbst einen Verkehr mit Gawiglo Gawiglytsch möglich machen," versuchte Tscherewin die andern zu über- schreien..„ „Selbst mit der Polizei!" flüsterte Niehorsh. „Das Hub' ich nicht gesagt."., „Aber... ich thu's!" kam es flüsternd aus einem Winkel. Tscherewin errötete. „Erlauben Sie, wenn wir erst persönlich werden, dann erreichen wir absolut gar nichts! Ihr wollt also, daß ich um dummer Vorurteile willen meine Praxis aufgebe, meine Kranken und das Spital im Stiche lasse?" „Wir wollen gar nichts. Im Gegenteil: trinken Sie weiter mit dem Jsprawnik und anderm Lumpenpack und spielen Sie nach Herzenslust Karteil mit ihnen. Dann ver- ordnen Sie verschiedenen zweifelhaften Kranken Ricmusol — 714 ttttb andre Mittelchen, soblel Sie wollen. Die wirklich Kranken würden auch dann zu Ihnen kommen, wenn Sie die Dschurdschnjer Gesellschaft mieden. Jedenfalls ist die schiefe Lage, über dieSie so oft klagen müssen, ein vorzügliches Beispiel dafür, was sich durch den— Opportunismus erreichen läßt!" sagte Niehorski. „Aber Ihr habt ja keine Ahnung davon, was das für Menschen sind! Sowie ich mit ihnen breche, darf ich keinen Finger mehr rühren. Der Jsprawnik steckt jeden Kranken ins Loch, der mich um Rat angeht. Ihr urteftt wie kleine Kinder." „Wir urteilen wie Menschen, die im Kampfe um ihre Menschenwürde in die Verbannung gegangen sind." „Eine schöne Würde das: der ganzen Welt den Rücken kehren, die Hände in den Schoß legen und jeden Verkehr mit seinesgleichen aufgeben... In der Einsamkeit zum Heiligen werden— das ist kein Kunststück!" „Ha, was soll man thun, wenn einem nichts andres übrig bleibt?" Wieder begannen die Wogen des Gespräches hoch zu gehen. „Erlauben Sie, meine Herren,, „Ich bitte ums Wort!" „Was soll das heißen! Das hat gar keine Bedeuftmg! Das ist ein leerer Schall, kein Beweis!" Umsonst rief Samuel nnt dröhnender Stimme: „Ruhe, meine Herren, Ruhe! Ich schlage vor, wir halten uns an parlamentarische Sftten. Jeder spreche einzeln und der Reihe nach! Ich bitte ums Wort!" Niemand hörte auf ihn. Jeder redete auf seinen Nachbar ein; im Grunde genommen sprachen aber alle, ohne daß ihnen jemand zuhörte, die Gedanken laut aus, die sich in langen, einsamen Stunden in ihren Köpfen angesammelt hatten. End- lich waren die Redner erschöpft; sie verstummten und sahen sich nach ihren Mützen um. Auch diesmal war das Programm, auf das alle Parteien eingehen sollten, nicht zu stände gekommen,. Das einzige Resllltat der Versammlung war die große Unordnung, die im Zimmer zurückgeblieben war: die -dichten Tabakswolken in der Luft, die Streichhölzer und Cigarettenstummel am Boden und die gebrauchten Theegläser auf dem Tische. (Fortsetzung folgt.); Sm Tollbäuslcr im Zukuuftöftaat. In der Gemeinde-Irrenanstalt von Saarbrücken, die mehr einem friedvollen Hain glich als einer Stätte des Schreckens, wurde seit Jahren ein besonders schwerer Fall behandelt, der aller Kunst und Gewissenhaftigkeit der Aerzte spottete. Es war ein Eros, industrieller, der von seinem Vater die ungeheuren Fabriken ererbt hatte, in denen mehr als KXXIV Menschen beschäftigt waren. Der Mann hatte sich niemals um sein Unternehmen gekümmert, führte ein schwelgerisches und so tolles Leben, dah man seit Jahren an seiner vollen Zurcchnungsfähigkeit geziveifelt hatte. Er hatte nienials in seinem Leben etwas anderes gelesen als den.Lokal- Anzeiger" und die„Post". Und wenn mmi von seinem reichlichen Konsum gewisser„Pariser Pikanterien" absieht, so hatte er nur ein einziges Mal eine Broschüre gelesen: Engen Richter? Zukunftsbilder. Als nun die socialistische Gesellschaft' nach unsäglichen Kämpfen sich durchgesetzt hatte und auch diese industriellen Werke in den Besitz und Betrieb der Gesamtheit übergeführt waren, war es um den letzten Rest des bißchen Verstandes dieses Mannes geschehen. Obwohl er überreichlich für die Expropriation seines Besitzes entschädigt war, verfiel er in Verfolgungswahnsinn furchtbarer Art, wie ihn die Ge- schichte der Medizin noch nicht beobachtet hatte. Die Erinnerungen an seine Vergangenheit verschmolzen sich mit den Zukunftsbildern Eugen Richters und dem, was er von den Einrichtungen der gegen- wältigen socialistischen Gesellschaft gehört hatte, zu einem so grauen- vollen Gemenge, daß selbst die abgehärteten Aerzte diese Phantasien von entsetzlicher Komik nicht ertragen konnten. Der Wahnsinnige hatte den besonderen Drang, den Teil des Parks, der für ihn reserviert war, dazu zu benutzen, um gegen die Bäume wütend mit der Stirn anzurennen, Alle Aufmerksamkeit der Wärter vermochte diese Thätigkeit nicht zu verhindern. Jedesmal wenn sich der Aernistc derart eine Beule erworben hatte, dann begann der eigentliche schreckliche Tobsuchtsanfall. Als ob durch die Erschütterung sein Gehirn m wilde wirre Thättgkeit aufgeschreckt wäre, kritzelte er ohne Anlaß in jäh gebrochenen und durcheinander geworfenen Buchstaben Hefte_ weißen Papiers voll. Und wenn man ihn ftagte, was er denn schrieb, grinste er mit verzerrter Wut: Eine Anklage gegen den socialistischen Zukunftsstaat. Aus den Possen kennt man die Figur des Tolpatsch, der sich an I allem stößt, auf alles setzt, über alles stolpert und alles durcheinander! bringt. Man denke sich diese Gestalt ins Irrsinnige gesteigert, zum' Gesetzgeber und Staatsgründer berufen— und man hat eine Bor- stellung, wie sich der kranke Großindustrielle die Einrichtung des „Zukunftsstaates" dachte. Aber die Komik einer Gesellschaftsorganifation durch das Rindvieh im Porzellanladen und die wunderbare Karikatur der von ihm einst verschlungenen Zukunftsbilder Eugen Richters ließen sich nicht rein genießen, weil sie eben verdüstert waren durch die grausig verzerrten Erinnerungen an seine Vergangenheit... Der Direktor der Anstalt hat die Aufzeichnungen des Kranken mit Erläuterungen herausgegeben und sie sind von Interesse nicht nur für die psychiatrische Wissenschast, sondern auch für die Psychologie der kapitalisttschen Krankheilsepoche, so daß einiges daraus auch für ein weiteres Publikum mftgeteilt werden mag. Der Kranke lebte in der Wahnvorstellung, daß er ein paar Jahr- zehnte unter Wilden gehaust hätte. Auch während dieser Zeit fühlte er sich fortwährend verfolgt; einmal rettete er sich, in einen Ballen von Leichentüchern verpackt, in denen Pestkranke gelegen hatten. Ein ander Mal wurde er am ganzen Körper tätowiert, um den Göttern geschlachtet zu werden. Diese lange weltferne Ab- Wesenheit hatte zur Folge, daß er, der dem deutschen kapitalistischen Staate eittstaminte, nichts davon erfahren hatte, daß inzwischen in Amerika die socialistische Republik eittstanden war. In seinen Fieber- Phantasien wähnte er sich nun in die socialistische Gesellschaft ver- fchlageu und seine überkommenen Wahnvorstellungen von diesem . Zukunftsstaat", von dem er ja nichts gesehen hatte wie den Pavillon für unruhige Kranke, schildert er nun in grotesk-schauerlichem Aberwitz. Als der Kranke noch Großindustrieller war, hatte er einen lang- wierigen Prozeß geführt, uni die Ausführung von Kanalisations- anlagen zu hintertreiben. Als erste und hervorragendste Gestalt des socialistischen Staates begegnet ihm deshalb der..Latrinenreiniger". Dieser unglückliche Zukuiiftsstaat kennt keine Kanalisation, nicht ein- mal Fäkalieu-Abftihr mit Dampfbetrieb. Der Latrinenreiniger ist das Schicksal der socialistischen Gesellschaft, an diesem Problem muß sie zu Grunde gehen. Natürlich arbeitet dieser Mensch nur zlvei Stunden, dann wirft er sich in einen eleganten Frack, geht in den gemeinsamen Speisepalast und verpestet die Luft; kein Wunder, daß dem Sohn der Wildnis bei seinen, ersten Diner in diesem verrückten ZukunftSstaat übel wird, wo die Latrinenreiniger nicht Tag und Nacht in ihrem Beruf und Gestank abgesperrt werden, sondern mit andren Leuten zu Tische sitzen! Während seines Lebens unter den Wilden waren den. Tollen begreif- licherweise die in Deutschland angenähten Hosenknöpfe locker ge- worden. Kaum in dem Zukunftsstaat angelangt, platzt ihm ans- gerechnet fünf Minuten nach 4 Uhr ein Knopf vom Hosengurt. Ucber diesen Vorfall bracht� er folgenden Bericht zu Papier: „Wie ärgerlich," rief ich,„kann man nicht hier� in der Nähe den Schaden kurieren lassen oder auch selbst Knöpfe, Nadel und Zwirn erhalten?" „Uimwglich," sagte der Profesior.„Sie finden jetzt nach vier Uhr keinen Menschen mehr in der Stadt, der eine Nadel ansetzt, und Knöpfe und Nähzeug giebt es nur im Staats- magazin." Was für ein Staat, der nicht einmal auf die Bedürfnisse eines Menschen eingerichtet ist, der unmittelbar anS asiatischer Wildnis kommt, noch dazu mit einer Siamesin, und am ganzen Leibe tätowiert! Als er noch Besitzer seiner Fabrik war, versuchten seine Direk- toren auf alle Weise die„socialdemokratische" Forderung zu umgehen, daß für Arbeiter und Arbeiterinnen gettennte Toilettenräume vor- handen seien. Im Zukunstsftaat findet er diese Trennung wieder aufgehoben, aber, statt daß er sich darüber freut, rumort in seinem zerfallenden Hiru die Erinnerung an seinen einstigen Posten als Vorstandsmitglied des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit und er giebt folgende Schilderung: „Als ich dem Gafthause, einem prachtvollen Gebäude, schon nahe war. schlug die Ilhr zwölf. In all' den Läden warfen Arbeiter und Arbeiteriunen sogleich, was sie in Händen hatten, fort, stürzten sich auf die Waschgclegenheiten, suchten sich vom Schmutz der Arbeit zu befteien und brachten die Kleidung i n O r d n u n g. Ich war erstaunt, wie wenig sie alle hierbei Rücksicht darauf nahmen, daß man sie durch die Fenster sehen konnte.... All diese Männer und Frauen waren jetzt elegant gekleidet..., Die Frauen gingen ohne Hüte mit Sonnenschirmen in der Hand, Blumen— es waren selbstverständlich künstliche— in den Haaren. und tief aus- geschnitten, als ob sie zum Balle wollten." Mit den großen Staatswarenhäusern ist der Kranke gar nicht zufrieden. Sie sind ihm zu voll:„Von Pflanzengruppen und Springbrunnen, wie in den Warenhäusern Europas, war freilich nichts zu sehen. Das wäre in solchem Gedränge auch ein Unding gewesen." Die Bedienung ist höchst niangclhaft und unzweckmäßig. Man muß nach ganz kleinen Stoffproben wählen; größere Stücke vor- zulegen, ist unzulässig. Warum? Das bleibt ein Geheimnis des Verrückten. Die Anzüge sind so schlecht, daß sie schon nach zweitägigem Gebrauch zerfallen. Außerdem ist alles furchtbar teuer, so daß der Jahresbon von 12 000 M., der jedem zur fteien Verfügung gestellt wird, nicht auskömmlichen Unterhalt gewährt; Mordthaten, um in den Besitz von andern Bons zu kommen, sind an der Tagesordnung. Ebenso werden Arbeiter von ihren Kollegen unbedingt meuchlings getötet, wenn sie zu fleißig sind. Mau lese das folgende Gespräch, das Arbeitern in den Mund gelegt wird:„Was haben wir davon, daß ein einzelner das Doppelte schafft wie wir? Die Aufseher verlangen dann nur die gleiche Leistung von uns, und wir müssen arbeiten, daß uns der Schweiß von der Stirne rinnt. Ja. wenn wir einen Vorteil davon hätten l So aber, wo wir wissen, daß ein jeder nur soviel arbeitet, als eben notwendig ist. um nicht als lässig bestraft zu werden, wäre es Wahnsinn. Dieser Stimmig besteht in seiner albernen Gewissenhaftigkeit darauf, seine Kräfte aufs höchste anzu- spamren. Schon dreimal ist er verwarnt worden— vergebens. Er droht sogar, Anzeige davon zu machen. Dem nmß vorgebeugt werden." Der fleißige Stimmig wird denn auch abgemurkst. Als Großindustrieller hatte der Wahnsinnige einen Streik erlebt. Der Eindruck war unauslöschlich. Sein verwirrtes Hirn läßt also im Zukunftsstaat einen Streik nach dem andern ausbrechen, die sich gegenseitig an Verrücktheit übertreffen. Damit aber Anlässe zu Aus- ständen gegeben sind, wird der Staat mit völliger Narrheit ein- gerichtet; während im kapitalistischen Staate die Socialdemokraten einen ftühen Ladenschluß durchsetzten, wird in dem socialistischen Staat bis in die Nacht hinein verkauft. Daher denn die Verkäufer und Verkäuferinnen notwendig streiken. Revolutionäre Schreckensbilder erfüllen die einst von der„Post" genährte Phantasie des Tollen. Anschaulich wird eine Revolution in Deutschland geschildert:„Alle Besitzenden werden angewiesen, was sie an Geld, Kostbarkeiten und Lebensmitteln ihr eigen nannten, ans den Rathäusern abzuliefem." Als diese Einlieferungen nicht reichlich genug eingingen, stürmen die Arbeiter die Stadt:„Sie betraten die besseren Häuser, und bald hörte man wüstes Geschrei. Schüsse fielen, Weiber kreischten, und schon begannen die Aufrührer den Inhalt der Wohnungen, kostbare Möbel, Stoffe, Wäsche, Kleider, kurz alles, was nicht niet- und nagelfest war, zu den Fenstern hinaus auf die Straße zu werfen." Schließlich wurden die Gaso- mcter in die Luft gesprengt. Endlich aber kamen die braven Soldaten, Schnellfeuer und Geschütze fegten die Straße entlang, die Empörer wurden rottenweise zu Boden gestreckt und so die geheiligte Ordnung wenigstens in Deutschland hergestellt. Deutschland blieb deshalb das Ideal des Verrückten. Ans seinen Werken war einmal ein Arbeiter verunglückt. Er blieb lange hilflos liegen. Und als dann nach seinem'Tode ein socialdemokratisches Blatt berichtete, daß der Getötete ein Social- demokrat gewesen, verbot die Werkleiwng den Arbeitern bei Strafe der Entlassung, dem Toten das letzte Geleit zu geben. In der Phantasie des Verrückten wird diese Unmenschklichkeit zum Grundsatz des Zukunftsstaates. Menschenleichen werden einfach sofort nach dem Tode in die Abdeckerei geschafft. Sie werden„verarbeitet wie alle Tier- kadaver". So werden besonders Glacehandschuhe aus Menschenhaut gefertigt. Die größte Rolle spielt aber in den Aufzeichnungen des Wahn- sinnigen die freie Liebe, wie das nach seinem Vorleben begreiflich genug ist. Es waltet über den Schilderungen eine wahre Colbus- Phantasie. Die Weiber tragen Tricots wie Trapezkünstlerinnen. Sie werfen sich den Mämtern frech an deit Hals. Weist jemand diese Zärtlichkeiten zurück, so wird er wegen Beleidigung mit Gefängnis bestraft. Die freie Liebe ist das Ein und All des Zukunftsstaates. Der Kranke hatte vordem genug unter der Last seiner christlichen Familie geseufzt. Jetzt rächt er sich dafür, indem er eine Ehe auf Kündigung, von zwei Tagen bis zivei Jahren, gesetzlich festlegt. Hatten ihm ftühcr die Kinder seiner Geliebten viel Aerger bereitet, so hält er sich in seinen Delirien schadlos: die Engelmacherei wird zunl Priiicip erhoben. Die Säuglinge werdeli gesetzlich von der Mutter getrennt, jene in Staatsanstalten durch elektrische Massen- Wiegen, Centralsaugmaschinen und automatische Stoffwechselwäscherei „zur Auslese der Stärksten" dressiert.-- Ich wehre mich gegen den Verdacht, diese Narrheiten selbst er- ftmden zu haben. Ich entnehme sie wörtlich einer romanhaften Kritik der socialisttschen Gesellschaft, die soeben erschienen ist. Wenn unter Bordellwirten ein Preisausschreiben zur Vernichtung des Zukunftsstaates erlassen würde, auch sie würden sämtlich diese „freie" Liebe als Wesen der socialistischen Gesellschaft empörend malen und die Familie preisen. Und s i e hätten auch Gmnd dazu I— «Too. Kleines feuilleton. ö. g. Ein Besuch. Es rührte sich nichts in der Wohnung, selbst auf ihr zweites Klingeln blieb alles still. Sie zog noch einmal die Glocke, leise und behutsam, als fürchte sie, jemand zu stören; sie fürchtete das auch. O, sie wußte ganz gut, wie weh solch ein schriller Glockenton kranken Nerven thut— und noch dazu unter solchen Umständen. Aber warum niemand kmn? Es mußte doch jemand drin sein! Man konnte doch Luise nicht etwa allein liegen lassen mit dem Kindchen. Ob die Wärterin etwa eingeschlafen war? Sie griff zum viertenmal nach der Klingel, aber eben als sie an- etzcn wollte, nahten sich drinnen Schritte, müde, langsam chleppende Schritte, die nahe der Wand hinzutappen schienen; dann lirrte der Riegel und ein blasses Gesicht wurde zwischen Thür und Angel sichtbar: „Ach je, Marie!" „Ja, ich wollte doch mal sehen,— aber Luise, Du bist schon auf— Luise?" Es lag eine Mischung von Staunen und Vorwurf in ihrer Stimme. „Ja, man muß wohl," die andre sagte es müde,„na, komm nur herein— und die schönen Rosen, die Du mir bringst— ich werde sie gleich in Wasser stellen." Sie ging dem Besuch voran in ein dürftiges, halbdunkles Hof- zimmer und wollte ein Glas vom Schrank nehmen. Dabei schienen ihr aber die Kräfte zu versagen, sie mußte sich halten, um nicht zu fallen. Frau Marie sprang rasch zu und drückte sie auf das Sofa nieder:„So, jetzt setze Dich mal gefälligst hin! Das ist ja überhaupt unerhört; hast einen Jungen von fünf Tagen und läufst hier herum l" „Na, denkst Du, ich kann mir'ne Wärterin halten? Soviel verdient'n Fabrikschlosser nicht." „Wer Du mußt doch Einen haben, der nach Dir sieht." „Na. ich Hab ja die Frieda, die hilft ja schon— und sieht auch nach den Kindern. Sio ist bloß jetzt in der Sckmle." „Als ob'n zehnjähriges Mädchen'ne Hilfe wäre für Dich!" Frau Marie schlug die Hände zusammen:„Und überhaupt jetzt sch«« aufzustehen! Neun Tage muß man liegen, verstanden?" „Ja, wenn man's kann." Luise sah vor sich hin.„Das ist für reiche Frauen, aber nicht für unsereinen. Da heißt es Du muht, und was sollte denn hier werden? Die Kinder müssen doch besorgt werden— und der Mann auch—'n ersten Tag ist er zu Haus ge- blieben, aber das geht doch nicht weiter— dann verdient er ja nichts — und jetzt ist es schon so schlimm mit'm Verdienst— und— ach je. Mariechen, und ich liege so elend— sie brach plötzlich in ein nervöses Weinen gus. „Aber, Luise, das ist ja auch schrecklich!" Die Freundin legte den Arm um sie.„Das ist zu schrecklich, Luise." „Ich bin ja so elend." Die blasse Frau schluchzte fort,„immer Hab ich Stiche im Rücken und Blut huste ich auch; als soll mir der Körper zerreißen, is mir's grade." „Du mutzt liegen— selbstverständlich." „Aber ich kann doch nicht— und niemand hat man,— und wenn die Frieda auch zugreift, es geht ja doch nicht— und dann parieren ihr die Kleinen nich— und es giebt Zank.— Da, jetzt hörst' es. Was ist denn nun bloß schon wieder los?"«ie schreckte auf und horchte nach der Küche, von der ein wilder Lärm herklang. Gleich darauf wurde die Thür aufgerissen und zwei blonde Mädchens stürmten heulend herein:„Mama— ich will'n Vesperbrot."„Mama, der Hans hat meinen Apfel gegessen."„Ach, Tante Marie I" Sie stürzten sich auf den Gast. „Mama. Mama," eine Knabenstimme krähte von der Küche her dazwischen. „Ruhe!" rief' Luise und hielt sich die Ohren zu.„Kinder, das ist ja zum Verrücktwerden mit Euch. Lotte, Du hast Dein Vesper- brot." „Aber Mama, ich Hab so'n Hunger—" „— und der Hans hat meinen Apfel, Mama." „Meine liebe Mmni," krähte das Bübchen, das auch herein- gekommen und hinterrücks auf das Sopha geklettert war, indem cö die Mutter mit den Armen umschlang. „Hans, Lotte, jetzt laßt mich aber bloß in Ruhe!" Luise fuhr auf.„Elli, wirst Du mal vom Wagen weg— Tu willst mir wohl 's Kind noch wach machen," sie riß das kleinste Mädel zurück und schob dabei das Bübchen fort, das nun auch ein klägliches Weinen anhob. Ein feines Kinderstimmchen aus dem Stoßwagen antwortete. „Na ja, ich sage es ja, nun fängt der auch noch an l� Wollt Ihr mal machen, daß Ihr'raus kommt,—'raus!" Luise war auf- gesprungen, ihre Augen sprühten. Sie riß das Kleine aus den Kissen und wiegte es in den Armen; dann brach sie von neuem in Weinen aus und sank wieder auf dem Sofa zusammen. Die Kleinen starrten sie einen Moment hilflos und erschrocken an, dann schlichen sie betteten davon. Luise schluchzte. Frau Marie schwieg. Erst nach einer Weile sagte sie wie aus einem unausgesprochenen Gedankengang heraus: „Und wo Du so viel Ruhe brauchst!" «Jawohl, Ruhe!" Die andre lachte hohnvoll.„Das ist was für reiche Leute, aber nicht für unsereinen, wo der Mann schon knapp'S Geld zum Leben bringt; da heißt es:'raus! Wer sieh mal, das ist der Junge." In all ihrem Elend hatte sie an das Kind noch gar nicht gedacht, jetzt glitt indessen doch ein Leuchten über ihre Züge; sie hielt der Freundin das winzige Bündel hin. „Ja, der Junge— na eben— die Hauptperson vergessen wir ganz." Frau Marie versuchte einen Scherz; der Scherz erstarb ihr aber auf den Lippen:„Je, wie klein er ist." „Klein?" Die Frau lachte wieder.„Wovon soll's'n groß sein? Von der guten Pflege, die ich hatte, was? Manchmal drei Tags hintereinander nur.Kaffee— und dabei noch an der Nähmaschine, haste was kannste für's Brot, und gescheuert und gewaschen— für'n Mann und vier Kinder— jawohl, da bringt man die Kmder groß und gesund zur Welt.— nee, wenn Du schöne Kinder sehen willst. dann geh nur zu den reichen Leuten; für uns sind so'ne Elends- Haufen wie das hier." Ein unsagbarer Hohn zitterte in ihrer Stimme. „Na. er wird schon noch groß werden; nun sei doch nur nicht so verzweifelt. Luise l" Frau Marie streichelte ihre Hand. Aber die Frau begriff den Trost nicht. Sie saß stumm und preßte ihr armseliges Kind an die Brust, und ihre großen, ein- gesunkenen Augen sahen mit einem starren Blick in's Leer«.— en. Die drahtlose Kriegskorrespondtnz. Was aus der draht- losen Telegraphie in der Praxis noch werden mag, kann niemand sagen. Sie hat schon jetzt unbestreitbare Erfolge aufzuweisen, zeigt sich aber auch als ein echtes enkant tembls. Als solches hat sie sich so recht im ostasiatischen Kriege bewährt. Eine große englische Zeitung hatte sich ein eigenes Schiff verschafft und für drahtlose Telegraphie eingerichtet, um Depeschen aus möglichst großer Nähe vom Kriegsschauplatz zu erhalten. Das ging so lange, wie es eben ging. Die Japaner nämlich entfernten das unliebsame Fahrzeug bald ans der allzu nahen Nachbarschaft und ließen den Engländern zunächst nichts anderes übrig, als nach einem internationalen Gesetz für die Anwendung der drahtlosen Telegraphie zu schreien, was sie mittlerweile reichlich besorgt haben. Bis dahin hatte das Schiff freilich schon Gelegenheit zu allerhand merkwürdigen Erfahrungen gehabt. Benutzt wurde das System De Forest, weil es die Uebcr- tragung von 20— 30 Worten in der Minute gestattet und von andren Systemen, die etwa in der Umgebung in Betrieb gesetzt werden, nicht gestört wird. Die Landstation befand sich in Weihaiwei, dem eng- lischen Pachthafen auf der Halbinsel Schantung, wo ein Mast von 50 Meter Höhe zur Aufnahme der Depeschen errichtet war. Auf diese Weise wurde eine Verbindung auf mehr als 200 Seemeilen ermöglicht. Ein langes Telegramm hatte 1135 Meilen zu durchlaufen, davon 30 über Gebirge von 1— 500 Meter Höhe, und doch waren alle Zeichen gut verständlich. Das Merkwürdige aber war, daß diese Station auch japanische und russische Depeschen auffing, sie auch nach den verschiedenen Systemen von einander unterscheiden lonnte. Es war sogar möglich, den Abstand des Depeschenschiffs von den Fahrzeugen der kriegführenden Flotten ohne weiteres ab- zuschätzen. Auch auf das Auslaufen der russischen Schiffe konnten nach den eingehenden telegraphischen Zeichen bestimmte Schlüsse gezogen werden.— Geschichtliches. — Für die Geschichte der Besiedeln ng Dith- marschenS ergibt sich nach den Ausführungen Reimer Hansens(Zeitschr. d. Ges. f. schlesw.-holst. Gesch., Bd. 33, 1904), daß die Geest eine uralte Besiedelung trägt; einige Ortsnamen, welche sich einer Deutung entziehen, scheinen in sehr alte Zeit zurückzu- gehen. Von den zusammengesetzten Ortsnamen sind die ältesten die auf„ftedt"; sie zeigen in den vorgesetzten Personcnnamen Verwandt- schaft mit den„stedt" in Dänemark und sind älter als die Ein- Wanderung der Nordgermanen in die cimbrische Halbinsel. Alt sind auch die Orte auf„ing". Die„büttel" sind jünger; sie sind angelegt, als die Marsch schon teilweise besiedelt war, aber schwerlich später als zur Zeit Karls des Großen. Die Marsch hat mindestens am Anfang der christlichen Zeitrechnung Ansiedelungen gehabt; zu den ältesten gehören Fahrstedt, Marne, Büsem, Wöhrden, Wesselburen, Schülp, Strübel; dann folgen einige auf„Wurth" und diesen die „büttel". Noch jünger sind auf der Geest die„rade",„Wohlde" und „holt", in der Marsch die„Husen", manche„Wurth" und die„wisch". Die Geschlechter, soweit sie Marschorte gründeten, gehen wohl noch in die Zeit vor der Christianisierung zurück. Der Ackerbau ist in der Marsch sehr alt; die großen Eindeichungen in Südcr- und Norder- dithmarschen sind nicht später als etwa um 1000 anzusetzen. Unter- suchungen hält Verfasser zunächst für notwendig über die Senkungen in der Niederung zwischen Tiebensee und der Geest, die alte Stein- straße daselbst, über den Aufbau der Wurthen, die sich vielleicht in alte und neue sondern lassen. Wichtig wäre das Auffinden etwaiger Urnen. Zur Beurteilung der Frage, ob die Dithmarschen Friesen oder Sachsen sind, kommt in Betracht, daß die Ortsnamen auf „büttel",„boostcl",„don",„fleet",„hö",„Hop",„stede",„Worth" in England ebenso wie in Dithmarschen vorkommen. Wir müssen diese Siedelungcn Dithmarschens sicher vor den Vorstoß der Friesen nach Osten legen, und, was sonst als abweichend von dem streng Nieder- sächsischen im Hausbau usw. erscheint, als Rest aus älterer Zeit an- sehen. Wie im Lande Wursten vor der friesischen Bevölkerung eine ältere vorhanden war, die unter Karl dem Großen stark dezimiert war, so wurde auch die dithmarsische Marsch in alter Zeit besiedelt, aber die Bevölkerung ist nicht verdrängt, sondern höchstens mit kleinen Bruchteilen Friesen vermischt.—(„Globus.") Gesundheitspflege. — Tägliche Nasenspülung. Im letzten Heft der „Blätter für Volksgesundheitspflege"(R. Oldenburg, München und Berlin) steht zu lesen: Unser Kulturleben nötigt uns zu mancherlei Maßnahmen der Körperpflege, welche in früheren einfacheren Zeiten überflüssig waren, und mehr und mehr dürfte es wohl notwendig werden, auch die Nase täglich auszuspülen und sie so von dem Schmutz zu reinigen, mit dem vor allem die Stadtluft reichlich erfüllt ist. Unsre Nase ist gewissermaßen ein Luftfilter. Die Ruß- und Staub- tcilchen der eingeatmeten Luft werden in ihren mit reichlicher Ober- fläche versehenen Muscheln zurückgehalten, und rein tritt die in der Nase außerdem genügend vorgewärmte Luft in die Lungen. Wenn nun auch durch das Schneuzen der Nase ein Teil dieses Schmutzes wieder entfernt wird, so geschieht das doch nicht vollständig, und es empfiehlt sich daher, jeden Morgen, wie man Mund und Zähne reinigt, auch die Nase mit warmem Wasser auszuspülen. Freilich muß dabei eine gewisse Vorsicht beobachtet werden. In den Nasen- rachenraum münden beiderseits die Ohrtrompeten, und wer die Nascnspülung mit offenem Munde heftig und ruckweise ausführt, läuft Gefahr, daß Wasser in die Ohrtrompeten kommt, dadurch ins Ohr und hier Entzündungen veranlaßt. Das Aufziehen des Wassers in die Nase soll daher stets langsam, tief und mit geschlossenem Munde geschehen, damit das Oeffnen der Ohrtrompeten vermieden wird. Wer diese Vorsichtsmaßregeln beobachtet, wird durch regel- mäßige Nasenspülung sehr wesentlich dazu beitragen, seine Nasen- schleimhaut gesund zu erhalten und so wiederum wohlthätig die Lunge beeinflussen, weil dann die Nase um so befähigter bleibt für die ihr gestellte wichtige Aufgabe, nämlich, die Einatmungsluft zu reinigen und zu erwärmen. Aber noch einen andern Vorteil bringen derartige Nasenspülungen. Beim Gurgeln ist es nicht möglich, zur Genüge die hintern und seitlichen Teile des Rachens zu bespülen. Dieser Mangel kann nun bei einiger Uebung von der Nase her aus- geglichen werden, indem es sehr leicht gelingt, die Spülslüssigkeit durch die Nase bis in den Mund zu bringen. Eine solche Fähigkeit ist vor allem bei Kindern sehr wertvoll, weil sie dadurch in die Lage versetzt werden, bei Rachen-Erkrankungen eventuell auch von der Nase her ohne Mühe die medikamentöse Flüssigkeit an die erkrankten Rachenteile zu bringen, und wie verständige Eltern sich bemühen, rechtzeitig ihre Kinder gurgeln zu lehren, so sollten sie auch mit Vor- sicht bestrebt sein, sie zu richtigen und wirkungsvollen Nasenspülungen anzuhalten.— Humoristisches. — In Coinpagnic.„.. Wie verrechnen Sie nun mit Ihrem Compagnon?" „O, sehr einfach! Wenn wir zum Beispiel für hundert Mark verkauft haben, kriegt jeder fünfzig!" „Und das Geld zum Einkauf der Ware?" „Das bleiben wir gemeinsam— schuldigl"—• — Schlechtes Geschäft. Sie:„Der letzte Konkurs hat uns nicht viel eingebracht!" Er(seufzend):„Eingebracht!.. Noch so e' Konkurs— dann sind mer pleite!"— — Im Heiratsbureau.„.. Sagen Sie mir, wie ist denn eigentlich das Mädchen, das Sie mir da anempfehlen?" „O I Die hat ein ch a n d gcld, is fürchterli' brav, s ch r c ck l i' g'scheit, u n b ä n d i' gut und arg schö' I"— („Fliegende Blätter.")! Ktotizen. — Für ein V i o lo n c e l l, ein sehr schön erhaltenes Nicolas Amati, das der Dresdener Kammermusiker Friedrich Grützmacher hinterlassen hatte, wurde ein Preis von 20 000 M. bezahlt.— — Staatsankäufe in der Berliner Kunstaus- st c l l u n g. In der Großen Berliner Kunstausstellung sind folgende Werke vom preußischen Staat angekauft worden: Constantin Stark: Quelle(Marmorfigur); Walter Lobach: Theodor (Plastik): Ernst Frcese: Professor Brausewettcr(Plastik); Mommsen(Bildnisstatuctte); Hugo Kaufmann: St. Georg Oskar Frenzel: Stier im Wasser(Oclgemälde).— — Wind hat Untersuchungen über die Herkunft des Petroleums der Quellen von Kuban(Nordwcstkaukasus) an- gestellt und ist zu dem Ergebnisse gelangt, daß das dortige Petroleum nicht bloß aus den oberen, jüngeren, sondern auch aus den tieferen, älteren, tertiären Schichten stammt. Die letzteren sind schwärzliche Tone und enthalten ungeheure Mengen von Fischresten.— — Eine neue großartige Tropf st eingrotte wurde im Slouper Höhlcngebicte(Mähren) in der Nähe der Ge- meinde Ostrow entdeckt.— c. Sic Gesamtzahl der Juden auf der Erde wird in einer Statistik, die das soeben veröffentlichte„Jewish shear-book" für 1904/5 aufstellt, auf 11 017 721 berechnet. Auf die einzelnen Erdteile verteilen sie sich wie folgt: Europa 8 747 971; Asien 342 410; Afrika 354 500; Slmerika 1550 000; Australien 10 840.— �— Ueber das brasilianische Ca rnauba wachs bringt der„Tropenpflanzer" nach dem Amsterdamer„Pharmaceutischen Weekblad" einige interessante Mitteilungen. In den Provinzen Eeara und Parahyba werden die Blätter der das Wachs liefernden Palmen 2 bis 3 Tage an der Sonne getrocknet, bis das Wachs von ihrer Oberfläche leicht abgekratzt werden kann. Das so erhaltene Pulver wird in einen Kessel mit kochendem Wasser geschüttet, wo das Wachs sich auf der Oberfläche zusammenzieht, alsdann abgeschöpft und abgekühlt werden kann. In diesem Zustande bildet es eine gelbliche oder blaßgrüne Masse. 2000 bis 2500 Blätter sind not- wendig, um 15 Kilogramm Wachs zu erzeugen. Die jährliche Aus- fuhr beziffert sich auf etwa 1000 Tonnen. Das Wachs wird ge- wöhnlich in Kisten von 90 Kilogramm verpackt und meist nach Hamburg verschifft. Das Produkt, welches bei 84 Grad schmilzt und ein spccifisches Gewicht von 0,995 hat, wird viel bei der Her» stellung von Kirchenlichtern und der Fabrikation von Platten für die Grammophone und Phonographen verwendet. Ebenso wird es bei. der Fabrikation von Siegellack, von farbigem Wachspapier, Wachs» stoffcn und sogenannten„schwedischen" Streichhölzern gebraucht.—- Verantwortl. Redakteur: Franz Nehbei», Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsanstali Paul Singer LrCo., Berlin SW,