Nnterhaltimgsblatt des Vorwärts Nr. 180. Dienstag, den 13. September. 1904 (Nachdruck verboten.) 25] Die f hiebt» Von K. Bagrynowski. Als die Gäste fort waren, begann Eugenie das Zinnner zu ordnen, öffnete die Thür, um die Wohnung zu lüften, fegte aus und spülte das Geschirr. Artanoff ging mit groben Schritten in der Stube umher. „Ein ganz feiner„joni-"!" sagte er endlich obenhin und gähnte.„Wir geben der Hauptstadt nichts nach. Alles ist dagewesen: Gesang, Diskussionen, sogar... ein wenig Flirt! Aver all das wiederholt sich zum Erbarmen! Immer dieselben Witze, dieselben Späße.,. dieselben Ansichten... leere, inhaltslose Redensarten... Pjetroff mutzte deim gerade einen neuen Ton hineinbringen. Sonst sind schon alle dagewesen: wir können niemand mehr erwarten. Woronin kommt sicher nicht. Nun, an dem ist nicht viel verloren; der modert schon bei lebendigem Leibe!" Absichtlich erwähnte er Krassuski nicht und sah seine Frau forschend an. Aber er beruhigte sich bald, denn Eugeniens Gesicht blieb traurig, aber gefatzt. Da trat er zu ihr, legte den Arm um ihre Taille und zog sie in seiner Wanderung mit sich fort. Halblaut sang er vor sich hin. „Weitzt Tu, Genia, ich wünsche mir jetzt nichts sehnlicher als ein Kind. Ich gesteh's: weniger für mich als für Dich. Ich habe meine Wissenschaft: wenn ich mich in meine Bücher vertiefe, fühle ich Frieden in meine Seele einziehen. Im Ge- fängnis, oder in der Verbannung— überall behalten sie ihren Reiz, überall versetzen sie den Geist in eine andre, reine Welt, die nichts voll kleinlichen Sorgen weitz." Eugenie löste seine Finger leise von ihrer Taille. Ganz von seinen Gedanken in Anspruch genommen, merkte er es nicht. Er blieb am Sessel stehen und stützte sich darauf. „Niehorski spottet darüber, daß ich die Statistik gewählt habe, und doch sind's Zahlen, die am eindringlichsten zu uns Atenschen reden." „Er verspottet auch die Statistik nicht, er behauptet nur, es sei unmöglich, in Dschurdschnj ernstlich zu studieren," be- merkte Eugenie. „Das seh' ich nicht ein! Ich habe mir eine ganze Menge Bücher konunen lassen. Ich will lernen und im stillen Waffen schmieden, um dereinst bis an die Zähne bewaffnet in die Schranken treten zu können. Es ist möglich, daß wir lange Jahre hier bleiben müssen: daher mutz man sehen, wie man seine Zeit mit etwas Nützlichem ausfüllen kann."Und mir würde ein Stein vom Herzen fallen, wenn Du Kinder hättest... Ich werde immer sehr beschäftigt sein und fürchte, Du wirst Dich dann allzu einsanr fühlen." „Ich begreife Deinen Wunsch, Arth," antwortete sie seufzend.„Aber einem Kinde hier, in diesen Verhältnissen, drohen doch auch große Gefahren. Vielleicht... müßte ich auf ewig hier bleiben!" Sie sah ihn mit ihren großen, blauen Augen fragend an. Er ließ sie nicht ausreden und schloß ihr den Mund mit einem Kusse. „lind ich möchte so gern in die Heimat zurückkehren! Oh, und sollte es erst spät geschehen, erst nach langen Jahren!..." fuhr sie mit leiser Stimme fort. 3. Dem Regcilwcttcr in der ersten Hälfte des Herbstes waren klare, trockne, kalte Tage gefolgt. Tie Sümpfe hatten sich mit einer dünnen Eiskruste bedeckt; am Rande der Seen war das Wasser gefroren. In der Nacht fiel weißer Reif auf die Erde. Unter den eisigen Küssen des Frostes schwand die scheinbare Einförmigkeit der grünen Laubhülle des Waldes 0 dahin und ihre Mannigfaltigkeit that sich in einem unendlichen Reichtum an gelben, rötlichen und purpurfarbenen Flecken und Streifen kund, die mit jedem Tage dentlicher hervortraten, wie die Zeichen einer geheimnisvollen Schrift, die vom Feuer ans Licht gelockt werden. Wiesen, Wälder und Haine dufteten nach Honig und welken Kräutern, nach Wein, reifen Beeren und erhitzten Moosen. Mücken und Fliegen waren ver- schwunden und statt ihrer schwebten allenthalben lange, feine. klebrige Spinnwebfäden. Der Boden war nicht mehr auf- geweicht; die vergilbten Gräser waren zusammengeschrumpft und hier und da kamen trockne, harte Wege unter dem toten Rasen zum Vorschein, wie die Sehnen und Ädern eines welken Körpers, die unter der schlaffen Haut sichtbar werden. Die Zeit der Spaziergänge war gekommen, und die Einwohner von Dschurdschnj eilten, dies Vergniigen bis auf die Neige aus- zukosten. Tagtäglich sah Krassuski von den Fenstern seiner Werk- statt aus, wie die Damen mit ihren Männern oder Freundinnen dem Flusse zusteuerten, der das gewöhnliche Ziel ihrer Wanderung war. Zmveilen gingen sie auch allein, nur'von kleinen Mädchen begleitet, die die Anstandsdamen machen sollten. Tann spähten neugierige Nachbarn zum Fenster hinaus, ob nicht wo anders ein Kavalier zu erblicken sei, der sich den Anschein gäbe, eine andre Richtung einschlagen Sn wollen. Krassuski ließ seine Blicke sehnsüchtig in die blaue, durch- sichtige Ferne schweifen, wo die azurnen Spiegel der weit- entlegenen Seen durch die halbentlaubten Wälder blitzten. Aber die Wanderzeit der Enten kam immer näher und er hatte viel Arbeit in Aussicht, denn die Flinten der Dschurdschnjer Jäger waren ewig reparaturbedürftig. Er mußte sehr fleißig sein, um die Jagdliebhaber nicht zu erzürnen und die Ge- legenheit auszunutzen, denn auch diese Arbeit hatte, wie jede andre in Dschurdschnj, Zeiten eines plötzlichen Aufschwunges, denen dann ein völliger Stillstand folgte. Nur wenn er zu- fällig Frau Arkanoff begegnete, ergriff er seine Flinte und blieb trotz der dringendsten Arbeit eine Zeitlang verschwunden. Er mußte sich müde wandern, frische Waldluft atmen, neue Eindrücke in der Wildnis auf sich eindringen lassen, um des Sehnsuchtsswrmes, der immer von neuem in seinem Herzen ausbrach, Herr zu werden und ihn wieder auf den Grund seiner Seele niederzuzwingen. „Ich bin unvorsichtig gewesen! Oh, wie unvorsichtig... Was soll ich jetzt thun?" fragte er sich selbst und stlchte die Augen von allem abzuwenden, was ihn an die teure Gestalt erinnern konnte. Aber er sah sie überall: die roten Hagebutten zauberten ihm ihren Mund vor, der blaue Himmel ihre Augen, die schlanken Birkenstämme, die im Winde schwankten, ihre biegsame Gestalt, llnd doch war ihm in der Wildnis wohlcr als unter Menschen. Oft saß. er, die Flinte über den Knien, bis tief in die Stacht hinein am Ufer des Sees, harrte der Zug- vögel, die vorbeikommen mußten, und betrachtete den purpurnen Schein des Abendrots, der im dunklen Wasser er- starb, die Sterne, die in der Tiefe des Sees flimmerten, die schwarzen Schlagschatten der Bäume und Sträucher, die von zackigen, silbernen Streifen durchschnitten waren. Er lauschte den sanft in der Ferne verwehenden Stimmen, dem scharfen, trockenen Rascheln des Röhrichts, das, rinverhofft vom Winde berührt, wisperte, daß es klang, als lese in der Nähe jemand. der sehr gut, sehr klug und sehr nachsichtig ist, aus einem alten, großen Buche, und seufze dann, und flüstere und wende die vergilbten Blätter. Tann hörte der Jüngling auf zu denken und zu begehren, er fühlte, wie alles in ihm erstarb, wie selbst sein Herz langsamer schlug und seine Brust leiser atmete. ES dunkelte immer mehr; die Dämmerung saugte die Gegenstände auf und ließ ihn eins werden mit der Erde und mit dem Wald und hüllte ihn in einen dickten Mantel, der den leisesten Lichtschein von ihm fernhielt. Nur die im unermeßlichen Weltenraum verstreuten Sterne schickten ihre bleichen Strahlen zu ihm herab. „llnd so wird mein ganzes Leben sein, bis ich eine alte. dürre Mumie geworden bin!" flüsterte er bitter und erhob sich, um in sein ödes, ihm so verhaßtes Haus zurückzukehren. Einmal begegnete er den Genossen, die an den Fluß ge- kommen waren, um zu sehen, wie der Mondschein auf seinen Fluten spielte. Er wollte ihnen ausweichen, aber sie bildeten einen Kreis um ihn und ließen ihn nicht fort. „So sei doch nicht wunderlich! Komm, wir wollen ein großes Feuer machen, Kartoffeln braten und einen Schaschlik bereiten." Er ließ sich überreden. Unweit der Stelle, von der aus sie das Pferd auf ihrer Flucht ans andre Ufer bringen wollten, häuften sie jetzt einen großen Holzstoß an. Mußja, Tscherewut, Samuel, GliksLsrg, Pjekroff,{a selbst Zlrkanoff kersuchten darüber hinwegzuspringen, wie über ein Johannisfeuer. Frau Arkanoff klatschte in die Hände und lachte sie aus, wenn sie in den Rauch gerieten und sich den Bart versengten. Krassuski wollte erst an den Kraftübungen nicht teilnehmen, denn es war ihm peinlich, den andern den Rang abzulaufen. Slber von den„auswärtigen Mächten" angespornt, setzte er schließlich doch gewandt über das Feuer, und es war ihm angenehm, als die junge Frau nun nicht wieder lachte. Alexandroff lag im Sande, rauchte ein Pfeifchen und zwinkerte vor Vergnügen init den Augen. Niehorski allein blickte finster in die Flammen iind schien nichts von alledem zu sehen, was um ihn her vorging. „Nun, liegt Ihnen immer noch dasselbe im Sinn? Lassen Sie's gut sein! Fügen Sie sich und leben Sie wie wir!" redete Tscherewin ihn an und legte ihm die Hand auf die Schulter. ßin schmerzcrfülltes Lächeln huschte über das bleiche Antlitz des Verbannten. „Vergessen Sie, wer Sie sind, und leben Sie wie ich!" gab er heftig zurück. „Wollt Ihr wieder streiten? Wer es wagt, heute ernst- «hafte Gespräche zu führen, der bekommt keine Kartoffeln!" „Jawohl! der bekommt keine Kartoffeln!" riefen die Kameraden ausgelassen. „Sie machen sich wohl nicht viel aus Theorien! Sie sind gewandt und springen wie ein Hirsch. Ich Hab' gehört, Sie seien ein wahrer Kraftmensch. Sie nehmen das Leben wie es ist! Sie glücklicher Mann!" lobte Arkanoff Krassuski hinterlistig.„Warum besuchen Sie uns nie? Kommen Sic doch mal! In diesen Tagen will ich meine Abhandlung über das Gesetz der Undulation vorlesen, das in den gefellschaft lichen Erscheinungen zur Geltung kommt." „Wohl, ich werde dabei sein!" brummte Krassuski und ?inete neben Eugenie nieder, um ihr behilflich zu sein, das Fleisch in Stücke zu schneiden und es zum Schaschlik an Holz- spieße zu stecken. Bis spät in die Nacht hinein bliebeil die Verbannten am Flusse lind sangen ein Lied nach dein andern. Ihre Stimmen, die bald einzeln und zerstreut klangen, bald zuni Chorgesang anschwollen, zogen mit dem Plätschern des Wassers, dem Kiiistcrn des Feuers und dem Rauschen der Wälder vereint in die Ferne, wo das Licht des Mondes auf de» Wellen zitterte, wo sich kalte Nebel an die dunklen, abschüssigeil Ufer schmiegten. tForrsetzling folgt.), (Nachdruck vcrdsicn.) Oer steiriicbe Gvzbercp Von Max Winter. Der wertvollste Besitz der Alpinen Montangescllschaft ist der steirischc Erzberg. Wohl die wenigsten Menschen machen sich von dem schier unendlichen Reichtum, der indem töt» Meter hohen Koloß noch ungehoben schlmnmert, eine rechte Vorstellung. Darum sei davon zuerst die Rede. In den Oftalpcn sind drei Spateisensteinlagerziige bekannt uild zum Teil erschlossen. Der mächtigste von den dreien ist der nördliche, der von der Schweiz in Tirol durch Salzburg und Ober- stcicrmark bis zum Semmeriug streicht. An fünfzig Stellen etiva wurde er angegriffen, aber nirgends ivar da? Erz in so verschloende- rischer Fülle eingelagert, lote im steirischen Erzberge. Jahrtausende dient er schon den Menschen und für Jahrhunderte langt noch sein Schatz. Schon die Römer holten sich hier ihr norischeS Eisen, und als die Welt nach der Völkerwanderung wieder zur Ruhe gekommen war, erinnerte sich der Mensch wieder des Reichtums, der hier schluinmerte, und wühlte und bohrte in dem Berge, das kostbare Erz zu gewinnen. Freilich mußte erst das Schiehpulver erfunden werden und im Laufe der Jahrhunderte das ganze zerstörende Gefolge von Sprengstoffen, und die Dampfmaschine mußte erst das Verkehrswesen rcvolutio- Nieren und die Menschheit vom Hand- zum Maschinenbetrieb führen, ehe es möglich war, zehn Millionen Meterccntncr Erz in einem Jahre(1903) aus dein Berge zu holen, und che die technischen Bedingungen gegeben lvaren, diesem Bcdarfe zu genügen. Heute sind sie da. Dampf und Elektrizität, Dynamit und Rhexit stehen ün Dienste des Menschen und dreimal im Tage poltert's und tobt's ani Erzberge, daß er schier in seinen Grundfesten erzittert, und aus hundert Wunden, die ihm der Mensch geschlagen, schleudert das Dynamit die Steine, die prasselnd und grollend niederfallen. Unweit des BarbarahanscS ist der Auslug, von dem ans man das grandiose Schauspiel einer Sprengung miterleben kann. Der *) Aus der Wiener„Arbeiter-Zeitung". ganze Etagenbau liegt vor»nS. Eine machtige Freitreppe für Rieien, Stufe um Stufe hinansteigend bis zur Waldzone ganz oben. Dahinter aber baut sich niajestntisch der Rcichenstein auf, der Jahrtausende schon zusieht, wie die Menschen seinem kleineren Nachbarn an den Leib rücken... Auf den Stufen stehen Häuser und Hütten, liegen Geleise und darauf ziehen Maschinen die Erz- wagen. Ein Rieseuspielzcug I Und überall sind Menschlein... Bis hinauf sieht nian ihre Ameisenschwänne, ruhig ihrer Arbeit folgend. Da bimmeln dreißig helle Schläge durch die Luft. Die Ladung beginnt. Auf allen Seiten hören sie's und wer weiter weg ist von dein schützenden Stollen oder von der Fittte, der sei gewarnt. Wenige Minuten und es ertönt das zweite Zeichen. Zwanzig Schläge auf die Metallplatte künden, daß nun gezündet werden soll. Da kommt Leben und Bewegung in die Ameisenschwärme. Wie alles läuft, dahin, dorthin, jeder unter ein schützendes Dach oder in die kühlen, Wasser- triefenden Stollen. Es war auch hoch an der Zeit. Rasch leitet der Zündfadcn den Brand weiter— Minuten, vielleicht nur Sekunden, und schon schießen da und dort, oben und unten, in der Mitte, rechts und links weißlichgraue Wölkchen aus dem Berge und gleich darauf dröhnen die ersten Schüsse aus Ohr, bis eine loahre Kanonade die Luft erfüllt und, oft zurückgeworfen, langsam in den Bergen vcrgrollt. Der Mensch hat dem erzenen Riesen ein Schar- i Hützel geliefert. Tausend solcher Augriffe ün Jahre und die zehn Millionen Mcterecutner Erz sind dem Berge abgewonnen. Und das geht Tag um Tag so. Jahr um Jahr. Etagen verschwinden, andre erstehen, das Gesamtbild kaum ändernd, und noch Jahrhunderte hin- durch soll der Erzberg seine zehn Millionen alljährlich liefern, bis der ganze Schatz gehoben. Das ist der Erzberg und sein Schatz! Und die Menschen, die ihn heben? Arm sind sie, bettelarm. Knappen nennt sie die alte BergmannSsprache und llniformen, Munnnenschanz und alter Festgebrauch schied sie auch innerlich länger als andre einst auch zünftlsch organisierte Arbeiterschichten von der großen Armee der Arbeitenden. Bis in misre Tage hinein läßt sich diese Erscheinung nachweisen. Kamn eine zweite Schicht hält so konservativ an alten Ueberlieferimgen, Gclvohn- heilen, Gebräuchen und Anschauungen fest, kaum eine zweite Schichte ist so schwer sehend zn machen als das Grubcnprolelariat. Da schuften sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend in steter Gefahr, und abends kriechen sie in den elenden Holzbarackcn unter, die die Alpine Montnugescllschast großmäulig Kuappschaftshäuser nennt, des bergmännischen Wortes wegen, dessen ursprmigtiche Bedeutung im Laufe der Jahrhunderte verloren ging, die aber heute weit klarer und genauer den Begriff umschriebe. Ter Knappe war Knecht. Knappschaftshäuser— Knechtschastsbänscr... wer wollte leugnen, daß mau dadurch der Wahrheit viel näher käme. Man muß nur in diesen elenden Buden gewesen sein, in diesen schmierigen, übervölkerten Brutstätten allerlei Ungeziefers, um das zur Inschrift auf einem alten Palast in Bordcrnberg mißbrauchte Wort des Psalmisten ganz zu verstehen: j„Herr, wie groß und herrlich sind Deine Werke, Du hast alles weislich gcinacht. Die Erde ist init Deinen Gütern erfüllet." Jawohl. Schätze hat genug die Erde, aber nicht für die, so sie heben, sondern für die Mächtigen, die sie heben lassen. Für die Knechte des Erzberge?, die zehn Millionen Centner im Jahre heben, hat man nicht einmal halbwegs menschliche Wohnungen. Da ist gleich die Schachthütte auf der Lindcmann-Etage. 12 Meter lang, 6 Meter breit und kauni 3 Meter hoch ist der Ranni, der 20—24 Maurern und Steinhauern als Schlaf- und Wohnraum zugewiesen ist, in dem sie ruhen, in dem sie über den primitivsten Bettstellen ihr ganzes „G schlamp" hängen haben, ihre nassen Kleider, ihre stark dunstende Wäsche, ihre Stiefel. Dabei hat aber der einzelne 9 bis höchstens 10.3 Kubikmeter Luftraum, weniger also als der Sträfling, den die Gesellschaft seiner Freiheit beraubt. Das ist ihr Anteil an den Gütern, mit denen die Erde erfüllt ist. Auch schiechtes Waffer haben sie. Wohl ist eine Zuleitung zur Lindemann-Etage, aber die Arbeiter klagen:.Wenn zur Maichinenreinigung Wasser gebraucht wird. kriegen wir keines. Haben wir Durst, dann müssen wir das Wasser aus dein Trog trinken, wo sich jeder wäscht und wo auch die Kübel ausgewaschen werden. Das sieht kein Gendarm und Bezirks- hauptmann; wenn wir aber eine Versammlung abhalten, da sind sie da.. Oder die Schweinerei mit dem.Koststöckeln", die sich die Alpine Montangescllschaft wohl auch als WohlfahrtScinrichtung zu- zählt. Da trete ich zum Beispiel— abseits vom erlaubten Wege, der, wie es scheint, geflissentlich an so viel Jntercssantein vorbeiführt— in die Treikvnighütte Nr. 172. Fauliger Gestank schlägt mir ent- gegen und ein Heer von Fliegen umsummt mich. In der Mitte deS Raumes, den ich betrete, stehen mehrere Herde, darauf ein? Menge Töpfe. Ich bin in die.Küche" geraten. Einer hantiert mit den Häfen in der Hitze der Herde. Der Koch. Er kann sich kanm� der Hitze und der Fliegen erwehren. Ich frage ihn nach der Ursache des fauligen Gestankes. „Das kommt auS den.Koststöckeln'." Dabei zeigt er auf die kleinen Kästchen, die sich längs der Wände hinziehen. Jeder Arbeiter hat eines und jeder bewahrt sich darin seine Einkäufe für die Woche auf: das Fleisch, den Speck, das Fett, das Mehl, die Hülsenfrüchte, den Reis, die Gemüse und Zwiebel, das Brot, alles kunterbunt durcheinandergeworfen, in schmierigen Säcken, in fettig-blutigem Papier, in ungewaschenen Häfen oder auch bloßliegcnd, den Fliegen zur Brutstätte. Der Koch merkt den Ekel und denkt sich wohl dazu sein Teil. Ein andrer aber ruft mich zum Zeugen des Knappenelends auf: »Schauen S' nur, Herr I Was wir fressen müssen, ist ein Grans!" „Laden Sie den Herrn Direktor dazu ein l Vielleicht wird's dann besser!" Der Arbeiter lacht verlegen.„Der kommt nicht"... sagt er endlich. »Darf ich ihm die Einladung überbringen?" „Ja, er soll nur kommen, wir werden ihm was aufkochen, das; er staunen wird, wo wir bei solcher Kost die Kraft zu uusrer Arbeit hernehmen." Glück auf! Herr Direktor I Sie sind eingeladen. Vielleicht nehmen Sie sich die Knappenkapelle zur Tafelmusik mit... Um die Klage deS Knappen besser zu verstehen, wird es gut sein, etwa-Z Über die Löhne zu sagen. Der„Glückauf" veröffentlicht in seiner Nummer vom 7. April lüllk- einiges Material über den „Hungerberg", wie der Erzberg, der so verschwenderisch Schätze liefert, in der Sprache der Grubeuproletarier heißt. Er verarbeitet die Lohnzettcl von 83 Arbeitern verschiedener Passen(Arbeusparlien) aus dem Monat Januar 1904. Unter den 83 Knappen waren 46 Lcdige und 37 Verheiratete. Von den Ledigen verfuhr jeder im Durchschnitt 21,3 Schichten, für deren jede er einen Lohn von 2,68 Kronen*) heimtrug oder einen Monatslohn von 57,11 Kr. Da- von gingen noch die Beiträge für die Bruderlade und den Musik- fonds sanch eines der Mittelchen, die Arbeiter in dem Dusel mittel- alterlicher Knechtschaft zn erhalten!) ab. Da der Januar 31 Tage hat, bleiben also jedem höchstens 1,80 Kr. täglich für die Deckung aller seiner Bedürfnisse. Noch schlimmer geht es den Verheirateten. Wie schlimm eS da ist, sei an dem besten der 37 Beispiele gezeigt. I. P. verfahr 6 Ge- ding- und IV'.z Herrenschichten, wofür er 74,59 Kr. reinen Lohn oder für eine Schicht 3,19 Kr. erzielte. Die Summe der Abzüge betrug 71,56 Kr., es verblieb ihm also nach den Abzügen ein Freilohn von 3,03 Kr. Die Abzüge verteilen sich: für Lebensmittel im Januar 1904 32,93 Kr., Rest vom Dezember 1903 7,48 Kr.. Barvorschuß 20,— Kr., Wohnung(die dieser Arbeiter allerdings nicht vom Werk hat, aber doch bezahlen mutz) 10.— Kr., Brnderlade und Strafen 5,66 Kr., Kohle, Holz, Heu und Stroh 5,40 Kr., Musikbeitrag 9 H. So also ergeht es dem, der unter 37 Arbeitern den höchsten Ver- dienst erreichte. Wie es nur die andern steht, erhellt ans der sehr unterrichtenden Zusammenstellung. Danach haben 7 Arbeiter von den 37 einen Lohn überhaupt nicht erhalten, sondern sie sind noch dem Werke im Rest geblieben, das heißt sie haben sich einen Monat lang geschunden, gerackert und geplagt, um am Ende des Monats auf die Gnade der Bergwcr'sdirektion angewiesen zu sein. Im Februar blieben nach dieser Lohnliste einer Familie mit 4 Personen 28,3 Heller für den Kopf und Tag, einer Familie mit fünf Personen 27,8 H., zwei andern mit vier Köpfen 23,2 und 22,2 H., zwei andern mit fünf Kllpfcn 21,2 und 17,4 H., einer mit zwei Personen 19,2 H., dreien mit sechs Mitgliedern 16,8 H., 10,2 und 9,7 H., einer mit sieben Köpfen 5,6 H., andern noch weniger bis herab zn der lächerlichen Quote von 2.2 H. fiir den Kopf und Tag. Da müssen die Bergleute Schulden machen, Vorschuß nehmen und immer tiefer, immer unabwendbarer in die Schuldkncchtschaft derer geraten, die alle Güter dieser Erde für sich in Anspruch nehmen, für die der Enzberg zum Goldberg wird, wie er für die andern zum Hunger- bcrg ward. Und die Qual der Arbeit? Wer könnte sie in ihrem ganzen Umfange schildern mit allen ihren Gefahren und Widrigkeiten, wer sonst als einer, der sie selbst am eignen Leibe erfahren, der selbst die Tröge füllte und zu den Hunten schleppte, der selbst in den Schächten und Stollen arbeitete, der selbst in der Erz- und Menschenröste seine beste Kraft ließ und unter dem tollen Vorwärts- peitschen des Antreibers litt. Abends erzählen es mir die Hundemüden. Die Erregung peitscht sie auf. Jeder weiß eine andre Strophe zu singen zu dem langen Liede, das Bergmanns- leid heißt. Da ist eine Partie von sechs Mann. Jede dieser muß täglich 3 Tonnen Erz und 4>/z Tonnen Hanwerk(die Überlagernden nicht erzhaltigen Schichten) machen. DaS sind zusammen fünf Hunte, jede mit l'/a Tonnen Rauminhalt. Um einen Hunt zu füllen, mutz er vom jeweiligen Sprengplatz bis zum Geleise 55 Tröge mit je 54 Kilogramm Gewicht schleppen. Unsre Partie 20 Schritte weit. Für fünf Hunte ergiebt das eine Summe von 275 Trögen und eine Gesamtlast von 148Va Metercentnern. Seine tägliche Marschleistung sind aber 16>/z Kilometer, lvobei er immer Lasten tragen, vorwärts stoßen oder ziehen muß. Der durchschnittliche Lohn dieier Partie betrug fiir 25 Arbeitstage im April 75,12 Kr. oder für eine solche Tagesleistung 3 Kr. Manche Ivohnen eine halbe, eine Stunde weit, müssen früh den Berg hinankenchcn, bis sie ihre Etage erreichen, und abends thalab wandern in ihr armseliges Heim. Wen küimte eS da wundeniehnien, wenn viele dieser Hundemüden den Weg zur einzigen Hilfsstelle, die heute der Arbeiter hat, versäumen, den Weg zur Organisation. Dennoch giebt es auch für die Sklaven vom Hnitgcrberg keinen andren Weg. Je einiger sie zusammen- stehen, desto eher werden sie sich ein halbwegs menschenwürdiges Los erringen, desto mehr werden sie von den reichen Schätzen deS Goldberges fiir sich selbst ergraben. Dazu: Glück auf!— •) 1 Krone— 100 Heller— 80 Pfennig. KIcmea femUeton. K. Das„Monbscheinbad". In den Bädern der Vereinigten Staaten, in denen tausend müßige Köpfe auf Neues sinnen, begnügt man sich nicht mehr, im hellen und klaren Licht des Tages in die Fluten zu tauchen, sondern eine in diesem Sommer vielfach ge- pflegte Mode ist das„Mondscheinbad�. Es hat etwas romantisch Aufregendes, im Badekostüm über den magisch aufschimmernden silbcrbleichcn Sand des Strandes zu schreiten und die langen gro- testen Schatten gespenstisch aufhuschen zu sehen. Wieviel weicher, berschwimmend reizvoller erscheint alles in diesem zauberischen Licht, was grell und hart in der heißen Sonne lag. Machen wir eine solche „Mondscheinbadepartie" mit, wie sie etwa in einem der hocheleganten Bäder an der Jersey-Küste stattfindet! Die Gesellschaft besteht aus zehn jungen Herren und zehn jungen Damen, die Herren alle in dunklen Badekostümen aus Serge, die Damen in allerlei ver- führerischen Kaputzen oder Mützen und farbenfrohen Toiletten glänzend, wie sie die diesjährige Mode in Badekostümen so zahlreich darbot. Man gelangte zu einem eleganten Badepavillon, der beinahe ein Palast ist und 500 Kabinen enthält. Auf kurze Zeit verschwindet jeder in seiner Zelle, dann giebt man sich die Hand und alle waten langsam ins Meer. Die Nacht ist warm, doch immerhin macht sich die fehlende Sonne recht bemerkbar; die einen schwimmen ein wenig herum und prusten; die andren plantschen in den Wellen umhe-Mlnd machen sich Bewegung; alle klappern mit den Zähnen, frieren und erklären ihr Gehaben triumphierend für äußerst„dandx", ein Wort, mit dem der Amerikaner heute bezeichnet, was wir noch„schick" nennen. Nach ein paar Minuten sind alle wieder aus dem Wasser heraus und genießen nun erst die Sensationen der neuen Mode. Am Strande ist inzwischen ein Feuer angezündet worden und die verfrorenen Badegäste wärmen sich nun hier, lassen sich die nassen Kleider trocknen, sitzen um die Glut herum, plaudern und nehmen heiße Bouillon zu sich, die in Tassen gereicht wird. Eine merkwürdige Scenc, wie diese elegante Gesellschaft an einem Lagerfeuer sitzt, dessen rotflammcnde Lichter sich mit dem Flimmern des Mondes verbinden, und das weite nächtliche Meer vor ihnen, auf dessen Wellen Monden- strahlen tanzen. Eine große Anzahl Leuchtkäfer erhöht noch die romantische Stimmung; die leuchtenden Punkte fahren pfeilschnell dahin und man macht sich den Spaß ihnen nachzulaufen und Jagd auf sie zu machen. Jubel ui d Lachen! Natürlich fängt man keinen der Käfer und kehrt wieder außer Atem zum Feuer zurück. Run zünden sich die Herren eine echte Havana an, und während sie be- haglich den Rauch von sich blasen, verzehren die Damen eine Un- menge Konfitüren. Dazu erzählt jemand eine hübsche gruselige Gcspcnstcrgeschidste und um �2 12 Uhr hat die„Mondscheinpartie" ein Ende.— Kulturgeschichtliches. — Rechtspflege im 16. Jahrhundert. Einem un» längst erschienenen Buche:„StädtischesLebenim 16. Jahr- hundert" von E. Reher(Leipzig, Wilhelm Engelmann), das auf Grund der städtischen Archive Kulturbilder ans der freien Berg- stadt Schlacken wald bei Karlsbad giebt, entnimmt die„Kölnische Zeitung" einige Proben. Auf einen Fall von Gotteslästerung bezieht sich das folgende amtliche Schreiben aus dem Jahre 1535: „Ehrsame weise liebe getreue! Ich Hab Euer Schreiben verlesen und was den langen Kunzen belanget, der an des Nickel Mulzen Tor bei nächtlicher Weil gesehen worden und Gott den Allmächtigen, wie Ihr angezeigt, so hoch gelästert und bei seinem göttlichen Namen Marter und Leiden geschworen und ihm vor(vordem) wie ich vernimm auch um Gotteslästerung willen zu Ellbogen die Ohren abgeschnitten worden find, bei ihm aber noch kein Nachlassen sein will, daraus ist mein Befehl und Meinung, daß Ihr denselben langen Kunzen wollet peinlich angreifen und fragen lassen. Würde sich dann bei ihm Dieb- stahl oder anders, damit er den Tod verwirkt, befunden, so sollt ihr ihm fein Recht tun. Wue aber anders nichts dann die Gottes- lästcrung bei ihm befunden, so laßt ihm die Zunge zum Nacken aus- ziehen und so er lebendig bleibet, von meinem Grund und Herrschaft wcggebieten." Ein andres Aktenstück berichtet von dem Todesurteil gegen einen Landstreicher 1590, der mit einem gefälschten Bettelbrief umherzog. Es lautet:„In diesem Jahre ist ein Abenteurer in Schlackcnwald mit einem Brief von Hans zu HauS gezogen und hat für die armen Leute der abgebrannten Stadt Schlüssclfcld Almosen gesammelt. In dem Brief, welcher vom brandenburgischen Hauptmann und vom Bürgermeister der Stadt Schlüsselfcld unterzeichnet war, hieß es, der Inhaber dieses Schreibens, Georg Ncusse, sei von der armen Stadt abgesandt, um in Schlössern, Städten und Flecken eine christliche Beisteuer zu er- bitten. Darnach ist dem besagten Georg Neusse auf sein emsiges Bitten gestattet worden, Sonntags zu Schlackenwald vor der Kirche zu stehen und von männiglich milde Gaben zu erbitten, ist auch in der Kirche öffentliche Vermahnung geschehen, damit er also etliche Gulden erhalte. Danach aber erfuhr man, daß Gott Lob die ge- nannte Stadt Schlüsselfcld nicht abgebrannt und daß Namen und Schrift erfunden und gefälscht wären. Der Abenteurer, welcher auf gütliche Ermahnung die lautere Wahrheit nicht eröffnen wollte,, wurde nun mit Schärfe der Marter gefragt und was er ausgesagt, von dem Stadtrat allgemein bekannt gegeben, wie hernach folgt? 1. Hat der Abenteurer bekannt, daß obige Schrift gefälscht, daß er nicht Georg Ncusse sondern Georg Fischer heiße 2. Er sei von Zelt, gebürtig bab aber seinen Eltern von Jugend au? niemals gefolgt, Habe sich meist mit Herumlaufen und Vetteln befaßt, wiewohl er etz- liche Zeit auch mit Schleiern, Borten und Wetzsteinen im Franken- land gehandelt. 3. Vor fast 20 Jahren Hab er in der Stadt Erfurt als ein Hausknecht bei einem Gastgeber gedienet. Dort war auch ein armer Gesell gewesen, der eine Jungfrau, eines reichen Mannes Tochter, zur Ehe hätt haben wollen, dessen sich aber die Jungfrau und deren Eltern geweigert, darauf sie vor das geistliche Recht kommen. Der junge Gesell Hütt ihm dem Georg Fischer und noch ihrer zweien 10 Thaler geben, daß sie falsch Zeugnis ausgesagt, darauf die Jungfrau den jungen Gesellen hätt zur Ehe nehmen müssen. Darnach aber wären die falschen Zeugnis offenbar worden, derhalben seine beiden Gesellen entloffen, er aber eingezogen worden. Und dann seien ihm aufm Markt durch den Scharfrichter zween Finger aus der rechten Hand öffentlich abgeschlagen worden und sei er dazu auf ewige Zeiten aus der Stadt Erfurt verwiesen worden. 4. Er Hab eine Krankheit, das sei der Stein, darauf Hab ihm sein Junker vor etlichen Jahren einen Bettelbrief gegeben. Als dieser Brief alt worden, sei er zu einem in Karlsbad, welcher ein lang schwarzer Mann und sich vor einen vertriebenen Pfarrherrn aus- gebe, aber nur im Land herumziehe solche falsche Bettelbrief und er- dichtete Schreiben verfertige. Der Hab ihm den Brief rein um- geschrieben, habe seines Erbhcrrn Siegel mit einem Pferdehaar ab- gezogen und auf den neuen Brief abgedruckt. E>. Nachdem auf itzt gemeldeten Brief das Sigil gar zu alt worden und dasselbe nimmer gelten wollen, so sei er zu dem Goldschmied zu Falkcnau und Hab ein Sigil von ihm graben lassen auf Blei. Dafür Hab er dem Gold- schmied drei Ort Gulden zu Lohn geben und dann auf den neu ge- siegelten Brief gebettelt. Dann aber Hab er das Sigil weggeworfen, also nur drei Jahr lang auf den falschen Brief gebettelt. 6. Sein Weib Margarethe Hab er nun fast vor 17 Jahren in der Stadt Töpel gechelicht; ihr Vater wär ein Pfarrherr gewesen. Jetzt bettle auch sie sein Weib for sich selbst auf einen falschen Brief. 8. Der Halbfuß oder Gemperle, welcher ein alt Weib und einen großen Sohn Hab und jetzt zu Prag sein soll, bettle auch über lange Zeit mit falschem Brief und Siegel auf Brand und auch auf Krankheit; dem- selbigen Bettler Hab das Feuer den halben Fuß abgebrannt. N. Einer, Christoph von Coburg, der sich auch for einen vertriebenen Pfaffen ausgebe, schreib solche falsche Brief und siegle sie mit falschem Siegel. 10. Der schwarze Mann im Karlsbad Hab ihm seinen neuen Brief geschrieben und heiße Peter von Baireut. Er Hab ihm damals % Thaler geben; aufm Jahrmarkt zu Egcr Hab er ihn aber auch be- stellt, da soll er ihm noch einen Thaler zustellen. Auch mit seinem Weib Hab er sich abgeredt, mit ihm am Jahrmarkt zu Eger zusammen- zukommen. Auch von den Briefschreibcrn werden da hinkommen. Auch glaube er, daß wohl hundert Bettelbrief, die herumkommen, alle falsche Brief und kaum einer derselben echt sei. 11. Sunsten Hab er in einem Dorfe bei Prüx mit dreien Landsknechten Karten ge- spielt und darüber sich mit ihnen geschlagen. Die hätten ihm die linke Hand lahm gchaut; auch Hab er einen Stich in die linke Achsel bekommen und sein Weib drei Wunden, also zwei im Kopf und die dritte am rechten Arm; denn sie sei ein frisch und trutzig Weib und wenn sie nicht dabei gewesen, so dürften sie ihn damals wohl gar er- schlagen haben. Und sein Weib trage zwei Sigillen in einem kleinen Beutelein, darbei auch zwei Goldguldcn und darzu drei ganze Thaler. Solches hat er bekannt in peinlicher Frag und Marter. Folget das Urtel: Dieweil Georg Fischer nach getanen gütlichen und auch pein- lichcn Aussagen wider die Gebote und Ordnung Gottes sich also gröblich versündigt und derenthalben vermöge der Kais. Reformation und peinlicher Halsgerichts-Ordnung an seinem Leben mit höchster Schärfe zu strafen wäre, so ist doch auf sein heftiges Bitten und An- halten hierauf zu Recht erkannt worden, daß er Georg Fischer um erzählter seiner Mißhandlung Willen hinaus an verordnete Nicht- stelle gebracht und niit dem Schwert vom Leben zum Tod gerichtet werden solle."— Natnrwiffenschaftliches. ss. I st das Radium baktericnfeindlich? Gerade wie nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen hat sich auch nach der Auffindung des Radiunis und seiner merkwürdigen Eigenschasten die Wißbegier bald der Frage zugewandt, ob sich nicht ein praktischer Nutzen aus den neu enthüllten Naturerscheinungen werde ziehen lassen. Bei den Röntgenstrahlen lag eine solche Bemühung nament- lich für die Medizin nahe, da ja die Durchleuchtung des menschlichen Körpers und ihre photographische Darstellung das erste war, was die durch die Entdeckung offenbarten Wunder so recht eindringlich veranschaulichte. Da nun aber die Röntgenstrahlen in der That manchen Einfluß gezeigt haben, der ärztlich verwendbar erscheint, so war eine entsprechende Prüfung der Radiuinslrahlen eine Ans- gäbe, die sich den Forschern gleichsam von selbst darbot. Als die wichtigste Möglichkeit wird in dieser Hinsicht natürlich eine etwaige Wirkung gegen die tückischen Krankheitserreger aus der Gruppe der Bakterien, Urtiere und Pilze betrachtet. So sind denn schon seit Monaten Untersuchungen über die mutmaßliche keimtötende Kraft der Radium- strahlen im Gange. Die Ergebnisse haben verschieden gelautet. Pfeiffer und Friedbcrger fanden, daß Typhusbacillen durch die Strahlen in einem Abstand von 1 Centimeter in 48 Stunden getötet würden, auf eine Entfernung von ä Centimeter aber nicht mehr. Milzbrandkcime, die den Strählen an Seidenfäden angetrocknet aus- gesetzt wurden, starben nach drei Tagen, nach 43 Stunden aber noch nicht. Bohn berichtete allgemeiner, daß niedere Lebewesen von den Strahlen schnell zerstört würden. Zwei andre Forscher hingegen, van Beuren und Zinsser, kamen nach einer freilich kleinen Zahl von Versuchen zu dem entgegengesetzten Schluß, daß nämlich keinerlei Einfluß der Strahlen auf Bakterien stattfände, und behaupteten geradezu, daß die früheren anders« lautenden Ergebnisse auf Irrtümern in den Experimenten beruht haben müßten. Jetzt hat sich Dr. Prescolt in den biologischen Laboratorien des Massachusetts Institute of Technology nochmals gründlich nrit der Untersuchung der wickitigen Frage beschäftigt. Der Erfolg, über den er in der Wochenschrist „Science" ausführlich Rechenschaft ablegt, ist leider ein völlig uega- tiver gewesen, trotzdem er eine außerordentlich stark strahlende Probe von Bromradinm zur Verfügung gehabt hat. Das Radium sendet bekanntlich drei verschiedene Arten von Strahlen aus, die als Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlen unterschieden tvorden sind und von denen überhaupt nur die letzteren beiden als wirksam in Betracht kommen können. Danach wurden die Experimente eingerichtet. Zur Unter- suchung kamen frische Züchtungen des gewöhnlichen Bacillus des mensch- lichen Darms(Bacillus oolij.desDiphtheriebacillns und eines Hefepilzes (Bierhefe). Die Bestrahlungsdauer schwankle zwischen 20 und 80 Minuten, der Abstand des Radium von den Keimen zwischen 1 und 2 Centimeter. In keinem einzigen Fall konnte eine Abtötung der Keime oder auch nur eine Abschwächuug ihrer Eutwickeluugs- und Lebens- fähigkeit ermittelt werden. Der Diphtheriebacillus war zu der Forschung ausgewählt worden, weil er als Typus eines kraukheit- erregenden KleinwesenS betrachtet werden kann und weil man mit Bezug auf ihn am stärksten auf eine Bekämpfung mit Hilfe des Radium gehofft hatte. In der That waren bereits Versuche gemacht ivorden, die Diphtherie auf dem Wege zu heilen, daß man dem Kranken eine besonders hergestellte Röhre mit Radiuminhalt in den Schlund einführte. Prescott hält dies Verfahren für aussichtslos und für ganz ungeeignet, etwa die Anwendung des Diphtherie- Heilblutes überflüssig zu machen. Ueberhaupt verspricht er sich von der Benutzung des Radium für die Heilung ansteckender Krankheiten wenig.— Hliiiioristisches. — Eheglück.„A schön- Leben! Jetzt muß ich den ganzen Tag liegen bleiben, damit mein Mann's Bett nicht versetzen kann!"— — Die gutgesinnte Ziege. Auf einem kleinen Platze in München sind öfters Ziegen zu sehen, die zu dem Zwecke an- getrieben werden, damit sie au leidende Menschenkinder ihre frische Milch abgeben. Au einem Sountagmorgen nun trat ein Schutzmann an die Besitzerin einer solchen lebenden Milchlvirrschaft heran mit der Warnung:„Sie, vor zehn Uhr dürfen S' sei' nix verkauf'», damit das Gesetz der Sonntagsruhe uet leidet." Darauf antwortete die Frau:„Da derfen S' scho' b'ruhigt seist Herr Wachtmeister. wenn i aa wollt', vor zehne giebt die Goas, damit i nei g'straft wer', gar loa M i l l i her!"—(„Jugend".) Notizen. — Ein neues Werk von E r n st H a e ck e l:„D ie L e b e n?- wunder" erscheint demnächst im Verlage von Alfred Kröner in Stuttgart(Preis 8 M.). Das Buch bildet eine Ergänzung zu des- selben Autors„Welträtsel".— — Ludwig Fulda hat ein neueS Stück vollendet. Es führt den Titel:„Maskerade".— —„ S i m p l i c i u s oder Der Handschuh", ein tragisches Märchen in fünf Auszügen von Friedrich Kay ßler, ist vom Neuen Theater zur Aufführung angenoinmen.— — Nils Sollet Vogts Schauspiel„Zwei Menschen" hatte im Nntional-Theater in Kristiania einen durch- schlagenden Erfolg.— — Das Opernhaus wird folgende Neuheiten bringen: „Der Roland von Berlin". Historisches Drama in 4 Akten von R. L e o n c a v a l l o. Uraufführung.(Mitte November.) „Rübezahl". Oper in 4 Aufzügen von Hans So m m c r. (Ende Dezember.)„Die Heirat wider Willen". Komische Oper in 3 Akten von E. H u m p e r d i n ck. Uraufführung.(Ende Januar.)„Das Fest auf Solhaug". Musikdrama in 3 Auf- zügen von W. S t e n h a m m a r. Uranfführuilg.(Ende Februar.)— — Im Hofe eines Molkereipächters in F r a u e n h a i n(Kreis Ohlau) blüht e i n A p f e l b a u m bereits zum dritten- »i a l in diesem Jahre. Eine von der ersten Blüte im Mai her- stammende Frucht ist vollständig ausgereist, während jetzt neben den etwa 10 bis 1ö lvallnußgroßen Fruchtansätzen nach der zweiten Blüte um Mitte Juli die dritten Blüten stehen.— — In der Schlacht bei L i a u j a n g wurde die ganze russische Artillerie von einem OOO Fuß hohen Berge aus telephonisch geleitet.— Verantwortl. Redakteur: Franz Rchbei», Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsaustalt Paul Singer LcCo., Berlin LV/.