Nnlerhallungsblatt des Horwärts Nr. 182. Donnerstag, den 1o. September. 1904 (Nachdruck verboten.) Oie fluckt. Voi? K. B a g r y n o w s k i. Jan klopfte auf den Deckel seiner Dose und reichte sie ihnen entgegen. Niehorski, der sich in seine Lektüre vertieft hatte. sah nur einen Augenblick auf; Alexandroff brummte etwas vor sich hin, und nur Krassuski ließ sich zureden. „Es kommt vielleicht noch jemand mit? Vielleicht Pjetroff oder Samuel?" „Nein, fordern Sie nietnand mehr auf, Jan. Ich bitte drum!" ..Jan hatte sich, nachdem er seinen Posten im Spital ein- gebüßt, jenseits des Flusses niedergelassen. In der Ortschaft Buruneck, die eine Meile vom Städtchen entfernt war, besaß ein Vetter seiner Frau eine alte Jurte, und dort wohnten sie nun. Dicht hinter der Hütte erhob sich ein steiler Berg, der bis zur Hälfte mit Lärchen und Birken bewachsen war. Vor der Jurte erstreckte sich eine große Wiese, die ein Waldstreif und dichtes Wcidengestrüpp vom Flusse trennten. Auf der Wiese blitzten hier und da gefrorene Wassertümpel oder funkelten sumpfige Lachen. Ein großer See, der lang und schmal wie ein Flußarm war, zog sich am Fuße des Berges hin. Als die Jäger am folgenden Morgen aus der Jurte traten, konnte Krassuski nicht umhin, den Freudenruf aus- zustoßen: „Oh, Jan, der Tag wird wunderschön!" Eine weiße� Nebelflut bedeckte die Wiese, Inseln gleich waren Bäume, Sträucher und Heuschober darin verstreut, und in der Ferne bildete der Wald ein dunkles Ufer. Ueber den Nebeln durchzitterte der silberne Schein des Tagesgrauens die kalte Luft, die ein dunkelblauer, mit verglimmenden Stern- splittern übersäter Himmel einschloß. Im golddurchwirkten Osten glühte das scharlachene Morgenrot langsam auf. Von den Bergen, aus Schluchten und Klüften war die Nacht noch nicht völlig verscheucht: die Gegenstände warfen noch keinen Schatten, und die Umgegend lag lautlos und regungslos da, wie jemand, der schon erwacht, der die Augen schon weit ge- öffnet hat, aber seine Träume noch nicht abschütteln kann. Einen trockenen, hartgefrorenen Pfad entlang kamen die Jäger an den See und eilten glitschend über das durchsichtige, griinliche Eis. Lange, verschlungene Wasserpflanzen blickten zu ihnen auf. Die Flinten und die ganze Ausrüstung der beiden Männer waren dem Körper genau angepaßt und rückten und rührten sich nicht, so daß sie leise wie Schemen dahin- glitten. Zuweilen leuchtete in der dunklen Tiefe unter ihnen eine Funkcugarbe auf, die aufgescheuchte fliehende Fisch- schwärme hinter sich zurückließen: hin und wieder erschienen die häßlichen Köpfe der Wasserriesen dicht zu ihren Fußen, und dann konnten sie die Stirnen, die geöffneten Mäuler, die sich in regelmäßigen Atemzügen hebenden Kicmenschildcr und die runden, bernsteingelben Augen sehen, von denen sie mit maßlosem Erstaunen angeglotzt nmrden. Jan drohte ihnen mit der Faust, und sie bewegten die roten Flossen gemächlich, kehrten ihm den Schwanz zu und verschwanden zwischen den dichten Wasserpflanzen. Lange noch, nachdem sie dieselben gestreift, zitterten die Lilien und Wasserlinsen und wanden sich in schlangenartigcn Linien. Tie Jäger strebten den Bergen zu, auf denen nach und nach Wälder, Haine, einzelne Bäume, steile Abhänge und Steingeröll sichtbar wurden. „Ich weiß hier eine Schlucht, wo's immer Haselhühner giebt. Erst müssen wir sie höher hinauftreiben und dann wieder bergab. Wir können ein ganzes Volk haben, wenn's gut geht. Aber: Tsur! nicht fehlschießen!" belehrte Jan Krassuski. Dichte, knorrige Bergweiden füllten den Boden der Schlucht, während ein hoher Lärchenwald die steilen Wände derselben hinanklomm. Am Eivgcmge in die Schlucht trennten sie sich: Jan ging nach links, Krassuski blieb rechts und spähte aufmerksam ins Gebüsch. Die Sonne vergoldete die Zleste der auf dem Gipfel wachsenden Bäume: aber unten, auf dem niedrigen Gesträuch, lagerten noch die grauen Schatten der abschüssigen Wände. Von der Dämmerung zu einem dichten Netz verwebt, bildeten die grauen Weidenzweige einen Schleier, den selbst das geübte Auge Krassuskis nicht zu durchdringen vermochte. Schon glaubte er, es sei kein Vogel in der Schlucht, als Jan ihn mit einem leisen Pfiff zum Weitergehen auf- forderte, und auf dies Zeichen hin einer der Zweige merk- würdig zuckte. Krassuski blieb wie festgebannt stehen und wandte den Blick nicht von jener Stelle. Auf dem Zweige saß ein Haselhuhn und sah ihn mit rubinroten Augen an. Aber ein Schuß war sehr gewagt, da der Vogel in dem kleinen" Fensterchen, das die launisch gewundenen Weidengerten bildeten, kaum zu sehen war. Der Jäger neigte den Kopf ganz leise, um zu sehen, ob es nicht möglich sei, ihm von einer andern Seite beizukommen; da trippelte plötzlich ein zweiter Vogel dicht vor ihm einen über den Weg hängenden Zweig hinan und blieb mit vorgestrecktem Halse an der Spitze stehen. Gleich darauf gewahrte er einen dritten, dann einen vierten und endlich ein ganzes Volk, das aufstand und die Köpfchen vorstreckte. Es war kein Augenblick mehr zu verlieren: schnell legte er an und gab Feuer. Ter getroffene Vogel flog empor und fiel wie ein Stein ins Gebüsch. Die andern flogen schwirrend davon und ließen die hellen Federn in ihren Flügeln aufblitzen. Ehe der junge Mann das Gewehr von neuem geladen und den Vogel aus dem Dickicht geholt hatte, feuerte Jan seine Flinte ab, und wieder schwirrte es und blitzte es weiß zwischen den Sträuchern auf. Aber diesmal schon höher oben. Ohne die Stelle aus den Augen zu verlieren, an der das Volk niedergegangen war, schritt Krassuski vorsichtig an der einen Seite vorwärts, während Jan sich an der andern einen Weg bahnte. Sie pfiffen sich von Zeit zu Zeit leise zu, um nicht zu weit auseinander zu kommen und suchten, soweit es möglich>var, gleichzeitig zu schießen. Ehe Jan das Ende der Schlucht erreicht hatte, rief er Krassuski zu, er solle den Abhang erklimmen und das Volk oben umgehen. Sie trafen auf dem Bergsattel zusammen. Jan war überglücklich: er hatte wohl an die zehn Vögel an feinem Gürtel zu hängen. „Nun, sind wir nicht Mordskerle? Dafür müssen wir auch eine„Niumutschka" haben. Aber warum machen Sie das Wild zu schänden? Ist das'ne Art? Ich Hab' gesehen, wie Sie eins angeschossen haben, und das ist auf- und davon- geflogen. Wenn fehlgeschossen wird, dann wird fehlgeschossen, aber wenn getroffen wird, dann wird getroffen. Jetzt wird es seinen Kameraden olles erzählen und sie aus der Schlucht fortführen. Das steht bombenfest! Sie lachen!... Lachen Sie nur immer zu, aber es ist fo! Auf dem Rückwege müssen wir sehr vorsichtig sein und nur bis an die Hälfte der Schlucht gehen. Die angeschossenen sind sehr scheu, wenn sie nicht draufgehcn. Wenn wir sie umgehen, müssen wir hoch hinauf, denn wenn die Haselhühner erst mal auffliegen, dann fliegen sie auch weiter. Wir können uns freuen, wenn sie uns auch nur dreimal zum Schusse kommen lassen. Und wenn wir damit fertig sind, dann trinken wir hier auf dem Sattel Thee. Na. sehen Sie wohl, wie lustig Sie jetzt ausschauen!... Hab' ich's nicht gesagt? Wald bleibt Wald! Am besten wär's, wenn Sie ganz zu mir zögen. Tann könnten wir Hasenfalleü stellen und fröhlich und guter Dinge sein. Die Tummköpfe, die uns unter dem Eise angeglotzt haben, würden auch dran glauben müssen! Das wär' schön, meiner Treu!" „Sie würden mich nicht fortlassen aus der Stadt. Vor allem aber würde Ihnen die Polizei Umstände machen." „Was können sie mir anhaben? Mich weiterschicken � Bah, bin ich denn nicht überall König? Nur die Kinder thun nur leid und meine Alte... Denn warum sollen die leiden?" Er zerrte an seinem mächtigen Schnurrbart und sein Gesicht verdüsterte sich. Er seufzte. „Ho! ho! ho! Das waren schöne Zeiten. Angst hatte man nur, solange man die Mütze nicht aufhatte. Aber wenn die erst auf dem Kopfe saß, dann war's vorbei damit, den hätt' ich dann sehen wollen, der mir Hütt' bange machen können! Na. los, Krassuski, sonst kommen die Hühner auf andre Gedanken und reißen uns am Ende aus." Als sie das Volk dem Ausgange der Schlucht zutrieben, flogen die letzten Vögel verwundert und erschreckt auf, ver- ließen das Gebüsch und suchten jenseits des Sattels Schutz. Sie verfolgend, erklommen such die Jäger denselben. Jan hockte sich schon eine Prise hervorgeholt und sah sich nach einem passenden Plätzchen für die Feuerstätte um, als sein Gesicht götzlich einen gespannten Ausdruck annahm, und er, ohne die ose zuzuklappen, sein Gewehr blitzschnell an die Wange drückte. Krassuski glaubte, es gälte einem Bären und machte fich auch schußbereit, aber ehe er sich recht klar werden konnte, was eigentlich vorging, knallte ein Schuß und gleich darauf nieste Herr Jan so herzlich, daß es fast ebenso laut krachte, wie der Schuß. »Hei! Glück muß man haben! Zum erstenmal in meinem Leben schieß ich mit der Dose in der Hand. Ein hißchen Hab' ich sogar verschüttet." Hinter einem Felsblock rollte ein schöner Auerhahn flügel- schlagend den Abhang hinunter, während ein andrer mit weit- ausgebreiteten Schwingen über das Thal flog. Das Ereignis trug noch dazu bei, die gute Laune der Jäger zu erhöhen. Jan warf nur so mit Sprichwörtern um sich, machte Feuer an und kochte Thee, und Krassuski rupfte die zum Braten destimmten Hühner. »Sehen Sie, das Leben ist kein Stiefel: das läßt sich nicht Wer jeden Leisten schlagen, der einem paßt. Wir meinen's so und so, aber es kommt anders... Aber das darf mau sich nicht allzusehr zu Herzen nehmen, denn etwas koinmt doch immer dabei heraus. Jetzt zum Beispiel: sie haben mich aus dem Spital gejagt. Da dacht' ich: na, jetzt ist's aus, kaput! Und doch leb' ich und flicke noch dabei der Obrigkeit die Stiefel. Gestern hat mir der Jsprawnik anderthalb Rubel für neue Sohlen bezahlt.„Mach' sie auf Warschauer Manier," sagt er.»Warschauer Manier," sag' ich,„ist fein und will traktiert werden!" Er schenkte mir ein Gläschen aus einer Flasche ein, die auf deni Ecktische stand, und trank mir zu. .„Hör' mal," fragt er,„ist Alexandroffs Pferd bei Dir?"„Ja, Herr!"„Werden sie's bald in die Stadt holen?"„Das weiß ich nicht, Herr!"„Gut, wenn sie's holen, dann komm und laß mich's wissen!" Ich schweige und seh' ihn an. Ganz rot wurde er.„Das geht nicht. Euer Hochwohlgeboren!" ».Warum denn nicht?"„Denn das.ist nicht— Warschauer Manier!" Er lachte und schenkte mir noch ein Gläschen voll. ».Bist'u tüchtiger Kerl," sagt er,„wenn Tu mal was schießt, kannst Tu inir's bringen." Ich will ihm den Auerhahn hin- tragen. Er hat mich gern und wird ihn gut bezahlen. Und aus dem Dienst hat er mich jagen müssen, des Eides wegen, denn dazu ist er da. Sie haben ihn ja dahingesctzt, damit er versucht, die Menschen auf seine Seite zu locken, aber es steht doch jedem frei, ob er nichtswürdig sein will oder nicht, Worüber denken Sie nach? Hören Sie nicht?" Krassuski blickte in das lachende Thal zu ihren Füßen. Ein dichter, gelb schimmernder Birkenhain vergoldete die Ränder des weiten Beckens, rostfarbige Lärchen klommen die Abhänge hinan und ein dunkler Streif von Erlenaebüsch und Weiden durchschnstt es von einem Ende zum andern. Hin und wieder flammten Hagebutten und wilde Himbeeren gleich blutroten Flecken auf. und alles zusammen wurde von dem blauen Spiegel des eisbedeckteu Sees eingeschlossen, den die waldigen Fernen mit einem dunklen Nahmen umgaben. Den Gesichtskreis begrenzte des Himmels Bläue und ein Zug arau-»' Berge. „Was ineinen Sie, Jan, wenn ich jetzt mein Gewehr Nähme und davonginge, immer geradeaus, wohin die Füße mich trügen— was würde wohl daraus werden?" ».Jetzt? Im Winter?" ».Ja!" „Und Sie wissen nicht, was daraus werden würde? Krähen und Raben würden Sie zerfleischen und Wölfe würden Sie auffressen! Est Krassuski, Krassuski! Es sind schlimnie Gedanken, die Ihnen im Kopfe herumspuken. Ich seh' schon, Ihr werdet Euch wieder was Gutes einbrocken!" Er blickte dem Jüngling wehmütig in das traurige Gesicht. 'zfommen Sie, ich will Ihnen lieber erzählen, wie ich Mich in eine Russin verliebt habe; denn auch unter ihnen giebt's süße, herzensgute Geschöpfe." »,Oh! Nein, nein!,., nichts davon!" ».Was denn sonst?" »Lieber Ms andres!" �Fortsetzung folgt. Ii (Nachdruck vervots».) �Zltbremifcbe Klassenkämpfe. Von der Stadt deS socialdemokratischen Parteitages wird in diesen und den kommenden Tagen überaus viel die Rede sein. Das bedeutet für diese Stadt etwas, denn Bremen gehört zu den deutschen Städten, die im Rufe verschlossenen Wesens stehen. Man erlebt noch heute, daß die Hansestadt an der Unterweser mit einem gewissen Grauen genannt wird, denn die alte Berühmtheit, von einem thür- sperrenden Kastengeiste sondergleichen beherrscht zu sein, war zu groß, als daß sie so schnell in der Erinnerung verlöschen könnte. Aber Bremen müht sich heute, eine gastliche Fremdenstadt zu sein, und wenn dieses Mühen auch seinen metallischen Beigeschmack hat, so ist doch an dem guten Wesen der Gastlichkeit keines- Wegs zu zweifeln. Bremen, die Stadt des großen Seeverkehrs, ködert sich seinen Anteil an dem großen Strome der binnen- wärts sich bewegenden Welt. Das kostet Schweiß, Schlauheit und noch etwas andres: man ist eben Grenzstadt nach Nordwesten. und wenn nian von den Schienenadern, die am Kulturblutlauf besonders beteiligt sind, spricht, so zählen die gestillten Auswanderer- zöge mit ihren Massen verarmter Europamüden nicht mit. Aber trotz aller geschichtlich verzögernd wirkenden Schwerkräfte hat fich das bremische Kulüirbild im letzten Jahrzehnt auffällig verändert: das alte bürgerliche Gepräge des LebenSgangeS hat seine Alleinherrschaft eingebüßt und das moderne proletarische Element, in dem soviel Zukunftsmut aufgespeichert liegt, läßt seine Kräfte wirksam spielen. Mit Worms, Regensburg. Genf hat Bremen das heraldische Merkmal gemein, eine Stadt mit dein Schlüsielwappcn zu sein. Der Seblüssel ist das Sinnbild gesicherter Hausherrlichkeit. Aber er ruht in, Bremer Wappen im roten Felde, und das kann der politische Meiisch auch finnbildlich nehmen, seit die rote Fahne siegreich über der alten Weserstadt weht. Alt ist diese Stadt fürwahr. Aber altertümlich ist sie nicht mehr. Rathaus, Ratskeller, Roland— diese drei bedeutenden Wahrzeichen einer machtschwcren bürgerlichen Vergangenheit— dränge» sie mit einigen andren Bauten— Schütting, Doni, Liebfrauenkirche— auf einen engen Raum zusammen und bilden nur einen altertümlichen Fleck in dem jetzt schnell wachsenden Stadtbilde. Und dieser Fleck, ist nicht einmal unangetastet geblieben. Ein trostloser Mangel an Verständnis und Gefühl für die Harmonie architektonischen Zusammenwirkens, in allerlei Offenbarungen einer ohnmächtigen oder protzig aufdonnernden Baukunst erwiesen, sündigte schwer gegen die reine Wirkung des altertümlichen Baubildes. Dies und jenes Einzelne, was alten baulichen Wert besitzt, stöbert man hie und da noch in den alten Stadtteilen auf, aber es ist spärlich und wiegt im Gesamtbilde nicht mehr. Aber wer das alte Bremen sucht, der findet eine Menge Denkmäler, wenn er die Straßcnnamen beachtet. Eine ganze Anzahl solcher Namen darf als nnmittelbares tleberbleibscl einst bedeutungsvoller Stätten gelten. Manches freilich nennt ohne direkte örtliche Beziehung irgend welche ortSgcschichtlich berühmte Namen. AnS alledem aber ist manches Stück jener eigen- artigen mittelalterlichen Städtegeschichte abzulesen, in dem Kirche, Rittertuni, Patriziat und Zunftbürgerttim ihre blutigen Klasicnkämpfe durchfochten. Ganz in der Nähe deS Kasinos, wo der Parteitag feine Sitzungen hält, ragt ein Wahrzeichen dieser Kämpfe auf: ein steinernes Kreuz. Seit fast einem halben Jahrtausend steht eS dort, die Bremer Mundart nennt es platthin: BasmcrS Krüy oder bat stcciien Knitz. ES ist zur Sühne für die Enthauptung des Bürgetincisters Johann Basnier er- richtet worden. Dieser VaSmer gehörte dem Patriziat an. das im Beginn des IS. Jahrhunderts den bremischen Rat herrschend besetzt hielt. Allerlei Fehden und kleine Kriege mit den benachbart wohnenden und dem auswärtigen Handel unbequemen Grafen und Rittern hatten die Stadt in Schulden gestürzt, und da? Patriziat suchte natürlich die Last dem„gemeinen Bürger" aufzuhalsen. Das brachte die Zunft- bürgerschaft in Bewegung. Mehrere Bürgern, cistcr wurden zu Geld- strafen und Aintsniederlegung verurteilt und die Verfassung wurde 1428 so verändert, daß Rat und Bürgerschaft der Allmacht des kauf- nräiinischeu Patriziats entwunden wurde. Die Zünfte triumphierten. Die patrizischcn Elemente verließen die Stadt und suchten draußen Hilfe gegen den neuen Rat. Dieser zog ihre Güter ein und steckte die Zurückgebliebenen, die in der Stadt auf einen reaktionären Streich warteten, in den Fangttmn. Die Verhafteten brachen aber ans, flüchteten nach Delmenhorst und Stade, und nur der frühere Bürgermeister Johann VaSmer blieb zurück. Dieser suchte für einen Vergleich zwischen de». Alten und Neuen Rat zu wirken. Er fließ indessen überall auf Widerstand, und seine Politik weckte schließ- lich im Neuen Rate soviel Mißtrauen, daß man ihn, als er zum Oldcnburgcr Erzbischof um Einspruch ausritt, unterwegs auffangen, zurückbringen und in den Hurrclberg, ein an der Hakenstraße ge- legenes unterirdisches Gefängnis, das später ein Weinkeller wurde, sperren ließ. Der erbitterte Rat verurteilte ihn wegen Hochverrats, und alsbald, ob er auch mit dem üblichen Wort„Jf_ scheide, dar ik idt scheiden mag" sich auf ein höheres Gericht berief, wurde er in der Vorstadt bei St. Pauls Kloster enthauptet(1430). Die energische That brachte Breinen die Reichsacht und die Ausstoßung aus der Hansa ein. Der Schaden, der dem Handel der Bremer daraus er- wuchs, die Gefahr der Rcichsexekution zudem, untergruben die Macht des Neuen Rats, und es kam schon 1433 zu einer neuen Verfassung, in der dem patrizischen Element wiederum die Ucbermacht, aber doch nicht mehr die Alleinherrschaft zufiel. Ein Zeichen der wiedererlangten Macht war dann die Errichtung jenes steinernen Kreuzes an VasmerS Richtstätte. Die Plätze, die auf die großen Ereignisse der inneren Geschichte Bremens hinweisen, drängen sich natürlich um den Martt zusammen. Hier wohnten die Besitzmächttgen der Stadt und hier, wo die Rolandsäule aufragend die städtebürgerliche Unabhängigkeit— Vry- heit do ick juw openbahr—, die eigne Gerichtsbarkeit anzeigte, pulsierte am lautesten das Leben großer und kleiner Betriebsamkeit. Wer auf dem Markte Herr war, beherrschte die Stadt. Das 13. Jahrhundert, das der Kaufmannschaft zu starkem wirtschaft- lichem Aufschwünge verhalf, entfesselte die Kämpfe gegen den patrizischen Adel, das 14. Jahrhundert, das jenen wirtschaftlichen Aufschwung noch gewalttger steigerte, fügte die politische Aus- einandersetzung mit dem städtischen Einfluß der Kirche, mit dem erzbischöflichen Regiment hinzu. In, Jahre 1307 war ein großer Hecht die Ursache bluttger Vorgänge. Der Ratsmann Arend von Gröpe- lingen hatte den Hecht für einen Kindtauffchmaus erstanden, als ein Patrizier— er soll Götje Frese geheißen haben— hinzukam und den Hecht für sich forderte. Es war nämlich Gewohnheitsrecht ge- worden, daß niemand von der gemeinen Bürgerschaft bis zir einer gewissen Stunde Eßwaren kaufen durste; man mußte warten, bis die mächtigen Familien, deren Häupter das Staatsruder führten, ihre Küchen wohlfeil versorgt hatten. Aber Arend von Gröpelingen gab seinen Hecht nicht los, und dafür nahm der gereizte Pattizier Rache. Nach einiger Zeit drang er mit einer bewaffneten Rotte in Arends auf der Landstraße, der Stadtwage gegenüber gelegenes Haus und erschlug den sterbenskranken Ratsmann. Das war das Zeichen zun» Aufstande der Bürger. Als die bewaffnete VolkSmasse zum Markte zog, rissen die patrizischen Elemente, gegen die der Sturm sich richtete, mit Kind und Kegel aus und wurden„friedlos gelegt". Man war die Despoten los, aber nicht ganz und gar, denn als der Sturm losbrach, machten allerhand pattizische Leute, sogar Verwandte der besonders Verhaßten, schnell und schlau ge- meinsame Sache mit den Aufftändischen. Bremen sollte auch fortan noch mit hochgeborenem Raubgesindel in seinen Mauern zu thun haben. Am ärgsten trieben es die Casal- brüder. Casal hieß in Bremen ein großes Steinhaus, das nach dem Bremisch-niederländischen Wörterbuche der„Versammlungsort und sichere Aufenthalt gewisser adliger Einwohner und andrer mächttger und angesehener Bürger war, die sich in eine Gesellschaft unter dem Namen Casals-Bröder verbunden hatten, die größten Aus- schreitungen, ja Raub- und Mordthaten in der Stadt un- gescheut begingen, sich im Fall der Not beistanden und selbst dem öffentlichen Ansehen und dem Arm der Obrigkeit sich widersetzten." Ursprünglich eine Vereinigung zur Pflege ritterlicher Kämpfe und Spiele, sank die Casalbrüderschast mit dem Verfall der Bedeuttmg des Rittertunis in einer Handelsstadt wie Bremen nur um so gründlicher zur nichtsnutzigen Raufbande herab. Im Jahre 1347 veranlagte die Verurteilung eines Casalbruders, der einen Mann nachts in den Straßen erschlagen, einen bewaffneten Sturm der Brüderschaft aufs Rathaus. Das bekam der Sippschaft schlecht. Der Rat ließ die Sturmglocken läuten, die Casalbrüder wurden aus der Stadt gejagt, auf ewig verbannt, und ihre Casale, damals die Wohnung eines Cord von Gröpelingen an der Oberen Straße, da, wo die Krapensttaße zur Hundestraße führt, wurde nicdergeriffen. Damit war die Bürgerschaft mit dieser Klasse fortan in der Hauptsache fertig. Die äußere Politik Bremens bestimmte natürlich das Interesse der Kaufmannschaft. In den Stteittgkeiten um das Erzbistum, die in der Mitte des 14. Jahrhunderts ausbrachen, spielte die Wirtschaft- liche Notwendigkeit, sich die Oberweser fteizuhalten, eine große Rolle. Der bremische Erzbffchof stützte sich auf die Kriegsmacht des Grafen Gerhard von Hoya, dem auch das feste Schloß Thedinghausen gleich südlich von Bremen als erzbischöfliches Lehen gegeben war. Natürlich brachen Kämpfe mit dem Hoyaer Grafen aus, die mit wechselndem Kriegsglück, aber schließlich doch günstig für Bremen verliefen. Als es galt, gefangene Bremer auszulösen, halste<1361) die Kaufmannschaft den minderbegüterten Bürgern einen Anteil am Lösegeld auf, der äußersten Unwillen erregte und zum offenen Aufstande führte: ein Zeichen, daß die Zunftoürgcr den Kaufleutcn keineswegs auf allen Pfaden ihrer Politik in gemeinsamem Interesse folgten. Tie politische Führerschaft der„gemeinen Bürger" lag in den Händen einer Vereinigung, die sich Grande Compagnie nannte. Als die Schoßweigerung geschah, tauchte der Plan auf, den alten Rat abzusetzen und einen neuen zu wählen. Die Führer dieser Be- wegung hießen Kenner, Höne und Wilde. Aber der Rat rief um- wohnende Adlige heimlich in die Stadt, überrumpelte die Auf- ständischen und ließ noch am selbigen Tage achtzehn Anführer des Aufruhrs aburteilen und enthaupten. Aus den konfiszierten Gütern bezahlte er dann das Lösegeld für die Hoyaer Gefangenen. (Schluß folgt.) Liemes femUewn. go. Ein WaidmanuS-Dorado ist die zu Madeira gehörende, von der Hauptinsel etwa 10 Seemeilen entfernte Inselgruppe Dcsertas. Schwer zugänglich, sehr zerklüftet, aus drei verschiedenen Inseln be- stehend und mit ganz eigenartigem Wild bevölkert, ist sie das Ziel aller Madeira beiuchendcn Jagdliebhaber, die das Abenteuerliche nicht scheuen. Das Hauptwild der DesertaS find Seehunde und Wild- ziegen. Bei Entdeckung der Insel Madeira fand man diese selber von Seehunden bewohnt. Das erste Städtchen westlich von Funchal heißt noch heute„Seehundslager"; doch haben sich diese Tiere, die nirgendwo auf der nördlichen Halbkugel so südlich angettoffen wurden, vorder immer dichter werdenden Bevölkerung schnell zurück- gezogen imd auf die Desertas beschräntt. Nur sehr selten wird ein verschlagenes Tier an der Küste von Madeira beobachtet. Auf den Desertas ist die Seehundsjagd durchaus nicht leicht. Man kennt einige 10— 12 Felshöhlen am Ufer, deren Eingang meistens unterhalb des Meeresspiegels liegt, wo sich die Tiere über Tag auf- halten und schlafen. Geschickte Taucher dringen behutsam ein und schlagen die Tiere nieder oder scheuchen sie auf und bringen sie so in Schußweite für die in Booten draußen auf dem Anstand stehenden Jäger. Vor einigen Monaten wurden aus einer einzigen lHöhle sieben aufgescheucht aber nur zweizurStrecke gebracht. Die Seehunde der Desertas scheinen dieselbe Art zu sein, wie die des Mittelländischen Meeres: llonaclms albiventer. Den dortigen Fischern sind die Tiere begreiflicherweise sehr verhaßt; denn das Fischen ver- stehen sie am besten, und wo sie sich vermehren, tvird der Fischfang wenig ergiebig. Noch merlwürdiger ist die Wildziegenjagd. Wegen Wassermangels haben die ersten Ansiedler der Desertas die Insel- grnppe aufgeben müssen; neue Ansiedelungen sind später nicht ver- sucht worden; aber die ersten eingeführten und entlaufenen Ziegen haben sich um so besser eingewöhnt, und deren Jagd bietet noch heutzutage fast das einzige Erträgnis dieser Inseln. Ihr Besitzer, ein Bürger aus Funchal, schickt jährlich für mehrere Wochen Leute dahin, die möglichst viel niederschießen. Das Fleisch wird eingesalzen und in Madeira verkauft; die Häute werden ausgefiihrt. Die Wild- ziege ist äußerst scheu und behend und daher ihre Jagd auf dem zerklüfteten und felsigen Boden schwierig.— lo. Teure Parfüms. Dem wegen seiner Bescheidenheit unzählig oft besungenen Veilchen sollte man es gar nicht zutrauen, tvas für ein Wertgegenstand aus ihm werden kann. Um einen einzigen Liter reiner Veilchenessenz zu erhalten, find nämlich 33 000 Kilogramm ftischer Blüten nötig, und da jedes Kilogramni mit 3 M. bewertet tvird und auch noch die Kosten der Zubereitung, Destillation 2c. hinzukommen, so ergiebt sich, daß der Liter jenes Stoffes mit 100 000 Mark noch billig bezahlt wäre. Die Veilchenessenz ist eine grüngelbe Flüssigkeit von starkein Geruch, der aber ziemlich wenig an den des Veilchens selbst erinnert. Erst in einer Verdünnung mit der 6— 10 000fachen Menge Wasser und Alkohol offenbart sich der eigentliche Veilchenduft, gleichzeitig auch ein kräftiger krautarttger Geruch, der von den grünen Kelchblättern der Veilchen- blüte herrührt. Trotz dieses enormen Preises kann die natürliche Essenz oder thr alkoholischer Auszug noch immer niit Nutzen für feine Parfüms verwandt werden neben ihren künstlichen Neben- buhlern Jouon und Jron. Zur Herstellung von 1 Kilogramm Reseda-Essenz sind übrigens gleichfalls 33 000 Kilogramm Blüten- spitzen notivendig und der Marktwert des Erzeugnisses erreicht immerhin noch die stattliche Sunime von 30 000 M. Der Preis des berühmten orientalischen Rosenöls erscheint mit 2000 M. für das Kilogramm dagegen als eine Bagatelle.— Völkerkunde. c. Einen Jndianer-Geheimbund gießt es nach „Le Tour du Monde" auf der V a n c o u v e r- I n s e l. Dort lebt der Stamm der Kouatintl, der sonst sich durchaus nicht durch be« sondere Wildheit von den andren Jndianerstämmen unterscheidet, der sich sogar der Civilisation zugänglich erweist; so tragen die jungen Mädchen bei diesem Stamm mit Vorliebe europäischen Putz. Trotzdem bestehen bei den Kouatintl gewisse schreckliche und ab- stoßende Kannibalenbräuche fort. Sie haben einen Geheimbund, die Ha-mat-sa, in den man nur nach langen und schmerzhaften Einweihungscercmonicn eintreten kann. Nach dem Glauben dieser Wilden gehen die Seelen ihrer berühmtesten Vorfahren ständig in den Wäldern der Insel um, und jedes Mitglied der Verbindung wählt sich unter ihnen einen Schutzgeist aus, der durch die Einweihung in den geheimen Bund Einkehr in seinen Körper hält, ihn mit Tapferkeit erfüllt und ihm übernatürliche Kräfte verleiht. Einer der wichtigsten Totengeister ist der kannibalische Große Geist, der besondere Schutz- Herr der Ha-mat-sa. Jeder, der in den Bund eintreten will, muß von einem Mitglieds abstammen und darf keine Frau außerhalb dieser exklusiven Bruderschaft genommen haben. Hat ein Kouatintl seine Aufnahme beantragt und Zustimmung gefunden, so verschwindet er plötzlich auf drei bis vier Monate, man nimmt an, daß der Kannibalengeist ihn in die Wälder entführt hat, um ihn mit seiner göttlichen straft zu erfüllen. In Wirklichkeit lebt der Kandidat allem im Walde und besucht die Friedhöfe, wo grob geschnitzte Pfähle m Form von Statticn ebenso viele Gräber bezeichnen. Dort schändet er die jüngsten Gräber und übt sich, in die Arme der Leichen hineinntbeißen. Während dieser Zeit herrscht� großes Leben im Tempel des Bundes, einer sehr geräumigen Hütte, deren Inneres in mehrere Gemächer geteilt und mit schrecklichen und grotesken Figuren geschmückt ist. Die Mitglieder der Sekte üben sich unter der Leitung eines Häuptlings im Singen und Tanzen. Der Kandidat soll sich in demselben Augenblick unter der Leitung des Großen Geistes in denselben Tänzen und Gesängen üben. In Wirklichkeit verständigt sich der Häuptling mit dem Kandidaten, der immer uu- sichtbar bleibt, und übt die Tänze und den Gesang so. daß der Schüler des„Großen Geistes" sie von ferne sehen und hören kann. Sjnd diese Uebungen zu Ende, so bereinigen sich die Mitglieder im Azmpel ujtb singen aus vollem Halse, mn den Kandidaten herbei- zuziehen. Dieser nähert sich der heiligen Hütte, deren Darb ein riesiger Rabenschnabel überragt.(Der Rabe stellt den Boten des Großen Geistes dar.) Aber der Held des Tages darf nicht durch die Thür eintreten, weil er noch nicht eingeweiht ist, mit Hilfe eines Steges erklettert er das Dach und steigt durch eine Oeffnung in das Innere der Hütte in ein Gemach neben dem Saal, in dem die Sänger versammelt sind. Plötzlich stürzt ein ganz nackter Mann unter sie, dessen Hals. Arme und Rumpf mit Cedernzlveigen bedeckt sind. Er gebärdet sich wie ein Rasender, springt umher und sucht die ihn Umringenden zu beißen. Es ist der Kandidat, den der „Große Geist" treibt. Man sucht sich seiner zu bemächtigen: er ent- weicht, flieht iu den Wald: man verfolgt ihn und er wirft fich_ auf seine Verfolger und beißt sie kräftig in den Ann. Endlich ist er vom Laufen. Beißen und Schreien ermüdet; er wird lenksamer. man bemächtigt sich seiner und führt ihn in den Tempel zurück. Im zweiten Teil des ProgranimeS singt und tanzt man um ihn, und Lieder wie Tänze sind darauf berechnet, den„Großen Geist" in ihm zu besänftigen und einzuschläfern. Die Tänze und Melodien, die erst wild und stünnisch waren, werden allniählich leise und zart. Der Zauber wirkt, der Kandidat beruhigt sich und nimmt selbst schließlich an dem Tanz teil. Dabei werden schreckliche und riesige Masken getragen: sie stellen Land- oder See- ungeheuer dar," deren Nachkomnicn die Kouatiutls zu sein behaupten. Die Maske des Kandidaten stellt ein ungeheures monströses mensch- liches Gesicht dar. das rechts und links von einem riesigen doppclrcu und gehörnten Schlangenkopf flankiert ist, der eine Zunge von einem Meter Länge hervorstreckt. Die Einführung ist jetzt beendet, der Kandidat ist Mitglied der Gesellschaft; aber ein Jahr lang muß er noch gewisse Riten beobachten, darf nur bestimmte Gerichte essen, sich nur-uf bestimmte Sitze setzen und muß abseits vom Stanune leben.— Aus dem Tierlebe». — Das Stengelälchen als Verursacher von P f l a n z e n k r a n k h e i t e n. Während der letzten Jahre, besonders 1908. wurden iu Holland in verschiedenen Gegenden Erkrankungen der Erbscnpflanzcn beobachtet, die nach den Untersuchungen von I. Ritzema Bos in Amsterdam auf die Anwesenheit des Stengel- älchenS(Tylenchus devastatrix) zurückzuführen sind. Merkwürdig an diesen Erscheinungen ist vor allem, daß man von ihnen in früherer Zeit nie etwas gehört hat, so daß eS den Anschein be- kommt, als habe das Aelchen erst in den letzten Jahren die Eigenschaft angenommen, die Erbsenpflanzen parasitisch zu überfallen. Uebrigens befällt der kleine Rundwurm, ab- gesehen von den Erbsen, nock eine ganze Anzahl weiterer Gewächse. So wurde er 1899 in Algerien, 1890 in England und 1903 in Groningen auch im Innern der Stengel von Garten- und Pferdebohnen beobachtet. Des weiteren fand man die Schädlinge auf den verschiedensten Phloxarten, iu Nelkenpflanzen sowie in Speise- zwiebeln. Endlich entdeckte Ritzema Bos auch an Frühkartoffeln die Stengclälcheir. Die angegriffenen Pflanzen hatten kurze, dicke, ge- drängte Stengel und Blattstiele, ivährend die Blätter gekräuselt und stellenweise gelblich oder bräunlich gefleckt warnt. Die Stengel und Blattsticlchen waren stellenlveise sehr leicht zerbrechlich. Die Kartoffeln blieben größtenteils sehr klein infolge der geringen Laubentwicklung; anfänglich zeigten sie glasige und brüchige Stellen, die sich später bräunten und in großer Anzahl Stengelülchcn enthielten.— („Zeitschrift für Pflanzenkrankheiten.") Technisches. — Störungen bei G a s ni a s ch i it e n. Die amerikanische Zeitschrift„Polver" bringt eine Reihe Mitteilungen über den Gas- maschutenbctricb, von denen die„Schweiz. Werkniztg." folgende wicdergiebt: Hört man bei einer Maschine mit Regulierung durch Aussetzen der Füllung die Stöße des Auspuffs 10 bis lömal hinter- einander, daitit einmal ausbleiben und sich gleich ivieder 13 bis 20mal wiederholen, und haben die Stöße dabei den scharfen Ton, welcher der richtigen Mischung von GaS und Lust und der Zündung unter starker Kompression entspricht, so weiß man, daß die Maschine unbillig belastet ist; sie ivird nicht mehr genügend durch den Wasser- mantel gekühlt, und sollte einmal die Zündung nicht erfolgen, so kann die Maschine zum Stillstand kommen. Ein solcher oft vorgefundener Zustand ist die Folge falscher Sparsamkeit bei Anschaffung oder auch einer nachträglichen Vergrößerung des Be- triebcs. DaS Nichtige aber ist, daß eine Maschine mindestens ein- mal nach 10 bis 12 Vierfachhüben aussetzt. Dann ficht sie ein gelegentliches Versagen der Zündung nicht weiter an. sie wird lange nicht so heiß, während der spezifische Mehrverbrauch an Gas gegenüber dem bei dem oben geschilderten forcierten Gang verschwindend gering ist.— Wer hat nicht auch schon wahrgenommen, wie eine Maschine mehrmals normal auspuffte, dann ein- oder zweimal aussetzte, worauf ein entsetzlicher Knall erfolgte, so daß man glaubte, alles ginge in Stücke? Dies geschieht zwar nicht, aber daS Ding wiederholt sich und der Wärter muß in Todesangst geraten— weil er eben nicht weiß, was loS ist; denn in Wirklichkeit ist die Sache ganz ungefährlich und sehr leicht zu kurieren. Es handelt sich einfach um unexplodicrte Gemische, die in das Auspuffrohr gelangt sind und dort von der Flannne der nächsten Ladung nachträglich entzündet werden; für die entstehende Erplosion ist aber das Auspuffrohr stark genug; höchstens könnte der Schalldämpfer einen Riß bekommen oder ein paar Ziegel losgerissen werden, falls der Auspuff in einen Kamin mündet. Die Ursache der Störung liegt zumeist in der Zündung; vielleicht ist die Batterie zu schwach, so daß sie ab imd zu keinen Funken hcrgicbt, oder der Funken ist gelegentlich so klein, daß das Gasgemisch nicht fängt. Vielleicht ist der Mechanismus der Zündung aus der Adjustierung geraten, so daß die Koutaktpunkte sich nicht mehr treffen, oder diese sind durch Schmutz oder Oxydierung nichtleitend geworden; im Falle von Glührohrzündnng flackert vielleicht die Heizflamme gelegentlich nach einer Seite hin, so daß die EntzündMtgshitze nicht beständig eingehalten wird. Es kann aber auch, statt an der Zündung, an einer zu armen Ladung licgeit. Unter einetn gewissen Prozentsatz des Gases will das Gemisch nicht explodieren und gelangt unverbrannl in den Auspuff; dies kann sich zwei- bis dreimal wiederholen, wo- bei aber ein Teil im Cylinder zurückbleibt, und dieser kann mit der neu hinzutretenden Ladung ein Gemisch bilden, das gerade das richtige Verhältnis hat, sich also entzündet und explodiert, worauf «ach dem Auspuff auch die Entzündung der ntehrereit Ladungen entiprechendcn Gasansainmlungeu im Auspuffrohr erfolgt, welche nunmehr explodiert, da ja die überschlagende Flamme viel kräfttger wirkt als der galvanische Funke im Cylinder.— Humoristisches. — BohSme-Wirtschaft.„So, nun Hab' ich endlich das Hemd gefunden." „So, wo ist es denn gewesen?" „Im Wäscheschrank." „Na, wer kann denn auch auf diese Idee kommen I"— — Schlechte Zeiten. Der Besitzer eines kleinen Theaters trifft im Cafö einen Kollegen und klagt über die schlechten Zeiten. „Ich sage Ihnen, niein Bester," schließt er endlich,„die Schulden wachsen mir über den Kopf. Erst gestern habe ich ivieder Geld auf das Theatergebäude aufnehmen müssen." „Wie heißt auf das Gebäude?" fragt der andre,„erst aufs Haus? Sie Glücklicher I Bei mir steht' schon eine Hypothek auf dem Souffleurkasten."—(„Lustige Blätter".) Notizen. —„Der Freundschaftsbund", eine Komödie von A n t r o p y und H a w e l, wird noch im Laufe dieses Monats die Uraufführung am Raimund-Theater in Wien er- leben.— — Felix Weingartner hat zwei, Kompositionen für achtstinnnigen Chor und Orchester(„ T r a u ni n a ch t" und „Sturmhymnus") veröffentlicht, die voraussichtlich auf dem Musikfest in Sheffield unter Leitung des Komponisten ihre Urauf- führung erleben lverden.— — Die wissenschaftliche Expedition der Engländer Boyd' Alexander und Gosling hat eine große Sammlung von Tieren heim- gesandt, die sie im Gebiete des T s ch a d s e e s und i>t Nord- Nigeria erbeutet hat, darttttter namentlich prächtige Exemplare von Hochwild, einer Reihe von Arten, von denen einige bisher ganz unbekannt gewesen sind, auch das Fell einer Giraffe, von der im westlichen Teil von Afrika noch kein einziges Stück erlegt worden war.— —„Sansibar-Aepfel" kosten in feinen Restaurants zu New Dork das Stück 400 M. Die Dinger sollen so groß sein wie Kohlrüben.— — Eine Neubildung auf dem Monde ist, wie die „Köln. Ztg." berichtet, von Professor William H. Pickering auf dem Lowe-Ovservatorium in Kalifornien beobachtet worden. Sie befindet sich in der inneren Fläche der Wallebene Plato, sehr nahe an deren westlichem Ningwall. Dort sah Professor Pickering am 31. Juli ein hellcS, dunstiges Objekt von cttva 4000 Meter im Durch- tnefser, das in den Tagen vom 21. bis 28. Juli nicht gesehen worden war. Am 2. August erschien an Stelle des hellen Flecks ein dunkler, läuglichninder Schatten, ähnlich einein Krater mit einem Durchmesser von ungefähr 3000 Meter, und nördlich wie nordöstlich davon ein großer weißer Fleck. Das Objekt befindet sich in der Nähe eines sehr kleinen schon früher bekannten Kraters. Ein Telegramm vom 22. August bestättgt die Wahrnehmung und enthält die Angabe, daß der neue Krater einen Durchmesser von etwa drei englischen Meilen(ungefähr 3000 Meter) zeigt, und daß die helle Fläche sich seit dem 3. August merklich verändert habe. Weitere Beobachtungen werden zeigen, wie es sich init diesem Krater ver- hält; jedenfalls aber ist zu bemerken, daß er überhaupt«ur von geübten Mondforschern mit großen Fernrohren gescheit werden kaitn und dem Laien nicht in die Augen fällt.— — Bei einer Schönheitskonkurrenz für Männer in Chemnitz erhielt den ersten Preis ein schlank gebauter Post- assistent, den zweiten infolge seiner seltenen Muskulatur ein— Schneider.— Perantwortl. Redakteur: Franz Rchbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LW.