Anterhallungsblatt des Horwürts Nr. 183. Dlenstag, den 20. September. 1904 (Nachdruck verboten.) 30] Die flucht» Von K. Bagrynowski. � Samuel ging, und die andren verfolgten Eugeniens Hand, die im Wörterbuche blätterte, mit fieberhafter Spannung. „Nun, und wenn sie... uns holen kommen?" flüsterte Woronin plötzlich. Ueber ihre Gesichter zuckte es wie ein Blitz. „Nein, das ist unmöglich." „Weshalb? Würde ich nicht alles dransetzen, die andren zu befreien� wenn ich von hier fortkäme? Vielleicht hat irgend ein Flüchtling eine Expedition organisiert? Solch ein Unternehmen steht sicher im Bereiche der Möglichkeit. Sie sind nur infolge eines Irrtums an die Mündung der Lena ge- raten. Ihr Ziel war sicherlich die Mündung des Tschurdschnj. Oder wollten sie die Verbannten in Jakutsk befreien und haben sich verspätet? Auch das bann möglich sein." Samuel kehrte mit dem Rapport zurück. „Der Jsprawnik hat ihn gar nicht hergeben wollen. Ich mußte inein Ehrenwort verpfänden, daß er ihn zurückbekommt. Hört:„In dem Nachtasyl von Tumalsk, bei dem Fischer Trofim Tschalkaj, sind unbekannte Leute vom Meere her erschienen, in einem ktipserbeschlagenen guten btajak, der ein Segel hat. Und was das sür Leute sind, ist mir nicht bekannt. Denn ihre Sprache sind„Mätzchen" und das jlreuz, das sie schlagen, ist nicht von unsrem Glauben. Daher frage ich bei Euer Hoch- wohlgeboren unterthänigst an, was Euer Hochwohlgeboren zu thnn befehlen, denn es können Schmuggler sein, die mit geistigen Getränken handeln, oder mit verbotenem Tabak. Und obgleich sie nichts haben, als gute Gewehre und sehr zerlumpte Kleider— also weiß ich nicht, ob ich sie soll bewachen lassen oder binden, denn ich Hab' wenig Leute, indem ich um Kosaken ersuchen muß. Und Mehl und Fleisch essen sie auch viel, so daß ich dasselbige aus den Vkagazmen verabreichen mußte, und ich weiß nicht, woher die zahlende Verantwortung kommen wird -— ich müßte ihnen gerade ihre Gewehre und die Kajaks in Be- schlag nehmen, die außer dem Ktipfer nichts wert sind, denn sie sind tief lind für Seereisen eingerichtet, nicht für hiesiges Faht- Wasser. Jene Fremden sind ruhige Leute, aber sie lassen sehr bitten, den beigefügten Zettel per telegraphischen Draht weiterzuschicken. Ich iverde unentwegt thnn. was Euer Hochwohlgeboren zu befehlen geruhen und beschließen, worum ich ersuche. S. W. Eharlamofs, Wachtmeister am Meer." „Was sagt der Jsprawnik dazu?" „Darüber ist er sich selbst noch nicht klar. Er glaubt auch, es können Schmuggler sein... oder was schlimmeres. Aber was— das hat er nicht gesagt." „Jedenfalls ist er verpflichtet, ihnen zu essen zu geben und sie mit warmen Kleidern zu verschen. Die Depesche muß gleich an den Gouverneur abgeschickt werden. Das muß er thnn: sie ist an den amerikanischen Botschafter adressiert. Sag' ihm das!" „?lm besten war's, wenn er sie alle herkommen ließe; dann würde er alles erfahren." „Das ist's ja eben! Ich glaube, er fürchtet nichts so sehr. wie ihr Eintreffen bei uns." „Mag er sie fürchten, aber thun muß er's!" ereiferten sich die Verbannten.„Sag' ihm, wir rieten ihm dringend, die Fremden herkoninien zu lassen." Sainuel nahm den Zettel und den Rapport und ging. Die Verbailnten aber blieben zurück und berieten, was sie an- fangen sollten, wenn der Jsprawnik die geheimnisvolle Expe- dition nicht nach Dschurdschnj kommen lassen wollte oder gar beabsichtigte, sie die eisbedeckte Lena entlang direkt nach Jakutsk zu schicken. 7. Einer der festlichsten Tage im Kalender von Dschurdschnj war angebrochen: der Namenstag des Herrn Jsprawnik. Tie Sonne hatte sich auf der Höhe der Situation gezeigt: sie war klar und strahlend aufgegangen und überflutete den blassen Winterhinimel und den fleckenlosen Schnee mit goldenem Licht. Vor dem Hause, das der Held des Tages bewohnte, fuhren alle Augenblicke reichgeschmückte Schlitten vor tmd ließen ihre Blech- und Messingverzierungen in der Sonne blitzen. Be- häbige Pelzumhüllte Gestalten stiegen aus, erklommen die iniö gelbem Sand bestreuten Stufen und traten ins Vorhaus. Die Etiquette erheischte es, daß auch diejenigen angefahren kamen, die nur einige Schritt weit wohnten. Zu Fuß kamen nutf „minderwertige" Leute— nur die Habenichtse. Aber auch! diese gingen— sofern sie die glücklichen Besitzer von einem „Gehrock und Stiefeln" waren— nicht durch die Küche, sondern „vorn herum".„Gehrock und Stiefel"— das war das erste, was der erwachende Ehrgeiz der Einwohner von Dschurdschnj erträumte; der Besitz dieser Luxusgegcnstände erhob den Eigen- tümer mit einem Schlage arif die erste Stufe der gesellschaft« lichen Leiter, unterhalb derselben existierte nur noch der „Pöbel", der Jakutenstiefcl trug und keine Idee von gesellschaft- lichen Formen hatte.„Gehrock und Stiefel"— das war der Talisman, der den Besitzer berechtigte, vom Jsprawnik zum „Nainenstagspjerog", zum„Ball" und zu andren städtischen Festlichkeiten eingeladen zu werden. Die Namenstagsfeier fand immer in derselben, althergebrachten Weise statt. Erik kamen die Gratulanten, um ihre„herzlichen Glückwünsche" in kurzen Worten darzubringen. Sie bekamen eine Tasse Thee, schlürften den duftenden Trank gemächlich und unterhielten sich über das Wetter und die werte Gesundheit und steckten nach jedem Schluck ern kleines Stückchen Zucker in den Mund. Nur unerfahrene Neulinge waren verwegen genug, von den auf dem, Tische stehenden Leckerbissen zu kosten. Den Weltgewandten, die in diesen Augenblicken nur für den Gastgeber Augen hatten. blieben diese irdischen Dinge stets gleichgültig. Besonders aber hüteten sie sich vor den Kuchen, denn sie wußten nur zu wohl, daß diese nur zum Schniuck da waren, und von den jeweiligen Wirtinnen des Jsprawniks von Jahr zu Jahr aufgehoben und tief im Schranke verborgen wurden. Sie wußten überdies, daß die Vernichtung eines dieser ehrwürdigen Familienstücke ihnen den unversöhnlichen Haß dieser Damen zuziehen würde. Nach der„Herrenparade", die am Morgen stattfand, kam eine kurze Pause, und dann versammelten sich die Gäste wieder zum„Pjerog". Diese Nummer des Festes dauerte gewöhnlich bis spät in die Nacht hinein und ging in den„Ball" über. Karten waren bei dieser Festlichkeit ausgeschlossen. Ter erste Gast, der nachmittags im Wohnzimnier des Herrn Jsprawnik erschien, war der Doktor. „Ich komme aus dem Spital und bin unterwegs um- gekehrt, denn ich dachte: warum sollst du die teure Zeit verlieren und Umstände machen, von denen niemand etwas hat. Und somit bin ich da. Meine Frau kommt später nach," erklärte er. Er fuhr sich mit der Hand drirch das goldblonde, zerzauste Haar und wischte sich das rote, feuchte Gesicht und den unrein- lichen Bart. Ein zerknitterter, mit dem Ordensband ge- schmückter Rock hing lose um seine mageren Schnltcrn; die langen, krummen Beine, die in schwarzen Unaussprechlichen steckten, ftihreir alle Augenblicke auseinander, als»vollten sie den langen, ungeschickten Schößen entfliehen. Er blinzelte begierig nach dem Tischchen, das zwischen den Fenstern unter einem Spiegel stand und eine ganze Batterie von verschieden- farbigen Flaschen aufwies. Der Jsprawnik that. als sähe er die Blicke seines Gastes nicht. „Sie haben ein gutes Werk gethan, daß Sie gekommen sind, Excellenz, denn ich habe Sie um Rat frageir wollen," sagte er, niit besorgter Miene im Zimmer auf- und abgehend.„Ich habe die'Nachricht erhalten, daß die Amerikaner heute kommen und bin daher gezwungen, die Gesellschaft aufzuschieben." „Wa— a— a— s?" fragte der Doktor gedehnt, und seine Beine beschrieben einen so gewagten Kreis, daß der ihn eben streifende Jsprawnik rim ein Haar gestolpert wäre. „Ich möchte doch mal sehen, wie Sie mit Ihrer Frau Arm in Arm gehen, Excellenz!" sagte er, indem er das Herumzucken der Doktorbeine betrachtete.___ „Sie hält sich iinmer in einer gewissen Entfernung! er- klärte dieser gutmütig.„Aber darauf kommt's jetzt nicht an; wichtiger ist, was Sie thun wollen, wenn sie kommen.� Es ist empörend, geradezu empörend, daß sie gerade diesen Tag ge- wählt haben! Haben sie nicht andre sechs Tage in der Woche zur Verfügung? Diese Amerikaner haben nicht die geringste Lebensart! Jede Demokratie verrät eine plebejische Herkunft. Nicht die leiseste Idee von Anstand," ereiferte sich der Aeskulap. „Ja, sie haben einen schlechten Tag gewählt, aber was ist Bö zu thun? Rücksichten auf die internationale Politik gebieten mir, sie höflich aufzunehmen. Sie gehören einer befreundeten Nation an." „Rücksichten auf die internationale Politik--." murrte der Arzt.„Wissen Sie, wir wollen ein Gläschen trinkenl's ist schade um die Zeit," fügte er lebhast hinzu. „Oh bitte!" antwortete der Jsprawnik kühl. Da er aber keine Anstalten machte, die Gläser zu füllen, faßte der Doktor einen verzweifelten Entschluß, trat an das Tischchen und holte mit zitternder Hand eine Flasche von dem ihm so teuren„Un- gemischten— vaterländischen." hervor. „Wissen Sie, Herr Jsprawnik!" begann er schon fröh- licher, als er das„erste, das kleinste" genehmigt hatte. „Friede sei diesem Hause beschieden I" erschallte plötzlich ein tiefer Bah von der Thür her. Sie wandten den Kopf und riefen dem Vater Pretosewj gleichzeitig entgegen: „Ach, willkommen!... Sie kommen gerade zur rechten Zeit," rief der Doktor lebhaft. (Fortsetzung folgt.), (Nnchdrint öcvBoten.) Geographifcbe Stappen. Nur allmählich tritt die wissenschaftliche Erforschung der Erde aus dem Dunkel hervor. Jahrtausende sind notwendig gewesen, um dasselbe zu erhelle», und noch heute liegt vieles im Schatten. Eine geographische Beschreibung der Erde kann nicht in chronologischem Zusammenhange gegeben werden. Auf harmonische Weise das Ganze nach seiner historischen und physikalischen Seite darzustellen, ist rein unmöglich, denn die Einzelländer treten in ganz verschiedenen Zeiten aus ihrer Dunkelheit heraus. Die mannigfaltigen Verhältnisse des Zustandcs der Erde bis zur Gegenwart lernen wir nur aus der Geschichte kennen. Die Entdeckungen bilden einen Teil derselben. Nur von den gebildeten Nationen des Altertums sind denen der Neu- zeit Kenntnisse der Erdoberfläche überliefert worden. Die unge- bildeteren Völker haben zwar eine Kunde ihrer Heimat, aber keine Erdkunde. Die Indianer Nordamerikas kennen ebenso wie die am Amazonenstrorn genau ihre Urwälder und finden oder fanden die Urwälder auf Hunderte von Meilen. Die Beduinen verfolgen durch die Mitte ihrer meeresgleichen Wüsten mit Sicherheit ihren Weg; die Eskimos der Polarzone zeichneten sogar mit Kohle auf Birken- rinde für die britischen Seekapitäne die Küsten und Inseln ihres weiten, furchtbaren Eismeeres und zeigten ihnen so die Wege zu den Eingängen der Nordwestpassage. Der Malaie weiß auf uu- ermcßlicher Mecresfläche den Weg, den er steuern muß, um die nächste Inselgruppe zu erreichen. Aber weiter kommt er nicht, wenn er nicht durch eine oceanischc Strömung verschlagen wird. Ucbcr die Heimat, über das nächste Bedürfnis, reicht die Kenntnis solcher Naturvölker nicht hinaus. Aber zwischen der Kenntnis der Heimat und der Wissenschaft von der Erde überhaupt ist ein großer Unterschied. Die Erdkunde setzt sich aus einer Summe von Erkenntnissen zusammen, zu denen alle europäischen Völker einen Teil beigetragen haben; ihre Ge- schichte gewährt Gelegenheit zu spannenden Vergleichen; denn in der Art ihrer Leistungen spiegeln sich sowohl der Genius als auch die politischen Schicksale der einzelnen Völker wieder. So gehört das Mittelalter ganz entschieden den Italienern an, die seitdem mehr und mehr verschwinden. In der Zeit von Regiomontan bis auf Kepler sind die Deutschen allen andern Nationen weit überlegen; dann kommt die holländische Schule auf. Seit dem Jahre 1696 aber bereinigt sich aller Glanz auf Paris und verweilt dort bis etwa um das Jahr 1766. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts treten die Briten wieder in den Vordergrund; das nächste Jahrhundert «der gehört wieder den Deutschen, und eS gehört ihnen bis fast in das jetzige Jahrhundert hinein. Gerade im 19. Jahrhundert, dem wir wie keinem andern die gewaltigen Fortschritte in der Er- schließung neuer Erdräume verdanken, sind auch die nächsten Ziele der wissenschaftlichen Geographie vollständig klar geworden, die früher noch vollständig unsicher und unklar waren. Diese Epoche knüpft hauptsächlich an die drei Namen an: v. Humboldt, v. Buch und Ritter. Sic suchten erst eine diesen Namen verdienende Erdkunde und hoben nach und nach an Stelle Frankreichs, das um die Jahreswende auf allen Gebieten menschlicher Geistes- bethätigung die Vormacht darstellte, in geographischer Beziehung Deutschland zum führenden Lande. Zwei der Männer starben im gleichen Jahre 1869, während der Dritte nicht lange zuvor aus dem Leben geschieden war; so fügt es sich ganz von selbst, daß der Zeit- räum, dem dieses Dreigestirn seinen Stempel aufgedrückt hat, mit den ersten sechs Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gerade zusammen- fällt. Alexander v. Humboldt, dessen Meisterschaft in der Kunst des wissenschaftlichen Reifens die Welt neidlos anerkannt hat, war mehr als fünfzig Jahre lang der Repräsentant alles dessen, was in der Lehre von der Erde an neuen Erkenntnissen gewonnen wurde. Man kann sagen, daß er im Bereiche des wissenschaftlichen Reifens als grundstürzender Reformer aufgetreten ist. Gewiß hat eS auch vor ihm schon Forscher gegeben, welche die Augen offen hatten, und nicht bloß specielle Zwecke verfolgten, wie dies wohl so mancher— an und für sich auch der vollsten Anerkennung würdige— gethan hat, Allein die Vielseitigkeit A. v. Humboldts steht eben doch einzig da, und ganz unerreicht ist er auch geblieben in seiner Kunst, zwischen entfernten Dingen Verbindungen herzustellen, das Verschiedenste unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt zu bringen, dem Spccialisten- tum die Notwendigkeit in das Gedächtnis zurückzurufen, daß das einzelne Resultat für sich allein noch nicht befriedigt, sondern nur als Teil eines großen Ganzen den richtigen Platz einnimmt. Es ist nicht zu leugnen, daß jener Epoche stürmischer Begeisterung, die um Mitte des Jahrhunderts erlebt wurde, eine Begeisterung, die mit- unter zur übertriebenen Verhimmelung ausartete, später der übliche Rückschlag erfolgt ist, und daß man dann, im Bewußtsein, es da und dort ungeheuer viel weiter gebracht zu haben, den großen Mann gar nicht mehr als produktiven Forscher gelten lassen, sondern ihm höchstens wegen seiner Verdienste um die Popularisierung und Ver» breitung der Wissenschaft ein kühl gemäßigtes Lob zuerkennen wollte. Die objektiv ihren Wahlspruch abgebende Geschichtserzählung muß demgegenüber daran festhalten, daß in A. v. Humboldt, der den „Kosmos" schrieb und in ihm zuerst ein wohlgegliedcrtes System der Weltphysik aufstellte, auch ein schöpferischer Geist allerersten Ranges verehrt werden sollte. Im Bunde mit seinem Jugendfreunde, zu dem wir gleich nachher übergehen werden, bat er die Erdbildungs- lehre aus dem Banne einseitig neptunistischer Lchrmeinungen er- löst, in dem sie von hundert Jahren befangen war; nahezu allein hat er die vergleichende Klimatologie geschaffen und die Lehre vom Erdniagnetismus, die bis dahin in den Lehrbüchern nur ein ziemlich unscheinbares Dasein führte, zu einer selbständigen und geachteten Disciplin erhoben. Was er aber für die historische Seite der Erd- künde und hier wieder hauptsächlich für das Verständnis des Eut- dcckungszeitalters geleistet, das ist teilweise noch heutigen Tages nicht Übertrossen. Nicht der mindeste Zweifel endlich kann darüber de- stehen, daß die Lehre von der geographischen Verbreitung der Ge- wachse vor ihm ganz und gar in den Kinderschuhen stak und als Wissenschaft das Gepräge Humboldtschen Geistes und Humboldtscher Kombinationsgabe trägt. Leopold v. Buch(vergl. Siegmund Günther,„Eutstehungs- gcschichtc") ist fast in jeder Hinsicht der unzertrennliche Genosse seines Landsmannes, obwohl es hinsichtlich des Charakters keine größeren Gegensätze als die zwei Söhne der märkischen Erde geben kann. Beide studierten Bcrgbaukunde an der nicht sehr lange zuvor begründeten, aber schnell zu hohem Rufe gelangten Bergakadeniie zu Freiberg in Sachsen, welcher der Mineraloge A. G. Werner(1749 bis 1817) vorstand. Das„oryktognostische" Lehrgebäude dieses zwar etwas einseitigen, aber auch mit so manchen Kennzeichen des echten Genius begabten Mannes stand um 1866 in ungeschwächter Achtung. Danach waren so gut wie alle Gesteine, die am Aufbau der Erdrinde einen irgendwie beträchtlichen Anteil nehmen, Niederschläge aus der Wasserhülle,'welche in früher geologischer Vorzeit unfern Planeten umgab, und die Vulkane, welche mit„Erdbrändcn", d. h. mit ent- zündeten Kohlen- und Schwefelkieslagcrn auf die gleiche Stufe ge- stellt werden, haben bei der Gestaltung der gegenwärtigen Erd- oberfläche nicht in irgend nennenswertem Maße mitgewirkt. Man sieht, daß Werner, der erst in späteren Jahren über die Grenzen Kursachsens hinausgekommen ist, sich den ihn uiugebenden Eindrücken nicht zu entziehen vermochte und die enge Welt, in der er sich berufs- mähig besser als irgend ein andrer auskannte, ohne weiteres zum Maßstäbe aller Dinge machen wollte. So trug seine Lehre den Keim des Verfalles in sich, aber es dauerte Jahrzehnte, bis man an den autoritativen Aeußerungen des berühmten Montanisten Kritik zu üben wagte. So haben denn auch A. v. Humboldt und L. v. Buch in ihren Fugendarbeiten das Frcibcrger Glaubensbekenntnis nicht nur anstandslos hingenommen, sondern auch nach Kräften durch neue Beweisgründe zu stützen gesucht. Erst als ihr Blick durch Reisen geschärft und ihnen eine Fülle von Naturerscheinungen zugänglich geworden war, vollzogen sie, zuerst schüchtern, dann aber immer entschiedener, den Bruch mit ihrer Vergangenheit, und als Werner starb, war der noch vor kurzem in einen Winkel verbannte Vul- kanismus eine Macht geworden, deren Anhänger freilich nur zu bald in den Fehler aller siegreichen Parteien verfielen und die alte Wahrheit verachteten, daß die Natur mit weit mehr Mitteln arbeitet, als der Mensch in doktrinärem Wahne zugeben will. Die Sinnesänderung bereitete sich bei dem ersten der beiden großen Erneuerer der dynamischen Geologie vor, als er den Pik von Tenerifa bestieg, und die Südamerikanischen Feucrberge voll- endeten bei A. v. Humboldt den Sieg der vulkanischen Natur- anschauung. Für seinen Genossen wurden maßgebend der Vesuv und die eine beredte Sprache sprechenden ausgebrannten Vulkane des französischen Centraiplateaus, so daß die auch für andre Zweige der Weltkunde wichtig gewordene Reise nach den Kanarischen Inseln, die er 1816 unternahm und in einem klassischen Werke von 1326 beschrieb, nur noch offene Thürcn einzustoßen hatte. Gewiß haben sich auch v. Buchs vulkanische Theorien, für deren Weiterbildung namentlich der Engländer G. Poulett-Scrope(1797— 1875) und der Franzose L. Elie de Beaumont(1793— 1874) thätig waren, nicht durchweg bewährt, aber gerade seine viel angefochtenen„Erhebungs- kratcr" haben nachmals eine gewisse Rechtfertigung durch den Nach- weis gefunden, daß es Vulkane ohne Krater giebt, und daß dieselben in früheren Perioden der Erdgeschichte sogar besonders zahlreich das Antlitz der Erde verändern geholfen haben. (Schluß folgt.) Kleines f euilleton. ur. Wenn der Wind Pfeift. Da oben in den« Lokal, wo das Wetter gemacht wird, herrschte großes Vergnügen, Die Wolken und der Regen und der Nebel saßen gemütlich am Tische bei einer großen Weißen und erzählten sich alte Geschichten. Der Wetternrann kauerte in einer Ecke und schlief. Er war total beschmort. Den Wind hatte man in den Schornstein gesperrt und oben darüber eine Eisenplatte gelegt, damit er nicht entwischen und Unfug anrichten konnte. Er war der einzige, der jederzeit zu entwischen suchte und gewaltsam zurückgehalten werden mußte. Die andern waren froh, wenn sie nicht weggeschickt wurden. Der Wettermann war mit der Zeit immer schlapper geworden, er bekümmerte sich um nichts mehr. So saß denn alles vergnügt im Lokal, trank, spielte, sang und gröhlte. Draußen brannte die Sonne, daß alles verzweifelte. Keine Wollen, kein Regen, kein Wind brachte Linderung. Eine Zeit lang ließen die Menschen es sich ruhig gefallen. Dann begannen sie aber immer mehr zu murren und zu schimpfen. Alte grimmige glüche drangen hinauf zu dem Lokal. Der Wettermann hörte aber die meisten nicht, weil er immer betrunken war und schlief, und in dem Lokal war ein solcher Lärm, daß man überhaupt nur selten etwas von draußen hörte. Schließlich wurde aber das Gemurre inuner lauter. Alte Seeleute fluchten, wie sie noch nie geflucht hatten, und das will was heißen. Die Bauern drohten, nicht mehr in die Kirche zu gehen, und kein Mensch wollte mehr etwas für wohlthätige Zwecke ausgeben. Es liefen Be- schwerden über Beschwerden ein. Der alte Wettermann rieb sich die Augen. Verdammt I sagte er, der Schlendrian kann nun wirklich nicht mehr so weiter gehen. Wir müssen etwas thnn. Es vergingen zwar noch ein paar Wochen, ehe er etwas that. Aber schließlich wurde die Mißstimmung auf der Erde doch zu groß, so daß man dem Volkswillen nachgeben mußte. Nun forderte der Wettermann den Regen auf, an die Arbeit zu gehen. Ach, sagte der, erst können doch die Wolke» einmal los- schieben! Nun wandte sich jener an die Wolken. Ach, meinten die, schicken Sie doch den Wind, der ist froh, wenn er einmal wegsausenkann. Der Wettermann kratzte sich hinter den Ohren. Gerade sehr zur Beruhigung der Gemüter wird das auch nicht beitragen I dachte er. Diesen staubigen Bengel sieht auch niemand gern, vollends seitdem die Dampfschiffe und die Dampfmühlen erfunden worden sind. Da aber niemand gehen wollte, so mußte der Wettermann doch den Wind schicken. Er machte die Schornsteinthllr auf und rief den Wind an. Der kauerte seit Monaten hier und war ganz dürr bor Hunger geworden. Junge, es gicbt Arbeit I Der Wind brüllte vor Wut und Eifer. Wie lange darf ich aus bleiben? Ach meinetwegen bleib' und tobe dich aus, du alter Galgenstrick. Die Leute wollen was sehen fiir's Geld. Bloß daß du nicht gar zu viel Unfug machst. Der Wind heulte vor Vergnügen. Im Nu war er aus dem Schornstein heraus und stürzte kopfüber, kopfunter auf die Erde. In der Rhein- und Moselgegend sauste er nieder und brach sich beinahe das Genick an den Bergen. Die Weinbergpfähle krachten in Stücke und die Reben wurden zu Boden geworfen. Dann wandte er sich südwärts, ritz auf der Bergstraße das Obst von den Bäumen und stürzte im Heidelberger Schloßpark ein paar alte Eichen um. Da er aber Sehnsucht nach Preußen hatte, so richtete er sich nach Nordosten, jagte rutschnüber über den thüringer Wald, riß in Halle an der Saale einen Fabrikschornstein um und brachte auf der Elbe bei Wittenberg ein Segelboot zum Kentern, wobei zwei Insassen, ein altes Fräulein und rhr Hund, erttanken. Run zog er in die Mark ein, wo er immer gern verweilte und rannte sich auf den langen Sandfeldern beinahe den Atem aus. Dann stürzte er sich in irgend ein Dorf. Hier riß er die alten, morschen Zäune um, dann jagte er über die Straße und faßte dabei mit beiden Händen in den Staub und warf ihn dem Küster zum Fenster hinein. Da das fensler offen stand, so sprang er selbst hinein in die Stube, wo die üstersrau gerade Bettfcdern auf dem Tische liegen hatte. Dieblies er auseinander, daß es aussah wie ein Schneegestöber. Die Hälfte davon riß er an sich und sprang mit ihnen aus dem gegenüber- liegenden, geöffneten Fenster wieder aus dem Hause heraus, nicht jedoch, ohne vorher eine Wasserkaraffe herabzureitzen, die auf dem Fensterbrette stand. Jenseits des Hauses ging gerade ein'Hochzeitszug vorüber. Darunter mischte er sich, blies den ehrbaren Frauen die Kleider auf und trieb den Männern die schwarzen Hüte vom Kopf herunter in den Gänsepfuhl. Beim Elsenbauer riß er das Scheunen- thor aus den Angeln, so daß dieses einstürzte und ein junges Schwein, sowie zwei Hühner und ein Küken erschlug. Der Witlve Stubske deckte er das halbe Dach ab, nahm den einen Stein an sich und warf damit ihres Nachbarn Fenster ein, worauf dieser später einen Prozeß anstrengen mußte, weil die Witwe gutwillig nicht Schadensersatz leisten wollte. So verlustierte sich der Wind auch noch an andren Orten. Darüber war aber alles in den Zeitungen zu lesen. Bloß dieses hier hat noch nicht drin gestanden.— sn. Die Ehrenrettung der Wüste. Unter einer Wüste stellt man sich gewöhnlich etwas Schreckliches vor, dem man möglichst aus dem Wege geht. In der Hauptsache ist diese Ansicht auch berechtigt, aber sogar die Wüste hat ihren Vorzug, der im Klima liegt. Dieselbe Sahara, die sich wie ein Reich des Todes zwischen die Bergländer der nordafrikanischen Küste und die tropischen Gebiete des Niger legt, wird in ihren östlichsten Auslaufen bereits als Luftkurort, namentlich von Lungen- und Nervenkranken benutzt. Noch besser eignet sich bielleicht die große Syrische Wüste zu solchem Zweck. Nach einer jetzt im.Mouvement Göographic" veröffentlichten Schilderung ist das Klima dieses Bereiches außerordentlich gesund. Die Meereshöhe beträgt im Durchschnitt SSV Meter. Die Nächte find sehr frisch und feucht. Der in den meisten Jahreszeiten völlig wolkenlose Himmel und die wunderbare Reinheit der Luft giebt nicht nur den Strahlen der Sonne eine stärkere Wirkung. sonder» läßt auch des Nachts die Sterne mit einem unvergleichlichen Glanz wie Brillanten erftmkeln. Den Schatten muß der Mensch dort freilich selbst mitbringen, die Natur hat dafür nicht gesorgt. Glücklicherweise aber erhebt sich jeden Vormittag ein ziemlich frischer Wind, der erst am Nachmittag wieder erstirbt, und macht während der ersten Hälfte des Tages die Hitze erträglich. Trotzdem dürfte man den dort üblichen„Keffije", ein den ganzen Kopf und Hals verhüllendes Tuch, kauni für einige Minuten ablegen, ohne von den Sonnenstrahlen zu Tode gettoffen zu loerden. Die Araber legen ihren dicken Mantel aus Kamels- haaren überhaupt nie ab; er dient ihnen am Tage zum Schutz gegen die Hitze, während der Nacht gegen Kälte und Nässe. Unsre leichten Kleider würden zu beiden Zwecken unnütz sein. Trotzdem wird den Arabern jede nicht genügend geschützte Stelle des Gesichts völlig verbrannt, und die Haut schält sich alle 8—6 Tage ab, um sich wieder zu erneuern. Da die Lust fast während des ganzen Jahres sehr trocken ist, giebt es dort keinen Schweiß oder vielmehr er verdampft im Augenblick, wie er an die Oberfläche des Körper? kommt. Dank diesem Umstand und dem kühlen West ist das Klima der Syrischen Wüste ganz erttäglich, wenn man sich nur genügend gegen den Sonnenstich schützt. Auch die Augen fteilich müssen während des TageS wohl in Acht genommen werden, da das von der Erdoberfläche blendend zurückgeworfene Sonnenlicht sonst unfehlbar Augenentzündungcn hervorruft, zumal der Boden bielfach aus weißem Kreidegestein be- steht. Daher findet man auch in Syrien und Palästina so viele Blinde. Immerhin kann man die Augen leicht durch dunkle Gläser schützen. Der Winter, d. h. die Regenzeit, dauert von November bis Ende März; die ersten Regenschauer fallen gewöhnlich im Oktober. Die Niederschläge sind nicht sehr häufig, dauern dafür aber oft mit großer Heftigkeit mehrere Tage an, so daß sie zuiveilcn die Zelte der Beduinen fortschwemmen. Bald aber sind die schnell entstandenen Seen und Gießbnche wieder ausgetrocknet und der Himmel strahlt wieder in wolkenloser Reinheit. Im April und Mai wird die Wüste freilich unangenehm durch einen überaus heißen und trockenen Südwind, der von den Arabern„Küumsni"(Fünfzig) genannt wird, weil er angeblich fünfzig Tage lang nach Osten weht.— Theater. Deutsches Theater.„ Kettenglieder'. Ein ftöh- liches Spiel am häuslichen Herd in vier Akten von Hermann Hehermans. Uebersetzt von Franziska de Graaf.— Der holländische Dichter hat etwa? Bohrend-EindringlichcS in seinen Schauspielen. Langsam ziehen die Scenen vorüber, reihen sich ohne den Rhythmus einer eigentlich dramatischen Entwicklung an ein- ander. Nicht ein Werden, Konflikte und ihre Lösung, das Zuständ- liche ist Ziel der Darstellung, und dazu kehrt sie in immer neuen Wiederholungen zurück. Es ist Monotonie, aber Monotonie, die nnt künstlerischem Instinkt verwendet, nicht abstumpfend, sondern seltsam aufwühlend und erregend wirkt, die in höchster Intensität den Lebensjamwer, den Gleichklang enger, täglich sich erneuernder Qual, uns im Gefühle miterleben läßt. Ein'Mustertypus dieser Heyer- mansschen Stilart ist sein große?, berühmt gewordenes Seestück: „Hoffnung auf Segen", insonderheit der dritte Akt, wo in furcht- barer Gleichförmigkeit die Klage der angstvoll zusammengekauerten Schiffcrfrauen niederrauscht, die unentrinnbare und ewig gleiche Tragik ihres Loses wiederholend. Auch„Ora. et labora"(„Bet und arbeit"), das kleine, im Vorjahr vom Deutschen Theater aufgeführte Proletarierdrama hat ganz ausgeprägt jenen verweilenden, sich wiederholenden Tonfall, aus dem, als Wiederhall der Dinge sich ttübe und schwer eine tiefe melancholische Stimmung, die Zer- streutheit der Genrcscene zu künstlerischer Einheit zusammenfassend, losringt. Unvergeßlich prägt sie das Gefühl sich ein. In dem neuen bürgerlichen Schauspiel HeyermannS sind starke Proben solcher lyrischen Kraft; auch hier ist wieder daS Beharren, Wiederholen in sehr charakjetistischer Weise zur Steigerung des Ein- drucks benützt. Aber ein voller, einheitlicher Zusammenklang wird dennoch nicht erreicht. Die angesponnenen Fäden laufen am Schluß in krauser Weise durcheinander und so verwischt sich zuletzt der Ein» druck des Typischen, auf den diese bittere Satire bürgerlicher Ehe- und Familienmisere ursprünglich zugeschnitten ist. HancraS Duif, der Gründer und Leiter des Stahlwerks„Kette", hat bei der Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft die Direktorenstelle seinem ältesten Sohne übertragen und sich selbst, kränklich wie er sich fühlt, mit einem bloßen Ehrentitel abspeisen lassen. Es ist ein etwas wunderlicher alter Herr, formlos in feinen Späßchen, in der aufdringlichen Galanterie, mit der er das Fräulein, das ihn während seiner Krankheit pflegte, hofiert, dabei von jäh auf- brausender Heftigkeit, aber im Grunde eine ivarm empfindende schlichte und gediegene Natur. Voll Stolz denkt er daran, wie er als Schmiedegesell begonnen, und den armen Kameraden, mit dem er einst zusammen gearbeitet, der ihm das Leben rettete, nimmt er zur höchsten Entrüstung des korrekten Sohnes mit offenen Armen auf. Der erste Akt, in dem Comptoir de? Stahlwerke? spielend, deutet die Nichtimg des Dramas, die Gegensätze, deren Entfaltung uns der Dichter zeigen will, erst in leichtem Umrisse an. Pancras' Aeltester, der Dirigent, laiizeltjden ei, thronten Vater wie einen Schul- buben ab und i» der Sccne mit Jan und Dirk, dem jüngeren Sohn und Schwiegersöhne, flammt der Streit sofort von neuem auf. Das Schwergewicht des Stückes, seine Stimmung und Farbe, liegt in dem zweiten und im dritten Akt. Pancras' Galanterien waren nicht als ein zweideutiger Scherz gemeint z er ist dem hübschen Mädchen, das ihn pflegte, von Herzen gut, nach jahrzehntelanger Witlvcrschaft, einem Leben, das bei allem erworbenen Reichtum für ihn latiter Sorge, Arbeit und Mühe war, sehnt sich sein Herz nach einem stillen Glück, träumt er, in seinen grauen Haaren, von einer Heirat nnt Marianne. Vor dem Bruder bekennt er seine Sehnsucht. Dies Bekenntnis, durch eine greuliche Zankerei, die die Frau des Bruders aufführt, gewissermaßen als Prältldium eingeleitet, wirkt außerordentlich stark durch den Kontrast. In stockenden Worten spricht Pancras von seiner ersten Frau. Sie hat nur das Elend, nicht mehr die Zeiten, als er sich emporrang, unterlebt, und das Elend verkehrte seine, wie ihre Liebe in Haß. Wie Bestien fllhren wir aufeinander los, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Thüre stand, lind nach dem Janimer der Ehe kam der Jammer der Einsamkeit, das ewige Ringen mit dem un- gestümen Triebe des Blutes. Nun will er Ruhe, Erlösung, Glück. Die Bewegung Pancras öffnet auf einen Augenblick auch die geheimen Falten in des Bruders, des wackeren Steuer- manncs, Herzen, der phlegmatisch spottend, nach außen hin gar nicht so schwer an seinem Lose zu tragen schien. Aber er hat in seiner Ehe so Bitteres gelitten, wie der Bruder in der Ehe- losigkeit: Wenn Du Dir das Leben nehmen willst, da gicbts doch sanftere Mittel als das Heiraten. Da Pancras selbstverständlich, wie alle Verliebten unbelehrbar ist, glaubt man— und das hätte außerordentlich interessant sein können— das„fröhliche Spiel" werde mit einem satirischen Gemälde dieser Altcrsehe schließen. Doch Hehermans nimmt eine andre, von dem eigentlichen Eheinoiive abseits führende Wendung. Als Pancras Duif mit einer rührend unbeholfenen Werbung um Mariannens Hand anhält, erklärt sie ihm, fälschlich habe sie in dem Dienstzeugnis sich als Witwe ausgegeben, ihr Kind, von dem sie ihm gesprochen, sei unehelich. Ilm den gemeinen Klatschereien, den infamen Verfolgungen der Männer zu entgehen, hätte sie zu dem Betrug, der niemand schädige, gegriffen. Das macht Pancras in dem Entschluß nicht wankend. Aber die Papiere des Mädchens werden von einem seiner Söhne, einem verbummelten Studenten, als er den väterlichen Schrank nach Cigarren durchsucht, gestmden und entwendet. Das sind die Waffen,"die den lieben Kindern im Kampfe mit dem Vater, der unverschämt genug ist, ihre Erbansprüche durch eine Heirat zu gefährden, dienen sollen! Karikiert, aber doch ini Grnndton von wuchtiger Charakteristik wie eine Zeichnung Bruno Pauls, ist der Familienrat der jüngeren Duisschcn Generation, in der erst unter Zank und Streit und dam« in einer Friedensstinnnung allgemeiner Schadenfreude der saubere Plan besprochen wird. Da ist Massenwirkung, ein Chorus widrig- komischer Gemeinheit und Niedertracht, von Hehermans in virtuoser Steigerung instrmnentiert. Die Scenen des Schlußaktes erscheinen, so kraß sie sind, im Vek- hältnis dazu farblos. Man weiß nicht recht, warum Marianne, die sich durch die Hrohung der Söhne, sie beini Staatsanwalt anzu- zeigen, nicht einschüchtern ließ, plötzlich ohne jede Erklärung Abschied nimmt, noch auch warum der Alte sich den Besuch des Irrenarztes, den ihm die liebevollen Kinder auf den Hals schicken, gefallen läßt, wie er überhaupt, da er doch nicht, wie König Lear, das Erbe bereits ausgeteilt hat, so völlig schütz- und wehrlos. Diesen Scenen haftet etwas Romanhaft-llebcrtricbcnes, Lkompliziert-Zufälliges an, das der Einheit, dem ganzen Stile der Satire widersweitet. Die Vorstellung ivar die bisher beste, gleichmäßig gerundetste unter der neuen Direktion, sehr fleißig durchgefeilt in allen Rollen. Sehr gut vor allem spielte Herr Marx die Hauptfigur, und Herr Ernst Arndt den trocken- humoristischen Bruder Steuermann, der sich aus dem Ehchafen wieder auf die hohe See rettet. Das Publikum folgte mit gespanntem Interesse. Herr Lindau dankte im Raine» des Autors stir den Beifall.— dt. Astronomisches. ss. D i e Bewegung der Saturnringe. Der Saturn ist nach seiner Gestalt"der sonderbarste, nach seiner Entstehung der cätsclhasteste unter den Planeten, lieber die Natur der ihn um- gebenden Ringe sind die Ansichten noch nicht gefestigt, man weiß auch noch zu wenig über ihr Verhältnis zur Kugel des eigentlichen Planeten. Daß sie sich mit letzterer herumbewegcn, ist wohl sicher, aber die Geschwindigkeit dieser kreisenden Ringe ist noch nicht zu- verlässig bekannt. Durch, die neuen Saturnforschungcn des Professor Denning, die die Kenntnis des Planeten überhaupt wesentlich fördern werden, scheint diese Frage eine genauere Beantwortung zu finden. Nachdem Denning auf den inneren Ringen des Saturn einen großen, weißen Fleck entdeckt hatte, konnte er dies Merkmal dazu benutzen, die Umdrehungsgeschwindigkeit der Ringe zu bestimmen. Diese würde danach etwa 14 Stunden 24 Minuten betragen, also in Anbetracht der ungeheuren Ausmaße des Planeten außerordentlich hoch sein. Immerhin würde Denning seine Beobachiung nicht für allzu sicher halten, wenn nicht ihr Ergebnis übereinstimmte mit der Angabe des Astronomen Pater Secchi, der die Umdrehungsgeschwindigkeit des äußeren Ringes auf 14 Stunden 23 Minuten 18 Sekunden veranschlagte. Diesem Zusammenpassen stehen freilich wieder andre Bestimmungen gegenüber, indem Laplace den betreffenden Wert auf nur etwas über zehn Stunden berechnet, aber zwei nicht unerheblich verschiedene Werte angegeben hat. Da die Umdrehungsgeschwindigkeit der Planeteukngel selbst auch noch nicht zuverlässig ermittelt ist, so läßt sich auch noch nicht sagen, ob die Ringe sich nur mit ihr mitdrehen oder eine mehr oder weniger unabhängige Bewegung besitzen.— Humoristisches. — Ein lustiger Schüleraufsatz macht in Kölnischen Lehrerkreisen die Runde. Das Thema lautete:„In der Schule." Hier die Ausführung:„Das Schulzimmer besteht aus der Wand- tafel, den Wänden, den Tintenfässern, dem Stock und dem Lehrer. Die meisten Sachen in unsrer Schule sind sehr alt, nur der Stock ist neu. Wer noch später wie der Lehrer in die Schule kommt, ist der größte Faullenzer und wird durch diesen bestraft. Auf der Landkarte sind Flüsse und Städte gemalt, damit wir sie auswendig lernen müssen. Der Lehrer hat mit dem Stock ein Loch ins gelobte Land gestoßen. Mit dein Globus macht er die Sonnenfinsternis, in der Gesangstunde streicht der Lehrer den Bogen, auch schlägt er uns so lange den Takt, bis es klappt. Wir singen do bis la; einige können noch höher? der Lehrer kann es am tiefften, aber der kommt nicht in die Höhe. In der Schule hängt auch ein Thermometer? mit diesem macht nian es im Sommer heiß bis frei ist; der Lehrer sieht solange darauf, bis es 20 Grad sind. In der Freiviertelstunde essen wir eine halbe Stunde lang unser Butterbrot. Der Schuliuspektor lobt uns immer, aber der Lehrer ist doch froh, wenn er wieder fort ist. In der Turnstunde springen wir über den Bock; der Lehrer. springt zuerst, daß es kracht, dann springen wir auch und stärken unsre Glieder. Der Lehrer macht uns zu ordent- lichcn Menschen, denn Fleiß bricht Eis. Wer Aepfel stiehlt, kommt einen runter, wer sie aber dem Lehrer stiehlt, kommt zwei herunter. Wenn der Lehrer die Orgel spielt, treten wir ihm den Balg und singen zweistimmig dazu? wenn man ihm den Balg zu arg tritt, quietscht die Orgel. Jetzt ist der Lehrer krank und hält keine Schule: wir wissen nicht, ob er lvieder gut wird, aber wir hoffen das beste."— Notizen. — Ein neuer Roman Bilses„Lieb' Baterland..." komint deinnächst im Wiener Verlag heraus.— — I m Neuen königlichen Operntheater geht Sonnabend Hugo Lubliners neues Lustspiel„Ein kritischer Tag" erstmalig in Scene.— —„Der Jahrmarkt zu Pulsnitz", ein dreiaktiger Schwank von Walter Harlan, wird im Dresdener Hof- t h e a t c r die Erstauffiihrung erleben.— — Im Wiener Raimund-Theater wird am 23. d. M. Otto Fischers vieraktigcs Schauspiel„Ein deutscher Bauer" erstmalig aufgeführt werden.— — Arthur S ch n i tz l e r s neues Schauspiel„Der ein- same Weg" fand bei seiner Premiere in Frankfurt a. Main (Stadttheater) keinen starken Beifall.— — Bachs humoristische Kantate„Der z u f r i e d e n g e st e l l te A e o l u s" wird im kommenden Winter vom Philharmonischen Chor zur Aufführung gebracht werden.— — Weinbergers Operette„Das gewisse Etwa s" er- zielte bei der Premiere im München er Gärtnerplatz- Theater einen starken Erfolg.— — Franz Stucks in der Münchener Secession ausgestelltes Gemälde„ S u s a n n a" ivurde für eine Schlvcizer Privatgalerie erworben.— — Eines der besten Werke Anselm Feuerbachs „Orpheus und E u r y d i k e" ist für den F o l k lv a n g, ein nationales Museum in Hagen, angekauft worden.— — In Wien soll 190ö eine Gesamtausstellung des österreichischen Kunstgewerbes statlnnden.— — Eine Ausstellung moderner Straßenplakate in Form einer Plakatwand wird die Gesellschaft für ästhcttsche Kultur im Centrum Frankfurts am Main veranstalten: die Stadt hat für diesen Zweck eine Wand an der Ecke der Zeil und der Sttftstraße zur Verfügung gestellt.— — Ein Abschieds>o ort. Dem„Homburger General- Anzeiger" wird aus Holstein berichtet: Einem alten Lehrer, der nicht gerade im Rufe eines Pestalozzi steht, stattet der Schulrat einen Besuch ab. Kreis- und Ortsschulinspektor haben sich ihm an- geschlossen. Der Schulrat fordert den Lehrer auf, als EingangSlied singen zu lassen:„Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis umhüllet". Wider Erwarten klappt der Unlerrichtsbetrieb. Dadurch ermuntert, wendet sich der Lehrer mit der Bitte an den Schulrat: „Nun erlauben Sie wohl, daß ich den Schlußgesang bestimme."— „Bitte, sehr gern." Nachdem Nummer und Vers bekannt gegeben sind, erschallt aus 70 Kinderkehlen der Abschiedsgruß:»Nun packt Euch fort, Ihr bösen Geister I'—_ Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbei», Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo..BerlinL1V.