Nnlerhaltungsblatt des Horwnrts Nr. 186. Mittwoch, den 21. September. 1904 81] Die flucht. (Nachdruck uevßoten.) Von K. Bagrynowski. „Willkommen! Bitte treten Sie näher!" sagte der Js- prawnik gelassener. DerGeistliche rührte sich nicht von der Stelle. Im Rahmen der kirschroten Portiere, die über der Thür hing, sah er prächtig aus. Von einem neuen, glänzenden Talar, der die Farbe einer reifen Pflaume hatte, ging ein violetter Schein aus] das Ge- wand fiel in reichen, schönen, nach unten zu immer breiteren Falten zur Erde; der große Kopf mit dem grauen Haarschopfe war andächtig geneigt; der silberweiße Bart floß weit über die Brust hinab, bis an das silberne Kreuz, das an einer silbernen Kette darunter hervorblipte. Die langen, kaum ans den Acrmeln hervorsehenden Finger spielten nachlässig. mit dem Kreuze und der goldenen Uhrkette. „Ho! ho! Was seh ich da! Ein neuer Tälar! Aber der ist ja noch ein Heide, noch nicht aus der Taufe gehoben! Wann wird er denn eingeweiht werden?" rief der Isprawnik be- deutsam. „Schön! Schon!" murmelte der Doktor und wiegte den Kopf hin und her. Aber er sah den Popen nicht an, denn seine Luchsaugen Waren noch damit beschäftigt, die Flaschen zu zählen. „Was ist's, worüber die Auserwählten des Volkes Rat halten?" fragte der Pope ausweichend. „Wollen Sie nicht vor allem„ein kleines, ein erstes" ver- suchen, ehrwürdiger Vater?" unterbrach ihn der Arzt. „Die Gottesgabe ist nicht zu verachten, aber— immer langsam voran! Sie traktieren nnch schon an der Schwelle, gerade wie einen Bauer." „Ich bin eine aufrichtige Seele und gehe immer geradenwegs auf mein Ziel zu... Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht, und alles andre ist leerer Schall, Redensart und Zeitverlust." „Warum streitet Ihr? Trinkt auf cinnial zwei und ver- söhnt Euch!" rief der Jsprawnik. Nach und nach kamen auch die andren Gäste: der Adjunkt schlich ganz leise herein, die Frau von Vater Akakrj erschien ini grünen Kleide, das Eliepaar Kosloff schritt würdevoll ein- her— er in Schwarz, sie in Tomatcngelb; die Lehrersfrau kam an der Seite ihres Mannes dahergeschwebt, und ihnen folgte mit fröhlichem Lärm die fashionablc Jugend Dschur- dschnjs— Denisoff und Panteleon, Vater Akakrjs Sohn, ein schmächtiger Alumnus, der die Weihen noch nicht empfangen hatte,(�r war so blond, daß man versucht war, zu glauben, er habe gar kein Haar auf dem Kopfe. Der Doktor nahm den entstandenen Trubel wahr und stürzte seine„zwei auf einmal" hinunter, wobei er Vater Akakrj mißbilligend ansah, der ihn in diesem schwierigen Moment im Stich gelassen hatte. „Der hinterlistige Fuchs!" murrte der Aeskulap und beschrieb ungeheure Kreise mit seinen ruhelosen Beinen. Im Salon wurde es immer enger. Der Staat der Frau Lehrer, den sie sich aus allen möglichen, im Städtchen bekannten Farben und Schnitten kühn zu einer Art Rokokorobe zusammen- komponiert hatte, rief unter den Freundinnen, die auf dem Sofa saßen, ein neidvolles, aber bewunderndes Flüstern her- vor. Sie wurde mit herzlichen Küssen und unzähligen Fragen empfangen. Die Männer hielten sich in der Nähe der Flaschen und flüsterten einander die neuesten Nachrichten ins Ohr. Ihre Gruppe wurde immer größer. Der„Kommandant"— ein Kosakeubrigadicr— trat, die Hand an den„fast offiziers- mäßigen" Säbel gelegt,-auf sie zu; dann kam der kugelrunde Warlaam Warlaamowitsch mit seiner Frau, die in Violett auf- trat; eine Schreiberseele von der Polizei glitt schüchtern ins Zinimer und brachte den Djatschok mit, einen armen Schlucker mit langen, bis auf die Schultern herabtvalleuden Haaren, der seiner schönen Stimme halber berühmt war: der Diakonus er- schien nüt seiner romantischen, hageren Ehehälfte, die„Madame Angüt" genannt wurde und eine Rivalin und geschworene Feindin der Frau Lehrer war. Die beiden Damen maßen sich mit den Blicken, und „Madame Angüt" wurde augenblicklich gelb, wie das kauarien- gelbe Band an ihrem taubengrauen Kleide. Der Jsprawnik ging von einer Gruppe zur andren, hieß die Gäste willkommen und nahm diesen oder jenen beim Arm, um ihn durch die portiercnverhängte Thür in ein Kabinett zu führen, wo geraucht wurde. Bald waren die Herren fast alle dort versammelt. „Worauf warten wir? Fehlt noch jemand?" „Tscherewin," meinte der Adjunkt. „Der hochnäsige Patron läßt immer auf sich warten!" brummte Kosloff. „Auch die Frau Doktor ist noch nicht da," sagte Denisoff halblaut. Der Arzt schob den Kopf zur Portiere herein. „Tscherewin ist da, und meine Frau trinkt nicht," rief er freudig.„Wir können anfangen, Herr Jsprawnik! Wir ver- lieren unnütz Zeit." Aber der Hausherr hatte es nicht so eilig; er strich die Asche sorgfältig von seiner Cigarre. „Wissen Sie nicht, Excellenz, was Ihre Frau Gemahlin so lange zu Hans zurückhalten tonnte?" fragte er, und seine Augen leuchteten neckisch ans. „Das weiß ich nicht! Mit solchen Kleinigkeiten zerbrech' ich mir nicht den Kopf." „Ich habe gehört, sie habe den Schlüssel zu ihrer Kommode verloren und Krassuski jetzt rufen lassen, der ihr einen neuen machen soll." Der Doktor riß die Augen auf und schwieg; er wußte nicht, wo der Jsprawnik hinaus wollte, aber die Gesichter um ihn hierum sagten ihm, daß er böse werden müsse. „Warum nennen Sie mich Excellenz? mein Titel ist nur: Hochnwhlgcborcn!" brauste er auf und wurde puterrot. „Ich will damit sagen, daß ich Ihnen ein baldiges Avan- cement wünsche..." Der Doktor sah die Anwesenden der Reihe nach an. „Das sind Vorurteile... Sticht wahr. Tscherewin...? Kommen Sie mal her..." Tscherewin begrüßte die am Tische sitzenden Damen. „Herr Kollege, Herr Kollege..." ächzte der.Arzt. „Sie kommt!" rief Denisoff plölllich dazwischen. Er war auf 5t'undschaft ausgeschickt worden und trat nun wieder in den Salon. Lautes Geräusch erhob si-li; die Männer drängten sich aus dem Rauchzimmer iwd bildeten Spalier, die Damen hefictcn ihre Blicke auf den Eing mg. Bald darauf trat die Frau Doktor, von Denisoff und Panteleon begleitet, ins Zimmer Sie hatte ein schwarz- seidenes, lang herabfall-mdes Kleid an, das den Hals ein wenig frei ließ, und in diesem Anzug erschien ihre Gestalt noch schlanker, ihr Gesich: bleicher, die dunklen Augen und Brauen aber leicht verschleiert. Ihr frischer, etwas großer Mund weit- eiferie mit dem pu'wnrrot der Korallen, die ibren schön- geformten weißen Hals umgaben. Sie mußte ganz kleine Schritte machen, denn oas Kleid, das äußerst eng war, hemmte ihre Bewegungen. Ihre traurigen Augen streiften das Ge- ficht ihres Mannes nüt einein unruhigen Blick, trafen dann unbemerkt mit deren Tscherewins zniainmen und wandten sich endlich den Damen gl. Ein schwaches Rot überhauchte ihre schnialen, marmorweißen Wangen._ � Die Männer flwll-ru'n beifällig, denn die Frau Doktor war ein„Staatsweib", die Damen aber waren entzückt von ihrer Toilette, einer Toilette, die„wirklich ans der Hauptstadt" stammte; der Umstand, daß sie schon seit langen Jahren in Tschnrdschnj war, beeinträchtigte den Eindruck keineswegs. Ter Jsprawnik eilte mif die schöne Frau zu, reichte ihr galant den Arm und führte sie an den zurückweichenden Herren vorbei geradenwegs an das dunkelrote Sofa. In demselben Augenblick gab er der Wirtin, die den Kopf zur Thür herein- steckte, einen leisen Wink. Nun bekam die Unterhaltung eine ernsthafte Wendung. „Wie geht es Ihnen?" „Ich danke... So so, la la!" „Und Ihrer werten Frau Gemahlin?" „Ich danke, auch nicht zum besten!" „Und Ihren Kindern?",.. „Ich danke... es ist nicht alles, wie es sein sollte. Uebrigens... Und wie geht es Ihnen?" revanchierte sich der Gefragte nach einem minutenlangen Schweigen. »Ich danke! So so. la ka!« Diese Fragen und Antworten waren in Dschurdschnj sakramental. Jeder„Mann von Welt" hielt es für seine Pflicht, sich nach der Gesundheit seines Nachbars zu erkundigen uich dann seine Besorgnis um das Wohlbefinden der übrigen Familienmitglieder darzuthun. Das gab Anlaß zu langen und lebhaften Unterhaltungen, denen die andren Gäste zu- hörten, bis sie zu Worte kommen und auch fragen konnten. Die Antworten hingen von der Mode ab, oder richtiger... vom Jsprawnik. Fand der Landeshauptmann, die Gesundheit sei ein gutes Ding, und war er selbst gesund, dann wurden die Krankheiten als etwas Nebensächliches behandelt, als eine lächerliche Legende, und es gehörte zum guten Ton, mit einer ,, Pferdenatur" zu prahlen. Im entgegengesetzten Falle litt jeder an irgend einer Krankheit, stöhnte und quacksalberte an sich herum. Diesmal war„zarte Gesundheit" Mode. Als daher Tscherewin laut auflachte, weil sich Warlaani Warlaamowitsch über sein Befinden beklagte, und sagte: „Aber Warlaam Warlaamowitsch, Sie blühen ja wie eine Rose und sehen aus, wie die Gesundheit selbst," war der Kauf- mann ernstlich beleidigt. „Sie denken, wer dick und fett ist, der muß auch gesund sein," mischte sich Frau Warlaamowa mit saurer Miene ins Gespräch. „Das sind Vorurteile," begann der Arzt. „Was können diese Ankömmlinge nur vorhaben?" zischte Denisoff, und der Adjunkt nickte zustimmend. Ein gelinder Lärm erhob sich, der sich erst legte, als der Jsprawnik mit lauter Stimme rief: „Meine Herren, darf ich bitten! Ein Gläschen!" Tie Männer traten an die Tische, den Damen wurden auf Präsentiertellern Gläschen mit„Süßem" und„Liqneur" ge- reicht. „Warum so behutsam, meine Herren! Bitte, langen Sie zll!" forderte der Hausherr auf. „Das erste nmß die Runde machen, Herr Jsprawnik," antwortete der Adjunkt honigsüß. „Und das zweite kreisen, wie ein Falk," lachte Vater Akakij mit seinem tiefen Baß. '„Und die andren wollen getrunken sein, wie ganz kleine Vögelein! Also bitte: wie ganz kleine Vögelein!" schloß der Hausherr. Von dem„Ungemischten— Vaterländischen" beträufelt, begann die künstliche, feierliche Stimmung allgemach zu schmelzen. „Herr Jsprawnik!" rief der Doktor lebhaft,„wissen Sie? 'Ich Hab's!" „Was haben Sie?" „Was meinen Sie?" „Ich Hab' gehört, die Amerikaner sollen heut kommen." „Oh!" Die Gabeln klapperten, die Gläser klangen, die Zungen schnalzten, und Fragen und Antworten schwirrten hin und her. „Was raten Sie mir also?" „Sie einzuladen." „Niemals! Sie wissen gar nicht, wie die trinken können! Was die stärksten Köpfe unter uns kaum vertragen können, ist ihnen ein Kinderspiel," sagte der Jsprawnik ernsthaft, um dem Arzt Furcht einzujagen. „Hm! Das ist was andres! Ja, dann bin ich zu Ende mit meinem Latein!" meinte der Doktor gedehnt. „Und dabei sind es Ketzer, die die Trennung von Kirche und Staat vollzogen und haarsträubend freie Sitten haben," fügte Vater Akakij hinzu. „Wieso— freie Sitten?" „Ja, sie halten nichts von der Religion! Tie Geistlichen zum Beispiel bezichen dort kein Gehalt und müssen von dem leben, was ihnen die Gemeinde zukommen läßt, das hat mir Arkanoff gesagt." (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) Seograpditcke Stappen. (Schluß.) Reisen, welche v. Buch nach Hochschottland, nach Irland und in die verschiedensten Teile der Alpen und des Jura unter» nahm, hatten für Geologie und Geographie eine hohe, rein wissen- schaftliche und eine vielleicht noch höhere vorbildliche Bedeutung. Er zeigte, wie man fremde Länder zu bereisen, wie man Tagebücher zu führen, wie man„feldgeologische" Arbeit zu verrichten, wie man die Augen auf alles Wissenswerte gerichtet halten müsse. Das„heroische Zeitalter" der Lehre von der Erde und ihren Veränderungen hat K. A. v. Zittel(geb. 1833), der neueste Geschichtsschreiber der Geologie, die Epoche der beiden märkischen Dioskuren genannt, weil durch sie der Ueberzeugung die Bahn gebrochen war, daß die Um- gestaltungen des Erdreliefs zumeist auf imposante Kraftäußerungen für gewöhnlich schlummernder Kräfte zurückzuführen seien. Eine kräftige Unterstützung lieh dieser Hypothese, an deren Stelle all- mählich diejenige einer steigenden Wertschätzung der unscheinbar in der Natur wirkenden Kräfte trat, der große Zoologe und Paläonto- löge Cuvier(176S— 1832), der dafür eintrat, daß je am Ende eines geologischen Zeitraumes die für diesen charakteristische Lebewelt vollständig von der Erde vertilgt und durch eine neue ersetzt werde. Die Katastrophenlehren v. Buchs und v. Cuviers schienen sich gegen, seitig zu willkommener Unterstützung zu dienen. Die allgemeine Erdkunde stand somit während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz in dem Zeichen der beiden großen Ber- liner Naturforscher, deren Reisen so viel zum Emporkommen einer ganz neuen Weltanschauung beigetragen hatten. Und ein dritter Berliner Gelehrter war es, dessen rastlosen Bemühungen es zu danken war, daß auch die Geographie im engeren Sinne, die topische Geographie, sich jener hemmenden statistischen Einkleidung entäußern konnte, welche ihr vorab in Deutschland anhing. Von Karl Ritter (1779— 1859) aus Quedlinburg hat die Well geographisch denken gelernt, und wie manchen Widerspruch sich auch einzelne seiner An- sichten uyd Grundsätze gefallen lassen mußten, so ist man doch darin einig, daß der umgeheurcn Anregung, die von ihm ausging, der hohe Stand, den die geographische Wissenschaft gerade in unserm Vater- lande cinzunchmen bestimmt war, ohne die. Lebensarbeit dieses Mannes nicht erreicht worden wäre. Er hatte das Glück, statt des damals— und nur zu häufig auch recht lange nachher— üblichen geistlosen Unterrichts in der Geographie, in der die Schulroutiue beharrlich ein bloßes„Memorial- fach" erblicken wollte, eine wirklich gute Unterweisung empfangen zu haben, und dieser zufällige Umstand wurde maßgebend für die Folgezeit. Ritter gehört, obwohl die Verbindung nur eine indirekte ist. zuzr Schule I. H. Pestalozzis(1740— 1827), der zwar nicht im strengen Woctsinne als geographischer Reformator gerühmt werden darf, weil zahllose wichtigere Beschäftigungen ihn von solcher Specialisierung seines Wirkens abhielten, der sich aber lebhaft für das Fach interessierte, dessen allgemeine Aufnahme unter die Lehr- gegenstände der Volksschule anbahnen half und unter seinen un- mittelbaren Anhängern mehrere zählte, die sogar«inen enthusiastischen Eifer für die Vervollkommnung der geographischen Lehrart an den Tag legten. Solche waren Eh. G. Salzmann, Tobler, Henning und vor allem Guths-Muths(1759— 1839), der an Salzmanns Er- ziehungsanstalt Schncpfcnthal als Lehrer wirkte. Hier hatte er den jungen Ritter als Schüler und pflanzte in ihm die Keime, die sich bald darauf herrlich entfalten sollten. Allerdings wirkten auch noch andre vorteilhafte Umstände— wenn man will, Zufälligkeiten— mit, daß dieses Ziel erreicht wurde. Seine reifen Jugendjahre brachte Ritter als Hauslehrer in einem angesehenen Patrizierhause in Frankfurt am Main zu, dessen Söhne er auf verschiedenen Reisen und zuletzt auch an die Universität Göttingen begleitete, der er von 1814 bis 1819 als Lernender und zugleich als Lehrender angehörte. Aber schon mehrere Jahre vorher hatte er das Glück, mit A. v. Humboldt, der jene Fmnisjp besuchte, persönlich bekannt zu werden, und dieses Zusammenrreffen ivar ent- scheidend für sein ganzes künftiges Lebe».„Noch nie wurde," so schreibt er damals an den treuen Guths-Muths,„von einer Gegend ein so anschauliches, in sich vollkommenes Bild in mir erweckt, als durch Humboldt in mir von den„Cordilleren" entstand." Für Humboldt gab es in der Natur nichts Hohes und nichts Niederes. Ihm galt ein Rhythmus in den Strömungen der magncti- schen Erde so viel, als die höchsten Wahrheiten über den präde- stinierten Gang der menschlichen Gesittung. Karl Ritter dagegen, der lange in der Berufswahl zwischen Geschichte und Erdkunde ge- schwankt hatte, erfaßte nur die eine Aufgabe, die Eingriffe der ört- lichen Natur rn das Schicksal der Völler zu vermitteln. Er wollte Vergangenes und Zukünftiges aus dem starren Auge des Planeten und aus den Gesetzen seiner Naturiräfte enträtseln. Schon bei Vollendung seiner ersten Jugendarbeit hatte er sich, wie er seinem Stiefvater schreibt, üher Meeresströmungen, über Winde, über Ver- teilung der Gebirge und Ebenen, der Flußthäler, der physischen Klimatc tiefer unterrichtet. Die Verbreitung der Gewächse, der Seegeschöpfc, der Landtiere und die Wanderungen der Völker ge- nauer verfolgt, bis zu ihren Ursitzen.„Ueberall," ruft er aus, „fand ich dieselben Gesetze, dieselben Impulse des Fortziehcns, des ersten Aiisicdclns, des ersten Ackerbaues und der ersten Schiffahrt. So erhielt jeder hohe Gebirgspaß, als Passage, jeder Wasserfall, unter dem die erste Ansiedelung, jedes Vorgebirge, vor dem die erste Kolonie entstand, jede Ebbe und Flut durch ihr Aufsteigen in die Flußgebiete als erste Anregung zur Schiffahrt ihre historische Be- dcutung." Ritter hatte vorläufig nur eine deutliche Vorstellung von der hohen Aufgabe der Erdkunde gewonnen, und hatte viel mehr verheißen, als was er 1894 in seiner Geographie von Europa ge- leistet hatte. Aber 1817 veröffentlichte er seine große, leider un- vollendet gebliebene„Erdkunde im Verhältnis zur Geschichte deS Menschen". Seit Strabos Zeit hatte man nicht mehr von einer Gliederung der Festländer gesprochen, bor Karl Ritter niemand die Weltteile als die großen Individuen der Erde zu bezeichnen gewagt, gleichsam als ob ste durch hilfreiche oder verweigernde Gewalten beseelt seien, die ihren Bewohnern ein geschichtliches Verhängnis auferlegten, wie dies in Bezug auf Afrika Ritter so überzeugend nachgewiesen hat. Er offenbarte uns, daß die alte Welt, auf der sich alle Kontinental- erscheinungen verschärfen, ein kräftigeres Gepräge trage, als die neue Welt, die arm sei an Gegensätzen, wie alle Geschöpfe der Öceane, denn das Wasser, bemerkt er, verwischt die Individualität. Europa dagegen, schlank und zierlich gebildet, mit um sich greifenden Gliedmaßen und tief eindringenden Gefäßen, erscheürt wie ein höher organisierter Erdenraum und wie ein sinnreich angelegter Entwicklungsplatz für die menschliche Gesellschaft. Nur sein spanisches Hochland trägt den Typus starrer Kontinente, doch nicht ihm verdankt Europa seine Charakterform, sondern den Alpen, die von strömenden Wässern und Thälcrn durchbrochen und auf- geschlossen, auf kleinstem Räume die größte Mannigfaltigkeit der Erscheinungen vereinigen, ohne die Zugänglichkeit des Festlandes zu verringern. Das Maß der Aufgeschlossenheit eines Kontinentes hat Ritter später nach dem Vorgange Nagel mathematisch aus- zudrücken gesucht, indem er die Entwicklung der Uferlinien mit dem eingeschlossenen Räume verglich. Eine merkwürdige Verzögerung in dem geistigen Wachstum unsres Geschlechts war die Folge, daß die ältesten Gesellschaften im Westen und im Osten ohne befruchtende Mischung der ge- wonnenen Erkenntnisse, ja ohne genaueres Wipen von einander sich Jahrtausende entfremdet bleiben sollten, und die Berührung erst stattfand, als sie für das Abendland ziemlich gleichgültig ge- worden war. Mit großer Spannung hat Ritter nicht nur erforscht, wie wenig daran fehlte, daß Chinesen und Römer in den kaspischen Niederungen aufeinander trafen und wie bedeutsam das Auftreten der Araber und Mongolen als Vermittler der beiden Gesittungen wurde, sondern er hat auch das physische Geheimnis dieser Ver- zögcrung in der senkrechten Anschwellung Jnnerasicns erkannt, die um so hinderlicher war, als bei der Armut an Erosionswasscrn im Kern des Festlandes die Abstürze der Terrassen nicht ausgcfurcht und keine bequemen Völkerwege durch sie vorbereitet waren. Ritter teilte mit Strabo, dem Zeugen einer bewältigenden Kultur, die bessere Einsicht, daß mit dem Erstarken der Gesittung aller Zwang der Natur gemildert werde. Doch hat sich die höchste Verklärung meii'chlichcr Gesellschaft nie an einen Erdenraum fesseln lassen, sondern sie ist rastlos geschritten von Strom zu Strom und von Ufer zu Ufer. Auch von uns läßt sich ihr Enteilen nicht ab- wenden.„Als Amerika entdeckt war," ruft Ritter aus,„da wurde der europäische Occident ein Morgenland." Dieses Scherzwort hat er in einer seiner letzten Schriften noch schärfer ausgesprochen, indem er Amerika, den oceanischcn Erdteil mit seinen aufschließenden Kulturströmen, als den Schauplatz bezeichnete, wo unser Geschlecht seiner höchsten Reife entgegcnschreite» werde, und Mexiko wegen seiner beherrschenden Lage zwischen zwei Oceancn und wegen der Mannigfaltigkeit der lebendigen Natur an seinen Höhenstufen als den begünstigstcn aller Erdräumc pries. Es leistet die Wissenschaft das höchste, wenn es ihr, wie in diesem Falle, gelingt, die Absichten der Natur zu durchschauen und auf das Unabänderliche vor- zubereiten. Rekapitulieren wir kurz die Verdienste Ritters, des Schöpfers der vergleichenden Geographie, so lassen sich trotz aller Einwendungen jene kurz dahin zusammenfassen: er hat eine wahrhafte Länder- künde teils geschaffen, teils vorbereitet; er bleibt für immer ein nachahmenswertes Vorbild, durch kritische Abwägung von Reise- berichten plastische Länderbilder herzustellen; er hat die Erdkunde aus dem Stande der Demütigung erhoben und zu einem Gegenstand hoher Achtung gemacht; vor allem hat er bewirkt, daß sich der geographische Unterricht den Banden einer ganz anders gearteten Vergangenheit entwand. Durch seine Lehrthätigkeit an Universität und Kriegsschule hat er namhafte spätere Vertreter der Erdkunde für ihre Wissenschaft begeistert. Wir erwähnen nur als begeistertsten Schüler Ritters den größten und glücklichsten aller Afrikareiscndcn Heinrich Barth. Die bedeutenden Geographen Guthc, Rüge, v. Nicht- Hofen, Schurz, Kirchhoff, der soeben verstorbene Ratzel und eine lange Reihe von ausländischen Gelehrten sind in den Bannkreis der wissenschaftlichen Geographie gezogen worden gerade durch die überaus segensreichen Diskussionen, die sich an die Ritterschen Reformen anschloffen. Sie im einzelnen hier zu behandeln, gestattet der Raum nicht. Gerade aber auch diese Namen geben uns eine Gewähr dafür, daß es an Nachwuchs nicht fehlt, und die von ihm gegebenen An- regungen reiche Frucht tragen werden in dem zwanzigsten Jahr- hundert, das eine so reiche Erbschaft angetreten hat. Ihm liegt die Aufgabe ob, die geographische Forschungsthätigkeit zu erweitern und zu vertiefen. Was bleibt diesen Männern noch zu thun übrig? Wenn wir von den großen Hilfswissenschaften der Geographie absehen und nur die räumliche Erforschung der Erdteile ins Auge fassen, so muß die Antwort lauten: noch sehr viell Die Polarregionen sind noch, nach wie vor, das Schmerzenskind der Erdkunde. In Europa bietet einzig die Balkan-Halbinsel nach Oertlichkeiten, denen gegen- über das Wort„Entdeckung" einigermaßen am Platze wäre. Asien hingegen ist schon in Kleinasien, Kurdistan und vorab in Arabien überaus reich an größeren Bezirken, die sich bisher dem Geographen und Kartographen so gut wie ganz entzogen hahen. Auch Central- asten enthält deren noch übergenug allein Vraewalskiis grosser Nachfolger Sven Hedin wird, wenn dem rüstigen Manne noch ein weiteres Jahrzehnt so wie bisher zu schaffen vergönnt ist, eine wesentliche Beschränkung der innerasiatischen„terra ineoKnita" erzielt haben. Lohnende Aufgaben stellen nach wie vor der Goldene Chersones und die hinterindisch-chinesischen Grenzgebirge. China würde, wäre nicht die Staatsraison allen Fremden feindlich gesinnt, rasch ein Dorado des Forschungsreiscnden werden. Was Afrika betrifft, so sind die hellen Flecke aus dessen Karte zwar noch nicht endgültig getilgt, aber Zahl und Umfang derselben haben gewaltig abgenommen. Das Hinterland der Küste von Oberguinea, das Waldgebiet zwischen dem mittleren Kongo und dem oberen Nil, endlich der Westen des italienischen Somalilandes dürften hier in erster Linie zu nennen sein; aber auch im Kongostaate stößt man, sobald man sich an vielen Stellen nur ein wenig vom Hauptstrome entfernt, sehr bald auf Gegenden, die in der Karte nur flüchtig aus- geführt sind, weil man noch keine zuverlässige Kunde darüber be- sitzt. Das große Bassin der Kassai und insbesondere seiner Neben- flösse Lukenje, Oschuma Kuango ist nur ganz oberflächlich bekannt und erheischt dringend neue Erforschung. Natürlich ist auch das Innere Madagaskars hier mit inbegriffen. Australiens Kontinent endlich ist von der Forschung zu keiner Zeit vernachlässigt worden, und gleichwohl sind Westaustralicn und North-Territory Landschaften, die man mit den maugelhaftest bekannten Teilen ruhig aus eine Stufe stellen kann. Daß dem neuen Jahrhundert bezüglich Neu- Guineas noch ein ungeheures Stück Arbeit zu leisten übrig bleibt, dürfte bekannt sein. Ten Nordamerikanern liegt in entdeckungsgcschichtlicher Hinsicht die Pflicht ob, die Zustände des Territoriums Alaska und der östlich angrenzenden Teile der Dominion of Canada aus dem noch darüber lagernden Dunkel zu befreien. Mexiko und die kleineren mittel- amerikanischen Republiken sind auch noch allzureich an Partien, die sich der Erschließung so gut wie ganz entzogen haben; man betrachte nur das Unschuldskleid, in welchem aus unfern Landkarten die Provinz Aukatan prangt. Wenn wir endlich zu Südamerika über- gehen, so gewahren wir, daß, von Chile abgesehen, die vom Meere entfernteren Landesteile noch viel zu wenig erkundet sind. An Brasilien wird man wohl noch ein Jahrhundert in bisheriger Weise mitzuarbeiten haben, bis es geographisch etwa mit dem Chile von heute konkurrieren kann. Immerhin kann man sich, ein so fernes zeitliches Ziel man auch in Aussicht nimmt, eine Epoche denkcn, in welcher die Aufgaben der tropischen Geographie— die wir noch nicht mit einer höhere Zwecke verfolgenden Länderkunde identifizieren— als gelöst anzusehen wären. Dagegen wird sich auch die kühnste Phantasie nicht vor- zustellen vermögen, daß auch für die allgemeine Geographie, und mit ihr auch für die wissenschaftliche Länderkunde ein Zeirvunkt der Erfüllung aller Wünsche kommen könnte. Jedes gelöste Rätsel stellt nur wieder vor neue Rätsel, und selbst wenn eine große Wahr- heit in ihren Grundsätzen erkannt ist, bedarf es ungeheurer Arbeit, um auch für jeden Einzelfall die richtigen Konsequenzen aus erstercr zu ziehen. Eine Durchforschung aller Erdgebirge muß stattfinden, uin nur das Erfahrungsmaterial klar überschauen zu können, und erst wenn dessen Durcharbeitung vollzogen ist, darf auch das Suchen nach den Ursachen dieser Verkettung scheinbar verschiedener Dinge aus Erfolg rechnen.— I. Wiese. Kldncs fcirilUton. bt. Tie 7G. Versammlung deutscher Naturforscher und Acrzte wurde am Montag in Breslau eröffnet. In der schlcsischen Metropole hat diese älteste wissenschaftliche Wandcrversammlung be- reits zweimal getagt, im Jahre 1833 und dann vor dreißig Jahren, im Jahre 1874. Inzwischen hat sich das Aussehen der Welt im all- gemeinen und der Zustand der Wissenschaft im speziellen sehr erheb- lich geändert, so daß mehrfach bereits die Frage erörtert worden ist, ob sich die Naturforschcr-Versammlung nicht bereits überlebt hat. Dabei wird nicht in erster Reihe an die außerordentlich gewachsene Verbreitung wissenschaftlicher Zeitschriften gedacht, durch welche neu auftauchende Fragen sehr rasch zu allgemeinster Diskussion gestellt werden; denn auch die eingehendste schriftliche Auseinandersetzung kann nicht annähernd die persönliche Aussprache ersetzen und die Anregungen gewähren, welthe durch den persönlichen Verkehr der verschiedensten Forscher erreicht wird. Vielmehr wird vielfach her- vorgehoben, daß die Naturwissenschaften, an welche sich auch die Medizin anschließt, im Laufe der Entwicklung in so zahlreiche Einzel- Wissenschaften zerfallen sind, die sämtlich einen so umfangreichen Stoff zu bewältigen haben, daß für ihre Vertreter besondere Spezial- kongresse notivendig geworden sind. Aber demgegenüber muß doch betont werden, wie auch der erste Vorsitzende der Gesellschaft, Prof. C h i a r i- Prag, in seiner Ansprache bemerkte, daß gerade in den letzten Jahren sich wieder das Streben nach Zusammenfassung der Sonderwisscnschaften, nach gegenseitiger Annäherung der einzelnen Disziplinen berncrkbar macht. Diesem Bedürfnis kommt die Natur- forscher-Versanunlung entgegen, die daher trotz ihrer 82 Jahre— die Organisation ist im Jahre 1822 gegründet worden— noch ein jugendkräftiges Leben führt. Es zeigt sich das auch an dem regen Besuch der Versammlungen; zu der diesjährigen waren bereits am Sonntagabend etwa 200 Personen eingetroffen. Die Eröffnungs-Sitzung verlief programmmäßig, d. h. eS Wurde ein« Ansprache gehalten, die nach preutzisch-deutschem Herkommen in ein Hoch aus den Kaiser als Sckmtzberrn der Wissenschaft ausklana rtn bcm auch ein Huldigungstelegramm abgesandt wurde. Tann wurden die Naturforscher und Aerzte vom Oberpräsidenten, vom Rektor der Universität, und andern Honorationen in wohlgesetzien, jedoeü bedeutungslosen Reden begrüsit. Den wesentlichen Inhalt der Versammlung bildeten zwei Vorträge, von Prof. R o u x- Halle und Dr. G a z e r t- Berlin. Der letztere sprach über die Erfolge der deutschen Südpolar- Erpedition, worüber de- reits mehrfach berichtet ist, der erstere über die„E n t w i ck l» n g s- Mechanik, ein neuer Zweig der biologischen Wissenschaft". Ju diesem bedeuisamen Vortrage trat Roux für eine streng mechanische Auffassung alles Geschehens in der Welt, auch im Reiche der organischen Entwicklung der Lebewesen, ein. Die gegenteilige Auffassung, speziell die Annahme einer zweckthätigen Seele, seheint ihm mit dem Causalgesetz im Widerspruch zu stehen, dessen Geltung die erste Voraussetzung für ein wissenschaftliches Be- greifen der Welt ist.— k. Seltsame Scenen bei einem Gottesdienst in Lhassa. Eine packende, unheimlich wirkende Schilderung von einem Gottesdienst in der Kathedrale zu Lhassa giebt Edmund Candler, der die englische Erpedirion in Tibet begleitete, in einer langen Depesche an die „Daily Mail":„lieber das heilige Lhassa senkt sich der Zauber des Herbstes hernieder. In einem fahle» Schwefelgelb flammen die Weidenbäume auf, silbrig glänzende Blätter zittern an den Pappeln und vom Dunkel der Wolken, dem schmutzigen Grau der Strassen heben sich leuchtend die heißen Farben, lieber dem Potala wölbt sich wie ein Heiligenschein ein Regenbogen, und dieses aus Kontrasten zusammengesetzte Bild fügt sich zu einem unheimlich überirdischen Eindruck. Und den also gestimmten Besucher empfängt nun die Kathedrale mit allen Wundern eines gespenstischen und grandiosen Traumes. Goldene Dächer funkeln, weihe Mauern heben sich in riesiger Größe. Ein grämlicher Mönch öffnet das Thor, und den Eintretenden umgiebt ein weirer Hofraum mit einem dichten Wald dunkler Pfeiler. Die Mauern sind mit buddhistischen Bildern und Symbolen in gedämpften, zarten Farben bedeckt. In der Mitte des Hofes blühen Massen von bunten Herbstblumen... Die Thore sind wieder geschlossen, wir treten ein m das Innere der Kathedrale und ein bängliches Gefühl möchte uns beschleichen, wen» wir nicht be- Waffnet wären und eine Bedeckung auf uns wartete. Es wird gerade feierlicher Gottesdienst gehalten vor dem höchsten Buddha. Der bran'ende Strom tiefer, voller Klänge die Ivie Orgelmusik klingen, flutet durch den Raum und unterbricht die stillen Stunden der andächtigen Meditation. Der Priester in der Mitte erhebt sich von seinem Sessel und nimm, ein Büschel Pfauenfedern aus einer Base an seiner Seite, vnd lvie er die farbig leuchtenden Federn zur Erde senkt, da fallen die Instrumente drölmend ein, hell gellen die Cvmbals. die Trommeln dröhnen und dazwischen' schmettert das Klingen der Trompeten, tutet der tiefe Ton der Muschelhöruer. lind dann erstirbt die Musik allmählich, verhallt leise; der Priester be- ginnt einen Gesang und die Mönche, die in ihren Chorstühlen sitzen, wiederholen dumpf die Litanei; in einem getragenen, dunklen Rhythmus wie aus Gräberfernen klingen diese tiefen, gedämpften Stimmen, wie ein tausendstimmiger Chor, den Mutter Erde in ihren Tiefen angestimmt, wie das Murmeln unterirdischer Wesen, das Drohen von Geistern aus geheimen Abgründen, die zu den Mächten der Luft und den Göttern der Wolken beten. In einem inneren Tempelheiligtum thronen die drei großen Bilder der buddhistischen Dreieinigkeit, die Buddhas des Gegenwärtigen, des Vergangenen und des Zukünftigen, lieberlebensgroß, ganz und gar mit Juwelen und Gold beladen, starren sie in ihrer Ruhe auf die mibetenden Menschlein. Lampen von Gold hängen von den Decken, goldene Schalen glänzen von den Altären, funkelnde Reliquien leuchten aus den Schreinen der kleineren Kapellen. Ein Gitterwerk vielfach verschlungener Ketten schützt diese heiligen Bezirke vor Entweihung und aus der Wand reckt sich eine blutige, drohende Hcurd, unheimlich glühend in dem Ungewissen Licht, als ivollte sie mit furchtbarrm Griff jeden, der sich hier einzuschleichen wagen würde, zermalmen und zerschmettern. Im oberen Stockwerk liegt ein Raum, die„Hölle" genannt, in dem stets ein Paar Lamas den beschützenden Dämon des Dalai Lama anbeten und gnädig stimmen müssen. Hier erklang «ine barbarische wilde Musik, die in tollen Dissonanzen und starkem Gelärm sich an den Pfeilern und Wänden brach, von denen Teufels- masken und verzerrte, groteske Wesen grinsten, die rechten Zuschauer dieses infernalischen Tobens. Der gemeine, gräßlich obscöne Gegen- stand dieser Anbetung und satanischen Verehrung lag in einer Ecke in wüster Mißgestalt; eine zwergenhafte Mißgeburt, eine ekle Ver- unglimpfung menschlicher Formen. Den Lamas liefen Scharen kleiner weißer Mäuse um die Füße, eifrig nach den Körnern hin und herrennend, die ihnen als tägliches Futter gestreut werden. Die Mäuse werden sorgsam gehütet und geehrt, denn nach der Lehre von dcr Seslenwauderung huschen in ihre flinken, weiße Körperchen gebannt, die Seelen der früheren Wächter dieser heiligen Räuud- daher. In einem ander» Teuchel brachten Lamas dem vielhändigen Buddha Avalokiteswara ihre Verehrung dar. Die oberen Priester trugen spitze, gefärbte Mützen und Gewänder, die in einem matten Blau und Gold schimmerten. Die niederen Lamas waren barhäuptig. und ihre.Haare ganz kurz geschnitten. Als wir eintraten, goß ein Altardiener Thee aus einem kupfernen Kessel, der mit Türkisen besetzt war. Jeder Mönch empfing seinen Thee in einer hölzernen Schale, und sie tauchten darei ihre Kuchen aus Gersten- mchl. Nieinand sprach, kein Flüstern rings zu hören; geräuschlos VerantwpÄl. Redakteur: Franz Rehbein. Berlin.— Druck u. Verlag; glitten die Meßdiener über den Boden. Seit Jahrhunderte» war Ruhe und schweigendes Nachdenken in diesen Hallen geboten w:den. Starr wie von Stein saßen die Mönche da;»sie hatten uns gc ehe», aber die Neugier war ihnen abgestorben und sie waren versenkt in die Offenbarungen ihres frommen Schauens oder durch die Regeln des Ordens Herr geworden über jede Wallung, über jede sich regende Leidenschaft. Die Luft schien erfüllt von aufgeregten Visionen, von den ekstatischen Verzückungen schwüler, weltabgewandter Träume."— Theater. Deutsche Volksbühne.„Genoveva". Tragödie in fünf Akten von Hebbel.— ES war ein interessantes Experiment die Aufführung dieser romantischen Hebbel-Tragödie auf einem kleinen, mit beschränkten Mitteln arbeitenden Theater. Das Publikum harrte die 4>/, Stunden, die die Vorstellung bei dem sprunghaften Seenen- Ivechsel in Anspruch nahm, geduldig auf seinen Plätzen aus, klatschte jedesmal, wenn der Vorhang fiel, und mit demonstrativer Stärke, als am Schlüsse der Bühnenleiter Direktor Laverrenz hervorkam und sich dankbar verneigte. Man bezeugte seine Ehrfurcht vor dem Namen Hebbel, seine Sympathien mit dein neuen, ernsten Klmstzieken nachstrebenden Unternehmen, aber für mehr— für das Zeichen einer spontanen, die Geister zu einem inneren Miterleben zwingenden Wirkung— wird man die Kundgebungen kaum halten dürfen. Zu fremdartig erscheint die alte Sage auf dem Theater, zu unverständ- (ich in der Verknüpfung der bunt sich drängenden Begebenheiten. Das Handeln Golos schließt sich zu keinem überzengenden Charakterbild zusammen, man glaubt die Grenelthaten, durch die er Genovevas Liebesgunst erschleichen will, ihm nicht, zu offenkundig widerstreiten sie dem vorgesetzten Zweck. Und daß im Drama ein Hexenweib, das Hebbel gleichsam zum Symbol des Bösen steigert, ihm diese Pläne zu- flüstert, macht jenen Mangel psychologischer Ronvendigkeit nicht weniger fühlbar. So giebt es zwischen Schönem und Großem in der Dichtung selbst allenthalben Hemimmgen und Widerstände— Schranken, über die auch eine ganz vollkommene Darstellung nicht hinwegzutäuschen vermöchte, geschweige die der deutschen Volks- bühne. Mühe und Fleiß war sicher reichlich an die Aufsührung ge- wendet, und die Jnseenierung hatte für stimmungsvolle Dekorationen gesorgt. Aber Herr M o i s s i, in den„Ranbern" ein so talent- voller Franz Moor, wußte ans Golo nichts Rechtes zu inachen. Es kehrten, wenig retouchiert, die Töne und Gebärden, durch welche er als Franz gelvirkr, auch in der iienen Rolle wieder und drückten seinem Spiel hier das Gepräge der Manierirt- heit auf. Schlicht und einfach, voll warmer Empfindung, besonders eindrucksvoll im letzten Akte, sprach Elisabeth Schneider die Genoveva. Die kleineren Rollen wurden schlecht und recht heruntergespielt; Züge schärferer Eigenart zeigte die Hexe Mary Werner, die mir ihre Bosheit durch allzuviel Gekreisch zu markieren bemüht war.— dt. Humoristisches. — Ver schnappt. G a st sbei Tisch):..Diese vorzügliche Cremetorte häben gnädiges Fräulein geivitz selbst gebacken?" Tochter des Hauses:„Wie kommen Sie auf den Ge- danken?" G a st(verlegen):„Nun, ich meine sie schmeckt so!"— — E i n Eingeweihter.„Dieser Aberglaube bei den Jägern ist doch zu wunderlich. So geht mein Mann priucipiell nie an einem jüdischen Feiertage auf die Jagd." „Vielleicht heißt der dortige Wildhäudler Moses?" — Ein bißchen Latein. A.:'„Ich besitze jetzt einen Papagei, der ganz ausgezeichnet spreche n kann!" Förster:„Pah, ich besaß sogar einen Papagei, der Ivar— Bauchredner!"—(„Meggendorfer Blätter".) Notizen. — Das Neue Theater bringt am Freitag Wedel! nds „Erdgeist", neu einstudiert, heraus.— — Das N a t i o u a l- T h e a t e r(Weinbergsweg) wird am Sonnabend eröffnet werden.— —„Der Freundschaftsbund" von Havel und An t r o t t brachte es bei der Erstaufführung im Wiener R a i in u n d- T h e a t e r zu keinem rechten Erfolg.— — Marx Möllers Einakter„Totentanz" ist zu einem O p e r n l i b r e t t o verarbeitet worden, zu dem Alexander S i k s die Musik geschrieben bat. Die Dresdener H o f o p e r wird das Stück noch in diesem Jahre zur Aufführung bringen.— —„ T s ch i n g- B u in", eine dreiaktige Operette von Waldemar Wendland, Text von Franz Arnold, ist vom Central-Theater zur Aufführung erworben worden.— —„Die Zaubersaite", eine Oper von Eugen und V i l m a v. M o l b o r t h, wird am 2ö. Oktober erstmalig im Karlsruher Hoftheater in Scene gehen.— — Eulen im Taubenschlag. Aus Delsberg wird der „Neuen Züricher Zeitung" geschrieben: Hier hätte letzthin eine Eule in einein Taubenschlag Ouartier genommen. Den gelegten und seither ausgebrüteten Eiern sind dieser Tage Junge entschlüpft, so daß im Taubenhaus gegenwärtig ein reges Leben herrscht. Eulen und Tauben vertragen sich ftiedlich.— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo„Berlin SW.