Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 189. ap70 306 topped Sonntag, den 25. September. dons Ved dem tibi dil meilldung 56 34] Die ( Nachdruck verboten.) flucht. Von K. Bagrynowski. 9. Endlich langten die Amerikaner an. Es waren lauter hochgewachsene, starffnochige, muskulöse Männer, die von den unanjehnlichen Dschurdschnjern mit Bewunderung und furcht jamer Ehrerbietung angestaunt wurden. " Lauter Helden," sprachen sie kopfschüttelnd. Sie essen so viel, daß Tschojon, der größte Vielfraß in Dschurdschnj, das reine Kind dagegen ist. Und sie wollen nur immer das beste von allem haben das beste Fleisch und das beste Brot. Kurz, die wahren Helden. Kosloff und der Kommandant weinen heiße Thränen über ihre Gefräßigkeit." 1904 Bettler wegen zur Rede zu stellen, den sie ungerechterweise bestraft haben sollten. Wir haben nichts gethan, wir sind ganz höflich hereingekommen, und die!. Hast du nicht gesehen, hatten sie uns beim Kragen. Uns muß Gerechtigkeit werden!" beklagten sich die gemißhandelten Würdenträger der Reihe nach beim Isprawnik. Was hattet Ihr denn da zu suchen, Ihr verdammten Efel!" ärgerte sich dieser. Wir haben nichts gethan; wir waren ganz höflich, aber sie schlagen einen jeden. Sie haben den Bobr verwichst, und den Goliath, und den Batschuk... Und jetzt machen sie sich an die höchsten Kreise. Macht, daß Ihr fortkommt, höchste Kreise!" jagte sie der Isprawnik hinaus. um Aber die Klagen hörten nicht auf, und er fragte Samuel Rat. " Wann soll denn ihr... Minister kommen?" Mister Morley.." korrigierte Samuel. ,, Na ja, wann kommt er also wieder? Was meinen seine Leute? Warum hat er sie verlassen? Ich weiß mir keinen Rat mehr mit ihnen!". Um beide Wettbewerber Kosloff und den Kommandanten einigermaßen zufrieden zu stellen, hatte der Isprawnik jedem von ihnen einen Teil der Gäste ausgeliefert. Aber infolgedessen hatte er jetzt statt eines Kopfzerbrechens zwei. Wann er wiederkommt, das wissen sie nicht. Aber sie Jeden lieben Tag kamen diese Herren zu ihm gelaufen, wiederholen immer dasselbe: auf dem Wege nach Dschurdschni rauften sich die Haare, verfluchten den Tag, an dem sie das sind sie zwei Matrosen begegnet, die einem andern Teil der Licht der Welt erblickt, und zeterten, sie verlören ungeheure Schiffbrüchigen angehörten. Der Kapitän hat daher den Summen an den Amerikanern, sie müßten an den Bettelstab Steuermann und noch einen der gesünderen Matrosen mitgenommen und ist wieder nordwärts gegangen, um die " Ihr habt die Preise selbst festgesetzt... dreifache Sameraden aufzusuchen." Preise... Jetzt kann ich Euch nicht mehr helfen. Der Kontrakt ist gemacht. Verluste habt Ihr nicht, verdreht mir nicht den Kopf!" wehrte sich der Isprawnik. tommen „ Aber, Herr Isprawnif, was will das sagen: dreifache Preise! Bedenken Sie doch, was das für Menschen sind! Wenn zwei von ihnen ins Zimmer kommen, hat keine Stecknadel mehr drin Plazz. Das sind ganz absonderliche Leute! Dreifache Preise... die können auch zehnmal mehr bezahlen! Sie müssen zahlen, was wir verlangen, denn wo wollen sie bleiben? Erlauben Sie nur.. Aber der Jsprawnik blieb fest. „ Der Gouverneur hat mir aufgetragen, ihnen beizustehen. Ihr seid grenzenlos habgierig. Uebrigens will ich Euch aus den Magazinen doppelte Nationen Mehl für jeden Gaft geben lassen, aber daß mir feine Klagen zu Ohren kommen!" fügte er drohend hinzu. Hm, das ist verlorene Mühe! Es ist schon- warten Sie mal eins, zwei über zwei Monate her, seit das Schiff gestrandet ist. Dort wüten jetzt solche Stürme, daß die Erpedition ganz nuglos ist. Die sind verloren. Der Mister wird sie Gott weiß wie lange suchen, und unterdessen werden seine Leute das Städtchen zum Verhungern bringen. Und un fangen sie an, die Einwohner zu schlagen und... ja, jagen Sie mir, was soll ich thun?" Er wiederholte, was er von einigen dieser Schlägereien gehört hatte. ,, Vor allem dürfen Sie die Klagen nicht ernst nehmen. Entweder ist kein wahres Wort daran, oder es hat sich alles ganz anders zugetragen. Sie werden geradezu überfallen, belästigt, bis aufs Blut ausgesogen." Samuel erzählte ihm, was er von der beispiellosen Ausbeutung wußte, der die Gäste zum Opfer fielen. Er machte ihnen diese Konzession, denn er ahnte, daß in feiner Umgebung irgend eine Niederträchtigkeit gegen ihn geplant wurde, aber ganz von den Angelegenheiten der Ausländer in Anspruch genommen, war er nicht im staude, zu erlangem nicht mehr rasiertes Kinn. forschen, was im Spiele war, und das Komplott im Reime zu ersticken. ,, Was kann ich dagegen thun? Ich kann ihnen nicht verbieten, ihr Eigentum nach Gutdünken einzuschäßen," sagte der Isprawnik und strich mit dem Finger über sein borstiges, seit ,, Aber wenn ich mich nicht hineinmische, ist die Gesellschaft im stande, den Fremden eines schönen Tages eins mit dem Messer zu verseßen. Sie kennen das Viehzeug noch nicht. Wenn sie eine starke Faust über sich fühlen, sind sie um den Finge zu wickeln, aber wenn man ihnen die Zügel schießen läßt, werden sie furchtbar." Die Dichurdschnianer waren sehr bald dahinter gekommen, daß sie jetzt über die Stränge schlagen konnten, und die Preise im Städtchen stiegen ums dreifache. In den Läden bürgerten fich zweierlei Preise ein: für die ständigen Einwohner waren sie Lassen Sie sie also die starke Faust fühlen," drängte es etwas höher als gewöhnlich, für die Amerikaner geradezu sich Samuel auf die Lippen, aber er schämte sich, seinen Gefabelhaft hoch. Den Fremden, die sich danach sehnten, ihre danten auszusprechen. einfachsten Lebensbedürfnisse nach so langen Entbehrungen" Was wollen wir also anfangen, Herr Anwalt des wieder auf europäische Art befriedigen zu können, wurde das Volkes?" Fell nur so über die Ohren gezogen. Für den geringsten Zu viel Ehre! Die Spießer von Dschurdschnj gehören Gegenstand, die nichtigste Dienstleistung wurden wahnsinnige zur Aristokratie. Fragen Sie die Leute mal, was die Jakuten Preise gefordert. Selbst bei den geringsten Leuten fand sich ihrer Ansicht nach sind," wehrte sich Samuel. blizendes amerikanisches Gold vor. ,, Sie sind reich, aber dumm! Vom Wert des Geldes haben sie keine Ahnung!" hieß es in der Stadt. Und jeder brachte ihnen etwas, suchte ihnen etwas anzuschwindeln und war beleidigt, wenn sie nicht kaufen wollten. ,, Was ist denn das? Von Ssidor habt Ihr gekauft, von mir wollt Ihr nichts haben? Ihr seid Betrüger." „ Es wird wohl nichts andres übrig bleiben," meinte der Isprawnik nach einigem Zögern, als daß die Amerikaner für die gekauften Sachen nicht selbst zahlen, sondern nur Quittungen ausstellen und die Polizei das Geld übermittelt." Der Plan war ungeschickt, aber beide konnten keinen besseren ausfindig machen. Und so brachten es die Verhältnisse mit sich, daß Mister Die Matrosen verstanden weder russisch noch jakutisch Morley von allem, den Isprawnik und die Einwohner von und konnten nicht antworten, aber der Ton des Besuchers sagte Dschurdschnj mit inbegriffen, sehnsüchtig erwartet wurde. Er mur zu deutlich, daß er zur Thür hinausgeworfen werden aber ließ lange nichts von sich hören. Von Samuel hatten müßte, und das thaten sie denn auch, ohne viel Federlesens die Verbannten alle Einzelheiten der traurigen Schiffbruchszu machen. Auf diese Weise flogen ein paar Kosaken zur Thür geschichte erfahren. Das Schiff war vom Eise zerquetscht hinaus, ein paar Bürger und endlich auch Denisoff und worden und die Gestrandeten hatten sich in die Boote gerettet. Panteleon, die gekommen waren, um die Fremden eines der Mit unbeschreiblicher, übermenschlicher Anstrengung hatten sie die geborstenen Eisfelder passiert, indem sie San Scholle zu Scholle sprangen und die Boote hinter sich Herzogen, oder sie samt dem Gepäck und den Schiffsbüchern auf ihren Schultern weiterschleppten. Als sie auf eisfreies Wasser kamen, glaubten sie sich schon gerettet, denn sie waren nur noch 200 Seemeilen vom Lande entfernt. Aber als die Küste bereits in Sicht war, zerstreute ein furchtbarer Sturm die winzige Flotte. Das kleinste Boot schlug nach einem kurzen Kampfe mit den Wogen um; die beiden andern blieben heil und trieben, einander stets im Auge behaltend, gen Süden zu. � Dicht am Strande trennte ein neuer Sturm sie wieder. Ein Teil der Besatzung erreichte unter Mister Morleys Führung ein Vorgebirge, wo sie zufälligerweise Fischer antrafen, die ihren Abzug ins Innere des Landes um einige Tage verzögert hatten. Das war ihre Rettung. Der andre Teil war wahrscheinlich nach Osten ge- trieben worden, und Mister Morley konnte nicht die geringste Nachricht von ihnen erlangen.— weder bei den Fischern am Meeresufer, noch in den Niederlassungen an den Fluß- Mündungen, noch bei Charlamoff, dem„Wachmeister am Meer". Erst auf dem Wege nach Dschurdschnj fand er zwei Seeleute, die krank und bewußtlos auf Narten(Schlitten) lagen und von Tungusen weiter befördert wurden. Ihren wirren Reden konnte er nur so viel entnehmen, daß sie von der halberstarrten und Hungers sterbenden Mannschaft ausgesandt worden seien, um Menschen zu suchen. Von dem Steuermann und zwei der intelligentesten Matrosen begleitet war Mister Morley wieder nach Norden gegangen, um die sterbenden Kameraden zu retten. Diese tragischen Geschicke trugen noch dazu bei, die Erwartung der Verbannten aufs höchste zu steigern. Eines Mends endlich kani Samuel bleich und verändert zu Alexandroff gestürzt und rief: „Er ist wieder da!" „Nun, hat er sie gefunden?" „Nein. Ich habe ihn nicht gefragt, denn die leiseste Er- wähnung dieses Gegenstandes scheint ihn furchtbar aufzuregen. Aber... er ist allein zurückgekehrt! Die Matrosen und die Eingeborenen behaupten eininütig, Schnee und Stürme haben alles zugeweht, es sei nicht die leiseste Hoffnung vorhanden, auch nur eine Spur von ihnen aufzufinden, ehe der Frühling komint, es müsse denn gerade ein Wunder geschehen. Nirgends ein Fingerzeig, nirgends eine Andertung! In Dschurdschnj will der Mister einige Tage bleiben. Dann bringt er seine Mannschaft in die Gouvernementsstadt und wird sich wohl wieder auf die Suche machen. Er hofft in der Stadt Geld vorzufinden und Antwort auf seine erste Depesche. Morgen werden ihn die Vorbereitungen zur Reise den ganzen Tag in Anspruch nehmen. Uebermorgen abend will er uns besuchen." 10. Mister Morley war nicht sentimental. Er verbarg seine Empfindungen tief ini Herzen und machte sich energisch daran, die Angelegenheiten seiner Untergebenen zu ordnen. „Ter reine Klotz," klagte Kosloff,„elf Kameraden hat er verloren, und doch feilscht er um jeden Groschen." Mister Morley ließ sich die Klagen der Matrosen vor- legen, verglich die Preise, erkundigte sich bei Samuel nach den- selben und beschloß, den Rat des letzteren zu befolgen und den Jsprawnik zu bitten, er möchte der stetig anwachsenden Aus- beutung Einhalt thun. „Sagen Sie dem Herrn Hauptmann," bat er Samuel, „erklären Sie ihm, daß ich nicht so viel zahlen kann, daß ich außer stände bin, so ungeheure Summen auszugeben. Amerika ist wohl reich, aber das Ende dieser Preissteigerung ist nicht abzusehen. Ich bin bereit, höhere Preise zu zahlen, als die hiesigen Einwohner, denn ich begreife, daß unsre Ankunft eine Verteuerung der Waren hervorrufen mußte, aber wenn das so weiter geht, dann werden uns weitere Nachforschungen und ein längeres Verweilen in diesen Gegenden unmöglich gemacht; und ich muß meine Kameraden suchen auf jeden Fall!" Der Jsprawnik war sehr verlegen. „Sie glauben nicht, wie mißlich meine Lage ist. Was kann ich thun? Ich könnte befehlen, aber ich zweifle sehr, ob das wirken würde." „Befehlen Sie!" drang Samuel in ihn.„Ihre Macht ist doch jedenfalls sehr groß." „Meine Macht ist groß, so lange sie den Interessen meiner Umgebung entgegenkoinmt. Ten Jakuten kann ich alles be- fehlen und alles mit ihnen anfangen, was ich will, aber die Bürger von Dschurdschnj— das ist'ne andre Sache. Dem Anscheine nach sind siejßi gefügig, aber... Uebrigens sagen Sie dem Mister, ich würde thun, was in meinen Kräften steht. Nm besten wäre es aber, wenn er so bald wie möglich fort- ginge und seine Leute mitnähme und sich die nötigen Vorräte und Kleider aus der Gouvernementsstadt mitbrächte, wenn ev wiederkommt." Schon am folgenden Tage hatte Mister Morley Gelegen» heit, sich zu überzeugen, daß der Rat des Jsprawnik gut war: die Händler ließen sich nicht mehr bei dem Amerikaner sehen, in den Läden fehlte plötzlich alles, was sie brauchten, das Essen bei Kosloft und dem Kommandanten war ungenießbar und die Zimmer der Seeleute wurden nicht mehr gekehrt. Ein Boykott schien im Anzüge zu sein. Der Jsprawnik mußte wieder um Beistand angegangen werden. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verKoten.) Der Kranz für XTantc Iolepdme. Von E. G. Glück. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen. I. Charles Miteux, Expeditionsbeamter bei der Nordbahn, hatte bereits am Ib. des Monats keinen Sou mehr in der Tasche. Diese bedauerliche, bei Herrn. Miteux aber den regulären Zustand bildende Thatsache hätte unter andern Umständen seine schöne Seelenruhe nicht zu trüben vermocht. Dieses Mal ärgerte sie ihn aber doch über alle Maßen. In drei Tagen war der Geburtstag seiner kleinen Freundin Margot, der er zur würdigen Feier des Tages eine Reihe ebenso auserlesener wie kostspieliger Genüsse versprochen hatte: eine Land-- Partie nach Suresnes, ein Diner zu drei Frank das Couvert und, als Krönung des Ganzen, eine Vorstellung in der„Comedie franeaise". Nach reiflicher Ueberlegung beschloß Miteux, seinen Freund und Kollegen Lucien Boury mit zwanzig Frank anzupunmpen. Gerade als er sich anschickte, seinen Entschluß in die That umzusetzen, führte einer jener Zufälle, von denen die Herren Schwankdichter in ihren Stücken einen mehr als erlaubten Gebrauch machen, ihm seinen Gläubiger in spe entgegen. „Gut, daß ich Dich treffe! Ich wollte gerade zu Dir!" „Welche Ehre!" „Ich möchte Dich um zwanzig Frank anpumpen."' „Wie sagst Du?" fragte Boury erschreckt. „Ich möchte Dich um zwanzig Frank anpumpen." Bei diesen vollkommen unbefmigen wiederholten Worten bcr- wandelte sich die Bestürzung Bourys in Mitleid, in sanftes Er- barmen, ein Erbarmen, wie es der gesunde Mensch dem kranken gegenüber empfindet. „Armer Freund, begann er, Miteux beide Hände ergreifend, „Armer Freund! Du mußt sofort in ärztliche Behandlung!" „Was ist Dir?" „Unglücklicher! Welcher Orgie ist Dein edler Verstand zum Opfer gefallen, daß Du auf den naiven Gedmiken kommen konntest: am 15. noch zwanzig Frank bei mir zu vermuten!" „Ich glaubte. Dein Onkel August..." „Mein Onkel August ist ein Esel! Weil ich mich der Ehe widersetze, welche er für mich plant, ist er mir böse und verweigert mir jegliche Existenzmittel!" „Donnerwetter! Das ist aber fatal! Ich besitze keinen roten Heller!" „Oh! ich bin reich! Ich besitze noch ungefähr vier Frank." „Vier Frank können mir nichts nützen, ich brauche mindestens zwanzig. Ich habe meiner Margot eine Menge Ucberraschungen zu ihrem Geburtstag versprochen, und übermorgen ist der Ge- burtstag." „Schon übermorgen?" entgegnete Boury und begann nach- zudenken. Höre! Ich habe eine Idee," sagte er nach einer Weile, „Du sagst. Du brauchst zwanzig Frank?" „Oder mehr. Ich würde sogar mehr vorziehen." „Schön! Dann wollen wir Deiner Tante Josephins den Tod geben..." „Meiner Tante Josephine?" „Jawohl, Deiner Tante Joscphine, die in Versailles wohnt, und deren einziger, glücklicher Erbe Du bist." „Aber ich habe ja gar keine?" „Nein, diese Einfalt! Wenn Deine Tante Josephine existierte, würde ich Dir doch nicht raten, sie zu ermorden! Obgleich ich nun schon zehn Jahre als Bureaumensch arbeite, besitze ich doch noch immer einige gute Prinzipien; unter andren habe ich Respekt vor dem menschlichen Leben. Nein, Tante Josephine wird extra für diese Gelegenheit und zum allergrößten Nutzen ihres Neffen Charles Miteux und seines Freundes Lucien Boury geboren werden und sterben. Hier hast Du vierzig Sous. Heute Abend nach Bureauschluß fährst Du nach Versailles." „Schön. Und weiter?" „Von Versailles sendest Du folgende Depesche an Deine Adresse ab:„Tante Josephine plötzlich gestorben. Beerdigung übermorgen." Der nächste Effekt dieser Depesche wird der sein, daß Du für über« morgen Urlaub erhältst." „Sehr schön. Aber die vierzig Frank?...• „Vierzig? Du brauchtest doch eben erst zwanzig� 755 " Ich würde vierzig vorziehen." " Ich auch. Na, verlasse Dich also auf Deinen Freund und Kollegen Boury! Der wird die Sache schon machen!" II. Kleines feuilleton. Der Bureauchef nahm die Depesche, welche Miteur ihm Wie die erste Versammlung am Montag, so stand auch diese lette schweigend reichte, sezte seine Brille auf und las. " Ist es eine Erbtante?" fragte er. Miteur nickte. „ Eine kleine Erbschaft?" forschte der Vorgesehte weiter. " Ich hoffe, eine große. Vielleicht 150 000: " Sie Glückspilz! Also schön! Ich gebe Ihnen zwei Tage Urlaub, und wenn Ihre Angelegenheiten eine Verlängerung des Urlaubs erfordern, benachrichtigen Sie mich per Telegramm!" Miteur verließ auf der Stelle das Bureau. Kaum hatte er die Thür hinter sich geschlossen, als die verhaltene Spannung sich in lauten, heftigen Reden und Ausrufen Luft machte. Bosheit und Neid der lieben Kollegen feierten wahre Orgien! bleiben." Hundertundfünfzigtausend Frank! Solch ein Glückskind!" " Mir tann so etwas natürlich nicht passieren!" " Selbstverständlich wird er keine Tag länger im Dienst Was denken Sie! Er wird natürlich von seinen Renten " Von seinen Renten! Soll ich Ihnen ganz offen meine Meinung sagen? Nun, die Leute, die von ihren Renten leben, sind durch die Bank Spitzbuben!" Teben!" Rentier! Das ist noch der einzige Beruf, der ihm bei seiner Faulheit zusagen wird!" " Zu etwas anderm taugt er in der That nicht!" er Er bt. Die 76. Bersammlung deutscher Naturforscher und Aerzte hielt am Freitag ihre Schlußfißung ab, eine allgemeine Versammlung fämtlicher Abteilungen mit Vorträgen von allgemeinem Intereffe unter dem Zeichen der Entwicklungsmechanik. Zunächst wurde ein bedeutsamer Vortrag über Verbrennungs- Kraft. maschinen gehalten. Dann sprach Prof. Haberlandta Graz über Sinnesorgane im Pflanzenreiche". zeigte, wie feit der ersten Beobachtung besonders fenfibler Teile an Pfangen, die lange Jahrzehnte hindurch lediglich als eine Kuriosität bemerkt wurden, das eindringende Studium gezeigt hat, daß Tast oder Fühlorgane, Organe zur Empfindung der Schwerkraft und solche zur Empfindung von Lichtreizen bei vielen Pflanzen vortommen. Ob bei Pflanzen auch Sinnesorgane zur Empfindung chemischer Reize, unsern Geschmacks- und Geruchsorganen ver gleichbar, sich finden, muß vorläufig dahingestellt bleiben. Aber ein principieller Unterschied zwischen Tier- und Pflanzenreich ist nicht vorhanden, weder in physiologischer noch in anatomischer Hinsicht, vielmehr ist auf keinem Gebiete des anatomischen und histologischen Aufbaues die Aehnlichkeit zwischen Tier und Pflanze so groß, wie auf dem Gebiete der Sinnesorgane, und vielleicht darf man folgern, daß physische Vorgänge hier wie dort die Aufnahme der Reize be gleiten. Jedenfalls ist gerade das Gebiet der Einnesorgane, das Tier- und Pflanzenreich am tiefgreifendsten zu trennen schien, zu einer weitspannenden Brücke zwischen beiden geworden. Der letzte Vortrag führte vollständig in das Gebiet der Enta widlungsmechanik zurüd. Er wurde von Prof. RhumblerGöttingen über 3ellenmechanik und Zellenleben" gehalten; der Vortragende ging auf eine Reihe einzelner Era bon Kräften gehalten, welche lediglich lebenden Wesen zukommen, jetzt aber auf einfache physikalische Ursachen zurückgeführt sind. Freilich ist es noch nicht gelungen, sämtliche Lebensbethätigungen der Zellen ganz restlos physikalisch und chemisch zu erklären, doch ist die Annahme einer besonderen, nur bei der lebenden Substanz wirt samen Energie für die Zelle keineswegs nötig; sollte sie nötig werden, so müßte diese Energie natürlich dem Kausalgesetz unterworfen sein. Aber aus der bloßen Zweckmäßigkeit der Lebensäußerungen auf eine solche Energie zu schließen, ist unnötig; denn Unzweckmäßiges fonnte fich überhaupt nicht im organischen Leben entwickeln. Wir haben schon bei der Erwähnung von Roug Vortrag bemerkt, daß ein Austragen der Streitfragen, um die es sich hier handelt, auf der Naturforscher- Versammlung nicht gut möglicht. wir fügen heute hinzu, daß die Vorträge zwar ein wertvolles Bild aber doch nur ein einseitiges Bild, da die bekämpften Anschauungen der in der biologischen Wissenschaft vorhandenen Strömungen geben, nicht durch eigne Vertreter zu Worte kamen. " Nichtsdestoweniger wird er uns von nun ab sehr über die scheinungen im Zellenleben ein, die man früher für Aeußerungen Achsel ansehen Natürlich!" " Auf diese Erbschaft hat er schon lange gewartet. Wie er seiner Tante Josephine schmeichelte, ekelhaft schmeichelte!" Ein Beamter erinnerte sich, einmal gesehen zu haben, wie Miteur, der immer mit seinem Atheismus prahlte, seine Tante in die Messe begleitete. Und er schilderte die Tante bis ins fleinste Detail: flein, häßlich, bucklig. " Ich wette, bemerkte ein andrer," Miteur wird uns nicht einmal einen Schmaus geben!" " Das wäre ja noch schöner!" rief der Bureauchef. Ich hoffe fogar, er wird uns zu einem folennen Champagnerdiner einladen!" Bahl Er wird sich noch viel um uns fümmern!" " Ich meine," sagte Boury, der bis dahin geschwiegen hatte, ,, ich meine, es giebt ein ganz einfaches Mittel, ihn dazu zu zwingen. Wie auf Kommando verstummten die Kollegen. Aller Blicke hingen gespannt an Bourys Munde, der also fortfuhr: „ Ein ganz einfaches Mittel: wir müßten zusammenlegen und einen Kranz für Tante Josephine kaufen. Wenn Miteur uns nicht dafür mit einem Festmahl, würdig eines Lukullus, dankt, ist er der Undankbarste der Undankbaren!" „ Und wir dürfen ihm offen ins Geficht sagen, was wir von ihm denken!" rief Vater Patrice, ein alter, cholerischer, dabei ziemlich bornierter Sekretär, der seit zwanzig Jahren vergebens auf Zulage hoffte und inzwischen seine Zeit damit verbrachte, auf die Chefs, die Kollegen, das Leben, furz, auf alles zu schimpfen. Ich zeichne fünfzig Centimes!" Man ließ eine Liste cirkulieren. Im Nu waren dreiundvierzig Frank gesammelt. Boury erhielt den Auftrag, einen Kranz zu kaufen und das Bureau beim Leichenbegängnis Tante Josephines zu repräsentieren. III. Meine angeborene Diskretion verbietet mir, die tollen Streiche der beiden Komplicen und ihrer Freundinnen zu erzählen. Die dreiundvierzig Frank wurden bis auf den letzten Sous berjubelt. IV. " Was sehe ich, Herr Miteur?" rief der Bureauchef. Sie tragen nicht Trauer um Ihre Tante?" " Ich denke nicht daran!" erwiderte Miteur, bemüht, eine flägliche Miene aufzusehen. Ich denke gar nicht daran! Sie hat mich enterbt!" " Es ist schmachvoll!" bekräftigte Boury. Obwohl diese Nachricht alle Träume von Gelagen und Schmausen zerstörte, nahmen die lieben Kollegen sie doch mit unverhohlener Freude auf. Gott sei Dank, daß Miteug der nämliche bleibt, der er bisher war! Schon der bloße Gedanke, daß er diese Atmosphäre der staubigen Aktenfaszikel, der abgenügten Lederstühle verlassen fönnte, hätte genügt, den Rest ihres Lebens zu vergiften. Mir thun meine fünfzig Centimes nicht leid," erklärte Vater Patrice. Der Bureauchef, ebenfalls glücklich über das Mißgeschick seines Untergebenen, erging sich in längeren, philosophischen Betrachtungen. Er citierte die Fabel bom Milchmädchen mit dem Milchtopf. Er erinnerte daran, daß man hinieden nu auf seine Arbeit zählen dürfe. Miteur hätte Unrecht gethan, so viel Hoffnung auf die Erbschaft seiner Tante zu sehen. Die Leftion, welche er erhalten, sei wohlverdient. Sie sei vielleicht ein wenig hart, aber dennoch... Uebrigens," schloß er, bedauere auch ich nicht mein Geld." Wir erst recht nicht! dachten die beiden Komplicen, Einheitlicher sind die Bestrebungen sämtlicher Naturforscher, so weit es sich um eine bessere Würdigung der Naturwissenschaften im gesamten Leben handelt. Am Donnerstag fand eine Tagung statt, in welcher über eine Reform des mathematisch naturwissenschaftlichen Unterrichtes beraten wurde. Herausgekommen ist nicht viel; die weitere Beratung wurde einer Kommission übergeben. Aber allseitig wurde die Notwendigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnis zum Verständnis unsrer Kultur hervorgehoben. = führer der Gesellschaft es oblag, die Versammlung zu schließen, ge Prof. Ladenburg- Breslau, dem als zweiten Geschäftsdachte dieser am Tage vorher stattgehabten Diskussion; an sie anknüpfend sprach er den Wunsch aus, daß die Versammlung mit dazu beitragen möge, eine verständnisvollere Würdigung der Naturwissenschaften herbeizuführen. Der Wunsch ist berechtigt; denn thatsächlich gilt größte Inta fenntnis auf naturwissenschaftlichem Gebiete in gebildeten Kreifen nicht als ein Mangel. In den weniger gebildeten Schichten dagegen, bei Arbeitern, wird die Naturwissenschaft durchaus nach ihrem Werte geschätzt. Möchten nur auch die Vertreter derselben dem Wissensbedürfnis der Massen mehr Rechnung tragen, 3. B. durch Veranstaltung öffentlicher Versammlungen im Anschluß an die Tagung wählt worden. Als Ort für die Tagung des nächsten Jahres ist Meran ges wählt worden. " " Der Kriegskorrespondent am Kochtopf. Aus London wird der" Frankfurter Zeitung" berichtet: Mit grimmigem Humor schildert Mr. Simpson, der Kriegskorrespondent des Daily Tele graph", wie es den Berichterstatter in der Mandschurei geht. Unter der Ueberschrift Die Mandschurei im Schlamm, eine furze, aber interessante Reise", schreibt er aus Liaujang Wie schnell doch ein Haus ein Heim wird! In der Mandschurei steigt jeder Kofen, der notdürftig Schuh gewährt, zu dieser Würde. Er wird mit Ehrerbietung, wenn nicht mit Liebe betrachtet, und man tehrt zu ihm zurück, wie zu einem Ruhehafen. Unser Heim" lag auf der russischen Seite eines großen Hügels. In dem Hause befand sich ein einziger Chinese. Sonst war nichts darin zu finden. Sogar die Matten vom Fußboden waren weggenommen worden. Was von den Rahmen der zerbrochenen Fenster noch übriggeblieben war, diente zusammen mit Maishalmen zur Füllung des Ofens, der auch bald den ganzen Raum behaglich einräucherte. Das Wasser lief uns aus den Augen, und wir mußten fortwährend husten, aber nach 756 Humoristisches. Im Dusel. Dorfpolizist: Im... im... im Na.... im... Na... na, i'... sag's lieber morg'n!" Er fennt sie. Was ist das für ein Mensch der neue - Sekretär?" Kollegen zusammen!" Hm, heute und gestern hat er so viel gearbeitet, wie wir drei " Also auch so ein Faulenzer!" Abgesetzt.„ Merkwürdig, so selten sieht man noch auf „ Natürlich! Ist ja jetzt fast jedes Haus versichert!" " Ein geplagter Mann. No, Frau Beisele, wie geht's Ihr'm Ma' in der Sommerfrisch'?" allem, was wir draußen durchgemacht hatten, war es doch eine schöne| Dir. Blüten und Lilien, den Hala Deiner Schivester zu Abwechselung, besonders, da auch die Fliegen darunter zu leiden schmücken, die da wohnet im Herzen Dir, die da fizzet neben hatten. Das war für uns die größte Genugthuung, die wir uns Dir. Nahe Dich endlich! Es tönt Dir entgegen Musik und Gedenken konnten. Mit unsrer Vorräten waren wir zu Ende. Unser sang. Die traurigen Tage sie sind versunken und Helle Freude würdiger Wirt hatte kein einziges Huhn im Hause. Daß es Hühner- lächelt, Bis einst der Tag kommt, an dem Du eingehest in das eier giebt, war ihm bis dahin überhaupt kaum bekannt geworden, Land, das ewiges Schweigen liebt." und das versteckte Getreide hervorzuholen, dazu konnten ihn selbst unsre Rubel nicht bewegen. Damit hatte er vielleicht ganz recht, denn er konnte das Getreide vielleicht bald selbst gebrauchen. So Jehten wir uns denn auf den nackten Fußboden nieder, um den Anbruch des Morgens zu erwarten, an dem wir nach Liaujang aufbrechen wollten. Plötzlich kam dem Gefährten, der sich mir an= geschlossen hatte, ein glücklicher Gedanke, und in gebrochenem Englisch teilte er mit, es sei doch noch Korn in Aegypten. Er sprang auf, machte Licht und stöberte in einer Ecke seiner Satteltasche Herum, aus der er dann auch allmählich eine Handvoll staubiges Beug hervorholte, das den Erzeugnissen des japanischen Kunstgewerbes ähnlich sah, die sich in Wasser in Blumen und seltsame Beichnungen verwandeln. Was sollte das sein? Nun, getrocknete dem Lande den heiligen Florian!" Gemüse, und der Gefährte wollte daraus eine Suppe bereiten. Das Wort„ Suppe" wirkte wie Zauber. Wir schürten das Feuer neu auf und erduldeten dabei gern die Gefahr, zu ersticken. Es wurde Wasser gekocht, der kostbare Fund hineingeworfen, und dann warteten wir neben dem Feuer stehend, mit immer ärger werdendem Hunger auf das, was nun kommen sollte. Eine halbstündige Arbeit des kochenden Wassers schien den widerspenstigen Splittern nicht viel angethan zu haben. So tot wie sie gewesen waren, würden Sie wohl vorläufig noch bleiben; so ließen wir das Zeug denn weiter fochen, wobei wir uns der Reihe nach beim Kochamt die Finger ver= brannten und von den Flammen die Augen blenden ließen. Nach einer weiteren Stunde war unser Essen noch in demselben Zustande wie vorher. Tas Gesicht meines Kollegen zeigte einen aus Erstaunen und Enttäuschung gemischten Ausdruck. Ich deutete in milder Form an, er hätte vielleicht zerbrochene Streichholzschachteln anstatt Dörrgemüse erwischt. Er schüttelte jedoch traurig den Kopf and behauptete, wir fämpften thatsächlich gegen den Widerstand getrockneter Rüben und Schoten. Da kam ihm ein neuer Gedanke. Er durchwühlte noch einmal seine Satteltaschen und holte daraus mit vielen andern Dingen, unter denen sich auch eine Zahnbürste befand, einen Feßen bedrucktes Papier hervor, den er eifrig du chlas. .Himmel!" rief er aus, dieses Gemüse muß ja vorher 24 Stunden lang in Wasser liegen!"" Wir tauschten noch unsre Meinungen über Stonserven im allgemeinen aus, nahmen den Kochtopf vom Feuer und gingen zu Bett, oder legten uns vielmehr auf den aus Ziegelsteinen hergestellten Fußboden nieder. " Er muß halt immer laufe', daß er esse' ta', und esse', daß er und so hat er au' nig trinke' ka', und trinke', daß er schlafe' ka' Gut's, der Ma'!" " Notizen. ( Fliegende Blätter".) - Die Buch ich ntuck" wieder ablegen. Es war ein kostspielig Ding Nation" wird mit der nächsten Nummer ihren und hat den Lesern nicht einmal gefallen. schmuck" Die erste Aufführung von Gerhart Hauptmanns umgearbeiteten Florian Geyer" ist vom Lessing- Theater auf den 15. Oktober angesetzt worden. " Jm Wiener Burgtheater erzielte das dreiaktige Schauspiel" Die Fehme" von Eugen Brüll einen äußeren Erfolg. Der Kritiker der„ Neuen Freien Presse" nennt das Stück ein Protektionskind", das nicht ins Burgtheater gehöre. Seine Sprache schwankt zwischen dem Vortrage eines Nachmittagspredigers und dem Ton eines Kolportageromans." Schlenther hatte sich die Aufführung des Schmarren befehlen lassen. " 1 " 1 - Die Münchener dramatische Gesellschaft bringt am 26. September Herbert Eulenbergs Tragödie„ Ein halber Held" zur Erstaufführung. Leoncavallos Oper, Der Roland von Berlin" wird am 9. Oktober erstmalig im Opernhause in Scene gehen. Die Hauptrollen singen Bertram und Grüning. -Für die Nationalgalerie wurden folgende Werke der Düsseldorfer Kunstausstellung angekauft; Gustav Wendling, Düsseldorf," Botschaft von hoher See": Gerhard Janßen, Düsseldorf, Mann mit Strug"; Karl Vinnen, Osterndorf, Abend"; Ignazius Taschner, Breslau, Parzival". " Der Verband der Kunstfreunde am Rhein will in Köln( für die Dauer von zehn Jahren) ein Ausstellungsgebäude errichten. Für den Entwurf ist eine Konkurrenz ausgeschrieben, zu der mur Professor Behrens- Düsseldorf, Architekt Branzky- Köln, Profeffor Billing- Karlsruhe, Professor Fischer- Stuttgart, Professor Olbrich- Darmstadt und Profeffor Ragel- Karlsruhe aufgefordert werden. Der Gesamtpreis des Hauptgebäudes mit Honorar soll 140 000 m. nicht überschreiten. Für Nebengebäude, darunter eine kölnische Kneipe, sind 60 000 M. und für die Gartenanlage 25 000 M. ausgeworfen. k. Der älteste Liebesbrief in der Welt. Im Gegensatz zu der Stellung, die die Frau im Orient heute einnimmt, besaß sie im Altertum in Aegypten und Chaldäa eine große Freiheit. In Chaldäa konnte sie Handel treiben, ihr Eigentum zurückbehalten, Zeugin vor Gericht und Vormund ihrer eignen Kinder sein. Von der Stellung der Frau in Aegypten wissen wir weniger; aber auch diese war zweifellos sehr viel höher als die der Mohammedanerinnen. In einer Hinsicht hat sich indessen wenig geändert, die Heirat war im wesentlichen ein Handelsgeschäft zwischen den Eltern des Bräutigams und der Braut. Das ersieht man deutlich aus der Gesetzessammlung Hammurabis, des Königs von Babylon, 2200 v. Chr. Der Gatte bezahlte den Brautpreis, der Vater sorgte für die Mitgift und AusSteuer der Braut. Unter diesen Umständen gab es eine Werbung, wie sie nach abendländischen Begriffen der Ehe vorausgehen soll, nicht. Trotzdem kann man sich denken, daß mancher Liebesbrief auf Papyrus oder Thon heimlich zwischen dem Brautpaar in der VerTobungszeit hin- und hergegangen ist. Wir besitzen mun viele Liebeslieder der alten Aegypter, aber einen echten Liebesbrief hatte man noch nicht gefunden. Erst neuerdings wurde, wie wir in einer englischen Zeitschrift lesen, in Chaldäa ein Liebesbrief auf Thon gefunden, der uns zivar etivas förmlich flingen mag, aber zwischen den Zeilen doch die versteckte Zärtlichkeit hindurchfühlen läßt. Das Dokument stammt etwa aus dem Jahre 2200 v. Chr. und wurde in Sippara, dem biblischen Sepharani, gefunden. Dort wohnte an scheinend die Dame, während der Geliebte sich in Babylon aufhielt. Der Brief lautet:" Der Dame Kasbuya( kleines Mutterschaf") fagt Gimil Marduk( Der Liebling Morodachs) dies. Möge der Sonnengott und Marduk Dir ewiges Leben gewähren. Ich schreibe in dem Wunsche, etwas über Teine Gesundheit zu erfahren. Oh sende mir Nachrichten darüber. Ich wohne in Babylon und habe Dich nicht gesehen, was mich sehr ängstigt. Sende mir Nachricht, wenn Du zu mir fommst, so daß ich glücklich sein kann. Komm im Marchesvan. Mögest Du lange leben, um meinetwillen." ZweifelLos geht aus der Aufforderung, im Marchesvan zu kommen, der Wunsch des Schreibers hervor, daß sie die Feste jenes Monats und die Lustbarkeiten, die bei diesem Anlaß veranstaltet wurden, mitmacher sollte. Wenn man in Aegypten auch keine Liebesbriefe gefunden hat, so hat es doch die schönsten Liebeslieder. Aegypten war das Land der Ewigkeit, der Tod war nur ein Zwischenfall im Leben, und die Frau, die eines Mannes.geliebte Schwester" auf Erden war, war es auch im Verborgenen Land". Diese Seite des ägyptischen Charakters zeigt am besten das berühmte Lied des Harfners aus dem Jahre 2500 v. Chr., das wahrscheinlich bei den ägyptischen Festen gesungen wurde:" Gnädig verleihe leidenlose Tage, o heiliger Water. Nahe Dich! Sieh, Salben und Wohlgeruch bringen wir Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.- Drud u. Verlag: Vorwärts Buchdruderei u.Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. " Bei der Durchbohrung des Simplontunnels ist man in den letzten Tagen auf brödeliges Gestein gestoßen, das durch ungeheure Mengen heißen Wassers in eine schlammige Masse aufgelöst wird. - Die Elbquelle ausgetrodnet. Am 20. September fand man, nach der„ Schlesischen Zeitung", keinen Tropfen Wasser in der Elbquelle und in der sie umschließenden Steineinfassung. Dieſe Erscheinung ist bisher noch niemals beobachtet worden. - Eine Schneiderstadt in Polen. Ein merkwürdiges Gewerbecentrum im Gouvernement Pietrkow( in Polen) bildet das etwa 22 Kilometer von Lodz entfernte Städtchen Brzeziny( spr. Bresin). Unter den 7669 Einwohnern dieses Städtchens befinden sich nicht weniger als 4000 Schneider, meist Juden, welche fertige HerrenKleider spottbillig liefern. Man bekommt hier einen ziemlich anständigen Anzug zu einem Preise, der zwischen 3 und 14 Rubeln schwankt. Eine Menge Kaufleute strömen alljährlich aus dem Innern Rußlands und aus dem fernen Osten nach Brzeziny zusammen und jährlich liefern die dortigen Schneider im Durchschnitt für 3 000 000 Rubel Anzüge. ( Globus".)