Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 192. Donnerstag, den 29. September. 1904 (Nachdruck verboten.) 37) Die flucht» Von K. Bagrynowski. „... Das verbrecherische Individuum behauptete, die Amerikaner haben Kanonen, deren Geschosse fünfzig Werst �weit fliegen: das ist zwar unglaublich, aber in jedem Falle können sie einen Ueberfall Planen, da sie die Un- zulänglichkeit unsrer Garnison und die Blindheit und Be- schränktheit des Jsprawnik kennen gelernt haben, der die Feitide von Thron lind Altar bei ihren Streitigkeiten mit den ruhigen Bürgern stets unterstützt. Einer von ihnen, Tscherewin, führt das große Wort im Krankenhause und be- herrscht den Bezirksarzt vollständig: Samuel, ein andrer, thut jetzt beiin Jsprawnik, was er will, und geht darauf aus, sich der Polizei und der ganzen Verwaltung zu bemächtigen. Das kann zu dem Streben führen, die ganze Provinz los- zureißen und einen selbständigen Staat auf amerikanische Art zu gründen. Wenn das nicht gelingen sollte, wollten sie— so erzählte Vtüßja— sich in die am Ufer zurückgelassenen kupfernen Boote einschiffen, ein sie erwartendes amerikanisches Dampfboot besteigen und auf und davon segeln. Und uns sind die Hände gebunden, wir können weder das Verbrechen rechtzeitig vereiteln, noch die Jntriguen der Ausländer bloß- stellen, denn wir haben weder Waffen noch Munition. Und selbst genxiffnet könnten wir nichts thun, denn der Jsprawnik ist für den Frieden und behauptet, die Polizei sei nicht zum Kriegführen da. Unsre einzige Hoffnung bleibt der Adjunkt des Jsprawnik, aber was kann dieser treue russische Mann und Patriot auf einem untergeordneten Posten thun, über- häuft von Arbeit, wie er ist, indem er sowohl seinen eignen Obliegenheiten, als auch ungerechterwcise denen des Jsprawnik nachkommen muß? Was edle Biirger der Stadt und treue Unterthanen bestätigen können, als da sind: Iwan Jwanitsch Koslofs, Warlaam Warlaamowitsch Diakonoff, der Jakut Tas, der Feldscher Fiodorkin, der Schreiber Denisoff, der Popensohn Panteleon und viele andre, wie auch der Herr Adjunkt selbst, so weit er es über sein edles Herz bringen könnte, das immer voller Schonung für seine Vorgesetzten ist."... Das sorgfältig versiegelte anonyme Schriftstück wurde vom Adjunkten eigenhändig in das Futter einer Hasenfell- decke eingenäht, die ein Kosak am andern Tage als ein Ge- schenk des Adjunkten für einen seiner Freunde in die Gouvernenientshauptstadt mitnehmen sollte. Dieser ober wußte schon, was er darin suchen und. was er mit dem Funde thun sollte. 12. Eines Morgens/ bald nach der Abreise der Amerikaner, verließen Niehorski lind Lirassuski heimlich Dschurdschnj und schlugen einen Pfad ein, der durch das dichte Gebüsch über Burunuk zu Herrn Jan führte. Mit dem Städtchen war auch jeder farbige Fleck ver- schwunden, und so weit sie sehen konnten, war alles weiß. lieber dem fleckenlosen Schnee, der die Erde bedeckte, lagerten eisige Dünste: aus diesen tauchten bereifte Bäume und Sträucher auf, wanden sich knorrige Aeste ans Licht und strebten zerzauste Halmgarben enipor, die mit eisigen Nadeln wie mit blitzenden Härchen bedeckt waren: hier und da streckte Weidengebüsch seine spitzen Gerftir wie Stacheln aus, und all das war vom Eis wcißgeküßt, vom Schnee mit gefiederten .Krystallen übersät worden, daß es aussah wie lichter, flüchtiger Rauch, der plötzlich in der Luft erstarrt und hängen geblieben ist. Sie verfolgten einen weißen Tunnel, den ein kaum er- kennbarer, blaßgelber Pfad durchs Dickicht geschlagen hatte. lieber ihnen zitterten feine Eiskrystalle, die der Luftstrom bei ihrem Durchgang bewegte, und der Schnee hing in weichen Flocken bis an ihre Mützen herab. Durch dies zarte Gewebe schien der bleiche Himmel eines arktischen Wintertages, an dem kaum sichtbare Sterne in mattem Glänze flimmerten. Bald hatte der Reif, der sich an ihren Pelzkleidcrn an- sehte, die Wanderer den weißen Waldgespenstern um sie her gleich gemacht.. Sie schritten rüstig aus, denn sie wollten noch heute in die Stadt zurückkehren. Ihr Atem gefror cm Bart und Wimpern zu kleinen Eisperlen, oder fiel in Gestalt von Schnee auf ihre Brust. Sie mußten nahezu eine geographische Meile zurücklegen und das enge Flußthal überschreiten. Als sie am Rande desselben angelangt waren, wehte es kalt, wie aus einem Keller zu ihnen herauf. In der tiefen Schlucht, die von abschüssigen Lehmwänden eingefaßt war, wand sich das weiße Band des Flusses trübselig durch den dichten Dunst. Sie blickten nach Norden, wo sich der Fluß mit einer scharfen Biegung zwischen den Bergen verlor, und es war ihnen, als sähen sie hinabströmendes Wasser, das auf seinem eiligen Laus zu Stein erstarrt wäre. „Fühlst Du nicht eine wunderliche Sehnsucht im Herzen, wenn Du diesen Fluß ansiehst—- einen übermächtigen Drang, auf und davon zu gehen, in die Ferne zu schweifen? Ach, wäre doch der Frühling erst da, säßen wir doch erst in unserm Boote! Und doch wäre das erst der Anfang!" sagte Niehorski. Krassuski sah den Freund erstaunt an. „Es wird alles gut gehen! Wir werden alles ertragen. Auf dem Boote kommt es weniger auf Muskelkraft, als auf Kaltblütigkeit und Mut an. Wenn nur Jan einwilligt." „Und willigt er nicht ein, dann denken wir etwas andres aus," antwortete Niehorski in seinem alten energischen Ton. Eine Zeitlang mußten sie an den llsern des Flusses ent- lang gehen. Ilm der furchtbaren Kälte zu trotzen, die durch die dicken Pelze bis an ihren Körper, bis in die Lungen drang und sie wie im Fieberfrost erschauern ließ, suchten sie so schnell wie möglich zu gehen. Aber trotzdem es so kalt war und sie Eile hatten, blieb Niehorski stehen, als sie durch eine enge Felsspalte ans gegen- überliegende Ufer kamen. Er maß die kleine Lichtung, die von dichtem üppigen Weidengesträuch umwachsen war, mit prüfenden Blicken. „Also diese Bucht hast Du zur Werft bestimmt?" Krassuski nickte. „Sie ist ausgezeichnet: aber kommt der Fluß jedesmal bis hierher, wenn er steigt?" „Das weiß ich nicht. Wir müssen Jan danach fragen." lieber die sanfte Uferböschung gelangten sie auf einem Pfade, der sich zwischen dem Gebüsche schlängelte, auf die großen Wiesen von Burunuk. Der Berg, an dessen Fuße Jans Jurte stand, versperrte die Aussicht, wie ein großer Schnee- Haufen. Hinter ihm sahen weiterliegende Gipfelreihen her- vor und große Massen von toten, weißen, düsteren Bergen. Auf ihren Höhen und Vorsprüngen lag der blaßrote Schein des sterbenden Tages, während ihr Fuß und die tiefen Klüfte in graue Dünste gehüllt waren. Dürftige Wälder bedeckten die Abhänge mit schmächtigen, wie Borsten aufragenden Bäumen. Inmitten dieser starren öden Landschaft machte der Rauch, der über Jans Hütte schwebte, � über der einzigen Menschenwohnung weit und breit,— einen unsäglich traurigen Eindruck. Sie fanden Jan in der Nähe des Hauses: er kehrte ganz mit Schnee und Eis bedeckt und bis an die Augen in das Tuch seiner Frau ein- gewickelt, von den Bergen heim. Unter dem Arme schleppte er ein paar zerbrochene Hasenfallen. Er rief sie mit einem „Kuckuck" an, das dumpf aus dem Tuche hervordrang, und stäubte sich den Reif mit seinen ungeheuren Pelzhandschuhen von den Kleidern. „Kriecht ins Haus, denn es ist kalt� rief er ihnen zu. „Ich komme gleich, will nur der Kuh zu trinken geben." Die Frau empfing sie mit einem ziemlich sauren Gesicht, „Herr Jan ist in der Tajga!" sagte sie in gebrochenem Russisch. „Er ist schon wieder da, wir sind ihm begegnet." Die Augen der Frau leuchteten aus, sie setzte das Kind, das sie auf dem Schöße hielt, aufs Bett, und legte einige Stücke Holz ans Feuer. Als Jan eintrat, sah sie ihm gierig auf die Finger. „Nun... Hast Du wieder nichts?" fragte sie enttäuscht. „Na, das ist uns doch nichts Neues. Die Hasen lassen Dich grüßen! Die sind nicht so dumm und stecken den Kopf bei dieser Kälte in die Schlingen. Es ist zu kalt, um in der Luft zu hängen: im Sommer, da ist's was andres, da schaukelt man sich erst nach Herzenslust und fuchtelt mit den Läufen um sich, ehe man tot ist. Ich hätte keine Schlingen legen. sondern Bogenfallen stellen sollen, aber ich Hab' nur zwer Soöon, und sie haben auch gesprungene Lehnen. Es mutz ein Hase darauf herumgespielt haben, denn's ist ja unser polnischer Karneval," fügte er polnisch hinzu, indem er sich zu seinen Gästen wandte. „Tu hast den Kopf immer voller Dummheiten, aber was sollen wir nun essen? Wir sahen im Spital und hatten's gut: und da mußtest Du wieder irgend einen Unsinn aushecken. Jetzt kann ich den Gästen nicht mal was vorsetzen," klagte die Frau. „Gieb ihnen, was Du hast! Sie werden's nicht übel nehmen, wenn sie unfern Kräuterthee trinken müssen und Milch dazu. Ihretwegen brauchst Du Dir keine Sorge zu machen!" „Das versteht sich," meinten die Verbannten. „Daß doch die Frauen nie gescheit sein können. Sic kann's nicht begreifen, daß ich sie entweder alle Tage � nen oder samt den Kindern sitzen lassen würde, wenn ich nicht so wäre, wie ich bin: aber bin ich mal ein ordentlicher Kerl, dann muß ich eben thun, was ich thue. Denn wenn man ein Gewissen hat, handelt man in jedem Stück danach, und nicht mal so, mal so! Setzen Sie sich!" wandte er sich wieder an seine Gäste, indem er ihnen Scheniel ans Feuer schob.„Mach' Dir keinen Kummer, Alte, gieb uns was Warmes zu trinken und stöhne nicht! Bald zieht der Frühling ein. die Vögel kommen. das Eis birst, die Fische tauchen aus den Tiefen auf. und dann sind wir wieder König und Königin! Was giebt's Neues in der Stadt? Was machen die Amerikaner? Tüchtige Kerle, Hab' ich gehört, und ich Hab' auch gehört, daß sie dies Land nehmen wollen..." „Wie? Was? Wer hat das gesagt?" rief Niehorski angsterfüllt. „Wer sollt's gesagt haben, die Jakuten sagen's. Und ich seh' nicht ein, daß es was Schlimmes wäre. Im Gegenteil, das wäre sehr schlau von ihnen, denn die Russen wissen nicht, was sie damit anfangen sollen, und hier sind große Schätze verborgen: Holz, Pelze, Fische— ein unerschöpflicher Reichtum— und in den Bergen verschiedene Erze! Ich sag' Euch — Schätze— geradezu Schätze. Ich selbst würde ihnen Kohlen und Silber zeigeir,'s ist möglich, daß sogar Gold da ist. Und die Menge Eisen und Kupfer und Blei— so viel das Herz begehrt! Die Jakuten und die Tungusen bringen mir oft Proben. Da seht, was mir neulich einer gebracht hat. Ich wollte es den Amerikanern zeigen, aber ich Hab' gehört, sie sind schon fort." lFortsetzung folgt.) Gipfel lind Gründe. Neue Gedichte von Karl Henckell/) Die Bücher Karl Henckells— auch die anthologischen— haben eins gemein: die Jntenfttät, mit der sie Gefühl und Gedanken aus ihren Dichter lenken. Man sagt nicht zu viel, wenn man urteilt: hinter dem Dichter verschwänden eigentlich die Dinge, um die sein dichterisches Wort sich mühe. Alles, was er giebt, ist Persönlichkeit, in Welt und Zeit umher mifmerkende, schnell berührte und in Begeisterrmg aufjauchzende Persönlichkeit. Er geht in den Dingen ür dem Sinne auf, daß er dichterisch zeigte, wie die Dinge sein innerstes Leben berührten, wie sie also in ihm aufgingen. In der Steigerung dieses Wesens liegt ein Haupt- merkmal der Henckellschcn Dichtung, und so giebt denn auch dieser Zug dem neuesten Bersbuche Henckells die Farbe. Den dichterischen Ertrag seiner letzten vier Lebensjahre schüttet Henckell in„Gipfel und Gründe" aus. In diese letzten Jahre fällt seine Uebersiedlung aus der Schiveiz nach Berlin. Der Wechsel der äußeren Umwelt wird in den Stoffen und ancki in der bildnerischen Prägung des neuen Buches kaum sichtbar, auch in der Forni des Ganzen nicht. Das aber ist eben eine Wirkung der be- sonderen dichterischen Natur, die wir in Henckell an- sprechen müssen: er ist aus den Gründen, in denen fein suchendes Leben in Jugendzeiten sich umtrieb, zu Gipfeln auf- gestiegen und sieht nun von diesen Gipfeln weiter hinaus und tiefer hinein in die Welt. Das enge Besondere weicht hinter das freie Allgemeine zurück, das den Sinn des Weltwcrdens ausmacht. Kulturziele leuchten wie Sterne auf: das Werden der Menschheit muß am Wert des Einzelnen gemessen werden, und diesen Wert be- zeichnet das Schönheitsempfinden ganz wesentlich. Henckells auf- saugende dichterische Persönlichkeit nimmt von jedem Weltpunkte aus ihren Aufschwung in dieses Reich ihres Weltglaubens und ihrer Menschheitsfreude, und ganz und gar auf diesen Glauben und diese Freude kommt es in diesem neuen Versbuche an. Es ist ein Buch des Jauchzens über Errungenes und zu Er- ringendes des Geistes und der Seele. Es ist ein Dankbuch und doch auch wieder ein Kampfbuch. Nur in ganz neuer Art ist Henckell ") Leipzig und Berlin. Karl Henckell u. To. ein Kämpfer geworden. Er ist nicht mehr der wirbelschlagenhe Tambour, aber innner noch schreitet er den Reihen voran, nur jetzt als ein Zeichendeuter imd Prophet. Das junge Kämpfen schallt nur in Nachklängen in die neuen Tage herein, aber darin liegt wie gesagt nichts von Kampfverzicht. Die Wandlungen, von denen Henckell vor Jahren einmal sprach, sind innere Reifmigen gewesen, kein Verlassen der junggewählten Bahn, kein Wechseln des Kleides, kein Wegwerfen der Flinte. Er zieht heute den Kulturertrag aus seinem Kämpfen, und alles Weiter- kämpfen ist nun ein Sucheit nach den Spuren des Werden?, die seinem persönlichen Werden gleichen, und es ist ein Mahnen, diesen Weg begeistert mitzuschreiten. Denn in allem Fühlen als Individuum will Henckell eng mit der Welt der Gesamtheit der- Kunden bleiben. Vom Individuellen aus will er die ganze Welt verstehn, im eignen Individuellen spiegelt sie sich ihm. So wächst ihni ein neues Verschmelzen mit den treibenden Werdekrästen in Welt und Menschen. Immer wirkte diese Tendenz in ihm, aber heute wird sie mit stärkstem Bewußtsein erfaßt. Im eignen Reifen gebar sich ihm als höchste Frucht das Jnnenglück der Erkenntnis, daß die alten quälenden Hemmnisse fallen, daß es tagend durch graue Ritzen zu blitzen beginnt, und nun sieht er nicht mit den Augen des Politikers nur den Volksfortschritt zu größerer Freiheit, sondern er spürt mit den Augen des Mcnschheitsdenkers die Entwicklung der Gattung zu einer höheren Artinöglichkeit auf. Im Gartungs- gedeihen gipfelt aller Kanipswert. Das ist auch der Kern Dehmel- scher Gcdankenbewegung. Diesem Zielpunkte muß alles eingeordnet werden. An diesem Kriterium ist die Frage»ach Gut und Böse zu entscheiden. Ans ihr quillt die neue Moral: die Moral der Gattung, die über alle ererbte moralistische Enge hinaushebt. Der schönheit- schaffende Mensch ist das Ideal Henckells. In diesem Zeichen kämpft und siegt sein neues Buch. Mit einem„Türmerlied" setzt das Buch ein. Ungeduldige Strophen. Ans verWachten Augen brennt der Wille zum Weiter- wachen.„Ich möchte Frührot sehen." Und nun blitzen die ersten Tagzcichen. Der bedeutsame Cyklus„Kleine Symphonie" führt sofort tief in das Lebendes Buches. Der erste symphonische Satz— „stürmend und drängend"— erschließt die Jugendzeit des Welt- empfindens: grelles und wildes Gegcusatzschauen. Kampf mit quälender Kleinheit und Niedrigkeit, Willcgewalt. Aufrecken und Auffliegen zu allseligcn Wonnen bis zur UrUed- Erkenntnis:„Die Welt blitzt auf im Menschenkind." Der zweite syniphonische Satz —„lcichtlockcnd"— ist ein Liebeslied, das der Mann singt. der ins Leben niederstieg aus mächtigen Sehnsuchts- höhen und statt der Adlerschrei Drosselschlag hört. Nun blitzt dem Liebenden die Welt auf im geliebten Menschenkind, und alle erd- verlorenen Himmel sind vergessen: die Erde bietet Sterne und Himmel genug. Der dritte Satz—„schlvermütig bewegt"— enthüllt die Cual des Vereinsamten, den kleinliches Gekämpfe wund und matt schlug, und der unter dem Fittich der Nacht Schutz fiix das Eigne sucht, das er sich in Wahrheit selbst gewann. Dieses Flüchten ans dem Lauten ins Leise ist ein Erlebnis vieler Naturen, aber es ist nicht immer ein Verzichten und Aufgeben. Henckells Seele hat einen Zug tiefer Weichheit, die in blutige Oual niederdrückende Er- schüttcrungen in ihn trägt, aber diese Weichheit ist nicht Schwächlichkeit: er flüchtete, um in sich selbst sicheren Hall in dem Toben und Treiben und Ringen und Drängen der Zeit zu finden, und in dieseni Suchen offenbart sich ihm nun zugleich das bedeutsame Wesen der Liebe, der Lebensgemeinschaft mit dem Weibe. Der vierte symphonische Satz —„fest gelassen, zum Schluß triumphierend"— deutet den Lebens- sicg. Es ist Kraft der Persönlichkeit, was aus allem Gefühl schwer« mütigen Berlassenseins erlöst. Dieser Sieg hängt mit dem lieber- winden jenes Gefühls der Isolierung zusammen, das einer Welt- anschauung entsprang, die das Ich nicht' in seinem natürlichen Zusammenhange mit dem All begriff. Henckell hat dieses Allgefühl, und es giebt ihm den Begriff des höheren Wertes alles Einzelnen, der in der neugeborenen Kraft des Werdens beruht. In dieser Perspektive wirkt alle menschlische Ent- Wicklung so groß, daß alles Kampfleid des Einzelnen winzig erscheint und alles Kleine und Enge die niederziehende Macht verliert. In der Liebe zum Weibe aber ist dem Einzelnen das Symbol und das Gefühl seines Weltzusammenhangs gegeben: Unser Leben ist Erlöse» Von Verzweiflung alter Art, Neues Wesen Sprießt im Blute keimeszart. Wiederscheinen/ Seh' ich meines Sehnens Glanz, In dem allertiefften Einen Sind wir wahlverbunden, wesensganz. Schwankend tvird ein Glaube, Der im Menschenpaar sich nicht bewährt, Sinn versinkt im Staube, Der sich nicht zum Liebessinn verklärt. Rein aus Wirbelmassen Steigt ein fester Stern» Schwebt auf gelassen Und vermählt sich seinem D« so gern. Stark in unserm Bunde. Ficht kein Sturm imS an; Der im tiefsten Grunde Unfern Anker jemals lösen kann. Mächtiges Vertrauen, Wellvertrau n zu zweit Auf der Menschheit neues Morgengrauen Ucberwindet Zweifel und Zerrissenheit. Mit dieser triumphierend auSklingenden Symphonie ist der Weg in das Wesen des Buches aufgethan. Wer den ganzen künstlerischen Gewiß gewinnen will, darf nun nicht blätternd nur da und dort lesen: er must dem Dichter Schritt um Schritt folgen. Die Gedichte find so geordnet, daß fich das Gefühl ganz entwickelt: man durch- schreite das Irdische in wunderbar reiner Höhe. Henckell kettet uns an sich und so an Leben und Erde. Aber die Selbstschau seiner Lyrik ist oder mündet überall in Weltanschauung, und diese ist ein jauchzendes Hindrängen zu allem, was bejaht werden muß. Die großen Gedanken feinsten EntfaltenS überkommen ihn überall: auch in der Thüringer Tannenstille, die den Blick hellweit über ferngedrängte Grünwipfel schweifen läßt. Die heilige Andacht zun. Lebensgroßen weht auch in den bildschildernden Böcklin-Blättern. Licht und Weihe flutet durch die Sonette, die ein paar Blüten von einziger Kunstschönheit bieten, darunter das Sonett„Erscheinung", ein in visionäre Dümmer- färbe gehülltes Abbild des eignen seelischen Wesens, das den Dichter als Gewordenen, als„Sohn der Lebenchpur, die er von Anfang bis hierher gezogen", versinnlicht. Vollgenietzend staunt der Dichter sein eignes Wirken an. Ihm klingt es zu:„SelbsteigneS Sehnen muß stark dir bereiten und mutig vollenden den fährlichen Pfad. So laste dich walten und walten dn deiner, mit wachem Besinnen dir selber vertraut! Du sollst dich entfalten nur freier und reiner." Drei In- schriften leuchten am Hause seines Lebens. Die erste: Hier ist der Unterdrückten OrtI Die zweite: Hier mag der Schönheitspilger rasten! Die dritte: Ein neues Leben atme durch dies HauS 1 Vor dieser lebensbejahenden Kraft büßt der lcbenauflösende Tod seine Macht ein. Es ist wie im überquellenden Frühling, wo selber der Tod sich lichttricfcnden Lebens freut. Weg über Tod und Verlust! heißt ein Gedicht, das in die Worte auStöitt: Was ich leidend verliere, schafft mir Lichttmg. Schicksal wächst und will weiteren Raum. Sprachgewalt, Bildlebendigkrit, Rhythmenflut find Zeugen der Frische des gänzlich ungebrochenen Lebens, das diesenDichter segnet. Ein Auseinanderklaffen von Inhalt und Form drängt sich nur selten störend ein, und dann nur in einzelnen Verszeile». Henckells Rhythmen find beseelende Kräfte, sie sind Lebensorgane seiner lyrisch er- griffenen Stoffe. In ihm haben die Rhythmen, die Jahrhunderte alt sind, ursprünglichstes, unverbrauchtes Leben. Sie sind echt und stark, weil eben fein Leben echt und stark ist. Der gereiste, vertiefte Lebensinhalt muß aber zu neuen rhythmischen Bildungen ftihren und so drängte sich da und dort ein Aufsprengen alter strophischer Taktgebnndenheiten ein, das die Künftlerschaft Henckells zu neuen und feinen Wirkungen führt; es ist. als erschlösse sich eine Schatzader, die bisher unberührt blieb und nun das Geheimnis eines eigenartigen Reichtums werden solle. Ein Eindringen in die stilleren Laute und Bewegungen der Natur beginnt. Aber hier bleibt der Dichter zu sehr als von außen nahende, schauende und gleichnisbegeisterte Individualität fühlbar, er wird zu wenig Halm und Blume. So fteilich ist die Art, wie man ihn kennt. Die. Freude über das Erschaute überwiegt jedes andre Gefühl. Bis in die Harmonie des Vokalzusammenklanges hinein ist fie lebendig: sie hat die Btusik des Jauchzen?. Das Spiel der Vokale kann ein Leuchten und Gleißen werden. Henckell ist ein Bacchant in seiner Freude. Da? Flutende seiner Lust zwingt ihm die natürliche Vorliebe ftir participiale Wendungen und Beiwörter auf, die ihn bisweilen wie ein Taumel ergreift und dann der Gefahr opfert, die Herrschast über die künstlerisch bildende Sicherheit zu verlieren. Aber stockt man hier, so gebe man sich einem so herrlich ersonncnen Gedichte hin, wie das für den armen lieben Peter Hille eine? ist. Wundersam thut Henckells Dichterseele die heimlichsten Gänge in diesem Gedichte auf. Henckell ist ein Gewordener, aber die junge Feuerfrische starb ihm nicht. Mit ihr blieb Rhythmisches und Stilgeformtes aus seiner ersten Dichterzeit lebendig. Es packt ihn immer einmal wieder. Die „Frühlingskantate" fft Beweis. Diese köstliche, von lichten Bildern überschäumende Vcrslust! Die Fanfarentöne aus Gründeutschland und auch die reizvolle Rotizblatt-Strophenform aus der Zeit der Amsel- rufe kehrte wieder. Aber über das Ganze ist eine stetere Helle künstlerischen Bildens hingegossen. Die Selbstherrlichkeit, das Nicht- unterworfensein, das Darüberstehen, Selbstbesttmmen, die Selbst- ficherheit der Lebensführung— das alles wirkt. Der„reine Lebens- klang", den er empfangen, färbt alle Wortstigung und alle Sinn- bildung. In dem Gedichte.ZudmstSdichter" lebt Rhythmus und Strophierung des Liedes vom Steinklopfer wieder auf. Es ist eben so: die Empfindungen seiner Jugend leben rhythmisch in ihm fort. Und so wiederlegt dieses neue Buch kastvoll all das legeirdär wiederholte Unzeug von Urteilen über den Wert und das Wandeln von Geist und Wesen Henckellscher Lyrik. Hier sind alle Elemente aufs neue vereint, die uns diesenDichter lieb machen. Der Hymnus „Zukunstsdichter", der mit aufgereckter Sttrn und leuchtenden Augen in drängend ausquellendem Gefühl die neue Welt kündet, die drunten im Proletariat emporwächst, wstd begeisterten Widerhall� weithin in der«rbeiterklaste erwecken: es ist ein« der herrlichsten Gedichte, die ihr je gegeben wurden. Und iver Henckells Buch zur Hand nimmt, der mag, um den Dichter ganz zu erwerben, sich von des Dichters zuerst zu Berliner Arbeitern gesprochener Mahnung leiten lassen: Wer einen Punkt ergreift mit ganzer Seele, Dem tritt in einem Punkt das Ganze nah. Franz Diederich. kleines Feuilleton. Icd. In einem japanischen Sctzcrsaal. lieber die Schwierigkeiten, mit denen der Druck einer japanischen Zeitung verbunden ist. plaudert ein englisches Matt. Die Japaner wie die Chinesen haben eine besondere Schriftsprache, die von dem gesprochenen Wort be. Kächtlich verschieden ist. Sie verwenden für ihre Litteratur andre Ausdrücke als bei der gewöhnlichen Konversation. So ist es not« wendig, daß die Zeitungen bis zu einem gewissen Grade in zwei verschiedenen Sprachen gedruckt werden, im„Kana" und in den vier« eckigen Zeichen, von denen die einen einen Schlüssel der andern bilden. Diese Schriftzeichen sind den chinesischen ideographischen Schriftbildern nachgebildet, einem furchtbaren Mischmasch von geo- metrischen Figuren, Kreuzen und Zickzacks, deren Druckbild ungefähr so aussieht, wie wenn unzählige betrunkene Fliegen mit ihren Füßen voll Tinte über das Papier hingelaufen wären. Von diesen ideo- graphischen Dnickbildcrn sind etwa 4000 bis 5000 im täglicl�n Ge. brauch. Der Setzer muß also ein recht gelehrter Mann sein, um diese verschiedenen Zeichen zu unterscheiden, eine Arbeit, die auch eine große Anstrengung für die Augen bedeutet. Um nun dem Schriftsetzer die Arbeit möglichst zu erleichtern«, ist der Setzerraum in besonderer Weise eingerichtet. Der Setzer sitzt an einem kleinen Tisch, auf dem die 47„Kana"-Buchstaben ausgebreitet sind. Wenn er sein Manuskript bekommt, so schneidet er es in kleine Streifen und giebt jeden der Streifen an einen Burschen. Der läuft nun mit seinem Streifen den Saal entlang und sucht sich aus einer Anzahl von Kästen die ideographischen Zeichen aus. Ein halbes Dutzend Jungen rennen so fortwährend eifrig hin und her und lassen dabei einen dumpfen murmelnden Gesang höreng sie singen nämlich den Namen des Wortbegriffs, den sie gerade suchen und summen so die Töne vor sich hin, da kein Japaner aus den niederen Bolksklassen fähig ist, eine Zeitung oder ein Buch zu lesen, wenn er sich nicht zugleich auch laut die Aussprache der einzelnen Schriftzeichen bildet. So bietet eine japanische Druckerei ein merkwürdiges Schauspiel. Man hört ein fortwährendes Gewirr von Stimmen«, die sich zu melancholisch gezogenen Tönen vereinen, sieht Leute geschäftig hin- und herlaufen und glaubt in einer Singschule oder gar in einem Tollhause zu sein, bis man über den Sinn dieses seltsamen Verfahrens ausgeklärt ist. Wenn die Jungen ihre Schriftzeichen alle zusammengesuät haben. dann breiten sie sie vor dem Setzer aus, der nun mit Hilfe einer großen Brille die einzelnen Zeichen enträtselt und dann die dazu passenden Buchstaben in« der„Kana"-Sprache auswählt; endlich setzt er das ganze in Druck. Die einzelnen Korrekturbogen werden dann wieder von dem einen Korrektor dem andern laut zugcsungen, wo- durch ein ohrenbetäubender Lärm entsteht, so daß das Drucken einer Zeitung in Japan mit dem größten Spektakel verbunden ist.— — Das Liaothal bezeichnet der amerikanische Konsul in Niutschwang als die größte Vorratskammer der Welt für Bohnen und Hirse, denen der Weizen an Ertrag beinahe gleichkommt. Durch die bedeutende Bohnenernte, die zur Nahrung und zur Bereitung von Oel und Bohnenkuchendünger dient, wird das an der Liaomündung gelegene Niutschwang zur Regenzeit zu einem Stapelplatz für Bohnen. wie es sonst keinen giebt. Aus dem Liaothal werden jährlich für 40 Millionen Mark Brot- und Hülsenfrüchte ausgeführt. Miß« ernten und Hungersnot sind unbekannt, die Ernte ist so regelmäßig wie nur irgendwo in der Welt bei natürlicher Bewässerung. Die durch den Liao und dessen Nebenflüsse bewässerte Landschaft hat einen Umfang von etwa 100 000 Ouadratstlomerern. Sie ist zum Teil gebirgig, aber das meiste Land ist eben oder von leicht abfallenden und anbaufähigen Hügeln gebildet. Der Boden ist meist sandiger Lehm mit einer Beimischung von Thon. Kies und Steine kommen selten vor, so daß es beim Eisenbahnbau eine schwere Aufgabe war, an der Strecke genügend Schotter beizubringen. Die Bearbeitung des Bodens ist im allgemeinen leicht,»nd die reichen Bohnen- und Hirsenernten scheinen das Erdreich nicht zu erschöpfen. In dem mongolischen Teile des Thales ist das Land meist noel, in jungfräulichem Zustande und giebt nur Weide für Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen. Von diesem Landesteile gehören noch weite Striche den mongolischen Fürsten oder werden durch sie beherrscht. Ter Krieg hat eine anfsttevende Geschäftigkeit unterbrochen, welche die Anlage von modernen Mühlen ins Auge gefaßt hatte und die besten Aussichten bot. Man hatte schon darauf gehofft, daß binnen zwei Jahren die Mandschurei Weizen nach Europa ausftihren würde. Das Liaothal dürfte später für die Ausfuhr von Erzeugnissen der Molkerei und der Schweine- und der Rinderzucht in Bettacht kommen. und bei der Zusammensetzung des Bodens und seiner Ebenheit sowie den allgemeinen klimatischen Verhältnissen wird ein großer Teil des Liaothales sich besonders ftir die Gewinnung von Luzerne eignen. Der Liao führt die Wasserläufe aus dem südlichen Teile der Mandschurei und einem mongolischen Landesstrich ab.— (.Kölnische Zeitung'.) c. Eine Auskunftstelle fiir die preußische« VibliotKckcn. Ueber eine neue Einrichtrmg, die den Männern der Wissenschaft die Be- Nutzung der Bücherschätze aller preußischen Bibliotheken erheblich er- leichtern so-ll,'wird uns geschrieben: Bekanntlich fehlt es Deutsch- land an einer großen Centralbibliothck, tvie England und Frank- reich sie besitzen; bei uns ist, entsprechend der Decentralisation des Wildungswesens, auch das Bibliothekswesen zersplittert Mit Rück- ficht darauf ist besonders von Treitschke in seinem Aufsatz über die Königliche Bibliothek in Berlin das Verlangen ausgesprochen worden, daß wenigstens die Kataloge der größeren deutscheu Bibliotheken zu einem Gesamtkatalog vereinigt würden, damit an einer Stelle sofort zu ersehen wäre, welche deutsche Bibliothek ein bestimmtes Buch be- fitzt. Seit mehreren Jahren ist man an das Unternehmen heran- getreten, diesen Gedanken, zunächst in der Beschränkung auf Preußen zu verwirklichen und aus den Katalogen der Königlichen Bibliothek in Berlin und der preußischen Universitätsbibliotheken einen G e- samtkatalog herzustellen. Während dieses Werk rüstig fort- schreitet, erfährt jetzt die Geschäftsstelle des Gesamtkatalogs(Berlin, Dorothecnstr. 5) eine Erweiterung ihres Arbeitsprogramms. Wie sie nämlich in der„Deutschen Litteraturzcitung" bekannt macht, wird sie künftig auf frankierte Anfragen Auskunft darüber erteilen, ob ein gesuchtes Buch in einer der genannten Bibliotheken sich findet, und welche Bibliothek dies ist. Als Gebühr für die Inanspruchnahme der Geschäftsstelle ist der Anfrage für jedes gesuchte Buch der Betrag vcn 10 Pf. in Reichspost-Freimarkcn beizufügen. Damit wird dem Gesamtkalalog eine Aufgabe gestellt, die in Italien, wo die Verhält- nisse ähnlich liegen, schon längst von den Bibliotheken in den Rahmen ihrer Thätigkeft eingeschlossen ist.— Völkerkunde. gc. Der Speisezettel der Lappländer. Der Name Lapplaud deckt drei Nordpolgegcnden mit drei verschiedenen Rassen: die Skandinavier im Norden von Schweden und Norwegen, die Finnen in Nordfinnland und die eigentlichen Lappen im nördlichen Rußland, insbesondere auf der Halbinsel Kola. Das sind dreierlei Völker, denen auch dreierlei Kiichen entsprechen. Das Hauptnahrungsmittel der Skandinavier find Fische. Sie essen solche ge- falzen oder getrocknet: besondere Zubereitung erfahren nur einzelne Leckerbissen, wie in Wasser gesottene Stockfischleber, ein sehr ge- schätztes Gericht. Nach den Fischen kommt die Milch, die in der üblichen Form von Rohmilch, Butter und Käse genossen wird. Jedes Jndividnum konsumiert 15 bis 20 Kilogramm Butter jährlich. Ebenso wird viel Käse gegessen und zwar in verschiedenen Formen, unter denen der„Mysoft" der beliebteste ist. Er wird ans Mager- milch hergestellt, sieht wie Seife aus, schmeckt auch so. einem civilisierteu Europäer wenigstens. Gemüse und Brot wird wenig gegessen, letzteres nur in Form harter Kuchen aus Roggen, Gerste oder Hafer. Auch Fleisch wird nicht viel verzehrt, namentlich kein frisches. Bei festlichen Anlässen ist gesalzenes Renntierfleisch sehr beliebt. Viel ärmlicher geht es bei den Finnen zu, die fast in be- ständiger Hungersnot leben. Sie essen nur Fische und Milch, keine Butter, keinen Käse, kein Brot oder höchstens solches, das aus zerstoßener Fichtenrinde bereitet ist. Die eigentlichen Lappen haben die größte Mannigfaltigkeit in der Küche.'Sie haben z. B. zahl- reiche Methoden, die Renntiermilch zu konservieren. Diese Milch ist dick und zähe wie Kleister; man würzt sie mit Beeren und inacht sie in Fässern ein. Eine andre Sorte läßt inan gefrieren und bewahrt sie als Eis auf, das man nach Bedürfnis auftauen läßt. Aus Renntiennilch wird auch ein Käse bereitet, der sehr nahrhaft ist; der nomadische Lappe genießt ihn, indem er ihn in Scheiben schneidet und in Kaffee taucht. Frisches Fleisch wird nur genossen, lvenn der Lappe ein Tier seiner Herde schlackten muß. Dann sucht er aber zuerst seine Leckerbissen heraus: Leber, Herz, Nieren und Därme. Bei der Zubereitung dieses Lieblingsessens wird sorgfältig darauf geachtet, daß beim Kochen der Schaum abgeschöpft wird; dieser wird dann als besonderes Gericht warm aufgetragen.— Medizinisches. en. Der Einfluß von Augenüberanstrengung a u f d a s G e h i r n. Es wird ziemlich allgemein angenommen, daß das Auge als der meist entwickelte Sinn in einem besonders engen Zusammenhang mit dem Gehirn steht. Damit ist die Anschauung verbunden, daß eine lleberanstrengung des Auges stärker auf das Gehirn zurückwirke als die irgend eines andern Sinnes. Viele Aerzte sind sogar der Meinung, daß auf diesem Wege verschiedene Störungen der geistigen Thätigkeit mittelbar durch das Auge hervor- gerufen werden, lieber diese Frage hat nun vor der Akademie der Medizin in Nelo Uork eine fachmännische Erörterung stattgefunden. Besonders eingehend wurde der Gegenstand von Professor Dana be- handelt, der zunächst darauf hinwies, daß man zlvar von Ueber- anstrcngungen des Auges, nie aber von einer solchen des Ohrs oder der Zunge sprechen hörte. Mit Bezug auf das Auge unter- scheidet man gewöhnlich zwei Arten von Ueberanstrengungen, eine eigentliche, die auf einem Unvermögen der Anpassungsnerven berühr, und eine andre, die den Anstrcngungen zur Uebcrwindung dieser Unstimmigkeiten zuzuschreiben ist. Der letztere Vorgang soll es sein, der die Grundlage für eigentliche Geistesstörungen werden kann. Professor Dana stellt aber die Behauptung auf, daß überhaupt keine wirkliche Geistesstörung je von Augenüberanstrengung ausgegangen und daß ebensowenig eine solche je durch eine Korrektur von Seh- fehlcrn geheilt worden ist. Eine gewisse Erschöpfung und Nieder- gcschlagenheit tritt allerdings ein, wenn Studenten und Bücher- Würmer ihre Augen überanstrengen, falls diese schon Refraftions- fehler aufweisen; dasselbe wird bei Personen mittleren Alters er- folgen, die an beginnender Kurzsichtigkeit leiden. Ruhe und auch die Benutzung passender Gläser sind hier das einfache und einzige Heilmittel. Dagegen werden geistig gesunde Menschen durch Seh- fehler nicht geistig krank, und nur erblich belastete Personen können durch Ueheranstrengung des Auges schneller diesem Schicksal zu- geführt werden. Auch andre Sachverständige vertraten den Stand- punft, daß die Beziehung von Epilepsie, Veitstanz und andern Erkrankungen des Gehirns zu der Beschcfffenheit des Auges sehr übertrieben worden wäre. Es sind verschiedentlich gründliche Ver- suche gemacht worden, den Einfluß einer Augenbehandlung bei Epileptischen zu beobachten, aber stets sind die erhofften Erfolge ausgebliehcn.— Humoristisches. — Ans der G r i e b e n o w st r a ß e.„Sind Sie der Herr v. Osten?" „Ja. Junge. Was willst Du denn? „Lassen Sie inir man eenen Ogenblick zu'n klugen Hans rin, ick will man bloß meine Reche nuffgabe von ihm ab- schreiben!"— — Un er iv artete Aufklärung. Dame(von auswärts zum erstenmal in einer großen Kaffeegesellschaft der Residenz): „Sagen Sie, Frau Doktor, sind Sie nicht zuweilen eifersüchtig auf die Patientinnen Ihres Herrn Gemahls?" Frau Doktor:„Ganz und gar nicht— mein Mann ist Tierarzt."— („Lustige Blätter".) Notizen. — Der französische PaphruSforscher P. Jouguet hat auf einem kürzlich im Fayum(Aegypten) ausgegrabenen Papyrus Reste eine? Lustspiels des Menander gefunden. Auf einem andern Blatt entdeckte er eine Sammlung von witzigen Aus- sprächen des Cynikers Diogenes.— — Ueber Jahr und Tag wird es einen Schriftsteller-Kapitalisten mehr in Deutschland geben: Arno Holz. Nach seinem „Traumulus" schnappen die Theatcrdirektoren wie die Enten nach einem Speckbrockeu.— — Das Ratio nal-Theater soll nun heute(Donners- tag) eröffnet lverden.— — Herbert Eulenbergs Tragödie„Ein halber Held" hat es im M ü n ch e n e r Schauspielhanse(Aufführung der dramatischen Gesellschaft) zu keinem ganzen Erfolg bringen können.— — K a r l W e i ß, der Komponist der„Polnischen-Juden", hat ein neues Werk,„Die D o r f»i u s i k a n t e n", Vollender. Es wird noch in diesem Winter am Deutschen Landestheater in Prag zur Aufführung gelangen.— — Eine Plakat-Schule eröffnen am 1. Oktober Ernst G r o w a l d und Karl Schnebel, Kurfürstendamm 214. Zeichnerisches Können wird vorausgesetzt. In Aussicht genommen sind Drei-MonatS-Kurse; wöchentlich vier Stunden: Mittwoch und Sonnabend von 0—8 Uhr. Honorar: 00 Mark.— — Störungen von Telegraphenleitungen. Der „Kölnischen Zeitung" wird aus O st f r i e s l a n d geschrieben: In der letzten Zeit wurde» mehrfach Störungen der Telegraphen- leitungen Emden— Wilhelmshaven und Wilhelmshaven— Norderney festgestellt, die den Betrieb während der Badesaison schwer be- eiuträchtigten und deren Ursache man jetzt endlich nach langem ver- geblichen Suchen durch Zufall entdeckte. Am Deiche bei Horumersiel wurden in der Nähe von Friederikensiel wohl über tausend Stare auf der Leitung beobachtet, deren Gewicht den oberen Draht auf den unteren herabdrückte und dadurch den Leitungsstrom ausschaltete. Als man die Tiere verscheuchte, war die Störung sogleich beseitigt.— — Die Beeren des schwarzen Hollunders reifen jetzt. Zu einem dicken Brei eingekocht sind sie gut gegen Magen- Verstimmungen. Unentbehrlich aber ist der Saft dem, der sich einen Karpfen„schwarz" sieden will.— — Der Teufel in der Rotations Maschine. Der „Frankfurter Zeitung" wird aus München geschrieben: Hier kursiert folgendes Geschichtchen, das den Vorzug haben soll, wahr zu sein. Kürzlich ging eine bayrische liberale Zeitung in einen andren Verlag über. Der neue Verlag fand in der Druckerei eine betagte Rotations Maschine, die seinen Zwecken nicht mehr entsprach, weshalb sie zum Verkauf angeboten wurde. Die ehrwürdige Rotationsmaschine wurde also in ihr neues Heim verbracht, wo man ihr aber nicht recht traute, denn bevor sie ihren nunmehr klerikalen Dienst antreten durste, wurde sie kräftig mit Weihrauch ausgeräuchert, auf daß der böse liberale Geist auch wirklich aus ihr ausfahre. Erst als dieser Teufel ausgetrieben war, durfte sie arbeiten. So wurde die brave Maschine noch auf ihre alten Tage fromm, und es steht zu hoffen, daß sie nie mehr in ihre liberalen Jugendsünden zurückfallen wird.— Verantwortl. Redakteur: Franz Nehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer L:Co., Berlin