Hlnltthaltungsblatt des vorwärts Nr. 193. Freitac;, den 7. Oktober. 1904 (Nachdruck verboten.) 43] Die flucht, Von K. Bagrynowski. Die Verbannten waren daher sehr erstaunt, als Tscherewin schon ziemlich spät am Abend bei ihnen eintrat. „Wie, Sie sind nicht bei Kosloff?" „Nein. Ich bin nicht eingeladen. Das ist mir sogar angenehm, denn wenn der Isprawnik nicht dabei ist, bin ich nicht gern unter diesen Halunken. Sie sehen mir regel- mäßig zu." Aber trotzdem war er mißgestimmt und ging bald nach Hause. „Bei Euch ist jetzt das reine Schlachthaus," sagte er zum Abschied. Ten Tag daraus erschien Mustja gegen Mittag in Alexan- droffs Jurte, und als ihn die Verbannten hinausjagen wollten und ihm vorwarfen� die Wette verloren zu haben, flüsterte er ganz blast vor Entsetzen: „Ein Skandal! Tscherewin ist aus dem Spital gesetzt. Der Adjunkt hat ihm solch ein Papier vorgelesen, dast er nicht mal Rizinusöl mehr in der Apotheke bekommen kann." „Die Schufte!" fuhr NiehorSki auf. Tscherewin tat ihnen leid, aber sie hatten keine Zeit, zu ihm zu gehen, um' ihn zu trösten. „Er wird schon selbst kommen!" Er kam wirtlich, aber erst am anderen Tage. Er war niedergeschlagen und gelb wie eine Zitrone, aber er suchte eine gleichgültige Miene aufzusetzen. Er berichtete ihnen über den ganzen Hergang. In dem Befehl der Gouvernementsbehörde waren die Paragraphen angeführt, die den politisch Ver- bannten jede ärztliche Praxis untersagen. Ter Gouverneur verlangte, das Gesetz solle in.seiner ganzen Strenge auf die Dschurdschnjer Verbannten angewandt werden. „Jemand von hier muß eine Anzeige gemacht haben. Das ist ein Machwerk dieses Lumpen von Kosloff. Sie haben mich überwunden!" „Nun, Genosse, kommen Sie auch jetzt nicht mit?" fragte Niehorski.' Tscherewin schüttelte den Kopf. „Nein! Es dauert mir zu lange!" antwortete er düster. Er streckte sich auf die Bank und sah den mit ihrer Arbeit beschäftigten Genossen schweigend zu. „Seio vorsichtig! Ich denke, die Geschichte fängt erst an, und ich bin nur das erste Opfer," warnte er sie.„Ihr glaubt es nicht, wie übermütig diese Barbaren geworden sind. Selbst Panteleon trägt den KostlNoch." „Uns können Sie nichts anhaben! Ter März ist vor der Tür. Unser Vorhaben ist so weit gediehen, daß wir ihnen im Notfalle die Zähne weisen werden!" Sie konnten sich aber einer großen Unruhe nicht erwehren und sandten am anderen Tage einen Vorposten aus. Pjctroff stand zuerst Wache, aber er sah nichts. Erst als Gliksberg ihn ablöste, gab's Neuigkeiten in Hülle und Mille. „Kosloff ist wieder zum Adjunkten gefahren." „Unter den Kosaken auf der Wache scheint mir eine große Bewegung zu herrschen." „Tenisoff ist beim Doktor." „Vater Akakij ist ganz betrunken im Schlitten vorbei- gefahren: der Schlitten war mit einem Stier bespannt." Anfangs nahmen sie diese Nachrichten ernst und suchten eine Erklärung dafür zu finden, aber bald hatten sie sich daran gewöhnt und begrüßten jeden neuen Rapport mit lautem Ge- lächter. Gliksberg war beleidigt und verließ seinen Posten gar nicht mehr. Am nächsten Tage wachte wieder einer von ihnen, denn die Bewegung im Städtchen nahm nicht ab, und Krassuski brachte sogar nichts weniger als angenehme Nachrichten aus der Schmiede. Die Jakuten hatten ihm anvertraut, von den Kosaken gehört zu haben,„wenn der kleine Tojon(der Adjun..) erst großer Tojon(Jsprawnik) geworden wäre, dann würde er mit den Verbannten„Sicri"(Krieg) machen!" Pjetroff kam ganz aufgeregt von seinem Posten und sagte, er habe Alexandroff von weitem schnell auf ihr Haus zukommen sehen. Bald war dieser da und brächte die Nachricht von einer Haussuchung, die die Polizei bei ihm vorgenommen hatte. „Der Kommandant(ein Kosakenunteroffizier) und der jakutische Starost(Schultheiß) aus Burunuk sind dagewesen. Sie untersuchten das Holz, das auf dem Hofe aufgeschichtet lag, sahen in den leeren Stall, in dem wir das Boot bauen, aber das war glücklicherweise nicht zusammengefügt. Sie fragten, was wir mit den dünnen langen Brettern wollten. Ich erklärte ihnen, wir bauten auf Bestellung der Amerikaner ein Zelt zu meteorologischen Beobachtungen. Mir scheint, er hat's geglaubt." „Das war ein guter Einfall, denn Dschurdschnj besitzt meteorologische Instrumente, und der Befehl, hier einen Bc- obachtungspunkt einzurichten, ist schon lange erteilt worden," sagte Samuel.„Eins nur will mir nicht gefallen: das Ihr die Amerikaner mit hineingemischt habt." „Ja, das geb' ich zu, aber es ist nun mal geschehen," verteidigte sich Alexandroff.„Ob sie sich lange mit dieser Er- klärung bescheiden werden, weiß ich nicht." „Sie müssen sich bescheiden. Was ist da lange zu reden!" rief Niehorski nervös. „Aber wir niüssen auf jeden Fall wissen, was wir tun sollen, wenn sie anfangen, uns zu beobachten. Ich bin fest über- zeugt, wenn ich nicht bei Jan gewesen wäre, wäre die Haus- suchring viel Peinlicher ausgefallen. Ich s. h deutlich, daß meine Anwesenheit ihnen den Mut etwas dämvfte. Es muß jetzt noch einer hin. Vielleicht ziehst Du zu Jan, Pjetroff?" Sie überlegten noch dies und jenes, als ein Kosak eintrat und sagte, der Adjunkt lasse Samuel bitten, gleich zu ihm zu kommen. Der Bote war sehr befangen, aber er wollte nichts weiter sagen. „Ich begleite Dich!" rief Niehorski. „Nein, das ist rricht nötig, ich will allein gehen!" Die Verbannten blieben in der dämmerigen Stube zurück, drängten sich rrm das verglimmende Feuer und sprachen, von Unruhe gefoltert, kein Wort. Stur über Arkanoffs Gesicht irrte ein leises Läck'eln, das er nicht unterdrücken konnte. Um es zu verbergen, setzte er sich so, daß sein Gesicht im Schatten blieb. Als Samuels schnelle Schritte im Flur erklangen, hielten alle den Atem an. „Tscherewin hat sich erschossen," sagte dieser kurz und dumpf, indem er die Tür öffnete.—— Am dritten Tage wurde Tscherewin begraben. Es war ein wundervoller, sonniger Tag. Einer dieser Frühlingstage, an denen das lange von den Winternächten gefangen gehaltene Licht seine Befreiung zu feiern scheint: an denen es vom Schnee, den die Wärme schon glasig gemacht hat, abprallt und Luft und Erde und Himmel mit einer goldenen blendenden Flut über- strömt. Alles verschwindet, schwimmt ineinander, wird gleich- sam vom Lichte durchstrahlt, niinmt in diesen leuchtenden Wellen märchenhaft phantastische Formen an, und die in dem blendenden Strom schwebenden Neifblättchen schillern in allen Farben des Regenbogens. Die Verbannten trugen den Toten auf ihren Schultern nach dem verschneiten Friedhof, der die Kirche umgab, die sonst grau und farblos, jetzt im Sonnenlicht mit ihren Fenstern und goldenen Kuppeln wie ein zauberischer Kristallpalast erglühte. Als die Leiche in die Gruft gesenkt war und die hinein- geschaufelten Eisstücke auf den Sargdeckel niederprasselten, stimmten die Anwesenden einstimmig den revolutionären Trauermarsch an: Im Tode noch blüht uns der Glaube: Aus unseren Gebeinen erstehen Dereinst uns erhabene Röcher, An Kraft überlegen den Vätern Vom Geiste der Toten gcstählet. Als die traurige Feier vorbei war und sie sich auf den Heimweg machten, trafen sie am Kirchhofstor mit einem Häuflein Dschurdschnjer Bürger zusammen, unter denen sich auch der Adjunkt befand. „Was konnte ich dafür? Ich bin nichts als ein ganz ge- wöhnliches Werkzeug. Der Befehl war deutlich. Seine Exzellenz der Gouverneur hatte es befohlen. Sicherlich hat der Jsprawnik in dieser Angelegenheit mit ihm gesprochen. Der Verstorbene hatte selbst darum gebeten. Ein guter talentvoller Mensch. Ich mußte meine Dienstpflicht erfüllen. Was konnte ich dafür., ich Habs den Toten sogar sehr gern gehabt.... Der Jsprawnik hätte es tun müssen, aber er wälzt immer alle unangenehmen Dinge von sich ab und auf meine Schultern. Er ist auf- und davongefahren und hat die Polizeiverwaltung in der größten Verwirrung zurückgelassen." entschuldigte sich der neue Satrap weinerlich Samuel gegenüber. Niemand achtete auf feine Reden, selbst Mußja wandte sich ab. Einige Tage später erwischte Krassusri einen Kosaken, der in der Nacht um seine Jurte herumlungerte; er schlug ihn windelweich und schickte den Jakuten, der ihm bei der Arbeit half, sofort mit einem impertinenten Briefe an den Adjunkten. „Was hast Du ihm denn geschrieben?" fragten die Ge- nassen, als er ihnen ganz blaß vor Aufregung über den Vorfall berichtete. „Ich Hab' ihm geschrieben, er sei für das Verhalten der Kosaken verantwortlich, und in Zukunft würde ich von ihm Genugtuung fordern." „Und doch ist's schade, daß Du das getan hast; denn würdest Du uns jetzt genommen, wäre es gerade, als schlüge man uns die Hände ab." „Ja," flüsterte Eugcnie.„Und überhaupt ist's besser, wenn nicht geschlagen wird." Krassuski sah sie mit einem langen Blick an und wurde ganz verwirrt, so ungewöhnlich bleich und verändert sah sie aus. Indessen erschien der Kommandant, dem der Adjunkt auf- getragen hatte, den Konflikt zu schlichten. „Er ist ganz dunun, ein dummer Junge," entschuldigte der Unteroffizier seinen Untergebenen.„Ich weiß nicht mal, was er da suchen wollte. Und Sie haben ihn so hart bestraft. Ur hat sich kaunr bis an die Hauptwache schleppen können." „Wir glaubten, er fei ein Dieb," antwortete Samuel. „Anderen wird's noch schlimmer geben," brummte Krassuski, indem er den Unteroffizier mit scharfen Blicken maß. „Was kann ich trin? Ich bin ein gewöhnliches Werkzeug. Dienstpflicht. Ich tu, was mir befohlen wird," stammelte der Kommandant seinem Vorgesetzten nach. Das barbarische Mittel hatte gewirkt. Ani nächsten Tage flogen zwar zwei berittene Kosaken mit Meldungen nach zwei verschiedenen Seiten hin, der eine ins „Gouvernement", der andere zum Jsprawnik— aber die Ein- wohner von Dschurdschnj bekamen einen heillosen Respekt. In der Nacht besonders machte jeder einen großen Bogen nm die Jurte der Verbannten. Die umstürzlerisch-reaktionäre Ve- wegung legte sich. Nur der mit Tabes behaftete Doktor trank sich halb tot, trank seit Tscherewins Tode ohne Unterlaß und belästigte Krassuski immer wieder mit der Bitte, ihm die ewig verdorbene Spieldose zurechtzumachen, deren Klänge seine schweren Stunden aufheiterten. „Haben Sie die Güte, mir das Einsetzen des zerbrochenen Triebes in den einzigen Trost meiner Melancholie und Ein- samteit nicht abschlagen zu wollen!" schrieb er mit krummen Buchstaben auf zerknitterte und befleckte Zettel. Den Brief nebst der Spieldose brachte immer derselbe ewig betrunkene Feldscher Fedorkin, der neben dem Doktor der einzige Repräsentant der Medizin in Dschurdschnj war. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Jim cxmv englischen Stadt. (Schluß.) Ist der erste Rummel vorbei, sind alle„Interessenten" im Besitz ihrer„Football-Edition", dann ist's natürlich schwer, die übrig ge- bliebencn Exemplare an den Mann zu bringen. So wandern die arme Kerle, stundenlang, frierend und— auch die kleinsten— rauchend von Straße zu Straße. Das Zeitungsblatt, das sie an- bieten, erleichtert es ihnen wenigstens, zu betteln; es maskiert das Betteln gerade soweit, daß es der Schutzmann nicht zu bemerken braucht— denn auch das Betteln ist strenge verboten. Noch eine schwache Möglichkeit besteht, ein Blatt zu verkaufen— das ist um elf Uhr, wenn die Bars geschlossen werden. Schon in den späteren Abend- stunden bildet die Umgebung einer Kneipe denjenigen Ort, wo noch Leben herrscht in der erstorbenen Geschäftsstraße. Da sammelt sich diese Schar ärmster Kinder und erhält noch Zuzug durch solche, die Blume», Streichhölzer, Tand aller Art, auch Eßwaren feilbieten; geht es dann gegen elf Uhr, so vermehrt sich ihre Zahl noch be- deutend— es ist die letzte Hoffnung, noch etwas von seinen Waren loszuwerden. Aber die Menschen, die den Bar verlassen, haben andere Sorgen I Die Eigentümlichkeiten des englischen Trinkens und die Trunk- sucht in den englischen Städten ist so oft geschildert worden, man hat so haarsträubende Dinge gehört und gelesen, selbst von den im» verdächtigsten Verteidigen! des Alkohols am Kouttuent hat man es gehört,„daß es in England allerdings schrecklich sei", so daß man auf einiges gefaßt ist. Aber alles Erwartete wird weit übertroffen von der Wirllichkeit. Es tut mir in diesem Augenblick leid, daß einer oder der andere meiner Leser, der meinen Namen kennt, auch wissen wird, daß ich Abstinent bin— denn er wird meine Beschreibung„natürlich" tendenziös finden; umsomehr will ich mich größter Sachlichkeit befleißigen— kein Attribut, kein Ausruf des Entsetzens soll die kühle Tatsächlichkeit der Schilderung trüben. Der Bar, vor und in welchem ich diese zwei Abendstunden von g bis 11 Uhr verbrachte, ist nur einer von mehreren Hunderten, die es in Newcastle gibt; er ist weder einer der größten noch sonst irgendwie ausgezeichnet; so viel ich an den folgenden Tagen sehen konnte, waren es nur ganz„typische Dinge", die es hier zu fehcn gab. Eine Doppelglastüre, die durch Federn geschloffen gehalten wird, bildet den Eingang. Die Scheiben sind, wie bei den daneben ge- legenen Fenstern, bis über Mannshöhe aus mattem Glas— es ist unmöglich von außen hineinzusehen. Der Raum ist ein Parterrelokal eines mittelgroßen Horcls; ein langer schmaler Raum; die Sckmwl- seite von Fenstern und Türe eingenommen, an den beiden Langseiten je eine hölzerne Bank, für 30 bis 40 Leute Platz bietend. Parallel mit diesen Bänken hufeisenförmig, der eigentliche Bar— ein langer, schmaler hoher Tisch, an dem die Anslaushähne von„Vier, Wein und Spirituosen" sich befinden, die hier verzapft werden; Himer diesem Bar sechs Kellner, vor ihnen sechzig bis achtzig Personen, sich schiebend und drängend, in zwei und drei Reihen hintereinander stehend, die Bänke von Wartenden besetzt, unter den Gästen viele Frauen. Zu essen gibt es hier nichts, fitzen kann man nur auf der einen langen Bank: Bier, Wein, Schnaps will man nicht trinken, andere Dinge sind nicht zu haben— es ist also recht schwer, sich da längere Zeit aufzuhalten, ohne das Mißtrauen von Wirt und Gästen zu erregen. Aber der Platz ist der Beobachtung von Einzelheiten auch Iveniger günstig als der Lateruenpfahl vor dem Eingange. Denn drinnen steht alles in einein dichten Knäuel, hier außen sieht man sie aber einzeln oder in kleineren Gruppen, wie sie kommen und wie sie gehen. Soeben kommt eine Frau in der Türe zum Vorschein. Mit Schulter und Oberarm sucht sie die widerspenstigen Spieltürcn aus- einanderzuzwängen. Erst nach mehrfachen Versuchen gelingt es. In dem einen Arm trägt sie ein Wickelkind, die andere Hand tastet sich nach dem Türstock, hier hält sie sich fest; mit wirrem Blick scheint sie nach etwas zu suchen— im nächsten Augenblick beugt sie sich ein wenig vor, um über das Kind, das sie quer vor die Brust hält, hinweg sich zu erbrechen. Plätschernd fällt der Strahl auf das Trottoir, die Zunächststehenden machen einen Schritt zurück, ein zufällig Vorübergehender wendet leicht den Kopf... aber es fällt kaum jemandem auf, daß sie sich nun, anscheinend etwas er- leichtert, wieder genau so hineintastet in den Bar, wie sie ihn wenige Minuten früher verlassen hat. So wie Wetten und Betteln ist es auch verböten, sich trunken auf der Straße zu zeigen, und verboten, einem Menschen, der Zeichen von Trunkenheit zeigt, noch zu trinken zu geben. Als der nächste Gast den Bar betritt, sieht man die Frau aber schon mit einem gefüllten Glas in der Hand auf der Bank sitzen— eine daneben stehende Frau hat ihr das Kind abgenommen I Nun kommt ein Betrunkener nach dem andern heraus, keiner, der sich auftecht auf den Beinen haltHt'könnte; junge Bursche unter zwanzig Jahren, aber natürlich viel mehr alte Leute; arme, furchtbar verkommene Gestalten, jedoch auch zahlreiche auffallend gut gekleidete. Da ist einer, den seine Frau oder Geliebte führt, die etwas weniger betrunken ist, als er, dort einer, den sein etwa achtjähriges Töchterchen zur Straßenbahn hinzuleiten sucht. Hier ein junger Bursche von etwa siebzehn, der gegen einen Latemenvfahl taumelt und sich hier eine Zeitlang festhält, dann verschiedene Versuche macht, über die Straße zu kommen, es aber vor den vorbeifahrenden Wagen immer wieder aufgiebt und schließlich von einer Prostituierten in Sicherheit gebracht wird. Die Zahl derer, die vor dem Bar lungern, hat sich bedeutend vennehrt, nun sind auch viele Dirnen dazwischen, viele schwer be- trunken, aber alle mit verglasten, stieren Augen. Dazwischen ein halbes hundert Kinder, die ihre Zeitungen und Blumen zu verkaufen suchen. Aus den engen Straßen der Umgebung kommen halb und ganz Betrunkene, die auch hier noch einen Schluck nehmen wollen. Die Zahl der Menschen auf der Sttaße ist auf 150 bis 200 an- gewachsen. Es geht gegen elf. Durch die Menge hastet sich ein Mann von sechzig Jahren. Er trägt einen dicken Knüppel; das schwer mit Eisen beschlagene Ende läßt er in kurzen Intervallen vor sich auf das Trottoir niederfallen, mit diesem Signal bahnt er sich den Weg; auf der Brust hat er ein großes weißes Papierschild, das die Worte trägt:„Vollständig erblindet; im Namen Christi bitte ich diese Menschen, Freunde um ein Almosen". Er bleibt nicht der einzige, der um diese Stunde ein Almosen sucht: auf einem Wägelchen wird ein lahmes Mädchen herbei» geschoben, auf ihrem Schoß hat sie eine kleine Drehorgel, auf der Seitenfläche des Wagens wieder der Appell an das Christentum der Umstehenden. Nim schlägt es elf. Zwei Wachleute, die an dieser Straßenecke ihren Dienst versehen, treten in den Bar ein und drängen zuin Auf- bruch; es geht ohne Widersetzlichkeit. Einige schwerere Fälle werden von Freunden auf die Straße gebracht, mehr getragen als geführt. Ich zähle unter den etwa 100 Leuten, die den Bar Verlasien. 19 Frauen, 3 mit Kindern an der Hand, ein halbes Dutzend mit Kindern im Arm. Es ist keine Uebertreibung, wenn ich sage, daß auch nicht eine aller dieser 100 Personen nüchtern war; die meisten waren sogar schwer betrunken. Nun haben die letzten den Bar ver- lassen, die Türen werden gesperrt. Das Schöne an der Sache ist: allen ist Genüge geschehen. Die gesetzlichen Maßregeln wurden genau erfüllt: es wurde in einem lizensierten Bar sanitätspolizeilich geprüfte Ware getrunken und keine Minute länger als bis 11 Uhr abends. Diese kleine Ein- schränkung muß sich das Publikum gefallen lassen— es ist ihm genug Gelegenheit gegeben, von der Freiheit, zu trinken und sich zu betrinken, in den erlaubten Stunden Gebrauch zu machen. Nirgends so sehr wie in England, in diesem Lande eines jahrhundertelangen, mächtigen Kampses gegen den Alkohol, in diesem Lande der Millionen von Abstinenten, nirgends so sehr wie hier ver- steht man, was das heißt: das Alkoholkapital der Brenner und Brauherren ist der Feind. Die Er- kenntnis des Uebels ist allgemein. Wie könnte es auch anders seinl Aber jeder Versuch einer wirksamen Ab- wehr scheitert an dem einhelligen Widerstand des Alkohol- kapitals und der von ihm gestützten Regierung. Im Laufe gerade dieses Jahres, in der eben abgelaufenen Session haben Brauer und Brenner durch die neue Licensing-Bill von der Regierung tatsächlich ein Millionengeschenk erpreßt, das natürlich der Bcvölke- rung aus der Tasche gezogen wird. Tausend Fragen werden hier rege, aber nur eine Frage möchte ich aussprechen: kann man annehmen, daß Macht und Monopol gerade des Alkoholkapitals gebrochen werden können innerhalb dieser kapitalistischen Ordnung der Dinge?— Dr. Rich. Fröhlich. (Nachdruck verboten.) Das ßcfte den Kindern� Bon Wladimir K i r j a k o w. In den Schaufenstern der Buchhandlungen sieht nian oft Jugend- schriften und Erzählungen in wertvollen Prachteinbänden mit Gold- schnitt. Leider sind die Einbände dieser Bücher ungleich wertvoller als ihr Inhalt. Ich möchte daher, um die Eltern vor unnützen Ausgaben für minderwertige Bücher zu bewahren, ein paar Erzählungen für Kinder zum besten geben. Ich bin überzeugt, daß diese Erzählungen ihrem literarische!? Wert nach keineswegs tlefer stehen als die Mehrzahl der modernen Jugeitdschriften. Ich bin ferner überzeugt, daß sie die jungen Leser interessieren und ihnen vielleicht von Nutzen sein werde??. I. Wanja, der Sohn eines Architekten, welcher sehr schöne Häuser baute, war ein schrecklicher Faulpelz, Schmutzfing und Feigling. Statt zu lernen, bohrte er stundenlang in der Nase, so daß seine Nase schließlich wie eine große Honigbime aussah. Die Honigbirnen, liebe Kinder, wachsen besonders in Klein- rußland und bilden dort niit Käsekuchchen, Mehlklößchen und Fett eine Lieblingsspeise der Klemrussen. Die Klei??rnssen kennen einen sehr schönen Tanz, nämlich den Gopak. Die Unsauberkeit Wanjas ging soweit, daß er sich nie wusch, sondern nur seine schmutzigen Finger ableckte. Die Katzen belecken sich auch nur, obwohl sie sehr reinliche Tiere sind; sehr viel reinlicher� z. B. als die Schweine, die sich?lie- mals belecken. Infolge der Unsa?lberkeit entstehen bei dei? Schweinei? die Trichinen, obwohl das Schweinefleisch i?n allgeineinen sehr schmackhaft ist. Die Katzen aber belecken sich deshalb, weil sie keine Hände haben, sich zu waschen, und keii? Geld, um Seife zu kaufen. Außerdem war Wanja ein schrecklicher Feigling. Er fürchtete sich sogar vor Mamas Boa, die sie um den Hals trug, wenn sie ins Theater fuhr. Tag für Tag redeten die Elteri? Wanja ins Gewissen, er möchte sich doch bessern, ein fleißiger, sauberer, mutiger K??abe werden. Mama pflegte bei solchen Gelegenheiten bitterlich zu weinen, dann zog sie, für den ganzen Tag vcrstimn?t, das Korsett aus und legte sich mit einer Kömpresse auf dem Kopf ins Bett, während Papa ii? den Klub stlhr. Aber nichts half. Ei??es Tages kaufte der Wirt des großen HauseS, in welchem Wan a mit seinen Elten? wohnte, einen ausgestopften Bären und stellie ihn statt ei??cs Portiers ii? den Hausflur. Als Wanja den a?lsgestopften Bären erblickte, erschrack er so, daß er auf der Stelle taubstumm wurde. Bald darauf stürzte das Haus, an welchem Wanjas Papa gerade baute, ein und unter den Trümmern kam Papa ums Leben. Wanjas Mama aber fing unversehens, als sie nahe der Spiriwslampe ihre Haare kräuselte, Feuer und verbrannte. Seht! Dahin, liebe Kinder, kann Faulheit, Unsauberkeit und Feigheit führen I n. Die kleine Olga war sehr neugierig und zeichnete sich außerdem durch sehr große Naschhaftigkeit aus. So oft Vetter Nikolai Stepanowitsch Olgas Mama besuchte, waS sehr oft geschah, nament- lich wenn Papa nicht zu Hause war, guckte Olga durch's Schlüssel- loch. Voi? diesem beständigen Gucken hatte Olga immer rote Augen wie ein Kanincke??. Die Kaninchen, liebe Kinder, dürft Ihr nicht mit den Hasen verwechseln. Die Hasen schlafen mit offenen Augen,?lnd die Jäger schießen sie mit Flinten. Die Hasen sind feige, die Löwen aber sind tapfer und edel. Löwen karm man in Bilderbüchern oder im zoolo- zischen Garten an So????- und Feiertagen sehen, an denen man für Kinder nur die Hälfte zu zahlen braucht. Olga durchstöberte beständig alle Taschen der Paletots, die im Vorzimmer hingen, in der Hoffnung, Zucker, Konfekt, Schokolade oder ähnliche Sachen darin zu finden. Eimnal sah Olga auf der Toilette ihrer Mama ein Biichschcn mit einer, dein Anschein nach sehr appetitlichen Pasta. Neugierig und leckerig steckte sie sofort den Finger in diese Pasta hinein und begann sie mit großen? Wohlbehagen zu verzehren. Die Pasta er- wies sich als Lippenpon?ade, und die Naschkatze holte sich dieses Mal eine starke Magenverstimmung. Aber ihrer Mama sprangen, weil sie keine Lippsnpoinade hatte, die Lippen auf, worüber Vetter Nikolai Stepanowitsch sehr betrübt war. Infolge ihrer Naschhaftigkeit und Gefräßigkeit wurde Olga schließlich schrecklich dick. Und als sie eimnal iin Walde spazieren ging, fraßen sie die Wölfe. III. Petja war der Sohn eines Kollegienassessors und ein sehr bos- hafter, u??gezoge??er Junge. Seine Lieblingsbeschäftigung war es, den Katzen die Barthaare auszureißen, den Leuten die Zunge zu zeigen und Mamas Hüte auf den Ofen zu werfe??. Sluf der Straße sprang er kleinere??, schwächeren Knaben auf den Rücken und zwang sie, ihn zu tragen. Einmal, als Petjas Ma???a Geburtstag hatte und viele Gäste i!n Saale Ware??, fing Petja Maikäfer und setzte sie unbeinerkt den Damen in die Kleider. Ein andres Mal schnitt Petja den Draht der Korridorglocke durch, so daß Ma???a bei ihrer Rückkehr aus der Markthalle lange warten mußte, bis geöffnet lvurde. Das Mittagessen verspätete sich an diesem Tage um zivei Stunden, worüber Papa sehr böse war. Durch solche und ähnliche Streiche bereitete Petja seinen guten Eltern schrecklichen Kuimncr. Vor Sorgen begannen ihnen sogar die Haare auszugehen. Petjas Papa wurde fast kahlköpfig und Petjas Mama kä?n?nte sich des Morgens beim Anziehen im???cr ganze Büschel Haare aus, die sie zu einem Knäuelchen zusaminenrollte und schwer seufzend in den Ofen warf. Einige Male wollte Papa Petja sogar prügeln, aber Petja tat dann innner, als hätte er Zahn- oder Leibschmerzen. Doch nicht alle Stteiche, liebe Kinder, laufen so ungestraft ab l Eines schönen Tages ging Petja, der mit seinen Eltern in der Somnrerfrifche war, auf dem Felde spazieren, als er plötzlich einen schlafenden Riesen erblickte. Petja beschloß, auch?nit dem Riesen seinen Spaß zu treiben. Leise schlich er an den Schläfer heran, steckte ihm ein Büschel Heu in die Nase und setzte es mit Streichhölzchen, die er beständig bei sich trug, in Brand. Da begann der Niese zu niesen. Durch die starke Erschütterung der Luft wurde Petja sechs Meter weit fort- geschleudert und brach in? Fallen Arme und Beine. Jetzt ist er ein verkrüppelter Bettler, der auf den Straßen um Almosen bittet.— Kleines feinlleton. gc. Ter sibirische Wald wird von einem russischen Reisenden in nachstehender Weise beschrieben: Der Wald, die Taiga, beginnt, sobald n?an den Jenissei überschritten hat. Tannen- und Lanbholz- Wälder ziehen sich längs der Fahrstraße hin; aber die Bämne sind weder ungewöhnlich dick, noch ist ihre Höhe staunenerregend; man einpfindet eine Enttäuschung: das soll der sibirische Urwald seinl Mai? sagt, die Taiga sei lautlos und ihre Blumen dufteten nicht; Insekten summen und die Nadeln der Tannen ivnrzcn dieLuft mit starkem Harzgcruch. Zuweilen hat menschliche Arbeit dem Walde ein Stück Landes entrissen; die Felder und Raine sind mit gelben, blatzblauen und roten Blumen besät. So ist der sibirische Wald im Frühling. Im Hochsommer?nag es sein, daß düsteres Schvieigen über ihn brütet. Das gleiche gilt von allen russischen Wäldern; die Taiga scheint endlos zu sein; die Zugvögel allein wissen, wo sie aufhört. A!n ersten Tage wandert man gedankenlos zwischen diesen Baum- riefen, aber je weiter man kom???t. ohne ein Ende zu finden, desto höher steigt das Verwundern. Auf einen? waldbcdeckten Hügel halte ich; meine Blicke, ostwärts gerichtet, schauen nur Wald, unterbrochen von kleinen Erhebungen. Und das gleiche wiederholt sich am nächsten Tage. Hinter der östlichen Grenze des Waldes liegt endlich Jakutsk. Unbekannt jedoch ist, wie weit sich die Taiga nord- und südwärts ausdehnt. Kein Mensch weiß es zu sagen, selbst die im Walde ge- borenen Bauern nicht. Sie wissen nur, daß im Winter fremde Menschen auf Renntieren von Norden kommen, um Brot zu laufen, doch kennt man diese Leute nicht genauer, weiß nicht, welchen Volkes sie sind oder von wo sie konnnen. Die Bevölkerung dieses Wäldes ist sehr gering, und sie be?nüht sich nicht, Herr dieser Natur zu werden. Bären, Wölfe, Renntiere, Gemsen und Zobel hausen nach den Angaben der Leute in der Wildnis. Der Mensch teilt seine Zeit in die Jagd auf diese Tiere und in die andere Arbeit. Selbst für russische Begriffe hat dieses Leben einen wilden, rohen Anstrich.' Völkerkunde. — Ueber die Titel der Samoaner schreibt W. v. Bülow in der„Samoanischen Zeitung": Es ist ganz allgemein üblich, daß sich Samoaner, die sich nicht gegenseitig kennen, als Susuga, der Anrede für jeden tsmoslii, d. h. jeden aus einer Haupt- lingsfamilie entsprossenen Samoaner, anreden. Das Wort Susuga ist gleichbedeutend mit unserem„hochwohlgeboren". Anders ist es mit der Anrede Afioga. Dieses Wort wird als Anrede lediglich für die aus Oberhäupttingsfamilien hervorgegangenen Häuptlinge verwendet. Es ist eine altsamoanische Sitte, die im Aleipata- Distrikt auch heute noch geübt wird, daß. falls gewisse hohe Häupt- lingc die ihnen von altersher hörigen Ortschaften besuchen, während der Nacht alle Häuser durch das Ha-usfeuer hell erleuchtet sein müssen. In einigen Ortschaften, z. B. auf den Aleipata vorge- lagerten Inseln war es sogar Sitte, dast des Abends an der Seeseite der Häuser die Jalousien(pola) heruntergelassen wurden, sobald Feuer angezündet wurde. Kam jedoch einer der bekannten hohen Häuptlinge auf die Insel, so wurde die pola in die Höhe gezogen und in Aleipata sah man dann die Hausfeuer und sagte:„ua sliitis le nuu", d. h. das Dorf(Insel) hat Häuptlingsbesuch. Das Wort sfioga bezeichnet einen Menschen, für welchen die Hausfeuer ange- zündet werden, d. h. also einen Hohen Häuptling. Mit der An- rede der Sprecher(tulaiale) hat es eine andere Bewandtnis. Im allgemeinen wird jeder Sprecher mit tulalale angeredet. Tülafale übersetzt man am besten mit„Einer, der einen Hausplatz inne hat." Das Land gehörte in alten Zeiten den Häuptlingsfamilien, die ihren treuesten verheirateten Dienern Hausplätze und Land an- wiesen. Hieraus entstand das Wort tnlalals. Die Anrede für die hohen Sprecher der Ortschaften«und Distrikte ist aber Tofa. Tofa hieß nun aber der altsamoanische Opferpriester. Dasselbe Wort ci'istiert auch noch in anderen polynesischen Sprachen mit derselben Bedeutring. Die obersten Sprecher der Ortschaften waren nämlich und sind es oft auch noch heute die Opferpriester der Ortschaften und Distrikte, und haben diesen Titel noch heute beibehalten. Jntcr- essant ist auch die Bezeichnung für die Ausländer, Papalagi. Es ist bekannt, dah die Hervunft der Polhnesier von Indien und dem Malayischen Archipel nachgewiesen ist. Im Malayischen Archipel heisst Kaba jedes Kind der Nichteingeborenen. Das Wort bada würde in Samoa papa ausgesprochen werden. Papalagi ist kontrahiert aus papa a lagi. Papalagi heisst demnach Kind des Himmels.— Als die ersten Schiffe der Kulturvölker in Samoa sowohl wie in Hawaii eintrafen, hielten die Eingeborenen deren weisse Besatzung für Götter. Die Folge dieser Annahme war es, dass Cook ermordet wurde. Denn ein Eingeborener von Owahu warf ihn mit einem Steine, um zu untersuchen, ob Cook die Inkorporation des Gottes Rongo, des Bruders des Gottes Tagaloa, sei. Die Besatzung der Schiffe würde sowohl in Samoa wie in Hawaii als Kinder des Himmels bezeichnet.— 3lus dem Tierlcbe». — Den Kampf eines Wiesels mit einem Bläh- huhn(kulica atra) schildert ein Mitarbeiter der„Deutschen Jägcr-Zcitung":„Ich stand am Rande eines Rohrdickichts, in das ich eine Anzahl dieser Wasservögel gescheucht hatte, und erwartete deren Hcrausrommen. Da lief plötzlich vor meinen Füssen ein Wiesel, . das einen breiten Wasserlauf durchquert haben musste, in das Röhricht hinein. Augenblicklich stürzten die Wasserhühner, aufs höchste er- schreckt, an mir vorüber und ins Wasser. Nur eins, ein ausge- wachsencs junges Huhn, zog sich bei meinem Anblick schnell wieder zurück und kam auch nach längerm Warten niclit zum Vorschein. Als ich nun einige Schritte um ein Gestrüpp von Wasserpflanzen gemacht hatte, sah ich eine seltsame Gruppe. Das Wiesel hatte das Bläh- huhn gepackt und beide strengten ihre Kräfte aufs höchste an. Da das kleine Wiesel einen Ständer des Vogels gefaht hatte und energisch nach hinten zog. so war dieser gezwungen, mit seinen Flügeln, die er in den Sand stemmte, und mit dem anderen Ständer feinem Feinde Widerstand zu leisten. Die Tiere schienen in ihren Kräften einander gewachsen zu sein, denn keines zog das andere vom Fleck. Von meiner gedeckten Stellung aus konnte ich einige Zeit dem Kampfe zusehen. Als ich hervortrat— das Wiesel hatte alles um sich vergessen und nur sein Opfer im Auge—, zog der kleine Räuber das geängstigte Huhn mit kräftigem Ruck rückwärts, denn der Vogel hatte sich durch mein Erscheinen aus seiner Fassung bringen lassen. Da ich aber sofort still stand, kam der Kampf so- gleich wieder zum Stehen und dauerte unentschieden eine geraume Zeit. Das Wiesckl schien mich nicht geäugt zu haben, es wurde immer erbitterter. Doch der arme Vogel dauerte mich, er wäre sicher nicht Sieger geblieben. Und mit einem Schlage wurde er vow seinen Qualen befreit und der Räuber getötet.— Technisches. ck. Die Arbeiten am Simplon-Tunnel sind, wie schon kurz gemeldet wurde, durch eine heisse Quelle zu einem Stillstand ge- bracht worden, und die Situation ist nach den vorgenommenen Untersuchungen noch nicht wieder günstiger geworden. Am Montag- morgen betraten die Ingenieure den Tunnel, um eine Untersuchung vorzunehmen» aber sie konnten nicht bis zur Quelle vordringen, da eine glühende Hitze, die eine Temperatur von 65 Gyt> C. hatte, Veranttvortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.—Druck und Verlag: ihnen entgegcnschlug. Die Kanäle und Röhren, die das heiße Wasser aus dem Tunnel herausführen, genügen jetzt nicht, da 140(1 bis 1800 Liter Wasser in der Sekunde abfliessen müssen und unter normalen Verhältnissen der Wasserabfluh viel geringer geschätzt worden war. Auch die bis jetzt gebrauchten Maschinen, die kalte Luft in das Zentrum des Tunnels einpumpen, um die Temperadur zu reduzieren, genügen nicht, und müssen mit grossen 51osten und Zeitverlust durch andere Apparate ersetzt werden. Es wird wenigsten? drei Monate länger dauern, um die noch bleibenden 200 Meter des Tunnels unter den jetzigen Bedingungen zu durchbohren, aber man fürchtet sogar, dass sich in der Mitte des Berges, bis zu der man bei den Bohrungen schon fast vorgedrungen ist, eine geschmolzene Masse befindet, auf deren Vorhandensein bereits mancherlei Anzeichen schließen lassen. Dieses Hindernis erweist sich vielleicht als unüber- windlich, da die Hitze dann doppelt so groß sein wird, wie sie jetzt ist, und dann könnten menschliche Wesen.unmöglich im Tunnel arbeiten. Vorläufig jedoch läßt sich nichts Bestimmtes sagen, ehe nicht die durch die neue Quelle entstandenen Schtoierigkeiten beseitigt worden sind. Die Ingenieure wollen erst in vierzehn Tagen ein Endurteil fällen. Der Schweizer Sachverständige, der kürzlich nach einer Prüfring der Sachlage feststellte, dass die Vollendung des Tunnels mit der jetzigen Betriebsanlage unmöglich wäre, sagt jetzt, dass nur Stahldachsparren von 20 Zoll Dicke imstande sein können, die Hitze abzuhalten. Während der letzten drei Wochen ist man nur täglich um zehn Zoll vorgedrungen, statt wie früher um sieben bis acht Meter. Die italienischen Arbeiter planieren jetzt den vollendeten Teil und beenden die neuen Stationen und Zugänge bei Bricg und Domo d'Ossola. Man hofft, dass die neue Quelle allmählich lang» samer fließen wird, so daß eine gründliche Prüfung möglich sein wird, aber die Besorgnis ist sehr gross und die Lage sehr ernst.— Hnmoristislhes. — Das Schwiegerpapachen. In der„Täglichen Rund- scbau" lesen wir: Die Frau Professor sagt zum llmzugsmann: „Besonders sorgsam behandeln Sie, bitte, diese zwei Büste». Ter Venuskopf kommt auch in der neuen Wohnung in die Fensternische und der S o k r a t e s über meinen Schreibtisch.— Darauf geht die Dame in die neue Wohnung voraus. Dort erscheint später der llmzugsmann und dreht verlegen die Mütze:„Jnäd'ge Frau, mit den Venus hat es janz jut jejangen, sehen Se. er kommt schon de Treppe ruff! aber was der ältere Herr war, der is meinem Willem een kleen bihchen ausgeschliddert und nu bammeln ihn sohl paar Kriemelchen an de Nase. Aber mein Willem is jleich mit'rum »achn Stukkatör, bat der't anjipsen tut."— Der Frau Professor ahnte nichts Gutes. Nach zwei Tagen erscheint Willem mit Sokrates im Arm; der hat eine ganz unmögliche schöne, gerade Nase im Gesicht, beinahe der der Venus ähnlich.„Das geht nicht," sagt die Frau Professor traurig,.die Nase ist ja völlig unähnlich; so mag ich die Büste gar nicht ansehen..." Darauf Willem:„Ent- fchuldjen Se doch man jütigst! Wir haben»ns da jar nischt bei jedacht. Ick wusste doch nich, bat Sie den Herrn jekannt haben, wir dachten, dass er bloß aus'n Laden wäre! Nu is et wohl jar Schwiejerpapachen?"— Notizen. — Paul Grabeins Stndcntenstück„Frei ist der B u r s ch" hatte bei der Erstaufführung im Kölner Stadtthcatcr grossen Erfolg.— — Nach dem Muster deS Kleinen und Neuen Theater hat sich jetzt auch das Lessing-Theater die Mitarbeit eines Malers gesichert. Es ist der Engländer Edwaxd Gordon-Craig. Für Londoner Bühnen hat er unter anderem Shakespeares„Viel Lärm um nichts" und Ibsens„Nordische Heerfahrt" eingerichtet.— — Sarah Bernhardt eröffnet am 17. Oktober im Berliner Theater ein G a st s p i e l, das acht Vorstellungen umfassen wird.— — Shakespeares„Othello" wurde unlängst in S ch u s ch a (Transkankasien) in tatarischer Sprache zur Aufführung ge- bracht.— — Ein Konzert zeitgenössischer Komponisten findet am 17. Oktober im Beethoven-Saal statt.— — Unter den, Titel„Biologische Po st karten' giebt die G. Winckelmanniche Buchhandlung in Berlin Ansichtspostkarten heraus, die in bildlicher Darstellung die Entwicklung bekannter Pflanzen und Tiere behandeln.— — Die Weinernte ist in diesem Jahre in manchen Gegen- den Portugals so reichlich ausgefallen, dass gute Tischweine zu 4 Pfennige der Liter verkauft werden.— - Der Druckfehlerteufel hat einem Breslauer Blatte einen argen Stteich gespielt. In einem Bericht über einen anlässlich des Naturforscherkongresses abgehaltenen Vortrag, den Gorilla des Breslauer Zoologischen Gartens betreffend, lesen wir:„Dr. X...... jetzt Sanitätsrat in Gross-Lichterfelde, ist als Teilnehmer der Natur- forscher-Versammlung in Breslau anwesend. Dieser Gorilla blieb 10 Monate nnd 6 Tage am Leben."— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblalles erscheint a» Sonntag, den 9. Oktober. Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinS1V.