Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 199. Sonntag, den 9. Oktober. 1904 (Nachdruck verboten.) U] Die flucht Von K. Bagrynowski. 16. Die Geschichte mit der Spieldose wiederholte sich immer häufiger. Krassuski tat dem DMpr den Gefallen, denn dieser zählte zu den Freunden der Verbannten und war ihnen gegen- über wirklich zuvorkommend und hilfbereit. Aber die fort- gesehten Besuche des Feldschers Fedorkin mit dm spähenden Augen reizten den Jüngling. „Sie müssen die Dose zu ihren Freunden tragen und unterwegs entzwei machen. Ter Doktor schreibt, das letztemal wollte sie gar nicht spielen und doch war sie repariert!" wandte er sich mit strenger Stimme an den Boten. „Gott bewahre! Wie würde ich's wagen, auf dem In- strumente ineines Vorgesetzten zu spielen! Sie verkennen mich!" verteidigte sich der Feldscher. „Gut. Ter Doktor hat einen Schlüssel zu dem Kasten, ich ziehe also die Dose auf, und Sie nehmen sie mit, so wie sie spielt. Die Feder ist lang und das Werk darf nicht abgelaufen sein, wenn Sie zum Doktor kommen." Er klappte den Deckel zu und reichte ihm die tönende Schachtel. Ein lustiger Wiener Walzer rasselte darin herum. Der Feldscher nahm das Werk nur ungern und ging fort, um gleich darauf aufgebracht zurückzukehren. „Wenn ich auch nur ein unbedeutendes Amt bekleide, so erlauben Sie sich doch zu viel, Herr—■ Herr Krassuski. Die Leute kommen aus den Häusern, sowie sie die Musik hören, und die Bengel laufen mir nach und jauchzen hinter mir her, wie hinter einem Drehorgelspieler.... Das laß ich mir nicht gefallen! Behalten Sie sie, bis sich die Sache aufklärt. Hören Sie, was die da angeben?" Von der Straße her drang in der Tat wildes Geschrei in die Werkstatt, und als Krassuski vor die Tür trat, sah er das schwarze Kästchen auf dem sonnenvergoldeten Schnee des Sees stehen, und ringsumher einen Kranz von Jakuten mit hohen Pelzmützen und zottigen Joppen. Sie lvaren an- scheinend sehr lustig, obgleich sie sich als vorsichtige Leute auf jeden Fall nicht zu nahe an„den sprechenden Teufelskasten" heranwagten. Etwas weiter tanzte eine Schar Knaben einen russischen Nationaltanz, indem sie dabei mit den Armen her- umfuchtelten, in die Hände klatschten und die dicken, in warmen weichen Stiefeln steckenden Füße hoch in die Luft warfen. Erheitert ging Krassuski, wie er ging und stand, dm Hammer in der Hand und nur die Mütze auf dem Kopfe, auf sie zu, aber plötzlich erblickte er am anderen Ende des Sees eine lange Reche von renntierbespannten Schlitten, unter denen er sofort die mit einer Filzdecke beschlagene Kibitka des Jsprawnik erkannte. Ohne auf die Bitten des Feldschers zu achten, kehrte er also in aller Eile nach Hause zurück, verschloß die Werkstatt, kleidete sich an rind eilte den Ankommenden entgegen. „Sie bringen die Amerikaner!" rief er Arkanoffs zu, die auf dein Wege zu Alexaudroff waren. Alles wandte sich nach jener Seite hin, sogar der Feldscher mit der spielenden Dose. Der lange, von pelzverhüllten Führern geleitete Trauerzug, die grauen, reifbedeckten Renn- tiere, die gespenstergleich durch die selbstgeatmeten Dunstwolken glitten, die niedrigen Narten mit den darauf festgebundenen Leibern der Gestrandeten, die den Todcsschlaf schliefen, alles das niachtc einen erschütternden, grauenvollen Eindruck. Den Zug schloß Mister Morley mit seinen Matrosen zu Fuß. Die Verbannten begrüßten sie mit warmem Händedruck und mischten sich schweigend unter das Gefolge. Die Leichen wurden in einen leeren Speicher gebracht und nebeneinander auf Heu gebettet. Beim Hinübertragen hatten sich die Hüllen mehrerer Toten verschoben. Die zu Marmor versteinten, tiefernsten Gesichter und gekrümmten Glieder, die dabei sichtbar wurden, verrieten die verschiedensten Gefühle. Einer der Toten war ganz krumni gebogen, und seine zu Eis erstarrten Züge waren von einem Schmerze gezeichnet, für den es keine Worte gibt; ein anderer lag nüt unter den Kopf ver- schränkten Armen da, als wenn er schliefe. Dieser schien sich einer furchtbaren Gewalt entgegenzustemmen, die ihn in den Abgrund reißen wollte; jener war auf der Seite liegend er- froren, Erstaunen und Ohnmacht in den weitgeöffneten Augen. Und einer war da, der die geballte Faust gen Himmel hob, als drohe er noch und fordere den Himmel und die Erde, die ihn bezwungen hatten, zum Kampfe heraus. „Seht," sagte Morley, indem er die Füße der Toten zeigte, „alle haben sie verkohlte Strümpfe, verbrannte Kleider. Einigen von ihnen sind sogar Füße und Hände verbrannt. Sie haben sich wohl so nahe wie möglich ans Feuer gesetzt, um sich zu wärmen, und sind sterbend hineingefallen. Und als sie sich erheben wollten, versagte ihnen die Kraft. Und trotz- dem haben sie die Schiffsbücher und Notizen bis ans Ende mit sich fortgeschleppl." „Ein Tod, der anderen Früchte bringt, hat etwas un- aussprechlich Großes, etwas Erhebendes an sich!" flüsterte Eugenie. „Anderen? Ich glaube kaum, daß die Aankees auch nur daran gedacht haben! Sie setzten ihr Leben wegen des Ruhmes oder um Geld auf's Spiel. Es war ein Spiel, ein einfaches Hazardspiel. Gelingt's oder gelingt's nicht!" sagte, Arkanoff mürrisch in russischer Sprache. Trotzdem mußte Mister Morley etwas aus seinem Tone herausgehört haben, denn gleich darauf sagte er ruhig, indem er auf einen der Toten wies, der einen langen Bart und ein energisches, aber erschreckend mageres Gesicht hatte: „Dieser Jrländer war Fenier wie ihr. In seiner Jugend war er zum Tode verurteilt worden. Seine Genossen retteten ihn, indem sie ihn mit Gewalt aus dem Wagen zogen, der ihn vom Gerichtshof ins Gefängnis bringen sollte." Eugenie sah ihren Mann vorwurfsvoll an. Mister Morley begab sich, von Samuel begleitet, ins Amtsgebäude, wo ihm eine Wohnung angewiesen war, die Verbannten aber kehrten in ihre Häuser, zu ihren Arbeiten, Befürchtungen und Hoffnungen zurück.— Die Zeit war ihnen nur noch knapp bemessen, und jede verlorene Stunde erfüllte sie mit Bangen. Als Arkanoffs, die die Nacht über in der Darre gewacht hatten, gegen Morgen nach Hause kamen, setzte sich Eugenie aufs Bett und stützte den Kopf auf die Hand. Arkanoff sah, wie schwach und erschöpft sie war, und letzte sich neben sie. „Tut Dir der Kopf weh, Genia? Der Geruch in der Darre ist unerträglich. Wann wird das endlich ein Ende nehmen? Alle Augenblicke gibt's was neues. Und Du regst Dich gleich über alles so auf und empfindest alles so lebhaft. Heute ha?: Du mich den ganzen Tag nicht angesehen. Ich weiß. Du bist mir wegen der �Amerikaner böse, aber sag doch selbst, hatte ich nicht recht? Sind einfache Matrosen?" „Ach! Das ist's ja nicht! In Deiner Bemerkung klang ein unbegreiflicher Ton durch, der mich schmerzlich berührte; es war, als freutest Du Dich, daß sie sich um des Ruhmes- und Geldeswillen Gefahren ausgesetzt hatten— und verdorben sind." „Ja. ich muß zugeben. Deine Exaltation hat mich gereizt. Ich sehe darin den sehr unerwünschten Einfluß von Niehorski, Alexandroff et tutti guanti... Und doch ist es keinem Kämpfer erlaubt, seine Besonnenheit und sein kaltes Blut zu verlieren— vor allem aber nickt am Vorabend der Schlacht—■ und nie darf er zulassen, daß sein eigenes Urteil durch Exal- tation getrübt wird! Wir betreten denselben Weg, dessen Opfer wir heut gesehen haben. Eine halbe Werst nach rechts oder nach links und— der Tod ist uns gewiß. Während Du Dich über die Erhabenheit ihres Sterbens ausließest, sah ich diese Unglücklichen deutlich vor mir, sah sie vor Erschöpfung zusammengeschrumpft, vor Hunger gekrümmt, bis aufs Mark erstarrt, neben dem kau»? glimmenden Feuer zusammen- gedrängt düster in die verlöschende Glut starren und keine Kraft mehr finden, den Brand mit neuem Holz zu nähren. Sah sie in der erkalteten Asche wühlen und mit erstarrten Fingern nach der fliehenden Wärme haschen. Sie glaubten, vor Kälte zu zittern, aber es war schon der Tod, der sie im Dunkeln näher- schleichend durchschauerte. Und uns erwartet dasselbe Los! Diese Fremden hatten wenigstens den Trost, ihre Fetische mit- zuschleppen, ihre Bücher und Notizen. Aber wir besitzen nichts, und uns wird nichts überleben. Verflucht sei die Stunde, in der ich meine Einwilligung gab." „Aber was hast Du vor?" „Wir wollen hier bleiben, Genia. Wir ziehen uns gleich Von ihnen zurück und kommen dann darum ein, in eine andere Gegend umsiedeln zu dürfen." Eugenie erhob sich voller Empörung. „Und dann? Das ganze Leben, lange Jahre hindurch hier, hier, in diesem Schnee!" „Wir werden doch Zusammensein!" flüsterte er schüchtern. Sie antwortete nicht und wies seine Umarmung init einer kaum wahrnehmbaren Geberde zurück. „Ich habe Dir schon gesagt, wie ich darüber denke. Du niachst Dir selbst das Leben schwer, indem Du Dir Schrecknisse vorspiegelst, die gar nicht vorhanden sind. Die Flucht muß gelingen! Wir werden ini Sommer reisen, in einer Zeit, in der die Küste reich an Wild und Fischen ist. Und unser Proviant ist aus mehr als zwei Monate berechnet. Wenn wir erst im Tschuktschenlande sind, dann siiu wir schon fast in Amerika. Die Ufer sind dort dicht bevölkert und werden oft von Walfischfahrern besticht..." „... Also sprach... Niehorski!" unterbrach sie Arkanoss bitter.„Ich werde tun was Du willst, aber bedenke nur.... Ihr Verderben wird vor allem auf unserem Gewissen lasten. Wenn wir zurückträten, so lange es Zeit ist, könnten wir vielleicht auch sie zurückhalten." Er betonte die Worte„so lange es Zeit ist", aber sie achtete nicht darauf und antwortete, den Kopf schüttelnd: „Nein, Du kennst sie nicht! Sie lassen sich nicht mehr zurückhalten." „Nun, sie sind doch wohl nicht so..." Er brach ab und senkte die Lider, denn ein undeutlicher Gedanke trübte plötzlich seinen Blick. Eugenie hielt in ihrem Alis- und Abgehen inne und sah ihren Btann erwartungsvoll an. „Was sind sie nicht?" „So unvernünftig!" fügte er ruhig hinzu.„Uebrigens, wozu die Arbeit. Dein Wille soll geschehen; das Hab' ich Dir schon gesagt." lFortsetznng folgt.) I�mcl uncl Kunft. Die Klagen über die Akademien und Kunstschulen, die der natürlichen Auffassung und Entwicklung so wenig Spielraum lassen, sind bei- nahe so alt, wie diese Jnstilullonen selbst. Kein anderer als Hermann Grimm hat vor etwa 30 Jahren eine Arbeit in Form eines Gut- ackitens darüber geschrieben, worin er eingehend seine ablehnende Stellung staatlichen Kunst-Lehranstalten gegenüber begründet. Dieser Aufsatz war so aktuell geschrieben, daß ihn die österreichische Kunst- Zeitschrift der Wiener Sezessioniften„Ver Sacrum" Wort für Wort jetzt noch einmal abdruckt. Die Künstler müssen sich also selbst helfen. Ohne gründliche technische Durchbildung und Erfahrung geht es nicht. Wo sollen die angehenden Künstler sie lernen? In München bestehen schon seit längerer Zeit Privatkurse von Malern, die auf diese/Weise trachten, eine Lücke im Lehrgang aus- zufüllen. Sie wollen nicht Vorbilder zeigen, sondern befreien. Es sind»leist jüngere Leute, die von den neuen Ideen des Kunstunterrichts angeregt sind. Ruskin, Morris, Crane, dann van de Velde, Darmstadt, Licht- warks Bestrebungen und manche andere Momente haben dazu mit- geholfen, diese Dinge ins Praktische unizusetzen und den Lehrgang, den Unterricht künstlerischer zu gestalten, d. h. natürlicher, freier. In einer Atelier-Ausstellung legte der Leiter der Schüler-Werk- statten für Kleinplastik, Albert Neimann, LandShutcrstr. 38, dar, nach welchen Prinzipien er seinen Unterricht gestaltet. Er lehrt die Schüler und Schülerinnen zuerst vor allen Dingen sehen, das heißt in einem Tier, einer Pflanze die organische Bewegung, das, was man Zieltrieb uennen könnte, erfassen. Indem die Phantasie sich daran gewöhnt, direkt mit der Natur und ihren ewig geheimnisvollen und wrmderbaren Offenbarungen zu verkehren, entfernt er für immer und nachdrücklich die Sucht, nachzuahmen, fremde, vielleicht an- erkannte Vorbilder zu kopieren, wozu der Anfänger immer leicht neigt. Es gilt nicht, auf Krücken zu gehen, sondern auf eigenen Füßen gesund und kräftig zu stehen. Nicht jeder kann ein Genie oder ein überragendes Talent sein. Jeder kann aber, was er in die Hand nimmt, die selbstgewählte Aufgabe redlich und ehrlich erfülle». Wieviel Unheil das Predigen von Vorbildern und das Verweisen auf Nachahmung hervorbringt, davon braucht nicht ge- redet zu werden. Danach sollen die Schüler dahin kommen, die organische Bewegung eines Dinges als Grundlage zu einer vernünftigen, künstlerischen Gestaltung zu benutzen und die so gewonnene Form einer Komposition sinngemäß einzu- gliedern. Der weitere Ausbildungsgang richtet sich dann nach dem Gegenstande, seinem Zweck, seinem Material, seinem eventuell in Aussicht genommenen Schmuck. Der Leiter betonte in seinen Aus- führungen richtig, daß die Maschine der Kunst keinen Abbruch zu tun brauche. Nicht nur das, man kann noch viel weiter gehen. Die Maschine wird uns zu einer neuen, gereinigten Fornrenwelt, ftei von Schnörkel und Schablone, bringen. Die Maschine wird es dahin bringen, daß nach einer Reihe von Generationen die schmierige, heuchleriscke Bazarware aus unseren Schaufenstern verschwindet. Die Maschine kann recht dazu dienen, die Schönheit der einfachen Zwecklinie deutlich hervorzuheben. Sie wird jetzt»och ge- mißbraucht, um Schnörkel und Flitter zu fabrizieren. Einst wird sie kräftiger den ihr innewohnenden ethischen und sozialen Wert betonen. Gerade solche Kräfte tun uns not, die die Hauptaufgabe einer künstlerischen Pädagogik nickit im Predigen nachzuahmender Vorbilder sehen, sondern in dem Ziel, die Phantasie des einzelnen selbst lebendig zu machen,»mtig, freudig und rücksichtslos ehrlich. Erziehung sei nicht Zwang, sondern ein Wecken von etwas, das im Grunde jedes Nienschen als eiiirii fühlenden, wollenden Zentrums von Empfindungen schlummert.'�Darum schadet es auch nicht, wenn zu solchen Zwecken Tilettantcnkrcise herangezogen werden sollen. Was Sichtwort z. B. mit Dilettanten leistete, ist erstaunlich genug. Der Vorteil liegt darin: dem Publikum werden die Augen für die organische Schönheit geöffnet. Es wird lernen, Ansprüche zu stellen und die Schnndware wird so von selbst verschwinden. Von höchstem Interesse, gewissermaßen als Beleg zu dem vorher Gesagten, ist eine kleine Sammlung von Schöpfungen, die Kinder von 3—14 Jahren an Sonntagvormittagen anfertigten. Es wurde ihnen Plastilina in die Hand gegeben, und die kleinen Kerle legten los. Der eine macht nur Tiere, der andere betätigt sich architektonisch, baut Häuser und Villen, wieder andere kneten Akte, alles ohne Zwang, ohne direkte Anleitung, nur als Aeußerung spielender Phantasie. Hier ist eins zu bemerken. Es stellt sich dabei als Notwendigkeit heraus, daß dem Kinde absolute Freiheit gelassen werden muß. Es darf nicht darauf hingewiesen werden: sieh' noch einmal hin, du hast dies und das vergefien. In dem Auslassen, Vereinfachen liegt ja gerade der Anfang der Kunst. Daß diese Fähigkeit noch nicht sich frei hervorwagt, ist das Produkt unserer verbildenden Erziehung überhaupt, die eine photographische Rickitigkeit dem Bilde vorzieht. Um diesen Erbfehler, den bnreaukratisch kontrollierenden Verstand aus uns herauszubringen, dazu lv erden Generationen nötig sein. Ebenso wie Jahrzehnte uns diesen Fehler einpflanzten. Es sind da Pferde. Bäume, Reliefporträts, Häuser, in denen zu- meist noch dieser Kampf des kindlichen Gemüts zwischen naiver Darstellung und gelernter Richtigkeit sichtbar ist. Ein Kind aber, un- vererben und selbstsicher, ist der geborene Impressionist. Es will den Eindruck, den Moment, das Charakteristische, meinethalben— als notwendige Folge— die übertreibende Karikatur, nie jedoch die Nachbildung. Das ist erst dem verknöcherten Verstand des Er- wachscnen vorbehalten, der also damit— dank unserer widersinnigen„Erziehung" und Kultur— eine Rückbildung, eine Einschrumpfung darstellt. Jedes Kind— das zeigen seine Spiele, seine Phantasie, mit der es die Wirklichkeit biegt und beugt und zu einer eignen Welt gestaltet, will neilschöpfen. Es sei in dieser Beziehung noch einmal nachdrücklichst auf die in der Nummer 195 dieser Unterhaltungsbeilage fvom 4. Oktober) ent- haltencn Auszüge ans dem französischen Buch„les Jeux des enfants" hingewiesen. In der dort angeführten Bemerkung eines sechsjährigen Knaben, dessen Mutter meint, er verstünde die vorgelesene Erzählung nicht und sie müßte ihm erklärend helfen:„O Mama, ich würde schon recht gut verstehen, wenn Du mir nur nicht so viel erklären wolltest," liegt der Schlüssel zu einer ganz neuen, freiheitlichen Er- ziehnngsmethode und damit einer neuen Welt. Es beginnt jetzt eine neue Zeitschrift zu erscheinen:„Kind und Kunst", lDarmstadt, Alex. Koch), die speziell diesem Neuen dienen will. Auch hier muß sich erst entscheiden, ob der richtige Geist obwaltet. Eine solche Zeitschrift hätte schon längst erscheinen müssen. Sie kommt jetzt etwas spät. Der richtige Geist ist der, daß nicht wir dem Kinde etwas beibringen können, sondern umgekehrt nur vom Kinde lerne» müssen. Denn wenn wir aus dem vorher Ge- sagten die richtige Nutzanwendung ziehen, so ist Künstler nichts anderes als ein Mensch, der sich diese natürliche, schöpferische Phantasie trotz allen Zwanges bewahrt hat. Bei Tausenden erfticrt der Geist und verknöchert. Bei einem erhält sie sich ftisch. Kunst ist also nicht etwas Neues, das init dem Reifen der Persönlichkeit neu in die Er- cheinung tritt, sondern das Erhalten eines ewig gültigen Triebes. s Daher machen wir die merlivürdige Beobachtung, daß besonders glücklich veranlagte Kinder etwas zustande bringen, das gleichwerttg neben die reifen Schöpfungen anerkannter Meister gestellt werden kann. Von geradezu epochemachender Be- deutung sind in dieser Beziehung die beiden Zeichnungen, die auf Seite 29 dieser Zeitschrift abgebildet sind, Arbeiten von Schülern des Realgymnasiums zu Altona, die dem Buche„Neue Wege des Zeichenunterrichts" von Fritz Kuhlmann, Zeichenlehrer da- selbst, entnommen sind; die eine Zeichnung, Wiedergabe eines Vogels, erinnert in ihrer verblüffenden Augenblicklichkeit und in ihrer technischen Umsetzung an die Japaner, und die andere— ein Mädchen, von hinten gesehen— zeigt eine Sicherheit und Feinheit, die an Liebermann denken läßt. Darum ist der Weg verfehlt— dem vorderhand die genannte Zeitschrist zu folgen scheint—: Kunst in das Leben des KindeS hineinzutragen. Solche Bestrebungen find lächerlich, weil sie den Spieß umdrehen. Wir können und sollen nichts dem Kinde brinaen. Wir sollen es sich entwickeln lassen. Lernen können dabei nur wir. Die Kunst kann hier nur schaden, denn Kunst ist etlvas Fertiges, Abgeschlossenes. Wie überhaupt all diese Kunsterziehungs- und Knnstbeglückungs- Pläne vom Uebel sind. Natürliche und freie Entwicklung, das ist das Ziel. Nicht das Zeigen von Vorbildern und das überflüssige Reden, was schön daran ist.— s. s. Liemes Feuilleton. tli. Familie Windig. Grete kam mit einem Brief zurück, einem schmalen länglichen Kuvert, das offenbar kein Familien- und Ge- jchäftsbrief war. Sie drehte ihn in der Hand.„Was ist denn das?" „Er sieht so komisch aus!" meinte Ida. „Ja, er ist ganz anders, als sie sonst sind," nickte Lotte. „Von wem mag er blosi sein?" „Aber Kinder, so macht doch einfach auf," sagte der Vater.„An wen ist er denn überhaupt? Ist wohl wieder'n Mahnbrief vom Doktor?" „An uns alle ist er— Familie Windig." Grete hatte schon das Kuvert aufgeschnitten, sie überflog das Kärtchen und stieß einen Jubelrus aus:„Ach, eine Einladung— eine Einladung zum Ball— der Gesangverein lader für nächsten Sonn- abend zum ersten Ball,— wir werden tanzen, Kinder I Tanzen, tanzen, tanzen." „Tanzen, tanzen I" Die beiden anderen Schwestern klatschten in die Hände und jauchzten hell auf. „Sagt mal, seid Ihr wieder mal verdreht?" fragte die Mutter vom Nebenzimmer her, wo sie»achlässig hingestreckt im Faulenzer lag. Was ist denn das für ein Lärm?" „Tanzen, tanzen!" Die Mädchen faßten sich an den Händen und wirbelten ini Zimmer umher. „Du hörst doch, Mama, der Gesangverein ladet uns zum ersten Ball." Grete warf ihr das Billet zu. „Jetzt schon? Hm! Und nächsten Sonnabend? Na, dann haltet Euch nur'ran, daß alles da ist." „Wird schon! Ich tanze die ganze Nacht." Lotte drehte sich auf der Fußspitze um sich selber! „Vorausgesetzt doch mal erst, daß wir überhaupt hingehen!" warf der Vater ein. „Na hör' mal!" Die drei Mädchen riefen es wie aus einem Munde. Die Mutter, die hereingekommen, starrte ihn gleichfalls an, als hätte sie nicht recht gehört:„Das ist doch einfach selbstvcr- ständlich l" „Wir sollten nicht hingehen?" rief Lotte. „Das müßte ja ganz komisch sei»,'n Ball, auf dem Familie Windig fehlt!" Ida lachte hell auf. „Ach... ist ja gar keine Frage, daß wir hingehen," sagte die Mutter verächtlich. „Finde ich noch gar nicht," meinte der Vater.„Wir haben an ganz andere Sachen zu denken, dem Schuster habe ich Geld ver- sprochen, der Kaufmann will was haben.... Die Abzahlungs- raten.... Ihr habt ja doch schon gestern gesagt, der Schlächter borgt Euch bald nicht mehr." „Dann borgen wir beim andere»! Nun hör' doch auf!" Die Mutter wurde ärgerlich.„Ginge es nach Dir, könnten unsere Mädel natürlich zu Hause versauern!" „Alte Jungfern werden!" brummte Grete. „Ja, es wird Zeit, daß Tu uns verheiratest, Papa," maulte Hotte,„Grete ist schon fünfundzwanzig." „Vierundzwanzig, bitte!" Grete fuhr auf. „Nu, das Vierteljahr, was noch fehlt!" Lotte zuckte die Achseln. „Frechheit!" „Zankt Euch nicht, Kinder," sagte die Mutter.„Uebcrlegt lieber die Kleiderfrage. Ihr habt doch rein nichts anzuziehen!" „Wenn Du etwa denkst, daß ich neue Kleider kaufe, irrst Du Dich," warf der Vater ein.„Ich habe zunächst dem Schuster ver- sprochen!" „Nu hör' doch mit Deinem Schuster auf! Was soll denn das nun wieder heißen?" „Papa, Du bist abscheulich," schmollte Lotte.„Ueberhaupt ist das doch gar nicht schlimm; was wir nicht haben, pumpen wir uns." „Na, das sollt' ich auch meinen," sagte die Mutter.„Du weißt doch, daß wir uns zu helfen wissen, aber Du redest bloß, um zu reden." „Ich gehe zu Ella Wcingart," nickte Lotte,„die gibt mir schon ihre neue Bluse. Das ist obendrein solche schöne, blauscidcnc, und himmelblau steht mir gut." „Dann laß Dir auch gleich ihre Perlenkette geben. Die hast Du voriges Jahr doch auch getragen," sagte die Mutter. „Ja, und ihre Armbänder!" rief Grete.„Sie hat ja drei, dann trägt jede von uns eins." „Vielleicht gibt sie Dir auch ihr weißes Mullklcid für mich," bat Ida,„es würde mir gerade passen...." „Du bist wohl?" fragte Lotte.„Das wär' doch unverschämt!" „Nu, was denn... bei Ella Weigert? Das ist doch so ein gutmütiges Schaft" „WaS dcnk'fte denn," rief Ida,„die fühlt sich doch noch riesig gebumficdelt, wenn wir überhaupt mit ihr verkehren!" „Drei Geheime Revisorstöchter mit solchem Tischlermädel l" sagte Ida zicrig. „Wenn's nach mir ginge, hättet Ihr die Bekanntschast über- Haupt nicht kultiviert," sagte die Mutter,„aber Lottchcn, sehen kannst Du ja, ob sie Dir nicht das Weihe gibt, dann wären wir wenigstens nicht in Sorge um die Ida." „Na schließlich, wenn sie nicht will, gehe ich zu Cousine Betty. Die hilft mir auch mit'nem Ballkleid aus, und die hat auch elegante Sachen." „Nee, laß man die Betty, die will ich um Schuh bitten," rief Grete.„Ich Hab' ihre Größe." „Und ich will mir auch'n Fächer von ihr holen," sagte Lotte. „Das werdet Ihr beides bekommen. Ich hol' mir von Bettys Mutter den Ballumhang, dann lasse ich mir die Sachen für Euch gleich mitgeben," sagte die Mutter.„Unter Tante Klaras Ball- umhang geht mein Schwarzseidcncs noch ausgezeichnet, da sieht man weder das Speckige, noch die Löcher." „Ach, wir werden überhaupt sehr elegant aussehen, wenn wir all' die Sachen kriegen, die ich mir so vorstelle." nickte Grete. „Wir machen einfach Furore!" stimmte Lotte bei.„Besonders ich in Ellas blauer Bluse. Ihr sollt mal sehen! Und wenn ich dann noch Bettys Straußcnfächcr habe... Eiweh!" „Ja, und da sagst Du gleich, wir machen nicht mit!" Die Mutter warf dem Vater einen gclränkten Blick zu.„Als ob solch' Ball'n Weltuntergang märe; jetzt wirst Du einfach den Schuster ivarten lassen, dann haben wir Geld für den Abendtisch, und das Andere borgen wir uns zusammen. Du sollst mal sehen, wir kriegen alles!" „Jawohl," nickte der Papa.„Seht mal zu, bielleicht bekommt Ihr auch für mich irgendwo ein Paar— ganze Strümpfe!"— -— Verteidigerspäsie. Das„Wiener Extrablatt" berichtet: Die Erkcnntuisgerichts-Verhandlung gegen einen wegen Gewalttätigkeit Angeklagten sollte beginnen, aber sein Verteidiger war noch nicht er- schienen. Um eine Vertagung des Prozesses zu verhindern, sprang ein zufällig anwesender Kollege für den säumigen Anwalt ein und hielt in temperamentvoller Weise ein treffliches Plaidoyer. Der Angeklagte wurde freigesprochen. Als er den Saal verließ, kam eiligst sein von ihm bestellter Verteidiger daher, der sich verspätet hatte. „Nun?" fragte er den Klienten. „Freigesprochen," erwiderte dieser. „Sehen Sie," sagte der Anwalt, sich in die Brust werfend, „ich nütze meinen Klienten immer, geradezu ein Glück für Sie, daß ich nicht erschienen bin!"— Der Verteidiger eines wegen Crida Angeklagten schloß sein Plaidoyer mit folgenden Worten: „Und dann bitte ich, als mildernd zu berücksichtigen, hoher Ge- richtshof, daß der Manu neun Kinder und nur sechs Gläubiger hat, er hat also mehr Kinder als Gläubiger!" Ob dieses Argument im Urteilsspruche zum Ausdrucke kam, ist nicht bekannt geworden.— Theater. Neues Theater.„Die Kronprätendenten". Historisches Schauspiel in fünf Akten von Henrik Ibsen.— Die tiefsinnige, altnorwcgische Heldentragödic, die Ibsen in den dreißiger Lebensjahren, bald nach der romantisch-satirischen „Komödie der Liebe" schuf, wurde hier in Berlin vor etwa einem halben Jahrzehnt von der Schillerbühne aufgeführt. Nun hat das Neue Theater mit seinen so viel reicheren Mitteln das Wagstück unternommen. Das bildhaft-stimmungsvolle, die dekorative» Hinter- gründe, die bunte Bewegung der Massenszenen, der Kirchengesang— all das war, wie zu erwarten, mit hohem, künstlerischem Feingefühl herausgearbeitet, und einige der entscheidenden� Rollen wurden geradezu vorzüglich gespielt. Doch eine dauernde Bereicherung des Repertoires durch das Stück ist schwerlich zu erwarten. Seine Dimen» sionen spotten des engen Bühnenrahmens. Viereinhalb Stunden dauerte die Aufführung und, wenn man Ibsen nachliest, sieht man, daß ohne die starken Streichungen im Schlußakt auch fünf Stunde!« kaum gereicht haben würden. Tie Ueberfülle der Begebenheiten wirkt erdrückend im Theater. Ilm herrliche Szenen rankt sich üppig wuchernd eine weit verstreute, und darum auch die Spannung der Zusckmucr zerstreuende Aktion. Dieses Jntermitieren der inneren Anteilnahme spiegelte sich in der Unregelmäßigkeit des Beifalls wieder.. Die Dichtung hat etwas Sprödes, nicht so sehr in der unmittelbare,« Bühnennähe, als bei nachsinnender Betrachtung, die aus dem Aeutzeren den Kern herausschält, entschleiert sie das Tiefste ihrer Reize. Es ist der Gegensatz des von der Natur zu einer großen Auf- gäbe Berufenen und des aus Neid und kleinlichem Ehrgeiz zu solchem Amt sich Drängenden, den Ibsen— schon damals ein symbolischer Gcdankendichtcr von erstaunlicher Gestaltungskraft der Phantasie— zum Mittelpunkte seines Dramas macht.„Die Königssagen... die Streitigkeiten zwischen Häuptlingen und ihren Gefolgschaften"' als solche„fesseln mich nicht", erklärte er einmal. Wenn er hier. wie auch sonst in jener Periode wohl zu einem Sagcnstost gegriffen, so darum, weil der Möglichkeiten zu bieten schien, das was Ibsen im Grund bewegte, Verhältnisse. Konflikte allgemeiner menschlicher Art, durch keine Schranken moderner Konvention eingeengt, zum Aus- druck zu bringen. Jener Kampf, der von Hakon und Skule in dem Drama um Kronen gcfochtcn wird, das ist nach des Dichters Auf- fassung dem WeseN noH em unabhängig von der Besonderheit des Zieles und der Zeit, überall wo es des Genius und der Kraft be- darf, sich wiederholender. Hakan, der Liebling des Glückes, dem das Sckicksal als beste Gabe den unerschütterlichen Glauben an sich selbst verlieh, steigt sicheren Schrittes aufwärts. Der verwitterte Skule, der sein ganzes Leben nach dem goldenen Reisen gerungen, muß vor dem Jünglinge, dem Erwählten des Volkes, zurücktreten. Den Thron besteigend, übt Hakan weise Mäßigung, er freit des Rivalen Tochter, läßt ihm die höchste Stelle im Reich. Neben Skule, dem verblen- deten Ehrsüchtigen, der die Grenzen seiner Kraft überfliegen möchte, tritt Bischof Nikolaus, die giftgcschwollene Impotenz, die sich für das Bewußtsein ihrer Minderwertigkeit durch teuflisch-schadenfrohe Zettelungen rächt. Zu mächtiger Größe hebt sich der Kontrast am Schluß des zweiten Aktes, als Skule in wabnsinniger Begier von Hakan fordert, er solle ihn zum König machen neben sich. Da redet Hakan von dem großen Gedanken, den seine Seele geboren, von dem Gedanken, der seine Mission bezeugt: alle die in Fehde liegenden Stämme Norwegens will er zu einem einzigen mächtigen Volk bcr- binden. Schwindel packt Skules konservative Alltagssecle; er möchte höhnen, aber der Hohn schlägt um in dumpfe Bewunderung. Knirschend fühlt er, daß er nichts ist gegen jenen, doch um so fester steht nun sein Entschluß des'Kampfes. Hakans stolzes Herz aber erschließt sich zur selben Stunde das erste Mal, seit er die Krone auf das Haupt gesetzt, demütig-menschlicher Liebe. Er zieht die Mutter, zieht die Gattin an sich, die alte Schuld gleichgültiger Härte zu sühnen. So kehrt auch Skule, der trotzige und doch ans Recht der eigenen Sache nicht glaubende Rebell, der sich mit Hakans„Königs- gedankcn" vergebens ausschmückt, vor dem Tode nodi zu den Seinen, den lange Mißachteten, reuig zurück. Vor der schlimmsten Schuld, dem Mord an Hakans kleinen Sprößling, dem künftigen Könige, hält er sich frei. Die Pläne seines Gegners segnend, bietet er mit seinem Sohn zusammen wehrlos die Brust den Streichen der Verfolger dar. „Er war Gottes Stiefkind auf Erden"; dies Wort des Glückskindes, des gekrönten Siegers— an das dunkle Ungewisse erinnernd, aus dem Schicksal und Taten, Gutes und Böses der Menschen quellen— schließt das versöhnend imposante idecn- und gestaltenreiche Drama. Glänzend war K a y ß l e r als König Hakan, in Haltung, Wort und Geberde das Bild jugendlich-männlicher Kraft. Das markige biegsame Organ behielt auch in dem höchsten Affekt noch den vollen Wohllaut. Man glaubte der Gestalt den Hcrrscherwillen und die Herrschermacht. Und wie seelenvoll, wie warm erklangen bei aller schamhaften Zurückhaltung von denselben Lippen die Töne hin- gebender Empfindung! Vollständig ebenbürtig stand die Königin Margarethe L u c i e H ö f l i ch s, dem Könige Kayßlers gegenüber; ein Schimmer rührender Reinheit, eine tvaumhastc Befangenheit lag über der Figur. Die kleinen Rollen Sigrids und Ragnhilds wurden von Tilla Durieux und Hedwig Mangel eindrucksvoll zur Geltung gebracht. Herr W ü l I n e r, der frühere Konzertsänger, spielte den Skule mit feinem Verständnis in trefflicher Maske, doch tat eine gewisse Trockenheit des Organs der Wirkung Abbruch. Der Bischof Reinhards kam trotz vieler interessanter Einzelheiten docli nicht recht als überzeugend lebendiges Ganzes heraus. Der Darsteller brachte in die Bosheit eine gewisse Drolerie herein. Von den vielen Mannen, die der Theaterzettel anführt, läßt sich nicht sonderlich Lobcnswürdiges berichten. Stark war der Beifall nur nach einigen Szene.— dK Medizinisches. ie. Wie der Mensch Phosphor ißt. Eine ganze Reihe von Stoffen, die der menschliche Körper in reinem Zustand und in größeren Mengen gar nicht vertragen würde, die auf ihn sogar als Gifte wirken, sind trotzdem für seine Zusammensetzung und Erhaltung unentbehrlich. Ist doch jetzt sogar festgestellt, daß wir eine gewisse Menge von Arsenik brauchen und mit verschiedenen Nahrungsmitteln in uns aufnehmen. Weit größer und seit längerer Zeit bekannt ist die Bedeutung des Phosphors als eines Bausteins für den Menschen- leib. Er ist nicht nur ein wesentlicher Bestandteil unserer Knochen, sondern nimmt auch an der stofflichen Zusammensetzung der Zellen überhaupt sowie des Nervensystems teil. In Berücksichtigung dieser Tatsachen hat in neuerer Zeit die Wissenschaft viel Mühe darauf verwandt, dem Gehalt der verschiedenen Nahrungsmittel an Phosphor und der Art, wie dies Element in ihnen verborgen ist, nachzuspüren. Es ist jetzt ziemlich festgestellt, daß der Phosphor darin fast aus- schließlich an organische Verbindungen gebunden ist und nicht in einer mineralischen Farm, also in Gestalt von phosphorsauren Salzen, vorkommt. Man iveih ferner, daß die organischen Phosphor- Verbindungen überhaupt nicht in erheblichem Grade vom Körper ver- arbeitet werden, so daß es als ausgeschlossen erscheinen muß, etwa durch die Verordnung solcher Stoffe einem an Phosphor zu armen Körper aufzuhelfen. Gibt man jemand ein phosphorsaures Salz zu schlucken, das an sich unschädlich ist, so wird es ziemlich unverändert wieder ausgeschieden. Seine Hauptrolle spielt der Phosphor inner- halb des Haushalts des Menschenleibes in den Stoffen der Zelle, und zwar in den wichtigen Verbindungen des Nuclein und des Lecithin. Die chemischen Untersuchungen haben weiterhin erwiesen, daß er darin mit andern Verbindungen gepaart ist, die der Gruppe der Glhcerinstoffe angehören. Diese Entdeckung hat zu der künstlichen Bereitung von Glycerophosphaten geführt, die in vielen Fällen mit unzweifelhaft gutem Erfolg gegen Ernährungsstörungen versucht worden sind. Wenn ein phosphorhültiges Nahrungsmittel verbraucht wird, so bleibt der Phosphor in der Asche hauptsächlich als Phosphor- saures Kali zurück. In den Nährstoffen, findet sich das wichtige Element immer in organischen Verbindungen, beispielsweise ist die Gesamtheit des löslichen Phosphors in der Weizenkleie in einer organischen Verbindung enthalten, nämlich als eine phosphorische Säure einer Kohlenwasscrstoffverbindung. Dieselbe Säure und ihre Salze sind auch bereits in den Kartoffeln und in den Hülsenfrüchten nachgewiesen worden. Diese Forschungen sind begreiflicherweise von großer Tragweite, da es nur durch sie gelingen kann, bedeutende Störungen im Allgemeinbefinden des Menschen oder im Zustand einzelner Körperteile, wie namentlich der Knochen, soweit sie auf den Mangel an Phosphor zurückzuführen sind, auf medizinischem Wege zu bekäinpfen.— Humoristisches. — Raffiniert.„Der Sänger Notenköpfl soll ja ein großer Pantoffelritter sein!" „Das will ich meinen!.. Wenn er nachts vom Wirtshaus heimkommt, läßt ihn seine Frau, um zu sehen, ob er einen Rausch hat, immer noch das Lied singen:„Jetzt p a ß i', b i s i' a' b i ß l besser beißen kann!"— — Was anderes.„... Und in dieses unmoralische Stück bist Du gegangen?.. Das ist empörend!" „D u hast es doch auch gesehen!" „Ja— aber ich hatte ein Freibillett!"— — Zweierlei.„Zum Teufel, Herr Strebe, was machen Sie denn da?" „Hier in diesem Hause Hab' ich um die Hand der Tochter angehalten." „Und—?" „Und den Fuß des Vaters Hab' ich bekommen!"— — Aus dem Gerichtssaal.„... Angeklagter, fahren Sie in Ihrer Erzählung der Tatumstände nur fort!" „Gelt, das macht Ihnen halt G'spaß, Herr Gerichtshof?!"— („Fliegende Blätter.") Notizen. —„Der tote Löwe" von Blumenthal wird am nächsten Mittwoch im Deutschen Schauspielhause zu Hamburg aufgeführt werden.— — Björnsons neues Stück„D a g l a n d" erlebt seine Neu- aufführung im Münchener Schauspielhause.— — Die Ausführung des vicraktigen Dramas„Die Brüder von St. Bernhard von Anton Ohorn ist dem Wiener Deutschen Volkstheater abermals verboten worden. Man hatte verschiedene TcxtänderUngen vorgenommen, die Tendenz des Dramas, die sich gegen das Klostcrlcben richtet, konnte man leider nicht tilgen. Und gerade an ihr nahm die österreichische Polizei Anstoß.— — Das National-Theater hat die neue dreiaktige Oper von Weweller„Dornröschen" erworben.— — Emma C a l v e, die Primadonna der Großen Oper in Paris, wird am 28. Oktober im kgl. O p e r n h a u s e als„Carmen" gastieren.— — Der Magistrat von Frankfurt a. M. beantragt den Ankauf der Frankfurter Ansichten des kürzlich verstorbenen Malers Peter Becker, 37 Blatt, zum Preise von Iii 000 M., als Wandschmuck für das neue Rathaus.— — Das Marineamt der Vereinigten Staaten hat, wie das„B. T." berichtet, die Stationen für draht» lose Telegraphie von 22 auf 82 vermehrt. Eine der neuen Stationen ist das Leuchtschiff vor der Nantucketinsel. Die anderen Stationen befinden sich in Westindien, an der Küste von Alaska, in der Inselwelt im Stillen Ozean, auf Guam, Hawaii und den Philippinen.— — Das Bett der Donau ist, wie der„Münchener Allg. Ztg." aus Württemberg geschrieben wird, gegenwärtig unterhalb Jmmendingens wieder vollständig wasserleer. Diese Er- scheinung, die in trockenen Jahren nicht ungewöhnlich ist, hat ihren Grund darin, daß, wie Versuche mit Kochsalzlösungen bewiesen haben, die gesamte Wassermcnge des hier schon recht ansehnlichen Flusses, der bei Jmmcndingen in die schwäbische Alb eintritt, in den Klüften des Kalkgebirges, die sein Bett durchziehen, verschwindet, um elf Kilometer weiter südlich als Quelltopf der mächtigen, in den Boden- sce fließenden Zeller Aach wieder zum Vorschein zu kommen. Ge- wöhnlich führt die Donau mehr Wasser als die Spalten im Erd- boden verschlucken können. Heuer ist das, infolge des regenarmen Sommers, nicht der Fall. Der ganze Oberlauf der Donau wird daher zur Nordsee geleitet, und der Kraienbach und die Elta bei Tuttlingen sind augenblicklich die eigentlichen Ouellbäche des Stromes.— — Zeitungspech. Aus einem Berichte über eine Fest- lichkeit:„Der Kommers wurde verherrlicht durch den tierstimmigen Gesang der Liedertafel."(Am nächsten Tage) Berichtigung:„Es soll in der vorigen Nummer heißen, daß der Kommers durch den bier- stimmigen Gesang der Liedertafel verherrlicht wurde."(Dritter Tag.) Selbstverständlich muß es in der vorigen Nummer heißen: „Der Kommers wurde verherrlicht durch den vierstimmigen Gesang der Liedcrteufel."(Am vierten Tage.)„Wir bitten die geehrte Ludertafel, den gestrigen Druckfehler gütigst zu entschuldigen."— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Bulbdruckerei u. VeriaqsanstaltPaul Singer&Co., Berlin LiV.