Nnterhaltungsblatt des Hcrwärts Nr. 201. Mittwoch, den 12. Oktober. 1904 tNachdruck verboten.) w Die flucht. Von K. Bagrynowski. In Niehorskis Augen blitzte es unheimlich �uf. „Das weiß ich nicht," antwortete er gedehnt und nach langem Besinnen, als fürchte er seine eigenen Worte.„Der letzte, der Fleisch aufgehängt hat, war... Woronin!" „Weißt Du, was ich beim Abräilmen der Brandreste gefundeit habe? Ich habe euien verkohlten Lappen an der jJrde gefunden." „Nun, und was wäre dabei? Kann er nicht von Dir abgefallen sein?" „Nein, das ist die Spur— einer Brandstiftung!" Niehorski prallte zurück. „Junge, Junge, was redest Du da! Wäge Deine Worte! Woronin oder jemand anders hat ihn doch dort lassen können!" „Ich Hab' ein Teilchen davon an einem Draht haften gefunden. Er war dicht über dem Luftloch angebracht, wo die Glut nur so hervorschnaubt, und wo wir nicht einmal Fleisch aufhängten, weil es briet. Komm mit in die Werk- stätte, dann sollst Tu's sehen." Heftig erregt betrachtete Niehorski den Lappenrest und den Draht mit dem kleinen Stück ausgebrannter Kohle daran; aber er hielt jede Bemerkung zurück, lieber sein ausdrucksvolles Gesicht zog nur wiederholt eine dunkle, zitternde Wolke, der Schatten eines düsteren und schmerzlichen Gedankens. „Woronin kann das nicht getan haben. Einen ähn- lichen Stoff besitzt er gar nicht. Das ist ein dichtes, bäum- wollenes Gewebe mit Wolle dazwischen. Siehst Du, wie es stellenweise glänzt und zusammengeschrumpft ist. llebrigens steh' ich fiir ihn ein. Ich seh' einen ganzen Plan darin..." „Laß gut sein. Lieber, nenne den Namen nicht!— Das kann nichts ändern, nichts bessern!" unterbrach ihn Niehorski, plötzlich aus seinen: Sinnen ausfahrend. Krassuski sah ihn verwundert an. „Doch. Ich will ihn nennen. Die Frechheit dieses Menschen entsetzt mich geradezu. Heute noch hat er Moral gepredigt." „Halt ein! Halt ein!" rief Niehorski heftig, und als Krassuski schwieg, sah er ihn mit seinen traurigen, schwarze::, schon wieder sanft blickenden Augen au und begann leise, aber entschieden: „Mein Lieber, möchtest Du jetzt ein Gerichtsverfahren einleiten und die Schuldigen herausfinden? Das Ausmaß der Gerechtigkeit ist in der ganzen weiten. Welt keinen Pfifferling wert, wenn es nicht die Ursachen des Bösen beseitigt; und sind wir in der Lage, es beseitigen zu rönnen? Die Entdeckung des Verbrechens und noch mehr die Bloßstellung des Täters würde unnütz Zwietracht und Bitterkeit in unsere Reihen tragen. Sie würde noch ein Hindernis mehr werden und wir haben ihrer schon so viele. Weißt Du, wohin uns das Aufnehmen dieser Frage fuhren könnte? Wer dann führe, und wer hier bleiben würde?" Krassuski machte eine unruhige Bewegung und wandte sich vom Lichte ab. „Wer es getan hat, ist gleichgültig. Vielleicht wird dieser Jemand, wenn wir ihn aus der Hölle der Verbannung befreit haben, wieder— der alte und wird uns durch seinen Kampf un: unsere Ideale tausendfach vergelten, daß wir ihm diese Schmach erspart haben." „Das werde ich nie begreifen lernen. Also Du n:e:nst, es sei besser, mit dem Verdacht im Herzen einherzugehen." „Nein. Ich rate, den Verdacht schleunigst zu ersticken.— Und ich rate Dir, den Trockenraum auf jeden Fall mit einem Vorhängeschloß zu versehen." „Das will ich tun. Aber ich glaube nicht, daß sich etwas Aehnliches wiederholt. Solche Dinge werden nicht zweimal getan." „Gut. Dein Wunsch soll erfüllt werden. Ich will es nie- mand sagen! Und ich will sogar versuchen, zu vergessen!" Die gerunzelten Brauen der Freunde glätteten sich und sie sahen einander herzlich in die Augen. „Du bist ein Mordskerl, Stach!" sagte Niehorski, indem er die Hand des Freundes drückte.„Ein so gesunder Kerl an Leib und Seele, aber trotzdem noch solch ein großes Kind! Wäre es Dir doch vergönnt. Dir Dein kindliches Gennit noch recht lange zu bewahren. Aergere Dich, wenn Du's nicht lassen kannst, aber laß den Zorn nicht Wurzel in Deinem Herzen fassen! Hüte Dich vor Haß und Eifersucht! Das sind un fruchtbare und elende Leidenschaften!" Er umarmte den Freund noch einmal, nahm das Schloß und ging fort. Ehe Krassuski an seine Arbeit ging, dachte er über die wunderliche Wendung nach, die diese Angelegenheit genommen hatte. „Niehorski hat recht! Ich war niederträchtig!" sagte er zu sich selbst, nachdem er sein Gewissen aufs sorgfältigste ge- prüft hatte.„Im Grunde genominen habe ich mich darüber gefreut, daß er ins Unglück geraten war, aber.... das wird sich nicht mehr wiederholen!" Mister Morley hatte Dschurdschnj schon lange verlassen, aber an seiner Statt war ein ganzer Haufe von anderen über- seeischen Ankömmlingen in der Stadt angelangt. Sie waren jedoch so ganz anders als die Schiffbrüchigen, so wunderlich, so wenig gebildet und unsympathisch, daß die Verbannten ihnen beharrlich aus dem Wege gingen. Die Einwohner von Dschurdschnj hingegen waren ent- zückt von den neuen Gästen, denn diese tranken gern mit ihnen, redeten Dununheiten, wenn sie angeheitert waren, und tanzten den beliebten„Täubchentanz" uiit den Damen, indem sie ihr Taschentuch dabei schwenkten. Tie„Soireen" bei Branntwein und Kartenspiel wurden immer häufiger und füllten, wie in der guten, alte:: Zeit, die Tage und Nächte von Dschurdschnj aus. Das Resultat dieser Lustbarkeiten war, daß Vater Akakij bald nach der Abreise der überseeischen Gäste„grüne Teufelchen" erblickte, und der Doktor, und einige Tage darauf auch der Feldscher, infolge übermäßigen Trinkens einen: Gehirnschlag erlagen. Und wieder hielt die blasse Fnrcht ihren Einzug im Städtchen. Als anerkannter Wortführer und Verteidiger der öffent- lichen Meinung von Dschurdschnj glitt der Adjunkt vorsichtig in den Salon des Jsprawnik. Nach den üblichen Begrüßungen und dem dazu gehörenden Räuspern begann er: „Ich erlaube mir, Sie auf die beunruhigenden Gerüchte aufmerksam zu machen, die in Dschurdschnj von Mund zu Mund gehen, und von denen sie, verehrter Herr, infolge Ihrer lange:: Abwesenheit und der vielen Mühen, welche die?lnwesenheit der Amerikaner mit sich brachte, Wohl noch nichts gehört haben können. Zwei so plötzliche und so schnell auf einander erfolgte Todesfälle sind etwas sehr Frappantes und Verdächtiges. Es ist niemand da, der eine Sektion vornehmen oder ein Protokoll aufsetzen könnte. Und nun wird allgeinein behauptet, der Tod der Verstorbenen sei nicht gesetzmäßig und freiwillig erfolgt. Was ist also zu tun? Sollen die Leichen begraben oder in die Eiskellen gesenkt und der Gouverneur benachrichtigt werden? Umsomehr, als sich bei dieser Gelegenheit vielleicht auch der Selbstmord Tscherewins aufklären ließe, den eine unglückliche Liebe in den Tod getrieben haben soll. Aber zu diesem Zwecke dürfte der Frau Doktor vorläufig kein Reisepaß ausgestellt werden." Der Jsprawnik, der mit großen Schritten in: Zinimer auf- und abging, blieb stehen und maß den Sprechenden mit neugierigen Blicken. „Uebrigcns tvill ich mir nicht erlauben, Vorschläge zu machen!" entschuldigte sich dieser verlegen.„Was die Frau Doktor anbetrifft, so wäre es im Gegenteil angebracht, ihr keine Schwierigkeiten zu machen, damit sie den Winterweg noch be- nutzen kann, der ohnehin immer schlechter wird. Aber— ich halte es für meine Pflicht, hinzuzufügen, daß der Doktor in der letzte:: Zeit unmäßig viel getrunken hat, und es ist nicht einmal bekannt, wo er den Schnaps hernahm, denn Gawrylo Gawrylytsch und der Jakute Tas behaupten einmiitig, bei ihnen habe er keinen gekauft. Bei den Verbannte:: aber steigt nachts immer Rauch auf, sie tragen heimlich allerlei Kasten durch die Straßen, und Krassuski verbirgt„unbegreiflich geformte" Gegenstände in der Schmiede. Müßte man da nicht annehmen, daß sie vielleicht insgeheim Schnaps aus isländischem Moos brennen, wie das im Gouvernement Archangel geschehen soll, — 802— Umsomchr, da von Augenzengen festgestellt worden ist, daß Mußja alle Tage in betrunkenem Zustande mit einer als Frau verkleideten Brotschaufel herumtanzt, obgleich er, wie auch er- wiesen worden ist, nirgends Schnaps kaust und nicht einmal das Haus verläßt. Wäre es also nicht angebracht,, eine Plötz- liche Haussuchung bei den Verbannten vorzunehmen, der eine schärfere Aufsicht voranginge?" Der Jsprawnik blieb wieder stehen. „Mein Herr," sagte er trocken,„ich habe das alles schon gehört. Den Doktor versorgte Kosloff mit Schnaps. Ja, Ihr Freund Kosloff versorgte ihn mit Schnaps, um ungestört im Spital wirtschaften zu können. Mußja hat das Recht zu tanzen, mit wem er will und zu trinken, was er will und so viel er will. Was aber die Haussuchung anbetrisst, so geh' ich gern draus ein, übernehmen Sie dieselbe. Bewaffnen Sie alle Ihre zehn Kosaken mit den ramponierten Gewehren und führen Sie sie an zum Sturm. Bitte! Ich Hab' nichts dagegen!" „Eben, während Ihrer Abwesenheit, habe ich die höhere Behörde in meinem Rapport auf den gänzlichen Mangel an Militär in Dschurdschnj aufmerksam gemacht,"»vars der Beamte zuckersüß ein. „Ich denke, der Dank der Verbannten wird Ihnen nicht ausbleiben. Soviel ich weiß, ist es schon lange ihr Wunsch, ihre Rechnungen mit Ihnen zu begleichen," fuhr der Jsprdwnik fort, ohne auf die Erklärungen des Adjunkten zu achten. „Ich weiß nur zu gut, daß mich die Feinde von Thron, Altar und Vaterland hassen," unterbrach ihn der Adjunkt wieder dehmütig. (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) üntcrbaltutigsrpicle bei Zieren* Nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere haben Freude am Spiel. Das kann man selbst in einer Großstadt beobachten, wo ans dem wohlgepflegten Rajen Hunde oft genug die Gelegenheit wahrnehmen, mit einander zu tollen. Die Analogie geht aber noch weiter. Wie bei den Menschen, so ist auch bei den Tieren Vorzugs- weise die Jugend zu allerlei lustigen Gliederübungcn geneigt, während das Älter im allgemeinen nicht viel von solchen Torheiten wissen will. Daher koinnit es nicht selten vor, daß ein junger Hund mit einem alten zu spielen versucht, der alte Griesgram aber sich mürrisch abwendet. Außerordentlich gern spielen auch Katzen. Von anderen Haus- tieren sind die Füllen und ganz besonders die Ziegen stets zu mut- willigen Streichen aufgelegt. Rief doch eine alte Gouvernante beim Anblicke der Kapriolen, �die von übermütigen Zicklein verübt wurden, zu ihren Schutzbefohlenen:„Sehen Sie, meine Damen, dahin kommt die Jugend, wenn sie ohne Gouvernante auf- wächst!" Aber das Spielen ist nicht nur eine Eigentümlichkeit der Haus- ticre, wir finden es ebenso bei den wilden Tieren. Daß die den Menschen am nächsten stehenden Affen von einer unbändigen Spiel- Ivut besessen sind, weiß ein jeder, der vor einem besetzten Affen- käfig gestanden hat. Auch in der Wildnis spielen sie sehr gern, wie alle Beobachter übereinstimmend versichern. Merkwürdiger- weise finden sie— wenigstens die menschenähnlichen Affen—, wie alle Kinder, ein großes Vergnügen daran, an hohlen Gegenständen zu trommeln. Ich lvill mich hier auf d-e Beobachtungen berufen, die man an dem vor einem Menschenalter in Berlin gezeigten jungen Gorilla gemacht hat. Es heißt dort:„Wenn M'pnngn in seiner Freude an einer umgekehrten Blechschüssel, die in dem Käfige lag, vorüber kam, dann konnte er es nicht unterlassen, im Vorübergehen einigemal mit den Fäusten darauf zu trommeln. Steigerte sich aber sein Vergnügen auf das höchste Maß, dann stellte er sich wohl auch frei anstecht und klatschte laut zwei- oder dreimal in die Hände, um dann sogleich auf allen Vieren wieder davon zu eilen! Wegen dieser auffallenden und menschenähnlichen Gemütsäußernngen befragten wir den anwesenden Dr. Falkenstein, ob er oder irgend jemand den Gorilla dieses gelehrt habe. Er versicherte, daß weder er noch sonst jemand in seiner Umgebung dies getan, daß vielmehr das ganz jung in die Gefangenschaft gekommene Tier diese Gewohnheit mitgebracht habe und daß diese— da auch die Neger niemals in die Lage ge- kommen seien, in die Hände zu klatschen— deshalb wohl eine Art- eigentümlichkeit, also eine vererbte Gewohnheit sein müsse." Ucbrigens trommelt auch sein nächster Verwandter, der Schim- pause, mit Vorliebe. Wimvood Reade berichtet, daß ihn die Neger zu einem hohlen Baume gcfiihrt hätten»nit der Erklärung, dieser sei die Trommel des gedachten Affen. Sie hätten ihm auch gezeigt, wie der Schimpanse diesem durch Stampfen mit den Beinen einen trommelnden Ton zu entlocken wisse. Von einem gezähmten berichtet er das gleiche:„Er zeigt sich wahrhast entzückt, wenn sich ein Mensch herbeiläßt, in derselben Weise wie er zu klopfen, ja er fordert Be- kannte geradezu auf, derartig mit ihm zu spielen." Daß die Meerkatzen auch in der Wildnis gern spielen, läßt sich von vornherein annehmen. Pechuel-Loesche schreibt hierüber folgendes: .Ihrem Wesen getreu scheinen sie auch im Walde allerlei Kurzweil zu treiben. Eben dort, wo eine Bande entlang zieht, hört man auf« fällig oft das Knacken dürrer Aeste und das wuchttge Niederkrachen morscher Zacken. Wer die Affen kennt, kann nicht glauben, daß sie unklug genug wären, auf trügerischen Brücken zu wandeln: es ist vielmehr anzunehmen, daß sie die Hölzer aus reinem Mutwillen in der Höhe abbrechen. Ferner schaukeln sie sich gern an den wie glatte Taue niederhängenden Luftwurzeln der Mangroven, und straffgespannte Lianen setzen sie durch Anspringen sowie Zerren oder Anschlagen mit den Händen gern in vibrierende Bewegung, bringen sie wie Saiten und«sehnen zum Summen und Dröhnen." Wie die Hunde, so spielen auch ihre wilden Verwandten, die Wölfe und Füchse, sehr gern. Ein Rittergutsbesitzer aus Hinter-- pomnlcrn erzählte mir, daß seine Großmutter oft geschildert hätte, wie die den Franzosen nachfolgenden Wölfe— die sich in seiner Heimat häuslich niedergelassen hatten— zur Winterszest auf dem blankgefrorenen See wie Himde gespielt hätten. Das Spielen junger Füchse ist aus Abbildungen wohl jedem bekannt. Aber auch der schwerfällige Dachs ist Spielereien nicht abgeneigt, v. Pietrnvski erzählt von zwei jungen Dachsen, die er besaß:„Sehr schön war es anzusehen, wie sie in hellen und milden Nächten zusammen spielten. Sie bellten wie junge Hunde, murmelten wie Murmeltiere, umarmten einander zärtlich wie Affen und trieben tausenderlei Possen." Sehr spiellustig sind ferner Marder, ebenso der Wassermarder, den wir Fischotter nennen, aber auch der größte Marder, der plumpe Vielfraß. Bon zwei Jungen dieser Art berichtet Brehm folgendes: „Etwa lustigeres und vergnügteres, als diese beiden Geschöpfe sind, kann man sich nicht denken. Stur äußerst selten sieht man sie kurze Zeit der Ruhe pflegen, den größten Teil des Tages verbringen sie mit Spielen, welche ursprünglich durchaus nicht böse gemeint zu sein scheinen, bald aber ernster werden und ge- legentlich in einen Zweikampf übergehen, bei welchem beide Recken Gebiß und Tatzen wechselweise gebrauchen. Unter kaum wieder- zugebendem Gekläff, Gcknurr und Geheul rollen sie übereinander weg, so daß der eine bald auf dem Rücken, bald auf dem Bauche des anderen liegt, von diesem abgeschüttelt und nun seinerseits niedergeworfen wird, springen auf, suchen sich mit den Zähnen zu packen, zerren sich an den Schwänzen und kallern von neuem ein gutes Stück über den Boden fort. Endet das Spiel beziehentlich der Zweikampf, so wollen beide hintereinander her, durchmessen ihren Käfig nach allen Seiten, durchschnüffeln alle Winkel und Ecken, untersuchen jeden Gegenstand, welcher sich findet, werfen Futter- und Trinkgefäße über den Haufen, ärgern die rechtschaffenen Waschweiber, welche ihre Käfige zu reinigen haben, durch unstillbaren Forschungseifer nach Dingen und Gegenständen, welche sie unbedingt nichts angehen, erzürnen sich wiederum und beginnen das alte Spiel. achtsame Beobachter stundenlang fesselnd." Nicht minder spiellustig sind junge Bären, von denen er folgendes erzählt:„Junge, etwa fünf bis sechs Monate alte Bären sind höchst ergötzliche Tiere. Ihre Beweglichkeit ist groß, ihre Tölpel- hastigkcit nicht geringer, und so erklärt es sich, daß sie fortwährend die drolligsten Streiche ausführen. Ihr kindisches Wesen zeigt sich in jeder Handlung. Sie sind spiellustig in hohem Grade, klettern aus reinem Ilebermnt oft an den Bäumen empor, balgen sich wie muntere Buben, springen ins Wasser, rennen zweck- und ziellos umher und treiben hunderterlei Possen." Aber nicht nur Affen und Raubtiere, sondern auch Pflanzen- fresser lieben in der Freiheit das Spielen. Eine besondere Vorliebe hierfür scheinen die Gemsen zu haben.„Auf den schmälsten Felsen- kanten," schildert Tschndi,„treiben sie sich umher, suchen sich mit den Hörnchen herunterzustoßen, spiegeln an einem Orte den Angriff vor, um sich an einem anderen bloßzustellen, und necken sich auf die mut- willigste Art. Ost sieht man ganze Rudel stundenlang an mutwilligen Sprüngen sich ergötzen, zuweilen förmlich in allerlei Turnkünsten sich überbieten". Von einer ganz absonderlichen Art ihrer Spiele berichtet ferner Brehm im folgenden:„Wenn Gemsen im Sommer bis zu dem Firn- schnce emporgestiegen sind und sich vollkommen ungestört wissen, ver- gnügen sie sich oft damit, daß sie sich an dem oberen Ende stark geneigter Firnflächen plötzlich in kauernder Stellung auf den Schnee werfen, mit allen Läufen zu rudern beginnen, sich dadurch in Bewegung setzen, nunmehr auf der Schneefläche nach unten gleiten und oft hundert bis hundertundftinfzig Meter in dieser Weise gleichsam schlittenfahrend. durchmessen, wobei der Schnee hoch aufstiebt und sie wie mit Puderstanb überdeckt. Unten angekommen, springen sie wieder auf die Läufe und klettern langsam dcnselbenWeg hinauf, welchen sie herabrntfchend zurück- gelegt haben. Die übrigen Mitglieder de? Rudels schauen den gleitenden Kameraden vergnüglich zu, und eines und das andere Stück beginnt dann dasselbe Spiel. Oft fährt eine und dieselbe Gemse zwei-, drei- und mehrmal über den Firnschnee herab: oft gleiten mehrere unmittelbar nach einander in die Tiefe. So sehr sie übrigens ein derartiges Spiel beschästigen mag, ihre Sicherung lasten sie deshalb niemals aus dem Auge, und der bloße Anblick eines Menschen, be- fände sich derselbe noch in weitester Ferne, beendigt sofort das Spiel und ändert mit einem Schlage das Wesen und Benehmen der miß- trauischen Geschöpfe." Ehe wir von den Pflanzenstesiern scheiden, wollen wir noch des Gnu gedenken, dessen absonderliche Gestalt— es sieht wie aus Rind, Pferd und Anttlope zusammengesetzt aus— wohl zedem Beschauer unvergehlich geblieben ist. denn es ist nach Brehms«nd anderer Naturforscher Urteil der spiellustigste aller Wiederkäuer. Dah, wenn die Säugetiere gern spielen, die leicht beschwingten Vögel dieselben Eigenschaften besitzen, ist eigentlich selbstverständlich. Namentlich zur Minnezeit sind sie besonders dazu aufgelegt. Ich will hier nur den Kiebitz anführen, von dem Liebe nachstehendes erzählt: „Wieder eine andere Bewegung, die ich zu den spielenden zähle, weil man sie nur sieht, wenn sie sorglos beisammen stehen und durch Zeichen und auch durch leicht krächzendes Gemurmel eine Art Unterhaltung Pflegen, ist die, daß sie den Kopf seitlich nieder- strecken, als ob sie etwas von dem Boden aufheben wollten. Bei starker Erregung wiederholen sie diese Bewegung öfters und führen sie schneller aus. Namentlich kann man das beobachten bei Gelegenheit der Hochzeitsspiele. Das Männchen umschwebt dann das am Boden stehende Weibchen zuerst mit den wunderbarsten Flugkünsten und stürzt sich endlich, wenn sich letzteres in eine kleine Bodenmulde geduckt hat, in der Nähe desselben auf die Erde, geht aber keineswegs immer sogleich zu ihm hin, sondern liebäugelt zil- vor auf eine wunderliche Weise, trippelt bald rechts, bald links vor, immer mit kurzen Pausen, ehe es ganz still steht, und macht dabei jene eben beschriebene Belvegung, welche tiefen Verbeugungen auf das Haar gleicht. Jetzt wird das Weibchen rege, hebt sich ein wenig in den Fersen, schaukelt sich hin und wieder unter leichtem Schwanz- wippen und läßt dabei ein halblautes, recht unangenehm klingendes, krächzendes Geschwätz hören, mit welchem es das Männchen zu ermuntern scheint. Dieses kommt nun näher heran und gibt seinen warmen Gefühlen dadurch Ausdruck, daß es einige Schritte zu dem Weibchen vorläuft, stehen bleibt, dann Binsenhalme, ein Stengelchen oder sonst der- gleichen mit dem Schnabel faßt und über den Rücken hinter sich wirft, das Spiel auch öfters wiederholt. Ein ähnliches Liebeswerben habe ich bei keinem anderen Vogel beobachtet. Ob das Männchen damit auf den Nestbau andeuten will, um im Weibchen günstige Gefühle zu erwecken? Ich möchte das fast glauben, so dürftig auch der Nestbau ist." Aber selbst plumpe Tiere, denen man es sonst gar nicht zutrauen sollte, lieben das Spiel. Ich will hier nur folgende anführen: den Büffel, den Eisbär und den Elefant. Von dem erstgenannten heißt es:„Zurzeit der Nilüberschwemmuug beginnt für sie eine Zeit des Genusses. Schwimmend treiben sie sich auf den überfluteten Feldern umher, vereinigen sich zu großen Herden, spielen im Wasser mit einander und kommen nur damr nach Hause, wenn die Kühe von der Milch gedrückt werden und gemolken sein wollen." Und von den Eisbären erzählt Elliot:„Gesä tigt treiben sie mitunter Allotria, jagen und balgen sich auf dem Eise in lustigem Durcheinander. Aus solchen Spielplätzen ist der Schnee zertranrpelt und zerwühlt, geneigte Flächen scheinen sogar als Rutsckibahncn be- nutzt worden zu sein, und die breiten Fährten, sowie Flocken vom Pelze verraten, lver daselbst gehaust hat." Von dem Elefanten brachten die„Fliegenden Blätter" gelegent- lich ein nettes Bild. Vater und Mutter hielten sich gegenseitig mit ihren Rüsseln fest, die beide eine Leine bildeten, auf dem das Jüngste schaukelte. Das ist natürlich nur Phantasieprodukt, aber daß der Elefant gern spielt, ersehen wir aus folgender Schilderung einer Elefantenjagd von Wißmann:„Bald kamen wir an einen riesigen Termitenbau. in dessen Wänden ein Elefant seine mächtigen Waffen, die Stoßzähne, poliert hatte. Es mußte ein gewaltiger alter Wald- recke gewesen fein, denn die Löcher, in welche die mächtigen Zähne eingedrungen Ivaren, hatten fast eine Handspanne Durchmesser. Bald darauf erzählte uns das Studium der Fährte, daß einer der Dick- häuter eine Liane gesaßt hatte und mit ihr lveiter gewandert war, im Losreißen des zähen Gewächses von den Bäumen und Niederreißen kleiner Bäume seine gewaltige Kraft versuchend. Dann kamen ivir an einen von sumpfigem Boden eingefaßten Bach, in dessen über mannshohem, üppigem Kraut- und Blätterwuchs die Tiere eine kolossale Verwüstung angerichtet hatten. Am Hange des Ufers fanden wir ein ovales, tiefes Loch in den Boden gestampft. Hier hatte sich ein alter Elefant lange Zeit damit vergnügt, den Fuß in den feuchten Boden tief hineinzustampfen, und das Geräusch beim Herausziehen aus dem nassen Lehm hatte ihn scheinbar unter- halten." So unglaubwürdig das an sich klingt, so erscheint es hier im Zusammenhange gar nicht so unmöglich. Sieht man übrigens davon ab, daß b. Wißmann ein ausgezeichneter Tierbeobachter ist, dem man unbedingt trauen kann, so steht auch seine'Annahme ganz im Einklänge mit dem, was man von dem noch viel plumperen Nashorn berichtet. Von diesen, stumpfsinnigen Dickhäuter heißt es nämlich:„Bei guter Laune gefällt es sich, schon seines Vergnügens halber, darin, einen kleinen Baum oder Strauch aus dem Boden zu wiihlen, und fegt zu diesem Zweck mit den, gewaltigen Horn so lange unter den Wurzeln herun,, bis es schließlich den Strauch erfassen und herausheben kann." Da nun auch Insekten miteinander spielen— P. Hnber beobachtete z. B., daß Ameisen sich jagten und taten, als ob sie ein- ander beißen wollten—, so wird man wohl die Behauptung auf- stellen können, daß alle Tiere gern spielen, namentlich in der Jugend. Daß man bis jetzt noch nicht die Beweise für alle Tierarten bei- bringen kann, liegt lediglich daran, daß die Naturforscher diesem Gebiete nur wenig Austnerksamkeit geschenkt haben. � _____ Th. Zell. Kleines feinlleton. K. Der Schwindel mit den echten„Strads". Aus London wird berichtet: Von den vielen Formen des Schwindels im Kunst» Handel, die es in der Welt gibt, scheint neuerdings die mit„echten Stradivariusgeigen" besonders in Aufnahme zu kommen. Es muß zahlreiche Leute in der Welt geben, die auf eine betrügerische Annonce hin„eine alte Stradivariusgeige, ein Familicnerbstück für 15 bis 25 Mark" gekauft haben mit„Bogen, Kasten, Kolophonium und voll- ständiger Anleitung" und nun meinen, daß sie tatsächlich eine„echte Strad" erstanden haben, die ein kleines Vermögen wert ist. Von dieser seltfamen Leichtgläubigkeit erzählte der Londoner Jnstru- mentenbauer Alfred E. Hill ein lustiges Pröbchen. Vor einiger Zeit ging die Nachricht durch die englische Presse, daß ein Arbeiter auf einer Auktion eine alte Geige ftir 6 M. gekauft und sie bald darauf für 12(X)0 M. an einen Händler weiter verkauft habe, der seinerseits für die„lange verlorene Strad" einen Käufer für 32(XKI M. gesunden hätte. Seit dieser Zeit wird seine Firma buchstäblich überschwemmt mit Angeboten alter„Strads" und„Amatis". Ihre Zahl war so groß, daß man zur Beantwortung einen Zirkularbrief hat schreiben lassen müssen. Hill selbst denkt sehr stcptisch über diese Stradivarius- Geige für 6 M., die dann 32 000 M, erzielt haben soll. Es ist auch nicht richtig, wenn bei dieser Gelegenheit behauptet wurde, daß es in der ganzen Welt nur 12 oder 13 echte Stradivarius-Geigen geben sollte.„Wir selbst haben schon mehr als zwölf bei uns gleichzeitig gehabt," erklärte er.„Und im ganzen haben wir viel mehr in unsere Hände bekommen, einmal sogar 46 berühmte zur Vergleichnng ge- messen. Es fehlt tatsächlich, wie damals weiter gesagt wurde, eine Stradivarius, die das Datum 1709 trägt und sich in der Plowdcn- Sammlung befand. Sie ist einem Attache der britischen Gesandt- schaft in St. Petersburg im Jahre 1869 oder 1870 gestohlen worden, und man hat dann nie wieder von ihr gehört. Sicherlich wird sie eines Tages wieder auftauchen, Ferner fehlt von den bekannten Stradivarius-Jnstrumentcn eine berühmte Bratsche. In der Samm» lung im königlichen Schloß zu Madrid waren zwei Bratschen, als die Franzosen Ende des 18. Jahrhunderts die Stadt besetzten.- Eine wurde 1819 in Paris gefunden und von einem Engländer gekauft. Die andere ist„verloren". Außerdem fehlen noch zwei Violinen und sieben oder acht echte Violoncelli. Wie viele echte Stradivarius es überhaupt in det Welt gibt, läßt sich aber nicht mit Sicherheit sagen. Ich weiß, daß man allgemein glaubte, ihre Zahl wäre nur klein und die meisten für echt ausgegebenen Instrumente wären nie von der Hand des Meisters berührt worden. Zweifellos segeln viele uuter falscher Flagge, aber nicht so viele, wie wohl behauptet wird. Wer nichts von Geigen versteht, kann sich freilich leicht täuschen lassen und ein alt aussehendes Instrument allein deshalb für echt halten, weil es ein Stradivarius-Zeichen trägt. Tausende tragen dieses falsche Zeichen? aber davon lassen sich eben nur Leute täuschen, die auf alles hineinfallen. Andere Instrumente wieder sind vorzüglich, und die hohen Preise, die dafür bezahlt werden, sind durchaus berechfigt. Der Handel in falschen„alten" Geigen ist freilich sehr ausgedehnt, weil das Publikum mit besonderer Vorliebe alte Instrumente kauft. Es gibt aber doch auch eine große Zahl echter Instrumente. Stradivarius erreichte ein Alter von 94 Jahren und arbeitete 75 Jahre. Er lebte nur seiner Kunst, die seine Leidenschaft war: er hatte stets ein Werk- zeug in den Händen und arbeitete bis an sein Lebensende. Bei seinem Tode fand man in seinem Nachlatz 92 unverkaufte Jnstru- mente, und eine große Zahl war schon in der ganzen Welt verstreut. Meine Brüder und ich nehmen in unserer Biographie des Stradi- varius an, daß er durchschnittlich zwei Violinen und ein Violoncello monatlich gemacht habe, so daß wir über 1100 Instrumente, darunter 540 Violinen rechnen können. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn es noch wenigstens 100 Geigen mehr gäbe. In den Unruhen nach 1790 mögen viele Instrumente zerstört worden sein, aber seit 1815 sind es sicher nur sehr wenige. In unserer mehr als fünfzig- jährigen Erfahrung ist uns kaum ein Fall eines„verlorenen" In- strumentes bekannt geworden. Viele Stradivari, die wir gesehen haben, sind von schlechten Spielern schlecht behandelt worden, andere dagegen sind vorzüglich erhalten. Pablo Sarasate besitzt drei. Seine „1724", die seit dreißig Jahren sein Solo-Jnstrument und ständig im Gebrauch ist, ist heute so frisch wie vor zwanzig Jahren, als sie aus- gebessert wurde. Die Preise hängen natürlick? davon ab, wie die In- ftrumente erhalten sind. Stradivarius selbst nahm nach unserem Gelde 200 bis 300 M. für eine Violine und 700 M. für ein Violoncello. Jetzt zahlt man für ein gewöhnliches Instrument 12 000 bis 20 000 M. und für ein schönes Erzeugnis seiner Kunst 24 000 M. und mehr. 1890 bezahlten wir 40 000 M. für„Le Messie", die Geige, die dem Lehrer Sarasates, Alard, gehört hatte."— Aus dem Pflanzenlcben. — U eberwintern der Dahlien knallen. Zu diesem Thema äußert sich Stcinmatz in der„Rerthns": Um Dahlienknollen gut zu durchwintern, ist es vor allen Dingen notwendig, dieselben durch natürliche oder künstliche Mittel zur Reife zu bringen. Zu Anfang Oktober häufle mar die Erde um den Stamm der Pflanzen an, fo daß die Feuchtigkeit nicht mehr weit in das Erdreich und zu den Knollen dringen kann. Steht Torfmull zur Verfügung, so ist dieses wohl das beste Mittel, das von den Pflanzen ab- fließende Wasser aufzuhalten. Die Erde kann, wenn man Torfmull um die Pflanzen schüttet, eher abtrocknen: es werden demnach die Knollen ftiiher ausreifen. Haben die ersten Nacktiröste NU» die letzten, oft»och in boller Pracht stehenden Bluten ver- nichtct, und ist das frische, grüne Kraut zerstört, so schneide man die Stengel der Pflanzen ungefähr 15 Zentimeter hoch über dem Erd- bodcn ab. Den abgeschnittenen Teil lege man, um das etwaige Eindringen des Frostes in das Erdreich zu verhüten, über die Stümpfe. An einem sonnigen Tage mutz mit dem Ausnehmen der Dahlienknollen begonnen werden. Nachdem das Deckmaterial bei- feite geschafft worden ist, lege man die Knollen, vom Wurzelhals ausgehend. durch vorsichtiges Entfernen der Erde, frei. Jede Beschädigung der Knollen nintz, da sie die spätere Fäulnis derselben veranlaßt, vermieden werden. Mit einem Spaten oder einer Düngergabel sind die Knollen ans dem Pflanzenloch zu heben i die denselben etwa anhaftende Erde ist mit einem spitzen Hölzchen vorsichtig zu entfernen. Beim Aufnehmen hüte man sich aber, Gewalt anzuwenden. Die Knollen sind äußerst spröde, jede ungeschickte Bewegung mit dem Spaten führt eine Ver- letzung der Ll» ollen herbei. Weil die Dahlienknollen nur völlig trocken in ihr Winterquartier gebracht werden dürfen, so setze man sie nach dem Austiehmen einige Tage der frischen Lust aus. Des Nachts sind sie in ein abgeerntetes Mistbeet, welches selbstvcrständ- lich gedeckt werden muß, oder in einen Schuppen frostfrei einzu- stellen. Nach Erfüllung dieser Vorbedingungen kann an das Ein- räumen der Knollen in ihr Winterlager gedacht werden. Steht dem Besitzer ein kühler, trockener Keller, dessen Temperatur nie unter fünf Grad Celsius hinuntergeht und welcher gut gelüstet Iverden kann, zur Verfügung, so ist dieser jedem anderen Lokal zur lleberwinterung der Knollen vorzuziehen. Bodenrännre sind zu trocken, und in den Gewächshäusern, unter deren Stellagen man oft die Knollen aufgeschichtet liegen sieht, ist es zu feucht. In feuchten Räumen stellt sich' leicht die verderbliche Schimmclbildung ein, in trockenen, warmen Räumen schrumpfen die Knollen sehr zusammen. ES war bisher üblich, die Knollen auf Stellagen oder auch direkt auf den» Fußboden aufeinandergepackt zu lagern, doch haben mehr- fach angestellte Versuche ergeben, daß Knollen, welche in geringer Höhe über dem Fußboden hängend untergebracht waren, besser durch den hinter gekommen sind. Wenn die Knollen liegend auf- bewahrt werden, kann wohl ihre Oberseite von der Luft bestrichen werden, doch die Unterseite, an welcher die Fäulnis meistens zuerst auftritt, bleibt unberührt. Frische Luft ist aber zur guten lleberwinterung unbedingt nötig. Bevor die Knollen nun in den Keller kommen, soll man dieselben daraufhin unter- suchen, ob beim Aufnehmen Verletzungen entstanden sind. Jede vor- handene Wunde ist sorgsam auszuschneiden und nach dein Antrocknen der Schnittfläche zum Schutz gegen Fäulnis mit pulverisierter Holz- kohle cinziireiben. Bei guter, frostfreier Witterung sind die Kellerfenster offeir zu halten; tritt aber regnerisches Wetter ein oder geht die Temperatur unter den Gefrierpunkt, dann sind die Fenster zn schließen, dannt nicht übermäßige Feuchtigkeit oder gar Frost in den Raum eindringen. Alle 11 Tage ist'nachzusehen, ob die Knollen nicht fanlen. Ist ein Exemplar angegriffen, so soll, um dem Weiterumsichgreifen der Fäulnis vorzubeugen, der in Fäulnis über- gegangene Teil sofort ausgeschnitten werden. Nach dem Antrocknen der Schnittfläche ist dieselbe mit feiner Holzkohle einzureiben. Es empfiehlt sich, die pulverisierte Kohle etwas zu erwärmen; denn dadurch tvird beim llebertragcn auf die Knolle ein schnellerer Abschluß der Schnittflache erzielt. Bei der Durchsicht richte man sein Augenmerk hauptsächlich auf die untere Seite der Knollen und auf die feinen Wurzel- enden. Das Eintrocknen der letzteren ist belanglos, das Faulen aber gereicht der ganzen Knolle zum Verderben. Die lleberwinterung der Dahlienknollen in warmen Räumen ist unsicher, und kann man nur dann auf guten Erfolg rechnen, wenn eine vor- zügliche Ventilation behufs Zuführung frischer Luft vorhanden ist. In dumpfen, von der frischen Luft abgeschlossenen Räumen gehen infolge der stark auftretenden Fäulnis die Knollen meistens ein. Je näher der Frühling kommt, desto inehr muß der Blumenfreund auf seine Dahlienknollen Obacht geben. Durch die in den Aufbewahrungsraum eindringende Wärme angeregt, beginnen bereits im Februar oder März die Augen der Dahlienknollen anzuschwellen und teilweise auszutreiben. Die Knollen sind nun, um das Vcrgeilen der Triebe zu verhüten und um rechtzeitig gedrungene Stecklinge zur Vermehrung zu gewinnen, dem Fenster nahe zu bringen. Auch kann man um Mitte April die Knollen in ein kaltes Mistbeet bringen und d, rt bis zum Aus- Pflanzen belassen. Damit etwa noch auftretende Nachtftöste die jungen Triebe nicht vernichten, sind abends die Mistbeetfenster mit Matten zu bedecken.— Technisches. y. Maschs n c l l e Ausführung von Erdarbeiten i m a m c rikanischen E i s e n b a h n b a v. Daß man im amerikanischen Eisenbahnbau die Anwendung maschineller Hülfs- inittel in der ausgedehntesten Weise durchzuführen sucht, dafür bieten verschiedene Ausstellungsgegenstände auf der Weltausstellung zu St. Louis recht interessante Belege. Zum Heben von Schienen usw. werden sogenannte Eiseubahnkranc, die auf Wagen montiert sind, benutzt; sie tragen nicht wenig zur schnellen Erledigung von Geleis- Verlegungen bei. Erdtransporte werden meist in der Weise durch- geführt, daß die Beladung der auf einem verlegten Geleise stehenden Transportwagen mit Hülfe von Schaufelbaggern borgenommen wird. Ein solcher Bagger wird maschinell betrieben. Auch das Entladen der Erdmassen wird wieder mit Hülfe einer mechanischen Einrichtung durchgeführt. Zu diesem Zweck sind die Plattformen der verwendeten Wagen durch Brücken mit einander verbunden. Auf dem ersten Plattformwagen hinter der Lokomotive steht eine Winde, die durch ein Seil mit der auf dem letzten Wagen plazierten Vorrichtung zum schnellen Entladen verbunden ist. Diese Vorrichtung ist ein so« genannter Pflug, ein der Größe der Wagenkasten angepaßtes Gestell, das durch die Zugkraft über die Wagen gezogen wird und dabei die Erdmaffen vor sich herschiebt. Die Wagen sind mit Klapptüren ver- sehen, so daß die vor dem Pfluge hergeschobenen Erdmaffen durch diese Oeffnungen auf das Gelände zu beiden Seiten des Geleises entleert werden. Mit einer derartigen Einrichtung ist es möglich, durchschnittlich vierzehn Wagen in sechs Minuten von den Erdmengen zu entladen. Ilm nun das entladene Erdreich neben dem Geleise schnell zu glätten, läßt man es nicht wie bei uns mit Schaufeln auseinanderwerfen, sondern man hat auch hierfür eine mechanische Einrichtung ersonnen. Diese besteht aus einem Wagen, der auf dem Geleise fährt und mit seitlichen Streichbrettern versehen ist. Das Ebenen der Erdmassen wird nun einfach durch das Ziehen dieses Wagens mit Hülfe der Lokomotive bewirkt. Die Streichbretter sind verstellbar, so daß man die entladenen Erdmassen in breiteren oder höheren Schichten glätten kann.— Hnmoristisches» — Der Nutzen. Bub(zum Dirndl):„Sei froh, daß's Beicht'n eing'führt is. Dös war a schöns fads Leb'n, wenn mer loa Sünd nimmer begeh'» dürft, außer ma käm in d' Höll'."— — Aus der Schule.„Warum hat Gregor VII. das Zölibat eingeführt?" „Damit sich«die Pfarrer nicht so sehr vermehren."— — W a r u nr?„Was hat nun eigentlich die preußische Regierung mit dem Ankauf der„Hibernia" bezweckt?" „Na, wollte sich zur Abwechselung auch mal unter der Erde blamieren."—(„Simplizissimus".) Notizen. — Eine neue Wieland- Ausgabe wird von der B e r- liner Akademie der Wissenschaften vorbereitet. Ein großer handschristlicher, noch wenig durchforschter Stoff liegt zur Verarbeitung vor.— — Shaws„Candida" ist inr Deutschen Volks- Theater zu Wien mit allen Ehren durchgefallen.— — In Paris hat sich unter Vorsitz Eugsne Lemercicrs eine Theater-Gesellschaft gebildet, die eine» dauernden Weit- b e w e r b für Theaterwerke, in erster Linie Einakter, veranstalten wird. Die Gesellschaft wird die Werke, die ihr wertvoll erscheinen werden, herausgeben und sie von Zeit zu Zeit auf einer Versuchs bühne bald in Paris, bald in der Provinz zur Aufführung bringen lassen.— — Im Stadttheater zu Zürich brachte es eine neue kleine Oper von Hans Je lpn o l i:„Sein Vermächtnis" zu einem schönen Erfolg.— — In S o l n h o f e n lvurde ein Denkmal für S e n e» selber, dein Erfinder der Lithographie, enthüllt.— — Die Franzosen haben, wie man der„Frankfurter Zeitung" berichtet, die A u s g r a b u n g der Reste von Apollonia, einer alten jonischen Pflanzstadt an der Westküste des Schwarzen Meeres, in Angriff genommen. Die Trümmer der Stadt liegen auf einer Landzunge in der Nähe der heutigen bulgarischen Ortschaft Burgas.— — Petroleumverbrauch der Landbevölkerung Rußlands. Grelles Licht aus die Kulturzustände der Land- bevölkerung Rußlands wirst eine offizielle Enquete über den Petroleumverbrauch, die das Landschaftsamt des Gouvernements Wladimir anstellte und durch den Statistiker Smirnow bearbeiten ließ. Die Ausgaben für Beleuchtung betragen dort pro Kopf und Jahr bei der' ärmeren Dorfbevölkerung 37,18 Kop., bei den wohlhabenden 49 bis 39 Kop.;>oie wenig das ist, geht daraus hervor, daß den genannten Zahlenwerten bei der Preis- läge von 1903 rund 3 bezw. 4 bis 6 Liter Steinöl schlechter Onalität entsprechen, lind doch ist Lampenlicht wohlfeiler als der alte Birkcnspan, der seit der Entwaldung des Landes dem Bauer unerschwinglich geworden ist. Da der Bauer sich nicht über 1ln seines Budgets für Beleuchtung leisten kann, so ist die Folge, daß die langen Herbst- und Winterabende der Arbeit verloren gehen und daß das Gesinde von 4 Uhr tags bis 8 Uhr morgens schläft.— („G l o b u s.') — Weinjahre. In den Jahren 14M bis 1429 mutzte man, um nur für einen Heller zu trinken, zweimal ins Wirtshaus gehen. In Urach ließ ein Wirt bekannt geben, daß man für einen halben Batzen bei ihm von morgens bis abends trinken könnte.— Vcrantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstaltPaul Singer LrCo.,BerlinL1V,