Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 205. Dienstag, den 18. Oktober. 1904 lNachdruck verboten.) 60] Die flucht, Von K. Bagrynowski. „Ihr Diener, gnädige Frau!" rief jemand.„Auch Sie sind gekommen� sich dies Spiel des sibirischen Eises anzusehen! (Gin interessanter Anblick, nicht wahr?" „Und es bietet noch mehr des Belehrenden, als des Interessanten," lieh sich eine zweite Stimme vernehmen. Am Rande standen der neue Jsprawnik und der Lehrer. „Sehen Sie mal, dort treibt etwas Schwarzes. Ich glaube, es ist ein Mensch: er muh gefallen sein, hat die Arme ausgebreitet.... Wirklich, ein Mensch! Lausen' Sie und befehlen Sie den Kosaken, dein Unglücklichen beizustehen!" schrie der BezirksHmiptmaim, indem er nach den Kleidern Krassuskis wies. Aber der Lehrer sah nicht mal hin, denn er hatte das Kleid seiner Frau eben in der entgegengesehten Richtung zwischen den noch unbelaubteir, schmächtigen Sträuchern durchschimmern sehen, und ein Paar Mänuerstiefel daneben. „Wie sollte ein Mensch dahinkommen! Das ist sicher ein Fell oder abgebröckelte Erde... Oder vielleicht ist's'ne Kuh? Und wenn's wirklich ein Mensch wäre,— den könnte höchstens der Teufel aus dieser Hölle retten!" bemerkte er inihmutig. Indessen bemerkte Eugenie, daß ihr Mann nicht mehr zieben ihr war und schlug den Weg zur Stadt ein. Sie fand Arkanoff auf dem Bette liegen. Er hatte das Gesicht der Wand zugekehrt und rührte sich nicht, als sie ein- trat, antwortete auch nicht, als sie ihn anrief. „Ach, wieder das elende Schmollen... Und iir welch einem Augenblick!... Im Angesicht des Todes!" Sie war so entmutigt, so erschöpft von dem Vor- gefallenen, dah ihr alles gleichgültig war. Sie setzte sich in den Sessel ihres Mannes und senkte die Stirn. Bruchstücke geschauter Bilder, Fetzen nicht ausgedachter Gedanken schössen ihr wie im Fieberwahn durch den Sinn. Sie konnte sich ihrer nicht erwehren und war nicht imstande, sie zu eineni Ganzen zu verbinden. Die ganze Welt kam ihr vor wie ein furchtbarer, bodenloser Abgrund, in dem ihre Seele, jedes Gedankens, jedes Gefühls bar, planlos umherirrte und der- gebens nach einem Halt pichte. Sie sehnte sich danach, jemand neben sich zu fühlen, um wenigstens weinen zu können. Sie schleppte sich also an das Bett ihres Mannes, setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter: er aber stiesj sie zurück und wandte sich nicht einmal nach ihr um. So blieb sie denn eine Weile zusammengekauert sitzen und sah mit heißen Augen in einen leeren Winkel der Stube: dann brachte sie, um nur irgend etwas vorzunehmen, um das letzte Fünkcher Mut. den letzten Rest Gesundheit zu retten, den Samowar ins Kochen, brühte Tee auf und trank ihn, stark und schwarz wie Tinte, in hastigen Zügen. Auch ihrem Manne stellte sie eine Tasse davon hin und legte eine Schnitte Brot mit etwas kaltem Fleisch daneben. Er rührte sich nicht, aber als sie auf die Treppe trat, um eine» Blick auf das Städtchen zu werfen, hörte sie, wie seine Stiefel den Boden berührten, und als sie eine Weile später zurück- kam, sah sie, daß er ausgegessen, was sie ihn: hingestellt hatte. Aber seine Lider blieben gesenkt, und düster und fast bis zur Erde gebückt saß er da. „Er ist tot. Was soll nun werden?" fragte sie leise. „O nein! Er lebt und... die Welt steht noch, ist nicht aus den Fugen gegangen," gab er sarkastisch zurück. „Warum hast Du's mir denn nicht gesagt?" rief sie freudig und zornig zugleich.„Also ist er hinübergekommen, ist gerettet!" Er maß sie mit bösen Blicken und schwieg. Auch sie verstumnite, als sie sah, daß wieder nicht ihr Gatte vor ihr saß, sondern... jener andere. „Ich muß ihn austoben lassen... das wird wieder einen Auftritt geben!" dachte sie, indem sie sich auf die Bank vor dem Hause niederließ.„Also er ist nicht tot, und alles ist beim Alten geblieben. Wir fliehen. Morgen, in zwei Tagen, in wenigen Stunden... sind wir vielleicht nicht mehr hier, nicht mehr an diesem Ort der ewigen Qualen und Foltern. Was ist hier mit uns vorgegangen, was ist vorgegangen und was ist aus uns geworden? Bin ich noch dieselbe, die ich früher war? Ist Ärtemij noch derselbe? Sind mich die anderen dieselben geblieben? Ihre Seelen haben nur diejenigen un- befleckt behalten, die keinen Augenblick aufgehört haben, zu kämpfen. Ach, schnell, nur schnell, in die weite Welt hinaus, zu fruchtbringender Arbeit und fruchtbringenden Opfern!" � Plötzlich sah sie Nan'ch in Krassuskis Jurte. „Er ist wieder da!" rief sie, erregt ins Zimmer stürzend. Sie griff nach Mütze und Mantel, aber Arkanoff sprang auf und vertrat ihr den Weg. „Wohin?" „Erfahren, wann... wir ausbrechen." „Das ist nicht nötig. Wir brechen gar nicht auf!" er- wiederte er kalt. Sie wich erstaunt zurück. „Weshalb?" „Höre, Weib, habe endlich den Mut, auf den Grund Deiner Seele zu schauen, und sag' mir offen— wie Du Deinem Beichtvater antworten würdest,— denn das ist nicht nur für mich, sondern für Euch alle von der größten Wichtig- keit, sag' mir, warum willst Du fliehen?" „Eine merkwürdige Frage! Weil ich leben will... weil ich Dich... weil ich mich... retten will!" sprach sie verwirrt. Sie versuchte ein Lächeln, aber ihr zitternder Mund per- zog sich nur zu einer Grimasse. „Aha— weil Tu leben willst! Das glaube ich, aber Du lügst, wenn Dil sagst. Tu wolltest mich... retten. Ich durch- schaue Dich ganz und gar und werde mich nicht von schönen Worten hinter's Licht führen lassen. Hast Du je eine meiner Bitten erfüllt? Hast Du je etwas einzig und allein um meinetwegen getan? Niemals! Immer hast Du mich anderen zum Opfer gebracht. Du hast es vorzüglich verstanden. Deinem Tun und Lassen die schönsten Namen zu geben, bald war es Pflicht, bald Nächstenliebe, bald Ehrgefühl. Aber als dieser ... dieser... in die Flammen sprang, da hast Du gerufen: Laßt alles zugrunde gehen!... Und was ist heute ain Flusse mit Dir vorgegangen? Ich glanbte, Du würdest ailf der Stelle tot umsinken. Das ist zu viel... Das ist zu viel. Eine Frau, die niein Geld und meinen Beistand dazu benützt, um von mir zu fliehen— das ist zu viel, das ist zu viel... Das kann keine Doktrin beschönigen... Sie bleiben hier!" „Aber... nicht bei.Ihnen. Das steht fest! In der Tat, das ist zu viel!" antwortete sie, indem sie sich aufrichtete und ihre Ruhe wieder gewann.„Bitte, geben Sie mir den Weg frei!" Er rührte sich nicht, wandte die Augen nicht von ihr, schloß die Lider nur ein wenig. „Nein, Sie werden dies Hau? nicht verlassen!" „Dann tvird man mich holen kommen!" Sie setzte sich und knöpfte den Mantel aus. Lange stand er so da und betrachtete sie von der Seite. „Mag er kommen, dann schieß ich ihm, ohne öiel Feder- lesens zu machen, eine Kugel vor den Kopf, und die ganze dumme Geschichte ist auf einmal aus," sagte er leise und langsam.> Sie rührte sich nichts den Kopf immer halb von ihm weg- gewandt. „Sie glauben, ich würde es nicht tun. Sie glauben, auch diesmal würden sentimentale Redensarten das Ende vom Liede sein? Sie irren sich, Sie haben keine Ahnung, wie ich diese... Heuchler, Tartüsfes und Phrasenhelden hasse... Diese ungebildeten, verbohrten Köpfe voller Hochmut und Dünkel. O, ich werde es tun, daraus können Sie Gift nehmen. Ihr Liebhaber kennt meine Entschlossenheit und weiß mich höher zu schätzen als Sie. Er glaubt sogar, ich sei imstande, die Polizei zu benachrichtigen. Das Rindvieh! Er hat keine Ahnung davon, daß es eüi anderes Ding ist, Feuer an die Darre zu legen, oder sich eigenmächtig Genugtuung zu verschaffen. In seinem vernagelten Gehirnkasten ist kein Raum für den Gedanken, daß es moralische Nuancen gibt." Eugenie bedeckte ihr Gesicht aufstöhnend mit den Händen. >,'£) mein Gott! Mein Gott!,,, Was ist das. was ist das!« Er hielt imte. „Uebrigens köimen wir einen Skandal vermeiden," be- gann er schon sanfter.„Wir erlauben ihnen, fortzufahren! Mögen sie in Frieden ziehen! Natürlich werden wir um ihrer Flucht willen hart bestraft werden, denn es kann unmöglich verborgen bleiben, dasi wir ihnen geholfen haben, aber ich will lieber alles.. Sie schüttelte lebhaft abwehrend den Kopf. Er biß die Zähne zusammen und sah, regungslos an den Türpfosten ge- lehnt, in die weite Landschaft hinaus. Eugcnie weinte. „Fahren Sie!" sagte sie hastig.„Wir müssen uns trennen. Ich werde hier bleiben... Sie würden hier ganz zugrunde gehen!" „Auch darauf will ich eingehen!" antwortete er nach langem Sinnen.„Meiner Ansicht nach wird diese Reise mit dem Tode enden. Ich werde Sie... von meiner Person be- freien. Aber ich werde mit ihnen zusammen sterben. Was soll ich-ihm also sagen, denn ich sehe wohl, daß es sich darum handelt." „Sagen Sie— morgen." Er steckte den vom Tische genommenes Zlevolver in die Tasche und ging Krassuski, der eben in den Flur trat, cnt- gegen. Eugenie hörte, wie er um Entschuldigung bat, daß er ihn nicht einladen könne, näher zu treten, aber seine Frau sei plötzlich unwohl geworden. Sie hörte, wie Krassuski sein Bedauern aussprach, wie er über sein Abenteuer berichtete und mit der Bemerkung schloß, sie müßten das Städtchen morgen spätestens um Mittag verlassen, da der Fluß fast ganz eisfrei sei. Sie müßten also das Hochwasser benutzen und sich so bald wie möglich einschiffen, um die Dschurdschnjer„Porohen" '(Wasserfälle) ungefährdet passieren zu können. Sie wollten in der folgenden Nacht abstoßen. „Ich hoffe, das Unwohlsein Ihrer Frau ist nicht so ge- fährlich, daß wir die Flucht deshalb mrfschieben müßten. Ihre Nerven sind wohl sehr zerriittet. Im Boot wird sie mis- ruhen!" „Gewiß! Fahren Sie aber allein im Nachen hinüber. Wir werden die Fähre benutzen. Sie muß schon snktionieren. Auf jeden Fall werden wir Sie nicht aufhalten. Gegen Abend werden wir an Ort und Stelle sein," erwiderte Arkanoff. „Auf Wiedersehen denn! Kommt nur nicht zu spät. Wenn Ihr wüßtet, wie wunderschön unser Boot ist! Wir haben es„Königin" getauft!" sagte er fröhlich, indem er sich anschickte fortzugehen. „Noch eins— sollte der Jakut mit Mußjas Kuh kommen, dann vergeßt nicht, ihn abzufertigen." (Fortsetzung folgt.)) (Nachdruck verboten.) Üelratafteucrn. Daß Mecklenburg noch voll mancher patriarchalischer Ein- richtungcn ist, wie nian sie seit dem Anfang des neunzehnten Jahr- Hunderts, wenigstens aber seit 1843 nicht mehr für möglich halten sollte, dürfte unschwer nachzuweisen sein. Zu diesen patriarchalischen Einrichtungen zahlt in erster Linie die Pflicht der mecklenburgischen Untertanen bei Heiraten von Prinzessioncn zur Aussteuer in der Form einer einmaligen direkten Abgabe beizutragen. Dieser Fall ist jetzt anläßlich der Verlobung und in Bälde erfolgenden Vcrmäh- lung des Preußischen Kronprinzen mit der Herzogin Cecilie wieder aktuell. Die sogenannte Prinzcssinnensteucr beträgt 70 000 M. und tvird von den Hausbesitzern ohne Unterschied des Wertes des Besitzes erhoben, wirkt also teilweise als eine Art Hüttenstcuer. Äese jHciratssteuer dürften in den kultivierten LändernWesteuropas wohl die einzige zurzeit noch gültige sein. Das Gewohnheitsrecht der Heiratsfteucrn war, wenn man so sagen darf, in Deutschland ziemlich alt, und wir finden in alten Urkunden und gerichtlichen Be- glaubigungen der Namen für Hochzeitsabgabcn mannigfache, je nach den Ländern verschieden: Vogthemd, Usspringelgeld, Rcitschoß, Schürzentaler, Sprunkdaler, Marchzins, Meidenrente usw. Bedemund ihicß die Heiratssteuer in Westfalen, Braunschweig und sonst noch im Norddeutschland und diccke Bedemund hatten nach einer Urkunde des Erzbischofs Dietrich von Köln als Verweser des Bistums Pader- dorn, vom Jahre 1415, die Unterfassen und Laudleute im Lande Delbrück zufolge alten Landrechts bei ihrer Verheiratung für das Wollwort d. h. für die Zustimmung zur Heirat in Gestalt von fünf Schillingen nebst sechsVierlingen für den Geldbeutel an denBischof oder an dessen Amtmann zu entrichten. Unter dem Namen„Freuden- jgeld" mußten in den zur Abtei Sankt Peter in Merseburg gehörigen sogenannten Wteidorfschaften die Verlobten, bevor sie getraut wurden, die Heiratssteuer an den Abteirichter zahlen. In einigen Herr- schaften Bremens hatte jeder Neuvermählte eine Abgabe unter dem Namen„Hcmdschilling" zu entrichten, die höchstens einen Imperial betragen durste. In Mecklenburg bestand die Heiratssteuer im Be- trag eines Talers als„Älauentaler". Ter Sprunkdaler war im Amt Lüchow(Landdrostei Lüneburg) die Steuer der eben Vermählten. die sie am Morgen nach der Hochzeit dem Amtmann sowohl, als den Pastoren des Orts, und zwar jedem einen Taler gaben. Von dem Dorf Farnstädt, das im ehemaligen Fürstentum Qucrfurt liegt und den Herren von Geusa gehörte, berichtet der alte Rechtsgelehrte Lünig:„es muß eine jede Braut bor ihrer Trauung dem Gerichts- Herrn dreh gute Groschen bringen, welckze vormals, und nur noch vor ctwan zwölf Jahren, der Cuntzcngroschen gcnennet worden und von der Braut selbst so hat müssen genennet werden; die Gerichts- Herrschaft aber hat vor etwan zwölf Jahren diese Benennung aus guter christlicher Wohlmeinenheit abgebracht, und spricht anitzo die Braut, wenn sie die dreh Groschen bringt: Hier bringe ich, was ich schuldig bin. Dabey ist zu merken, daß wenn diese dreh Groschen von der Braut, ehe ihr zur Trauung ausgeläutet, nicht erleget worden, der Gerichtsherrschaft freystehet, daß sie den Gcrichtsknccht ins Hochzeitshaus schicken und die smutlichen Hochzcitsfpeisen weg- nehmen lassen mag. Den Ursprung dieses Zinses und warum es der Cuntzengroschen gencrmet worden, kann man nicht finden, allein die Nachricht findet man, daß er über 150 Jahr so gcncnnt worden___ In Eilcnburg findet man gleichfalls eine curicuse Arth von einer Zinse, von deren Ursprung und Beschaffenheit folgende Nachricht gegeben zu werden pfleget: Im Anfange des eilfften seculi hat Fräulein Hidda zu Eilenburg in der Stadt und Vorstädten daselbst die Anordnung gemacht, daß eine Wittib, wenn sie sich wieder verehe- lichen würde, zuvor auf das Schloß, oder ins Amt, einen Beutel ohne Rath, worinn zwep Schreckenberger(sind 7 Groschen) und vier Pfennige einlieffern sollte; worüber noch heutigen Tages gehalten wird, und bekömmt per Beambte die zwey Schreckenberger, der Land-Knecht aber die vier Pfennige." Obwohl der Ausdruck Brautlauf, wie der lateinische Hochzcitslauf in der Regel die Hoch- zeit bezeichnet, scheint er doch in einigen Gegenden Teutschlands, so in Schwaben, der Name einer grundherrlichen Heiratsabgabe ge- Wesen zu sein. Wenigstens findet sich über den württembergifchen vormals Kloster AdelbergschenOrt Börtlingen, nördlich von Göppingen, folgende Nachricht: Eigentümlich war der Brautlauf, den Adelbergsche Personalleibeigeue im Stabe Börtlingen entrichten mußten; nach dem Lagcrbuche von 1496 nämlich:„der Mann eine Scheibe Salz, die Braut aber 1 Ps. 7 Sch. Hlr. oder eine Pfanne, daß sie mit dem Hinteren dareinsitzen kann oder mag." Wie in Deutschland bestanden auch im heutigen Oesterreich- Ungarn die Heiratsabgaben zu Recht, wie wir z. B. daraus ersehen» daß der Herzog Ottokar von Steiermark in einer Stifhmgsurtunde zugunsten einer Abtei erklärte, daß Heiraten zwischen Hörigen seiner eigenen Herrschaft und solchen der Abtei ohne Abgabe, frei geschlossen werben könnten und daß die Kinder aus diesen Ehen geteilt werden sollte»; daß dagegen bei Heirat eines Hörigen der Abteikirche mit einer Frau aus einem anderen fremden Gebiet eine Heirätsstcuer von sechzig Pfennigen an den Vertreter der Abtei zu zahlen sei. Das Gericht des Patriarchen von Aquileja entschied, daß an den Orten von Friaul, wo die Heiratssteuer bestehe, für jede Feuerstelle ein Scheffel Getreide für jede Heirat zu zahlen sei. In Ungarn ivar es Sitte, daß die Brautleute am Hochzeitstage in den Schloßhof kamen. wo sie einen Tanz aufführten und dem Leibherrn eine Henne über- reichten. In Spanien wie in Italien mußten ebenso die Heirats- abgaben dem Herrn entrichtet werden, lediglich für die Lizenz. Als Papst Gregor der Große erfuhr, daß die Hörigen dep Kirche in Sizilien übermäßige Hciratssteuern entrichten mußten, verfügte er zur Abstellung dieses Mißbrauchs, daß diese Abgaben höchstens einen Schilling betragen durften. In einem Prozeß der Gemeinde Romagnano vom Jahr 1445 wurde festgestellt, daß der Graf be- rechtigt sei, von den Töchtern seiner Hörigen, wenn sie außerhalb seiner Herrschast heirateten, als Abzugssteuer unter dem Namen „Weiberrecht" zehn Tarenos zu erheben. Dies Recht galt noch im neunzehnten Jahrhundert. Eine Abgabe, die in Spanien an den Schntzherrn für Erteilung der Heiratserlaubnis entrichtet werden mußte, führte den Namen„äcreclro 6c osas" oder„dar calzas" und wurde auf den Cortes von Segoria durch König Alphons X- von Kastilien abgeschafft. Alle diese Hciratsabgaben erklären sich im Mittelalter und in der Neuzeit als Gegenleistungen für die grundherrliche HciratS» erlaubnis. Wie die Vorschrift, eine solche Erlaubnis zum Heiraten einzuholen, eine mehr oder minder ausgedehnte Geltung hatte, so erklärt sich auch die Verschiedenheit der Grundsätze, die iu den einzelnen Ländern und Herrschaften über HeiratsaMiben bestanden. In vielen Herrschaften waren solche Abgaben unbekannt; in anderen waren sie durch Verträge und Herkommen festgestellt. Es> ist möglich, daß anfänglich die Grundherren nach freiem Ermessen ent- schieden, ob oder unter welche» Bedingungen sie ihren Hörigen die Eimvilligung zur Heirat erteilen wollten, und daß erst später eine Garmitie gegen Mißbrauch dieses Rechts gefordert und dadurch die Einführung bestimmter Heiratsabgaben veranlaßt ist.. Fest steht jedenfalls, daß die Hciratsabgaben in ganz Europa üblich waren oder vielmehr gezahlt werden mußten entloeder als bestimmte Geld- summe oder als Naturalien oder als Kleidungsstücke usw. Tie König Hoelus dem Guten zugeschriebenen alten Gesetze von Wales nennen an vielen Stellen eine Abgabe„amobyr".(„Zum Ehrengeschenk") die Lei Verheiratungen einer Jungfrau, wenn sie selbständig war, von ihr selbst, sonst von ihrem gesetzlichen Vertreter oder von ihrem Ehemann entrichtet werden sollte. Die Abgabe richtete sich nach Stand und Vermögen des Vaters und mußte be- zahlt werden bei Uebergabc des Mädchens an ihren Mann. Be- rechtigt zur Erhebung dieser Steuer waren die Herren oder Herrinnen, in deren Gebiet die Heirat stattfand. Nach Einzelbestimmungen erhielt der Musikmeister das amc>b>r der Dichtertöchter und der Jägermeister den dritten Teil des der Jägertöchter. Wie in Wales gab es auch in Schottland Heiratssteuern. Durch Urkunde vom Jahre 1462 übertrug Thomas Rogerson von Drunrdevan mit Rücksicht auf 86 Pfd. St. 13 Schillinge und 4 Pfennige schottischer Währung, die ihm in großen Nöten gezahlt waren, an Johann Stewart Herrn zu Lan, die Länder von Strathier mit der Mühle und allem Zu- behör, namentlich mit den Heiratssteucrn. Durch Urkunde von 1563 verlieh König Jakob von Schottland seiner Braut, der Prinzessin Margarete, ältesten Tochter des Königs von England, Ländereien mit mannigfachen Gerechtigkeiten, insbesondere auch mit den Heirats- steuern.» Durch eine reiche Mannigfaltigkeit zeichneten sich die Hochzeits- abgaben in Frankreich aus. In eineni Lehnsvcrzeichnis Ludwigs von Saint-Maure als Herrn von Caenchi, Saulx und Richebourg, vom Jahre 161S heißt es: Ferner haben wir bei Heiraten, die in der Kirche von Saulr geschlossen werden, das' Recht, von den Neu- vermählten das Hochzeitsgericht zu erhalten, das die Frau in Be- gleitung von Spielleuten bis ins Schloß bringen muh; das Gericht muß bestehen aus einem Hammelstück, zwei jungen Hühnern, zwei Quart Wein im Wert von vier Pinthen, vier Broten, vier Kerzen und Salz und soll am Hochzeitstage überreicht werden bei Vermeidung einer Strafe von sechzig Sous. Zu Merveuil in der Provinz Berry hatte der Bräutigam bei einer ersten Heirat einen Spielball von 32 Bier- ecken und neun Farben, bei einer zweiten Heirat ein neues Billard von 2Mj Fuß mit dem Kolben und zwei neuen Kugeln, bei einer dritten noch ein Billard oder zwei Gänschen und zwanzig Pfennige an den Grundherrn zu entrichten. Von einer Heiratssteuer in der Picardie und ihrer legendenhaften Abschaffung berichtet uns Labessade: Rudolph Graf von Guines hatte den Bewohnern von Ham das Recht auf eine Abgabe, die am Tage der Hochzeit erhoben wurde, als Lehen bewilligt. Diese Abgabe wurde durch Graf Mänasses auf Andrängen seiner Gemahlin abgeschafft, weil eine Frau namens Harnide sich darüber beschwerte, daß die Gerichts- diener ihr eine große Beschämung bereitet hätten, indem sie von ihr die Abgabe in dem Augenblick forderten, als sie sich ins Ehebett legen wollte. Nicht älter als in Frankreich waren in Belgien und Holland die Heiratssteuern. Durch Stiftungsnrkunde vom Jahre 1133 erlvarb der Abt des im selben Jahre gegründeten Prämonstratenser-Klosters zu Tongedo von der adligen Dame Alzeda das Recht, von ihren Nachkommen bei deren Heirat sechs Pfennige zu beziehen. Walter von Mauretanien, Bischof von Laon, schenkte dem Stift zu Trumai vierzig Jahre später die Leibeigenen, die er im dortigen Gebiete hatte, mit der Bestimmung, daß sie bei ihrer Heirat zwei Sous an das Stift zu zahlen hätten. Abermals ein halbes Jahrhundert später erklärten der Burgvogt Hugo von Gent und dessen Gemahlin Maria die Freilassung ihrer Leibergenen zugunsten der Marienkirche z>l Antwerpen; und die Freigelassenen begaben sich mit ihrer Nachkommenschaft in Hörigkeit dieser Kirche mit der Verpflichtung, bei jeder Heirat sechs Pfennige an die Kirche. zu zahlen. Neununddreißig Urkunden der Benediktinerabtei Sankt-Tornd im Bistum Liittich enthalten Bestiimnungen über Hciratsabgaben. Durch diese Urkunden wurde entweder den darin bezeichneten Per- soncn das Recht der Altarhörigkeit zuerst bewilligt oder auf ihr An- suchen festgestellt daß sie auch von älterer Zeit her der Abtei an- gehörten. Dafür hatten diese Altarhörigen außer einer Kopfsteuer mit jährlich einem Pfennig, zumeist noch andere Stenern, darunter auch Heiralsabgaben, zu cutrichten. Viele dieser Altarhörigen hatten bei jeder Heirat unter Genossen neun Pfennige für die Heirats- erlaubnis zu zahlen. Für Heiraten unter Nichtgenossen wurde, falls der Mann zur Abtei gehörte, die Höhe der Heiratssteuer durch den Abt nach freiem Ermessen bestinnnt. Dagegen war durch einige Ur- künden des dreizehnten Jahrhunderts allgemein, ohne Beschränkung eine Heiratsabgabe vou nenn Pfennigen festgesetzt, woraus sich entnehmen läßt, daß die in diesen Urkunden bezeichneten Altarhörigeu, Männer wie Frauen, gegen Ent- Ächtung der Abgabe berechtigt waren, sich nach fteier Wahl mit Genossen und Nichtgenossen zu verheiraten; andere Altarhörige muhten bei Heiraten unter Nichtgenossen neun Pfennige zahlen, unterlagen also bei Heiraten unter Genossen keiner Abgabe. Der holländische Jurist van der Schelling erzählt, daß die Heirats- steuer, Brautschatz oder Brautgeld genannt, der Herrschaft Voshol sechzig Gulden brachte und daß noch in den Jahren 1676 und 1703 die Herrschaft Voshol mit dieser Steuer öffentlich feilgeboten und verkauft worden sei, und daß die bis zu seiner Zeit aufbewahrten Bekanntmachungen der Kaufbedingungen eine Beschreibung jenes Rechts enthielten. Zu den sonderbarsten aller Heiratsstcuern gehören wohl die, die der Bräutigam oder junge Ehemann an seine Kameraden zu ent- richten hatte, widrigenfalls die Ruhe der HochzeitLnacht durch Lärm, Katzenmusik gestört wird. In den Niederlanden fand sich das Herkommen, daß die Brant durch ihre Spielgenoffen fiir eine Mahlzeit von Fischen oder sonst emem Gericht an den Bräutigam verkauft und abgeliefert wurde. Im Bistum Carnot hatten die Neu« vermählten des Abends nach der Hochzeit an die jungen Leute des Dorfes eine Kerze zu geben, wohingegen die Junggesellen von Cisines in der Provinz Jsle de France vom Hochzeitshause diä hergebrachte Art von Pasteten beanspruchten. In Jallon sur Marne bestand seit langer Zeit die Sitte, daß jeder Bursche mit Ausnahme der Ge- lehrten und Adeligen bei der Heirat seinen heiratsfähigen Kameraden ihren Willkomm bezahlen mußte. Eine Urkunde von 1330 beschreibt, wie� nach der Hochzeit eines Webers in Dreux mehrere Weber desselben Ortes ihr„droit cku bau" verlangten, nämlich ein oder zwei Quart Wein oder deren Wert in Geld, wofür sie dem Herkommen nach ein Lied zu finge» hatten. Und in einer fast gleichzeitigen anderen Urkunde findet man folgenden Bericht: Eine Menge Leute begaben sich nach der Feierabendstunde von La Greve nach Monstier, um von dem Winzer Johann Thibaut seinen„coiHagjs" zn verlangen, weil an diesem Tage ein Mädchen aus La Greve geheiratet hatte. Johann Thibaut wollte ihnen nichts geben als Brot und Wein. Diese Heiratssteuer an die Junggesellen des Orts, dem der Bräutigam entstammte und in dem die Hochzeit ge- feiert wurde, ward in der Regel, wie man sieht, in Naturalien gezahlt und nur an die ledigen Berufsgenossen des Bräutigams. Schon aus einem flüchtigen Ueberblick über die Heiratssteuern geht hervor, daß sie lediglich Folgen oder Begleiterscheinungen des LehnSrechts, der Basallität und der Hörigkeit waren und daß sie im Laufe der Jahrhunderte in der neuen Zeit wie von selbst fortfielen. Man muß auch zn den Heiratssteueni jene Abgaben rechnen, die in den Tyranneien des Altertums und den absolut regierten Staaten des Orients die Untertanen entrichteten, freilvillig und doch unter gelindem Zwang stehend, wenn sich ein Machthaber— es brauchte durchaus nicht der oberste zu sein— vermählte, und als ein solch merkwürdiges Ucberbleibsel erscheint uns die mecklenburgische Prinzessinnenstcuer.— Alfred S e m e r a u. Kleines Feuilleton. k. Vom Schirm und seiner Geschichte. Nehmen wir heute den unscheinbaren Schirm aus der Ecke, so erscheint uns sein Gebrauch als die selbstverständlichste Sache von der Welt. Und doch wird der Schirm in Nordeuropa erst seit 200 Jahren allgemein verwandt und hat vorher eine interessante und vielfach merkwürdige Geschichte auf- zuiveisen, die bis zu den fernsten Zeiten früher Kulturen hinauf- führt. Um den Schirm, dieses unpoetische, schlechte Ding, kreisten einst Träume des Ehrgeizes und der Schönheit; denn der Schirm war lange Zeit ein Zeichen von Macht und Ansehen und nur Könige trugen ihn. Auf alten Skulpturen, die ägyptische und assyrische Könige zeigen"Ii sind diese dargestellt, ivie sie in feierlicher Prozession daherziehcn, und über ihrem Haupte schwebt stolz und majestätisch ein Schirm. In Indien hat sich das lange er- halten. Fürsten führen hier unter ihren Titeln anch den eines „Herrn des Schirmes"' auf, und noch nach 1860 erließ ein Herrscher von Burmah eine Proklamation, in der er sich zum„Könige über die schirnitragenden Fürsten" erklärte. Nur allmählich sank diese stolze Jnsignie der Macht zu eineni Instrument herab, nnt dem man sich vor den Strahlen der Sonne zu schützen suchte, und auch die Majestäten bemerkten mit Zufriedenheit, daß ihre gesalbten Häupter von» strömenden, tropischen Regen weniger gewaschen wurden, wenn sie unter diesem Schutzdach dahinschritten. Doch es hat sehr lange gedauert, ehe der gemeine Mann sich deS Schirmes bei Regen und Sonnenschein bediente, den sein Herrscher so lange feierlich getragen. Iii der griechischen Kunst balanzieren besonders die zarten Figürchen aus Tanagra reizende Schirme, die wie große Blätter über den niedlichen Blumen attischer Zierlichkeit stehen. Während im Orient der Schirm durchaus nicht nur dem schöneren und zarteren Geschlechte vorbehalten war, sondern noch mehr von den Herren der Schöpfung getrageii wurde, begegnet uns bei den alten Griechen und Römern der Schirm eigentlich nur als Toiletten- stück der Dame und es soll ein starker Grad ivcibischer Verweich- lichung und Hinneigung zum Femininen bezeichnet werden, wenn ein Mann des Gebrauches eines Schirmes verdächtigt wird. Italien, das Land, in dem die moderne Kultur sich zuerst erhob. hat anch um 1600 herum den Regenschirm zuerst all- gemeiner eingeführt; vorher hatte er aber schon, besonders in Venedig, eine wichtige Rolle gespielt. Die Lagunenstadt hatte ja von jeher eine enge Verbindung mit dem Orient, die in ihrer ganzen Kunst, vor allem der Markuskirche, und auch in den Formen ihrer Regierung zum Ausdruck kam. So begegnen wir denn auch hier wieder dem Schirm als Prunk- und Prachtgerär. Die Dogen trugen ihn zum feierlichsten Ornat und Papst Alexander III. erließ ein Dekret, nach dem ein jeder dieser Schirme mit einer goldenen Statuette der Verkündigung geschmückt sein sollte. Es muß damals rroch ein größerer Verlust als heute gewesen sein, seinen Schirm zu verlieren, denn ein solcher venctianischer Schirnr war ein kostbarer, künstlerisch ausgestalteter Gegenstand. In Venedig vollzog sich dann dieselbe Entwickelung, die wir schon dunkel aus den Anfängen des Orients herauszulesen suchten. Es kam ein Tag, wo ein tapferer venetianischer Bürger, dem die Sonne zu heiß auf dem Schädel brannte, mit einenr Schirm, dem heiligen Szepter der Dogen, auf dem Markusplatze erschien. Der Name dieses wahrhaft Kühnen ist uns erhalten worden. Er hies; Michael Morofini. Er war der Gute, dem im letzten Grunde die von Sonne durchglühte und von Regendurchnäßte Menschheit dieWohltat des Schirmes verdankt, und diesen unsterblichen Ruhm erlangte er allein durch einen Schirm, einen kleinen, viereckigen Schirm mit einem kupfernen Gestell. Bald danach begannen auch die Modedamen Venedigs Schirme zu tragen, die aber nichts mit den luftigen, spitzenumflatterten Schöpfungen aus nnseren Tagen zu tun hatten, sondern einen Bezug von Leder und ein Gestell aus dicken Holzreifen aufwiesen. Allmählich wurde das Tragen von Schirmen in Venedig so üblich, daß selbst Reiter mit Schirmen bewaffnet waren. Von Italien kam der Schirm dann auch nach Deutschland, Ivo man bis dahin zum Schutz gegen den Regen vielfach Regentücher verwandt hatte, die in manchen Gegenden auch heute noch von der Land- dcvölkerung gebraucht werden. Die Dame des Rokoko hat neben dem Fächer auch eine zierliche Vornehmheit im Spiel mit dem Sonnenschirm ausgebildet. Doch erst am Anfange des 19. Jahr- Hunderts ist der Schirm ein wichtiges Moment der Toilette geworden, ja hat sich ausgebildet zu einem Symbol dieser ganzen Zeit. Als die Erregung der Freiheitskriege abgeklungen war, und in der Mettcrnich-Zeit die bürgerliche Engheit, die ängstliche Vorsicht und beschränkte Weltanschauung überall einzog, da kamen die großen Slockschirme auf, wahre kleine Gebäude an Geräumigkeit, mit großgeblümten Mustern geziert, in gemütlich apfelgrnnen und(ponccau) roten Farben. Unter einem solchen Regenschirm stand gleichsam ganz Deutschland und suchte sich gegen Donner und Blitz zu schützen und hatte ängstlich acht ans Ördentlichkeit und spieß- bürgerliche Gesinnung. Zur„Bürgerstunde" spazieren auf einem Ludwig Richterschen Holzschnitt, den dicken Schirm gewichtig in der Hand, die Herren nach Hause und die Damen in den weiten Röcken und den runden Hüten sind überhaupt nur auf dem Hintergrunde eines Schirmungetüms denkbar. Das war die Blütezeit des Schirms; heute ist er wieder stark bei der Toilette zurückgetreten und nur noch durch zarte Farben, durch kostbare Griffe und elegante Stöcke wird diesem einförmigen, unauffälligen Gegenstand Bedeutung und Wert geliehen.— Theater. Neues Königliches Operntheater.„Theodora." Drama in vier Aufzügen von Victorien Sardon.— Das alte, staubige, bei aller Raffiniertheit plumpe, historische Spektakel- Drama Sardous hat eine durch die Sarah Bernhard berühmt ge- wordene Paradcrolle. Die Figur der Theodora ist freilich gerade so oberflächlich zusammengeflickt wie alles Uebrige in dem Stücke, aber sie bietet durch die Buntheit wechselnder Kontraste einer virtuosen Schauspielkunst, der es nicht»in die Wahrheit des Gestalteten, sondern darum zu tun ist, sich selbst in Szene zu setzen, reichliche Gelegenheiten. Auch das kann bis zu gewissem Grade interessieren, der Elan einer souverän über alle AuSdruckSmittel gebietenden Darstellung hätte auf Augenblicke vielleicht sogar die triste Farblosigkeit der Sprache, das kalt Erklügelte in dem Zusammenhange der„Handlung" vergessen lassen. Aber die von der königl. Schauspieldirektion an- beraumte Vorstellung hatte nicht einmal diesen mildernden Ilmstand für sich. Frau L u i s e W i l l i g, der Gast aus dem Wiesbadener Hoftheater, blieb jede Ucberraschung schuldig. Sie sagte, was Sardou sagt, sagte es mit schauspielerischer Sicherheit, aber kaum irgendwo wuchs sie aus eigener Kraft über die Trivialität des Textes hinaus. Gleichmütig sah man sie den Verschwörer Marcellus mit der Haarnadel erdolchen, gleichmütig hörte man den Licbesnöten zu. Am frischesten waren noch die Farben in der Szene vor dem Löwcnkäfia. Da spürte man in ihrem Spiele etwas von den wilden lüsteni-grausamcn Instinkten der zum Byzantiner Kaiserthrone emporgestiegenen Zirknsdirne.— Auch die anderen Darsteller er- hoben sich nicht über das Mindestmaß; abgesehen etwa von Herrn Pohl, der im intercssant-karikierenden Stile den tückischen und feigen Kaiser Justinianns gab. Der edle Griechenjüngling Christians gemahnte in den Bewegungen der Arme öfter an Primaner-Anmut. Schade um die glänzenden Dekorationen! Ohne das Stück hätten sie besser gewirkt. Apathisch hielt das Publikum drei volle Stunden die Langeweile aus.— dt. oo. Bellc-Alliance-Theater.„Die Tu g e n d g l o ck e." Vaudeville-Posse in drei Akten, bearbeitet von Jean Kren und Alfred S ch ö n f e I d.— Aozcna Bradsky tanzte eine famose Duncan- Parodie; außerdem sang sie und Else WanolvinS ein paar gefällige Lieder, die an die besten Tage des llcberbrettls erinnerten. Was aber sonst noch geschah, das war vom Uebel. Irgend eine Märchen- republik war konstruiert worden, in der ein lüsterner Tattergreis von Präsident formell und seine liebedürstcnde Gemahlin in Wirklichkeit das Heft in Händen hat. Wird die Tugend dieser Dame gar zu heftig angegriffen, dann ertönt ein elektrisches Läutewerk an ihrem Körper und der besorgte Herr Gemahl darf den Feind vertreiben. Ans dieser hübschen Idee und mehr noch aus einer geschickten Veiulknng des Regiments der Republik„Südost-Carolina", das ssch in Ordensverleihungen, Deiikmalsenthüllimgen und anderem staats- erhaltenden Sport nicht genug tun kann, hatte sich gewiß ein Stück mit aktuellem Reiz fabrizieren lassen. Aber das schöne Gut wurde gar blöde verzettelt, und was die Berliner Bearbeiter ja noch wirkungsvoll herausgebracht hatten, das wurde von Darstellern zweiten Ranges sinnlos verwischt. So legte sich der Claque zum Trotz die Langeweile mit bleierner Schwere über den Premieren- Abend. Aus dem Gebiete der Chemie. is. Der S o n n e n st o f f auf der Erde. Das Element Helium, das in der Geschichte der Wissenschaft dadurch eine einzig- artige Stellung einnimmt, daß sein Vorhandensein auf der Sonne vermittels des Spektroskops weit früher entdeckt wurde als auf der Erde, ist doch auf der Erde gar nicht so spärlick, verbreitet. Zuerst wurde es in einigen seltenen, norwegischen Mineralien gefunden, dann auch in der irdischen Atmosphäre nachgewiesen, und jetzt kennt man schon eine ganze Reihe von Stoffen, in denen es enthalten ist. Auch die als Mutterstoff des Radium vielgenannte Pechblende birgt Helium in sich. Der Chemiker Moß hat jetzt eine besondere Untersuchung darüber angestellt, in welchem Znstande das Helium in der Pechblende vorkommt. Dazu wurde das Mineral pulverisiert und in einen luftleeren Raum gebracht. Es entwickelten sich Gase, die hauptsächlich aus Wasserdanipf bestanden, daneben aus Helium, Kohlensäure, Stickstoff und Sauerstoff in kleinen Mengen. Es ergab sich, daß die Gesanitmenge des im Mineral enthaltenen Heliums sehr bedeutend war und daß es in freiem Zustande, und zwar eingeschlossen in außerordentlich kleinen Hohl- räumen, darin aufgespeichert ist. Von anderer Seite ist Helium in einem grönländischen Mineral, einer Art von Flußspat, festgestellt worden. Ein Kilo dieses Stoffes ans Rotglut erhitzt, entwickelte etwa 800 Kubik- Zentimeter Gas, von denen 715 Kohlensäure waren, die übrigen 85 Wasserstoff, Kohlenoxyd, Kohlenwasserstoff und zu etwa einem Drittel Helium. Auch in diesem Mineral ist das Helium ent- weder in freiem Zustande oder in einer außerordentlich festen Ver- bindung enthalten. Andere grönländische Mineralien von ähnlicher Zusammensetzung und ein grüner Flußspat aus England, der durch eine blaue Fluorcscenz unter der Wirkung von Hitze ausgezeichnet ist, ergaben kein Helium.— Hninovistisches. — Vorsichtig.„Er hat geschrieben, ich wäre ein Kretin." „Sag ihm, daß Du ihm die Nase entzlveiboxen wirst." „Ja, das werde ich tun. Wo ist das Telephon?"— — Wohl beschlagen. In einer Predigt zitiert ein Rabbiner mit viel Pathos einen schönen Ausspruch und setzt hinzu:„Wie unser großer Dichter sagt." Nach dem Gottesdienst befragt, von wem denn der Spruch sei, meint er etwas verlegen: .. W e i ß i ch?"- — Bajuwarisches. Fremder:„Die Flagge 8. I. A. bedeutet wohl für Ihre Boote: Sturm im Anzug?" Nnderklub-Sportsman:„Na, dös hoast:„S o m in e r- b i e r is anzapftl"— („Jugend".) Notizen. — Eine neue Gesamtausgabe der Werke und Briefe Heinrich v. K l e i st s veröffentlicht Erich Schmidt demnächst im Verlage des Bibliographischen Instituts zu Leipzig.— — Von Otto Fischer, dem Verfasser des Schauspiels„Ein deutscher Bauer", wird noch im Laufe dieser Saison ein Liebesspicl „Aucassin und Nicobette" in Berlin zur Aufführung ge- langen.— — Skowronneks.Waterkant" hat im Deutschen Volkstheater zu Wien gefallen.— — Der„Generalkonsul", eine dreiaktigc Operette von Heinrich Reinhardt, ist dieser Tage im Münchener Gärtnerplatz- Theater und auch ini Carl Schnitze- Theater zu Hamburg unter Beifall über die Bretter ge- gangen.— — Der tapfere Nikolaus. In der in H ein e r(Kreis Iserlohn) erscheinenden Zeitung findet sich folgendes Inserat:„Den Bewohnern von Henier teile ich hierdurch mit, daß ich das Fräulein nicht habe kommen lassen, um es zu heiraten, sondeni um neu- gierigen Personen zu zeigen, daß ich, wenn es darauf ankommt, auch noch derjenige bin, eine Person zu heiraten, die an Schneid und Eleganz nichts zu wünschen übrig läßt. Gleichzeitig mache ich nocki bekannt, daß Sonnabend mittag 1.27 Uhr eine verbesserte Auflage folgen wird, und bitte alle, wieder pünktlich an der Bahn zu sein und aufs neue das Maul aufzusperren. Nikolaus Post. Wegcwärter."— — Die„Freie Volksbühne" bereitet eine Uraufführung von den„Juden" von T s ch i r i k o f f vor. Der russische Dichter ist als Dramatiker bisher deni deutschen Publikum unbekannt, sein Werk, das sich auf dem Hintergrund der Metzeleien in Kischinew aufbaut, noch nirgends aufgeführt. Die Vorstellung findet am 27. November im Metro pol-Theater statt.— Berantlvortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LrCo..BerlinLW.