Nnlcrhaltungsblatt des Horwärks Nr. 210. Dienstag, den 25. Oktober. 1904 lNach druck verböte».) 55] Die flucht. Von K. Bagrynowski. Ltuf einer kleinen Anhöhe in der Nähe brannte das Feuer; Eugenie saß daneben und rupfte Enten, Mutzja trug Holz zusammen, Nichorski lag auf einem Bärenfell und sah zum sonnigen, hellen, heiter lächelnden Himmel auf. Pjetroff, dessen Fuß noch nicht ganz geheilt war, vertiefte sich auch in den Anblick des Hinimels und behauptete, indem er sich bald von der einen, bald vor der anderen Seite von der sonne bescheinen ließ, er begriffe jetzt erst, wie recht die Lazzorini haben, wenn sie meinen, die größte Wonne sei, von arbeitenden Menschen umgeben auf der Bärenhaut zu liegen und nichts zu tun. Samuel, der sich neben Eugenie gesetzt hatte und ihr beim Rupfen half, ver- sicherte mit seiner tiefen Stimme, Arbeit adle den Menschen. Ein leiser Wind strich über sie dahin, die Wellen des Meeres murmelten, indem sie den besänftigten Fluß schmeichelnd aufnahmen, und aus der Ferne, von den sonnen- vergoldeten Sandbänken her, drang Möwengeschrei und das Geschnatter anderer Vögel an ihr Ohr; auf dem Eise in dem blauen Abgrund flammten immer häufiger grelle Blitze auf, die Sonne war im Begriif, die dunklen Wüsteneien der Erde zu verlassen und wandte sich dem Ozean zu. Die Jäger brachten eine Menge Eier mit. Sie hatten nicht ettvartet, daß ihre Beute so reich werden würde und daher keine Säcke mitgenommen. Nun kamen sie mit vollgestopften Stiefeln an, die ihnen über die Schultern hingen und mit Beuteln, die sie in der Eile aus ihren Hemden geniacht. Der Ueberfluß an Lebensmitteln rief große Freude her- vor. Selbst die Handwerker ließen ihre Arbeit im Stiche und kamen herbeigelaufen. Tie Eier hatten die verschiedensten Farben, Muster und Größen— ganz wie Ostereier; dtt; meisten waren grünlich, und einige davon so wunderhübsch, daß Eligenie iminer zögerte, wenn sie zum Zerschlagen ail die Reihe kamen. „Ich bitte ruir Rührei von vierzig Eiern aus. Alls weniger will mein Fuß nicht eingehen," rief Pjetroff. „Die Eier find für die Gesunden! Für die Kranken wird Kalkwasser aus den Schalen bereitet; das heilt wunder- bar!" sagte Samuel. Die Sonne war dicht über den Horizont gesimken und rollte rot und ungeheuer, wie das glühende Rad eines eisernen Wagens, im Nebel über's Eis. Ein tiefblauer Strich begrenzte das Meer dort, wo es an den Himinel stieß. Es lmirde kühl. Die arktische Sominernacht brach an, die erste Nacht, die sie an der See verlebten. Jan kmii, noch ehe sie sich zur Ruhe begaben, mit ein paar prachtvollen Lachsen herbei, die ins Netz gegangen waren, und die Verbauuten schliefen von Hofs- uung erfüllt ein. Sie schliefen lange, und die nicht vom Hininiel weichende Sonne wärmte sie mit ihren Strahlen._ Als sie aufwachten, war Mußja fort. Er hatte die beste Flinte und einen Blechkasten mit Zündhölzern initgcnommen und war verschwunden. Anfangs ließen sie sich iiicht allzu sehr davon beunruhigen, denn sie glaubten, er sei auf die Jagd gegangen. Aber als die Mittagsstunde kam und der Franzose immer noch nicht da war, schauten sie voller Schrecken in die graue, unermeßliche Tundra. Stumm und tot und grenzenlos lag sie in der Sonne da und war so glatt und eben, daß der klemste Strauch, der winzigste Strunk zum Baume, das jedes Grasbüfchel in den Strahlen der niedrig stehenden Sonne zum Haine wurde, der sich deutlich vom blaffen Himmel abhob. In einem llmkreise von zehn Werst hätte ihren Blicken nichts verborgen bleiben können. „Er ist womöglich ins Wasser gefallen oder ist auf dem gefrorenen Boden eines der vielen flachen Seen ausgeglitten und hat das Bein gebrochen!" meinte Arkanoff. Jan und Arkanoff machten sich auf die Suche. Vor allem kieß Jan Woronin und Gliksberg nach verschiedenen Seiten hingehen und die Feuerstätte mehrmals umkreisen, um Mußjas Spur aufzufinden und die Richtung, die er ciir- geschlagen hatte. Die Spur war bald endeckt, sie führte ins Innere des Landes unaekäbr nach der Richtung hin, in der Jan und Arkanoff gejagt hatten. Die Jäger folgten der Spur und verschwanden hinter einer Anhöhe. Sie kamen spät in der Nacht nüt Wildbret beladen, aber traurig zurück. „Wir sind bis an den Kanal gekommen, der unsere Jnsek von der benachbarten trennt. Die Spur führte ins Wasser und verschwand," berichtete Jan. „So viel ich weiß, kann Mußja nicht schwimmen," sagte Krassuski. „Vielleicht schwimmt er doch! Vielleicht wollte er nicht gesehen werden. Er ist ein wunderlicher Kauz! Ist der Kanal breit?" forschte Niehorski. „Er ist ziemlich breit. Wir wagten es nicht, jhn zu durch- waten." „Hm!... lind habt Ihr unterwegs nichts bemerkt, hat er irgend etwas getan?" „Er muß Absprünge gemacht haben, wie ein Hase. Ein- mal hat er geschossen. Wir haben eine leere Patrone gefunden und Entenfedern, die auf dem See schwammen. Er muß ins Wasser gegangen sein und sich ausgezogen oder am Ufer herumgewälzt haben, denn auf dem schleimigen und zer- stampften Moose Hab' ich viele Abdrücke von bloßen Füßen gesehen. Dann ist er übers Moos gegangen und hat immer die dichtesten Stellen gewählt, denn wir konnten die Spur nur mit Mühe auffinden; erst im Schlainm, am Wasser, ist er wieder tiefer eingesunken. Aber er hatte schon wieder Stiefeln an," erzählte Jan. „Aber er ist's vielleicht gar nicht gewesen, vielleicht war's eine fremde Spur? llnd er hat sich in einer anderen Richtung verirrt?" warf Alexandroff ein. „Das weiß ich nicht, ich kenne Mußjas Fuß nicht genau, aber es schien mir seine Spur zu sein. Er ist krummbeinig, kehrt die Haken nach auswärts und geht, als ob er lahmte," antwortete Jan. „Ich weiß wirklich nicht, was wir tun sollen?" flüsterte Jan. „Wir wollen bis morgen warten," rief Gliksberg. „Wenn das eine Insel ist, und er sich verirrt hat, dann muß er verhungern," fuhr Niehorski fort. „Wir können die ganze Insel durchsuchen. Es sind unserer so viele!" sagte Woronin. Die Nacht verstrich in der größten Aufregung. Niehorski sprang jeden Augenblick auf und bohrte die Blicke in den Horizont, um zu sehen, ob nicht die Gestalt Mußjas auf- tauche. Auch die anderen lüfteten dann ihre Decken und fragten. „Nun?" „Er kommt nicht! Ich sehe nichts." Früh am Morgen frühstückten sie hastig und gingen nach verschiedenen Seiken fort. Jan schickte Wonorin und Gliks- berg nach zwei entgegengesetzten Richtungen aus, die an der einen Ecke der Landzunge wieder zusammentrafen. Samuel! nahm den Weg in der Mitte zwischen beiden. Arkanoff be- schrieb Bogen zwischen Samuel und Gliksberg und Jan durchsuchte die Gegend zwischen Samuel und Woronin. Gegen Mittag kamen sie zurück. Sie hatten die ganze Jnsek durchforscht und außer den gestrigen Spuren nichts gefunden.� „Nun, ich Hab' etwas gefunden," sagte endlich Woronin, indem er ihnen eine kleine Messingpfeife reichte, die an einem kurzen, dicken Rohre angebracht war. „Warum sagst Du denn nichts!" rief Jan lebhaft, indem er die Pfeife ergriff. „Es ist eine jukagirische und muß vor kurzem geraucht worden sein, der Saft ist noch nicht eingetrocknet!" fügte er, sie aufmerksam betrachtend, hinzu.„Hast Tu sie weit von hier gefunden?" „Ja. An jenem Ende." „Bah! Das hat nicht viel zu bedeuten! Vielleicht lagen sie hier.".. „In diesen Tagen sind sie nicht hier gewesen, wir hatten sie dock sehen müssen," sagte Pjetroff. „Jedenfalls steht's schlimm. Sie müssen nicht weit von hier wohnen!" meinte Niehorski.„Aber was sollen wir machen? Es ist doch unmöglich, daß wir den dummen Kerl hier verderben lassen!" „Es wird ihm nichts passieren. Wenn er ertrunken ist, dann ist er nicht mehr da. Und wenn er sich verirrt hat. dann ist er nach jener Seite geschwommen, wird noch schwimmen, wo's nölig ist, und wird zu Fischern kommen! Er ist ein schlauer Fuchs und weit in der Welt herumgekommen!" sprach Jan. Niemand antwortete, denn keiner hatte den Mut, ihm ibeizüstimmen. „Wir wollen noch warten!" sagte Niehorsti nach einigem Nachsinnen. „Ja, aber jetzt ist uns der Wind günstig. Das Boot ist fertig! Wir könnten ein gntes Stück Weges zurücklegen," fccharrte Jan bei seiner Meinung. Der Wind strich in der Tat, der Sonne folgend, vom Lande her und kräuselte das Meer wie gestern. „Wißt Ihr, was ich Euch sagen will: wir lassen etwas Proviant zurück, etwas Pulver, Zündhölzchen und tun das alles in einen Blechkasten. Hat er sich auf der benachbarten Insel verirrt, dann wird er zurückkommen und die Sachen finden, und dann kann er's solange aushalten, bis er Fischer antrifft. Sie kommen sicher bis hierher; das beweist die Pfeife!" redete Jan lebhaft auf sie ein. Da sprang Woronin plötzlich auf und schrie laut: „Er ist da! Er ist da!"...Rauch!" Alle sprangen auf und wandten sich jener Seite zu. Fernab jenseits des Kanals stieg eine hohe graue Ranchsäule in die Luft. „Da ist er! Er gibt uns Zeichen. Warum ist der Esel nicht früher darauf gekonimen?" ereiferte sich Jan. „Nehmt den Nachen," sagte Niehorski zu Krassuski und Jan,„und ho�t ihn her. Und Ihr macht Euch sofort daran, das Boot zu laden," wandte er sich an die anderen. Es war schon Abend, als Jan und Krassuski endlich die Stelle erreicht hatten, von der aus sie zu Fuß auf den Rauch zugehen mußten. Sie zogen den Nachen ans Land und schritten rasch vorwärts, indem sie alle möglichen Drohungen gegen Mußja ausstießen. (Schluß folgt.) florian Geyer. Lessing-Theater. Tie Nainufsuhmng des„Florian Gcyer"-Dramas, das vor acht Jahren bei der Premiere ini Deutschen Theater nur einen ziemlich matten, von heftiger Lpposiiion umstrittenen Achtungserfolg errungen, gad Anlaß zu einer imposanten Demonstration für den Dichter. Nach jedem Akte brausender, minutenlanger Beifall, wieder und wieder mutzte Hauptmann erscheinen. Es war ein später, aber um so wärmerer Dank, ein Dank, glaube ich, der gewiß auch diesem einen Werke, mehr aber vor allem dem ganzen Lebenswerk des Mannes galt. Denn das scheint mir außer Frage: Wie hoch man immer die Treue des historischen Kolorits, die Kunst der sprachlichen Nachbildung, Kühnheit und Größe der Intention in diesem Drama werte, mit dem b e st e n, toas er geschaffen hat, läßt es sich nicht vergleichen. Dns Elementare, die einfache Geschlossenheit und ergreifende Symbolik der„Weber" blieb der neuen Schöpfung versagt. Im engen Bühncnrahmcn wollte Hauptmann daS Bild einer gewaltig ringenden Zeit, die furchtbare Tragödie des deutschen Bauernkrieges vor uns auferstehen lassen l— Lange schon, bevor die Reformation ein neues Element der Gärung in die Massen tvarf, waren da und dort im sudivestlichcn und südlichen Deutschland unter den entrechteten, vom Adel und der Geistlichkeit geschundenen Bauern Aufstände ausgebrochen. Geheime Brüderschaften,„der Bundschuh" und„der arme Konrad" arbeiteten an der Vcrenvigung. Und der revolutionäre Geist fand Widerhall auch in den Städten, bei den Gesellen und den verarmten Handwerkern. Wie heute die Sozial- dcmokratie mit den Interessen ihrer eigentlichen Träger, des indu- striellcn Proletariats, zugleich die Interessen aller Unterdrückten und die allgemeinen Interessen der Gesellschaft vertritt, so wuchs auf ihrem Höhepunkt auch die agrarische Klasscnbcivegung über die Beschränkung auf rein bäuerliche Forderungen weit hinaus. Ein Sieg der Bauern, stark genug, die Durchführung ihres Programms zu erzwingen, hätte sie selbst von der Knechtschaft, die Städter von dem Drucke des Patrizierrcgiincnts befreit, hätte die Reformation in den Dienst dcS politisch sozialen Fortschritts gestellt, die Macht der Fürsten gobrochen, oder doch zugunsten eines ganz Deutschland beherrschenden, aus breiter demokratischer Grundlage ruhende» Kaisertums wesentlich eingeschränkt. Die evangelische Lehre, nicht in der spiritnalistischcn, ausschließlich auf das Innenleben gerichteten Fassung Luthers— die, wie die Folge zeigte, sich den Bedürfnissen der Mächtigen vorzüglich akkomodiercn ließ—. sondern diese Lehre, gewissermaßen als Proklamation der Menschenrechte in religiöser Form, als Lehre„evangelischer Gleichheit", tvie die Stürmer und Dränger der Reformalion sie auslegten, gab den materiellen Bc- strebungen, dem treibenden Instinkt der Massen eine, die Einzel- ziele untereinander verbindende, sie verklärende und erhöhende, dem Volksbewutztsein angepaßte Ideologie. Im Schwarzwalde, wo Thomas Münzer das Nahen des tausendjährigen Reiches verkündet hatte, rührten sich die Bauern zuerst. Von hier aus nahm der große Sturm, der in dem Frühling des Jahres 1525 über Deutsch- land brauste, seinen Ausgang. Ueberallhin, nach dem Westen und Süden, flogen die Boten, die Forderungen der Bauernschaft, formuliert in den berühinten 12 Artikeln, zu verbreiten. Die Bauern wollen nicht mehr Eigenleute sein, nicht mehr die Fronden und Ab- gaben für Pfafs und Ritter leisten, sie verlangen für sich das uralte Recht der Jagd, des Fischfangs und der Holzung auf den ehe- maligen Markgeländen zurück, sowie freie Wahl des Predigers durch die Gemeinde, daß er„das Evangelium predige, lauter, klar. ohne olle menschlichen Zusätze". Vom Bodensce bis hinauf nach Augs- bürg und Ulm rottete sich, was„Stab und Stangen tragen konnte". zu wehrhaften Trupps zusammen. Die kleinen Städte traten dem Bunde bei. Auf Schwaben folgte Franken. Unaufhaltsam drangen die Aufständischen, denen sich der tapfere Florian Geher, selbst ein Adliger, mit einer Landskncchtschar,„dem schwarzen Haufen", an- geschlossen, vor. Schlösser und Klöster gingen in Flammen auf. Nach der Eroberung des Wcinsbergcr Herrensitzes unterwarf sich der ganze Adel im Odemwald. In Rothenburg wurde das alte Stadtrcgimcnt gestürzt und eine neue volkstümliche Verfassung ein- geführt. Heilbronn, Würzburg öffneten den Bauern ihre Tore. Einzig der Fraucnberg, die Feste des Würzburger Bischofs, die Geyer durch regelrechte Belagerung zu bezwingen hoffte, leistete noch Widerstand. Und weiter zog der Aufstand seine Kreise nach den österreichischen Alpcnländern, nach Hessen, Westfalen, bis ins Thüringische, wo die Bewegung in Thomas Münzer ihren feurigsten! Propheten besaß. Ihre umfassenden revolutionären Tendenzen haben in dem Heilbronner Verfassungsentwurs, der, im bäuerlichen Lager ausgearbeitet, dem Bevollmächtigten der Jnsurgentenhaufcn zur Bestätigung vorgelegt wurde, den klassischen Ausdruck gefunden. Die Güter der Geistlichen, verlangt der Entwurf, sind nach Abzug der ziemlichen Notdurft dem allgemeinen Nutzen zuzuweisen. Aus dem Ertrage mögen die Grafen und Herren für die Aufhebung ihrer feudalen Rechte entschädigt und der Nest dem Deutschen Reich an Stelle einer Steuer zugewiesen werden. Das Volk soll wieder sein altes heimatliches Recht und Gericht, Gemeinde und Stadt eine Reform„nach göttlichem und natürlichem Recht und christlicher Freiheit" erhalten. Es wird gleiche Münze, gleiches Maß und Gc- wicht für das ganze Land, Friede und Sistierung des Handels. Schutz gegen Wucher und die Uebcrgrisfe der großen Monopol- gesellschaften gefordert. Jahrhunderte politisch sozialer Misere hätte die Verwirklichung dieser kühnen Ideen dem deutschen Volke sparen können I Aber schon hatten sich die reaktionären Mächte zum ver- nichtenden Schlage gesammelt. Luthers wutschnaubende Schrift wider die mörderischen Bauern gab das Signal zum Angriff. Die Fürsten machten mobil, Landgraf Philipp schlug die Scharen Münzcrs bei Frankenhausen aufs Haupt und nahm viehisch grausame Rache; in Lothringen metzelten die Söldner des Herzogs 18 000 waffenlose Bauern, denen freier Abzug versprochen war, nieder, in Württemberg siegte der schwäbische BuiideShauptmann bei Böblingen und nun rückten die blutgierige» Haufen nach Franken ein. Ein undisziplinierter Ansturm auf den Fraucnberg, in der Abwesenheit und wider den Befehl Florian Geyers unternommen, hatte die Kräfte der Belagerer schon erschöpft. Der Glaube war gewichen. Die Insurgenten, die sich a'n der Tauber dem Truchsetz gegenübergestellt. ergriffen die Flucht und wurden zu Tausenden niedergestochen. Auch Geyer konnte nichts mehr retten, er wußte es. Aber er blieb auf- recht bis zum letzten Atemzuge. Heldenhaft hat er und seine Rothen- burcher sstuvarze Schar, des sicheren Todes gewiß, sich bei den Jngol- städter Schanzen mit dem übermächtigen Feind geschlagen. Sie fielen, wie es einer großen Sache ziemt. Das Schicksal hatte entschieden. In wenigen Monden war überall in Teutschland die Saat, aus welcher eine bessere Zukunft hätte sprießen können, verbrannt, zertreten, aus- gerauft von der brutalen Gewalt. Indem Hauptmann eine Episode aus dem fränkischen Aufstande Ivählte, wollte er in ihr. durch sie zugleich das mächtige Ganze der Bewegung widerspiegeln. Das ist das Große, Kühne in dem Plan. Aber den Widerstand, den die unendlich vielgestaltige Kompliziertheit des Geschichtlichen der dramatischen Formung entgegensetzt, hat er nicht zu überwinden vermocht. Die Fülle der Gestalten der Er» Zählungen und Nachrichten wirkt öfters drückend und verwirrend. Es war unmöglich, das alles umzusetzen in lebendige, gegliederte Handlung. Er ivollte es wohl auch gar nicht. Ganz lose knüpfen sich die Szenen aneinander. Die Bauern, die den Fraucnberg belagern— das etwa ist der Inhalt des ersten Aktes— weigern sich, Florian Geyer die Kriegs- leitung zu übertragen und der Besatzung der Feste freien Abzug zu gewähren. Der zweite Aufzug führt uns nach Rothenburg, wohin Florian Geyer, dem bäuerlichen Kricgsrat gehorsam, gezogen ist, um die Geschütze der Stadt für die Beschießung der Würzburger Feste einzuholen. Nach einigen bewegten Szenen, die das Volkstreiben in einer Rothenburger Schenke anschaulich schildern, kommt endlich die Schreckensnachricht, daß die Würzburger, trotzdem sie Florian Geyer eidlich versprochen, die Ankunft der Geschütze ruhig abzuwarten, blind fanatisiert einen Sturm auf die Burg unternommen haben, von dem sie mit blutigen Köpfen heimgeschickt sind. Andere Unglücksbotschaftcn folgen. Florian Geyer ist über den blöden Wortbruch, durch den alle Siegcshoffnungen seines Feldherrngeistcs durchkreuzt sind, aufs äußerste ergrimmt. Er, der noch eben in einer kühnen Ansprache das Volk begeisterte, läßt sich von seinem Liebchen den Panzer abschnallen und will die so schnöde verpfuschte Sache verlassen. Im nächsten Akt treffen wir ihn jedoch wieder in Schweinfurt, wohin die Aufständischen einen Landtag entboten haben, zu dem aber die Gegner, die nach er- neuten Siegen jede Unterhandlung zurückweisen, nicht erschienen sind. Er kanzelt die fanatischen und wortbrüchigen Führer, die das Würzburger Unglück verschuldet haben, gebührend ab. Neue Hiobs- Posten folgen. Aber Geyer bleibt uncrschüttert, er will dem Tode trotzen. Ter vierte Akt hat wiederum die Rothenburger Schenke zum Schauplatz, in der nächtlicherweile sich die versprengten Rebellenführer versammeln. Diese Szenen sind außerordentlich stimmungsvoll. Florian Geyer, der einen Augenblick in Wein und Liebe seinen Schmerz vergessen wollte, reitet zum letzten Kampfe mutig aus. Der Schlußakt spielt auf den« Schlosse von Florian Gehers Schwager Grumbach. Der verbirgt den Rebellen, der mit dem Schwerte in der Faust sich durchgeschlagen hat. Geyers Versteck wird den Rittern, die ihren Sieg, die Hetzjagd auf die fliehenden Bauern, in wüsten Orgien feiern, verraten. Stolzen Hauptes, hohnlachend, als sie fordern, er solle sich ergeben, steht der zum Tode Erschöpfte ihnen gegenüber. Auch jetzt noch scheuen sie sein Schwert. Ein Arm- brustpfeil streckt ihn zu Boden. Heldenhaft wie der geschichtliche ist Hauptmanns Florian Geher ein prachtvolles Bild männlicher Kraft, aber wie man aus dem Ge- rippe des Stückes sieht, darum nicht zugleich auch ein„dramatischer Held". Fertig tritt er vor uns hin gleich in dem ersten Akt. Wir sehen nicht, was doch das psychologisch Bedeutsamste wäre, welche Wandlung den schlichten, gar nicht grüblerischen Kricgsmann, in adligem Vorurteil wie die anderen auferzogen, der großen und ge- rechten Bauernsachc zugeführt hat. Kein Konflikt spannt seine Seele, und kaum irgendwo greift sein Handeln eigentlich entscheidend in den Ablauf der Begebenheiten ein. Die Dinge gehen ihren Gang, und er, da sein Wille nicht durchdringt, steht gewissermaßen außerhalb, begleitet sie mit seinen Stimmungen und Reflexionen. So wenigstens ist das Verhältnis in den beiden Mittelakten. Historisch mag das stimmen, aber das Interesse an der Figur wird dadurch außer- ordentlich abgeschwächt. Die Massenszenen bieten hierfür nicht Ersatz, auch in ihnen lebt kein starker dramatischer Pulsschlag. Die bloße Schil- dcrung, freilich eine sehr kunstvolle Schilderung, überwiegt. Charakte- ristisch ist es, daß wie die Bauernführerschast des Florian Geyer, so auch der Aufstand als ein Fertiges uns unvermittelt vor- geführt wird; auch hier würde vor allem die Entstehung uns auf der Bühne interessieren, viel mehr als der Streit und die Beratungen der Hauptlcute. Als sehr zweckmäßig erwies sich bei der Aufführung, daß man das Vorspiel auf der Feste Fraucnberg gestrichen, so dauerte das Spiel nicht über die Grenzen eines gewöhnlichen Theaterabends hinaus. Aber die Leichtigkeit, mit der die Amputation sich vornehmen ließ, zeigte wiederum, wie lose das dramatische Gefüge. Die Aufführung im Lessing-Theater war ausgezeichnet; obenan stand R i t t n e r als Florian Geyer, waffentlirrend, jeder Zoll ein Mann, gleichmäßig überzeugend im Ausdruck der ruhigen und der erregter. Kraft. Wie schmetternde Fanfaren klang die Stimme in den Akomcnten der Leidenschaft. Bassermann gab in der Rolle des Hauptmann Tellermann ein wunderbar fein ausgeführtes. farbenreiches Kolorit. Tie fanarische Rede des blinden Mönchs in Rothenburg, von Reicher vorgetragen, wirkte erstaunlich uaturwahr. Dies waren unter vielen guten die hervorragendsten Leistungen.— Conrad Schmidt. Kleines feuilleton. — Zwei Sittenzeugnisse für Georg Herwegh. Wir lesen in der «Züricher Post"? Der junge schwäbische Poet war zu Ansang seines ersten Züricher Aufenthaltes mit Geldmitteln dürftig versehen;� oft reichten sie kaum aus. den Eintritt in daS Lesezimmer zu bestreiten. Dem Armen steckte der Schauspieler Gerstel zuweilen einen Taler zu und dann kam ihm auch die Generosität FollenS zugute. Saßen sie beisammen im Cafü littöraire, zog dieser selten die reich gespickte seidene Börse, ohne sie jenem zu präsentieren mit den ermunternden Worten:„So nimm Dir doch. Georg I" Und Georg griff zu— immerhin mit einiger Schüchternheit, die später sich verlor. Kurz vor seiner Ausweisung ivar er dann in einen, Preßprozeß so freund- lich, die Autorschaft für einen Artikel zu übernehmen, welchen Fallen verfaßt hatte. Da Heriveah sich zu Äugst im Baselland ums Bürgerrecht be- lvarb, war er bereits mit einer reichen Berlinerin verlobt und die Beschaffung der von den Bauern verlangten 600 Franken verursachte keine Mühe. Aber er sollte auch„Schriften" vorlegen und als württembergischer Deserteur besaß er mchtS als seinen Tausschein und zwei gute Atteste über sein Züricher Leben. Das erste, vom Genieinderat Enge unterm 26. Januar 1843 ausgestellt, lautete: „Herr Georg Herwegh von Stuttgart hat vom Mai 1346 bis Mai 1841 in hierseitiger Gemeinde gewohnt nnd durch sein rühm- volles Bettagen gegen Jedermann einen sehr guten Leumund er- warben, welches pflichtschuldigst bescheint: Präsident Streuli; Sekretär Schellenberg." Und die Behörde von Hottiugcn ließ sich zu gleicher Zeit ver- nehmen: „Dem Herrn Georg Herwegh aus Stuttgart, welcher vom Mai 1841 bis September 1842 in hiesiger Gemeinde sich aufgehalten hat, wird zun, Behuf seiner Einbürgerung in der Schweiz u, jeder Be- ziehung ein günstiges Leumundszeugnis erteilt." D,e 600 Fr. fiir Angst und die 500 Fr. Staatsgebühr wurden auf der Staatskanzlei in Liestal rasch depomert. doch dauerte es ver- dächtig lang, bis die Ausiiahme perfekt war. Einige Matadore sträubten sich in einer Art. welche vermuten ließ, sie seien von Basel aus aufgehetzt. Dort hatte niau einen Zahn auf„Ritter Georg"... de. Wie Sne's„Geheimnisse von Paris" entstanden. Im «Journal d'un Vaudevillifte" gibt Ernest Blum einige Anekdoten aus dem Leben Eugen Sue's zum Besten:„Als Sue eines Abends von einem Ausflug in das„dunkelste Paris", in die berüchtigsten Spelunken und Gassen der Großstadt nach Hause zurückkehrte, kam ihm der Gedanke, seine Eindrücke zu einer kleinen Novelle zu ver- arbeiten. Er hatte eben eine kurze Erzählung niedergeschrieben, als sein Freund Goubaux, der sein ganzes Leben hindurch ihm ein guter Kamerad, lveiser Ratgeber und Mitarbeiter bei Theaterstücken war, zu ihn, kam und die Novelle las. „Du," sagte er,„das mußt Du länger machen, mehr ausdehnen. Versuch das mal!" Sue versuchte es und er versuchte es so ausgiebig, daß die Novelle zu einem Roman von acht bis zehn Bänden wurde, dessen Erfolg ungeheuer war. Er erschien zuerst im Feuilleton des „Debats" und versetzte ganz Paris in Ausregung, ja mehr noch ganz Frankreich, die ganze Welt; in alle Sprachen wurde der Roman übersetzt, selbst ins Hebräische von einem begeisterten polnischen Juden." Auch Blum vertiefte sich als Knabe in die aufregenden Szenen des Romans, doch vierzig Jahre nachhermachte ihm Caillard den Borschlag, eine neue Bearbeitung der„Geheimnisse" fürs Theater zu unternehmen, da die erste keinen Erfolg gehabt hätte.„Mit dem Aplomb und der Frechheit, die meine beiden vorzüglichsten Reize sind— eine Liste der zahlreichen anderen will ich geben, wenn die Damen es von mir verlangen werden— machte ich mich ohne Zögern«es Werk. Und als ich mit dem Buch allein war, da hatte ich, ich muß es bekennen, ein Gefühl stolzer Freude, daß alle die Gestalten, die die Träume meiner Jugend belebt hatten, nun noch einmal durch meine Feder Leben erhielten, die unglückliche Marien-Blume, der treffliche Rudolphe, der entsetzliche Schulmeister, der Notar Jacques Ferrand und auch der gute M. Pipelet. Und ich sagte mir:„Alles wird schon gehen I" Abgesehen natürlich von dem, was nicht geht, denn es gibt eine ganze Menge Dinge, auf die ich bis jetzt ver- gebens gewartet habe. M. Pipelet, dessen Name ja noch heute ein Gattungsbegriff ist ftir die ganze ehrsame und nützliche Klasse der Portiers, war eine historische Persönlichkeit. Es lebte in der Rue Taitbout ein Pförtner, der sich so nannte, und der die Zielscheibe für unzählige Verulkungen und Späße wurde, die die Gesellschaft junger Leute, zu denen Sue da- mals gehörte, mit ihm aufführte. Der Führer der Bande. Romieu, schlenderte eines Tages die.Rue Taitbout hinunter und sah den Portier, der ihm gefiel. Er klopfte ans Fenster und sagte freundlich: «Guten Tag, Herr Portier!"„Ergebener Diener," erwiderte ftcund- lich Herr Pipelet.„Wie ist heut Ihr Befinden?"„O danke, recht gut." Wie geht's der lieben Frau?"„Danke, danke I"«Und dem Fräulein Tochter?"«Ich habe keine Tochter."«Also, was macht denn dann Ihr Hündchen?"«Ich habe keinen Hund. Aber darf ich ftagen, was Sie zu mir fiihrt?"„O nichts. Aber es steht doch groß und deutlich an der Tür zu lesen:„Anftagen an den Portier", und da habe ich eben angeftagt." M. Pipelet wurde unglücklicherweise, anstatt über den Witz zu lachen, wütend, beleidigte Ronneu und drohte ihm mit seinem Besenstil. Infolgedessen zog er sich von da an eine Reihe von derarttgen Besuchen zu, die ihm die zahlreichen Mitglieder der Bande machten. Er hatte nämlich eine Glatze, so blitzblank wie eine Billardkugel; da stellte sich ein Besucher bei ihm ein, klopfte ihn heraus und sagte mit einschmeichelnder Stimme: „Wollen Sie mir einen Gefallen ttm, Herr Portier? Dann schenken Sie mir doch eine Locke von Ihrem Haar." Ein zlveiter kam und hatte das gleiche Anliegen, es kam ein dritter. Pipelet war außer sich, den Besenstiel hielt er fortwährend hiebbereit in der Hand, doch die Spaßvögel waren auf ihrer Hut und brachten sich schnell in Sicherheit. Nur ein ahnungsloser Bekannter, den Sue mit gleicher Bitte zu dem Portier hinschickte, wurde von dem wütenden Pipelet in seine Loge gelockt und furchtbar verbläut."— Geschichtliches. Das Geheimnis von Ingo. Der„Jramfurtcr Zeitung" wird aus Kopenhagen geschrieben: An der äußersten Grenze Norwegens am Eismeer findet sich auf Fruholmcn bei Ingo der nördlichste Leuchtturm der Erde. Eine romantische, aber auf historischen Tatsachen beruhende Geschichte ist mit ihm verknüpft. Im Jahre 1630 kam ein dänisches Kriegsschiff nach Ingo mit einem Brief vom König Christian IV. an den Gouverneur der Insel; in diesem Brief wurde ihm mitgeteilt, daß der König ihm eine Frau an- vertraue, die'verurteilt sei, den Rest ihres Lebens auf der öden Insel zu verbringen. Doch sei es ihr erlaubt, eine Wohnung nach ihrem Geschmack aufzuführen, und hierbei solle der Gouverneur ,hr behilflich sein, llebrigens solle sie in strenger Einsamkeit leben und dürfe nur an Feiertagen, wenn sie die Kirche von Jngö besuchen wolle, ihre Wohnung verlassen. Die Diener, die sie mit sich führe« sollten immer bei ihr bleiben und hätten einen Eid geschworen, den Namen und Stand ihrer Herrin niemals zu verraten. Ties Iva« ier Inhalt des Schreibens. Auf dem kleinen Fruholmcn, dicht beim Nordkap, wurde diesem Befehle gemäß eine bequeme Wohnung auf- geführt, wo die Unbekannte, die über bedeutende Geldmittel der- fügte, S5 Jahre hindurch ein freudenloses Dasein verbrachte, ohne jemals mit der übrigen Welt in Berührung zu kommen. Man nannte sie die„dänische Dame" und ihre Wohnung erhielt den Namen„Fruholmen". Niemals ist ihr Name und ihr Vergehen bekannt geworden.— Astronomisches. ss. Die Größenverhältnisse und die E n t f e r- nu n g e n in dem von Himmelskörpern ausgefüllten oder, richtiger gesagt, durchstreutcn Weltall sind so ungeheuer, daß unser Begriffsvermögen selten dazu ausreicht, eine gewisse Vorstellung da- von zu gewinnen. Eine Kugel von gegen 13 Olli) Kilometer Durch- Messer wie unsere Erde erscheint uns schon nur unbestimmt als ein riesenhaftes Ding. Und doch verschwindet auch diese Größe im Ver- gleioz zu anderen innerhalb des Sonnenshstems. Was will sie be- deuten gegen die 150 Millionen Kilometer des mittleren Abstandes der Sonne von der Erde, und was wollen wieder diese bedeuten gegen die Entfernung des äußersten Planeten Neptun von der Sonne mit 4500 Millionen Kilometern. Man war schon seit langem bestrebt gewesen, solche Entfernungen dem Verständnis gewissermaßen greif- bar näher zu bringen. Nehmen wir an, die Sonne wäre dargestellt durch eine Kugel von zwei Fuß Durchmesser, die auf einem ebenen Boden läge. Man würde von dieser Kugel etwa 65 Meter zu gehen und dann eine Erbse fallen zu lassen haben, die die Erde bedeutet. Gehen wir etwa 400 Meter weiter und legen eine Apfelsine von mäßiger Größe nieder, so haben wir den Jupiter. Wenn wir aber zum Neptun kommen wollen, so müssen wir etwa IM: Kilometer weiter wandern und eine kleine Pflaume hinlegen. Die zwei Fuß große Kugel würde dann freilich selbst dem schärfsten Auge längst verschwunden sein. Das Licht reist mit der vollkommen unvorstell- bare» Geschwindigkeit von mehr als 300 000 Kilometern in der Sekunde. Trotzdem würde das Signal eines Heliographen über Stundclr brauchen, um von einem Punkt der Neptunsbahn zu dem entgegengesetzten zu gelangen. Und wieder sind doch all diese Entfernungen des Sonnenshstems nur geringfügig im Vergleich zu denen im weiteren Wcltrauni. Da der mittlere Durchmesser unserer Erdbahn etwa 310 000 Kilometer beträgt, so sollte man erwarten, daß wir von der Erde aus die Fixsterne nicht an derselben Stelle erblicken, wenn die Erde etwa am längsten Tage an einer Stelle ihrer Bahn steht und am kürzesten Tage am entgegengesetzten Ende. Dennoch sind die Fixsterne so ungeheuer weit von uns entfernt, daß diese Ortsveränderuug der Erde um mehr als 300 Millionen Kilo- mctcr auf die Stellung der Fixsterne für unser Auge gar keinen Einfluß ausübt. Nur bei einigen Sternen ist es mit den aller- schärfsten Fernrohren, und auf Grund der genaueste» Messungen und Berechnungen, möglich gewesen, eine geringfügige Verschiebung im Laufe des Erdjahres festzustellen. Das kann nicht überraschen, wenn man bedenkt, daß der dem Sonnensystem nächstsrehende Fixstern 375 OOOmal weiter entfernt ist als die Erde von der Sonne, und noch etwa 0150mal weiter als der Neptun von der Sonne. Wenn man die ganze Bahn des Neptun in einem Kreise von zwei Fuß Durch- mcsser darstellt, so würde man von dessen Mittelpunkt noch fast drei Kilometer zu gehen haben, bis inan auf die Stelle jenes nächst- gelegenen Fixsterns träfe; und wenn man sich das ganze Sonnen- shjtem in eine Kugel von der Größe eines Schrotkorns eingeschlossen dächte, so würde die Entfernung dieses Fixsterns im Verhältnis noch immer l 1 Vj Meter betragen. Die meisten Fixsterne aber sind noch wenigstens lOmal und viele von ihnen möglicherweise lOOmal weiter entfernt. Den ungeheueren Raum dazwischen denken wir uns mit einem äußerst feinen Stoff, dem Wcltäthcr, erfüllt. So fein ist dieser Aether, daß eine Menge, die den Raum der Erdkugel erfüllte, nur etwa 22 Gramm wiegen würde und daß er auf einem Raum, innerhalb dessen die gewöhnliche Luft 17 Milliarden Moleküle ent- halten würde, nur ein einziges aufzuweisen hätte.— Technisches. y. Bau einer Bah»durch einen 41 Kilometer breiten See. Die in Amerika zuerst gebauten Eisenbahn- linien sind meist mit dem Bestreben möglichst schneller Herstellung entstanden. Daher sind denn auch bei diesen Anlagen zeitraubende Kunstbauten vermieden worden. Diese und noch andere Gesichts- punkte lassen es erklärlich erscheinen, wenn man heute in Amerika die Verbindung vieler Orte durch kürzere Linien in die Wege leitet. Das früher zu Gebote stehende Kartcnmaterial für den Bau von Wahnen war natürlich auch sehr mangelhaft und gestattete gewöhnlich keinen Einblick in die Geländeverhältnisse zur Festlegung der besten Trace. � Sicher hat auch seinerzeit die amerikanische Regierung damit einen Fehler gemacht, daß sie vielen Eisenbahngesellschaften pro Kilometer Bahn Gcldzuschüsse und Geländcstrcifen gab, so daß dadurch die Unternehmer nicht genügend interessiert waren, möglichst kurze Bahnstrecken zur Verbindung der verschiedenen Orte unter- einander zu bauen. Zurzeit baut man nun die im Jahre 1869 in Betrieb ge- nommene Linie von San Francisco über Ogdcn nach Omaha so um, daß nicht nur die Zahl der Krümmungen vermindert, sondern daß auch die höchste Steigung von 1,7 Proz. auf 0,4 Proz. er- mäßigt wird. Das Wichtigste bei diesem Umbau ist aber, daß die bisher 600 Kilometer lange Linie auf 513 Kilometer verkürzt wird. Bisher ging nmnlich die Linie um den Großen Salzsee am nördlichen Ufer herum; da hierbei verschiedene Höhenzüge über- schritten werden müssen, so erklären sich die schon erwähnten hohen Steigungen, die wieder dazu führen, daß die Züge mehrere Lokomo- tiven erfordern. Die wesentliche Verkürzung der Bahnlinie wird durch die Durchquerung des Großen Salzsees ge- Wonnen. Abgesehen von einer Strecke von 7 Kilometern, die auf das nördlich vorspringende Vorgebirge entfallen, muß der See in einer Länge von 41 000 Metern durchquert ioerden. Diese Aufgabe wird allerdings durch die meist sehr geringe Tiefe von etwa 2,5 Meter dieses Wassers erleichtert, das nur in der westlichen Bucht Stellen bis zu 11 Meter Tiefe besitzt. Die Turchqucrung des Sees wird ferner dadurch begünstigt, daß eine nennenswerte Schiffahrt nicht vorhanden ist. Der Brückenbau wird in der Weise hergestellt, daß in das Bett des Sees in Abständen von 4,60 Metern Joche aus Pfählen ge- rammt werden. Diese Stützpunkte werden durch Balken verbunden. Auf den Balken kommt eine Bohlenschicht zu liegen, die mit Asphaltpappe abgedeckt wird. Das Gleis wird in einer Kiesschüttung verlegt, die gleichzeitig Schutz gegen etwaige Entzündung des ge- samten Holzbaues geben soll. In dieser Weise wird aber der See nur vorläufig durchquert werden. Später soll er im Lause von vier Baujahren mit Hülfe eines Dammes, der nur in der Mitte eine Strecke von größerer Wasscrtiefe frei läßt, durchzogen werden. Dieser Damm wird dann einfach in der Weise hergestellt, daß der See in der Brückenlinie zugeschüttet wird, wobei die alsdann ein- gebetteten Pfeiler dem Damm auf dem moorigen Secgrunde den nötigen Halt geben werden. Zur Bauausführung selbst, bei der 3000 Menschen tätig sind, werden in weitgehendster Weise Maschinen bc- nutzt. Damit im Interesse eines recht schnellen Baufortgauges auch des Nachts gearbeitet werden kann, ist elektrische Beleuchtung der Arbeitsplätze eingerichtet worden.— Hninoristisches. — E i n junger Zweifler. Der fünfjährige Wolf flunkert. Die Mutter ermahnt ihn, stets die Wahrheit zu sagen,— Iver lüge, dem wackele die Nase! Wolf antwortet:„Mutter, lüg Du mal,— ich will mal sehn, ob Deine Nase wackelt!"— — Der„vornehme" Lump.„Die ganze Lebenskunst für unsereinen besteht darin, bei all seinen Lumpereien satisfaktions- fähig zu bleiben I"— — Originelle Aushängeschilder in Berlin N. 1. Hier werden Personen und andere kleine Fuhren gefahren I 2. Kar- und Pantoffeln. 3. Heringe, Kartoffeln und andere Südfrüchte; 4. Sämtliche Holzarten moderntesten Stils; Bestellungen prompt!— („Jugend.") Notizen. — Arno Holz und Oskar Jerschke teilen mit, daß ihr Stück„T r a u ni u l u s" am Wiener B u r g t h e a t e r in derselben Form gegeben werde, wie am Lessing-Theater.— —„D i e große Leidenschaft", Lustspiel in drei Akten von R a o u l A u e r n h e i m e r ist vom Deutschen Schauspiel- Haus in Hamburg und vom D e u t s ch e n V o l k S t h e a t e r in Wien angenommen worden.— — D a u d e t s Drama„S a p p h o" gelangt denmächst in New Dork in hebräischer Sprache zur Aufführung,— —„T s ch i n g B n m", eine neue Operette des Kapellmeisters W e n d l a n d wird im Zentral-TheoAhr ihre Uraufsührung erleben.— — Die Große Berliner Kunstausstellung 1904 weist einen Reingewinn von mehr als 100 000 M. auf.— — Von dem Berlage B. G. T e u b n e r in Leipzig sind uns zwei neue Künstler- Stein Zeichnungen zugegangen: „H e r b st im Land" von Walter Strich-Chapell und „Der Säemann" von H e l l m u t Eichrodt. Das erste Blatt kostet 6, das andere 5 Mark.— — Fuchs plage in England. In einer der nördlichen Gegenden Englands, im Süden von Wcstmorcland und den an- grenzenden Revieren von West-Riding in Uorkshire, herrscht, wie der„Daily Graphic" berichtet, gegenwärtig eine große Fuchsplage. Bekanntlich werden die Füchse in den nördlichen Grafschaften von England, wo viele Hindernisjagden geritten werden, nicht nur ge- schont, sondern sogar auch künstlich gezüchtet und dann ausgesetzt. Es gibt daher Gegenden, in denen sie so bedeutenden Schaden an- richten, daß sowohl die Landwirte wie auch die Jäger ganz außer- ordentlich klagen, und mit vollem Recht.?lls alle Borstellungen an maßgebender Stelle nichts halfen, und jeder die Füchse zu ver- leugnen suchte hat sich nun schließlich eine Gesellschaft zusanimcn- getan, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Füchse auf alle er- dcnkliche Weise auszurotten. In über hundert verschiedenen Jagd- reviercn und Mooren sind durch die Füchse Grousehühner, Rcb- Hühner und Fasanen in Unmengen getötet worden, junge Lämmer und eine Menge Geflügel hat natürlich ebenfalls daran glauben müssen. Nunmehr sind Preise für die Vernichtung der Füchse aus- gesetzt worden, die von 10 Schillingen für das Stück bis auf 20 Schillinge hinaufgehen.— Werantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Sincier L:Co.,Verlin L>V.