AMeryauungsMatt des Vorwärts Nr. 211. Mittwoch, den 26. Oktober. 1904 lNachdmck verboten.) S?) Oie fluckt. Von K. Bagrynowski. ( Schluß.) „Nns allen so viel Knmmer und Sorgeil zu machen uiid soviel Zeit zu rauben! Und alles nur, weil er sich in den Kops gesetzt hat, zu Fuß nach Amerika zu laufen!" brumnite Jan. „Und wenn er sich wirklich verirrt hat?" „Fällt ihm nicht ein! Ich kenne ihn! Und die Zündholz- büchse? Der Galgenstrick! Wahrhaftig, Sie müssen mir die Hand festhalten, Kamerad, wenn ich ihn sehe, sonst setzt's was!" ftrassuski war auch ärgerlich, er schiittelte zwar ver- neinend deil Kopf, aber er blickte finster vor sich hin. Die Soilne stand niedrig und wärmte nicht. Ein kalter, heftiger Wind blies vom Meer. Die Gegend, die sie passieren mußteil, war ein verschlungenes Labyrinth von langen, morastigen Landzungen, Teichen und seichten Sümpfen, die durch niedrige, beniooste Erdstriche voneinander getrennt waren. Um nicht durch kaltes und stellenweise tiefes Wasser zu waten, mußten die Jäger oft weite Bogen machen. End- lich wurden sie eine kleine, trockene Anhöhe gewahr und gingen auf dieselbe zu, lim sich in der Umgegend zu orientieren. Schon von weitem wurden sie von einer großen Möwen- schar, die den Hügel umkreiste, init lautem Geschrei empfangen, und als sie näher kamen, drang der ganze Haufen furchtlos auf sie ein..Ein merkwürdiger Anblick— eine richtige Vogelstadt— bot sich ihnen dar. Dicht aneinander gedrängt lagen dort Tausende von Nestern, die aus Gräsern und Zweigen er- baut waren, und darauf saßen ganze Legioilen von Vögeln, die beim Anblick der Jäger nicht die geringste Furcht äußerten? ihre Schnäbel waren alle den trockenen, festgetretenen Gasse» zugekehrt, die an den Nesterviertelll entlang führten. Auf den Gassen marschierten Schildwachen hüpfend hin und her. Die Jäger blieben stehen, denn es tat ihnen leid, die Nester zu zerstören und die Eier zu zertreten,— übrigens hatten sie auch keine Zeit, sich lange zu besinnen, denn immer größere Haufen von Möwen drangen auf sie ein. Die Vögel hoben die Flügel und flatterten behende auf ihre Köpfe nieder und bedrohten sie mit Schnäbeln und Krallen. Von den Gewehr- kolben verscheucht, beschrieben sie Bogen in der Luft und flogen «uf, uni wieder auf die Feinde niederzustoßen. Ihre Krallen hatten Jans Mütze und Schultern schoi� mehrmals berührt. Das durchdringende Geschrei und das Schlagen der Flügel regten die Jäger auf und hinderten sie an einer freien Umschau. Um sie zu verscheuchen, feuerten sie ihre Flinten ab. Aber das b.'rschliminerte ihre Lage noch. Mit unbeschreib- lichem Lärm, Kreischen und Rauschen erhob sich der gefiederte Schwärm und flatterte um die Angreifer herum. Was be- deuteten ein paar erlegte Möwen diesen Tausenden gegen- über? Mit gekrümmten Rücken flohen die Jäger, und die Vögel hackten mit den Schnäbeln nach ihnen und schlugen mit den Flügeln an ihre Schultern. Endlich ließ der Lärm nach und der Schatten des dichten Schwanns über ihren Köpfen wurde durchsichtiger. Nur noch ein kleiner Haufe der eifrigsten Verfolger flatterte ihnen nach oder umkreiste un- ruhig den Hügel. „War das aber ein Sturm!" lachte Jan.„Wartet, wir werden schon wiederkommen. Dann wird Euch Mußja aus- geliefert und wir nehmen einen Haufen Eier mit! Weißt Tu, Krassuski, wir wollen die Stiefel ausziehen und direkt durchs Wasser gehen, sonst dauert's noch lange, bis wir an Ort und Stelle sind. Sieh, es ist schon Nacht und Nebel steigen von der See auf!" Nachdem sie noch eine halbe Stunde gewandert waren, erreichten sie die ranchende Stelle. Die verlassene Feuerstätte verglimmte schon, aber Mtißja war nirgends zu sehen. Sie durchsuchten das ganze Terrain aufs sorgfältigste, fanden be- nagte Entenknochen, konnten aber nicht erkennen, ob Mußja hier gelvesen war oder in der Umgegend wohnende Jäger. Es kam ihnen nur vor, als wären viele Menschen dagewesen. Endlich stieß Jan einen Freudenruf aus, denn er fand ein Stückchen Papier zur Seite liegen. Es war ein zerknittertes, gewöhnliches Papier, das mit europäischen Waren zu den Eingeborenen gewandert sein konnte. Es hatte zwar ein geheimnisvolles Loch in der Mitte und niit dem Nagel eingeritzte Zeichen, aber die Verbannten waren nicht imstande, irgend etwas herauszulesen. Eirt- täuscht blickten sie in die dunkle, nebelige Tundra, in der sich die Spuren immer mehr verwischten. „Es ist umsonst! Wir müssen umkehren!" sagte Jan endlich.„Und wir müssen eilen, denn der Nebel wird immer dichter." Der kalte Wind, der von der See her blies, wurde immer heftiger. Sie sahen plötzlich eine lange, weiße, den ganzen Horizont umspannende Nebclbank, die sich vom fernen Eise löste und auf sie zuwälzte. Die himbeerrote Sonne war bis zur Hälfte in Dünste gehüllt. „Vorwärts! Vorwärts!" trieb Jan,„denn er muß gleich hier sein." Sie liefen guer übers Land, indein sie über kleine Bäche hinwegsetzten, oder bis an die Achselhöhlen in tieferem Wasser wateten. Der Wind ivar zum Sturme augewachsen. Der Nebel kam schnell wie eine Sturniflut daher. Schon be- rührten seine ersten Fetzen und Wölkchen die Füße der Jäger und trieben landeinwärts. Bald wateten sie bis an die Knie iin Nebel. Jan riß eine Handvoll Haare aus dem Pelzfutter seiner Joppe und verstopfte die Läufe und Pfannen seiner Flinte. Krassuski folgte seinem Beispiel. Der Nebel um- fing sie schon bis an die Hüften. Er verdeckte die Unebenheiten des Bodens vor ihnen und machte ihre Wände- rung noch mühsamer. Immer wieder fielen sie in ver- räterische Wasserlachen. Bald reichte ihnen der Nebel schon bis an den Hals, endlich schlug er über ihren Köpfen zu- sammen. Ter Wind wütete und wirbelte und wälzte den Nebel wie Wasser um und um. Vom Sturm hin- und her- gerissen, von den kalten Dünsten wie von einem Schneegestöber gepeitscht, bis aufs Mark erstarrt, gingen, die Verbannten blindlings vorwärts, bis sie das Brüllen des Meeres hörten und seine Wogen, die schwarz waren wie Tinte, ihnen an die Füße prallten. Sie wichen zurück, denn sie fürchteten, von den ungeheuerlichen, schauinbedeckten Zungen von der Erde hmweggerafft zu werden. „Was nun? Wie finden wir unseren Nachen?" fragte Krassuski, der vor Kälte mit dep Zähnen klapperte. „Was soll uns der Nachen? Es wäre denn gerade, um nachzusehen, ob ihn das Wasser nicht fortgeschwemmt hat," antwortete Jan mißmutig. Wieder kam ein so heftiger Windstoß, daß sie fast um- sielen. Das Ufer erzitterte von dem Anprall der Wellen. Aber das Pfeifen des Sturmes und das Rauschen des in der Nähe tanzenden Wassers und das Stöhner der davon ge- peitschten Erde— alles verhallte in dem immer heftiger an- schwellenden Brausen der offenen See, die in der Ferne wütete. „Kommen Sie, Jan, sonst ist unser Nachen sicher ver- koren!" sagte Krassuski, indem er den in tiefen Gedanken versunkenen Jan am Aermel zerrte. „Wo sollen wir denn hin— ohne Augen!" antwortete dieser grob.„Weißt Tu, nach welcher Richtung wir gehen müssen, wo er liegt? Warte... Ich muß ein wenig nach- denken: ich muß das auskalkulieren. Leg' Dich hin, sonst erfrierst Du ganz! Ich will ein bißchen nachdenken und aus- ruhen. Ein Hundewetter!" Sie legten sich in eine kleine Mrilde und schmiegten sich fest aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Jan stübte den Kopf auf die Hand und horchte dem Stöhnen der Erde, achtete auf den über ihnen ziehenden Nebel, auf den Wind, der sich langsam, aber unaufhörlich drehte. „Hör, Krassuski, er war schon gestern so verdreht! Hol' ihn der Teufel!" „Wen? Ten Wind?" „Na, ja! Er bläst jetzt aus einer anderen Richtung? als wir vom Fluß kamen, wehte er uns entgegen. Jetzt müssen wir nach der anderen Seite am Wasser entlang gehen. Komm, wir wollen in den Nachen kriechen, da wird's doch wärmer sein." Wieder peitschte sie der Wind, und der Nebel schlug ihnen ins Gesicht und blendete sie. S!e neigten den Kopf tief zur Erde und streckten die Arnie wie beim Schwimmen aus. Krassuski schlugen die Zähne wie im Fieberfrost zusammen. Oft mußten sie schleunigst vom flachen Ufer fliehen, denn die Wellen schlugen an ihre Füße und drohten sie umzuwerfen. Der Nebel umwogte sie, merk- würdig und dicht, sah aber jetzt anders aus, als vorhin, denn er war goldig und gleichsam von Licht drirchträntr In Streifen und geballten Wolken schwebte er wie der Dunstschleier eines Wasserfalles daher, und schillerte von Zeit zu Zeit in allen Regenbogenfarben. Sie fanden den Nachen, zogen ihn weiter ans Land, stellten ihn seitwärts gegen den Wind und legten sich hinein. Ter Sturm Pfiff an den Rändern des Schiffchens vorbei, und eine Flut von milchtveißem Dunst wälzte sich darüber und stäubte feinen, tauigen Regen auf ihr Gesicht. Zu- weilen stieß der Wind ein Fenster in die über den Jägern flutenden nebligen Wirbel und Kaskaden. Dan» sahen sie einen kurzen Augenblick den sonnigblauen Himmel über ihren Häuptern. „Was ist das? Sieh mal!" rief Krassuski plötzlich, indem er auf den Nebel hinwies, aus den schillernden Windungen blickten ihnen buntgeränderte, scheußliche, große, zottige Gestalten entgegen. Die beiden Flüchtlinge setzten sich vor Er- staunen aufrecht und blickten unverwandt nach den vom Orkane hin- lind hergezerrten Wahngebilden. Auf den ineinander- fließenden Nebelbildern zeichneten sich, Schattenbildern gleich, die blassen Gestalten eines großen Menschenhaufens ab. Ehe sie denselben näher betrachten konnten, waren sie vorn Sturme weggeweht und verschwunden. „Komm! komm!... Was ist das? Das ist entsetzlich," flüsterte Krassuski. „Wir»vollen den Nachen das Ufer entlang ziehen. Die unseren sind jenseits des Kanals. So»vie der Wind sich etwas legt,»vollen»vir hinüber," riet Jan. Sie versuchte»» den Nachen auszuheben, aber der Sturm fegte ihnen denselben von den Schultern,»vie eine Feder. Poller Entsetzen sahen sie zu,»vie das Schisschen in die Luft flog, dann herunterfiel und in» Nebel weiterrollte. Sie holten es Hur nlit Mühe ein, gaben ihre mit Pelzmützen bedeckten Köpfe dein Anstürme des Wrndes preis und zogen den Nachen hinter sich her. Tie Wanderung über die Nasse, glitschige Erde inmitten des Nebels, der sie uinfloß, wie schnell fließendes Wasser, war sehr besch»verlich. Ter Mangel an jeder Aussicht, der ihre Schritte unsicher machte, die unaufhörliche Bewegung um sie her, das betäubende Sausen, die Stöße des Windes— alles das ermüdete sie unaussprechlich, sie hatten die größte Lust, sich niederzusetzen, zur Erde zu gleiten und das Gesicht in eine Vertiefung zu drücken,»in einen noch so winzige»» Teil reiner Lust zu finden. Ter ekelhafte Gischt der kalten Seediinste drohte sie zu er- sticken, als wären es feuchte'Wattestücke, die sie schlucken mußten. „Zum Teufel mit solch einen» unnütze»» Ninhertorkeln! Es ist ja rein gar nichts z»» sehen," rief Jan, den der Sturm zu Boden riß. Krassuski fiel erschöpft neben ihm nieder. „Es muß bald aufhören!" tröstete Jan. Ter Wind hat sich gedreht und läßt nach." An» Boden des Nachens niedergeduckt warteten sie ge- duldig. Jan»var eingenickt. Ta stieß ihn Krnssuski an. Aus den Wolkenballen schtvebten wieder Riesengestalten über ihnen. Vor Kälte und Aufregung zitternd, wechselten die Flüchtlinge kein Wort, aber sie zogen den Nachen cinniütig an das wogende Wasser. „Paß nur auf, fahr gerade auf die Wellen los! Habe nur keine Angst!" belehrte Ja».„Das Einsteigen wird das fchiverfte Stück»verde»». Tie erste Welle ist die schlimniste." Sie schoben de»» Nachen auf das Wasser einer kleinen Bucht, die durch eine Biegung des Ufers gegen den Wind ge- schützt»var. Aber obgleich die Wogen sich hier nicht bäumten und nicht ans Land stürmten, gingen sie doch so hoch, daß der Nachen zwciinal bis an den Rand Wasser schöpfte. Beim dritten Male gelang es ihnen endlich einzusteigen. Sie setzten die Ruder ei». Ein Wasserschtvall trug sie zur Bucht hinaus, aber in demselben Augenblick erfaßte sie eine ungeheure Welle und schleuderte sie ans Land zuriick. Sie behielten so viel Geistesgegenwart, daß sie sich sofort zur Seite legten und sich an den Rand des Bootes klammerten,»in es nicht von» Wasser fortreißen zu lassen. Sie»vagten es, den Persuch zu wieder- holen, aber es hielt sie auch nicht ain Platze. Sie schleppten sich also am JIfcr»veiter, bis sie einen sandigen Vorsprung erreichte»». Sie waren zu weit uordtvärts gegangen. Die offeue See lag vor ihnen. Tos jagte ihnen der scharfe,»nächtige Wind, die Wasserberge, die hoch in den Nebel aiifstrebtei» und pnt regelmäßigem Getöse niederfielen, das sagte ihnen eiidlich der Nebel, der hier durchsichtiger war. Im Vergleich mit dein, was hier vorging, kam ihnen das Brüllen der Wogen in der Meerenge»vie elendes Hundegekläff vor. Als sie ganz durchnäßt ans Ufer kröche»» und den Nachen herauszogen, hatte sich der Wind gelegt und der Nebel t»xir so durchsichtig geworden, daß sie ihr Lager erkennen konnte»». Sie gewahrten den im Meerbusen schwankenden Mast der „Königin", erkannte»» die dunklen Gestalten der Genossen, die an» Boote zusammengedräugt schliefen. Aber in demselben Augenblick erblickten sie auch ettvas, was sie mit tödlicher Kälte durchschauerte. Sie stürzten aus die Ihren zu und schrien:. „Steht auf! Steht auf!"... „Was ist geschehen?" fragte»» diese, indem sie sich erhoben und die Decken zurückwarfen. Sie zeigten nach jener Seite hin, von der die Freiheit kommen sollte. Aus dem Nebel schlichen dort mit Schießgeivehren be- »»mssnete Mensche»» in einem großen Halbkreise behutsam auf sie zu, und diesen folgte eine unabsehbare Menge von Wesen mit kupferfarbenen Gesichtern und geschlitzten Augen— ein Haufe von wilden, in zottige Pelze gehüllten Barbaren, die ihre Speere gesenkt ui»d die Pfeile an den ge- spannten Bogen in Bereitschast hielten. Jenseits dieser Menschenmenge brauste die schwarze wogende See, und aus den aussteigenden Nebeln, aus denen goldene Sonnenlichter spielten, blickten die bleichen, schillernden Schemen der Eisschollen hervor, die krachend dein Lande z»»- trieben.— (Nachdruck verboten.) Der Schmuggel in Oftafiem Bei der endlosen Belagerung von Port Arthur spielen die chinesischen Dschunkenführer eine Rolle, sie suchen mit ihren Fahrzeugen die japanische Blockade zu durchbrechen, um irgend ein einträgliches Geschäftchcn in Konterbande zu machen. Mögen auch manche Dschunken von den Scheinwerfern gesichtet und von den Geschützen der japanischen Kriegsschiffe in den Grund gebohrt »Verden und init Mpnn und Maus untergehen, so segeln doch die bezopften Führer der anderen Fahrzeuge auf den krummen Pfaden ruhig weiter,»veil ein hoher Verdienst beim Gelingen des wag- halsigcn Unternehmens in sicherer Aussicht steht. Die Dschunken führen, sofern sie nach Port Arthur fahren, als Konterbande vor- nchinlich Waffen und Munition, sowie Mehl, Reis, Tee und andere Lebensmittel: als Rückfracht nehmen sie Personen mit, die de>» Ge- fahren und Entbehrungen der Belagerung ciiirinnen wollen. Mit höchstem Geschick»Verden die zahlreichen Schlupfwinkel an der Küste benutzt, um sich den Späherangcn der Japaner zu entziehen. Erst in der Nacht»vird der Kurs auf der offenen See gcnounncn und dann auf gut Glück die 180 Kilometer weite Ucberfahrt nach Port Arthur oder umgekehrt nach Tschifu»ctvagt. So plump gebaut sind die Fahrzeuge, daß sie selbst bei günstigem Winde nur langsam von der Stelle kommen und zur llebcrfahrt mindestens anderthalb Tage gebrauchen. Ileberhanpt läßl ihre See- tüchtigkeit sehr viel zu loünschcn übrig, zumal ihre ganze Ausrüstung prinntiv im höchsten Grade ist und Stürmen und Böei nur selten standhält. Alle Errungenschaften des modernen Schiffbaues sind an ihnen spurlos vorübergegangen— sie sehen noch immer so aus »vie jene Dschunken, die der arabische Reisende Jbn Batuta bereits im 14. Jahrhundert geschildert hat. Tie Fahrzeuge im Meerbusen von Pctschili lassen besonders viel zu wünschen übrig, da hier der Verkehr unter normalen Verhältnissen erheblich geringer als bei Shanghai und an der südchinesischen Küste ist. Am besten sind die Dschunken aus der Gegend von Eanton. Allerdings ist die Dschunken- flottillc der alten Handelsstadt im Laufe der letzten Dezennien stark zusammengeschmolzen, da sich des Frachtverkehrs mehr und mehr die großen Dampfcrgcscllschaftcn bemächtigt haben. Auch die Zahl de»' sogenannten Ho-t'ou, Dschunken mit gabelförmigem Mast, die auf dem Wcstfluffe schioimmcu, jedoch»vcgci» ihres bedeutenden Tics- ganges stromauf nur ivenige Meilen über Canton hinaus können, ist schon längst merklich im Rückgänge begriffen. Glcichivohl sind von ihnen noch genug vorhanden, uni dem mit allen Künsten und Listen getriebenen Schmnggel als volltrefslich gccignctzes Vcrkchrsmirtel zu dienen. Wo Zoll bezahlt werden muß, wird auch geschmuggelt. Das ist eine alte Wahrheit, die sich in allen Ländern, mögen sie auch die kultiviertesten sein, bestätigt findet. In China sind es die Ver» tragshäfen, in denen der stärkste Schmuggel getrieben wird. Hier befinden sich große Verbände von Schmugglern, die ihr gefährliches Gewerbe gleich im großen betreiben. Gerade in der Korporation beruht ihre Stärke, denn sie arbeitet init bedeutende» Mitteln und sichert sich hierdurch in den meisten Fällen den lohnenden Erfolg.. Wenn eine Dschunke aus guten Gründen die Zollstation nicht passieren soll, so wirft fie schon weit vor Canton Anker, und zwar an einem recht weltvergessenen, ruhigen, geradezu idyllischen Oert- che», das von unliebsamen Späheraugen unbeobachtet ist. Natürlich wählt sie als Zeit für das Ankerwerfcn eine finstere Rächt, in der Mond und Sternlein hinter schlvarzen Wolken versunken sind. Keine zehn Minuten liegt sie wohlgeborgen und behäbig da, als auch schon flache Boote unter lautlosem Ruderschlage heranschiehcn und an ihrer Bordwand anlegen. Aus jedem Boote klettert mindestens ein halbes Dutzend Kerle mit katzenartiger Gewandtheit an Teck, schlitzäugige Spitzbubengesichter, wie sie in solcher Boll- kommenheil nur die gelbe Rasse hervorbringt. Und nun geht es flink an die Arbeit— mit affenartiger Geschwindigkeit wird die Ware aus dem dicken Bauche der Dschunke in die Boote hinabgelassen, bis diese bis obenhin vollgepfropft sind und nur eben noch den Ruderern Platz bieten. Dann werden die Boote abgestoßen und ohne Geräusch in die auf dem Wasser lagernde Finsternis hineingetrieben. Da sie nur wenige Handbreiten über den Fluß ragen und keine Lichter ausgelegt haben, sind sie kaum zu erkennen. Mit fabelhafter Geschicklichkeit werden auf dem Wasserwege alle gefährlichen Stellen vermieden, alle Zollstationen umgangen und den verschiedene» Zoll- kuttern Schnippchen geschlagen. Endlich ist die höchste Gefahr über- wunden— die Boote lenken einzeln in die Kanäle ei», die bei Canton ein unentwirrbares Netz mit zahlreichen geheimen Zufluchts- orten bilden, und lassen dem Zollkutter, falls er sie noch im letzten Moment gesichtet haben sollte, daS Nackssehen. An irgend einer ver- borgcnen Stelle wird ausgeladen und der verheißene Lohn von den Unternehmern ausgezahlt. Tie ausserordentliche Verschmitztheit der chinesischen Schnuiggler offenbart sich am schärfiten beim Schmuggeln von Opium. Das Lpiumraucher ist bekanntlich in China weit verbreitet. Ucbcrall, wo sich Chinesen niedergelassen haben, spielt die Lpiumhölle eine Rolle. Vornehmlich wird Opium nach China von Indien eingeführt, wo der Mohn, aus dem das Opium gewonnen wird, schon seit Jahr- Hunderten ein beliebter Gegenstand des Anbaues ist. Gerade der Zoll auf Opium ist ungemein hoch und bringt der chinesischen Re- gierung jährlich gegen 4» Millionen Mark ein. Grund genug, dah sich die Schmuggler der zollfreien Einführung dieses Artikels mit Sorgfalt arniehmen und dabei die besten Geschäfte machen. Von dein Raffinement, mit dem dieser Schmuggel getrieben wird, werden die köstlichsten Geschichtchen erzählt. Auch das Ewig- Weibliche wird zum Einschmuggeln benutzt. Im Vertrauen auf die Galanterie der Zollwächter werden die Frauen mit gewissen Ouanti- täten Opium, die geschickt unter den Kleidern und sogar unter den Haaren verborgen sind, zur Zollgrenze entsandt. Wie die liebe Nn- schuld kommen sie daher, meist in der Maske sleissigcr Arveitcrinnen oder Bäuerinnen, die mit des Lebens Rot zu kämpfen haben und sich ihr Brot sauer verdienen müssen. Läßt sich der Zollwächter betören, so ist die Freude gross, saht er aber eine Dame ab, dann geht das Lamento in herzzerbrechender Weise los, denn Konfiskation und harte Strafe sind die unausbleiblichen Folgen. Grössere Quantitäten werden natürlich in anderer Weise ge- schmuggelt. Was Canton betrifft, so werden für den Schmuggel von Opium sehr häufig die von Hongkong kommenden Flussdampfer benutzt. Die Schmuggler setzen sich mit den eingeborenen Heizern und Matrosen dieser Dampfer in Verbindung und erlangen nun gegen guten Lohn, das; eine gewisse Menge Opium an Bord versteckt wird. Unter d»n Kohlen, in den Aschenbchältcrn, unter dem Dampf- kcsscl, in de» hohlen Spanten des Schiffskörpers und in anderen schwer aufsindbaren Hohlräumen wird das Opium verborge». Geraume Zeit wandte man auch den Kniff an, die Wassercimcr mit doppelten Böden zu verschen. Einem an Deck stehendci Eimer, der mit Wasser gefüllt war, lies; sich natürlich keine Spur von Konter- bände ansehen» hantierten die Matrosen gar mit ihm, als ob sie das Teck scheuerten? so war erst recht nichts Verdächtiges zu bemerken. Die Zollbeamten freuten sich, daß die Leute im Gegensatz zu den anderen Chinesen etlvas auf Sauberkeit hielten, und lobten die fleihigcn Deckpolierer über die Massen. Gross war schließlich das Erstaunen, als der Kniff durch Zufall ans Tageslicht kain. Nun tvurdcn auch die Oelsässer und andere Flüssigkcitsbchälter aufs Korn genommen— und siehe da. sie befassen ebenfalls doppelte Böden, zwischen denen Opium steckte. Tie Zollbeamte» waren ge- tvitzigt geworden und unterließen hinfort nichts, um den Schmugglern das Handwerk zu legen. Kommt ein Tanipfer an der Zollstation an, so wird er in der peinlichsten Weise revidiert: Kohlen- und Aschen- behälter, Kessel und Maschinen werden untersucht, alle Balken durch Bellopsen auf einen etwa vorhandenen Hohlraum geprüft, die sämt- lichen Hohlgcsässe auf ihre Tiefe gemessen und sogar die Gehäuse der Wanduhren geöffnet, da sich herausgestellt hatte, daß sie statt des Werkes ebenfalls Opium enthielten. Aber das Genie der Schmuggler findet immer neue Auswege, um den Zöllnern zu entgehen und ei» gutes Geschästchc» zu machen. Eine hervorragende Rolle spielen die wasserdichten«äcke; in ihnen wird das Opium bei der Bergfahrt des Dampfers an bestimmten Stellen über Bord geworfen. Die Säcke sind an schwimmenden Bojen befestigt, die kaum merklich über den Wasserspiegel ragen. Statt der Bojen findet nock; besser ein grösseres Stück Holz Ver- Wendung. Am Ufer liegen schon flache Boote bereit, um das kostbare Gut schleunigst zu bergen und im Tuntel der Nacht iveitcr zu be- fördern. Gebietet die Vorsicht, dass die Boje erst in geraumer Eni- sernung vom Dainpfer austaucht, so wird noch ein besonderer Trick angewcndet: die Boje wird doppelt mit dem Sack verbunden, nämlich mittels eineS langen Strickes und eines langen Streifens zähen PapierS; bis der Papicrstrcifeu reist, bleibt sie unter Wasser, da»» aber schießt sie in die Höhe, sodass die Helfershelfer in den Flach- booten den Schatz auch dann noch mit Leichtigkeit finden und heben können. In. den jährlich erscheinenden Handelsbcrichten der internatio- nalen Seezollbchörde ist häufig von den Zollkontraventionen die Rede. Auch wird in ihnen von den verschiedenartigsten Kniffen der Schmuggler berichtet, um die Aufmerksamkeit für dieses Treiben rege zu erhalten. Nichts ist den Kerle» heilig; selbst der Sarg, in dem der Leichnam des in der Fremde gestorbenen Chinesen zur Heimat zurückgeführt wird, muss zum Durchschmuggeln von Opium herhalten. Aber wie listig und verschlagen auch das Handwerk ge- übt wird, so fällt doch ein starker Prozentsatz des geschmuggelten Gutes ,n die Hände der Zollbehörden. Allein an Opium wird im Hafen von Canton jährlich ein Quantum im Werte von 100 000 Mark konfisziert. Taraus, dass die Schmugglergcsell- schasten solche Verluste anstandslos tragen können, lässt sich rnn besten ermessen, wie gewinnbringend ihr Geschäft ist. In alle» übrigen Vertragshäfen gedeiht der Schmuggel ebenfalls, mögen auch die lokalen Verhältnisse nicht so günstig wie in Canton liegen. Von Shanghai lässt sich sagen, dass sein riesiger Handelsverkehr für das Schmugglcrtum eine Deckung bildet, wie sie es besser nicht wünschen kann. Wo starker Verkehr ist, hat die Zollübcrwachung mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, und gerade das liegt im Interesse der Schmuggler. Es liegt aus der Hand, dass Elemente von solcher List. Ver- schlagenhcit und Gewinnsucht auch die gefährliche» Fahrten von Tschifu oder einen, benachbarten Platze der chinesischen Küste nach Port Arthur um des guten Lohnes willen wagen. Schon manche Ladung von Lebensmitteln und auch von Kriegsmaterial ist auf diese Weise nach der Festung hineingebracht ivorden. ohne dass die Japaner. trotzdem ihre Wachsamkeit eine äusserst rege sein soll, etlvas gemerkt, haben. Ganz unterdrücke» lässt sich eben eine solche Verbindung niemals— Schlauheit und Wagemut werden aller Bcrechnnngs- künste spotten und über den Gegner triumphieren.— Georg E g c r s c l d. (Nachdruck verboten.) Cut-Glas. Ans der Weltausstelliing in St. Louis ivie in den grossen Luxus- bazaren Amerikas begegnet man einer Art geschliffener und gra- vierter Gläser, deren Dekoration sich auffällig von gravierten Gläsern europäischen Ursprungs imterscheidet. Es sind ausschliesslich grosse schlvere Stücke mit ganz starken Wandungen, und zwar sind dieselben so kräftig gewählt, um das Glas recht tief einschneiden. d. h. ganz facettenartig behandeln zu können. Der Haiipteffelt wird dadurch erzielt, dass gewisse Hanptlinicn des Ornaments dreikantig tief in das Material geschliffen werden, während andere Partien, die zwischen diesen Hauptkonturen liegen, nur ein zartes Relief bilden, gleichgültig ob die Zeichnung über die Fläche hervortritt oder ver- tieft wird. Gerade in dem Kontrast der äusserst verschiedenen Licht- brechung liegt der ganze Reiz dieser Arbeite». Vielfach werden auch ganze figürliche Darstellungen in lebhaften, Relief durch Schneiden des Glases in dieser Weise erzeugt. Es ist nicht leicht zu sagen. wodurch sich diese Gläser so wesentlich von unseren gravierten Gläsern unterscheiden. Es ist gleichsam die Uebertreibung einer in Deutschland und Oesterreich seil langer Zeit geübten Technik, aber gerade durch diese Uebertreibung entstehen neue Effekte. Wir wissen, dah Amerika sehr schöne Kunstgläser ans den Markt bringt— der Name Tiffanh ist jedem Fachmann geläufig, doch daS Cut-Glas(sprich: Kött-Gla?) geht aus Spczialsabrikcn hervor, welche die besonderen Talente der einzelnen Graveure zu berücksichtigen wissen. Es bleibt jedem einzelnen genügender Spielraum, seine Er- fiudungsgabe zu bekunden. Für die hier geschilderten Arbeiten kommt nur daS Bleiglas in Betracht, daS zum Gravieren und Einschleifcn von Facetten besonders geeignet ist. Als Rohmaterial dient ein sogenannter Sand, der besondere Eigenschaften in bezug aus Schärfe und Farbe auf- weist. Es ist dies kein Sand in der gewöhnlichen Bedeutung deS Wortes, sondern zerquetschtes Felsgestein. Hierin liegt auch der Grund für die Gleichförmigkeit seiner Färbung, die so überaus wichtig für die Erziclung eines stahlblau- weissen Glases ist, wie man es wegen der beim Schneiden hervorzubringenden Regcnbogenfarben verwenden muss. Mit dem Sande werden genau abgemessene Ouantitälen von Rotblci. Salpeter und kohleiisanrc», Natron vernnscht; zum Bleichen oder Klären fügt man einen geringen Prozentsatz weissen Arseniks oder Mangans hinzu. Das Verbältnis der Be» standtcile ist verschieden, je nach Art des herzustellenden Produkts. Die Schmelzöfen können je bis sechzehn Schmelzlicgcl auf nehmen. Jeder derselben hat eine Mnndöffnung zur Einführung des Rohmaterials und des BlaserohrS des Arbeiters. Vor dem Einsetzen werden die Tiegel erhitzt und dann mit etwa 72ö Kilogramm Rohmaterial gefüllt. Dasselbe schinilzt bald in der Ofen- tcmperatnr ven 1370 Grad CelsiuS. Der„Glassammler" bekomnit seinen Auftrag für Artikel ganz bestimmter Grösse und Form, die nach einem Probestück zu fertigen sind. Nun entnimmt er mittels seines eisernen Blascrohres dem ! Schmelztiegel die genügende Menge geschmolzenen Glases, rollt das- > selbe aus einer Melallplatte hin und her, um die Masse gleichmässig zu verteilen, und erhitzt es von neuein in einem Ofen, der„zlor� hole" genannt Wirb. Dann übergibt er das Stück einem Glasbläser, und dieser bläst den Artikel zu einer seiner Bestimmung möglichst nahe- kommenden Form. Nach abermaligem Erhitzen übernimmt ihn der dritte Arbeiter und gibt ihm seine endgültige Form. Nun muh das weiche Glas gekühlt und getempert werden, um die Spannungen auszu- gleichen; sonst würde das Stück zerbrechen. Es Wird darum in Äühlöfen gebracht, wo es zuerst wieder erhitzt und dann nach und nach abgekühlt wird. Jetzt sind die schweren Gegenstände zum Schleifen fertig, bei ivelchem sie beträchtlich an Gewicht verlieren, manchmal bis zu einem Drittel. Das Schleifen geschieht in drei Stadien. Zuerst Wird der Gegenstand mit Sand und einem stählernen Schleifrade roh vorgeschliffe»: dann wird er mit einem steinernen Schleifrade ge- glättet und endlich mit einem hölzernen Polierrade vollendet. Ein Arbeiter hält den Gegenstand an die konische Schneide eines Stahlrades, das an einer durch Treibriemen und Rollen getriebenen Welle be- festigt ist. Feiner, scharfer und reiner Sand mit Wasser tropft aus einem kegelförmigen Behälter auf das Rad. Durch Andrücken des Gegenstandes au das schnellrotierende Rad werden die Hauptlinien des Musters tief eingeschnitten oder-gekerbt. Der roh aus- geschliffene Gegenstand wird mm an die feuchten Glättsteine gebracht, deren Grötze und Schneiden denen der Stahlräder entsprechen, jedoch ohne Sand angewendet werden. Diese Räder schleifen die Einschnitte nach, welche die Stahlräder gemacht haben, und graben auch die feineren Linien des Musters ein. Nun ist das Stück eigentlich fertig, und kommt nur noch zu dem Polierer, dessen mit Polier- rot belegte hölzerne Räder gleichfalls in Form und Gröhe den stählernen und steinernen entsprechen, und darum jeder Linie mit fast mathematischer Genauigkeit folgen können. Die Graveure arbeiten mit Kupferscheiben von den verschiedensten Durchmessern und Stärken. Die Achsen, Welche die Scheiben tragen, rotieren sehr schnell, und die Knpferscheiben Werden mit Olivenöl und Schmirgel bestrichen. Die Werkzeuge werden ausgewechselt, so oft der zu erzielende Effekt es erfordert. Man kaiin blanke und matte Flächen herstellen, überhaupt sehr mannigfache, originelle Kombinationen erzielen.— _ Fred H o o d. Kleines Feuilleton. c. Tätowieren gilt heuic als Rudiment barbarischer Gelvohn- hciten und ist nur noch bei Seeleuten, bei Akrobaten beliebt, bei Leuten, die auf die Kraft ihrer Muskeln stolz sind und ihre Brust, ihre Arme frei und bloh tragen. Und doch ist, wie die englische Zeitschrift„Household Mords" schreibt, diese Sitte uralt und blickt auf eine ehrwürdige PergangenHeit zurück. Schon Rhoses muhte den Israeliten untersagen. Einschnitte in ihr Fleisch zu machen oder irgend welche Zeichen in ihre Haut einzudrücken. Die Phönizier waren diesem Brauche so ergeben, dah sie Tätowierungen selbst an ihren Götterbildern anbrachten. Einige solcher Statuen, die in Sardinien entdeckt Wurden, sind über und über mit Bildern bedeckt, die von Sachverständigen als Zeichen der Tätowierung erklärt Werden. Herodot berichtet, dah die Thrakier und andere Bergvölker dieser Sitte huldigten. Unter den Indianern gilt das Tragen von Tätowierungen für ein Zeichen von Ansehen und Macht. Be- sonders verbreitet ist dieses Einritzen in den Südsecinseln, aus deren Sprache, von dem tahitischen Tatau, das Wort überhaupt genommen ist, in Neuseeland, Japan und Burmah. Es wird von unseren Bor- fahren berichtet, dah sie„ihre Haut mit punktierten Zeichnungen ausschmückten". So sandte man, als auf dem Weiten Schlachtfeld von Hastings unter den Haufen toter Leiber der Leichnam Harolds nicht zu finden War, nach Edith Schwanenhals, seiner Geliebten, dah sie ihn an den„Malen" auf seinem Leibe erkennen möge. Dies War ein Grund, aus dem man das Tätowieren übte. Daneben Wurde auch durch diese in die Haut eingeschnikkenen Zeichen dargctar, Welchem Stamm, welchem Geschlecht, Welcher Familie ein jeder an- gehöre. Thrakische Häuptlinge z. B. erwiesen allein durch ihre Tätowierung ihr edles Blut und ihre hohe Abstammung. Br den Juden War die Tätowierung ein Zeichen der Trauer. Cook fand, dah alle Häuptlinge der HaWaii-Jnseln Hicroglnphen auf ihren Armen trugen, die den Namen des verstorbenen 5lönigs und das Datum seines Todes bedeuteten. Bei den Wilden Völkern War es sehr Wichtig, den Stamm, zu dem ein Fremdling gehörte, durch einen flüchtigen Blick auf seine Tätowierung zu erkennen. Gewisse Ver- änderungen in Form und Farbe zeigen Krieg oder Frieden an und Weisen darauf hin, ob in guter oder böser Absicht sich Leute nahen. Durch Tätowierungen erkennen die Mitglieder eines geheimen Bundes einander, und auch heute noch dienen die meisten solcher Zeichen dazu, um eine abgesonderte Brüderschaft näher und enger zu verbinden, sie vertreten gleichsam den geheimen Händedruck, an dem die Freimaurer sich erkennen. Mau hätte kaum erwartet, ein» geheime Verbindung unter den Korannas, dem unkultiviertesten Stamme der Kapkolonie, zu finden. Doch Dr. Holub, der unter ihnen lebte, bemerkte, das- einige Männer drei kleine Einschnitte auf der Brust hatten. Jahrelang fragte er vergeblich der Bedeutung dieser Zeichen nach. Schlichlich erzählte ihm ein Koranna:„Ich kamt durch unser ganzes Land und durch Griqttaland sicher Wandern. Wenn ich meinen Rock öffne, dann muh jeder, der das Zeichen sieht, mir helfen und mich aufnehmen."— k. Das Wettkriihcn der Hähne. Die Eröffnung der jährlichen Geflügelausstellung in Paris hatte in diesem Jahre auf das Publikum eine besondere Anziehungskraft ausgeübt, sollte bei dieser Gelegenheit doch das lange angekündigte Wettkrähen der Hähne stattfinden. Die Idee ging von- französischen Bantamklub ans. 20— 30 Hähne befanden sich in kleinen, mit schwarzem Tuch be- hangelten Käfigen. Das Zeichen zum Beginn wurde mit einem Gong gegeben. Alsbald wurden die Tücher entfernt. Die Hähne glaubten anscheinend, der Tag wäre angebrochen. Ein kleiner Bantam sträubte seine Federn und begann in hoher Tonart zu krähen. Ein großer, wichtigtuender Hahn nebenan hob sofort das linke Bein und drehte den Kopf auf die Seite, um zuzuhören. Dann stich er einige Kehllaute aus. als wollte er sich räuspern, und krähte nun in einem prachtvollen©aichton. Auch die anderen Hähne hörten erst gespannt zu, und dann erhob einer nach dem anderen mit aller Macht seilte Stimme. Die Hähne Waren vorher mehrere Wochen im Dunkeln gehalten und hatten täglich nur eine halbe Stunde lang das Licht gesehen; jetzt überboten sie sich daher gegenseitig und krähten in allen Tonarten. Vor jedem Käfig Waren Männer damit beschäftigt, die Anzahl der Hahnenschreie des Insassen aufzuzeichnen. Es war ein ohrenzerreihender Lärm, so dah die Richter ihre Be- Merklingen einander in die Ohren schreien muhten. Der grohe Baryton-Hahn krähte im Falsett, zog sich dann niedergeschlagen in eine Ecke seines Käfigs zurück und sah ungefähr so aus, als ob der Hahnen- Welt ganzer Jammer auf ihm lastete. Der kleine Bantam namens „Toreador" krähte dagegen prächtig, bis seine Nachbarn einer nach dem anderen aufhörten und ihm allein das Feld überliehen. Dann krähte er noch zweimal schrill und herausfordernd: als er keilte Antwort erhielt, stolzierte er augenscheinlich sehr befriedigt in seinem Käfig herum. Bald war die halbe Stunde des Wettbewerbes vor- über und die Käfige wurden wieder zugedeckt.„Toreador" mit 32 Hahnenschreien war der erste Sieger, als zweiter kam ein kleiner Sopran„Santos-Dumont" mit 29 Hahnenschreien, und ein großer Baßhahn,„Löwe" genannt, folgte mit 20 Hahnenschreien an dritter Stelle.—» Humoristisches. — Der An fang.„Ist Ihr Nachbar noch immer Vegetarier?" „Ja: aber ich glaube, er wird sich bald bekehren, denn wenn wir eine Gans braten, dann macht er schon manchmal seine Türe auf."— — D r a st i s ch e Abfuhr.„Der Kaufmann Schmitt be- hauptet ja, sich jetzt ein Fischwasser gepachtet zu haben?!" „Ach Was, der Renommist, eine leere Heringstonne Wird er haben!"— — Aus der Gemein derats»Sitzung. Bürger- meister:„Dös neue Schlachthaus, Was d' Regierung verlangt, branchf s bei uns net. Wo so vüll Automob üll durch- fahren tu u."— („Meggeudorfer-Blätter".) Notizen. — Ein H e i n e- M n s e u m soll in dem Geburtshause des Dichters in der Bolkerstraße zu D ü s s e I d o rff errichtet werden.— — Ruederers vieraktige Komödie„Die Morgenröte" geht Anfang November im Neuen Theater in Szene.— — Das neu gegründete Märkische Städtebundtheater scheint Wieder sauft entschlafen zu sein.— — Das neue Oratorium„Bon den Tageszeiten" von Prof. Friedrich E. K o ch Wird am 17. November in A a ch e n zur Aufführung gelangen.— — Das neu entdeckte Wolfram- Erzfeld erstreckt sich quer durch ganz Nord- Queensland etwa 200 Kilometer südlich vom Kap Uork. Für die Tonne Erz Werden an Ort und_ Stelle 2000 M. gezahlt. Wolframerz dient zur Herstellung besonders harten Stahls.— — Drei neue kleine Planeten sind auf der Sternwarte Königstuhl bei Heidelberg auf photographischem Wege entdeckt worden.— c. h. Ein eigenartiges Denkmal zur Erinnerung an Sir Henry Morton Stanley, den bekannten Afrika-Reisenden, ist auf seinem Grabe auf dem Kirchhof in Pirbright errichtet worden. Auf den Wunsch der Lady Stanley besteht das Denkmal in einem großen unbehauenen GranitmonolitHen, der 12 Fuß lang, 4 Fuß breit und 2 Fuß 0 Zoll dick ist und gegen 7000 Kilogramm wiegt. Auf dem Monolithen steht nur der Name„Sir Henry Morton", darunter sein afrikanischer Name Lul-t Matari, der„Felsbrecher": dann lieft man nur noch oben das Wort„Afrika" und darüber ist ein Kreuz eingemeißelt.— t. Ein wichtiges Laboratorium ist unter der Leitung der chemischen Abteilung des Landwirtschaftsministeriums der Ver- einigten Staaten in New?) o r t eingerichtet worden. Seine Auf- gäbe wird die chemische Prüfung eingeführter Nahrungsmittel und die Entdeckung von unvollkommenen oder verfälschten Nahruugs- Mitteln sein.— Berautwortl. Redakteur: Paul Buttucr, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Ver lagSmistalt Paul Singer&Eo.,©etImSW<