Wttterhalwngsblalt des Horwärts Nr. 213. Freitag, den 28. Oktober. 1904 (NachdnllI verboten.) St Oer Elte vom Berge. Roman vonGraziaDeledda. „Was mag er haben?" dachte Zio Pietro, der sogleich merkte, daß der Sohn ärgerlich gestimmt war. Bald aber nahm er einen angenehmen Duft wahr und freute sich wie ein Kind. „Was hast Du mitgebracht?" fragte er. „Fühlt doch!" sagte Melchior. „Das ist eine Gocomcco"*), antwortete der Alte. „Wo ist denn der Schafskopf?" fragte Melchior und sehte sich auf die Matte an der Tür. Er streckte den Kopf vor, pfiff und rief:„Basilio! Basiliooo!" Auch Zto Pietro setzte sich hin. Hund und Katze um- schnupperten als gute Freunde die von Melchior initgebrachte Frucht. „Basiliooo!" Der Hirt antwortete nut einem zitternden, langgezogenen „Beee". das wie das Meckern einer Ziege klang: dann pfiff er und kam laufend und in Spriingen daher, mit einem Hasen unter dein Arm. Als er mis seinem Dorfe kam. das vom Orthobene aus sichtbar war, hatte er ein Häslein mitgebracht, so klein, daß er es in der Hand halten konnte: sein Herr duldete, daß er den Hasen aufzog, unter dem Vorbehalt, ihn eines Tages zu braten. Nach den e�-ten Fluchtversuchen schien das Tierchen mit den langen, gelben Ohren sich einzugewöhnen: es trank seine Milch, knusperte sein Brot, kratzte an Zio Pietros Gamaschen und biß Basilio in die Finger: wenn es sich unbeachtet glaubte, spielte und hüpfte es und wischte sich dasMäulchen mit den Vorder- Pfoten. Doch seine großen, sanften, stets wachsamen Augen er- spähten ein Entweichen. Basilio traute ihm nicht: er führte ihn stets an der Schnur und nahm ihn oft mit sich, wenn er die Ziegen hütete. Als er in die Hütte trat, band er den Hasen an einen Pflock und warf sich auf die Matte nieder: beim Anblick der Melone lachte er vor Vergnügen und freute sich an dein Geruch. Hastig und schweigsam aßen sie ihr graues Gerstenbrot. Zu der ernsten Gestalt des Alten bildete das frische, braune Gesicht des Knaben einen starken Gegensatz. Basilio hatte schone, schwarze Augen, gewelltes, goldbraunes Haar und prächtige Zähne, die aus lachenden, roten Lippen hervor- leuchteten. „Es wäre wohl an der Zeit, mit Deinem Hasen ein Ende zu machen," sagte Melchior auf einmal. «Was wollt Ihr ihm tun?" „Ihn essen!" sagte sein Herr. „Lieber diese hier," erwiderte Basilio und nahni die Melone zwischen seine Knie. „O, auch die. Tu dummer Kerl! In Deinem Alter liebt man die Mädchen und nicht die Hasen! Aber vielleicht hast Du ihn gern, weil er Dir gleicht." Er brach ein Stückchen Brot ab und gab es dein Hasen. „Er gleicht einer Katze," bemerkte Basilio. „Nein, mit den Ohren da gleicht er Dir und dem Esel. Zum Teufel!" schrie Melchior und zog seine Hand zurück,„er hat mich gebissen! Ganz wie Du, siehst Du wohl: Du scheinst ein Dummkopf und bist ein Fuchs!" Basilio lachte und war ganz damit beschäftigt, die Melone mit seinem Messer zu zerschneiden. „Hase, Fuchs, bah!" sagte Zio Pietro, dem die herbe Art seines Sohnes nicht gefiel.„Auch ein Hase ist ein boshaftes Tier. Sein Atem ist giftig: wenn ein anderes Tier ihn säugt, so vertrocknet dessen Milch. Einmal fand ein Schaf ein Nest mit jungen Hasen, deren Mutter verscheucht worden war. Was tut das dumme Schaf? Es säugt sie. Nun, sein Lämmchen fängt an hinzusiechen...." „Hatte das Schaf keine Milch mehr?" frug Basilio ge- spannt. •) cocömero— Wassermelone; die große, länglich! runde Frucht ist außen dunkelgrün, innen tiefrot mit schwarzen Kernen, sehr saftig und in Süditalien sehr beliebt. „Nein!" „Eulenspiegeleien," sagte Melchior verächtlich. „Und dann? Und dann? Erzählt doch, Zio Pietro! Und der Hase? Und das Lämmchen?" Doch Zio Pietro schwieg empfindlich und wiederholte bei sich:„Was hat er heute nur?" Dann rief er die Katze: Tortoretta?*) und sagte:„Gebt den Tieren zu fressen." Basilio stieß die Melone gegen den Boden, um sie zu öffnen: sie zerteilte sich in zwei blaßrote, von weißen Samen- kernen durchsetzte Hälften. „Unreif?" frug Zio Pietro. „Leider Gottes!" murrte Melchior ärgerlich. Er nahm eine Scheibe und biß hinein, grollend, daß ihm nichts nach Wunsch gehe. � Dann gingen alle hinaus. Basilio fing wieder an zu pfeifen und zu meckern, und Melchior trug die Ueberreste der Melone seinem Pferdche» hin. Von fern kam das Geklingel der Ziegenglocken: doch jeder Lärm und jeder Laut verhallte in dem großen Schweigen. in der unendlichen Erhabenheit der Landschaft. Zwischen diesen mächtigen Bäumen und Felsen erschienen die Gestalten der Hirten klein, ganz klein vor den klaren Firnen. II. Ein wenig tiefer, unterhalb der Felsen, aus denen eine kleine Quelle hervorsprudelt, hatte Melchior mit vieler Geduld ein Gärtchen geschaffen mit einem Bassin aus rohem Gestein. Rotblühende Bohnen rankten an hohen Stangen hinauf und eine Reihe Tomaten fing eben an, sich zu röten. Wie er täglich zu tun pflegte, stieg er auf die Felsen und pfiff und schlug in die Hände, um die Ziegen herbeizurufen, danüt sie zur Tränke känien, ohne über die Hecke des Gärtchens zu springen. Zio Pietro stieg den Fußpfad hinab, indem er jeden Augenblick anhielt, um mit seinem Stocke den Boden zu be- tasten. Als er seinen Lieblingsplatz, einen in Form eines Armsessels ausgehöhlten Stein neben dem Bassin, gefunden hatte, setzte er sich. Er verspürte den frischen Geruch des Gartens, des feuchten Mooses; er hörte die Ziegen, die unter zitterndem Glockengeklingel, springend und einander stoßend von den Höhen herabkamen, oder die Abhänge erkletterten. In der Nähe des Wasserbeckens wurden sie still und tranken. eine nach der anderen. Wenn Zio Pietro die Hand ausstreckte. konnte er sie berühren: ganz nahe kamen sie ihm voriiber mit ihrem leisen Katzentritt. Melchior beobachtete sie, durch einen Felsspalt hindurch- blickend, und zählte sie, eine nach der,Mderen; immer noch pfiff er und klatschte in die Hände. Von unten her trieb Basilio die Ziegen an. Er rief sie mit allerlei sonderbaren Nanien: sie hörten darauf, verließen die griinen Stauden und sprangen an ihm vorbei. Zuletzt kam der Mönch, ein alter schwarzer Bock mit weißem Barte, der wartete, bis alle Ziegen getrunken hatten, ehe auch er sich dem Wasser näherte; dann stieß er sie leise init den Hörnern an und drängte sie zum Abstieg. Eine blieb zurück rmd stellte sich arif die Hecke, aber ein wildes Hoc! Melchiors und Basilios Gerte trieben sie fort. Zio Pietro horchte, und als das Geklingel der Glöckchen sich wieder iiber die Abhänge verbreitete, hörte er noch Melchior hinabsteigen und weitergehen. Wohin ging er? Zio Pietro empfand stets Angst und Unruhe, wenn der Sohn sich entfernte. Er wußte überdies, daß Paska in diesen Tagen in der Nähe war lind beunruhigte sich mehr als je. Wohin ging Melchior jetzt? Vielleicht zu Paska, um Streit zu suchen? Hoch über den Felsen hörte der Alte den Wald rauschen, der von einer leichten Brise bewegt wurde; es war eiil stetes, einförmiges Surren, gleich dem Schwirren unzähliger Insekten, das den Eindruck der Einsamkeit noch verstärkte. Wenn Zw Pietro allein war, bedrückte ihn dies: und die Stimme des Waldes wiederhallte in seinem Gemüt wie die einer traurigen, endlosen Nacht. Sein Licht war seines Sohnes Gegenwart. Aber seit einiger Zeit fühlte er, daß Melchior, von seine« ') Turteltänbchen. Leidenschaft überwältigt, ihm auswich, und stärker überkam ihm jenes traurige Gefühl von Einsamkeit, furchtsamem Ver- lassensein, ja Schrecken. Alle Gebilde der Finsternis umgaben ihn, undeutlich, unfaßbar, doch nur um so enyetzlicher. Er erhob sich und horchte angestrengt hinaus. Nur das Waldesrauschen..Und dann und wann, wie leises Wasser-� tropfen, ein Geklingel. Zio Pietro kehrte in dje Hütte zurück, und die gewohnten Laute der Haustiere beruhigten ihn. Er fühlte, wie der Hase an seinen Ganiaschen kratzte, und nahm ihn in die Hände. Du Schelm, murmelte er, da er das kleine Herz heftig schlagen fühlte. Tann bereitete er das Mittagbrot. Sie hatten einige Hausgeräte, Vorräte und Olivenöl. Zio Pietro beugte sich über den Herd, hielt seine Hand an die Asche, und als er die Glut fühlte, legte er sie mit der Spitze seines Stockes bloß, der hohl war und ihm auch als Blasebalg diente; dann legte er eine Hand voll trockener Reiser aus die glühenden Kohlen, blies sie durch seinen Stock an, und bald brannte die Flamme hell. Als Melchior zurückkehrte, fand er die Maccheroni fertig, die Matte ausgebreitet. Es war gegen ein Uhr. Der Schatten der Steineiche lag kreisrund um ihren Stamm und die Sonne drang durch alle Spalten der Hütte. Drinnen und draußen war es heiß; das klare Himmelsblau verschwamm am Horizont in lichtem Dunst; unter den aus Scheitelhöhe herabfallenden Sonnenstrahlen erschienen die Felsen wie glühend. Stärker rauschte der Wald in der Höhe. Wieder lagerten sich die Hirten zum Essen, unter den gewohnten Gesprächen über die Ziegen, die Weideplätze, die befreundeten oder benachbarten Hirten. Basilio lachte immer- fort. Melchior sannnelte ans einem Korkstück die Samen der Melone, lim sie nächstes Jahr zu pslanzen. (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) Dankbare Erben. Von E. G. G l ü ck. Autorisierte llcbcrsetzuug aus dem Französischen. I. Adrien Formier, 28 Jahre alt.— Henriette, seine Gattin, 22 Jahre alt.— Leben in harmonischer Ehe, obwohl mit Glücks- giitern nicht überreich gesegnet. Als Subalternbeamter im Finanz- Ministerium bezieht Herr Forniicr nur 3000 Frank JahreSgehalt. Eine Erbschaft von etlva 1» OOV Frank. welche Madame im ver- gangenen Jahr zufiel, ist daher von beiden Gatten mit Jubel be- grüßt lvoroen.— Sonntag morgen gegen 9 Uhr. Das Ehepaar kann sich noch imnicr nicht entschließen, aufzustehen. Draußen ist ein schreckliches Wetter. Der Wind peitscht den Regen gegen die Fensterscheiben. Der Himnwl sieht schmutzig grau, trostlos trübe aus.— Adrien:„Welch garstiges Wetter\" Henriette:„Ja, findest Du nicht auch, daß solch ein Weiler einem erst recht zum BeWtßtsein bringt, wie angenehm und schön ein molligeS, behagliches Heim ist?" Adrien:„Ja." Henriette:„Diese Empfindung hatte ich schon, als ich noch ganz klein war. Wenn es draußen stürmte und tobte, rollte ich mich in meinem Bettchen zusammen wie ein Igel, zog die Bettdecke bis zur Nasenspitze in die Höhe und konnte dann stundenlang den, Regen lauschen, der an die Fensterscheiben prasielte, konnte träumen..." Adrien:„Wovon? Henriette:„Bon tausenderlei. Bon den Unglücklichen, deren einziger Warmeapparat die Sonne ist, die im Winter schrecklich unter der Kälte leiden müssen." Adrien:„Brrr!" H e n r i e t t e:„Von denen, welche ihr Beruf oder die Ver- Hältnisse zwinge», bei solchem Wetter auf der Straße zu sein!" A d r i e i,:„Zum Beispiel von den Omnibuskutschern!" H cji r i c 1 1 e:„Auch von ihnen. Ach, die Aermsten, wie be- niitlcidc ich sie! Wie..." Adrien:„Aber nierkst Du beim nicht, daß Dein Mitleid nichts weiter als der Ausdruck eines abscheulichen Egoismus ist? Du denkst: Ach. die Acrnisten I Wie glücklich bin ich, daß ich nicht ihr Schicksal teilen muß!" Ihr Unglück macht Dir Dein Glück um so schätzenswerter!" Henriette(nachdenklich):„Es ist etwas Wahres daran.. (Pause.) A dst- i e ii:„Woran denkst Du jetzt?" Henriette:„An Onkel Emil und daß in drei Tagen Aller- feelcn ist." Adrien:„Schon? Dann sind also genau t 4 Monate ver- flössen, seit Dein Onkel Emil in eine Welt gereist ist, die man die bessere nennt?" Henriette:„Ja. schon t4 Monate.' Adrien:„Welch ein komischer Kerl dieser Onkel Emil war! Ich sehe ihn noch deutlich vor mir mit seiner kurzen Pfeife im Mundwinkel und seinen schlauen Augen, die unter buschigen Augen- brauen hervorblitzten, mit seinem weißen Seemannsbart und..." Henriette:„Ach, dieser Bart I Weißt Du noch, wie böse er damals wurde, als ein ungeschickter Friseur versehentlich eine Bresche in die linke Barthälfte gelegt hatte?" Adrien:„Ja... Schwerlich hat wohl je ein Pariser Friseur so viel„Himmeldonnerwetter!" zu hören bekommen. In kaum drei Minuten standen auf deni Trottoir vor dem Laden so gegen fünfzig Maulaffen, die sich vor Lachen bogen." „ Henriette:„Armer Onkel! Ob er miS wirklich geliebt hat?" Adrien:„Wer weiß? Er war ein richttger Brummbär, ein richttger Menschenfeind und..." Henriette:„Nun, jedenfalls liebte er uns niehr als unseren Better Jambinet." A n d r i e n: Ja, das hat er bewiesen, indem er Dich zu seiner llnivcrsalerbin machte." Henriette:„Falls cS seine Absicht war, daß die Jambiuets vor Wut bersten sollen, ist ihm das ausgezeichnet gelungen." Adrien:„Das will ich meinen!" (Pause.) Henriette:„Dienstag bringen wir ihm einen recht schönen Kranz." Adrien(lebhaft):„Aver doch nicht einen solchen wie ver- gangeues Jahr?" Henriette:„Doch!" Adrien:„Na weißt Du, das Iväre ja Wahnsinn l Ell Frank für weiße Rosen!" Henriette:„Er liebte sie so sehr I" Adrien:„DaS ist kein Grund, das Geld geradezu zum Fenster hinauszuwerfen!" Henriette:„Adrien, Du bist undankbar! Sieh mal, die Janibinets würden über uns sprechen, wenn wir diesmal einen weniger schönen Kranz niederlegen wollten als im Vorjahre." Adrien:„Auch kein Grund! Die Jambinets würden über uns sprechen... Die Leute könnten denken..." Henriette:„Ja. aber..." Adrien:„Vergangenes Jahr war solck' eine Verschwendung gerechtfertigt. Onkel Emil war kaum zwei Monate tot. Er hatte Dich zu seiner Universalerbin gemacht. Dieses Jahr aber, meine ich, genügt's, wenn wir einen hübschen, kleinen Perlenkranz kaufen. Für zwölf oder fünfzehn Frank bekommt man schon einen sehr schönen." Henriette(ironisch):„Und dauerhaften!" Adrien:„Sicher! Während Deine Rosen... Und dann spricht für mich noch ein sehr triftiger Grund mit, von solch' törichten Ausgaben Abstand zu nehmen." Henriette:„Und zwar?" Adrien:„Wir haben in der letzten Zeit viele Ausgaben gehabt. Diesen Winter muß ich auch meine Garderobe erneuern. Nun frage ich Dich, wo Du all' das Geld herzunehmen gedenkst? Du hast doch wohl nicht die Absicht, daS Kapital aufgreifen?" Henriette:„Um Himmels willen I" Adrien:„Nun, also dann?" Henriette:„Mach' Dir nur keine Sorgen? ES Ivird sich schon..." Adrien:„Ja, aber dennoch?" Henriette:„Nun denn... ich habe Ersparnisse gemacht. Seit zwölf Monaten habe ich Centime für Centime einige 50 Franks beiseite gelegt... genau 53 Franks." Adrien(ärgerlich):„Mein Kompliment I Dann darf ich natür- lich nichts niehr einwenden." Henriette:„Du siehst so böse aus!" Adrien:„Fällt mir nicht im Traum ein!(Pause.) Aber ich habe niemals verstehen können... Zuni Teufel! wenn das Herz dabei ist, bedarf eS doch nicht teuerer Blumen und Kränze!" Henriette(schmeichelnd):„Sei nicht böse, Schatz I(Jhni die Arme um den Hals schlingend.) Wenn Du jetzt nett bist, wirst Du sagen:„Meine liebe Henriette. Du hast nur 53 Frank, ich werde den Rest von 7 Frank zu dem Kranz aus weißen Rosen zulegen." Adrien:„Nein, das werde ich nicht sagen I" Henriette:„Doch l" Adrien:„Nein! Du wirst die 7 Frank natürlich trotzdem ausgeben, aber anbieten werde ich sie Dir nicht!" (Pause.) Henriette:„Ach, Du gerechter...! Schon 10 Uhr! Willst Du wohl sofort auff'tehen, Du großer Faulpelz!" Adrien:„Und Du?" Henriette:„Ich? O, ich wäre schon längst auf, wenn ich nicht mit Dir so inS Plaudern gekommen wäre!" II. Am Tage bor dem Totenfest.— Herr Formier, der an diesein Nachmittag dienstfrei ist, wird von seiner Gattin zum Ankauf des Kranzes aus weißen Rosen eingeladen. Adrien(der sich in diese Ausgabe ergeben zu haben scheint): „Bevor wir Deinen Kranz kaufen, gestattest Du wohl, daß wir einen kleinen Spaziergang machen?" Henriette:„Aber mit dem größten Vergnügen I" Adrien:„Hast Du Dein Geld bei Dir?" Henriette:»Ja. Apropos! Ich habe mir einen Ueber- schlag gemacht, welche Ausgaben uns unsere Finanzen für die nächste Zeit gestatten." Adrien:»Nun, und..' Henriette:»Nun, bis zum 1. Januar werden wir uns alle Neuanschaffungen versagen müssen, falls wir nicht Bankrott machen wollen." Adrien: Ei, sieh mal an! Und gerade bei einer solchen Ebbe in unserer Kasse ivillst Du 60 Fr. für Rosen fortwerfen?" Henriette:„Das ist wieder etwas anderes I Diese 60 Fr., siehst Du, find eine Ausgabe, zu der wir einfach moralisch verpflichtet find I Tu wirst mir zugeben, dast ich mir persönlich auch die ge- ringste Luxusausgabe versage. Gesetzt den Fall, ein Gegenstand von noch so minimalem Wert gefiel mir, ich würde ihn trotzdem nicht kaufen. Dieser Kranz dagegen..." So plaudernd gehen Herr und Madame Formier auf den Boulevards spazieren. Adrien lplötzlich):»Da fällt mir ein... Wir könnten nach der Rue Monttnartre gehen." Henriette:„Warunr?" Adrien:„Da ist ein neues Geschäft mit Chinawaren eröffnet." Henriette interessiert);„Mit Chinaware», sagst Du? Adrien:„Ja. Einer meiner Kollegen hat gestern dort zwei herrliche Basen gekauft." Henriette(mit schmerzlichem Bedauern im Ton):„Wozu? Da wir unS doch nichts leisten können?" Adrien:„Aber man kann sich's doch immerhin ansehen, zum Teufel!" Henriette:„Ack I Wir kommen nur in Versuchuug." Adrien:„Na, ich werde Dir eine Kleinigkeit für 40 SouS kaufen. Uebrigens sollen die Preise enorm billig sein." Zwei Minuten später stehen sie vor einem Laden, der zwar nur Siöchst primitiv ausgestattet ist. in dessen Schaufenster aber die chönsten Nippes usw. ausliegen. Der Kaufmann(in der Tür):„Bitte, meine Herrschasten I Wenn Sie die Güte haben wollen, näher zu treten... Ansehen kostet nichts I" Maddtie Formier betritt den Laden. Sie ist bereits derart interessiert, daß sie den Blick des Einverständnisses nicht bemerkt, den ihr Gatte verstohlen mit dem Kaustnann wechfelt. Henriette:„Ol Sieh doch nur diese beiden Pagoden, Sind sie nicht niedlich?" Der Kaufmann:„Ich habe sehr hübsche kleine Blumen- Vasen." Henriette:„Bemühen Sie fich nicht, mein Herr. Wir wollen heute nichts kaufen." Der Kaufmann:„Nun, ansehen können Sie sich doch immer- hin?"(Er bringt zwei Vasen.) Henriette(entzückt):„O I die herrlichen Vasen I" Der Kaufmann:„Bereits verkaust"... Henriette:„Einfach himmlisch! Für wie viel haben Sie sie verkaust?" Der Kaufmann:„Für 40 Frank. Wenn ich sage„vcr- kauft", so stimmt da? übrigens nicht ganz. Man hat sie gestern zurückstellen lassen, um sie heute früh abzuholen.(Eine Karte zeigend): Dal Die Herrschaften haben ihre Karte hiergelassen." Adrien(nimmt die Karte und liest, dann mit gut gespielten: Erstaunen):„Wie? Nicht möglich!" Henriette(ihrerseits lesend, ebenfalls erstaunt):„Die Jambinets!" Adrien:«Rue de Chabrol Nummer 1. Kein Zweifell Sie sind's I" Herr und Madame Formier sehen einander an. Adrien:„Sag mal"... Henriette:„WaS denn?" Adrien:„Wenn man ihnen ihren Einkauf fortschnappcn möchte? Diese Vasen sind gut ihre 80 Frank wert." Henriette:„Sicherl Aber wir haben ja kein Geld?" Adrien:„Und bie 60 Frank für den Kranz?(Sehr schnell): Sieh' mal, ivenn unser lieber Onkel noch lebte, der würde es uns nie verzeihen, wenn wir uns eine so ausgezeichnete Gelegenheit ent- gehen lasseit wollten, den Jambinets einen Possen zu spielen!" Henriette(schwankend):„Ja, aber..." Adrien(überzeugungsvoll):„Glaube mir, wir handeln damit ganz im Sinne unseres Onkels.(Zum Kaustnann): Diese Vasen find also noch nicht verkauft?" Der Kaufmann!„Sie sind es nicht und sie sind eöl Man wollte sie abholen. Da aber die Herrschaften keine Anzahlung gc- leistet haben..." Henriette(lebhaft):„So können wir sie nehmen. Und wenn die Herrschaften, welche die Vasen haben zurückstellen lassen, wieder- kommen, fo sagen Sie nur, Herr und Madame Fonnier hätten die Vasen gekauft.(Nachdem sie den Laden verlassen hat, gewiffer- maßen um sich vor sich selbst zu rechtferttgen): Wirklich, ich habe keine GewissenSbiffe! Die Jambinets werden schön wütend fem!" (Sie lacht.) Adrien(mit tiefinnerlicher Ueberzeuguug im Ton):„Nichts könnte unserem lieben Onkel angenehmer sem l" Henriette:»Jetzt wollen wir schnell einen Perlcnkranz aus- silchen." Adrien:„Etwas Solides, Elegantes.. Henriette(lächelnd):„Und Dauerhaftes!" Voll Entrüstung konstatieren die beiden Gatten, daß die Kranz- Händler anläßlich des bevorstehenden Totenfestes ihre Preise Wahn- sinnig in die Höhe geschraubt haben. Kränze, die man sonst für zwölf Frank bekommt, kosten jetzt zwanzig Frank und mehr. Madame möchte sich nicht gerne übers Ohr hauen lassen und erinnert sich gerade zu rechten Zeit, daß der liebe Onkel dem nämlichen Grundsatz huldigte. Kurz, obgleich sie sechs Läden besucht haben, sind die Formiers um sieben Uhr noch immer nicht im Besitz eines Kranzes. Adrien:„Weißt Du, das macht aber hungrig I" Henriette:»Ja, und ich habe nichts zum Essen vorbereitet." Adrien:„Vor drei Viertelstunden werden wir überdies nicht zu Hause fein.(Pause). Wenn wir ins Restaurant gehen möchten?" Henriette:„Das wird aber wieder einen Haufen Geld kosten!" Adrien:„Ach Unsinn I Uebrigens— ich bin fest überzeugt. unserem lieben Onkel wird ein Veilchenstrauß für zwei Sous lieber sein als ein Kranz, den wir weit über seinem Wert hätten bezahlen müssen." Henriette:„Ganz sicher!" EL Sie entschließen sich, im Restaurant zu speise». Aber das Restaurant ist bis auf das letzte Plätzchen bcfetzt, sodaß sie ein Chambre separve nehmen müssen. Ein solches Chambre separöe legt die selbstverständliche Verpflichtung auf. ein besonders erlesenes Essen zu bestellen. Die Formiers erinnern sich eines ähnlichen Chambre separöe, in dem sie kurze Zeit nach ihrer Hochzeit ein feines Souper eingenommen haben. Henriette(zärtlich):„Erinnerst Du Dich noch des schönen Soupers von Mmals?" Adrien:„Ja." „Henriette:„Wenn wir uns das nämliche Menü servieren lassen möchten?" Adrien:„Ich dachte ebenfalls daran.. IV. 11 Uhr abends. Henriette:„Wie hoch ist die Rechnung?" Adrien:„Sechzehn Frank 30 Centimes." Henriette:„Und 40 Frank kosten die Vasen! Dann bleiben von den 60 Frank ja" nicht einmal mehr 100 Sons zun: Kranz für unseren lieben Onkel?" Adrien:„Aber, der Champagner war gut I" Henriette(leicht angeheitert):„Ausgezeichnet I" Adrien:„Und wenn die Jambinets statt eines stolzen Kranzes ein bescheidenes Veilchensträußchcn sehen werden, werden sie denken: Natürlich I Sie haben eS vorgezogen, statt des Kranzes unsere chinesi- scheu Vasen zu kaufen!" Henriette:„Und sie werden platzen vor Wut. Mit einem Wort: ich finde eS töricht, die Kranzhändler reich zu machen." Adrien:„Ganz Deiner Ansicht!" Henriette:„Ein paar einfache Blumen genügen voll- ständig.(Pause.) Die Hauptsache ist und bleibt, daß das Herz da- bei ist I"—_ Kleines feiiilleton. e. s. Wiener Werkstätten. Zum ersten Male stelle» die„Wiener Werkstätten" im„Hohcnzolleru Kunstgetvcrbehaus" aus. Tie Vcr- cinigung besteht erst seit einem Jahre. Sie ist im Juni 1903 in Wien gegründet und bringt ausschließlich Werke von Prof. Josef H o f m a n n und Prof. K o I o m a n M o s e r. Es werden in den Werkstätten vorderhand Gold- und Silberarbeiten, Metallarbeite», Buckchindcrarbeitcn, Arbeiten in Lcder, Holz- und Lackmalerei an- gefertigt. Jedes Werk trägt die Schutzmarke, das Monogramm der Wcrkstätte, des Entwerfers und des Arbeiters, deren Zeichen jeweilig publiziert werden. Tie Werkstätten haben trotz ihres erst einjährigen Bestehens schon Erstaunliches geleistet. Nicht nur der Ouantitär, sondcrn auch der Qualität nach. Ein eigens hergerichteter Raum, eine Art Tunnelbau, nimmt die Ausstellungsgegenstände auf. Die Decke ist weiß kassettiert, kleine Quadrate von Spiegelglas beleben die gerundete Hallendecke. In die Wand sind viereckige Vertiefungen eingelassen, die sich in schwarzer Umrahmung abheben; etlva wie im Aquarium die eingelassenen Tief- sccbccken, so sieht es aus. Ab und zu ist die horizontale Linie unter- brachen durch einen vertikal eingesenttcn Schrein, der also wie ein, Pfeiler wirkt. Tas Licht der elektrischen Birnen hebt diese Auslege- kästen ans dem Ganzen wirkungsvoll heraus. Tie Künstler waren eigens einige Tage hier und sorgten für die Herrichtung der Räume. Von der Decke hängen elektrische Beleuchtungskörper geradlinig herab, deren Lichtglanz erhöht wird durch die vier Glaskugeln, die um die Birnen hängen. Wirkungsvoll dämpft ein metallener Schirm das Licht und zerstreut es nach unten. Der Wiener hat Sinn für Farbigkcit. Was die beiden Künstlee hierin leiste», ist wirklich erstaunlich. Ihre Farbe ist leicht und graziös. Sie stellen die apartesten Nuancen her. Alle anderen Arbeiten des modernen Kunstgewerbes sind plump und schwer da- gegen. Ebenso steht es mit ihrer FormenweTt.(sie wissen immer neue Wendungen zu erfinden. Und was die Hauptsache ist, diese neuen Formen halten sich frei von Dtanieriertheit und unpraktischer Spielerei— was bisher die gefährliche Klippe Wiener Kunsthand- Werks war. Es ist ein Vergnügen, in dieser Ausstellung herum- zugehen, so licht und freudig wirkt das alles. Trotz all der Neuheit jleuchtet der Grund, das Warum jeder Form sofort ein. Sie schassen in quadratisch durchbrochenem weistlackiertem Eisen ganz entzückende Blumenständer, die den praktischen Vorteil haben, daß die Töpfe durch Einhaken in die kleinen, ausgesparten Quadrate in jeder beliebigen Höhe angebracht werden können. In dunklem Alpakasilber schaffen sie eigenartige Dosen, und jedes kleinste Detail daran ist von einem geschulten Arbeiter aufs feinste heraus- ziseliert. Sie fetzen um den äußeren Rand einer Silberschale, die matt glänzt, abwechselnd blaue Lapislazuli und auf den Griff einer Zuckergabel Achatknöpfe. An einem frei in Gold gearbeiteten Hals- band schimmern braune Topase. In Steinzeug schaffen sie, indem sie den Bruch unter der Glasur benutzen, feine kraquelierte Muster, willkürlich, bizarr und doch geistvoll, und nach Belieben unterbricht ein dimkler Farbenfleck das gleiche Grau und Weiß und bringt in das zittrige Muster einen energischen Ton. Die hohe künstlerische Reife und Vollendung, die aus den vor- geführten Sachen spricht, gibt den Wiener Werkstätten einen selb- ständigen Platz neben den schon bestehenden Münchener und Dres- dener Werkstätten. Der Charakter ihrer Schöpfungen ist ausschließ- lich von persönlichem Wert, es ist ein ausgesprochen lokaler Charakter darin, etwas, das in Volt und Land seinen Grund hat. Damit ist ihre Berechtigung erwiesen.— Kulturgeschichtliches. — Eine Henkersrechnung. Noch das Napoleonische Strafgesetz ahndete die Herstellung und Verbreitung falscher Gold- und Sllbermünzen mit dem Tode und mit Einzkhung des Vermögens, während die Anfertiger und Verbreiter falscher Scheide- oder Kupfermünzen mit Zwangsarbeit auf Lebenszeit davonkamen. Es huldigte nach dieser Richtung noch den Anschauungen des Mittelalters, das sich aber nicht mit einfacher Hinrichtung der Falsch- münzer begnügte, sondern die qualvollsten Todesarten gegen sie anwandte. Das Oktoberheft der„Revue Historique Vaudoise" ver- ösfentlicht einige Rechnungen des Henkers von Morges(Morsee), im jetzigen schweizerischen Kanton Waadt, die in den Turiner Archiven wiedergefunden wurden und wovon eine sich auf die Vollstreckung der Strafe an einem wegen Falschmünzerei verurteilten Lütticher namens Arnaud de Vuissiballay bezieht. Tie Rechnung besagt, daß der Missetäter zu der für Verbrecher seiner Art gewöhnlichen Strafe. d. h. zum Tode in siedendem Wasser und Oel verurteilt worden sei, und enthält, nach der„Kölnischen Zeitung", folgende Posten: Leih- gebühr für den großen Kessel zum Sieden 10 Florin, für Anschaffung zweier starker Eisenstangen, um den Kopf Arnauds hochzuhalten, 20 Sols, für drei Karren Holz aus dem Walde von AUaman 9 Sols, für vier Krüge Oel zum Uebergießen des Kopfes Arnauds 16 Sols, für Ankauf eines Kessels und eines Löffels zum Kochen des Oels 12 Sols, für zwei Pfund Schwefel, um den Tod Arnauds zu be- schleunigen, 2 Sols, für Beschaffung eines Seiles und eines Well- baumes, um den Verurteilten während der Tortur in der Schwebe zu halten, 19 Sols, für zwei Säcke Kohlen 2 Sols, für Auslagen Pierre Soliers, des Gehülfen des Amtmannes von Morges, der nach Thodon gegangen ist, um unserem Herrn Herzog von Savoyen Bericht zu erstatten. 2 Florin, für die persönlichen Auslagen des Henkers und seines Gehülfen während der zwei Tage, die zu den Vorbereitungen und der Strafvollstreckung nötig waren, 4 Florin. Die Rechnung ist aus dem Jahre 1434.— Völkerkunde. k.„Regenmacher" in Deutsch-Ostafrika. Eine interessante Schilderung dieser Gebräuche, durch die die Eingeborenen in Deutsch- Ostafrika in Zeiten der Dürre den Regen herbeizuführen suchen, gibt ein englischer Missionar, Henry Cole, der in Mpwapwa tälig ist, im„Wide World Magazine". Das Regenmachen ist eine Kunst, die in Afrika allgemein geübt wird, und die das letzte ist, was ein Bekehrter aufgibt. ES ist eine gute Einnahmequelle für die Medizimminner, aber auch für die Häuptlinge; denn das Volk muß sie überreichlich entschädigen für'das, was sie ihrerseits den Regen- marliern geben. Als im vorigen Jahre die Ernte schwer unter der Dürre litt, suchte der Häuptling in Mpwapwa die Hülfe mehrerer Zauberer; aber vergebens. Dann wurde dem Missionshause gegen- über ein Opfer mit Musik nnd Tanz gebracht, aber das Gewitter, das heraufzog, brachte nur wenig Regen, und ein Blitz tötete sogar den Bruder des Häuptlings. Trotz dieser schlechten Erfahrung wandte sich der Häuptling in diesem Jahre wieder an den Zauberer. Die Regenmacher haben sehr verschiedene Nierhoden, Regen zu er- zeugen. Ein schwarzes Schaf ist bei fast allen derartigen Zeremonien unentbehrlich. So ist ein sehr gebräuchliches Zaubermittel folgendes: Der Regenmacher nimmt zuerst Ton, der mit dem ersten Regen zu Beginn der Regenzeit angefeuchtet lvorden ist, vermischt ihn mit „Medizin", formt daraus sieben oder acht große Kugeln und legt sie in ein Loch am Feuerplatz. Die Grube wird zugedeckt und Tag und Nacht darüber ein Feuer im Brennen erhalten. Verkünden dann Wolken den Regen, so nimmt der Regenmacher die Kugeln heraus, legt sie kurze Zeit in einen Topf Wasser und versteckt sie in einer Ecke seines Zimmers. Bei anhaltend trockenem Wetter werden st« wieder in einen Topf Wasser getan, zu dem Medizin hinzugesetzt ist. Sind die Kugeln weich geworden, so nimmt er sie wieder heraus und versteckt sie. lim ein Gewitter zu erzeugen, legt er die Kugeln in einen Topf Wasser und rührt sie mit einem angezündeten Stock um. Das dadurch entstehende zischende Geräusch soll den Donner, das Feuer den Blitz darstellen. Von welchem Baum die Zauberrute genommen ist, bleibt das Geheimnis des Regenmachers. Der Häuptling, der selber Regen nicht machen kann, schickt Boten mit einem schwarzen Tuch und einer Hacke oder einem schwarzen Schaf zum Regenmacher. Kann dieser nicht selbst kommen, so schickt er „Medizin" und ordnet ein Opfer an. Nach einer Beratung der Aeltesten komnien am nächsten Tage alle zusammen. Vier Jüng- linge werden nach den vier Himmelsrichtungen ausgesandt, um Zweige von„igole" oder Albizia anthelmintica zu holen. Zwei andere Jünglinge müssen Wasser vom Affenbrotbaum oder aus einer Quelle holen. Geht der Häuptling abends ins Bett, so nimmt er die„Medizin" mit, und Wasser und Zweige werden an das Ende seines Bettes gestellt. Am anderen Morgen nimmt der Häuptling oder seine Mutter den Mund voll aufgeweichtes Mehl, verspritzt es nach allen vier Himmels riclNungen und ruft die„Milungu"(die Geister der Vorväter) an. sie möchten den Regen schicken. Dann verspritzt ein entfernter Verwandter ebenso Mehl nach den vier Himmelsrichtungen und schmäht die„Milungu", weil sie den Regen zurückhielten. Dieser Zeremonie wohnen nur Mitglieder der Familie des Häuptlings bei. Später versammeln sich die Eingeborenen am Grabe eines Häuptlings. Tort opfern sie ein schwarzes Schaf, eine schwarze und eine weiße Henne und Leinsamenmehl, das am Grabe mit Wasser gemischt wird. Die Aeltesten nehmen wieder von dem Gemenge in den Mund, verspritzen es auf das Grab und sagen: „Schlafe wohl. Gib uns Regen, damit die Erde uns Nahrung gibt und wir reichlich zu essen haben." Oft sucht man auch durch eine eigenartige Prozedur die Person ausfindig zu machen, die boshafter- weise„den Regen zurückhält". Zu diesem Zweck läßt der Häuptling jeden Haushaltungsvorstand des Bezirks mit einem Huhn kommen. Jedes Tier muß von einem Gemisch trinken, das ans einer Ab- kochung von Wasser und„Medizin" bereitet ist. Dabei heißt es: „Wenn ein inenschlick>es Wesen den Regen zurückhält, so stirb, aber tvenn Gott ihn zurückhält, so mögst Du vor dem Tode bewahrt bleiben." Wehe dem, dessen Huhn dann stirbt. Sind� mehrere Hühner gestorben, so entscheidet das Los; stirbt aber keines, so stürzen die Frauen wie wahnsinnig auf den reichsten Mann in der Menge. stoßen ihn mit den Köpfen und rufen:„Hast du keinen Regen? Gib uns Regen I"— Notizen. — Wilhelm Weigands fünfaktige Renaissaneetragödie „ T e s s a" brachte es im Residenztheater zu München nur zu einem Achtungserfolg.— — Klingers neuestes plastisches Werk„Drama" wird vom 6. November ab im ftunstsalon von Keller u. Reiner zu sehen sein.— — Die erste W a n d e r a u s st e ll u n g des K u n st-F r e un de- Berbandes a m Rhein wird im Ernst-Ludivig-Hause der Darmstädter Künstlerkolonie am 4. Dezember eröffnet.— — Das Modell einer Kohlengrube ivird auf dem Gelände der Universität Birmingham errichtet. Die Studierenden sollen sich daran mit der Untersuchung von Förderanlagen, Lüst- einrichtungen, Schlagwettern und mit dem Markscheideivesen vertraut machen.— — Bei den Grabungen zur Herstellung der Vizinalbahn Dinant- Philippeville haben einige Arbeiter in der Nähe des Kirchhofes von Fond de F o q u e u neue Grotten entdeckt. Ei» Teil ist bereits erforscht, wobei ein großer Felssaal angetroffen wurde, in dessen Mitte ein wasserloses Becken eingehöhlt ist.— — Durch eine geschliffene W a s s e r ssl a ich e ist unlängst in Itzehoe ein Zimmerbrand entstanden. Die mit Wasser gefüllte Karaffe hatte einen solchen Stand gehabt, daß durch sie die Sonnen- strahle» wie durch ein Brennglas wirkten.— — Am unrechten Platz. Der..Frankfurter Zeitung" wird aus W ü r z b u r g geschrieben: Den Giehel der Vordersiont des JuftizgebäudeS dahier ziert die Statue der Göttin der Gerechtigkeit. Sie gab jüngst Stoff zu einem gelungenen Intermezzo. Ein Mann war wegen eines geringen Vergehens zu einer kleinen Geldswafe verurteiit lvorden. war aber darüber recht ungehalten und verließ brummend das Gebäude. Draußen drehte er sich noch einmal um, sah die Statue und monologisierte: „So, da droben steht die Gerechtigkeit, da ist'S kein Wunder, ich Hab' geglaubt, sie wäv' drinnen!" Kopsschüttelnd, aber etwas benchigter, ging er seines Weges weiter.— Di« nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 30. Oktober. Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer 6cCo..Berlin L>V.