Nnterhallungsblatt des Torwarts Nr. 214. Sonntag, den 30. Oktober. 1904 sz (Nachdruck vevboleir) Oer)Zlte vom Oerge. Roman Von GraziaDclcdda. Nach dein.Essen gingen Zio Pietro und Melchior unter die Bäume, unr ihre Mittagsruhe zu halten. Ter Alte legte sich die Mühe unter den Kopf und den Stock zur Seite, vom Waldesrauschen cingciviegt, entschlummerte er bald. Ein Sonnenstrahl fiel auf seinen Rücken und der Luftzug bewegte daS lveiße Haar: er sah aus wie ein alter Heiliger, der in jener tiefe» Einsamkeit ruhte. Melchior lag auf dein Rücken, die Hände unter dem 5iopf, und betrachtete seiiren Vater. Schlafen konnte er nicht. Durch das Rauschen der Bäume erklang der helle To» der fjiegenglockcn und dann und ivann der Schrei eine Elster. Melchior fand keine Ruhe. Paskas Lachen verfolgte ihn, lockte ihn hinauf zu der Laubhütte bei der Kirche, wo sie vielleicht jetzt, mit zurückgeschlagenem Kopftuch und erhitztem Gesicht das üppige Mahl für ihren Herrn bereitete. Ein heftiges Verlangen erfasite ihn, hinaufzugehen und sie mit sich zu nehmen. Wenn es nicht um den da wäre! dachte er und blickte auf den Sonnenfleck, der sich langsam vom Rücken des Alten zuin Nacken, bewegte. Am Vormittag hatte er zweimal die Kirche umkreist! zuerst vov, iveitem, sich einredend, daß er einen befreundeten Hirten aufsuchen wolle: das zweite Mal dem Anziehungspunkt so nahe, daß er das alte 5tirchlein sah. Er hatte die Stimmen der Weiber gehört, die ain Brunnen Wasser schöpften. Zwischen dem Gestein und den gelben Gräsern hatte er einen städtisch gekleideten Knaben mit schwarzen Strümpfen gesehen, der nnt seiner Mütze nach Heu- schrecken warf, und wenn er eine gefangen hatte, sie einem kleinen, zahmen Falken brachte. Der Falke saß lvartend auf einem Stein und folgte dem Knabe» mit seinen runden, gelben Augen: wenn er eine Heuschrecke bekam, faßte er sie mit seiner Kralle und führte sie zum Schnabel. Melchior hatte einen wilden Blick ans den Knaben, den Falken, die Kirche geworfen und die Augenbrauen in die Höhe gezogen, als ob er seinen finsteren Blick bis an den Horizont hinausscnden wolle.' Dann war er zu seinem Vater zurückgekehrt. Er kehrte sich auf die Seite und blickte auf die jetzt von der Sonne beschienenen Löckchen Zio Pietros. Schließlich überkam ihn ein körperliches und seelisches Wohlgefühl. Ich bin wirklich toll! dachte er. Habe hundert Ziegen. bin jung, gesiind, ein ehrlicher Kerl. Welches Mädchen würde mich nicht wollen? Ich pfeife auf meine Base und auf ihre verliebten Herrchen. Mögen sie zum Teufel gehen! Und nun mach ein Ende, Melchior: siehst du nicht, daß du so dumm wirst wie ein Stock? Auf einmal aber fingen seine Schläfen an zu klopfen und es wurde ihm glühend heiß. Durch das Surren der Bäume drang bald leiser, bald lauter der helle � zitternde Ton einer Flöte. Melchior erhob den Kopf, um besser zu hören. Vom Lufthauch getragen, kam der silberne Klang daher, wie die Stimme einer Nachtigall, die durch den Wald flatterte, und wenn das Rauschen weniger stark war, vernahm er auch den dunkleren Ton einer Gitarre. Das waren sicher die jungen Herrchen auf dein Berge, die »ach dem fröhlichen Mahl musizierten und sich belustigten: und vielleicht war Paska unter ihnen! In Melchior kochte der Zorn und der Haß. Jetzt gehe ich! stieß er heraus, erhob sich und setzte sich wieder: er blickte auf daS jetzt von der Sonne beleuchtete Gesicht seines Vaters und stand nicht auf. Doch er beruhigte sich nicht. Mit ausgebreiteten Armen warf er sich auf sein Angesicht hin und stöhnte wie ein gefesseltes Tier. Den ganzen Rest des Tages blieb er düster und schweigsam, ging und kam von der Hütte zum Walde, kletterte auf den Felsen herum und pflückte junge Schößlinge für sein Pferd. Von oben blickte er immerzu nach der Kirche, dem Punkte, der ihn uicheilvoll anzog; und in der nachmittäglichen, durchsichtigen Klarheit drang noch bis- weilen Gitarrenklang zu ihm und durchbohrte ihm das Herz. Beim leuchtenden Sonnenuntergang breitete sich neuer Zauber ringsumher: das Rauschen der Bäume verstummte: der im Westen dunkelrot gefärbte Himmel goß ein gcheimnis- volles Purpurlicht über die Stämme, die Felsen, den Ephcu und das Moos. Die glühende Färbung des Himmels breitete sich bis nach Osten aus, wo sie in rosigem Dufte erlosch, aus dein die violetten Berge in zarten, klaren Linien heroortratem Zw Pietro faß vor der Hütte und betete. Im feierlichen Schweigen jener Stunde nahm sein Gebet den Weg zu dein Kirchlein, wo jetzt die Novena stattfand. Er gedachte der Gebete und der xotco« mit ihrem melancholischen Tonfall, die er ehedem in dem Kirchlcin gesprochen, und er erblickte ii» Geiste den durch die weitgeösfnete Tür hereinschinilnernden glühendroten Abendhimmel. Segnomlcka'e su Monte, betete er: kleine Madonna vom Berge, sei mir gnädig, und laß mich noch einmal zu dir kommen, in deiner Kirche zu beten. Verleih' mir diese Gnade, Ccgnoredda, erhöre mich! Basilio wird mich führen: ich werde... das Mädchen sehen und ihr vielleicht ein Wörtchen sagen können... Paska, denke an deinen alten Zio Pietro, dessen Augen geschlossen sind: guäle ihn nicht noch mehr, meine Tochter! Ave Maria, der Herr sei mit dir... Mitunter nahm er das Geklingel einer Ziege für den Ton des Kirchcnglöckleins: und immerzu sah er jenen Hinter- grund des- Portals, den erdbeerfarbenen, violett verschleierten Himmel: und auf dem Altar die Flammen der großen Kerzen, die nach Wachholder dufteten. Paska, Tochter meines Bruders, wo bist du? Kniest du dort? lind betest? Wie kannst du beten nach all dem, was du uns angetan hast? Hat Melchior dich gesehen? Nein? Warum ist er dann so düster? Ave Maria, der Herr sei mit dir... Ob ich wohl morgen hinaufgehen und sie sehen kann? Vielleicht kann ich dann alles wieder zurechtbringen. O Madonna vom Berge, verleih' mir diese Gnade, meine kleine Rose, meine kleine Lilie, schenke mir dieses Wunder! Ave Maria, Mutter voller Gnaden... Inbrünstig betend fand er Ruhe in dieser Hoffnung. Inzwischen kam daS Geklingel der Ziegen näher und ver» schinolz in einem einzigen melancholischen Klang. Die Herde kehrte zur Hürde zurück. Melchior und Basilio trugen Bündel von frischen Zweigen, die sie iiber den Zaun der Hürde warfen: dann schlössen sie die einfachen Tore, und der Hirt ging in die Hütte, um das Feuer anzufachen. Melchior streckte sich neben seinem Vater ans. Es wurde dunkel: die Glut des Abendhiinmels erstarb in violetten Lichtern, von denen der Wald sich schwarz abhob: zwischen den äußersten Zweigen schimmerte hier und da ein Stern gleich einem Tautropfen. Die Berge lind das Meer im Osten schwanden schon im dunkeln Traum der Nacht dahin. Tiefer Friede lag ringsum, lind doch webte in der lautlosen Stille, in der llnbcweglichkeit der durch die Dämmerung ins Riesenhafte vergrößerten Tinge, ein Nachtgehcinmis, ein lu>- bestimmtes, beklemmendes Etwas. Melchior wurde noch finsterer. „Werdet Ihr nicht nüide zu beten?" frug er den Vater rauh, da er hörte, wie dieser die Kugeln des Rosenkranzes schob. Zio Pietro hörte auf zu beten, küßte das metallene Kreuz seines Rosenkranzes, bekreuzte sich damit, nahm die Kappe ab und sagte:„Gott sei gelobt!" „Wofür gelobt?" fragte Melchior herb. „Für das Gute, das er uns schickt: für die Gnade, daß er uns llebel erspart." �.... Nach kurzem Schweigen brach Melchior in die Worte aus: „Eure Nichte ist auf dem Berge!" „Bist Du dort gewesen?" „Wozu das? Um ihr die Augen auszukratzen. Man hat es mir gesagt." „Auch mir." „Auch Euch? Wer denn?" „Basilio." „Basilio? lind waS weiß er davon, der Schleicher? Basilio. komm' heraus. Du junger Fuchs: hast Du die Herde verlassen, um auf den Berg zu gehen? Gieb acht, daß ich Dir nicht eines Tages die Beine zerschlage." � Basilio erschien in der hellen Türöffnung rmd lachie spöttisch. „Hingehen?" sagte er.„Wenn sie doch selbst her- gekommen sind, die?Nägde und auch die Damen und Herren, utn Milch zu holen. Es gibt keine Milch, habe ich ihnen ge- sagt. Wem gehört denn diese Hütte? Melchior Carta. So. dann werden wir seine Base schicken, die Milch holen. Und warum ist sie heute nicht mitgekommen? Weil sie nach Nuoro gegangen ist und erst später zurückkehrt, haben sie gesagt." „Und wer hat das alles gesagt? Warum kommen sie nicht, wenn ich da bin, ich würde ihnen Milch geben, sie sollen nur kommen!" brummte Melchior. „O, sie kommt nicht, seid nur ruhig!" „Was weißt Du davon, Schlaukopf? Kümmere Dich mn Deine Sachen, sonst werde ich Dich lehren, hämisch zu lachen. Und wißt Ihr. Vater," sagte er zu dem Alten,„ich habe ganz vergessen, Euch die Heldentaten von dem da zu erzählen. Habe ich ihn nicht dabei betroffen, wie er eine Ziege angebunden hatte, die den Hasen säugen sollte? Er wollte die Probe auf Eure Geschichte machen." „Eine schlechte Probe," sagte Zio Pietro. Dann schwieg er. Melchior betrachtete ihn: das von melancholischem Frieden erfüllte Gesicht sagte ihm tausend gute Worte, die in seinem bedrückten Gemüt widerhallten. Er dachte daran, daß er den Tag über immer rauh zu ihm gesprochen und empfand eine Anwandlung von Reue und Zärtlichem Mitleid. „Vater," frug er plötzlich mit veränderter Stimme, da er nicht wußte, was er sagen sollte,„ist die Geschichte mit dem Hasen wirklich wahr? Aber seht doch, was der Bafilio für einen bösen Sinn hat, daß er so etwas tun kann." „Er ist noch ein Junge," sagte Zio Pietro. Dann er- zählte er andere Geschichten, bis sie sich in die Hütte begaben und schlafen legten. Melchior schien ruhiger geworden zu sein. Doch als Zio Pietro nach kurzem Schlumnicr aufwachte, merkte er, daß sein Sohn nicht da war. Die Matte war leer; auf der Stelle, wo Melchior sich niederzulege?! pflegte, fühlte der Alte den weichen, zusamniengekauerten Leib der Katze. „Er ist fort," schrie er auf und hotte Angst.„Basilio!" Doch dieser schlief den tiefen Schlaf der Glücklichen und Zio Pietro mußte ihn erst suchen und mit dem Stocke an- stoßen, ehe er ihn hörte. „Wer stößt mich? Was wollt Ihr?" „Wohin ist Melchior gegangen?" „Ich weiß viel davon! Ist er fort oder ist er hier, ich weiß es nicht. Laßt mich schlafen." Zio Pietro fühlte sich zum Fürchten einsam. Er setzte sich auf die Schwelle der Hütte und horchte. Instinktiv fühlte er, daß Melchior, von seiner Leidenschaft hin- gerissen, zu dieser Stunde ihn vergaß. Es war völlig Nacht. Der Wald erschauerte von neuem; es klang wie das Rauschen eines unsichtbaren Stroms, das Brausen kalter, dunkler Fluten, die sich in schwarzen Fernen verloren. Kein anderer Laut. Auch die Felsen lagen setzt schwarz da und erhöhten die peinvolle Finsternis. Am tief- dunklen Himmel zeichnete die Milchstraße nur einen lichteren Dunststreifen; im Osten lag ein ödes, trauriges, endloses Grau; und auf den in jener Oede verloreneu Bergen brannte ein Feuer. Ein loderndes Feuer, rotleuchtend wie eine Granatblüte. Tort hielten Arbeiter, die den Berg urbar machten, ihre Nachtruhe: und das Feuer aus brennenden Mastixbäumen sandte den einsamen Hirten des Orthobene einen Gruß. Zio Pietro aber sah weder die Milchstraße noch das Lebenszeichen der fernen Brüder. In seiner tiefen Finsternis hörte er nur die einsame Klage des Waldes. Ein Gefühl von Verlassenheit bedrückte ihn: er stellte sich vor, daß Melchior nie mehr wiederkehren, daß auch Basilio von ihm gehen, daß er auf jener Schivelle allein bleiben würde, dem elvigen Dunkel gegenüber. Es war ihm, als ob er in die öde Tiefe eines kalten dunklen Meeres versänke; mit weitgeöffnetcn Augen saß er und sah doch nur eine leere, schwarze Unendlichkeit, allein in seiner ewigen Nacht, die furchtbarer war, als der Tod selbst. lFortsetzung folgt.). Die Megblalung der Hrmada. Bericht des AdmiralS Roschdjestlvensky an den Zaren. _ Ich habe die Ehre, Eurer geheiligten Majestät mitzuteilen, daß meine Flotte mit Hülfe der Heiligen unseres geliebten Vaterlandes einen glorreichen Sieg errungen hat, wie er selbst in der an Ruhmestaten reichen Geschichte Rußlands nur selten zu verzeichnen aar"'.?•->■*!•>■-ie.r ewesen ist. Der Schrecken unseres Ruhmes erfüllt alle Meere und ander, unsere Heinde zittern. Die großen Ereignisses spielten sich auf folgende Weise ab; Unsere Abfahrt von Reval verzögerte sich um einige Wochen. Es war uns die ehrenvolle Aufgabe geworden, alle Spiritusvorräte in Reval zu vernichten, um den japanischen Hunden, wenn sie die Stadt beschießen würden, keine brennbaren Stoffe dazulassen. Ich halte es überhaupt fiir das wirksamste Mittel einer vorgeschrittenen Strategie, dafür zu sorgen, daß alles Brennbare entfernt wird. Dann können die gelben Affen umsonst ihre lächerlichen Granaten werfen. Die Spiritusbcseitigung erforderte einige Zeit, zumal meine braven Seekosaken auch darauf drangen, alles Petroleum gleichfalls zu vernichten. Um aber die Abfahrt nicht übennäßig zu verzögern. entschloß ich mich, den noch nicht erledigten Teil des genannten Brennstoffes auf die Schiffe bringen zu lassen, um sie allmählich über Bord zu werfen. So fuhren wir ab. Ein unvergeßlicher An- blick. Alle Frauen und Mädchen Revals gaben uns das Geleit. Als ich nach etwa acht Tagen meine Schiffe revidierte, gewahrte ich mit Stolz, daß der Patriottsmus unserer Russinnen nicht an der Schiffsbrücke Halt gemacht hatte: Zahlreich fanden sie sich noch auf den Schiffen vor und schworen, mit uns siegen oder sterben zu wollen. Alsbald nach der Ausfahrt bemerkte ich, daß die Japaner bereits bis in die Nähe von Reval vorgedrungen sein mußten. Diese tückischen Teufel hatten nämlich bereits das Meer in einen ebenso abscheulichen wie gefährlichen Zustand versetzt. Eure erhabene Majestät geruhen zu wissen, daß Gott das Wasser aus dem Grunde flüssig geschaffen hat, damit eS jederzeit- eine ebene Fläche bilde; Eure Majestät können dieS Experiment in allerhöchster Badewanne selber jederzeit unternehmen. Ich selbst hatte diese Eigenschaft des Wassers an einer mir ab und zu untergekommenen Waschschüssel gemäß den hehren Intentionen Eurer Majestät wiederholt mit Sicherheit festgestellt und darauf meinen Kriegsplan gebaut. Wie groß war deshalb mein Erstaunen, als ich sehen mußte, was diese geschlitzten Heiden aus Gottes schöner Natur, von ihren Götzen stech unterstützt, gemacht hatten. Sie hatten das ganze Meer weit und breit— fleißig sind die Bestien, das muß man ihnen lassen— in ein Gebirge verwandelt, sie hatten ungeheure Wasser- täler ausgegraben und riesige Wasserbcrge dafür aufgeschichtet. Damit nicht genug, hatten sie noch diese ganze verstümmelte Fläche ans Rollen gesetzt, so daß sich alles unablässig bewegte. Hätten wir nicht unseren Spiritus gehabt, um den furchtsamen Menschenverstand bis auf die Wurzel niederzubrennen, wir wären aus dem Schwindel nicht heransgekonimen. Wie aber sollten unsere Schiffe dieses Waffergebirge überwinden! Meine Versuche, der Rollen habhast zu werden, aus denen das Meer schwankte, blieben vergebens; sie scheinen aus unsichtbarem Material gefertigt zu sein. Oder die elenden Barbaren haben Walfische für diesen Zweck abgerichtet. Schon wollte ich den Versuch aufgeben und die Flotte in den Hafen zurückbringen, da erhörten die Heiligen mein Gebet und ver- richteten ein herrliches Wunder. Diese ungeheuren eisernen Maschinen begannen plötzlich wie beseelte Menschen zu klettern, sie krallten sich die Berge empor und rutschten die Täler herunter, bogen sich nach links und nach recht?, stemmten sich nach vorn und beugten sich nach rückwärts, also daß wir stotz aller Hindernisse, die uns das japanische Geschmeiß bereitet hatte, weiter drangen. Da fielen wir alle auf die Kniee, beteten und opferten 20 Fäsier Spiritus. Bald jedoch merkte ich eine neue Gefahr. Die schmutzigen Un- geheuer hatten das Wasser undurchsichtig gemacht. Erst glaubte ich, sie hätten eS verunreinigt, indem sie sich in ihm gebadet, bei näheren Untersuchungen ergab es sich jedoch, daß sie eS mit einer Art mir unbekannter Instrumente listig zu Schaum geschlagen hatten. Ich versuchte zunächst, den Schaum zu beseittgen, indem ich meine brave Mannschaft hineinblasen hieß. Das half jedoch nichts. Der Schaum ivor unerschöpflich und schien sogar aus sich selbst immer neue Blasen zu erzeugen; eS war wie eine ansteckende Seuche. Eure Majestät werden die gewaltige Gefahr ermessen, in die dieser Zustand des Wassers uns brachte. Die Lage schien verzweifelt. Ich ivußte, daß das ganze Meer von japanischen Minen voll sei. Wir aber konnten nichts sehen, obwohl ich mein Fernrohr direkt ins Meer selbst eingetaucht hatte. Es gab nur ein Mittel: die Minen mußten weggeschossen werden. Ich gab also Befehl, Tag und Nacht in das Wasier zu schießen; auch wurde es mit Knuten bearbeitet. Das half, wir ent- kamen glücklich. Die feindliche Flotte dagegen sahen wir zunächst nicht, auch kein Torpedoboot. Die gelbe Horde war feige zurück- gewichen, als sie sah, daß wir Ernst machten. Zur Borficht schössen »vir aber auch nach links und rechts, nach vorn und hinten. Unter der Wirkung des durch unser Schießen erzeugten Luftdrucks schössen wir pfeilschnell dem Siege entgegen. Noch ein Wunder hatten uns die Heiligen beschert. Das weiße Geflügel, das unsere Flotte umkreiste, hatte durchweg zwei Köpfe. So fühlten sich die tapferen Mcmnschasten wie unter dem Wappen- schütz der geliebten Heimat. Nur beim Erwachen sahen wir miwnter Bögel mit einem Kopf... Während der ganzen Fahrt herrschte überall gehobene und begeisterte Stimmung. Alles brannte darauf, das gelbe Ungeziefer so schnell wie möglich auszuräuchern. Auch die Weiber bewiesen einen entzückenden Pastiotismus. Je näher wir dem Feinde kamen, ist. m*-: mrMtr. um so eifriger bemühten wir uns, den Rest der flüssigen Brennstoffe zu beseitigen. Auch beim Schießen gab ich Befehl zu trinken. Endlich sahen wir Land. Ein unbeschreibliches Gefühl erfüllte alle. Niemand konnte sich mehr auf den Beinen halten. So zitterten alle vor Kampfbegier. Durch das Femrohr sah ich, daß das Land in die Länge gezogen war und eine insulare Lage hatte. Wir hatten also Japan vor uns. Die feindliche Flotte sahen wir zunächst nicht, sie hatten sie offenbar aus Furcht unter dem Wasser versteckt. Aber wir ließen uns nicht in Sicherheit wiegen. Wir mußten Rache nehmen ftir alle Untaten, die dies krummbeinige Ge- finde! Eurer erhabenen Majestät zugefügt hat. Als die Nacht hereinbrach, ließ ich die Scheinwerfer spielen. Plötzlich tauchte unter dem Licht eine ungeheure Armada auf. Deutlich sah ich, wie die feindlichen Schiffe' angefüllt waren bis zum Rande mit Seeminen. Die Minen sahen grenlich aus, unheimliche, griinlich und bläulich und gelblich schillernde Ungeheuer, die sich bewegten, riesige, mißgestaltete Mäuler hatten, mit gewalttgen Hauern. Die Japaner, kleine, ver- wegene, zweiköpfige und vierarmige Gesellen, waren gerade im Be- griff, diese entsetzlichen Seeminen ins Meer zu werfen, um unsere Flotte zu verderben. Auch hatten sie Gewebe, aus Dynamit gesponnen, die sie gleichfalls in die See versenkten, um unsere Schiffe zu zerstören. Aber ich hatte die Verbrecher rechtzeitig entdeckt. Ohne mich einen Augenblick zu besinnen, befahl ich: Feuer I Noch einmal tranken unsere braven Jungen ein Fäßchen Spiritus, noch einmal prügelten sie die Weiber, noch einmal sprachen sie ein inbrünstiges Gebet, noch einmal ließen sie ihr erhabenes Väterchen leben, dann stürmten sie unter brausendem Huaraw, Hurraw, Hurraw in die Schlacht. Das Gemetzel war entsetzlich..Der Feind schoß mit vergifteten Seeminen, das Völkerrecht schamlos verletzend. Die Bilder deS Grauens häuften sich dermaßen, daß ich, um den klaren Ueberblick nicht zu verlieren, mich in die Kajüte zurück« ziehen mußte. Bald bedeckten 3000 Leichen unsere Schiffe; sie wurden aber nach einer gründlichen Magennuspumpung dem Leben und dem Vaterlande wiedergegeben. Der Feind jedoch floh in alle Winde. Das Wort Seiner Exzellenz des Oberprokurators des heiligen Synod hat sich h�rlich bewährt: Deus afflavit et dissipati sunt. Heute morgen erschien ein Kurier auf meinem Schiff, er brachte einen Stoß Zeitungen. Er sagte, es stände darin, wir hätten auf englische Fischerboote geschossen. Unsinn. Wie käme England in diese Gegend! Zum Glück kann von unseren Leuten, dank der Weisheit Eurer Majestät, niemand lesen, wir sind also den ver« wirrenden und verweichlichenden Wirkungen der westeuropäischen sogenannteil Bildung nicht zugänglich, wir steuern unseren Kurs vorwärts, mögen die Kerls schinieren, was sie wolle». Unsere guten Kanonen sind stärker als ihre Tintenfinger. Gleichzeitig brachte mir der Kurier zwei Telegramnle aus Deutsch« land. In dem einen steht, ivie der Bote mir sagte, die Bitte von Kadetten, doch mal deutschen Schiffen die Ehre der Beschießung zu gewähren. Wenn eS irgend geht, werde ich, bei der Freundschaft, die Euere Majestät mit diesein Lande verbindet, die Bitte zu er- füllen suchen, obwohl unser Pulvervorrat auf die Neige geht. Außer- dem bot sich ein gewisser Hüssener an, die Führung der. Flotte zu übernehmen; da ich bisweilen unpäßlich bin, möchte Euere Majestät allergnädigst in Erwägung ziehen, ob man dies Angebot akzeptieren solle, damit er mich im Falle meiner Verhinderung vertritt. Ich verbleibe Euerer Majestät tteuester Admiral... � � AuS dem Original übersetzt von Joo. Kleines Feuilleton. — Marie Witt und die Gallmeyer. Adolf W i l b r a n d t ver- öffentlicht in der„Neuen Freien Presse" Wiener Erinnerungen. Im letzten Stück kommt er auf die Opernsängerin Marie Witt zu sprechen, die eine der herrlichsten Stimmen besaß, aber ungemein dick und unbeholfen war. Nachdem er den tragischen Tod der Kunst- lcrin— sie tötete sich aus Liebesgram— erzählt, fährt er fort: „Die Persönlichkeit der Marie Witt hat sich wohl nirgends liebcns- würdiger ausgesprochen als in der schönen Geschichte, die mir einmal Josefine Gallmeyer erzählte. Die Gallmeyer hatte ein starkes Talent, zu parodieren, und hat's oft getan: wie es denn so oft in diesen und anderen Sachen hieß:„Die Pepi wird's machen!" Als Marie Witt in ihrer Blüte an der Wiener tzofoper war, sollte auch sie daran glauben, parodiert zu werden, und eines Tages tritt die Gallmcyer bei ihr ein und stellt sich ihr vor. „Meine liebe Frau v. Witt," sagt sie ungefähr,„man hat mir den ehrenvollen Austrag erteilt, Sie zu parodieren; ich stehe nun aber jeden Abend, den Gott werden läßt, vor dem Publikum, in die Oper komm' ich halt nie, Hab' noch nicht das Vergnügen gehabt, Sic auf der Bühne zu seh'n. Wie soll ich Sie da parodieren? Das gibt's ja nct l Da komm' ich in meiner Not zu Ihnen: wenn Sie die Gnad' haben möchten, mir ein bisse! eine Anweisung zu geben, zu zeigen, wie Sie's machen— daß ich Ihnen dann doch auf meine Art was nachmachen kann!" Marie Wilt nimmt es ohne weiteres so, wic's kommt. Da kann ich Ihnen schon helfen," sagt sie, sachlich und gemütlich. Sie zu parodieren, das werde wohl nicht schwer sein: sie habe so allerlei an sich, das man gut ins Lächerliche ziehen, übertreiben könne. Da ihre Schauspielkunst nicht weit her sei, habe sie sich für ihre Opcmrollcn bestimmte Manieren angewöhnt, mit denen behelfe sie sich:„zum Beispiel, wenn ich weinen muß, wissen Sie, dann mach' ich halt so; wenn ich mich erschrecken oder fürchten soll, tu' ich das und das. Große Aufregung oder Leidenschaft, dafür Hab' ich das. Ja, und dann kann ich Ihnen noch was zeigen, schauen Sie Herl" Indem sie spricht� macht sie ihr alle Gebärden vor, mit denen sie sich behilft, wenn sie weint oder sich fürchtet oder großartig wird. Die Gallmeyer sieht mit Andacht und mit heimlichem, hochachtungs- vollem Staunen zu. „Ich dank' Ihnen gar schön, liebe Frau v. Witt," sagt sie endlich, als die Borstellung aus ist.„Damit laßt sich schon was machen. Wenn Sie nur noch die Gnad' hätten, mir ein bisse! was vorzusingen; davon Hab' ich noch nichts gehört." „Was wollen's denn, daß ich singen soll?" „Nu, so recht was von Ihrer Art. So, wie grab die Wilt singt und keine andere." Marie Wilt stellt sich hin und beginnt-— ich weiß nicht, was. Irgend einen ihrer großen dramatischen oder lyrischen Gesänge in der Oper singt sie ins Zimmer hinein. Sie wird mehr und mebr zu der, die sie darstellt; sie vergißt, wo und wer sie ist. Als sie aus- gesungen hat, schaut sie wieder in die Ecke, wo die Pepi Gallmcyer sitzt. Der laufen die Tränen über das Gesicht.„Was haben Sie?" fragt die Wilt. Die Pepi schüttelt nur so den Kopf, sie kann noch nicht reden. Endlich steht sie auf:„Ich dank' Ihnen schön, Frau v. Wilt. So Hab' ich in meinem Leben noch nicht singen hören. Ich werd's nicht vergessen. Aber parodieren— nie!" „Mich nicht parodieren?" „Nie, nie! Eine Frau, die so himmlisch singt! Das kann ich nicht, das tu' ich nicht. Allerschönstcn Dank und leben Sie Wohl!" „Hab's auch nicht getan!" setzte die Gallmeyer hinzu, als sie mir's erzählt hatte, und ihre Augen blitzten mich an.„Das tu' ich nicht, Hab' ich ihnen gesagt: bm dabei geblieben!"— e. Wie das Wetter das Leben beeinflußt.„Wettereinflüsse" betitelt sich ein dieser Tage in London erschienenes Buch des Prof. Edwin Grant Dextcr von der Universität Illinois, das die Beobachtungen über die Beeinflussung des Lebens durch das Wetter zusammenzufassen sucht. Es wird die Zeit kommen, meint der Ver- fasser, in der man von den Instrumenten der meteorologischen Bureaus wichtige soziologische Einwirkungen auf das Behagen und Unbehagen der Menschheit ablesen wird. Man wird sich dann wohl fragen, ob es von größerer Bedeutung für die Gesellschaft ist, das; ein Nordwind Frost bringt, oder daß er eine Epidemie von Morden, Selbstmorden und Gewalttätigkeiten bringen wird. Prof. Grant Dexter zeigt, daß es kaum eine Witterung in der Natur gibt, die nicht ihren unmittelbaren Reflex in den Handlungen der Menschen im Guten oder Bösen hat. So bringen beispielsweise Westwinde eine Zunahme der Verbrechen, die Anzahl der Selbstmorde wächst mit der Schnelligkeit des Windes, trockenes Wetter erzeugt Selbstmord- tendcnzen, Kinder befinden sich am wohlsten bei kaltem Wetter, und Knaben sind empfänglicher für Witterungsumschläge als Mädchen. Im ganzen sind 12 759 Schulkinder beobachtet worden, in welcher Weise das Wetter ihr Betragen und ihre Leistungen be- cinflußt. Es zeigte sich sehr deutlich, wie beides am besten bei klarem kalten Wetter, am schlechtesten bei wolkigem, nassem, stürmischem und windigem Wetter war. Auch die Sitze beeinträchtigte die Leistungen wie das Betragen. Gewalttätigkeiten sind am häufigsten bei heißem Wetter. Vom Januar, dem kältesten Monat ab, wächst bei Männern die Zahl derselben allmählich bis zum Juli, um dann wieder langsam abzunehmen. Eine viel stärkere Zunahme der Gewalttätigkeiten zeigt sich bei Frauen; sie erreicht im August ihren Höhepunkt und nimmt erst dann wieder ab.„Während der Londoner Nebel und an Tagen, an denen das Wetter besonders drückend ist, werden in der Bank von London gcioisse Bücher weg- geschlossen— da ein Fehler in ihnen verhängnisvolle Folgen haben würde— und die Angestellten werden mit weniger schwierigen und wichtigen Arbeiten beschäftigt. Die Erfahrung hat gelehrt, daß der Prozentsatz der Fehler bei derartigen klimatischen Bedingungen stark zunimmt, und daß man darauf Rücksicht nehmen mutz. Dieselbe Notwendigkeit wird auch von den �größeren Bankinstituten in New Uork und anderen östlichen Städten anerkannt, und eine Abwechselung in der Arbeit unter stetiger Rücksichtnahme auf das Wetter wird streng beobachtet."— cn. Ein neues Wintergemüse. Auch die Nahrungsmittel sind in gewisser Hinsicht der Mode unterworfen. Ein merkwürdiges Bei- spiel dafür, daß ein wohlschmeckendes und nützliches Nahrungsmittel lange Zeit in Vergessenheit geraten kann ist eine Kohlsorte, die jetzt: wieder in den Handel gebracht wird. Im 18. Jahrhundert wurde dieser Kohl unter dem Namen des tartarischcn Kohls beschrieben, verschwand aber sowohl aus dem Gebrauch wie aus der Literatur für ein ganzes Jahrhundert. Jin Jahre 1882 nahmen sich zwei Franzosen die Mühe, nach dem Verbleib dieser Gemüse-Art zu forschen und erhielten schließlich noch einige Samen aus dem bota» nischeu Garten in Petersburg. Ein Züchter namens Ovide Bichot, von dem die Nutzpflanze dann den Namen Ovidius erhalten hat, nahm sich vor einigen Jahren dieser Pflanze an und hat jetzt mit deren Kultur Erfolge erzielt, die ein gewisses Aufsehen erregen, weil sie den Feinschmeckern, die immer das seltenste haben müssen, eine gute Befriedigung ihres Gelüstes geben. Der Same dieser Pflanzen muß gerade während des Winterfrostes 5 bis 6 Zentimeter tief in den Erdboden gelegt werden, Die Keimung erfolgt nach Per» (auf von etwa ziv-i Monaten. Wenn die Pflanzen ihr fünftes Blatt getrieben haben, werden sie herausgenommen und auf andere Beete gebracht. Beim Herannahen des nächsten Winters pflückt man die Blätter ab und bedeckt sie mit feinem Sand, um im März der- kümmerte weiße Triebe zu erhalten. Dies Gemüse hat den Vorzug, zu einer Zeit auf den Markt zu kommen, wo frische Gemüse noch fehlen. Die Blatter des Ovidius werden wie Gndivicnsalat zubereitet, besitzen aber nicht dessen Bitterkeit.— Kulturgeschichtliches. tif. Vom Saufen. Die Trinkfestigkeit der Deutschen ist nicht nur sprichwörtlich bekannt, sondern auch durch geschichtliche Tatsachen begründet. Niemand trank von Alters her mehr als die Deutschen, und heute noch steht Deutschland im Verbrauch alkoholischer Getränke an hervorragender Stelle. In seiner„Geschichte des Weins und der Trinkgelage"(Berlin 1867) gibt Dr. Rudolf Schultz« ein anschauliches Bild von den Trinksittcn der Deutschen friibercr Jahrhunderte: Während der Grieche niemals vor der Hauptmahlzeit Wein trank und in Rom nur Schlemmer zur Zeit der größten Sittenverderbnis sebon morgens trunken waren, durfte der Deutsche fast zu allen Tagesstunden trinken, ohne gerade seinem Ruf zu schaden. Er hatte seinen Frühtrunk so gut als seinen Vesper- trunk, er verzehrte sein Frühmahl so wenig trocken als sein Spät- mahl, er schob zwischen beide Hauptmahlzeiten einen Unter- oder Zwischen trunk ein und nahm ganz abgesondert vom Spätmahl noch einen Schlaftrunk(„zum Abgewöhnen") beim Zubettgehen. Zu Ende des 15. Jahrhunderts wurden in manchen süddeutschen Städten jeden Morgen Betrunkene schlafend auf den Straßen gefunden, so daß der Magistrat einen eigenen kleinen Wagen hielt, worin die Seligen nach HauS transportiert wurden. Vom Herbst 1546 kamen in Württemberg, nachdem ein vorzüglicher Wein gewachsen war, bis zum nächsten Fasten über 466 Personen beim Zechen ums Leben. .(Volz, Württemberg. Jahrb. 1852, pag. 179.) Jahrhundertc hindurch galt es in de» meisten Kreisten der sogen. guten Gesellschaft für einen Ehrcnpunkt, niemandem im Trinken das Feld zu räumen und einem jeden auf sein Bortrinken Bescheid zu tun, und für einen besonderen Beweis der Artigkeit und Hochachtung, jemandem so lange zuzutrinken, bis er besinnungslos unter den Tisch fiel. Die Gastmähler der Vornehmen endigten mit einer all- gemeinen Trunkenheit; denn wenn das Saufen eine Ehrensache war, konnte unmöglich das Bcsoffrnsein für schimpflich gelten.„Wenn Trinken eine Ehre ist, dann ist Speien reine Schande..." Der Botscbafter, der früher im Namen eines in den Senat von Bremen gewählten Mannes den wählenden Senatoren den Dank auszu- sprechen hatte, mutzte sehr viel trinken und wurde daher offiziell ..das Schwein" genannt. Trotzdem riß man sich um die Ehre„das Schwein zu machen". Ein paar tüchtige Trinker gehörten zu den unentbehrlichsten Requisiten jedes wohlgeordneten Hofstaates. Den ersten Rang im Saufen behaupteten natürlich die geistlichen Höfe. Als ein englischer Reisender, Lord Ehestfield, sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts an den Höfen von Mainz und Trier aufhielt, glaubte er sich nach seiner Erklärung an die Hofstatt eines gothischen oder vandalischen Königs versetzt. Baron von Pöllwitz, der etwa 26 Jahre früher die meisten deutschen Höfe bereiste, berichtet in seinen Memoiren vom bischöflichen Hofe in Fulda, daß dort ungeheuerlich gesoffen wurde, mehr noch als in Würzburg, wo der edle Herr während seines mehr als achttägigen Aufenthaltes am Hofe fast keine Stunde nüchtern wurde und die bischöfliche Tafel niemals andcrs als im Zustand völliger Bewußtlosigkeit verließ. Pöllwitz erzählt ferner von seinem Aufenthalte am Hofe des Kurfürsten von der Pfalz: Bei einem Gtckage konnte er nickt mehr trinken, und da er immer von neuem animiert wurde, versteckte er sich schließlich unter das Faß. Ein Page entdeckte de» Unglücklichen jedoch und er wurde sofort vor den Kurfürsten geführt. Dieser ernannte seine Tochter und deren Äammerjungfern zu Richtcrinnen, um dem Ausreißer den Prozeß zu machen. Trotz seiner Verteidigung wurde er einstimmig vcr- urteilt, so lange zu trinken, bis der Tod erfolge. Der Kurfürst erklärte als Landesherr das llrteil dahin mildern zu Ivollen, das; Pöllwitz stehenden Fußes vier große Gläser, jedes von einem halben Maß, leeren sollte. Er verlor dadurch zwar nicht daS Leben, aber Sprache und Besinnung.— Nächst den geistlichen Höfen zeichnete sich auch der sächsische durch seine Trunksucht aus. Beim Kurfürsten Christian II. wurde 7 Stunden lang aus ungeheuren Humpen um die Wette gesoffen und der Fürst selber trug de» Sieg davon. Als Christian 1616 den Kaiser Rudolf II. in Prag besuchte, dankte er beim Abschied seinem Wirte mit den Worten:„Kaiserliche Majestät haben mich gar trefflich gehalten, also, daß ich keine Stunde nüchtern gewesen bin." Ein Jahr darauf starb der Säufer infolge eines Rausches. Natürlich blieben die Universitäten im Saufen nicht zurück. Das Will- kommentrinken, Brüdersrhaftmachen, die Rundgcsänge, Sauf- und LiebchenkommcntS, das Lebenlassen seines Fürsten, seiner Geliebten oder eines Freundes, das Zutrinken auf das Ganze oder die Hälfte, das Welt- und Straftrinken usw. gaben vollauf Gelegenheit, unmäßig zu trinken. Die Profcsiorcn gingen vielfach mit bösem Beispiele voran. In Tübingen wurde im 16. Jahrhundert derjenige Student mit Karzer bestraft, der sich„über beide Ohren vollgesoffcn" hatte. Wann nun dieser Grad der Trunkenheit eingetreten war, läßt sich nicht genau angeben.— Wenn von der Trinklust und dem Saufgeist der Fürsten, Bürger und Studenten gesprochen wird, so wäre es höchst unbillig, der Mönche nicht zu gedenken. Gerade die Klöster waren nicht selten Schauplätze tumultarischer Orgien. Im 16. Jahrhundert trank jeder von den Mönchen in St. Gallen täglich 5 Maß Bier und dazwischen reichlich Wein und Obstwein. Eigene Verordnungen bestimmten das Strafmaß für die verschiedene» Grade der pfäffischen Trunken- hcit.— Bölkerkundc. — Rege»Prozessionen in Chi» a. Aus Schanghai, Anfang September, wird der„Frankfurter Zeitung" geschrieben: Tix chinesischen Provinzen am mittleren und unteren shangtzekiang sind die Kornkammer des Reiches, aber sie leiden zuweilen unter schlimmen Dürren. In solchen Zeiten pflegen die Mandarinen die Götter um Regen anzuflehen. In Jtschang ist es Sitte, daß bei besorgniserregender Trockenheit jede» der umliegenden Dörfer eine Abordnung an den zuständigen Mandarinen in die Stadt schickt, die ihn ersucht, die Deputation zu dem Tempel ihres Dorfes zu begleiten, damit er dort bete. Jedes Mitglied der Abordnung hat einen Kranz von Blättern auf dem Kopf und eine Flagge mit dem Namen ihres Dorfes in der Hand. Das unvermeidliche Getöse init allerhand In- strumeuten und der ebenso unvermeidliche Weihrauch dürfen natürlich nicht fehlen. Die Leute kommen in der heißesten Tageszeit ohne irgend eine Kopfbedeckung. Falls ihnen jemand begegnet, der in einem Tragsessel sitzt oder einen Sonnenschirm trägt, so wird er ohne weiteres aus dem Sessel gezogen und der Schirm lvird zerrissen. Der Beweggrund hierfür ist sehr einfach: man glaubt, die Götter würden eher Mitleid empfinden und Regenwollen schicken, wenn sie alle Menschen der sengenden Glut der Sonne ausgesetzt sehen. Un- längst begab es sich, daß der Mandarin sich weigerte, eine solche Deputation zu begleiten, weil er kurz vorher einen Trauerfall in seiner Familie gehabt hatte, der sonst bei den Chinesen fast alles entschuldigt. Aber die erbitterten Vertreter des Torfes zer- trümmcrtcn das Tor seiner Amtswohnung, und das hatte die bcab- sichtigte Wirkung. Die fremden Konsuln lassen bei solchen Gelegen- hencn gewöhnlich eine Warnung an ihre Staatsangehörigen ergehen, worin sie ersuchen, sich möglichst selten auf die Straßen zu begeben, solange derartige Prozessionen den Weg passieren. Das ist eine durchaus gerechtfertigte Maßregel, denn die in der Sonne glühenden Chinesen sind nicht gerade gut gelaunt.— .Hittnoristisches. — B u b e n st r c i ch. Der Friseur Struppig hatte eine Hühner- augentinktur erfunden und brachte deshalb ein Schild an seinem Laden an, mit der Ausichrift: Hühncraugcuwasscr! Schon nach dreiinaligem Gebrauche kein Hühnerauge mehr! Tags darauf hatte ein Spaßvogel durch Ileberstreichc» eines Buchstabens eine kleine Veränderung vorgenommen und nun hieß es: Hühueraugeinvnsser! Schon nach dreimaligem Gebrauche ein Hühnerauge mehr! — Druckfehler.(AuS einem Nekrolog.)... In den Reichs- tag gewählt, zählte der Verstorbene bald zu den ungesehensten Mit- gliedern..'— — Ein echter Sauertopf...Schön' guten Tag, Herr Registratorl Wie bekommt Ihnen denn Ihr Urlaub?" „Ach lassen S' mich ansl Ich mutz immer an den Tag denken, wo der Dienst wieder beginnt— und das gift' mich in einem fort!"— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Eine neue Wochenschrift. Am 3. November er- scheint im Verlage von Karl Konegen in Wien die erste Nummer der„O e st e r r e i ch i s ch c n R u n d s ch a u". Herausgeber sind Dr. Alfred Freiherr v. Berg er und Dr. Karl Glossy. Jedes Heft wird Artikel auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens, der Wissenschaft, Literatur und Kunst und Novellen enthalten.— — Der vom Goethebund beschlossene Volks-Schiller- preis(3666 M.) soll am 9. Mai 1965, am hundertsten Todestag Schillers, zum erstenmal einem Dramatiker erteilt werden. Soll. Denn zuerst muß noch tüchtig gesammelt werden.— — Hartlebens Studentenstück„I m grünen Bau m zur N a ch t i g a l l" hat am Wiener Burgthcater einen halben Erfolg errungen; in Franks u rta. M. ist es durchgefallen.— — Die Elbcquclle ist noch immer völlig vcr- siegt. In dem gemauerten Brunnen ist zwar etwa» Wasser, aber das rührt von Niederschlägen her. Die eigentliche Quelle scheint sich einen anderen Ausweg gesucht zu haben.— — Die größte gebogene Scheibe der Welt lourde, nach der„Glaser-Ztg.", unlängst in Aachen für ein Waren- Haus in Duisburg hergestellt. Die Größe ist 445x354 Zentimeter.— — Kinder. Ein dänischer Ingenieur hat sich jahrelang mit einem Modell der Arche Noahs beschäftigt. Dieser Tage hat er nach vielem Grübeln das Wunderwerk fertig gebracht. Das Ding wurde bei Kopenhagen ins Meer gesetzt und schwamm wirklich. Und mehrere Professoren sahen zu und freuten sich.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Verlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanjsaltPaul Singer ScCo., Berlin SV/,