Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 217. Donnerstag, den 3. November. 1904 (Nachdruck verboten.) <9 Der Hlte vom Serge. Roman von GraziaDeledda. „Das wird der Mörser gewesen sein." „Nein, es war ein Mann, der vorüberging und sang. Was tut der Junge? Er nimmt eine Stange und stellt sich hinter einen Baum." Hier inachte Paska eine Pause, wie um die ängstliche Er- Wartung des Knaben anzudeuten. Ringsumher vernahm man nur die unermiidliche Flöte, weshalb die näselnde Stimme spöttisch frug:„Aber sage einmal, Paska, sang der Unglückliche, der vorüberging, oder spielte er?" „Er spielte, er spielte die Flöte." sagte die Stimme vom Boden her; und lachend rief er;„Gib wohl acht hinter dem Baum, Melchior!" Melchior zog sich unwillkürlich zurück; seine Nervei? zuckten. Mit grausamer Gleichgültigkeit spielte der Flötenbläser weiter. „Also, als der Mann nun an dem Baume vorüberkam, sprang der Junge hervor und zerschlug ihm die Stange auf dem Kopfe, dag er tot hinfiel.." „Gut getroffeil!" „Nicht scklnht für einen Jungen in dem Alter! Freilich, da er im Haufe der Orca lebte!" „Der andere hörte auf zu singen..." „Das glaube ich auch! Sogar ein Flötist hätte da auf- gehört!" „... Hörte auf zil singen. Da war der Knabe ganz vergnügt..." „Schönes Vergnügen! Mai? sieht, daß Tante Orca ihm eine gute Erziehung gab!" „Ganz vergnügt zog und zog er," sagte Paska, biß die Zähne zusanlmen und tat, als ob sie eine schwere Last fort- schleppe. Blaß vor Schrecken folgte Efisio mit iveitgeöffneten Augen den Bewegungeil von Paskas Mund und Händen und klammerte sich fester a?? sie. ..... Also, der Junge zog, lvas er konnte und schleppte den Mann, der fang..." „Das heißt, der nicht mehr sang." „Fns Haus, züiidete das Feuer an, sehte einen großen Kessel Wasser ans und warf den toten Mann hinein..." «Mit den Kleidern und allem, ja?" „Auch�nit den Schuhen?" „Das nlußte eine schöne Brühe werden..." „Tie brauchte kein anderes Gewürz!" „Als die Orca ,?ach Hause kain, fand sie ihr Abendessen fertig. Ganz zufriedei? speiste sie und dann gingen sie zu Bett. Aber mitten im schönsten Schlaf klopfte es an die Tür." „Wer ist da?" „Ter König." „Es t?iar die Gerichtsbarkeit, die mit der Fra?, des Er- schlagenen kam, uin nachzusehen, ob die Orca ihn getötet hätte. Die Orca nahm die Reste ihres Mahles..." „Vielleicht die gekochten Stiefel, die sie nicht beißen konnte, ja?" „... Die Reste des Mahls und warf sie in einen tiefen schwarzen Brunnen; dann warf sie einei? Ziegenbock hinein und dann öffnete sie die Tür. Die gailze Gerichtsbarkeit kam herein, und die Frau weinte und raufte sich die Haare. Sie sahen alles nach lind da sie nichts fandei?..." „Und die hnndertuildein Zimmer? Warum nahmen sie keine regelrechte Haussuchung vor?" „Vielleicht hatte die Orca Beschüher unter den Richtern, oder auch da schon war es mit der Gerechtigkeit nicht zum besten bestellt..." „Für die Gauner!" sagte die näselnde Stimme mit schlecht verhehltem Aerger. „Ach ja, Sie sind hier! Entschuldigen Sie, Herr Richter!" „Bitte!" erwiderte jener spöttisch. „... Genug, da sie nichts fanden, wollten sie gerade wieder fortgehen, als die Frau, die in den Hof getreten war, rief: Und dieser Brunnen? Schaut doch in den Brunnen!" „Das ist wahr," sagte der Richter und befahl den Leuten, in de?? Brulmei? zu steige??; doch keiner gehorchte. „Nun, ich sagte doch, daß es damit nicht zun? besten ging." Da packten sie den Jungen, banden ihm ein Seil um und ließe?? ihn hinab. Als er uilten war. riefen sie ihm zu: Was siehst Du da? Er a?itwortete; Einen Leichna???. Da weinte die Frau noch lauter, raufte sich die Haare alls und zerriß ihre Kleider. Sie hatte lvohl Ursache! Ter Richter rief dem Knaben zu, er solle die Kenilzeiche?? des Opfers nennen; uild der Knabe schrie herauf: „Wieviel Augen hatte Dein Mann?" „Mein Mann Hatte zwei Augen." „Auch dieser hat zlvei Augen. Wieviel Ohren hatte Dem Mann?" „Mein Man?? hatte zwei Ohren." „Auch dieser hat zwei. Wieviel Nasen hatte Dein Mann?" „Mein Mann hatte eine Nase." „Auch dieser hat eine. Wieviel Füße hatte Dein Mann?" „Mein Mann hatte zlvei Füße." „U??d dieser hat vier. Trllg Dein Mann ein Vließ?" „Mein Mann trug kein Vließ." „Aber dieser trägt ein Vließ. Hatte Dein Mann Hörner?" „Da fing die ganze Gerichtsbarkeit a?? zu lachen, zu lachen!... Der Richter warf sich a?lf die Erde vor Lachen." Auch die Zuhörer der hübschen Erzählerin lachten, gleich der wenig findigen, gericktlichen Macht in ihrer Geschichte. Paska fuhr fort:„Mein Man?? hatte keine Hörilet, schrie die Frau; mein Mai?n hatte keine Hörner!" „Aber dieser hier hat Hörner!" Man lachte noch lauter, lind eine Stinlme rief: „Ter unverschämte Melchior!" „Armer Melchior! Was für ein Dummkopf!" „Schöne Paska, zieh ihn doch schnell aus dein Brunnen!" ..Stein, Paska, ertränke ihn, wenn er es verdient. Sie verstalrd die Anspielungen lind warf lachend de?? Kopf zurück, sodaß lnan ihre weiße Kehle sah uild sagte frech: „Ich habe ih?? scho?. ertränkt." Da verlor Melchior alle Ueberlegung; es war ihm so, als ob er hinter dein Baume hervorgcsprimgei?, mit einer Hand auf das Feuer gefallen wäre und sich diese verbrannt hätte: in Wirklichkeit hatte er die schöne Paska blutig geschlagen. Den sie trennenden Ra?lin überspringend, war er über sie hergefallen, ehe einer der Unisteheildei? sich gerührt hatte. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht, wich zurück liild schrie lim Hülfe; und das .Kind versuchte sie zu schühei? lind klainmerte sich noch fester an sie. Melchior sah sich dani? von zornigen Gesichtern umringt und fühlte die derben Fäuste auf seine??? Rücken. „Feigliilg! Elender! Schuft!" Paska fing an zu weinen vor Schmerz lind Schrecken und auch das Kind schluchzte laut. „Feiglinge seid Ihr," schrie Melchior mit heiserer Stimme und machte sich frei.„Laßt mich gehen, sonst wird Euer Ver- gniigen heute Abend ein schlechtes Ende nehmen." „Schurke!" Eine mächtige Faust fiel lvie ein Stein auf seinen Kopf.* Wütend riß er sich los und schwang sich mit einem Katzen- sprung von neuem zu Paska hin, schlug sie nochmals heftig und fühlte ihre warme, weiche Wange. Dann noch ein tüchtiger Satz und er befand sich außerhalb des Kreises. Sein ganzer Körper bebte, die Ohren brannten ihm. seine Lippen zitterten und stießen Schimpfworte �und Verwünschungen aus. Er empfand einen namenlosen Schmerz: auf die Erde hätte er sich werfen, in die Steine beißen, die Stirn am Boden zerschlagen und sterben mögen. In der tiefen Dunkelheit, die ihn jetzt umgab, unterschied er noch den fernen Feuerschein und die dunkle Masse des Waldes, das Schreien des Knaben und das schluchzen Paskas. Aber die verwünschte Flöte, deren Ton ihn beute von nah und fern geärgert hatte, war endlich verstummt. IV. Wie eine große blutrote Kugel erhob sich die Sonne aus dem fernen Meere, als dos Glöckchen zur Messe läutete. Tiefe Stille rings umher. Die Vögel schwiegen noch, die Luft wav frisch und der Himmel rein und klar. Hie und da kam schläfrig und swmm eine Frauengestalt zum Vorschein und in den Laub, ouo Wtten bei dem Kirchlein wurden die Kaffeebannen zum Feuer gerückt. Das zweite Läuten erklang; ein Heller, gebietender Ton. der aus der Kirche durch die Bäume in die offenen Türen hineindrang. Die Sonne hing noch über dem Meere, das sie mit leuch- tcnden Tönen schmückte. Tie kleinen Türen der an die Kirche angebauten cum- dessius(Stuben) öffneten sich, und es kamen schläfrige Kinder und junge Leute heraus. Beini dritten Glockcnruf traten fast alle in die Kirche. Und draußen unter den Bäumen, deren Gipfel vom sanften Widerschein der noch strahlenlosen Sonne erglänzten und auf der kleinen Ebene, wo das Gestein schimmerte, herrschte wieder tiefes Schweigen. Von drüben, aus dem taufrischen Wolde, kam Zio Pietro, stark wie der Fels; milde und ehrwürdig schritt er einher. Statt der Kappe aus Fuchsfell bedeckte die schivarze, sardische Mütze sein silberweißes Haar. Bajilio führte ihn; lachend zog er ihn mit sich und suchte austnerksam die weniger steilen Stellen aus. Aus der Ebene angelangt, streckte der Blinde seinen Stock vor sich hin und sagte: „Wir sind ganz nahe, nicht wahr? Ich habe die Glocke gehört." „Wir sind gleich da, aber ich habe nichts gehört. Ihr habt gute Ohren!" „Ist niemand z« sehen?" „Ich sehe"... sagte Basilio, rings umherblickend,„ich sehe ein schwarzes Hündchen. O, wie hübsch! Te, te, te," rief er, und schnippte mit den Fingern nach dein Hunde hin, der mit Gebell antwortete. „Ich habe Dich nicht gefragt, ob Du schwarze Hunde siehst, ich habe gefragt, ob Ehristenmenschen zu sehen sind." „Keiner, Zio Pietro, keiner." Doch nach einigen Schritten kniff Basilio die Augen zusammen und sagte verschmitzt: „Eh, eh, Zio Pietro, Paska ist zu sehen!..." Ter Alte zuckte leicht mit den Augenbrauen, besann sich aber bald und sagte streng: „Lügner! Du kennst sie nicht einmal. Merke Dir, daß ich nicht hierher gekommen bin, um mit Dir zu scherzen." (Fortsetzung folgt.), (Nachduul verbot«».) Hmmhamlcbe Bifenbabn-Stationscicbäudc. Stile tvcihrenb der letzten Jahrzehnte gebauten großen curopäi- schon Bahnhöfe charakterisieren sich auch äußerlich als große Hallen- bauten, d. h. die Achitektur folgt der Kontur der weiten, überwölbten Perrotchallen, deren eiserne Stirnwand sogar häufig, wie z. B. beim Zentralbahnhof in Köln, unuerkleidet an die Straßenfront tritt. Jedenfalls ist die Slrchitektur der großen europäischen Stationsgebäude so charakteristisch, daß man sie schon aus weiter Ferne als solche zu erkennen vermag. Wer auch nur eine dieser großen Stationen in Berlin, Köln, Frankfurt a. M.. Düsseldorf, Elberfeld, Wien. Paris usw. gesehen hat, tvird sicher nicht wehr au einen Straßenpassanten die Frage richten:„Sagen Sie mir doch, bitte, was ist das für ein Gebäude i-" In Amerika ist eS ganz anders. Grade die größten Stations- gcbäude unterscheiden sich äußerlich durchaus nicht von großen, viel- stöckigcn Lffice- oder Gcschäftsgcbänden, und in Philadelphia ist es mir passiert, daß ich«inen Polizisten nach der besonderen Bestim- mung eines großen Prachtbaues fragte, den er mir lächelnd als die Pennsylvania-lllailroad-Starion bezeichnete. Es war derselbe Bahn- Hof. in welchem mein Zug am Abend zuvor cingelaufei? war. Ta ich sofort in ein Cab gestiegen wor, nur in ein Hotel zu fahre», hatie ich die Front dieses herrlichen Bahnhofes zunächst gar nicht beachtet. Ter amerikanische Architekt scheut sich natürlich nicht vor der Aufgabe, dem Hallenbau eine monumentale Frontarchitektur zu geben. Toch diese großen Hauptstationen sind in der Tat zugleich Per- waliungsgebände der Eisenbahngesellschasten, deren ungeheure Be- triebe zahlreicher Bureaus bedürfen. Slußerdem wird in amerikanischen Bahnhöfen für sehr weitgehende Bedürfnisse der Reisenden gesorg.; deshalb enthalten derartige Stationsgebäude auch sehr mannigfache Geschäftsräume, wie Wechselstuben, eine Buchhandlung, Koufi- türen- und Parsiimeriegeschäste, eine große Barbierstube usw. Ferner sind uaiürlic!, in diesem.Hauptgebäude die großen Wartehalln, Billett- schalter, wie sehr umfangreiche Restaurationen uswr untergebracht. Die Wartesäle sind in amerikanischen Bahnhöfen nicht zugleich Speise- säle. Vielmehr gibt es besondere komfortabel mit Sitzen anSgestattete, häufig sehr reich geschmückte Wartehallen von großer Ausdehnung, t» denen man auch zum bloßen Zeitvertreib Play nehmen kann, um ffch den Trubel anzusehen. Ein klassisches Beispiel für diese Art von I Bahnhofen bildet mm eben die Vroadstreet-Stalion der Pennsyl» j vania-Railroad in Philadelphia. Tie Broadstreet-Station sieht äußerlich einem Bahnhof sehr wenig ähnlich. Im Erdgeschoß liegt eine ganze Reihe von Ein- fahrten, aber die zehn oder zwölf übereinander gesetzten Stockwerke und der reizvolle, reichgegliederte Eckturm geben dem Bau ganz den Charakter eines großen amerikanischen Office-Gebäudes. Dazu kommen mehrere Schaufenster, welche die mannigfachsten Erzeugnisse in verlockender Anordnung zeigen. Diese Gliederung der Slrchitektur ist aber natürlich, da das Frontgebäude nicht die Bahnhofshalle, sondern nur die Bureaus der Verwaltung, die Wartehalle, das Restaurant, die Billettausgabe usw. umschließt. Betritt man eines der zahlreichen Tore, so erstaunt man sofort über die luxuriöse Ver- Wendung des herrlichen Marmors, polierten Granits und kostbaren Bronzearbeiten. Im Vestibül, einer sehr weiten Halle, welche auch prächtig ausgestattete Geschäftsräume für Zigarren, Sodawasser, Konfitüren. Zeitschriften usw. enthält, sehen wir 14 Ticket-Bureaus nebeneinander, so daß alle Wünsche des reisenden Publikums schnelk befriedigt werden können. Sluf preußischen Bahnen finden wir zwar auch immer eine größere Sinzahl von Billettschaltern; doch es ist charakteristisch für die preußische Eisenbahnverwaltung, daß von zehn Schalter immer neun geschlossen find. Dergleichen gibt es in Amerika nicht. Tie Tickerschalter sind jeden Tag ununterbrochen ge- offner, und ick kann jederzeir mein Billett zu einem beliebigen Slb- fahrtsdatum lösen. Daß in der Broadstreet-Station die Waschtoiletten, die Vor« richtungen für Beschaffung frischen Trinkivasscrs im höchsten Grade komfortabel sind, bedarf kaum einer besonderen Erwähnung. Eine stolze Freitreppe führt nach dem Lbergcschoß empor. Wer aber»ach den Bahnsteigen will, macht sich nicht die Mübe, diese Treppe zu er- steigen. Große Aufzüge von mustergültiger Konstruktion und Ein- richtung befördern je 20 bis 30 Personen nebst ihrem Gepäck nach den Perrons. Hier finden wir 10 Bahnsteige nebeneinander, die mit einem einzigen Eisengewölbc überspannt sind. Sieht man sich in der oberen Wartehalle um, so fällt einem zunächst eine riesige, auf die Wand gemalte Landkarte aus. Sie besitzt eine Länge von etwa 40 Metern und eine Höhe von ettva 6 Metern und stellt sämtliche Linien der Pennsnlvania-Railroad dar; alles so groß und deutlich, daß noch ein Halbblinder sich genau zu orientieren vermag, tlnwill- kürlich dachte ich an die kleinen Kärtchen auf den Fahrplänen der preußischen Staatsbahnen. Selbstverständlich fehlt ein besonderes JnformationSbureau für die Reisenden nicht. Die großen Speisesäle, die„Bar" mit ihren ungeheuren Vorräten von Früchten und köftlichenr Gebäck, ihren großen Nickelkesseln für Kaffee, Kakao, Milch, Tee usw. verdienen eine besonders eingehende Schilderung, für welche mir hier der Raum fehlt. Wie in allen besseren Nestaurationen, Hotels, Bank- gebäuden usw. finden wir auch auf dem Bahnhofe einen sogenannten „Ladies retiring romn", das ist nicht eine Toilette im gewöhnlichen Sinne, sondern eigentlich ein Ankleideraum für reisende Tarnen, in welchem auch für die nötige Bedienung gesorgt ist. Selbst die Grand Central Station in New Dork, den einzigen Bahnhos im Herzen der Metropole— zugleich eine der grüßten Bahnstationen der Welt— würde der Euroräer nicht ohne weiteres als Bahnhof erkennen, wenn er nicht durch Straßenvassantcn. Reise- bücher usw. informiert wäre. Hier herrscht ein rauschendes Leben und Treiben; es laufen gleichzeitig drei, vier Züge aus der riesigen, mit einem Glasdach überwölbten Bahnhofshalle ein, während� andere aus den verschiedensten Richtungen herbeikommen. Das Glasdach hat eine Bogenspannung von 200 Fuß und eine Länge von 700 Fuß, so daß zwölf Züge nebeneinander vollkommen unter Dach stehen können— auch ivenn jede Lokomotive zwölf lange, mächtige Passagierwagen hinter sich hat. Vielleicht kann der Leser eine Vor- stellung von dem Verkehr in dieser Eisenbahnhalle, den riesigen Wartehallen, Clepäckräumen. wie den Speisesälen gewinnen, wenn ich hinzufüge, daß täglich 350 reguläre Passagierzüge hier einlaufen bezw. die Halle verlassen; und während der Hauptsaison des Sonnners fahren viele dieser Züge noch in mehreren Sektionen, d. h. es gehen zwei oder drei Züge in gleich komfortabler Einrichtung gleich- zeitig ab. Was es heißt, 350 Eisenbahnzügc täglich mit gleicher Promptheit abzufertigen, das wird jedoch so reckst nur ein Station?« beamter begreisen, der die Schwierigkeiten eines lebhaften Eisenbahn» Verkehrs aus eigener Erfahrung kennt. Kleinere Stationsgebäude unterscheiden sich natürlich nicht wesentlich von denen europäischer Bahnen. Auffällig ist hier nur das Fehlen der Bahnhofs-Restauranls. Tie einzige Erfrischung spendet hier der Eiswasser-Behälter. Es ist nicht üblich, bei wenigen Minuten Aufenthalt den Zug zu verlassen; es werden auch keine Er- frischnngen an den Zug gebracht. Während der Speisezeit befinden sich„Tining-CarS" in den Zügen aller Gesellschaften. Besonders reizvoll ist die Union- Station in St. Louis, der größte Bahnhof der Welt. Hier haben wir weder den europäischen noch den amerikanischen Tvpus der Zentralbahnhöfe._ Tie reich- gegliederte, höchst umfangreiche Bauanlage, in welche sämtliche an- kommenden Züge der verschiedenen Eisenbahngesellschaften einlaufen, ist nur zweigeschossig angelegt und erscheint mit ihrer großen, orna- mentalen Freitreppe und dem malerischen, quadratischen Eckturm weit eher Ivie eine Universität oder eine technische Hochschule mit Observatorium, denn als Bahnhof. Typisch für alle großen Kopf- stationen Amerikas ist jedenfalls die Verkleidung der weiten Perron« hallen an den Hauptsronten durch eine massive Steinarchitetiur, die »ichts bmi dem ungeheuren Bahnverkehr hinter diesen Mauern ver- muten läßt.— _ Fred Ho od. (Nachdruck verboten.) Das Verfchwindcn der Glbquellc. In den letzten Wochen war allenthalben zu lesen, dah während dieses Sommers die als eigentlicher Ursprung der Elbe betrachtete Quelle ausgetrocknet und auch trotz reichlicher Regen» fälle im benachbarten Gebirge bisher wasserleer geblieben ist. Leute, die keine rechte Vorstellung von der Art haben,!oic ein Fluh zu- stände kommt und unterhalten wird, mögen sich nun wohl darüber wundern, dah dann nicht auch die ganze Elbe verschwunden ist, wozu sie freilich auf der Höhe des Sommers ernstliche Anstalten zu machen schien. Man muh dabei immer an die Anekdote von dem österreichischen Kavalleristen denken, der seinen breiten Reiter- sticscl über die Donauguclle setzte und sagte:„Jetzt werden sie sich aber in Wien wundern, wenn auf einmal die Donau ausbleibt." Ter Unsinn liegt hier auf der Hand; jeder wird sich bei einiger Ueberlegcnheit sagen, dah jeder Fluh eben viele Quellen hat, und daß sogar auch jeder Nebenfluh nnt als eine seiner Quellen zu be- trachten ist. Rehmen, mir beispielsweise an, dah der ganze Ober- lauf der Elbe bis zum Einfluh der Moldau einmal versiegen könnte, so würde cbc>i die Moldan ihren Namen aufgeben und zum Qber- lauf der Elbe werden müssen. Auch jetzt würde man für die Elbe, sollte die alte Quelle wirklich ein für allemal verschwunden sein, eine andere suchen müsse», und es wird den geographischen Spezial- fennern überlassen bleiben, unter den Gebirgszuflüssen den aus- zuwählen, Vier den besten Anspruch auf jenen Ehrentitel hat. Lb das nötig sein wird, läht sich»och nicht sagen, denn möglicherweise kehrt die alte Quelle zurück. Immerhin muh man sich vergegeu- wältigen, dah ein Fluh ein veränderlich Ding ist und dah weit gröherc Wandlungen mit ihn: vorgehen können, als das Versiegen eines kleinen Quellbaches. Nehmen wir einmal ein grohes Ge- birgc und einen dort entspringende» Fluh, zunächst etwa die Alpen und den Rhein. Als die Alpen sich erhoben hatten, waren, sie zweifellos viel höher als heute, weil seitdem die Naturkräfte un- gezählte Jahrtausende lang mit Unterstützung innerirdischer Kräfte an ihrer Zersplitterung und Abtragung gearbeitet haben. An diesem gewaltigen Gebirge nmhten sich die Niederschläge sammeln und die au den Abhängen herniederstürzenden Regenwasser müssen zur Entstehung von Flüssen und Seen Veranlassung gegeben haben. Setzen wir die Ausdehnung der Alpen gleich der heutigen und ttchinen wir an, dah der Lauf des Rhein im übrigen schon der gleiche sein konnte wie jetzt, Ivas allerdings in Wirklichkeit keines- falls überall möglich war, so würde die Quelle des Rhein vielleicht in der Gegend von Bregenz und St. Gallen zwischen dem Säntis und Vorarlberg gelegen habe», also ain damaligen Nordabhaug des massiven,»och fast ganz ungegliederte», weil noch nicht von Tälern durchrissenen Alpengebirgcs. Heute liegt die Quelle des Rhein be» kanntiich anl Gotthard bezw. am Splügen, je nachdem man den Borderrhein oder den Hintcrrhcin mehr dazu berechtigt halten will, den Namen des eigentlichen QuellflusseS zu beanspruchen. Die Quelle muh demnach jedenfalls seit der Entstehung dcS Rhein- ströme? eine räumlich recht erhebliche Verlegung erfahren haben. Man muh sich den Vorgang so vorstellen, dah sich ein Fluh rück- wärts immer weiter ins Gebirge hineinfriht. Tie heutige Erd- künde bezeichnet daS mit dem Ausdruck..rückschreitcnde Erosion". Diese Erscheinung hat eine sehr bedeutsame Rolle in. der Um- gcstaltung der Erdoberfläche und in der Schaffung ihrer heutigen Form gespielt. Die Talsurchen in einem Gebirge wie den Alpen sind freilich meist nicht durch die nagende Kraft des fliehenden WafferS allein geschaffen worden, sondern haben ihre erste Anlage gewöhnlich durch Verschiebungen und Zerreihungen der Gevirgs- massen empfangen. Dah solche Kräfte noch jetzt in. den doch schon stark gealterten Gebirgen vorkommen, lehrt die Tatsache, dah gerade in ihnen die Erdbeben so häufig sind, die man dann als tektonische Erdbeben bezeichnet, weil sie gleichsam am„Gezimmer" der Erdkruste rütteln. Wenn eine Tallinie nun aber einmal durch eine solche Zcrrcihung oder Verschiebung in den Gestcinsmaffen des Gebirges vorgezeichnct worden ist, so werden die Gewässer sich natürlich diese Vertiefung aussuchen, es wird ein neuer Fluh ent- stehen, der dann wohl einem anderen zuflichcn muh und dessen Quelle um einen mehr oder weniger erheblichen Betrag verlegen kann. Noch grotzartiger muh die Arbeit der Gewässer in einem Gebirge gewesen sein, wie im Himalaja, das in seiner ganzen Breite von einigen Flüssen, nämlich dem Indus, dem Ganges und dem Setlcdsch, durchbrochen wird. Wie ein Fluh es fertig bringt, auf mehrere hundert Kilometer ein so mächtiges Gebirge bis zu der nötigen Tiefe zu durchnagen, ist freilich schwer zu verstehen, denn zunächst sollte man meinen, dah ein Fluh sich einfach der Gc- staltung der Erdoberfläche anpassen und daher jedes Gebirge ver- meiden und umströmen mühte, anstatt es zu durchbrechen. Jedoch muh man sich mit der Tatsache abfinden, dah das Wasser in der Zeit von Jahrhunderten und Jahrtausenden doch eine Energie be- sitzt, die selbst gewaltige Hindernisse zu besiegen vermag und tiefe Täler von grohcr Länge in die Gebirgsmasscn friht, obgleich es scheinbar oft einen bequemeren Weg zum Meer hätte finden können.—_ Dr. E. T i e s s c n. kleines feuilleton. k. Ein Amerikaner über Nikolaus II. Im„Century Magazine" veröffentlicht A n d r e Iv D. White Erinnerungen aus der Zeit, als er amerikanischer Botschafter in Petersburg war. <1892 ff.) Von dem damaligen Erben des Thrones, dem jetzigen Zaren Nikolaus II., erzählter: Er erschien als ein freundlicher junger Mann; aber eine seiner Bemerkungen verwunderte mich höchlichst. Im Jahre vorher hatte die Hungersnot, die ja in den weiten Gebieten Ruhlands nie ganz aufhört, eine furchtbare und lang andauernde Form angenommen, und mit diesem hohl- äugigen Gespenst zusammen kamen zwei andere schreck- liche Gestalten: Cholera und Typhus. ES waren ganz die gleichen Erscheinungen, die in den Zeiten des Mittelalters den Schrecken des„Sckiwarzen TodeS" geboren hatten: Armut und Ver- kommenheit der Bewohner. Aus den Vereinigten Staaten waren reiche Hülfsmittel an Geld und Getreide gekommen und im ersten Jahre»ach meiner Ankunft war sogar die Not in etwas gelindert worden, da mir 40 000 Rubel mehr zur Unterstützung ans Phila- delphia zugesandt worden waren als früher. Ick sprach mit dem jetzigen Zaren, der Vorsitzender der kaiserlichen Hilfskommission ivar, über die Art der Verteilung der Mittel. Er anttvorlete mir, dah nach der Ernte im letzten Jahre kein Elend mebr bestände, dah eine nennenswerte Hungersnot nicht länger vorhanden sei, und dah er deshalb sich darum nicht mehr kümmern wolle. Das alles wurde in einer so schnellfertigen, gleichgültigen Weise vorgebracht, dah ich direkt konsterniert wurde. Die einfache Tatsache lvar die, dah die Hungersnot, wenn auch nicht in so Ivetten Ge- bieten, doch drückender war als im vorigen Jahr, denn sie fand die Vauenibevölkerung in Finnland und in den inittleren Teilen des Kaiserreiches noch weniger vorbereitet, ihr zu begegnen, denn je. Während des voraufgegangenen Winters hatten sie ihre Zugtiere aufgegeffen und alles zur Feuerung verbraucht auher den» kahlen Dach. das sie deckte: ans Finnland wurden mir Brote aus Farrnkraut gebracht. die die Menschen gierig verschlangen, und die wir uns schämen würden. unseren Katzen und Pferden vorzuwerfen. Und von alledem wußte der Erbe dcS Reiches, der dem Throne am nächsten Stehende, äugen- scheinlich gar nichts I In späteren Unterhaltungen, die ich mit einem Herr« führte, der seit seiner Kindheit mit Nikolaus intim bekannt war, erzählte mir dieser, dah der Hauptzug seines Wesens eine völlige Gleichgültigkeit gegen alle Menschen und Sachen unr ihn herum sei, obwohl er dabei eine gewisse Höflichkeit an den Tag lege; er äuhere nie auch nur die geringste Teilnahme für irgend eine An- gelegenheit und zeige keinen Funken irgend welchen Ehr- geizeS. Das wurde mir durch die Beobachtungen bestätigt, die ich dann bei Hofe über ihn machte. Er schien ganz teilnaymlos und indifferent herumzustehen, sprach in liebenswürdiger Weife einmal zu dem oder jenem, der ihm in den Weg lief, wenn es ihm nicht de- quemer lvar, nicht zu ihnen zu sprechen. Aber sonst schien ihn alles um ihn herum durchaus nichts anzugehen. Nach seiner Thron- besteigung sagte einer, der oft Gelegenheit gehabt hatte, ihn im Gc- Heimen zu beobachten:„Er iveih nichts, weder von seinem Reiche »och von seinem Volke; er geht niemals aus seinem Palasteheraus. wenn es nicht gerade unbedingt nottvendig ist." — Ucber die Gärten thüringischer Ansiedler in Wisconsin plaudert H. Nehrling in einem deutsch-amerikanischen Blatte: In Wisconsin kann man überall an den Gärten erkennen, wo Thüringer � wohnen. Gewisse Charakterpslanzen verraten dies. Zu diesen gehört: in erster Linie der Mohn. Ter Mohn ist eine sehr wichtige Pflanze im Thüringer Haushalte; wird doch aus ihm der Mohnkuchen bereite.. jenes köstliche Gebäck, das nur Thüringer richtig bereiten und zu würdigen verstehen. In zweiter Linie kommt dann der aromatische Majoran, die wichtigste Zutat zur Thüringer Blutwurst; er verleiht: ihr erst die rechte Weihe, den Wohlgeschmack. Folgt ein grosses, und Kümmel bepflanztes Beet, denn Handkäse und Sauerkraut sind ohne Kümmel nicht bcntbar. Auch Till darf iu keinem Garten fehlen, denn was wären eingemachte Gurken ohne Dill? Viele der Beete sind mit Schnittlauch eingesasst, der als wichtige Zutat zum Schmierkäse dient. Zwischen den Acpfel- und Birnbäumen, Kirschen- und Pflaumenbäumen, die man aus den mit über den Ozean gebrachten Kernen gezogen hatte, sind vorsorglich allerlei Büsche und Blunicu angepflanzt. Im Maimonat bedeckt duftiger Blütenschnee das Gehöft. Bienen umsummen die Blütensülle, Kolibris schwirren von Blume zu Blume, und aus dem Jasminstrauchc ertönt der Gesang der Katzcndroffel, während das Gezwitscher der Schwalben an die frohe Jugendzeit erinnert. Der Thüringer ist fast immer ein grosser Naturfreund; darum schmückt er seinen Garten auch stets mit den. schönsten Zierpflanzen und Blumen, besonders mit denen, die ihm und seinen Vorfahren von Generation zu Generationen vererbt wurden. Die Regeln der Landschaftsgärtncrei werden dabei aller- dings nicht beachtet. Unter den Obstbäumen drängen sich auf schmalen Beeten Salat und Kohlrabi. Blumenkohl und Wirsing. Möhren und Runkelrüben, Sellerie und Petersilie, Zwiebeln und Gurken. Bohnen und Erbsen ranken regelrecht an Stangen empor und auch mehrere Exemplare üppigen, hochstrebenden Hopfens fehlen nicht. Koriander und Kcrbelkraut und Fenchel nehmen gute Stellen ein. Raute und Salbei, Wermut und Krauseminze, Dsop und Thymian, die letzteren beiden dem Thüringer Garten wiederum besonders eigentümlich. säumen die Beete; sie werden im üppigsten Wachstum abgeschnitten und getrocknet und bilden in den verschiedensten Krankheitsfällen gesuchte Hausmittel. Die Blumenliebhabern bildet neben dev Vogelliebhabcrci eine ganz besondere Eigentümlichkeit der Thüringer. Auch die Thüringer, die sich im Urwaldc Wisconsins eine Heimat gründeten, brachten ihre Lieblinge mit. In erster Reihe sind hier die Levkojen zu nennen: jeder Thüringer hat sie, pflegt sie, liebt sie. An den Beeten dieser Blumen kann man, auch ohne daß man den Mohn gewahrt, des Thüringers Heimstätte erkennen. Auf langen, zum Hause führenden Rabatten finden sich dann alle die anderen Lieblinge aus dem Reiche Flora» vereinigt. Da sieht man die Gartennelke, die Grasnelke, den gefüllten Mohn; man bewundert die Pfingstrose, die Schwertlilie, die echte und die Taglilie, die Malve, den Rittersporn, die Pechnelke, das Maiglöckchen, die Rächt- viole, das Vergißmeinnicht, das blutende Herz, den Beifuß, das Riechblatt, das Tausendschön, und nahe am H>mse prangen Rosen und Jelängerjelieber. Reben Goldlack und Rosmarin steht das Monatsröschcn und der Myrtenstrauch und Flieder wölbt sich zur anheimelnden Laube, dem Ruheplätze nach des Tages Last und Mühen. Die vielen hunderttausende deutscher ländlicher Aus- Wanderer, die im vorigen Jahrhundert die heimische Scholle ver- ließen und sich in den Vereinigten Staaten, in Brasilien, Australien und Südafrika ansiedelten, sie alle pflanzen um ihr schützendes Dach, wie verschieden es auch von dem der alten Heimat sein mag, dieselben Pflanzen, die daheim ihrem Gemüte so nahe standen. Viele dieser Pflanzen wollen freilich in fremder Erde und unter anderen klimatischen Verhältnissen nicht recht gedeihen; aber es werden stets neue Versuche gemacht, bis es endlich gelingt, die eine oder die andere Pflanze zum Blühen zu bringen. In Wisconsin jedoch waren alle derartigen Versuche von vornherein erfolgreich.— — Die echte Kieler Sprotte. In der„Rational-Zeitung" lesen wir: Im Spätherbst, wenn eine frische Brise über das Wasser dahingeht und die See mit kurzen, krausen Wellen bedeckt ist, haben die Ellerbecker die meiste Aussicht auf einen guten Sprottenfang. Ein ganzes„Geschwader" von Booten begibt sich sodann in die Kieler Bucht. Je zwei und drei der Fahrzeuge bergen das kostbare über 1000 Mi Wert repräsentierende Fangnetz. Wird zufällig in der Nähe des Ufers gefischt, so lockt dieses spannende Schauspiel stets eine große Zuschauermenge herbei. Zunächst kommen einzelne Fische zum Vorschein, die sich mit ihren zackigen Rücken- und Bauchflossen in den Maschen fangen und verwickelt haben. Während die Männer jetzt ihre allemige Aufmerksamkeit dem Netze zutuenden, bemäcbtigen sich die Frauen der gefangenen Fische. Man hat es dort im Laufe der Zeit, tvas das Räuchern der Sprotten betrifft, zu einer wahren Virtuosität gebracht. Auf der rußigen Tenne sind viele Kinder be- schästigt, feine glattgeschälte Weidenstäbe durch die Kiemen der Fische zu stecken, welche ihnen sodann die Mutter abnimmt und in den Herd hängt. Dicke Rauchwolken steigen vom Boden des Herdes empor, wo ein niedriges Feuer brennt, das von der Frau stets ge- dämvft gehalten wird. Die natürliche Farbe der Sprotte ist silber- weiß. Wenn der Fisch indes eine Zeitlang im Rauch gehangen, wird er grünlich und geht schließlich nach Verlauf von zwei bis drei Stunden ins Goldgelbe über. Frisch aus dem Rauche gelangt, sind die Sprotten eine geschätzte Delikatesse, die von jedem Feinschmecker „mit Haut und Haaren" aufgegessen werden. Leider unterliegen die echten Kieler Sprotten vielfachen Fälschungen, wobei der ge- wöhnliche Häring die Hauptrolle spielt. Die echte Kieler Sprotte hat eine rauhe scharfe Bauchfläche, die beim gemeinen Häring aber glatt ist, wodurch der Betrug leicht entdeckt werden kann.— Theater. Ratio nal-Theater. Ga st spiel der Duse. Die große Künstlerin eröffnete die Reihe ihrer Vorstellungen mit Maeterlincks ,. Monna Vanna". Der starke Beifall nach den ersten beiden Akten steigerte sich am Schlüsse zu stünnischer Ovation. Wie Monna Vanna mit dem feindlichen Führer nach Pisa zurück- kehrend Priucivalles Edelsinn glückstrahlend dem Gatten verkündet, Ivie sie empört seinem niedrigen Argwohn, seiner tierischen Nachsucht entgegentritt, von dein Verblendeten sich lossagt und in beiß aufflammender, jetzt von jeder Schranke der Pflicht befreiter Liebe, mit allen Mitteln angstvoll den fremden Main« zu reuen sucht— diesen rasch dahin jagenden Wechsel der Em- pfindungen brachte die Duse mit wunderbarer Virtuosität zum AuS- druck. In diesen Szenen des letzten Aktes kulniinierte ihr Spiel. Aber im ganzen blieb die Aufführung, wie die des Deutschen Theaters, Himer der Wirkung, die da«— als banale Theater- fpekulation verlästerte— Drama unmittelbar beim Lesen ausübt, tveit zurück. Der verborgene stille Jugendzauber, die träumende Tiefe, die unberührte ruhevoll-harmonische, selbst die Be- gicrden eines wilden Söldnerftthrers zurückscheuchcnde Seelen- rcinheit Monna VannaS— das Individuellste der Ge- stalt wurde hier trotz aller Kunst. so schien mir. nicht lebendig. Die Duse transponierte die Figur in eine andere Tonart, mußte es tun, schon um den Unterschied der Jahre zu über- brücken. Das junge, seltsam-rätselvolle Traumwesen ward ver- toandelt in eine reife, wissende und überlegene Frau, der man bewundernd, aber doch schließlich kühlen Sinnes zusieht. Wirksam ivurde die Künstlerin durch ihr italienisches Ensemble unterstützt. Der Guido Colonna von C i r o G a l v a n i und der Priucivalle von Carlo Rosaspina waren bemerkenswert gute Leistungen, bessere als das Deutsche Theater in diesen Rollen auf- zuweisen hatte. Rur die Darstellung des alten Colonna konnte sich mit der prächtigen Greisenfigur, die Reinhardt damals schuf, nicht messen.— clt. Technisches. — Untersuchung der Brauchbarkeit von Back- Hefe. Die für Backzwccke dienende Hefe ist sehr verschieden in ihrem Werte, das heißt in ihrer Lebenskraft und der durch sie be- dingten Fähigkeit, schnell eine kräftige Gärung des Teiges zu be- wirken. Für den Bäcker, namentlich aber für die großen Brot- fabriken, ist daher eine Methode von Wichtigkeit, die es gestattet, die Güte oder besser die Triebkraft der Hefe schnell zu untersuchen. Eine solche ist von Metzlcr angegeben und von A. Pollak verbessert worden. Sie lehnt sich eng an die Praxis der Bäckerei an und be- steht darin, daß aus Hefe, Mehl und destilliertem Wasser ein Teig bereitet, der Garung überlassen und daß dann das sich durch die entwickelte Kohlensäure vergrößerte Volumen des Teiges gemessen wird. 100 Gramm Mehl und 2 Gramm Hefe werden abgewogen. Gleichzeitig werden 60 Kubikzentimeter destilliertes Wasser von 30 Grad abgemessen. Durch Verteilung der Hefe iin Wasser und Zusatz von Mehl wird zunächst ein dünner Teig, der sogenannte Vorteig, bereiret, der 30 Minuten auf 30 Grad gehalten wird. Der Rest des Mchles wird auf einem Brett ausgebreitet, mit dem fertigen Vorteig gemengt und der ganze Teig fünf Minuten mit den Händen geknetet. Zum Schluß wird er zu einem Zylinder ge- formt und in einen vorerwärmten, graduierten Meßzvlinder, der eingefettet oder mit Mehl innen bestäubt ist, fallen gelassen. Durch Schwingen des Zylinders wird der Teig gezwungen, die Form genau auszufüllen; außerdem wird mit einem Holzstempel die obere Fläche des Teigzylindcrs geebnet und dann das Volumen abgelesen. Nachdem der Zylinder in ein Wasserbad von 30 Grad gebracht wurde, wird nach je 20 oder 30 Minuten das Volumen des aufgehenden Teiges gemessen. Die Beobachtung dauert ge- wohnlich zwei Stunden und liefert einen genauen Anhalt dafür, wie sich die Hefe dafür eignet, den Teig zum Aufgehen zu bringen.— („Technische Rundschau".) Humoristisches. — Wir nennen's s o. Schutzmann:„Ich muß Sie notieren. Sie sind zu schnell gefahren Radfahrer:„Fa. das liegt nicht an mir, das liegt an der Uebersetzung!" Schutzmann:„Sie mögen ja das so nennen, wir nennen'S Uebertretungl"— — Zwiegespräch.„Sie, Seligmann, haben Se schon ge- hört, der James Simon kommt ins Herreuhaus." „Der Simon ins Herrenhaus— Sie werden kommen ins Err'nhaus."— — Kleinbahn.„Auf welchem Geleise kommt der Zug aus Bopfingen, Herr Stationschef?" „Ja. das kommt ganz darauf an. ob der Zug 9 Uhr 55 früher kommt oder der 11 Uhr fünfer l"— („Lustige Blätter'.) Notizen. —„Der Manöveranwalt', eine dreiaktige Operette von Alexander Möckel, wurde vom Nesidenz-Theater in Dresden angenommen.— o. Londoner Theater st ati st ik. Es gibt in London 763 Theater, Singspielballen und Variötös, die durchschnittlich abends von 140000 Permnen besucht werden. Im Westend und im Zentrum Londons liegen 27 Theater, in den Vorstädten 33; dazu kommen 61 Singspielhallen und 642 Variötös. 47 000 Zuschauer füllen die Theater. 59 000 die Singspielhallen, 34 000 besuchen die anderen Vergnügungsorte.— — Die Gesamtzahl der Reger in den Vereinigten Staaten, Alaska, Hawaii und Portoriko betrug im Jahre 1900 9 204 531. Davon lebten in den Vereinigten Staaten 8 840 780.— — Um das Alter der Eier fe st zu stellen, genügt es, wie C. Schinke in der„Rerthus" mitteilt, 120 Gramm reines Kochsalz in 1 Liter Wasser aufzulösen und einige Eier hineinzulegen. Frische. 1— 3 Tage alte Eier sinken bis auf' den Boden des Gefäßes hin- unter; Eier, die über 3—5 Tage alt find, bleiben schwebend unter der Oberfläche des Wassers. Ragen die Eier mit der Spitze zum Teil über das Wasser heraus, so besitzen sie bereits ein Alter von 8 Tagen, während noch ältere Eier sich schwimmend über Wasser halten und vom Wasser nur halb bedeckt werden.— — Eine Ehrenerklärung. Im„Göttinger Tageblatt' stand zu lesen: Die beleidigenden Worte, die ich gegen die Eheftau Anna Fildhaut, wohnhaft Neustadt 29, ausgestoßen haben soll, nehme ich hierdurch zurück und erkläre, daß sie ihr Kind auf recht- mäßige Weise von ihrem Mann erworben hat. Göttin gen, den 25. Oktober 1904. Frau Zimmermann. Bcrautwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer ScCo.,BerlinLiV.