Wnterhallimgsblatt des Worwärts Nr. 219. Sonntag, den 6. November. 1904 (Nachdruck verboten.) 8Z Oer Mite vom Serge. Roman von GraziaDeledda. „Und das hat mein Sohn getan? Mein Sohn?" wieder- holte Zio Pietro, beide Hände auf den Stock gestützt und demiitig den Kopf neigend. Der weiße Bart reichte ihm bis zum Ledergurt, an dem sein Feuerstahl in Gestalt einer kleinen Sichel hing. „Und das hat Euer Sohn getan, Zio Pietro, das hat lEuer Sohn getan an seiner Base, der Vater- und mutterlosen Waise, und vielleicht sinnt er noch Schlimmeres, denn, ich weiß es wohl, er will mein Blut trinken, nachdem er mich auf tausenderlei Art verleumdet und verhöhnt hat. Aber ich gebe ihm mein Wort— und sie legte eine Hand auf die Brust— daß man ihm die Beine zerschlagen wird, wenn er am wenigsten daran denkt, oder ich will nicht mehr Paska Carta heißen!" „Paska! Paska!" Hub der Alte an; aber sie ließ ihn nicht weiterreden, fing an zu weinen und schrie unter Schluchzen: „Paska! Paska! Ja, ich weiß schon, was Ihr sagen wollt, Zio Pietro, ich weiß alles... aber verlangt Ihr, daß ich mich von ihm totschlagen lasse? Tue ich ihm etwas zu leide? Warum läßt er mich nicht in Ruhe? Sprecht?" „Guter Mann," sagte ihre Herrin, als sie sah, daß Neu- gierige herbeikamen,„tretet doch einen Augenblick herein. Hilf ihm, Paska." Der Herr trat in die Hütte zurück und warf seiner Frau einen ärgerlichen Blick zu; doch diese murmelte:„Der Aermstel" erwartete den Alten an der Tür, half ihm herein und führte ihn zu einer Bank. Basilio setzte sich neben ihn und verdrehte fast den Hals, um alles neugierig zu betrachten. Ein großer dunkelblauer Vorhang teilte den Raum in zwei Teile und verhüllte sorg- fältig die im Hintergrund aufgeschlagenen Feldbetten; den Fußboden bildete festgestampfte Erde und das Dach bestand aus Rohr, durch das die Sonnenlichter drangen; den vorderen Raum nahm die Bank ein, auf der Basilio neben dem Alten faß, ferner einige Stühle, eine Kiste aus gelbem Holz und ein Tisch, auf dem allerlei Geschirr stand, Glasflaschen, Gläser und Kelche, die in dem hellen Lichte blitzten, das durch die Fenster- öffnung einfiel. Diese ging nach Morgen und bot einen Herr- lichen Blick auf den Wald, den Himmel und das ferne, blaue Meer. Ein kleiner Spiegel gegenüber gab das leuchtende Landschaftsbild wieder; der frische Hauch des Waldes drang durch das Fenster und setzte den Vorhang in wellenförmige Bewegung. Basilio fand alles prächtig und fühlte sich über- ous glücklich: seine Augen wanderten von dem glänzenden Spiegelbild zu einer geschliffenen Kristallflasche, auf der das Licht in allen Farben spielte. Und er wußte nicht, welche Freude wohl größer sein möchte, das schimmernde grüne Getränk die Kehle hinabrinnen zu fühlen, oder in dem Spiegel einmal sein eigenes, klar wiedergegebenes Bild zu betrachten, statt des zitternden Schattens, den die Quelle ihm zeigte. Und da stand Paska, rosig und sauber. Wenn er auf die Gespräche Zio Pietros und seines Sohnes horchte, hatte Basilio so oft an sie gedacht und es war allmählich eine lebhafte Neu- gier in ihm entstanden, sie zu sehen. Und jetzt war sie da vor ihm, mit bloßem Kopf und barfüßig. Er hatte nie etwas Schöneres gesehen; und seine befriedigte Neugier, die Hofs- nimg, aus der schillernden Flasche zu trinken und sich im Spiegel zu sehen, machten ihn sehr glücklich. Er vergaß den Hasen, der im moosigen Baumstamnk seiner harrte, die ver- lassenen Ziegen, seinen fernen Herrn und sogar den neben ihm sitzenden Zio Pietro. Alles, was er sah, auch das rote Gesicht der Hausfrau und das gelbe mit dem großen, schwarzen Bart des Hausherrn, kam ihm schön vor und er fürchtete sich gar nicht. Wie glücklich mußten die Leute sein, mit all dem Guten, das wohl in der Kiste verborgen war und dem Wein und Liqueur! Auch Paska mußte, trotz den Schlägen Melchiors und den vergossenen Tränen, doch sehr glücklich sein! Ermutigt durch das schmerzliche, demütige Schweigen Zio Pietros, der ihr mit gesenktem Kopfe zuhörte, setzte Paska inzwischen ihre Klagen fort. Ter arme Alte fühlte es, wie die Blicke der Herrschaft an ihm hafteten und konnte nichts dagegen tun, nicht einmal sprechen; der von Paska wirkungs- voll erzählte Vorfall brachte ihm die Angst in Erinnerung, die er nachts während Melchiors Abwesenheit ausgestanden hatte. Seine unheilvolle Ahnung hatte ihn also nicht getäuscht; und vielleicht täuschte er sich auch jetzt nicht, wenn er erbebte bei den Drohungen Paskas, die durch eingeworfene spöttische Bemerkungen des Hausherrn noch mehr zur Rache aufgereizt wurde. Was hätte er auch sagen können? Alles, was er sich vorher ihr zu sagen vorgenommen hatte, schwand dahin Vhc dieser neuen Erbitterung; doch auch ohne dies hätte er vor diesem rauhen und spöttischen Herrn, der Paska verteidigte, nicht zu sprechen vermocht. „Du hast recht," Hub er endlich an,„aber Du kennst ihn ja. Der Schmerz erbittert, und Du solltest ihn bemit- leiden, schonen, ihm verzeihen. Er hat es nur aus zu großer Liebe getan, denn er liebt Dich noch." „Eiue schöne Liebe, mein Onkel! Die Liebe eines wilden Tieres. Ich will weder seine Liebe noch seinen Haß.; ich weiß weder was ich mit der einen noch mit dem anderen machen soll. Will er mich vielleicht totschlagen, um mich nachher beweinen zu können?" „Paska, tu es mir zulieb, schone mich armen Alten, der das Licht seiner Augen verloren hat. Wir alle sinft geboren, um zu sterben, und im anderen Leben zählen nur unsere guten Werke, verziehene Kränkungen, Mitleid, Nächsten- liebe..." „Aber, guter Alter, warum sagt Ihr das nicht lieber Eurem Sohn?" fragte die spöttische Stimme des Hausherrn. „Ja, warum sagt Ihr das nicht Eurem Sohn, mein Onkel?" Die Hausfrau sah, wie der Alte errötete; sie hatte Mit- leid mit ihm und sagte zu ihrem Mann und Paska gewandt k „Jetzt laßt es gut sein. Bringe Du Deinem Onkel etwas zu trinken. Lebt Ihr immer da oben bei der Herde, lieber Mann?" „Immer." „Auch im Winter?" „Auch im Winter." „Aber im Winter muß es sehr kalt sein auf dem Berge und viel Nebel geben." „Das macht nichts." „Was für ein Leben!" sagte sie mitleidig. Ihr Mann, der Richter war, heftete seine scharfen schwarzen Augen auf Zio Pietros Gesicht und entdeckte in demselben die Kennzeichen des Verbrechers— obschon der Alte stets ein rechtschaffener Mann gewesen war. Was mag der in seinem langen Leben wohl alles auf sich geladen haben! Der Schädel eines Dolichocephalen, Prognathismus, sehr unvollkommener Gesichtswinkel. Und das Fuchsgesicht daneben? Der angehende Verbrecher, die aller- gefährlichste Art: Mikrocephale mit niedriger Stirn. Der Anfang und das Ende des Verbrechertums. Vermaledeite Rasse! „Woher bist Du?" fragte er Basilio. „Von..." antwortete dieser lächelnd und blickte den Herrn mit seinen großen klaren Augen an. „Wie alt bist Du?" „Ich weiß nicht. Achtzehn, glaube ich." „Das sollte man nicht sagen. Trinkst Du gern Wein?/ „Hm... ich sehe nie welchen." „Aber wenn Du welchen sähest, würdest Du ihn gerne trinken?" „Sicher! Wer sollte nicht gern Wein trinken?" Der ist ja aus gutem Wege, dachte der Herr. Lasterhaft und schamlos obendrein...„Bringe Wein, Paska!" Basilio bereute schon seine Antwort. „Nein, nein," sagte indes die Dame,„es ist noch zu früh für Wein. Was wollt Ihr nehmen, lieber Alter, eine Tasse Kaffee oder Rosolio?" „Nosolio," antwortete Basilio statt seiner. Und Paska brachte die glitzernde Flasche und goß das grüne Getränk langsam in die goldgeblümtcn Kelchgläser. Während Zio Pietro vorsichtig trank, schlürfte Basilio seinen Kelch in einem Zuge aus, legte den Kopf hintenüber und schloß die Augen vor Vergnügen über den scharfen und doch frischen Geschmack, den er verspürte. Was für eine gute Sache, via mio! Das war wie ein Windhauch auf dem Bergeskammt Doch kaum hatte er das Glas wieder auf das Teebrett gestellt, als ihm der Mund brannte wie einmal, als er Pfeffermünz gegessen hatte; er wurde ganz rot und verzog das Geficht. An der Tür zeigte sich die schmächtige Gestalt des kleinen Efisio und die Schnauze des Hündchens. Als er Basilio sah. bellte er und wollte nicht hinein; der Knabe riß die Augen auf und stellte sich schweigend neben seinen Vater. Befürchtend, daß der Vater von ihrem Streit erfahren und ihn fortjagen möchte, schwand Basilios Freude gänzlich; die Ohren brannten ihm und er sah nichts mehr im Zimmer als ein kleines gelbes Gesicht und zwei blaue Augen, feindselig auf ihn gerichtet. Draußen bellte der Hund. „Laßt uns gehen, Zio Pietro," sagte er und stieß den NIten an. „Ja, wir gehen," sagte dieser und suchte sich aus seiner Verlegenheit aufzurütteln. Und traurig, demütig ging er fort, ohne daß Paska ihm ein gutes Wort gegönnt hätte. Er dachte: Was wird erst Melchior sagen, wenn er hört, daß ich mich so weit herab- gewürdigt habe, sie aufzusuchen, bei ihrer Herrschaft einzu- treten, mit ihnen zu trinken und zu sprechen? Alles ist ver- loren, und wenn er nicht Acht gibt, so ist auch er verloren... Und was wird dann aus uns? Und während er das Lachen und Rufen der spielenden Khider und den sehnsüchtigen Klang der Flöte hörte, im Geiste die vom herrlichsten Morgenglanz überflutete Landschaft schaute, während er den warmen Sonnenschein und die Hand Basilios in der seinen fühlte, empfand er noch die Schrecken der vergangenen Nacht. � Das Aufmerken auf den Weg zerstreute etwas die schmerz- lichen Empfindungen, und Zio Pietro beeilte sich, nach Hause zu kommen, bevor Melchior zurückkehrte. Doch nur der Hund bewachte die Ziegen. Basilio überzeugte sich sogleich, daß während ihrer Ab- Wesenheit niemand dagewesen sei, daß die Ziegen alle friedlich auf den Abhängen grasten, und ging dann, um seinen Hasen zu befreien. Er dachte immerfort an Paska, den Knaben, den Hund mit dem goldenen Halsband, an die erstere voll Be- wunderung, an den zweiten mit Haß, und mit Begierde an den letzteren: wenn er wenigstens das Halsband hätte Dazu kam noch der frische Geschmack des Pfeffermünz, den er in dem starken Geruch der taufrischen 5fräuter wiederfand. Un- gekannte Regungen flanimten in seinen Augen auf— doch mit einem Schlage kehrte er zur gewohnten Wirklichkeit zurück und vergaß alles andere, als er in dem Baumstamm, aus dem große, schwarze Ameisen hervorkrochen, den Hasen nicht vor- fand. Verwundert und betrübt blickte er umher, steckte den Arm in den hohlen Stamm, zog aber nur ein Stück zernagter Schnur heraus. Da fing er an, laut zu fluchen, kroch unter die Sträucher, rollte die Steine beiseite, suchte überall, fand aber nichts. „Und er schien ganz zahm zu sein und sich gewöhnt zu haben! Der Teufel soll Dich zähmen. Du falsches Tier! Oder ob sie ihn gestohlen haben? Wer hat ihn gestohlen? Dieb, wo bist Du? Komm nur zum Vorschein und ich werde Dich lehren, anderer Leute Eigentum anzurühren!" Dieser Ausruf machte ihn selbst betroffen: also wenn er den Hund gestohlen hätte, oder auch nur das Halsband, so hätte der Knabe mit dem gelben Gesicht dadurch ebensoviel Aerger gehabt, wie er jetzt? Und das, was er noch in der Tasche hatte? Er zog es hervor: es war eine ganz ungewöhn- liche große rote Rose aus Papier; er bog die zerdrückten Blätter ein wenig zurccht, steckte sie auf einen Strauch und trat zurück, um den Effekt zu sehen. Auf den graugrünen, sammetartigen Blättern der Königskerze leuchtete die Rose für Basilios Augen in wunderbarer Pracht; doch in seinem Kummer um den verschwundenen Hasen vermochte er sich nicht lange an der seltsamen Blüte zu erfreuen, ließ die Rose im Stich und machte sich wieder auf die Suche, sich allmählich von dem hohlen Baume entfernend. (Fortsetzung folgt.)! Kiläer vom folgenden Hag. Der seit Jahren nicht zur Verteilung gelangte Schillerpreis ist dießmal endlich wieder vergeben worden. Die Entscheidung dürste in den weitesten Kreisen allgemeinen Beifall finden. Wegen seiner Verdienste um die Hebung der deutschen Sprache und des öffentlichen Geistes ist das Scherls che Adreßbuch preisgekrönt worden. Das Werk wie sein Schöpfer werden die nächsten Tagen im Depcschensaal ausgestellt sein. Maßgebend für das Urteil des Kichterkollegiums war, wie wir erfahren, die von keiner Seite an- gefochtene Erwägung, daß in keinem Werke der Weltliteratur auch nur entfernt so viel Personen vorkommen wie in dieser Schrist. Und dennoch ist es der Genialität Scherls gelungen, die Riesen» summe von tvirklich lebendigen Menschen in einem Bande einheitlich zusammenzubringen. Die gemischte Deputation des Berliner Magistrats und der Stadtverordneten hat nach lebhafter Debatte beschlossen, dem Krön» prinzenpaar zur Hochzeit ein vollständiges Exemplar der„Woche" in Originalprachtband zu schenken. Zur Schillerfeier wird Minister Freiherr v. Hammerstcin die offizielle Festrede halten und zwar über das Wort:„Wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat genug gelebt". Bei dieser Gelegen- heit werden unser Holzbock, der berühmte hochgrammatikalische Ver» faffer der Premierenglossen, sowie Müller, der Generalredakteur der kleinen vermischten Anzeigen im„Lokal-Anzeiger", wegen Hebung der deutschen Sprache zu Ehrendoktoren ernannt werden. Die Leitung der Scherlschen Sparbrüderschaft hat der Freiherr v. Mirbach übernommen. Alle eingesammelten Gelder werden zum Bau von Kirchen und Synagogen verwendet. Alljährlich sollen eine oder zwei Kirchen bezw. Synagogen zur Verlosung kommen. Damit ist dein Gerede von der Entfesselung des Spielteufels ein für allemal die Spitze abgebrochen. Die Berliner Straßenbahn hat von der Aufsichtsbehörde die Er- mächtigung erhalten, den mit der Stadt Berlin abgeschloffenen Ver- trag dahin zu erläutern, daß sie künftig einen Einheitspreis von 20 Pfennigen zu erheben berechtigt sei. Zugleich hat sie sich bereit erklärt, den Potsdamer Platz durch ein Denkmal zu schmücken. Das von der Straßenbahn der Stadt Berlin geschenste Denkinal ist heute morgen feierlich enthüllt worden. Das von Begas' Meister- Hand entworfene, in echtem Marmor ausgeführte Riesenwerk stellt den durch den„Lokal-Anzeiger" und die„Woche" verursachten Auf- schwung des öffentlichen Geistes dar. Auf einem ungeheuren Auf- bau von marmornen Rotationspapierrollen— zu Gruude gelegt ist der Verbrauch einer Sonntagsnummer— erbebt sich eine Terrasse, auf der sich um Scherl seine sämtlichen Mitarbeiter naturgetreu gruppieren. Das Werk wird gekrönt von einem nackten Genius der nationalen Aufklärung, der eine Fackel schwingt; der Künstler hat dieser symbolischen Figur die wohlgetroffenen Züge des Abgeordneten Arendt verliehen. Bei der gewaltigen Höhe des gigantischen Denk- malS befindet sich der Genius beständig in den Wolken, was in- sofem sehr praktisch ist, als er gleichsam in perniancntem Wasserbad sich befindet und auf diese Weise selbsttätig unaufhörlich ge- reinigt wird. Abends fand im Schauspielhause Festvorstellung statt. Zur Auf» führung gelangte eine von Major Lauff hergestellte Dramatisierring von Scherls Jugendroman:„Pistole und Feder". Matkowsky in der Maske Scherls war überwältigend. Das Denkmal trägt die Inschrift: „Ehre den deutschen Genius und folg ihm auf jagenden Spuren, Immer nur ehrst du ihn voll, ganz auch nur, schlägst du ihn tot." In der„öffentlichen Meinung" des„Lokal-Anzeiger" tobt gegen- wärtig ein gewaltiger Streit der Geister, der ganz Deutschland leb» Haft beschäftigt. Lieschen Knutschke hatte zuerst die Frage aufgeworfen, ob der große Floh, den der König im„Faust" wie seinen eigenen Sohn liebt, ebenbürtig sei und eventuell, wenn die direkte Linie jenes Königs ausstürbe, erbfolgeberechtigt sei. Das Hin und Wider ist äußerst scharf und fördert außerordentlich viel Geist zutage. Der„Lokal-Anzeiger" veröffentlicht seinerseits redaktionell einen sensationellen Artikel aus der berühmten Feder des Herrn Kekulü von Stradonitz, in dem dieser durch acht Jahrhunderte die Ahnentafel des königlichen Flohs feststellt. Die Aufsichtsbehörde hat sich entschloffen, der Großen Berliner Straßenbahn zu gestatten, den Einheitspreis auf 30'Pfeimigc zu erhöhen, da das Denkmal auf dem Potsdamer Platz der Gesellschaft sehr bedeutende Kosten verursacht hat. Die Große Berliner Straßenbahn-Gesellschaft hat sich ihrerseits bereit erklärt, das Hauptrohr der Berliner Kanalisation auf beiden Seiten mit Denkmälern führender deutscher Geister zu schmücken. U. a. werden wir Schriftsteller Ivie Holzbock. Freiherr v. Zedlitz, Haupt» mann a. D. Dannhauer usw. uslo. endlich in Bälde ehren können. Die preußische Schulvorlage ist erschienen. Sie bringt u. a. den folgenden Rormalstundenplan für Volksschulen: Montag: 8—9 Religion, 9*-10 Religion, 10—11 Lokal» Anzeiger. Dienstag: 8—9 Lokal-Anzeiger, 9—10 Lokal-Anzeiger. 10—11 Religion. Mittwoch: 8—9 Religion, 9—10 Religion. 10—11 Religion. Donnerstag: Besichtigung der Berliner Denkmäler. Freitag: 8—9 Religion, 9—10 Ausflug nach dem Depeschen» saal, 10— 11 Uebungen in Anfertigung von Paradeberichten. Sonnabend: 8—9 Religion, 9—10.Die Woche", 10 bit 11 Religion. Der Kultusminister hat versagt, daß in sämtlichen höheren Töchterschulen Preußens als Prüfungsaufsatz die Aufgabe gestellt werde: Der siebenfache Lustnwrd im Scheunenviertel, Originalbericht für den.Berliner Lokal-Anzeiger�. August Scherl ist unermüdlich in seinen Bemühungen, die Kunst dem Volke, insbesondere semen Abonnenten immer näher und näher zu bringen. Zwecks dieses wird er zur Weihnachtszeit drei groß- artige Werke auf den Tisch des deutschen Volkes niederlegen. Erstens: Beethovens neunte Sinfonie von Paul Vincke Volks- mäßig bearbeitet. In flotten Walzer- und Polkaweisen präsentiert ich nunmehr das durch seinen Umfang und seine Schwierigkeit den breiten Schichten des Volkes bisher unzugänglich gewesene Werk; insbesondere wird der Schluß:„Freude schöner Götterfunken", nach der Melodie des Cake-Walke umgearbeitet, bald in jedem Hanse, wo ernste Kunst und der„Lokal-Anzeiger" gehalten wird, heimisch sein. Die zweite Gabe hat die Absicht, auch das bisher unausgenutzte Gebiet der Philosophie den Abonnenten des„Lokal-Anzeigers" zu erschließen. Es handelt sich um nichts weniger als eine illustrierte Prachtausgabe von Kants„Kritik der reinen Vernunft". Das Werk, das von den beliebtesten Mitarbeitern des„Tag" bearbeitet worden ist, enthält 2000 aktuelle Originalaufnahmen aus dem Gebiet der reinen Vernunft; um Platz für die Illustrationen zu gewinnen, ist der Text auf einige der hauptsächlichsten Sätze beschränkt worden, deren Auswahl der deutsche Reichskanzler Graf Bülow selbst besorgt hat. Endlich hat noch unser Herr Holzbock den zweiten Teil von Goethes„Faust" in einen außer- gewöhnlich spannenden, wirklich wertvollen Roman umgedichtet; Mephisto spricht in dieser Ncudichtung den Jargon der Gebrüder Herrnfeld, und sind wir sicher, �daß er in dieser Gestalt dem Geiste des deutschen Volkes, in dem die Ideale immer noch hoch gehalten werden, willkommen fein wird. Zir. Feier des 500 000 Spezial-Kabeltelegramms des„Lokal- Anzeigers" vom südwestafrikanischen Kriege sind heute die Schulen geschlossen. « • Herr August Scherl hat nmtmehr die deutsche Denkinalspflege gepachtet. Er beabsichtigt in der Woche 50 neue Bildwerke zu setzen. Zum erstenmal wird das System der Denkmal- Wolkenkratzer in Anwendung gelangen. In einer Art senkrechter Sieges-Allee sollen zunächst vor der Maikäfer-Kaserne sämtliche schuldenfreien Gardeleutnants des letzten Jahrhunderts übereinander verewigt werden. Die Hacken des einen werden immer auf der Helmspitze des vorhergehenden Kameraden befestigt werden. Haby hat eine neue Art Brillantine erfunden. Eine einmalige Ein- reibung des Körpers genügt, um jeden: Menschen die nötige Festig- keit, Wetterbeständigkeit zu verleihen, daß berühmte Zeitgenossen sich schon bei Lebzeiten an jeder Straßenecke in monumentaler Form aufstellen und der Nachwelt erhalten können. Die Frisur bleibt garantiert unveränderlich. Die Aussichtsbehörde hat der Großen Berliner Straßenbahn- Gesellschaft erlaubt...... Joe. Kleines feirilleton. or. Frauenarbeit.„Und sonst ist es wirklich weiter nichts, Tante?" „Aber nein, Kind, wirklich nicht, ich weiß gar nicht, wie Ihr darauf kommt! Ich sollte etwas übel genommen haben? Was denn? Lächerliche Jdeel" Und Frau von Osten lachte wirklich, herzhaft und fröhlich. Die junge Frau stimmte ein. „Na, es war ja auch nur, weil Du Dich eben so lange nicht hast sehen lassen, schon drei ganze Wochen bist Du nicht bei uns gewesen." „Wirklich drei Wochen nicht? Ja, aber Kind, Ihr wißt doch, was ich zu tun habe, und gerade jetzt, wo die Saison beginnt. Ich, bei meinem großen Haushalt l" „Ja, ja, Tantchen," die junge Frau nickte,„ich habe es ja meinem Manne auch gesagt. Gar nichts liegt vor, habe ich ihm gesagt, Tante hat bloß so viel Arbeit." „Und wie viell" Frau von Osten seufzte.„Na, Du mußt ja auch wissen, was solch ein Haushalt für Arbeit macht." „Ob i ch es weiß." Die Nichte nickte.„Das glaubt einem aber kein Mensch, und die Männer am wenigsten. Nun schilt Kurt, daß ich jetzt so wenig mehr Klavier spiele. Na, komm' ich denn dazu? So selten!" „Glaube ich, glaube ich Dir sehr gern." Die Tante machte ein verständnisvolles Gesicht.„Hast ja auch vier Stuben und gibst viel Gesellschaft. Aber ja, die Männer, die Männer, die erkennen Frauenarbeit gar nicht an." Die Nichte zog die Stirne kraus und sah vor sich hin, es blieb ein Weilchen still im Zimmer; dann richtete sie sich plötzlich leb- Haft auf. „Was habe ich heute wieder für Arbeit gehabt I Nicht zu sagen! Erst durch alle Zimmer laufen und aufpassen, daß das Mädchen ordentlich Staub wischt— und wenn ich nicht nachsehe, macht sie es nicht ordentlich. Denkst Du etwa, die bückt sich und poliert die Tisch- füße? New, ich muß dabei stehen und ihr sagen: Nun, bücken Sia sichl, sonst fällt es ihr gar nicht ein, deswegen unter den Tisch zu kriechen." „Das fällt keinem Mädchen ein! Die faule Gesellschaft!" Frau von Osten lachte verächtlich.„Denkst Du etwa, meine Lina wischt alle Tage die Oefen ab? Wenn ich nicht komme und ganz energisch sage: Hier, jetzt holen Sie sich die Stehleiter und klettern raus'l macht sie es nicht; und so hat sie auch noch'n groben Mund und sagt, das paßte ihr nicht, alle Tage die schwere Leiter durch die ganze Wohnung schleppen." „UnerhörtI" Die Nichte nickte. „Jawohl, unerhört. Ader so sinki sie alle. Man muß ewig hinterher sein." „Na ja, eben, und das macht doch so viel Arbeit. Nun will ich mal am Vormittag sitzen und üben, dann muß ich nach der Küche und sehen, ob sie auch den Braten richtig begießt, ob sie die Kar» tofseln zur Zeit schält, na, und so weiter; immer muß man sehen, daß das Mädchen auch alles tut. Ja, man hat schreckliche Arbeit!" „Kenne ich, kenne ich! Ach, mir brauchst Du nichts zu erzählen!" Die Tante machte eine abwehrende Handbewegung:„Ja, und dann heißt es, was hat sie denn zu tun? Sie hat ja'n Mädchen I Als ob man nicht schon genug Arbeit damit hat, daß man aufpaßt, was die arbeitet." „Nun, ich Hab' noch ganz andere Chikanen gehabt." Die junge Frau sah in die Lust und nahm eine wahre Opfermine an:„Ist da mit einem Male an der Gardine im Salon oben eine Falte ab- gegangen; ich also ans Telephon und klingle den Tapezierer an. Ja, der ist nicht da. Nach einer halben Stunde klingle ich noch mal, er ist wieder nicht da; ich warte noch ein Weilchen und bimmle von neuem, ja, da heißt es denn endlich, er wird in'ner Stunde kommen. Na, weißt Du, der halbe Tag war damit hin, daß ich ans Telephon lief und zurück. Ich war so wütend." „Läßt sich denken, ich Hab' auch noch telephonieren müssen um Kaffee und Zucker und alles mögliche andere. Ja, man hetzt sich ab und dazu muß man dann noch am Abend in Gesellschaft gehen oder welche geben." „Und kommt keine Nacht bor Eins ins Bett. Geht es Dir auch so?" Die Nichte lachte. „Na ja, natürlich, und dabei fängt die Saison erst an,— nun, ich schlafe morgens immer bis Neun, halb Zehn, da ruht man sich dann wieder aus und erholt sich." „Du kannst es wenigstens." Die Nichte seufzte wieder.„Deine Lina ist wenigstens so weit tüchtig, daß sie morgens alles allein besorgt, und wenn Du um halb Zehn aufstehst, ist die Wohnung sauber." „Na, hör' mal, ist das bei Dir etwa nicht so?" Frau von Osten geriet förmlich in Entrüstung. „Meine... Auguste...l" Die Nichte sah gen Himmel:„Die steht ja nicht mal um halb Sechs auf! Die ist ja immer so ver- schlafen und so müde! Die kommt ja erst um halb Sieben aus den Federn." „Und das läßt Du Dir gefallen?" Die Entrüstung der Tante stieg:„Kindchen, Du bist noch'ne junge Frau und kannst lernen, also laß Dir's gesagt sein: das Mädchen wirf raus! Ein Mädchen, das so spät aufsteht, kann man nicht behalten; das heißt ja geradezu die Faulheit begünstigen..." „Das sage ich ja auch immer, aber will denn Kurt hören? Und bloß, weil sie gut kocht, hält er ihr die Stange. Und dann sagt er noch, ich könnt's nicht anders verlangen, wo sie beinahe jede Nacht erst um Zwei zu Bett kommt, denn beim Ausziehen muß sie mir natürlich helfen." „Nun, das wird sich wohl auch so gehören!" Frau von Osten machte ein teilnahmsvolles Gesicht.„Und so ist Dein Kurt? Sieh' mal an! Statt das faule Mädchen aus den Federn zu bringen, läßt er Dich wohl gar früher aufstehen?" „Nu natürlich!" Die Nichte lachte gereizt.„Und da�alles bloß, weil sie gut kochen kann. Nun, lieber Himmel, wenn ich es auch nicht kann, ich muß ihr doch aber immerhin sagen, was sie für uns kochen soll. Das achtet aber Kurt nicht, das gilt ihm für nichts." „Natürlich nicht! So sind die Männer!" Frau von Ostens Augen strahlten verständnisvoll.„Na, es ist so, wie ich Dir gesagt habe: Frauenarbeit findet bei diesen Barbaren gar kein Verständnis und keine Achtung."— Theater. Schiller- Theater O. Die Tyrannei der Tränen. Lustspiel in 4 Akten von C. Haddon Chambers. Die Komödie von Chambers, ein Repertoirestück der englischen Bühnen, fand auch im Schillcr-Thcater ein sehr dankbares Publikum. Und es war Grund zur Dankbarkeit; man lachte und hatte das Gefühl, intelligent zu lachen, ohne den flauen ärgerlichen Nachgeschmack, den die leeren Zwerchfellspekulationen der üblichen Schwänkq am Schlüsse hinterlassen» Die feine erfindungsreiche Ironie des Dialogs entschädigt reichlich für das Erfindungsmanko in der Handlung, und macht bis zu einem gewissen Grade auch die Widersprüche, in die sich stellenweise die Charakteristik verwickelt, noch erträglich. Neu ist das Thema von der Tyrannei der Tränen in der Ehe ganz gelviß nicht. Reben der Gewalt und Huttigkeit der Zunge, oder wie der alte Kant in seiner würdevoll-philosophischen Weise es nennt, der„asfektvollen Beredsamkeit" des Weibes, ist die Kuaft beliebiger Tränenergüsse von altersher als eine der Hauptwaffen verwöhnter Frauen im ehelichen Daseinskampf bekannt. Bis zum ttcüeriruffe haben ine Witzblätter diese feuchten Methoden zur Er- oberung von neuen Hüte-n, Garderoben, Badereisen usw. glossiert. Hätte die Heldin Chambers nicht alles das im Ueberflutz, so würde sie vermutlich es nicht verschmähen, auch zu solchen Zwecken ihre Tränen fliehen zu lassen. So nutzt sie die weinseligen Fähigkeiten nur für ihren engherzigen Liebesegoismus, darum freilich nicht weniger energisch, aus. Fünf Jahre trabt der arme Parbury, der reiche und berühmte Schriftsteller, im Joche, und noch niemals faßte der ehrfürchtig Verliebte sich ein Herz zu offenem Widerstände. Seine Freunde hat Mabel aus dem Hause gedrängt, seine Klubabende kassiert, seine Arbeitsstunden mit ihren Zärtlichkeiten oder Schmoll- Launen fortwährend unterbrochen. Er ist i h r Mann, also hat er ihr und ihr allein zu gehören, am liebsten sähe sie den ganzen Tag an seiner Seite. Und diese blinde eifersüchtige Aufdringlichkeit, diese Liebe, die in ihrer naiven Borniertheit vollständig unfähig ist, sich in die Seele des anderen zu versetzen, rechnet sie sich als hohe Tugend an. Mit einein heuchlerischen wehleidig-sühem Lächeln, Honigworte auf den Lippen, duldet Parbury; so gut ist er erzogen, daß er nicht einmal in Gedanken räsonniert. Sehr drollig und dabei durchaus natürlich schildert die Komödie das Eheglück. Viel weniger gelungen ist die Tarstcllung der Kur. Ein früherer Kamerad. Weltumsegler und blasierter schadenfroher Jung- geselle, dringt als Versucher in das Haus. Er stichelt, neckt, und Parburv gesteht in einer schwachen Stunde seine Leiden. Die leicht- fertige Zusage, an einer Segelpartie dieses verdächtigen Menschen keilzunehmen, wird von dem Ehemann, da Frau Mabel wieder die Tränenbatterie spielen läht, zurückgenommen, aber diesmal mit geheimem, revolutionärem Grollen. Und als sie dann— eifersüchtig, weil sie die Sekretärin überrascht hat. wie diese Parburys Photographie kühte— kategorisch, ohne Angabe von Gründen, die Entlassung des Mädchens verlangt, da endlich zeigt er unzweideutige Aufsässigkeit. Demonstrativ verläßt sie am Arme ihres Vaters, eines lustigen alten Witwers, der aus eigener Erfahrung Parburys Leiden kennt, das Haus, höchst verdutzt, daß man auch jetzt sich ihr nicht unterwerfen will. Natürlich ist sie schon am nächsten Tage wieder da. und Parbury hält ihr die erste, ernste, sehr verständige Straf- predigt, deren Eindruck vielleicht für einige Wochen vorhalten wird. Die Lücken der Entwicklung sind durch amüsante Intermezzos an- gefüllt, die psychologisch freilich zum Teil höchst anfechtbar erscheinen. Ganz widerspruchsvoll ist die Sekretärin gezeichnet, eine hochmütige, kalte und spinöse Natur, die zwischendurch dann wieder als Sonnen- schein und guter Geist des Hauses gepriesen wird und auf unerklär- lick>e Weise die verhärtete Junggesellenseele Gunnings zum Schmelzen bringt. Aber die pikanten Paradoxien, der spielende Witz, mit dem diese Unmöglichkeiten behandelt sind, halfen über die psychologisch toten Stellen hinweg. Die geradezu groteske Licbesszene der Beiden erzielte sogar lang anhaltenden Applaus auf offener Bühne. Die Aufführung brachte die Pointen vorzüglich heraus. � Das Ehepaar wurde von Rudolph Klein-Rhoden und Frieda Brock mit viel natürlicher Lebendigkeit gegeben. Erich Ziegel war in Maske und Sprache ein trefflicher Gunning und Else W a s a legte in die Sekretärin, soweit die Rolle es'»lieh, eine Fülle feiner Nuancen.— dt. Gesundheitspflege. ss. SSiber die Petroleumöfen nimmt der Ingenieur Mehl aus Dresden im„Gesundheits-Jngenieur" Stellung. Er erwähnt eingangs freilich eine Reihe von Vorzügen der Petroleum- Heizöfen, die in ihrer leichten Verstcllbarkeit, den geringen Kosten der Anschaffung und des Betriebes, dem gefälligen Aussehen und dem Ausschluh der Explosionsgefahr und noch in einigen anderen Dingen bestehen. Dann aber folgt die Liste der Nachteile, die vom Standpunkt der Hygiene nicht gering zu veranschlagen sind. Nach den Anpreisungen soll ein Petroleumofen weder gesundheits- schädliche Gase noch Geruch erzeugen und außerdem einen kleinen Luftverbrauch haben, also zur Verschlechterung der Atmosphäre nur i» außerordentlich geringem Grade beitragen. Diesen Aussagen geht nun Mehl zuleibe, indem er zunächst die durch den Petroleum- Heizofen entstehende Menge von Kohlensäure in Betracht zieht. Peiroleum, wie es im Kleinhandel verkauft wird, enthält 12 Ge- wichtsteile Kohlenstoff und 26 Gewichtstcile Wasserstoff. Auf Grund dieser Tatsache läßt sich berechnen, daß ein Petroleumofen, der in einer Stunde 206 Gramm Petroleum verbrennt, etwa % Kubikmeter Kohlensäure erzeugt, indem der zu ihrer Bildung nötige Sauerstoff der Luft des Zimmers entzogen wird. In einem Wohnraum von mittlerer Größe würde demnach der Kohlensäure- gehalt infolge des Petrolcumofens in einer Stunde schon auf etwa b v. 1000 steigen und nach 4 Stunden schon auf 20 v. 1000, selbst wenn die Erzeugung von Kohlensäure durch die Atmung der im Raum befindlichen Menschen und durch die Beleuchtung un- berücksichtigt gelassen wird. Da der Kohlcnsäuregehalt in einer Luft, die als gesund gelten, darf, nur etwa 2 v. 1000 betragen soll, so ergibt sich, daß die Tätigkeit des Petroleumofens schon nach einer Stunde den Gehalt der Luft an Kohlensäure um mehr als das Anderthalbfache über den zulässigen Betrag steigert oder, mit anderen Worten, die Luft vergiftet. Da der Mensch in einer an Kohlensäure zu reichen Atmosphäre selbst weniger Kohlensäure aus- atmet, so wird auch sein Stoffwechsel behindert, was sich durch verminderte Eßlust, Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens und des Ernährungszustandes usw. bemerkbar macht. Außerdem ver- braucht, wie schon angedeutet wurde, der Petroleumofen zur Bildung der Kohlensäure Sauerstoff aus der Luft und macht diese also um einen entsprechenden Betrag des für die Atmung wichtigsten Gases ärmer. Es wäre also eine beträchtliche Lufterneuerung nötig, die aber im Frühjahr und Herbst, in welchen Jahreszeiten die Petroleumöfen die besten Dienste leisten sollen, bei geschlossenen Fenstern infolge des nicht sehr großen Temperaturunterschiedes zwischen innen und außen nicht mehr in genügendem Grade statt» findet. Mehl hält also den Pctrolcumheizofen für gesundheitsschädlicher als andere Heizeinrichtungen, da bei ihm nicht die Verbrennungs- Produkte nach außen hin abgeführt werden. Der Sachverständige glaubt, daß der Petroleumofen ebenso schnell das Feld wieder räumen werde, wie er es erobert hat. Namentlich in Kranken- zimmern sollte man durchaus auf ihn verzichten.— Humoristisches. — Energisch.„Ich bin überglücklich! Mein Mann hat, seit ich ihn nach Vorschrift des Arztes mäste, bereits zwei Kilo innerhalb vier Wochen zugenommen. Jetzt wiegt er 62 Kilo!" „So! Also darum sagte er gestern so ärgerlich zu meinem Mann: Ich will aber kein so fetter Fleischklotz werden!" „Ach, da wird er gar nicht gefragt! Er nimmt einfach zu— und damit b a st a l"— — I n der Verlegenheit..... Wissen Sie, Herr Be- zirksarzt, der Badedoktor hat mir ausdrücklich gesagt: an der L u n g' fehlt mir nichts, aber an der Leber l" „Na, die ist ja auch da in der Näh'!"— — Verfeinert.„... Tie haben ja allerdings, Frau Wirtin, ein sehr schönes Geschäft— aber mit der Zeit sollten Sie doch auch fortschreiten und es etwas verfeinern l" „Das tu' ich ja schon! Vom Ersten an wird alles um zehn Pfennig' mehr kosten!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Das Scheffel-Denkmal auf dem Staffel- b e r g bei Staffelstein, das im nächsten Frühjahr errichtet wird, soll eine„Scheffel-Warte" werden: unten eine Halle mit der Büste des Dichters, im ersten Stockwerk ein Scheffel-Museum und darüber eine Aussichtsgaleric.— — Die Katalogisierung der Pariser National- bibliothek wurde im Jahre 1897 begonnen. Heute liegen bereits 17 starke Oktavbände vor, aber noch ist der Buchstabe IZ damit nicht ganz erschöpft. Im ganzen werden 136 Bände nötig sein. Vor 1927 ist der Abschluß der Arbeiten nicht zu er- warten.— — Reste eines griechischen Konversations- l e x i k o n s hat Professor Diels auf einem jüngst bei Abusir (Aegypten) ausgegrabenen Papyrus aufgefunden. Wie der „Franks. Zeitung" mitgeteilt wird, sind von dem Werke, das aus einem größeren ausgezogen war, noch die Liften der Gesetzgeber, Künstler und Mechaniker erhalten, denen sich die sieben Weltwunder und eine Uebersicht über die Berge, Inseln, Flüsse und Quellen anschließen.— — ,.U e b e r N a ch t", ein Lustspiel von AdolfL'Arronge, hat bei der Uraufführung im Hamburger Thalia- Theater gefallen.— — Rosa Bertens, die seit Beginn dieser Spielzeit dem Deutschen Theater angehörte, hat dieser Bühne bereits wieder Adje gesagt.— — Im 3. Wiener Bezirk(Landstraße) wird ein neues Theater entstehen.„Wiener Bürgertheater" wird es heißen. Alle Bühnengattungen, außer Oper und Operette, sollen gepflegt werden.— — In Rothenburg o. T. wird seit 1880 das historische Festspiel„Der M e i st e r t r u n k" aufgeführt. Jetzt hat sich plötzlich der Staat gemeldet und für zehn Jahre Steuern für das Spiel nachgefordert. Es soll sich um eine beträchtliche Summe handeln.— — Karl Weinbergers komische Oper„Schlaraffen- l a n d" hat bei der Erstaufführung im Hamburger Stadt- t h e a t e r starken Beifall gefunden.— t. Eine neue Malaria-Expedition ist von dem Institut für experimentelle Medizin in St. Petersburg nach den Küsten des Schwarzen Meeres entsandt worden. Namentlich sollen die Ursachen des Ueberhandnehmens der Malaria in der Umgebung von Gagory untersucht werden.— — Die Produktion von Kampfer betrug nach einem amtlichen Bericht der japanischen Regierung im Jahre 1903 rund 2,4 Millionen Kilogramm an Kampfer und 1,8 Millionen Kilo» gramm an Kampferöl.— — Das Landratsamt des Landkreises Emden ver- öffcntlicht zurzeit aus Anlaß der Sperlingsplage eine ältere Polizeiverordnung. Danach muß im ganzen Landkreise mit Ausschluß der Insel Borkum jeder Landwirt, der 1 bis 11 Hektar bewirtschaftet, drei, jeder, der 12 bis 24 Hektar bewirtschaftet, sechs, und jeder, der mehr als 26 Hektar bewirtschaftet, zwölf Sperlinge oder Sperlingsköpfe jährlich an seine Gemeindebehörde einliefern, widrigenfalls er wegen Uebertretung mit einer Geldstrafe von 6 M. oder entsprechender Haft bestraft wird.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner» Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer&Co..Berlin SW,