Anttthaltungsblatt des Horwärts 223. Freitag, den 11. November. 1904 (Nachdrilck verboten.) 12Z' Ver B\u vom Serge. Roman vonGraziaDcledda. Melchior zog die gelbe, geschnitzte Kürbisflasche aus dem Rucksack, hob den Pfropfen ab und reichte sie dem Vater. „Nehmt und trinkt, ich habe Wein mitgebracht." Zio Pietro nahm die Flasche niit beiden Händen, führte sie an die Lippen und lehnte langsam den Kopf hintenüber. „Trinkt nur, trinkt!" ermunterte Melchior und betrachtete ihn mit Zärtlichkeit, doch auch mit Kummer. In diesem Augenblick ward er inne, daß wenn nach Zia Bisaccias dunklen Reden ihn ein der Furcht verwandtes Gefühl beschlichen hatte, dies um den Alten mit den erloschenen Augen war, der mit den Augen des Sohnes sah, vom Leben, der Freiheit und der Arbeit seines Sohnes lebte. Ja, wenn er nicht gewesen wäre! schrie der Groll und träufelte ihnr sein Gift ins Herz. Nein, es ist besser, daß er da ist: er bewahrt Dich vor den erbärmlichen Schritten, welche die, für die Du sie tun möchtest, nicht einmal verdient, antwortete eine leise Stimme, die in ihrer demütigen Unterwerfung einen geheimen Stolz barg. Zio Pietro trank in langsamen Zügen: der Wein strömte warme Heiterkeit in die alte Brrist und weitete ihm das Herz mit Wohlgefühl. Er nahm die Flasche vom Munde und reichte sie Melchior. Und auch Melchior trank, aber hastig, gierig, um Vergessen aller erlittenen Demütigung zu erzwingen. Er nahm sich nicht vor, zu vergessen, und noch weniger, zu ver- zeihen, aber seine Leidenschaft zu besiegen und Vorsicht zu be- wahren, um das traurige Alter des Vaters nicht noch bitterer zu machen. Vl. Die letzten Tage des August verflossen ruhig und friedlich. Gefesügt durch seinen Entschluß, gelaugte Melchior zu der resignierten Gcmütsstinmiung desjenigen, der alles verloren hat. Er ging seiner gewohnten Beschäftigung nach, ritt in der Morgendämmerung zur Stadt hinunter, um die immer spärlichere und dickere Milch dorthin zu bringen: bestellte den Garten, wo die Ponridoro sich röteten und schweifte still im Walde umher, uni Laub für die Ziegen zu schneiden. Zio Pietro verfertigte Geräte aus Birkenzweigen, bereitete die Mahlzeiten aus den Gartengewächsen, fegte die Hürde oder saß in Gedanken versunken zwischen den stummen Felsen, vor dem herrlichen Rundblick, ohne die langsam aufsteigenden ersten zarten Dunststreifen zu gewahren, welche das Schwinden des Sommers änkünden. Im wiedergekehrten Frieden der einsamen Behausung be- wahrte nur Basilio etwas Unstätes: es lag ihm eine Hitze im Blut, die ihm Unbehagen bereitete und ihn bald zum Laufen, Lachen, springen und Schreien antrieb, bald in süßschmerzliche Betäubung versenkte. Tie Augusthitze war bei gänzlicher Windstille manchmal erschlaffend, überwältigend, drückender noch durch die Ausstrahlung des glühenden Gesteins. Ihn guältc die Hitze, und doch legte er sich in den Stunden, wo er sich ganz matt fühlte, tvie eine Katze in die Sonne, auf das versengte Gras, und schlummerte wie berauscht. Der Wald schwieg, die Glöckchen der ruhenden Ziegen schwiegen: fern am Horizont schienen Himmel und Meer in eins zu verschmelzen. Und wenn Basilio sich erhob, schmerzten ihn die Glieder, seine Kehle war rauh und sein Gemüt bedrückt. Nach dem kindlichen Umhertollen am Vormittag, verbrachte er den Abend in sich versunken, stumm, düster: wenn man ihn schalt, wurde er heftig, schimpfte, fluchte, brach mitunter auch in Tränen aus; nachts fror ihn, er kauerte am Feuer und klapperte mit den Zähnen. Im unruhigen Schlummer murmelte er beständig allerlei seltsame Sachen. „Was zum Teufel hast Du nur?" frug ihu Melchior eines Tages und betrachtete ihn forschend.„Du bist krank und willst es nicht sagen. Was tut Dir weh? Sprich!" „Der Fuß," erwiderte er, spöttisch lachend. Doch schon in seinem gezwungenen Lachen, das die kindliche Frische von kurz zuvor verloren hatte, lag die Bestätigung der Mut- maßungen seines Herrn. „So?" sagte dieser,„der Fuß? Dann hast Du wohl Grillen im Kopf. Woran denkst Du? Wenn Du hier oben krank wirst und stirbst, so laß' ich Dich wahrhaftig von den Raben verschlingen." Basilio zuckte gleichgültig die Achseln, und über seine Augen zog ein Schatten. „Meinetwegen überlaßt mich den Naben oder den Hunden. Was tu' ich denn überhaupt auf der Welt!" „Und was tun die anderen," rief Zio Pietro, der es ge- hört hatte. Melckstor, der Basilios sorglose Jugend stets beneidet hatte, blickte ihn betroffen an. Also auch der war unzufrieden? Wer mochte dann wohl zufrieden sein? „Die anderen! Welche andren?" sagte Basilio trotzig. „Glaubt Ihr, daß weil Ihr so seid, die anderen sich nicht amüsieren? Seht nur die Herrschaften auf dem Berge, hol' sie der Teufel! Was tun die? Sie spielen, lachen, essen gut, schlafen noch besser, machen Musik, tanzen, singen, liebeln mit allen..." Seine vor Neid, ja vor Haß bebende Stimme tönte laut in Melchiors Gemüt und weckte dort den schlummernden Widerhall. „Auch Du!" schrie er— hätte dann aber gern sein Wort zurückgenommen, denn Zio Pietro wandte ihm sein Gesicht zu und sagte, anscheinend zu dem Knaben, in Wahrheit aber für alle beide: „Tie Herrschaften! Was denkst Du, daß die Herrschaften sind? Menschen wie wir. Und glaubst Du, daß sie zufrieden sind?»keine Spur! O. o. Junge, warum muß ich Dir das sagen? Wir alle sind geboren, um zu leiden und unser Kreuz zu tragen. Wenn Du wüßtest, was im Topf derer�kocht, die Dir so glücklich scheine». Tu möchtest nicht an ihrer Stelle sein. Hinter ihren Spielen steht ein Ungeheuer, das sie verzehrt: sie sind schwach und krank an Körper, feig und erbärmlich in ihrer Seele. Sic sind voller Schulden, Sorgen und Aengste. und ihr Lachen ist wie der helle Klang eines Tellers, der ganz scheint und doch einen Sprung hat. Sie liebeln mit allen, aber sie lieben nicht ein Weib und werden nicht geliebt, wie Du geliebt werden kannst, wenn Du erwachsen bist und Dir ehrlich ein Heini erwirbst und eine Schar Ziegen. Sie spielen," rief er spöttisch,„wie die Fliege im Herbste summt, bevor sie sterben muß. Und wer verbietet Dir, zu spielen? Steige ins Tal hinab, schneide das zarte Rohr und mache Dir ein Paar leoiiockckiiL, wie die Hirten auf dem Campidano. Deine Musik wird weit besser sein, als das Gitarrengeklimper jener Herrchen." „Das ist wahr!" Hub Melchior au. „Ach! Wollt Ihr jetzt auch uoch eine Predigt halten?" sagte Basilio ärgerlich und ging pfeifend davon. Besser als daS Predigen seiner Herren behagte ihm die Erlaubnis, einmal nach Nuoro hinabzureiten. In Zia Bisaccias Hof band er das Pferd statt an den gewohnten Platz an einen Pfahl, um den sich ein schmächtiger Weinstock rankte. Bevor er wieder fovtritt, pflückte er sich eine Hand voll Blätter davon und steckte sie in die Tasche, um sie dem Hasen mitzubringen. Auch das Pferd streckte den Hals vor, be- schnupperte die Rebe und riß mit seinen langen, gelben Zähnen einige Blätter ab. Wäre es nie geschehen! Zia Bisaccia stürzte schreiend in den Hof, schlug das Pferd und schimpfte derart auf Basilio los, daß er schnell aufsaß und sich davon- machte. „Seht doch den Flegel! Braucht der noch aus seinem Dorfe daherzukommen? Geh' zum Teufel, der Dich hergeführt bat! Laß Deinen Herrn nur kommen, mit dem werde ich schon abrechnen! Mich in meinem Hause bestehlen! Wenn Du nur einen roten Heller hättest, würde ich auf Schadenersatz. klagen..." Basilio war verschwunden. Trotz der Schmähungen Zia Bisaccias fühlte er sich so froh und leicht wie ein Vogel. Er- schrocken über die empfangenen Prügel trabte das Pferdchen mit gespitzten Ohren fort. Der Morgen war blau und klar; statt direkt zu ihrer Hütte heimzukehren, ritt Basilio nach dem Berggipfel hinauf, sah Paska und sprach mit ihr. Inmitten ihrer Vergnügungen und Triumphe und trotz des hohen Schutzes, den sie genoß, lebte sie in Sorge und Angst; als sie den Ziegenhirten erblickte, wechselte sie die Farbe, doch begegnete sie ihm mit ironischer Freundlichkeit. fctht5 wie steht eS 8a unten?" fragte sie und deutete nach Melchiors Behausung hin. „Hast Du mir neue Drohungen zu bringen?" „Es scheint so!" entgegnete er und spielte den Beherzten. „Wenn Du nicht acht gibst, so wirst Du sehen, was Dir ge- schieht. mein Lämmchen!" „Und was könnte mir geschehen?" sagte sie verächtlich. „Letzthin hattest Du es sehr eilig, sonst hätte ich Dir eine Antwort erteilt." „Welche denn?" „Nur das!" Sie spuckte aus. Basilio blickte sie starr an und lächelte dann. „Und doch war es Dir damals nicht nach Scherz zu Btttte. meine Schöne: jetzt habe ich wirklich Eile und wenn ich noch länger ausbleibe, so schlägt er mich tot, sonst könnte ich Dir etwas verraten..." „Sag' doch, sage!" drängte sie, mehr aus Angst als aus Neugier. „Ich kann jetzt nicht länger bleiben." „Warte doch!" Sie hielt ihn zurück; rot vor Vergnügen, machte er sich los und sagte, er wolle übermorgen wieder- kommen. „Morgen in der Frühe kehren wir alle nach Nuoro zurück. So komm' wenigstens heute abend." „Ich komme!" rief er, schwang sich schnell auf und ver- schwand zwischen den Felsen. An dem Tage schien er seine frühere sorglose Fröhlichkeit wiedererlangt zu haben; sein Rufen, Lachen, Pfeifen schallte laut durch den Wald und weckte bald hier bald da den Wiederhall. Beim Essen erzählte er lachend die Geschichte von Zia Bisaccia, die ihn wegen der abgerissenen Traubenblätter ver- Ilagen wollte. „Verbotene Weide freilich! Die Frau mutz doch den Teufel im Leibe haben!" Von seiner Begegnung mit Paska schwieg er jedoch und statt wie in den letzten Tagen während ihrer Siesta unruhig zu schlummern, lag er lang ausgestreckt und das Kinn auf die Hand gestützt still, und überlegte, wie er sich heimlich fort- schleichen könnte. Ter Gedanke, Paska wiederzusehen, be- zauberte ihn. Er Mutzte noch nicht, wie er fortkommen würde, aber er wutzte, datz er unbedingt hinaufgehen würde. Auf einmal kam ihm der Gedanke, klar und bestimmt. Er erhob sich leise, überzeugte sich, datz man ihn nicht beobachtete und faßte eine junge schwarze Ziege bei den Hörnern, die im kurzen Schatten eines Strauches ihre Mittagsruhe hielt. Er nötigte sie aufzustehen, zog die Widerstrebende hinter sich her und redete ihr leise zu, damit sie ihm willig folgte. „Komin' mit mir, Dior di pervinca*), komm' doch, ich will Dir ja nichts ttin. Willst Du, oder willst Du nicht, Liebchen? Geh' Zicklein, ich bringe Dich ja nur fort; Du sollst keine sardische Büchfenkugel ins Herzchen kriegen! Nur bis beute nacht sollst Du allein bleiben; ich gebe Dir auch schöne frische Blätter, Du sollst nicht umkommen. Aber nun komm' auch, Dior di pervinca. Du mutzt kommen, alöl" (Fortsetzung folgt, j, (Nachdruck verboten.) Die �otenbeftattung zu verrcblcdcncn Zeiten* Wie die Menschen der Urzeiten ihre Toten, d. h. die zu ihrer Horde gehörigen, behandelt, ob und wie sie dieselben bestattet haben, ist noch in mehr oder weniger tiefes Dunkel ge- hüllt. Es sind Anzeichen dafür vorhanden, datz die Leichname vielfach verspeist wurden, und zwar aus Hunger. Der bekannte Aberglaube. mit dem Verspeisen eines Leichnams erbe man dessen. Kräfte und Eigenschaften, trat ohne Zweifel erst später hinzu. Hunger war ja auch das eigentliche Motiv des nach Lippert und anderen Kulturhistorikern dereinst allenthalben ver- breiteten Kannibalismus. Die Menschen fragen einander auf, ursprünglich nicht aus Liebhaberei für Menschenfleisch oder aus aber- gläubischen Mottven, sondern weil sie in der produktionslosen Epoche anderweitig nicht Nahrung genug fanden, weder vegetabilische noch tierische. Stach heuttgen Tages ist daher die Menschenfresserei bei manchen Stämmen Afrikas heimisch, zum Beispiel im Kongobecken. Verspeist wurden die Leichname der Angehörigen, wie der erlegten und der gefangenen Feinde, welche letztere zu diesem BeHufe ab- geschlachtet wurden, was sogar den Alten und Gebrechlichen unter *1 Immergrün. den Angehangen geschah, da fle nicht zur Jagd und zum Kriege gebraucht werden konnten und man fie daher mcht mit den spärlich vorhandenen Nahrungsmitteln füttern wollte. Erst mit der Ent- Wickelung der Produktion, des Ackerbaues, wodurch das Nahrungs» bedürstns anderweitig befriedigt werden konnte, kam die Menschen» fresserei in Abgang, vermutlich aber erst nach heftigen Kämpfen; denn jetzt klammerte sich der konservative Hang an die ideologischen Begleittnottve, wie auch sonst häufig. Wo die Leichname der Angehörigen nicht verspeist wurden, liest man sie vennutlich an der Stätte. Ivo der Tod einttat, liegen und verwesen resp. von Raubtieren und Vögeln verzehren. Trotz der Lästigkeit des Verwesungsgeruchs und obgleich schon frühzeitig erkannt werde« mochte, datz die Nähe von Leichnamen Seuchen erzeugt, wurden sie nicht in die Erde bestattet, so lange das Metall und seine Verarbeitung unbekannt war, und es daher an den primitivsten Werkzeugen zum Aufgraben des Bodens für diesen Zweck gebrach. Das Entfernen der Leichname anS den Wohnplätzen hatte aber den Nachteil, datz damit gefürchtete Raubtiere in die Nähe gelockt wurden. Die Hunde waren darum als Aastiere und Leichenverzehrer besonders geschätzt und vielfach als heilig verehrt, als„Fetisch-Tiere", denen die Leichname als Opfer dargebracht wurden. So namentlich im alten Persien. Noch in der rabbinischen Literattir erzählt Rabbi Afiba, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein Arnrenier den Leichnam seines Vaters seinem Hunde vorgeworfen habe. Eine Reminiscenz hieran erhielt sich in dem Wächter der Unterwelt in der griechischen Mythologie Cerberns-Kerberos, dem Fleischverschlinger. Erst als mit dem Gebrauch des Metalls das Aufgraben deS Erdreichs keine Schwierigkeit mehr hatte, wurde das Begraben der Leichname allgemeiner Brauch und als die»Ehre der Toten" auf- ?:cfatzt, die dadurch der Verstümmelung entzogen werden. Dazu ge» ellte sich die Anschauung, datz auch die Seele in der Unterwelt erst zur Ruhe eingehen könne, wenn der Leib im Grab seine Ruhe geftinden. Staatsverbrecher aber wurden noch über den Tod hinaus dadurch bestraft, datz ihre Leichname nicht beerdigt wurden, welches Motiv bekanntlich den Angelpunkt in der Sopokleischen Tragödie„Anttgone" bildet. Auch in der alttestamentlichen Literatur werden ruchlose Fürsten mit der Strafe bedroht, datz ihr Fleisch dem Getier des Feldes und dem Gevögel des Himmels zur Nahrung dienen und ihr Blut von den Hunden geleckt werden würde. Dagegen hat sich der alte Brauch noch heute bei den Parsen (Feueranbetern) erhalten, die in ansehnlicher Zahl nur noch in Bombay vorhanden sind. Sie besitzen dort einen hohen von mehreren Mauern eingeschlossenen Turm,„Turm des Schweigens" genannt, auf dessen Plattform ihre Toten verbracht werden, wo in kurzer Zeil das Fleisch von den auf solchen Schmaus lauernden Geiern gierig verschlungen wird. Die Knochen werden alsdann von dem an dein Turn, angestellten Priester in weitzer Kleidung in das unterirdische Verliest geschafft. Nach den, neuesten Bericht eines Missionars in China werden auch dort manche buddhistische Bonzen auf diese Weise bestattet. Der Seelenaberglaube, speziell die Vorstellung fortdauernder Be- Ziehungen zwischen der abgeschiedenen Seele und ihrem Körper führte zur Erfindung der Einbalsamierung behufs künstlicher Erhaltung des letzteren als Mumie, als deren Heimat Aegypten gilt, von wo sich dieselbe in andere Länder verpflanzt hat. Die Vorschrift, beim Aufschneiden des Leichnams nur Steinmesser zu benutzen, lätzt ver- muten, datz die Ansänge der Einbalsamierung in die Steinzeit zurückreichen. Möglicherweise aber hat sie denselben Grund, weshalb das mosaische Gesetz verbietet, den Altar in der Sttstshütte aus be- hauenen Steinen zu errichten,„denn wo du mit deinem Schwert (obsrbecba., Luther ungenau: Messer) darüber fährst, wirst du ihn entweihen"; woraus beiläufig zu schließen, datz die Verwendung deS Eisens zu kriegerischem Zweck seiner Verwendung zur Hacke und Pflugschar geraume Zeit vorausging. Nicht ausschließlich, aber vor- zugsweise wurden Könige und ihre Angehörigen, Vornehme und Wohlhabende einbalsamiert, wie ja vielfach noch jetzt. In Aegypten wurden die Särge der Könige in Pyramiden bei- gesetzt, dergleichen noch mehrere vorhanden, worunter die be- rühmteste bei Gizeh. Die Kolossalität dieser Bauten dürfte auf die Anschauung zurückzuführen sein, datz Fürsten und Häuptlinge nach ihrem Tode unter die Götter versetzt werden; für Götter charakteristisch aber war, datz sie auf Höhen wohnen. auf Bergesgipfeln. DaS semitische Wort für Gott El ist wahrschein» lich von dem ähnlich lautenden Stamm abzuleiten, der Höhe be» deutet und in zahlreichen Wörtern enthalten ist, die ein Hohes be« zeichnen. Auch im Namen des griechischen Götterberg Olymp mag diese Vorstellung ausgedrückt sein, da seine bei Homer vorkommende altertüniliche Form Ulymp lautet. Daraus erklären sich auch jene zum Teil riesigen Grabhügel aus der Keltenzeit, wie z. B. derjenige bei Asperg in Schwaben, der von dem Gelehrten Oskar Fraas erforscht wurde. Eine seltsame Bestattungsweise der Leichname von Fürsten und Häuptlingen war die Wafierbestattung. Man kennt das Platensche Gedicht vom Grab im Busento, wonach die Westgoten, als ihr König Alarich, der Bezwinger Roms, in Unter- italien starb, durch römische Kriegsgefangene den Flutz Busento bei Cosenza ableiten und in dein leeren Flußbett eine Gruft aushöhlen ließen, in die fie den König in vollem Kriegs« schmuck samt seinem Leibroß und vielen Kostbarkeiten versenkten, worauf der glufe wieder in sein alteS Bett geleitet ward. Nach einem Artikel der.K. Z.' kam diese Bestattungsweise auch sonst öfters vor. Nach einer ungarischen Sage wurde auch der Hunnen- kvnig Attila auf ähnliche Weise in der Theiß., nach anderer Version in der Etsch begraben. Geoffry vön Monmouth szwölsteS Jahrhunderts verzeichnet in seiner lateinisch ab- gefaßte», neun Bücher umfassenden Geschichte Britanniens einen Bericht, wonach Cordeila(Cordelia). die Tochter des Königs Leier(Lear) ihren Vater.an einem gewissen unterirdischen Ort be- grub, den sie unter dem Fluß Sora innerhalb Leyecesttias(Leicester) herzurichten befohlen hatte'. Sogar noch in verhältnismäßig neuerer Zeit kam diese Bestattungsart vor. Die Gefährten des Hernado de Voto, des kühnen Entdeckers des Mississippi, der 1542 in der Urwaldwildnis gestorben war. fuhren mit dessen Leiche in Kähnen um Mitternacht weit auf die Mitte des ungeheueren Stromes und sentten sie in die feuchte Tiefe. Die Leiche des 1538 in Kartapur verstorbenen Hindu Nanak Sikh, des Sttfters der Religion der Silhs, die in Pandschab herrscht, soll heimlich von seinen An- hängern im Bette des Flusses Ravi, nicht weit von Lahore, bestattet worden sein. Nach dem 1657 erschienenen Werk über Afrika von Dapper wurden die Könige der Negervölker Bena und der Susos häufig im Bette von Flüssen beigesetzt, und noch in einem neueren Werke, in dem 1875 veröffentlichten.LÄfrique Equatoriale' von dem Marquis de Compiegne, wird über die Neger am Bouy in Oberguinea zwischen Neu- und Alt-Calabar ähnliches berichtet. Dem Brauch lag wohl die Absicht zugrunde, das Grab gegen Leichen- schäudung und Räuber der dem Verstorbenen mitgegebenen Schätze zu sichern. Mit sämtlichen bisher erwähnten Bestattungsarten mochte meisten- teils eine Tendenz verbunden sein, den Leichnam möglichst zu kon- servieren oder doch die Scheu, ihn durch Menschenhand zu ver- stllmmeln oder dessen Verwesung zu beschleunigen, die noch heut- zutage die jüdische Orthodoxie veranlaßt, gegen Settion und Ob- dukion zu protestieren. Freier dachte man hierüber, wo die Feuer- bestattung in Anwendung kam. Sie begegnet uns schon ftühzeitig bei höher zivilisierten Völkern, jedock, nicht als allgemeine, sondern als VorzugsbestattungSform, bei Fürsten und Vornehmen so schon im Alten Testament. Das hat vermutlich darin seinen Grund, daß sie umständlicher ist als die Erdbesiattung und beträchtlich Feuerungsmaterial kostet. Nur bei Epidemien, wo Massenbestattungen notwendig waren, geschahen solche häufig durch Feuer. „Rastlos brannten die Totenfeuer in Menge' heißt es bei Homer im 1. Gesang der Jlias bei der Schilderung der Pest im griechischen Lager vor Troja. Daß in China aus dem Gebirge der sieben Drachen ein Krematorium für verstorbene Bonzen vorhanden ist, hat unlängst ein Missionar in der„K. Volksztg.' berichtet. Bekanntlich ist neuerdings in christlichen Ländern die Feuer- bestattung wieder aufgekommen, die früher als heidnisch verpönt war, während die Erddestattung als die christliche angesehen wurde. weil Jesus drei Tage lang im Grabe lag, und auch wegen des Auferstehnngsglaubens, dem die Vorstellung in der Erde „schlummernder" Toten mehr zusagt, wogegen die Ver- breunung mit der Vorstellung der Wiederbelebung schwerer vereinbar ist. Bewußt oder unbewußt ist das der eigent- liche Grund der Widerstände von kirchlicher Seite, wofür allerlei andere windige Gründe bei den Haaren herbeigezerrt werden; wogegen die bekannten kriminalistischen Bedenken, die längere Zeit gegen die Feuerbestattung geltend geniacht wurden, im Hinblick auf die allgemein eingeführte obligatorische Leichenschau nach und nach verstummten. Suiitäre Rücksichten und mehr noch das Bedürfnis der Großstädte mit ihrer rapid anschwellenden Bevölkerungsziffer bei fortwährend steigenden Bodenpreisen erwarben der Feuerbestattung immer mehr Shmpathien, und so konnte am 10. Dezember 1378 die erste Einäscherung in Deutschland im Krematorium zu Gotha statt- finden. Seitdem sind auch anderwärts Krematorien errichtet worden, Europa besitzt zurzeit 54(worunter Deutschland 8: Eisenach. Gotha, Hamburg. Heidelberg. Jena, Mainz, Mannheim und Offenbach a. M.). Amerika 29 und sogar Asien deren 7. Weitere find im Bau be- Sriffen. Dagegen wird von den Regierungen der meisten Bundes- aaten die Errichtung von Krematorien noch nicht zugelassen, teils in Uebereinstimmung mit den Parlamenten, teils im Widerspruch zur Volksvertretung. Da aber auch in diesen Staaten die Ueber- führung in ein auswärtiges Krematorium nicht verboten werden kann, die aber ziemlich kostspielig ist, bleibt dort die Feuerbestattung bis auf weiteres ein xrivttegium odiosum der Wohlhabenden.— Kleines feuiUeton. — Gott ist mein Zeuge. Das Wiener„Extrablatt" berichtet: Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichts Leopoldstadt stand vor einigen Tagen eine„Dame vom Stand" unter der Anklage, ihren Hund ohne Maulkorb gelassen zu haben. Richter(rasch):„Also nicht wahr, Sie geben ja den Tat- bestand zu?" Angekl.:„Ich? O nein.(Lachend): Herr kaiserlicher Rat, i Hab ja gar kan Hund." Richter:„So. Ja, aber(er verliest die Anzeige): Kleiner schwarzer Rattler mit weißen Flecken." Angekl.:„Ja, ja, so schaut er aus." Richter:»Wer? Woher wissen denn Sie das 1* Angekl.:„No, weil's der Kubicka ihrer is." Richter:„Ab so. Na. wir werden ja sehen." Angekl.:„Herr kaiserlicher Rat. Sö können mir glauben daß i kan Hund Hab. Gott is mein Zeuge!" Richter:„Ja. liebe Frau, wenn Sie leugnen, muß ich di» Verhandlung vertagen." Angekl.: ,J bitt', Herr Richter, da muß i ja wieder kommen. Könnten'? net heut' Schluß machen? Da zahl' i lieber dö zwa Kronln." Richter:«Nein, liebe Frau, das geht nicht." Angekl.:„Aber Gott is mein Zeuge I" Richter(lächelnd):„Ja. diesen Zeugen, liebe Frau, kann ich nicht einveniehmen."(Schriftführer und Staatsanwalt lachen.) Angekl.(erstaunt):„Ja, warum denn nicht? Draußen steht er ja!" Richter:„W— a— s?" Angekl.:„No ja, der verlangt von mir dielleicht dann a Zeugengebühr, wann er noch amol kommen mutz." Richter:«Wie heißt der Zeuge?" Angekl.:„Herr God." Der erstaunte Richter läßt unter Heiterkeit des Publikums den Zeugen durch den Justizwachmann aufrufen. Der Wachmann öffnet die Tür und schreit militärisch:„H e r r G o d I" Sogleich schiebt sich ein kleiner, runder, asthmattscher Herr herein. Richter:„Sie heißen?" Zeuge(sanft):„I haß God, Jakob God. i bin a Fleischhauer... Wahrscheinlich wegen dem Hunderl... Der g'hört gar nit dieser Frau da."— e. w. Eisbein. Schweine werden das ganze Jahr geschlachtet. aber merkwürdigerweise hört inan im warmen Sommer nichts von Eisbeinen. Man sollte doch gerade aus dem Namen schließen dürfen, daß die heiße Jahreszeit eigentlich die richtige Zeit für den Genuß dieser beliebten und nahrhaften Speise sein sollte. Aber erst mit dem Eintritt des Spätherbstes, also der augenblicklich gegenwärtigen Zeit, fangen die Wirte, vom Budiker bis zum Inhaber eines Bierpalastes an. ihren Gästen Eisbeine vorzusetzen. Besonders dürfte es keinen Weißbierwirt von einigem Rufe geben, der nicht wöchentlich einmal an einem bestimmten Tage Eisbein auf seiner starte führte. Freilich läßt sich dies Gericht nicht ohne Erbsen und Sauerkohl denken, und gerade diese beiden Zutaten haben im Herbst, nach der neuen Ernte, ihren besten Wohlgeschmack. Aber der Umstand, daß Eisbeine nur in der kühlen Jahreszeit genossen werden, wo gar kein Eis zu ihrer Aufbewahrung nötig ist, hat den ungelehrten Mann nicht von der Vorstellung abbringen können, daß das Wort etwas mit Eis zu tun haben müsse. Denn wer hat nicht schon gehört, daß jemand, dem in der Winterszeit die Füße frieren, witzig ausgerufen hat:„Hab' ick aber Eisbeene bekommen!" Befragt man ihn aber, wie er sich den Zusammenhang zwischen Eis und dem Bein eines Schweines eigentlich denke, so weiß er auch nichts Rechtes zu antworten und beginnt wankend zu lverden. Verwunderlich ist es aber gerade nicht, wenn er sich über das Wort keine Rechenschast zu geben vermag, denn sogar sehr gelehrte Leute sind schon darüber gestolpert. Jakob Grimm, der kenntnisreiche Gründer der deutschen Sprach- und Altertumswissenschaft, glaubt, einen gelehrten Ursprung an- nehmen zu müssen. Bei Jägern und Schlächtern bezeichnet man die Stelle, wo sich die Beckenkuochen eines zahmen oder wilden Tieres in einer Fuge zusammenschließen, als das Schloß oder das Schluß- bein und in weiterer Ausdehnung auch wohl die beiden Beckenknochen selbst so. Das Hüftbein trägt aber in der Wissenschaft die lateinisch-griechischen Namen(os) ischium. Wenn die alte Enchklo- pädie der Land-, Haus- und Staatswissenschaften von Krünitz (Berlin 1777) nun angibt, daß die eine Hälfte dieses Schlußbeins als Eisbein bezeichnet werde, wenn ferner im Niederländischen oft iscbbcen gebraucht wird, so glaubte Grimm, das Wort Eis mit dem griechischen Wort ischium in Beziehung bringen zu müssen. Diese Erklärung ist aber ziemlich weit hergeholt und hat entschieden ihren Haken. Denn das richtige Eisbein vom Sckjtveine ist gerade das Vorderbein, und hierfür bietet sich, ohne daß ivir erst lange zu suchen brauchen, eine annehmbarere Erklärung. Im Niederdeutschen gibt es ein uraltes Wort isen, das mit dem lateinischen ire(gehen) ur- verwandt ist, und wofür eisen die hochdeutsche Form wäre. Danach würde Eisbein einfach Gehbein bedeuten und das wäre um so sinn» reicher, als das vierfiißige Tier sich tatsächlich nur mit den Border- deinen wirklich vorwärts bewegt, denn die Hinterbeine tragen der» Körper und werden beim Gehen einfach nachgezogen. Diese Er- klärung hat bedeutend mehr Wahrscheinlichkeit für sich, zumal da das Wort entschieden von Schlächtern oder dem Landvolk herstammt und dies sich den Teufel uin so gelehrte Wörter wie das griechische ischium kümmert. Also Eisbeine sind die Beine, mit denen man los- eist, wobei wir noch daran erinnern wollen, daß dies Wort mit dem anderen bekannten loseisen selbstverständlich nichts zu tun hat.— — Die Toggerbank. Die große, zwischen England und Däne- mark gelegene Sandbank in der Nordsee, wo sich der Angriff des Baltischen Geschwaders auf englische Fischerboote ereignete, verdankt ihren Namen dem altholländischen Dogger, das zunächst Kabeljau bedeutete, dann auf die für den Fang dieses Fisches bestimmten Fahr- zeuge überging. Die Bank bildet eine Meerhochebene, deren Waffer- decke zwischen 30 und 90 Meter schwantt. Könnte man den Boden der Nordsee ungefähr 100 Meter heben, so würde die Doggerbanl eine Insel von annähernd 313 Kilmneler Länge und 60— 65 Kilometer Breite, also von der halben Größe Schottlands ergeben. Das Wasser über der Bank ist äußerst fischreich. Im Durchschrntt werden dort von englischer und holländischer Seite jährlich 600 000 Tonnen Fische gefangen, und zwar größtenteils Kabeljau und Schollen, Zwischendurch finden die Fischer in ihren Netzen auch Mammut- und Rhinozerosreste, ein Bciveis, daß die Bant ehemals aus der See hervorgeragt und Tiere aus der Ouaternärzeit beherbergt hat. In ihrer gegenwärtigen Gestalt soll die Doggcrbank erst vor 400 Jahren entdeckt worden sein. Zur Zeit Heinrichs VIL(1435— 1509) holten die Engländer ihren Fischbcdarf für die Fastenzeit noch an den Küsten Grönlands.—(„Köln. Ztg.") u. Gasglühlicht und Nebel. Das Gasglühlicht hat unverkenn- bare Vorzüge vor dem geivöhnlichen Gaslicht, daß es nicht nur nicht in Wohnräumen und Verkaufsläden, sondern auch auf den öffent- lichen Straßen und Plätzen immer mehr Ausdehnung gewinnt. Aber aus diesen zeigt sich doch ein recht bedenklicher Nachteil des Gasglühlichts. Die Londoner Nebel sind berüchtigt; wenn sie ent- stehen muß man, um nicht völlig im Finstern zu fem, die Straßen- laternen anzünden und da zeigt es sich, daß das Gasglühlicht im Nebel viel weniger Leuchtkraft besitzt als das gewöhnliche Gaslicht. Die physikalische Untersuchung offenbarte auch die Ursache dieser sehr unangenehmen Erscheinung: das gewöhnliche Gaslicht ist sehr reich an roten L-ckUstrahlen, und sie sind viel besser geeignet, den Nebel zu durchdringen als die blauen und violetten Strahlen, die den Hauptteil des Gasglühlichts bilden. Die Sache hat auch für uns eine sehr große, praktische Bedeutung, da sich der früher auf London beschränkt gewesene Nebel mehr und mehr mich auf dem Kontinent bemerkbar macht. Das ist um so schlimmer, als auch das elektrische Licht, das man zum Ersatz des Gasglühlichts verivenden könnte, dieselbe geringe Leuchtkraft beim Nebel besitzt.— Theater. Berliner Theater. Soldaten. Schauspiel in 4. Akten von Leo Walt her Stein und Ludwig Heller. — Soldaten und kein Endel Bor ein paar Tagen im Lustspielhaus „Kamerad Zeck", am Mittwoch im Berliner Theater, das den Schlager der vorigen Saiscn, den„Zapfenstreich", noch immer wiederholt, als Allerneuestes„das Werk" der Herren Stein und Heller! Beyerlein nimmt sich dagegen wie ein Riese aus, und sogar der Zappsche„Kamerad" erscheint, an dieser letzten Tat gemessen, in mild versöhnlichem Lichte. Da gab es auf vier Akte doch wenigstens einen pikant-satyrischen und originellen Einfall: den Klub der abgedankten zurzeit als 5lellner, Schaffner usiv. fungierenden Offiziere in der kleinen New Dorker Sfneipe. Stein und Heller haben ihre vier abendfüllenden Akte ohne, solche Unkosten zustande gebracht. Das bißchen Realistik in dem zweiten Akt, daS das Treiben mif den Mannschaftsstubcn einer Kaserne schildert, ist mit reichlichen Zu- sähen im Stil der fliegenden Blätter verwässert, und im übrigen herrscht vollends unumschränkt die ödeste Routine. Den Schriftsetzer, der seinen bunten Rock verwünscht, hielt ich anfangs ein paar Augen- blicke siir einen verkappten Sozialisten, aber— er dichtet nur, macht einem Offiziersfräulein sentimentale Bekenntnisse, wird durch des Hauptmanns Güte von seinem Groll geheilt und avanciert, ein Be- weis, wie vorurteilslos man in dem Militär der Herren Stein und Heller denkt, am Ende gar zum glücklichen Verlobten dieser Dame. Schandenhalber gibts auch einen aufgeblasenen windigen Leutnant, aber sonst strahlt alles hell im Glanz des Edelmuts. Sogar der junge Herr v. Winterfeldt, der, ohne sich dabei was Schlimmes zu denken, das ganze Vermögen seines Vaters verspielt, entgeht der Glorifizierung nicht. Er liebt ein Mädchen, doch ihre Millionen stören ihn; sie könnte denke», er heiratet deS Geldes wegen. Und im letzten Akt ist allgemeine Trauer, da er den„Heldentod" im Kampfe wider die Hereros starb. Die Aufführung war weitaus besser als das Stück verdiente. Besonders Herr P i t t s ch a u spielte seine Rolle, den Hauptmann Witte, ausgezeichnet. Das Publikum schien hoch befriedigt.— dt. Ans dem Tierlebcn. — Abänderungen im Gesänge bei Sperlingsvögeln. Eine bemerkenswerte Veränderung des Gesanges be- obachtete W. E. D. Scott im Gesänge einiger rotbrüstigen Kirsch- sinken(�amolodio. Ludoviciana), die im Alter von vier Tagen von dem elterlichen Neste genommen waren. Die Tiere entwickelten sich, obwohl künstlich aufgezogen, völlig normal, so daß sie am Ende des Winters von wilden Exemplaren äußerlich absolut nicht zu unter- scheiden waren. Gegen Mitte des Februar bekundeten die Männchen, die Scott aufgezogen hatten, die erste Neigung zunr Singen. Etwa zehn Tage lang brachten sie freilich zunächst nur dürstige Laute hervor. Später aber trugen sie eine zusammenhängende Strophe vor, die in ihren melodischen, sanft klagenden Tönen' im allgemeinen mit dem Gesänge der wilden Kirschfinken übereinstimmte. Daneben aber zeigten sich von der normalen Weise auch bedeutende Ab- wcichungen: so besaß der Gesang der künstlich aufgezogenen Vögel einnial nickt den Ilmfang wie bei ihren wilde» Artgenossen, andererseits wurde ihre Strophe nickt so plötzlich abgebrochen. Ihre Töne waren tief und flötenähnlich und lichen etwa dem Gesauge, wie ihn die Drosseln auf ihren llgen im Spätsommer erschallen lassen. Zahlreichen Be- suchern wurden die gefangenen Kirchsssuken vorgeführt; aber alle versicherten, daß sie die Tiere, wenn sie bloß deren Gesang gehört hätte», niemals für Kirschfinken gehalten haben würden. Ein zweites Beispiel betrifft eine W i e s e n l e r ch e(Zturnslla magna). Das Tier war mit einigen Schwarzdrosseln zusanmien in denselben Käfig eingesperrt. Einer der Lerchenvögel nahm dabei den Gesang der Drosseln in solcher Weise an, daß der Beobachter lange Zeit hindurch glaubte, er höre eine der Amseln singen, während es in Wirklichkeit eine der Lerchen tvar. Der Unterschied bestand nur darin, daß die Lerche immer imr einen Takt zum Vortrag brachte, der aus fünf bis sechs lang ausgezogenen Noten sich zusammensetzte. Es geht aus diesen Beobachtungen hervor, daß sich der Gesang der Vögel unter abgeänderten Lebensbedingungen ändern kann.— »(„Prometheus".) Humoristisches. — Macht der Gewohnheit. Buchhalterin(in einem Bewerbungsschreiben):„... Auf besonderen Wunsch persönliche Vorstellung. Erkennen würden Sie mich daran, daß ich den Schirm wagerecht trage..."— — Ein Geschäftsmann. Lehrer:„Wenn ein Anzug dreißig Mark kostet, wieviel kosten dann zwei Anzüge? Na, Isidor?" Isidor:„Werden wir sie Ihnen lassen für fünfzig Mark, dantit Sie kommen w i e d e r."— — Auf dem Standesamt. Junge Frau:„Was ist Dir, Hugo?" Hugo: Zu dumm— jedesmal wenn ich heirate, kriege ich Aufstoßen.—(„Lustige Blätter".) Notizen. — Im Lessing-Theater wird eine Aufführung des „Hamlet" vorbereitet. Für die Ausstattung werden englische Künstler herangezogen.— — Richard Strauß arbeitet an einer neuen Oper. Der Text ist dem Wildeschcn Drama„Salome" entnommen.— c. In Tokio gibt es seit einiger Zeit eine Beethoven- Gesellschaft. Trotz des Krieges hat sie in diesem Jahre die Anzahl ihrer Konzerte vermehrt.— — A. W. K e i ni in Grünwald bei München gibt demnächst in freier Folge»Flugblätter für Maltechnik heraus, die. SWa ltechnische Zeit- u n d Streitfragen" betitelt sind.— — Seit zwei Jahren meiden die H e r i n g s z ü g e die s ch we d i s ch e K ü st e fast völlig. Die Einfuhr schwedischer Heringe nach Deutschland hat infolgedessen fast aufgehört.— — Die Biologische Abteilung für Land- und Forstwirtschaft am kaiserlichen Gesundhcitsamte hat ein Flugblatt herausgegeben, das über„Die T a s ch e n k r a n k h e i t der Zwet scheu und ihre Bekämpfung" handelt. Diese Krankheit war in diesem Jahre besonders weit verbreitet. DaS Blatt kostet 5 Pf. und kann von dem Verlag P. Parey, Berlin, Hedemannstr. 10, bezogen werden.— — Wiener Bier anno dazumal. Die„Oesterreichische Rundschau" veröffentlicht einiges aus den Memoiren deS Dr. Kajetan Felder, der von 1863—1878 Bürgermeister von Wien gewesen. Von dem Bier, daS man um 1819 in der Wiencrstadt ge- trunken, weiß Felder folgendes zu erzählen: An Sonn- und Feier- tagen während der schönen Zeit machten wir gewöhnlich einen Spaziergang, zu dessen Beendigung der Vater manchmal zu meiner großen Freude einzukehren pflegte, gewöhnlich in das in unserer Nähe gelegene, später Nenlingsche Brauhaus mit seinem großen Garten. Waren wir vorbeigegangen, ohne daß der Vater in das Garteutor einbog, so war ich bis zu Tränen betrübt, geschah eS, so schlug mein Herz vor Freude hoch empor. Und doch gab eS da keine andere Lust, als auf einer ungehobelten Bank an einem Gartenfisch, abgeschlossen von gestutzten Gesträuchen, zu sitzen, eine Bänkelmusik zu hören, ein Stückchen 5!äse oder Salami von einem„Salamini" mit einer Schnitte Hansbrot zu bekommen und einen Schluck Bier zu kosten, das man heutzutage für einen Absud aus einem Dürrkräutlerladen halten würde. Die verschiedenen Sorten Bier: Bayrisch, Englisch, Gemischt, Märzen, Lager standen damals in offenen„Pitschen" in der Schankbude im Sonnenschein, und mein Bater hatte wie andere Herren ein Stück Muskatnuß samt kleinen: Reibeisen in der Westen« tasche, um den Nektar zu würzen.— — Eine U e b e r h e n n e. Das Gandersheimer Kreisblatt berichtet:„Dieser Tage verschied im halbvollendetem zehnten Jahre ihres rühm- und tatenreichen Lebens die Gandcrshcimer lieber- Henne. Nachdem es ihr vor etwa 2ll1 Jahre» vergönnt war. das Jubiläum ihres tausendsten Eies zu feiern, hat sie in treuer Pflicht- erfüllung ihrem Besitzer, dem Schulpedell Probst, noch weitere 103 Eier geschenkt. Herr Probst hat die wackere Henne ausgestopft, um sie als leuchtendes Vorbild der Nachwelt zu erhalten."— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 13. November. Vcrantwortk. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul Sinaer LcCo., Berlin L V7.