Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 225. Dienstag, den 15. November. 1904 (Nachdruck verboten.) Itl Oer Elte vom Serge. Roman von GraziaDeledda. Basilio seufzte nochmals, rührte sich aber nicht. Von allen Eindrücken, die er an diesem Tage empfunden, blieb jetzt nur eine unbestimmte Traurigkeit zurück, ein schmerzliches Ver- langen, nicht mehr in Melchiors Hütte zurückzukehren, sondern hier zu bleiben, auf diesem Felsvorsprung, aber mit Paska zusammen, bis alle die Leute fort wären, lind dann, wenn olle fort wären und auch der geheimnisvolle Schimmer am Horizont erloschen, dann würde er vielleicht den Mut haben, Paska Dinge zu sagen, die nie zuvor auf seine Lippen ge- kommen waren. Sie war drei Jahre älter als er, aber sie sah aus wie eine Fünfzehnjährige: er war noch ein Kind, aber sein Herz schlug lebhaft, von unsagbarem Sehnen bewegt: jeder Pulsschlag war ein Aufwallen angstvoller, fast wilder Leidenschaft. „Ich habe das Zicklein in eine Höhle geworfen," schrie er jetzt,„uin zu Dir zu kommen, und ich könnte ein Verbrechen begehen für Dich, Paska! Soll ich alle Ziegen Melchiors, eine um die andere, urubringen? Soll ich ihn selbst totschlagen? Oder den alten Zio Pietro? Sprich doch, sprich! Ich will lügen, morden, alles tun, was Du willst, nur Dir zu Liebe. Aber laß uns hier allein bleiben! Ganz allein! Laß die Herren gehen! Ich hasse sie, weil Du sie gern hast: laß uns allein bleiben, ganz allein!..." Und die Leute brachen auf. Da Paska aber in geringer Entfernung die kleinen Augen ihres Herrn blitzen sah. sprang sie von der Felszacke herunter, und Basilio erwachte aus seinem leidenschaftlichen Traum. Von unten rief sie leise zu ihm hinauf: „Wir werden uns in Nuoro mitunter sehen, wenn Du hinkommst. Wirst Du kommen?" „Ich weiß nicht," erwiderte er unfreundlich. Er folgte ihr mit den Augen, sah, wie sie leicht von Stein zu Stein sprang, sich umwandte, um das Hündchen zu rufen, das ihr nachlief, und wie sie dann im letzten Dämmerschein verschwand. Er blieb allein, hörte, wie das Sprechen und Lachen sich langsam verlor, auf dem Waldpfade, hinter dem Felsen... Da kehrte auch er heim, traurig, verzagt. Aus der Hütte, wo das Feuer brannte, drang der Geruch von gebratenem Fett: und draußen, in dem durch die Tür- öffnung fallenden, schwachen Lichtschimmer sah Basilio einen roten Körper hängen. Es war die arme, tote, abgezogene ITior di pervinca. Einen Ausgang aus der Höhle suchend, war sie mit dem Kopf zwischen zwei Steine geraten, und als Melchior sie suchte, fand er sie erstickt. Basilio trat hinzu, befühlte das frische Fleisch, um sich zu überzeugen, daß seine Augen ihn nicht täuschten, und da er nicht wagte, die Hütte zu betreten, streckte er sich draußen hin und stöhnte leise. „Bist Du wieder da?" fragte Zio Pietro. Er gab keine Antwort. „Bist Du da, Basilio? Was hast Du?" „Ich bin halb tot," sagte er matt.„Ich habe den ganzen Berg abgesucht, aber ich sehe, daß ich den rechten Platz verfehlt habe. O. Zio Pietro. ich bin tot!" „Schweig' still," schrie Melchior, der die Eingeweide der Ziege briet.„Wenn ich herauskomme, dann werde ich Dich totmachen, wahrhaftig, und schlimmer noch, als es diesem armen Tier ergangen ist!" Freilich war er still! Er hielt den Atem an und spitzte die Ohren. Hatte sein Herr seine Abwesenheit bemerkt? Würde er es ihm am anderen Morgen sagen, wenn Zio Pietro es nicht hörte? VII. Doch weder am folgenden Tage noch später sagte Ätelchior ihm ein vorwurfsvolles Wort. Der September kam und ging: auch der Oktober. An manchen Tagen tobte der Wind und verwandelte die Steineichen in heulende Dämonen mit hundert toll bewegten Armen: und der Regen kam, die Kälte, der nasse, salzige Nebel stieg, sank, wogte und hüllte bald den Fuß, bald die Gipfel von Wald und Fels in graue Schleier. Und dann kamen die milden, sonnigen Herbsttage. Die Abhänge und der feuchte, in der Sonne dampfende Boden bedeckten sich mit frischem Grün, mit feinem, glänzendem Gras: die Felsen waren blank gewaschen und hell, Moos und Epheu färbten sich rot, und der ganze Wald, von den schwärzlichen Stämmen bis zu den feuchten Blättern, kleidete sich in tiefe, satte Farben. Die Luft war lau und still: vom Meere stieg weißer, leuchtender Duft auf und am Himmel schwammen manchmal kleine runde Silberwölkchen, die in langsamem Zuge der Sonne folgten, sie einholten, verschleierten. Dann glitt die strahlenlose Scheibe dahin, gefolgt von der weitgedehnten, lustigen Herde auf dem klaren Himmelsgrund. Sinnend auf dem Rücken liegend, ver- glich Basilio den langsamen, leuchtenden Zug der Wolken mit einer Schafherde mit weißem, seidenem, lockigem Vließ: und die blasse Sonnenscheibe, die am unermeßlich weiten Himmel den Weg zu unbekannten Weideplätzen wandelte, erschien ihm wie der glückliche Hirte über so viel Reichtum. Lange Stunden verbrachte er, in diese sonderbare Betrachtung versunken, und in seiner naiven Anschauung die poetische Seite mit der wirk- lichen verknüpfend. Oh, alle diese Herden besitzen! Und eine tanea(Weide) so weit und eben wie der Himmel! Zio Pietro wußte eine Geschichte von zwei Hirten und was sie, in einer schönen Sommernacht im Freien liegend, sich gewünscht hatten: der eine eine tanea so groß wie der Himmel, der andere so viel Schafe wie Sterne am Firmament glänzten. „Und wo würdest Du Derne Schafe weiden?" fragte der erste. „Auf Deiner tanea." „Aber ich würde sie Dir nicht vermieten." „Ich würde doch darauf gehen." „So würde ich Dich durchprügeln." „Das versuche nur einmal!" Sie prügelten sich, und die Sterne lachten. Um also solchem Ungemach zu entgehen, wünschte Basilio sich lieber gleich beides, die Herden und die tanea. „Und was würdest Du dann tun?" fragte Zio Pietro, dem er eines Tages seinen Wunsch aussprach.- „Heiraten!" „Wahrhaftig!" sagte der Alte lächelnd.„Wie alt bist Du? Achtzehn? Und Du denkst an solche Sachen? Uebrigens braucht man nicht den Himmel und die Wölkchen zu besitzen, um die Liebe eines braven Mädchens zu erlangen. Als ich vom Militär zurückkam, hatte ich nichts, nicht einmal die Spitze eines Horns. Aber ich hatte gute Freunde, die mir jeder eine Ziege schenkten, und die auch andere gute Hirten baten, mir jeder eine zu geben. So wurde ich ein Hirt, und Maria Grazia heiratete mich und wir waren glücklich." „Wart Ihr älter als Eure Frau?" „Nein, ich glaube, daß sie einige Jahre älter war als ich: aber sie war die beste Hausfrau in Nuoro. Sie machte sogar Käschen aus Ziegenmilch, die man für Kuhkäse hielt. Und aus der Wolle, die sie spann, wurden allmählich hundert Ziegen, und Zio Pietro konnte dann Weide genug kaufen für das ganze Jahr. Verstehst Du?" Ja, Basilio verstand! Und eine Freude, so leuchtend wie jener Herbstmorgen, erfüllte sein Herz bei dem Gedanken, daß dann vielleicht eines Tages auch Paska ihn zum Manne nehmen würde. Aber hinker der hellen Freude steckte auch ein gut Teil Verschlagenheit: denn Paska war nicht die alte, ehrliche Mariä Grazia, und Basilios Herz war nicht das reine Herz Zio Pietros. Nach diesem Gespräch wurde Basilios� Verlangen, nach Nuoro hinabzugehen, heftiger: da aber die Ziegen trächtig waren und keine Milch mehr gaben, ging auch Melchior nicht fort und erlaubte ihm keinen Gang in die Stadt. Nur wenn bisweilen ein Bock sich verstiegen hatte, ging Basilio dem Kirchlein zu, das jetzt, zwischen den: herbstlichen Laub, trostlos grau erschien. Ein böser Zauber schien ihn dorthin zu locken und nach Monte Bidde, zu dem Felsenvorsprung, wo Paska, ihm in die Augen blickend, von seiner Seele Besitz genommen hatte. Wo war sie jetzt? In dem Rauschen der Steineichen glaubte er noch den hellen Ton der Flöte und den metallenen Klang der Gitarre zu hören: der ganze nebelfeuchte Berg strömte erregenden Duft aus wie an jenem Abend. Doch wo war sie? Er fragte es sehnsuchtsvoll und hätte von da oben die ganze heftige Leidenschaft, die ihn gepackt hatte, weit hinausschreien mögen. Nie hatte er an seine Mutter gedacht MS nach feinem Dorfe ausgeschaut, tote er fetzt an Paska dachte und nach Nuoro blickte, das in grauem Dunste lag. Und so gingen zwei weitere Monate ins Land. Da kam eines Abends zu Melchiors Hütte ein junger Bauer, gut ge- kleidet, hübsch und frisch von Gesicht. Es war einer der Söhne Zia Bisaceias. „Sei gegrüßt!" sagte Melchior.„Welcher Wind führt denn Dich daher?" Ter andere erwiderte lachend, man beschuldige ihn, Rinder gestohlen zu haben. „Und anstatt im Dienst des Königs Wanzen zu fangen, will ich lieber im Freien spazieren." „Aber hast Du sie gestohlen, die Rinder?" „Ach was!" „Tann wäre es besser. Dich zu stellen, bemerkte Zio Pietro. So würde sich die Sache aufklären." „Ach, geht doch! Ich will nicht Hungers sterben diesen Winter; da drinn', wißt Ihr. geben sie einem ein Brot und einen Napf Wasser mit Oel und zwei Kartoffelstückchen. Ein einziges Brot den Tag, versteht Ihr? So unterhält der König die, die in seinem Dienste stehen; davon kann ein Christen- mensch doch nicht leben, von einem Brot und ein paar Löffeln Wasser mit Oel." „Und könnte Deine Mutter Dir nicht das Essen schicken?" „Eher hängt sie sich auf!„Eßt, was Euch der König gibt, weil Ihr in seinen Dienst getreten seid," so spricht die." Damit nahm er einen kleinen ledernen Rucksack ab, griff hinein, holte ein Spiel Karten hervor und schlug eine Partie Landsknecht vor. Keiner kannte das Spiel und überdies konnte Zio Pietro nicht sehen und Melchior hatte keine Lust zu spielen. Basilio nahm dann eine Partie Skopa an. „Hast Du Geld?" fragte der junge Bauer. Basilio zuckte lächelnd die Achseln. „Auch keine Ziege?" „Auch nicht." Dann machen wir es so: ich habe hier ein Huhn,"— er blickte mit einem Auge in den Rucksack,—„kein gestohlenes, daß Tu's weißt! Nein, ich habe es von Hause mitgenommen; meine Mutter wird schreien, wenn sie es gewahr wird, aber sie wird niemand anders beschuldigen; denn sie sagt, so lange sie noch Söhne hat, die nicht im Gefängnis sitzen, wird sie nie anderen mißtrauen-, wenn ihr etwas fortkommt... Kurz, wir wollen es so machen; wenn ich verliere, dann steckt Melchior das Huhn auf den Spieß: verlierst Du, so gebe ich Dir sieben Ohrfeigen." „Mir ist's recht!" Auf dem Boden sitzend, spielten sie beim Schein des Herd- feuers, und der Sohn Zia Bisaceias lachte wie ein Kind, er- zählte zwischendurch Neuigkeiten aus Nuoro und allerlei schöne Geschichten. Melchior stand unter der Türöffnung und blickte in den aufsteigenden Nebel hinaus. Eine Frage lag ihm auf den Lippen, die er doch nicht aussprechen mochte. Im Grunde ärgerte er sich ja über feine Neugier! Denn nach dem Gelübde, das er getan, und das sein Gemüt so bedrückte, daß er in den letzten Monaten fast mechanisch dahingelebt hatte— was konnte und durfte ihm noch an Paska liegen? (Fortsetzung folgt, x IVeue Romane. e. Götz Krafft. Die Geschichte einer Jugend von Edward Stilgebauer. II. Im Strom der Welt. Berlin, Bong.— 2. S r m i l d e Hege w alt, Roman von Franz Adam Beyerlein, Berlin. Bita. Ter vorliegende zweite Band des neuesten Verlagsuntcrnehmens von Bong, Stilgebauers„Im Strom der Welt" ist dem Ort der Handlung nach ein Berliner Roman, der das Leben eines Studenten in der Rcichshauptstadt während eines Jahres schildert. Dieser Student Götz itrafft. der, einer Pfarrcrsamilie entsprossen, ebenfalls den Beruf des Vaters sich widmen will, erfährt Zweifel, er kann sich nicht entschließen wie die anderen Theologen sein künftiges Amt ledig- lich als gute oder wenigstens ausreichende Versorgung aufzufassen; so entschließt er sich denn und widmet sich dem Studium der Literatur, für das er besondere Neigung empfindet. Dieser Götz Krafft steht wohl über dem Durchschnitt dessen, was sich jahraus jahrein auf deutschen Hochschulen einfindet. Ihn plagen Bedenken, Zweifel, wie und ob er sich das Leben so gestalten kann, daß er es einmal mit- gelebt hat als einer, der nicht zwecklos war; er erfährt manches nach- oenkliche am eigenen Leib; er sucht sich jetzt schon, wo er noch fern der Reife ist, zu betätige»; er sammelt Erfahrungen oder vielmehr fie drängen sich ihm apf. , Ein dicker Band schildert uns dies eine Jahr seines Lebens. i Ehemalige Schulgenosicn sieht er flüchtig und zufällig wieder, Trapp, der zum Proletarier herabgesunken, zum Anhänger der Propaganda der Tat, der die Rdostsche Freiheit vertreibt, bis er auch dadurch sein Leben nicht mehr fristen kann, weil ihm die Polizei auf den Fersen ist, dem ein besseres Los einst zu teil werden zu wollen schien. Trapp, dem der Verfasser bedeutende Geistesgaben nachrühmt, wird von der Universität relegiert, als er mit einem russischen Studenten gemein» samc Sache machte, verliert allen Halt und wird endlich Helfershelfer an dem Raubmorde, den ein anderer Anarchist Lovelli an einem Pfandleiher verübt— er endet als Selbstmörder. Götz Krafft sieht Rumbler wieder, den man bereits auf der Schule des Falschspiels bezichtigt hat. und der als Gymnasiast mit einem Frauenzimmer Reise nach Paris antrat, wozu er sich das Geld verschaffte, indem er Rechnungen seines Vaters einkassierte, Rumbler auf der Anklagebank wegen gewerbsmäßigen Falschspiels, das ihn ins Gefängnis führt; er trifft einen protestantischen Theologen wieder, Franz Bäcker, der jetzt als Herausgeber eines schmierigen und schamlosen Winkel» blättchcns„Die Peitsche" sich Löb Wolf nennt und ihn mit der bitterste« Feindschaft bedenkt, seit ihn Krafft wegen geistigen Dieb- stahls öffentlich zur Rechenschaft gezogen hat. Alle diese Rdcnschen werden für ein Weilchen vom Strom der Welt getragen, wie auch Krasfts Geliebte, eine Straßendirne, die ihn belügt und trotz aller ihre Lügen festzuhalten weiß, bis sie in ihn zurücksinken und verschwinden. Nur Krafft und die anderen vom Leben besser gestellten bleiben oben, der werktätige Konsistorial Cmnmings, der aber doch für das. worauf es wirklich ankommt. gar kein Verständnis hat, der nach seiner gewiß gut gemeinten und überzeugten Art Not und Elend mildert oder zu mildern sucht und doch ganz und gar nichts davon weiß, daß. wie er es anfängt, seine Spenden nur Tropfen auf einen heißen Stein bedeuten; der ehe» malige Pfarrer Daun, der eine Zeitschrift„Pflicht herausgibt, die sozial, aber nicht sozialistisch ist. und der bester wie Cummings auf Abhülfe der sozialen Schäden und Mißbräuche hinarbeitet. Er ge» winnt Einblick in die sozialen Verhältniste, indem er als Fabrik- arbeiter in Spindlersfeld eintritt und spricht die Worte:„Vllm muß eben die sozialen Schäden von Grund aus kennen, um ihnen durch Wort und Tat beizutommen. Das fehlt eben der seelsorgcri- schen Tätigkeit der Cummings und Genosten." Viclleickit weil Krafft, abgesehen davon, daß er ein soziales Drama schreibt, das am Alexanderplatz-Theatcr durchfällt, tätig nicht hervortritt, vielmehr immer nur von ihm erlebt wird und im Grunde genommen durchaus nicht außergewöhnliche Dinge, weil er hin und her tastet, ohne sich zurccht zu finden, weil er in nichts und nirgends eingreift; vielleicht auch, weil er an und für sich eine nnintcrssante Figur ist. nach der der Roman nur den Namen trägt, läßt das dicke Buch uns ziemlich kalt. Die Erlebniste des Helden berühren unS nicht weiter, er tritt überhaupt zurück: Diese Mini Kubitz ist. ob- wohl sie hundert mal geschildert worden ist, und eine altbekannte literarische Figur ist, intcrestantcr als Krafft, auch die Caranow und die ganze Trapp-Sonja-Jänicke-Episode, die an Dostojeweskis Raskolniko erinnert, worauf Stilgebaucr übrigens selbst ausinerk» sam macht. Außerordentlich breit ist der Roman angelegt, und es besteht ein merkwürdiges Mißverhältnis zwischen dem, was uns er- zählt wird. Man vermißt die richtige Ockonomie; einzelne Teile ließen sich ohne großen Schaden zusammenziehen, diese Weitschweifig» keit stört und trübt uns den Genuß des Gelungenen. Auch Beyerlcins neuem Roman kann man leider nicht nach» rühmen, daß er sich beschränkt und begrenzt, daß er nur schildert, was des Schilderns wert ist und alles andere eben nebenher abtut, er läßt sich gern zu breiten, wenn auch gelungenen Natur- und Land» schaftsschildcrungen verleiten, die den ohnehin nicht kräftigen Gang der Handlung, namentlich im ersten Teil, noch mehr hemmen, aber Similde Hcgewalt gewinnt uns denn doch ein ganz anderes und tieferes Interesse ab als der farblose Götz Krafft. In Beyerleins Roman ist vom Militär diesmal nur ganz neben- sächlich die Rede, was alle die enttäuschen wird, die ein zweites „Jena oder Sedan!" erivartet haben; es ist die Geschichte eines Mädchens und einer Frau oder vielmehr die des Mädchen? als Frau und Mutter, eine im Grunde genommen sehr einfache Geschichte, aber psychologisch vertieft und reizvoll wiedergegeben. Similde Hcgewalt ist die Tochter eines Barons, der ein weitgereister Mann, ein geist» reicher Kanseur, ein sogenannter Herzensbrecher und perfekter Fraucnkenner ist und selbst seine heranwachsende Tochter als solche bewundernd betrachtet, ein Mann, von dem seine Frau sagte, er passe nicht in enge Verhältnisse und müßte eigentlich auf einem Throne sitzen, um genügenden Spielraum für seinen Tatendrang zu haben, ein Projcktcnmacher, der für seine Tochter die Welt er» obern möchte, weil er sie nach ferner Art liebt, um dann allerdings auch für sich ein gut Teil der Beute in Anspruch zu nehmen, ein Mann, der seine Tochter gerne als eine zweite Maintenon sehen möchte und zu seinem Verdruß sich überzeugt, daß er nicht mehr in dem achtzehnten Jahrhundert lebt, wo die Dubarrys, Pompadours, Maintenons eben nicht sehr selten waren. Die Mutter Simildens ist eine tüchtige Gelehrtin gewesen. Aerztin, die in Zürich ein Asyl für uneheliche Kinder gegründet hat. eine ebenso gewandte Welt- dame wie hingebende Arbeiterin mn Wohl der gedrückten Menschheit ist, die trotzdem aber die Sehnsucht hat, selbst Mutter zu sein.� „Zuweilen beneide ich sogar die. die scheu und von einer vermeint» liehen Schuld beladen bei uns um Einlaß bitten," sagt sie zu ihren künftigen Mann.— Aus dieser seltsamen Ehe geht Sinnlde hervor. Die Mutter trennt sich von ihrem Vater seitdem sie sich Mutter fühlt, will auch die Erziehung des Kindes allein leiten, doch der Tod, der sie in ihrem Beruf trifft, nimmt ihr die. Zügel aus der Hand. Der Baron erzieht sein Kind auf seine Weise. Es gelingt ihm auch, seinen Plan wenigstens insoweit zu verwirklichen, als er den reichen Malte von Sparck als Schwiegersohn getvinnt. Nun ist er und seine Tochter auch nach seiner Meinung geborgen. Es hat sich alles aufs herrlichste erfüllt, was kann er mehr wünschen? Leben kann er wie er will, und seine Schulden bezahlt, wenn auch widerwillig, der reiche Malte. Wie sich seine Tochter in der Ehe und mit dem Mann abfindet, ist ihm gleich, denn im Grunde ist er nichts weiter als ein großer Egoist. Der erste Teil des Beyerleinschen Romans schließt mit Simildens Heirat und ist eine Jcherzählung; der junge Fritz Hegereuter, der Sohn vom Nachbargut, erzählt sie nach langen Jahren und nach- dem er schon erfahren, wie Simildens Ehe und Mutterschaft aus- gegangen. Ter erste Teil setzt etwas schlverfällig und breit ein, wird dann aber in gutem Sinn amüsant und interessant. Die Jugendfreundschaft der Alumnaisschülcr Guido und Fritz ist sehr hübsch, man ficht die beiden, bis zu einem gewissen Grade ähnlich und doch im Innersten ganz verschieden, dabei treue Freunde, die alles teilen. Auch Fritzens Vater und Guidos Bruder Malle sind fest, sicher und humorvoll gezeichnet. Ein elender Kerl, dieser Malte, aber eine lebensfrische Figur! Und Similde, das heromvachsende Mädchen, halb Backfisch, halb Dame, wie fein und sicher hingestellt. Ihr Schivanken zwischen ihren Verehrern Guido und Fritz, ihre reizende Launenhaftigkeit, ihr Mädchentum, das unbewußt und reizvoll imer wieder sich bekundet, ihr tastendes Liebessehnen, ihre innere Hülflosigkeit, das ist alles trefflich und von einem Dichter gezeigt. Und dies Mädchen nimmt halb freiwillig, halb gezwungen, einen Mann wie Malte, der ihr in eitler Selbsttäuschung wie ein St. Georg erschienen ist und der ihr die Tove dcS Lebens weit öffnen soll. Dieser Malte, ein Mensch, der wegen Falschspiels nicht Reserve- offizier geworden ist, trotz seines alten Adels und seines Reichtums, der die Gutstauben mit Hasenschrot schießt und am liebsten auf die Fasanenjagd geht, der unheimliche Angst vor Wasserfahrtcn hat, ist der denkbar ungeeignetste Mann für Similde. Es ist klar, daß die Ehe unglücklich wird. Malte, der über seine Frau mit derselben sinnlichen Gier herfallen will, wie über die Mädchen seines Guts und seine sonstigen Liebsten, findet aber seine Frau gewappnet und in ihr einen überlegeneu Gegner. Er hält sich von ihr fern, er muß es vielmehr, da gelingt es ihm in einem Augenblick, da sie sich im willenlosen körperlichen Zustande und in geistiger Erniedrigung befand, seine ehelichen Rechte auszuüben. Sie wird Mutter. Sie haßt das werdende Kind, weil es von Dtalte ist, und erst als dieser an einer vergifteten Auster stirbt, erwachen in ihr die mütterlichen Gefühle. Sie will das Kind erziehen— für sich und ihm eine wahre Mutter werden; da erwacht die Weltlust in ihr. Alle Fesseln sind von ihr abgefallen, sie will das Leben genießen, sie genießt eS auch, sie icherläßt das Kind einer Erzieherin, dann einem Erzieher, geht ihrem Vergnügen nach, lebt ein geräuschvolles im letzten Grunde inhaltlccres Leben. Da erfährt sie zu ihrem Schrecken, Malte der Sohn schlage Malte dem Vater nach. Sie muß es glauben, denn die beiden, denen Maltes Erziehung anvertraut war, sagen es, und sie muß sich selbst davon überzeugen. Sie sucht Rettung bei Aerztcn, überall wird ihr abweisender Be- scheid. Von einem Sohn, der einen solchen Vater gehabt und so empfangen worden, kann sie nichts anderes erwarten. Nun be- ginnt für sie das duldende, trauervolle Elend, wo ihr die Mutterschaft ein Grausen ist, wo sie sich ohne Hülfe und Rat dem Schrecklichen gegenüber sieht, daß Malte der Vater noch einmal in Malte dem Sohn aufersteht, wo sie an göttlicher Gerechtigkeit zweifelt und vcr- zweifelt., Endlich stirbt Malte an einer Kinderkrankheit, und sie muß sich freuen, daß er tot ist. Nun endlich ist sie ganz frei. Und jetzt be- ginnt für sie ein neues Leben,«in Leven voller Arbeit. Sie nimmt sich des Werkes ihrer Mutter an. des Asyls für uneheliche Kinder, sie wird ein tätiges Glied in den Reihen derer, die am sozialen Fort- schritt arbeiten. Und diese Arbeit sühnt, was das Leben an ihr und sie an ihrem Leben verbrochen hat. Der zweite Teil des Romans enthält Simildens Beichte. Siek erzählt dem Jugendfreunde Fritz Hegcreutcr, den sein Weg nach Zürich führt, die Leidcnszeit ihrer Ehe und Mutterschaft. Und um das Haupt der Vierzigjährigen, die in der sozialen Arbeit chren Lohn gefunden hat, sieht Hegereuter die unsichtbare Krone, die er auf dem Haupt der heimlich von ihm geliebten Märchenprinzessin Similde Hegcwalt sah; jetzt hat sie sich sie wirklich erobert. Diese Figur der Similde, die durchaus den Roman beherrscht, ist psychologisch sehr interesiant: wie sich aus dem gedankenlosen leichtsinnigen Ding die charaktervolle, arbeitende Frau enwickelt, hat Beyerlein lückenlos wiedergegeben. Man sieht©hnilde allmählich werden zu dcm> als was sie uns zuletzt erscheint. Dieser zweite Roman ist meinem Gefiihl nach besser und gehaltvoller als der erste Bcyerleins, wenn ihm auch wohl nicht die vielen Auflagen von„Jena oder Sedan?" zu teil werden und er auch kaum irgend welche Sensation machen Wird.-—> ck. s. kleines fanllcton. — Der Backofen. Eine.Ahnfrau" habe ich noch nicht geschrieben, aber über einen Bäckerofcn habe ich schon gewohnt, länger als ein halbes Jahr. Damals war's, als ich nach dem Vorbild des Georg Michael Conrad in München der deutschen Litteralur auf die Strümpfe helfen wollte. Gründe dazu gab's ein Schock. Es mußte etwaS geschehen. Teils darum, teils deshalb. So ein junger Anfänger ist ja verlassener als ein armes Waiserl. Kein Redaklcur schaut seine Schreibereien auch nur an. Aber wenn man selbst die kritische Geisel schwang, he Peter, han! Aber da kam es wieder auf so einen Re- dakteur an, ob der einen auch schinchfen ließ. Da mußte ein Blatt Herl Auf der Stell! Und ich ging hin und griiudele. Hab' mich damals vor keinem Kerl geforchten, ob er noch springlebendig war oder schon lange tot. Und wenn ich heute in die vergilbten Blätter blicke, muß ich sagen: Hast die Posaune gar nicht schlecht geblasen, Bürschl, hast ja auch gewußt, daß man im Wald schreien muß, wenn man gehört loerden will. Und das Ding kam zustande. Mitarbeiter meldeten sich. Blut« junge. Selbstverständlich. Die Briefe flogen nur so her und hin. Voll anfeuernder Worte, voll Ratschläge, voll Anerkennung, voll Selbstlob. Auch Beiträge kamen. Ab und zw„Kleine Sachen." Wurde» gern genommen, aber damit ließ sich das Blatt nicht filllen. So schrieb ich denn, schrieb und scbrieb: Novelle» und Skizzen, Artikel und Abhandlungen, Gedichte. Kritiken und Notizen. Hat mir nichts geschadet, war ja immer so eine Art.Schweizerdegen". Schweiß hat's freilich gekostet und Biergeld. Besonders wenn ein warmer Sommer einfiel. Es ging dem Winter zu. Sagte mir einer, beim frommen Bäck stehe eine Stube leer. Die Frömmigkeit des Hörndlmacher kannte ich. Wußte, wie er die Bauern drosselte. Und ich in meiner Dumm- hcit ging trotzdem hin. Ein Loch. Und finster. Gleich tat der Christ den Mund auf; „Heller könnt'!a das Zimmer etwas sein.... Aber wissen S' was, Herr Dokta? Im Winter brauchen keine Feuerung net: Gleich drunter ist der Backofen. So waS Schönes...." Uich ich m meiner Dummheit nahm das Loch. Seine Sckön- hciten wurden bald offenbar. Finster und heiß: das waren seine zwei Haupttugenden. Es hatte noch andere, aber das waren mehr Schönheitsfehler. Den ganzen Tag mußte ich das Fenster offen- stehen lassen. Meine zahme Kohlmeis' ward bald so tückisch, daß sie mich nicht mehr aujah. Ich weiß nicht, war eS gleich die erste oder die zweite Nacht. Plötzlich wurde ich wach. Ich hatte das Gefühl, als läge einer von zwei Zentnern ans mir und wolle mich tot drücken. Ich schnappte und schnappte. Ja, war ich denn in eine Mehlkiste gefallen? Mehl- staub war es, was ich da einsog! Kehle und Zunge waren salz- trocken. Pfui Teufel! Schon ging's unter mir los. Ein Grkrach, als schmettere einer eine große Holzkrücke über scharf gebrannte Ziegelsteine, Holzsckieite polterten nach. Ach ja, der Backofen! Dann ein Geklatsw, immer und immer wieder: Die Stube, in der man den Teig knetete. konnte nicht weit sein. Ich starrte in die Finsternis, und in mir schrie es:„Esel, und Du willst die Literatur reformieren?... Kasimir pack ein!.. Etwas mochte ich gedrusselt haben, da riß es mich wieder. � Die Beine kam's herauf wie Ameisen. Bald glühte der ganze Körper. Aber kein Tropfen Schweiß. Die Decke flog ins Zimmer. Keine Erteichternng. Die Bettpfosten, selbst das Bettttich, fühlten sich heiß an. Auf einmal fiel mir etwas ins Gesicht. Ich griff zu. O du— etwas Lebendiges! Schon flammte die Lampe auf. Da hatte ich noch eine Bescherung! An allen Wänden wimmelte es: Kleine, blonde Preußen und fette, schwarze Schwaben... In dieser Nacht erlosch die Lampe nicht mehr. Und auch in keiner der folgenden Nächte. Was ich an Feuerung ersparte, ging in Petroleum drauf. Und trotzdem wohnte ich über ein halbes Jahr über dem Bäckerofen: Der Muß ist ein strenger Herr... Einmal ging ich durch die Gasse, auf die mein Fenster schaute. AuS einem Laden trat ein Mädchen und hielt mir etwas hin. Ich sah dreiviertel zur Seite: Das Ding hatte einmal verlauten lassen. sie werde mich heiraten, kost' es, was es wolle. Da begann sie zu reden:„Es ist auskommen g'wesen, und da Hab' ich'S Ihnen fangen wollen, hab's aber in der Schnelligkeit mit der Ladcntür erdrückt... Sein S' mir net bösl" Jetzt riß ich ordentlich die Augen auf. Es war meine arme Kohlmeise. Wenn die es nicht mehr ausgehakten hatte... Noch an demselben Tage nahm ich das leere Vogelhäusel und zog. Miete hat der Kerl noch haben wollen l--- — Dialektik cincS Kutschers. In der„Wiener Arbeiter-Zeitung' lesen wir: Ein Wachmamr beanstandete vor einigen Tagen einen Kutscher deshalb, weil er angeblich jemand belästigt hatte. Bei dieser Gelegenheit entwickelte sich folgende Diskussion: Wachmann:„Ich muß Sie arretieren." Kutscher:„Wen, mi?" Wachmann:„Natürlich." Kutscher:„Haha I" Wachmann sstreng):„Warum lachen Sie � Kutscher:„No, soll i da net lachen, wann Sö sagen, S» mLassen. Wer zwingt Jhna denn?" Wachmann:„Wenn Sie keinen Ausweis haben, muß ich Sie wegführen. Haben Sie einen Ausweis?" Kutscher:„Na." Wachmann(amtlich):„Dann arretiere ich Sie im.. Kutscher(höhnisch):„Halt! Wer sagt Ihnen denn, daß i kan Ausweis hob'?" Wachmann(aufbrausend):„Sie haben es doch selber ge- sagt." Kutscher(gemütlich):„F kann ja sagen, waZ i will I" Wachmann(fassungslos):„Also geben S' her I" Kutscher(den Zettel in der Hand haltend):„Herr Wach- mann, können S' lesen und schreiben?" Wachmann:„Sie, ich rate Ihnen, sich anständig zu be- nehmen." Kutscher(mit ironischer Devotion):„Ah gewiß. Ehre wem Ehre gebührt, Herr Wachmann, alle Achtung!" Wachmann(kann bein: Laternenlicht den Rainen nicht ent- ziffern):„Wie heißen S'?" Kutscher:„'S steht ja drauf. Lesen S' es. I Hab' Jhna ja g'fragt, ob S' lesen können." Wachmann(»rotierend):„So ein.. Kutscher(harmlos):„Ah, Herr Wachmann wollen mir ein Konrpliment machen." Wachmann(im Fortgehen):„So. Ich verständige Sie von der Anzeige." Kutscher: Uje, Herr Wachnrann.(Ironisch:)„Na... net. Tuau S' das net!" Wachmann:„Ruhe I" Kutscher(ruft den, Wachmann nach):„Herr Wachmann, meine ergebene... I Herr Wachmann, meine besondere... I" Wachmann:„Was soll denn das...?" Kutscher(sanft):„Meine Hochachtung mein ich nur, Herr Wachmann." Wachmann(drohend):„Sie I" Kutscher:„O bitte, bitte. Ehre wem Ehre gebührt." Wegen dieser Szene hatte sich der jkutscher vor dem Bezirks- gcrichte Leopoldstadt zu verantworten, da eine Anzeige wegen Wach- veleidignng erstattet worden war. Der Richter ging aber mit» einem Freispruch vor, da lediglich Unfug vorliege, der kein Delikt des StrasprozesseS bilde.— Kunst. e. s. Die bereinigten Berliner Klubs stellen in» Künstlerhause aus. Eine Kunstausstellung im kleinen, so viel Namen und noch viel mehr Bilder. Alles Künstler und Künst- lerinnen, die enlweder sich den bestehenden beiden Richtungen, die sich in der Kunst des Lehrter Bahnhof und der Sezession, kurz ge- sagt, nicht angliedern können oder es nicht wollen, die vielleicht auch abseits, allein stehen wollen und nun vom Regen in die Traufe kommen, da hier eine gleiche Fülle von Namen jede eingehende Einzclbctrachtung hindert. Soviel kann im allgemeinen gesagt werden, daß durchschnitt- lich das Niveau respektabel ist. die Anekdote, das aufdringliche Genre, die lnerarische Unkunst. die sonst im Künstlerhause gar zu gern ihr Wesen treibt, tritt zurück und macht einer mehr malerischen, farbigen Umwertung der Dinge Platz. Das heißt: wir bekommen hier wirklich ein Können, ein Streben danach zu sehen. Dies sei zugegeben. Jedoch ergibt sich da auf der anderen Seite wieder ein Einwand. Denn viel mehr als eben dies technische, beachtungswerte Können sehen wir nicht. Es fehlt jene Verfeinerung und Vertiefung, die dem Künstler erst eigentlich die Berechtigung gibt, jenes Hinreißende, das nicht in dröhnendem Pathos, nicht in forcierten, linterstreichen und exaltiertem Uebertreibcn besteht, sondern uu-Z entzückt und überwältigt durch die sichere und suggestive Gewalt, nnt der innere Wahrheiten des Sehens— irgend ein besonderer An- blick— vor uns hingestellt werden und uns so von der tausend- farbig wechselnden Welt ein neues, reines und überzeugendes Abbild geboren wird, das uns allein durch seine farbige Erscheinung be- kündet, daß es wert ist, lange betrachtet zu werden. Dieses Junge und Zarte, sozusagen Neusichtige finde ich hier nilr bei K l o h ß, einem Maler, dem man in letzter Zeit öfters be- geguete. Er hat ein äußerst eindrucksempfängliches Natursehen und scheut sich, der Schablone seine Gesinnung zu opfern. Die grüne Wiese mit dem Fluß, de» hinten ein Dorf nnt roten Dächern säumt, ist noch etwas monoton und die Flächen vielfach leer und ohne eigenes Leben und Licht. Ein„Winter" und„Vorfrühling" dagegen haben etwas von dem ewig neuen Reiz, den der Wechsel der Jahreszeiten bringt. Und es ist dem Maler gelungen, nicht nur das Abbild eines Eindrucks zu geben, sondern auch das Werdegefühl der Natur in die Farbe mit einströmen zu lassen. Wir spüren und sehen in der Art, wie die Farben sich ergänzen, etwas,, das sich hintaslen möchte zu jenem tieferen Sehen der Dinge. Und dieses Tasten ist im Hinblick aus so viel protziges, selbstsicheres Können, das wir allenthalben er- blicken, eine gute Gewähr. Ihm nähert sich Oesteritz. dessen„Wintermorgen" sich durch seine starke Gegensätzlichkeit und den freien Ausschnitt aus dem Ganzen der Natur, der im Kleinen doch Größe behält— tiesblaues Wasser gegen weiße, beschneite Abhänge. Eigentümlich groß und frei wirken die Kiefern, die knorrig nur mit ihren Kronen, die beinahe grotesk geformt sind, in das Bild hineinragen. Vermttwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Arthur Kampf gibt ein lebendiges Bild eines Musikers, ein Bild, dessen Räumlichkeit sich schön nach hinten zu vertieft, Uth zeigt uns diesmal das Leben der Sonne, auf der Landstraße, wo es an kleinen Dorfhäusern vorbeih�scht uud zwischen Bäumen herunterrieselt, im Wasser, wo es glitzernd wie Gold über der Fläche tanzt. Hamacher versteht es, seinen Seebildern einen farbigen Reiz mitzugeben, er bringt die Wasseratmosphäre mit hinein, die wie ein grünlicher Nebel alles umlagert. In einer„Strandszene"(Kinder am Strande) und„Sonne nach den. Regen" paart Engel einen breiten Strich, der die Gegenstände klar hinstellt, mit einer hellen, lichten Farbe. Julie Wolf stellt zwei Damenporträts aus, von denen das eine, das Porträt der alten Dame, fein zusammengestimmt ist. Diese Neigung wird ihr leicht zum Fehler, indem sie diese sanften Nuancen über- treibt und, da jeder kräftige Ton fehlt, leicht ins Süßliche über- gleitet, wo jede Kante, jedes Persönliche in einer wehleidigen Empfindsamkeit der Farbe untergeht. Dagegen befleißigt sich Müller-Schönefeld einer herben und festen Zeichnung, die ihn, besonders da, wo er seiner eigenen Farbe treu bleibt, auf einen besonderen Platz stellt. Das Damenporttät ist an, wenigsten ge- lungen, der Hintergrund ist hier noch farbig am lebendigsten. Da- gegen ist der weibliche Akt in dem trüben, gelben Fleisch- ton und der eingehenden Struktur des Zeichnerischen ebenso wie das Porttät der alten Frau eine tüchnge Leistung. Von den drei Bildern Stass�ens, dessen Farben so eigentümlich, manchmal aufdringlich leuchten, ist die„Kastanienallee", in die die Sonne scheint, am besten gelungen. Das„Paradies" ist im Anekdottschen stecken geblieben, es ist nicht persönlich mehr und noch nicht allgemein, auch ist die farbige Macke etwas theatralisch. Da- gegen lebt wieder in den symbolischen„Menschenaltern" ein strahlendes Sehen der Dinge, eine feine Natürlichkeit der Linien, mit der die Jünglinge, Greise, Kinder in einen zwanglos natiir- lichen Rahmen vor einem schönen, freien Hintergrund hingestellt sind, jedenfalls die Möglichkeit einer eigenkräftigen EntWickelung. Doch muß sich Stassen hüten, sich selbst zu forcieren, er neigt schon genug dazu, zu unterstteichen.— Humoristisches. — Münchener Gemütlichkeit. Gast:„Eine Omelette I Aber etwas schnell! Ich will mir die Stadt ansehen, ich bleibe nur zwei Tage hier." Kellnerin:„Oh, bis dahin is'sschoosirti!"� — Bauernhöflichkeit. Pfarrer:„Sixt, Michel, dös g'fallt mir von Dir, daß D' mich rechts gehen läßt." Bauer:„Ja schaug, Hochwürdeiy sunst waar ja i ein! tappt.— — JnBerlin.„... Was hat Ihr Kleiner als sein e r st e s Wort denn gesprochen, Papa oder Mama?" Berliner:„D e n k m a l I"— („Jugend".) Notizen. — Die diesjährigen Bauernfeldpreise(je tausend Kronen— 800 M> wurden verliehen: Hermann Bahr für das Schauspiel„Der Meister". Joseph Werkmann für das Drama „Liebessünden", Marie Herzfeld für ihre gesamte literarische Tätigkeit. Hermann Hesse für de» Roman„Peter Camenzind", W i l h e l m H e g e l e r für den Roman„Pastor Klinghammer", Thomas Mann für den Roman„Die Budenbrocks", Karl Spitteler für das Werk„Olympischer Frühling".— — Hartleben liegt in einem Wiener Hotel schwer krank danieder.— — Erfolg hatten bei der Erstaufführung: Fulda mit seinem neuen Stück„Maskerade" im Burg- Theater und in Frank- wrt a. M.; Raoul Auernheimer mit dem Drama„Die gxoße Leidenschaft' im Deutschen Schauspielhause zu Ham- bürg: B a y e r mit der Operette„Der P o l i z e i ch e s" in München (Gärtnerplatz-Theater) und Oskar Strauß mit der Operette „Die l u st i g e n Nibelungen" im Wiener Karl-Theater.— — Felix Dörmann hat ein neues Stück geschrieben:„D e r stumme Sieger". Die Haupttolle ist Malkowsky zugedacht.— —„Der Moloch" heißt eine neue, abendfüllende Oper, die Max Schillings soeben vollendet hat.— — Die Nationalgalerie hat das„Brustbild einer jungen Dame' von Adolf Menzel, ein Werk aus dem Jahre 1845, erworben.— — Die große Dresdener Kunstausstellung diese? Sommers hat einen Uebersckuß von 10 000 M. ergeben.— — Grobe Menschen. In der letzten Zeit wurde eine große Schar von weiblichen Mitgliedern des Wiener Hosopern- balletts zur Steuerbehörde zittert. Sie sollten Ausklärung darüber geben, wieso sie bei ihren geringen Gage» teuere und elegant möblierte Wohnungen haben könnten. Natürlich verweigerten die Tänzerinnen die Antwort. Da wurden die Steuerleute noch gröber und teilten den Damen mit, daß von nun an nicht mehr die Ziffern des amtlichen Gagebogens der Hofoper, sondern das Vier« fache ihrer Wohnungsmiete als Grundlage der Steuerbemessung genommen würde.— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LlV.