Anterhaltungsblatt des Zorwärts Nr. 226. Mittwoch, den 16. November. 1904 (Nachdruck verboten.) 15) Oer Elte vom Berge. Roman Von GraziaDcledda. Basilio gewann— Vielleicht durch die Grojzmut seines Gegners, der ein sehr gutherziger Geselle war und die Vorräte seiner Mutter nur nahm, um sie einem armen Schähchcn zu dringen. Freilich hatte er auch die Rinder gestohlen, doch um sie zu verkaufen und mit dem Erlös den Wechsel eines Freundes Air decken. Die weißgesprenkelte schwarze Henite kam seht zum Vorschein und wurde sorglich gerupft und gesengt: sie hatte große gelbe Dotter— ach! wie Zia Bisaccia schreien mochte! Ms Melchior das Huhn an den Spieß steckte, öffnete er den Mund, um die Frage zu tun, die ihm iin Sinne lag. Er blickte den jungen Manu an— und wagte es doch nicht. Nein, nein, nein! Was lag ihm daran? Sollte er so erbärmlich sein, nach einem Weibe zu fragen, das er geschlagen und be- schimpft hatte? Draußen regnete es und durch die Türöffnung war nichts mehr zu erkennen als ein unbestimmtes Grau. Die vier Männer saßen beisanunen und verzehrten ihr Mahl. Der Flüchtling schien sich in dieser Einsamkeit ganz sicher zu fühlen und nichts zu befürchten, als ob jenseits des Nebelmeers keine andere Welt, keine anderen Menschen mehr lebten. Und Melchior fühlte immerzu, wie ihm jene Frage fast den Hals zuschnürte, und während er aß, lachte, plauderte, wartete er nur auf den geeigneten Augenblick, um sie los zu werden. Er erzählte dem Banditen von den vielen Leuten, die diesen Sommer bei der Madonna del Monte die Novena ab- gehalten hatten. „O," jagte er dann Plötzlich in spöttischem Ton,„was macht denn mein Väschen?" Basilio hob seine feingeschwungenen Brauen, aber der junge Bauer zog die seinen fipster zusammen und hörte auf zu kacken. „Ich weiß nichts von ihr," sagte er gleichgültig. Melchior begriff, daß er im Gegenteil allzuviel von ihr wisse und bestürmte ihn nun mit Fragen. „Was macht sie? Wie? Hast Du sie gesehen? Trägt sie noch die Spuren von meinen Ohrfeigen im Gesicht? Liebelt sie noch mit den Stutzern?" „Mit den Herren und mit den Bauern," erwiderte der andere trocken. Das Gespräch verstummte und hinterließ in Melchiors wie in Basilios Herz Zorn und Schmerz. Dann erzählte Zw Pietro eine Geschichte. „Hört! Ein Kaufmaiu� reiste einmal in ein fernes Land, wo es so viel Mquse hatte, daß der König nur Brot zu essen hatte, denn den' Käse fraßen jene..." „Was nrochte man dann wohl denen im Gefängnis zu essen geben?" grinste der Bauer. „Also, was tut der Kaufmann? Er reist nach seinem Lande und holt eine Menge Katzen, die bringt er dem König zum Geschenk, und als der König sieht, wie die Katzen unter den Mäusen aufräumen, da schenkt er dem Kaufmann viele Säcke Gold. Als der Kaufmann nun mit dem vielen Golde in seine Heimat zurückkehrt, da denkt ein neidischer Freund: wenn jener König so viel Gold fiir ein paar Katzen gibt, was wird er mir geben, wenn ich ihm Sacken von wirklichem Wert bringe? Was tut er also? Er bringt ihm seine ganze Habe zum Geschenk, Gold, Perlen, Seide, Wein..." „Auch Käse?" fragte Basilio. „Auch Käse. Und wißt Ihr, was der König nun tut? Da der schlaue Geber nicht gesagt hatte, daß er aus demselben Lande war, wie jener andere, dachte der König, er sei gewiß ans einem Mäusekönigreich wie das seinige und schenkte ihm sechs Katzen. Da mußte der Mann mit langer Nase abziehen." Dem jungen Bauern hatte die Geschichte und die Unter- Haltung in der Hütte so gut gefallen, daß er nun fast täglich dort einkehrte: jedesmal brachte er etwas mit: Wein, Speck, weißes Brot, Salami. Eier und Fleisch, und heiterte durch sein Lachen die armen Hirten auf, deren Behausung jetzt trostlos kalt war. Obgleich Zio Pietro und Melchior befürchteten, daß eines Tages die Karabinicri herauskommen und den fröhlichen Banditen dort abfassen möchten, gewannen sie ihn recht lieb; sie gewöhnten sich so daran, ihn bei sich zu haben, daß sie, wenn er mitunter ausblieb, sich beunruhigten und in dem kalten Bereich des frühen Winters ihre Einsamkeit noch trauriger empfanden. Ueberdies hatten in diesem Jahr die Steineichen an jener Seite des Berges keine Eicheln getragen und es kam daher auch kein Schweinehirt dorthin. Der Wald lag öde und frostig unter dem beständigen Nebel: die Vögel waren fortgezogen, die nassen Felsen sahen grau und düster aus, und von dem ihnen jetzt verdeckten Meere stiegen beständig dunkle Wolken auf. In den ersten Tagen des Dezembers schneite es, doch war's ein leichtes Gestöber nur, und die weitje Decke schmolz bald. Mit der schläfrigen Katze und dem Hasen, dessen in die kalten Fernen gerichtete Augen beständig nach einer Gelegenheit zur Flucht spähten, blieb auch Zio Pietro in der Hütte. Jetzt, wo Melchior selten fortging und das Vergessene vergessen zu haben schien, fühlte der Alte sich ruhiger: er betete andächtig, daß der Winter nicht sehr streng werde, daß viele Zicklein zur Welt kämen, und daß es viel Milch geben möge. Und dann? Er sah zwar den Nebel nicht, doch er fühlte die Kälte, und das Brausen des vom Sturm gepeitschten Waldes gab auch ihm den vollen Eindruck des Winters. Aus der Erfahrung seines früheren Lebens wußte er ja, daß Wind und Regen, Nebel und Schnee notwendig sind, damit der Boden Feuchtigkeit aufnehme, die Bäume von dem abgestorbenen Laube befreit werden, die Quellen sich mit Wasser füllen und alles vom Winter den fruchtbaren Keim des Frühlings empfange. Daher klagte er nie: die Wärme ihres großen Herdfeuers war für ihn wie ein goldiger Lichtkreis; und wie er aus der Traurigkeit des Winters heraus das Wiedercrwachen des Frühlings ahnte, so erhoffte er aus der melancholischen Nesig- nation Melchiors eine bessere Zukunft. Eine neue Liebe würde ihm erblühen; und dann würde sein eigener sanfter Traum Verwirklichung finden: jene wilde Einsamkeit zu verlassen, die letzten Winter in einem weniger engen Heim zu verbringen, jeden Morgen die Messe zu hören! Inzwischen kam Weihnachten heran, und gerade das Ver- langen, wenigstens an jenem Tage die Messe zu hören, verlieh seinem Wunsche Ausdruck, nach Nuoro hinabzugehen. „Ich gehe mit!" sagte Basilio sogleich.„Ich werde Euch führen!" „Ich werde ihn führen!" entgegnete Melchior fest. „Aber auch ich habe ein Recht, an dem Tage die Messe zu hören! Wenn Ihr mich nicht gutwillig gehen laßt, so werde ich doch gehen, ob es Euch� recht ist oder nicht!" „Du sollst auch gehen," sagte Zio Pietro; und da Melchior böse wurde, tat Basilio ganz bescheiden und suchte ihn zu über- rcdew: Weihnachten wäre doch Weihnachten und jeder Christ müßte zum Christkind beten; man hätte doch nur eine Seele! Ja, wenn man zwei hätte, dann wäre es nicht so schlimm, wenn auch eine davon verloren ginge! Aber man hätte doch eben nur eine und... kurz, er wolle nach Nuoro gehen und die Messe hören. Zio Pietro nickte ja, ja; Melchior aber blickte Basilio scharf an und sagte:„Du? Was sprichst Du von Seelen und vom Christkind? Kleiner Fuchs, Du hast nicht zwei/ sondern zehn Seelen und Tu wirst sie alle dem Vater der Hölle aus- liefern." Er erlaubte ihm immerhin, nach Nuoro Hinabzugegen und die Mitternachtsmesse zu hören; bei Tagesanbruch würde er zurück sein, und dann würde Zio Pietro und sein Sohn gehen, wenn das Wetter es erlaubte. Das Wetter erlaubte es. Es war strenge Kälte, doch trocken: der von der Tramontana*) reingefegte Himmel war tiefblau und die fernen, schneebedeckten Berge ragten wie scharfe, alabasterne Zacken am Horizonte auf. Der Wald er- schauerte unter der durchsichtigen, aber eisigen Klarheit des Himmels. Mit blaurotem Gesicht und vor Freude und Kälte tränenden Augen stieg Basilio bergab. Mit dem Vorrücken des Abends stieg die Kälte. Wie ein Füllen sprang Basilio dahin. In der Ledertasche, die ihm über die Schulter hing, gurgelte die Milch, die Zia Bisaccia zum Geschenk bestimmt war, und die sie von einigen Ziegen *)= Nordwind. Wfommen, tbelche bereits magere, vor Kälte steife Junge ge- worfen hatten. Als er in Nuoro anlangte, dunkelte es. Hirten und Bauern kamen von draußen herein; mit dem ledernen Wams, der Adlernase in dem erdfarbigen Gesicht, dem Stachelstock auf der Schulter, kleine rote oder schwarze Ochsen antreibend, die den alten sardischen Pflug zogen, sahen sie aus wie Ge- stalten aus grauer Vorzeit. Basilio eilte vorwärts, ohne nur jemand anzusehen oder zu grüßen. In Zia Bisaccias bekanntem Hofe angelangt, sah er den Eingang vom Herdfeuer erleuchtet und hörte laute, heftige Worte: es war die Hausherrin, die ihren Mann mit Schimpfreden überhäufte, der nach dreimonatlicher Abwesen- heit von der Schäferei heruntergekommen war, um wenigstens die hestige Weihnacht in der Familie zu verbringen. Er wehrte sich nicht und gab gar keine Antwort auf das Geschrei seiner Frau. Als Basilio eintrat, sah er eine so zerlumpte und schmutzige Mamrsfigur mit blassem, völlig bartlosem Gesicht und so furchtsam blickenden blauen Aeuglein, daß er ihn ins- geheim verspottete und bemitleidete. „Ave Maria!" sagte er und nahm die tasca. von der Schulter. „Voller Gnaden!" erwiderte die Frau ärgerlich.„Bist Du es Fratz? Was gibts neues?" „Ich bin heruntergekommen, die Messe zu hören; morgen kommen Zio Pietro und Zio Melchior. Hier, nehmt." „Was ist das?" „Ein wenig Milch." „Zum verkaufen?" „Nein, für Euch." Das begütigte sie ein wenig. Sie nahm die Milch, leerte sie in einen Hafen und ließ geduldig die letzten dicken Tropfen auslaufen; währenddem taxierte sie, wie viel es sei, und wie viel Geld sie daraus machen würde; denn am folgenden Morgen wollte sie die Milch verkaufen und verbarg sie des- halb, damit die Söhne, wenn sie nachts mit ihren liederlichen Kameraden heimkämen, sie nicht austränken. Auch das große schwarze Schaf, das ihr Mann mitgebracht, hatte sie versteckt. Sie dachte nicht daran, zur Messe zu gehen, oder ein Festmahl herzurichten: genug, daß über dem Feuer ein schwarzer Kessel hing, in dem das Wasser für die Maccheroni brodelte. Sie setzte sich auf den Boden, in den roten Feuerschein und zerstieß in einem Mörser, den sie zwischen die Knie nahm, trockene Nüsse, die unter ihrem festen Stoßen bald zu einem gelblichen, schwarz- gesprenkelten Teig wurden. Damit würde sie, wie üblich, die Maccheroni anrichten; so konnte sie den Käse sparen. Basilio stand unterdessen beim Herd und stieß mit dem Fuße in die Glut; er überlegte, ob er wohl nach deni Hause fragen könnte, in dem Paska diente. Aber nein! Zia Bisaccia war zu tückisch, um nicht alles Melchior wieder zu sagen. Das war gefährlich! Und da das Männchen mit den furchtsamen blauen Augen Basilios Kommen benutzt hatte, um in die an- stoßenden Zimmer zu schleichen, so nahm er nun den Augenblick wahr, wo Zia Bisaccia am heftigsten stampfte, um sich aus den Hacken umzudrehen und auf die Straße zu gehen. E» wurde ihm nicht schwer, den Palazzo zu finden, wo PaLka wohnte: ein weißes Haus, dessen Fenster im ersten Stock erleuchtet waren. Tie ziemlich breite Straße lag schon einsam da unter dem leuchtenden Sternenhimmel. Er schaute hinauf und stand lange unschlüssig; der Wind fuhr ihm in den Nacken, doch darauf achtete er nicht,>veil er ganz in einem beklemmenden Gefühl der Ungewißheit aufging. Er wußte weder, weshalb er dorthin gekommen war, noch was er dem Mädchen sagen würde; aber der Gedanke, nicht an jene Tür zu klopfen und Paska nicht zu sehen, wollte ihm nicht in den Kopf. Und er faßte die an der Tür angebrachte, eisigkalte, eiserne Faust in die seine und pochte. Der Klang erdröhnte im Innern des Hauses und vcr- schmolz bald mit einem hellen Gekläff und einem leichten Schritt, der die Treppe herabkam. Basilio erkannte das Bellen des schwarzen Hündchens, erriet, wessen Schritt er hörte, und sein Herz klopfte laut vor Beklemmung und Freude. „Wer ist da?" fragte die helle Stimme Paskas. ..Ich." „Wer, Du?" „Ich, Basilio."( Die Tür öffnete sich sogleich und Paska erschien, neu- gierig und verwundert. „Du bist's? Was willst Du?" Ja, was wollte er? Nichts! Nur sie sehen und hören, ßem heimlichen, sehnenden Verlangen willfahren, das ihn seit vier langen Monaten bedrängte. Sie begriff nnd fragte nichj weiter. „Was gibt es neues?" sagte sie leise und eilig.„Bist Du gekommen, um die Messe zu hören? Wo bist Du ein- gekehrt?" „Bei Zia Bisaccia." „Und der Sohn, der Sohn dieser Frau, kommt er zu Euch?" fragte sie, ihn starr anblickend. „Oft"— entgegnete er, obgleich sein Gewissen ihn warnte: und sie wurde noch neugieriger und lebhafter. „Wie groß Du geworden bist!" sagte sie und betrachtete seine von dem Licht auf der Treppe beleuchtete Gestalt von Kopf bis zu Fuß.„Jetzt kann ich nicht länger hier bleiben, komm später wieder, meine Herrschaft geht in die Messe, da können'wir plaudern." Wie? Er sollte also nicht zur Messe gehen? Ach was! War er denn wirklich der Messe wegen? Ksirg sie hin? „Nein!" Dann würde er auch nicht gehen. „Willst Tu komnien?" fragte sie, die Türe schließend. „Ich komme." Dix Tür ging zu; ihm war es, als ob sich die Tür zum Paradiese schlösse; aber drinnen, tief in der Brust strahlte ihm ein helles Licht. Er kehrte um, in die elende Gasse, in der Zia Bisaccias Haus sich verbarg— und er glaubte, nicht mehr den Boden zu berühren, sondern an den klaren Himmel zu reichen, an dem die Sterne immer heller flimmerten. (Fortsetzung folgt.) Kaiser frieäricd-l�uleum. I. Treppenhaus. Basilika. Persisch-Islamitische Kunst. Im Treppenhaus steht ein Bronzcabgutz des Schlüterschen Denkmals, das im Original auf der Kurfiirsten-Briicke zu sehen ist. Der Sockel hielt die Witterung nicht mehr aus— wieder eine Lehre, wie wenig Marmor für unser Klima geeignet ist. Der Ahgutz des Denkmals im Musenm steht auf dem Öriginalsockel. Auf der Brücke trägt eine Kopie das Denkmal. ' Die Basilika, in die man durch einen Korridor gelangt, ist in ihrer Anlage den florentinischen Kirchen nackgeahmt. Dieser Raum wurde geschaffen, um die großen Altäre aufzunehmen.> Man sollte diese theatralischen Dekorationskünste unterlassen. Eine solche alte, einfache florentinische Kirche hat ihren Reiz. Nachahmen ist da vom Uebel. Es kommt etwas heraus, das nichts ist, weder ein Ausstellungsraum, noch eine Kirche. Was sollen wir uns mit solchen Kunststücken abgeben. Das sind Kniffe, die nicht fangen. Wie nüchtern wirkt dieses„Arrangement". Das Weiß der Wände drängt sich peinlich vor und die Altäre sinken zu unangenehm be« inerkten Schaustücken herab. Es wechseln immer ab ein Gemälde und Skulpturen. Sehr unvorteilhaft macht sich gleich die_ erste Kreuzigungsgrupve mit den an die Wand festgehefteten Skulpturen(aus Modcna u. 1530), dann folgt ein Gemälde: Die Himmelfahrt von Fra Bartolommeo(lölt), weiterhin ein Majolika- Altar aus der Werkstatt Robbias, wieder ein Gemälde(thronende Madonna von Francia, von schöi»n. warmem Ton), dann eine bemalte Holzstatue(um 1500), eine Madonna, wie sie auf Pro- Zessionen vorgetragen wurde. Linksseitig beginnen wir dann wieder mit einem von Andrea della Robbia verfertigten Steinaltar mit einer Heiligenfigur, darauf ein Gemälde von Vivarini(1503), da- nach wieder ein glasierter Tonaltar von A. della Robbia(um 1480), dessen Farben grün, blau, weiß besonders schön zusammengestimmt sind, von Paris Bordone folgt ein dekoratives Altargemälde, die Reihenfolge schließt ab eine Gruppe in Ton von Giovanni della Robbia, deren dunkle Färbung sich wirkungsvoll abhebt, besonders das düstere Violett der mittleren Figur hat einen schönen Ton. In dem Hallenraum stehen außerdem noch zwei alte Säulen, die eine trägt das Wappentier von Florenz, den Löiven. Eine sehr feine Arbeit(Ende des 16. Jahrhunderts) stellt das Chorgestühl dar. das sich an die Säillen ansckließt, meisterhafte Intarsien. Ein Lese- pult schließt diesen Aufbau ab. Aus die Feinheit dieser Holzschmuck- arbeit ist besonders hinzuweisen. Es sind 20 Sitze; abwechselnd trägt jede Rückwand eine figürliche Darstellung und eine landschast- liche Szenerie. Dazwischen ziehen sich Streifen mit rankenden Blumen und Früchten, die die Felder abteilen. Auch die unteren Teile sind mit Intarsien(Ornamentik) geschmückt. An der ab- schließenden Wand der Basilika stehen rechts und links zwei Sakristei- brunnen aus Venedig, deren Schmuck feine Einzelheiten aufweist. Ein Kardinal zu Pferde steht in lebendiger Silhouette an der rechten Abteilung der Schlußwand. Damit koinmen wir zu dem hinteren Treppenhaus. Wir wenden uns hier links in die anstoßenden Räume Saal V, 10, 11, 12. Es ist die Abteilung der Persisch-Jslamitischen Kunst. Der dem Treppenhaus zunächst liegende Raum(Saal 11 und 12) enthält die große Palastfassadc von Möschetta, die zu beiden Seiten des Eingangsportals des Palastes sich ausdehnre. Das Material ist KaWein, vom Alier zerfresien, aber nicht zerstört. Der Palast stand am Eingang in die syrische Wüste, wurde wahrscheinlich im 6. Jahr- hundert n. Ehr. erbaut. Die ganze Fläche ist mit reichster Ornamentik bedeckt, die dem Stein das Aussehen von Spitzen- gewebe verleiht. Eine unerhörte Fülle von Motiven schlingt sich da durcheinander, ohne den Eindruck des Ueberladenen auf- kommen zu lassen. Die rechte Seite zeigt nur rankendes Ornament, keine Tiere. Die linke Seite zeigt Tiere aller Art, die auf dem Grunde zu beiden Seiten einer Vase kauern, aus der sich die schlanken Stämme und Jweige bis zur Decke emporranken. Zwischen den Zweigen fliegen Vögel. Alles ist lebendig und zwanglos und doch geordnet eingefügt. Blumen wachsen m zarten Stielen aus den, Boden heraus und breiten sich in üppigem Spiel über die Fläche. Breite Zickzacklinien ziehen sich regelmäßig über die gaiize Wand, zwischen denen in Abständen Rosetten erscheinen. Zwischen diesen breiten Linien spinnt sich das Gewebe der Ornamente hin. Ein kräftiger Sockel trägt den Bau, oben springt ein wenig ein feste? Gesims vor. Es muß ein eigenartiger, beinahe märchenhafter Anblick gewesen sein: diese reich übersponnene Fassade im Licht der glühenden Sonne leuchten zu sehen. Der Untergrund ist stark ausgehöhlt, so daß eine tiefe Schattenwirkung das Licht, das allzu grell einfiel, dämpfte und das Gewebe der Linien, das unter den Strahlen flimmerte, leicht wie ein gewirktes Spitzentuch erschien. Die ganze, schwere Fläche ist durch dieses eigentümliche Verfahren, bei dem der Baumeister mit der Sonne seines Landes rechnet, wie aufgelöst. Auf der wuchtigen Stcinfront erscheint ein leichtes Spiel von Linien. Man beobachte diese Fassade von verschiedenen Seiten. Immer heben sich die Linien plastisch heraus. Es fehlt nur die Farbe, dann wäre es beinahe ein Teppich, so reich verschlungen ist die Ornamentik. Im Saal 10 finden wir in den: Schrank an der Eingangswand eine Anzahl Tonscherben, byzantinische und früharabische Stücke. Auch hier die gleiche Phantastik, die gleiche Fülle in der Ornamentik. Selbst die Schrift, die allerdings zeichnerilch so fein geschwimgene Linien liefert, wird in einzelnen Exemplaren mit Geschmack dekorativ verwendet. Proben persisch- islamischer Baukunst sind an den Wänden angebracht. Es sind Nachbildungen der in Backstein ausgeführten Originale. Hervorragend tritt hier schon die eigentümliche Fafiung des Schmucks durch ornamentale Linien auf, die, von der Palastfassade von Mh'chetta und deren Zeit aus- gehend, allmählich zu diesen geometrischen Linien, diesem wechselnden Rankenwerk sich verdichtet. Wieviel Leben ist in diesen Linien! Welch' natürliches Gefühl ftir die Sprache des Ornamentalen. Wie selbstverständlich und organisch hat sich diese Kunst in ihrer Formen- gebung entwickelt. Man möchte beinahe meinen, das unruhige Flimmern des Lichts, der Wüstensonne hätte diese lebendigen, kreisenden, leichten Linien eingegeben. Und dann wieder als Gegenstück diese kräftigen Fliesenmosaike, die auch in diesem Saale hängen, diese leuchtende Pracht der Farben. Es ist, als wäre Sonne in diese Farben hmeingebannt; sie haben einen Glanz, wie wir ihn nicht kennen. Und wie bei der Ptuustfassade bedauern wir, daß diese Sachen hier im Trüben sich zeigen müssen, was namentlich der Fassade schadet, die. wie angedeutet, in Berechnung auf das Licht geschaffen wurde. Vorderasiatische Teppiche und Stoffe enthält Saal S. Die Teppiche stammen aus dem 14.— 17. Jahrhundert. Bemerkenswert bei allen diesen aufs reichste dekorierten Prachtstücken ist trotz dieser fülle der endgültige Eindruck der Ruhe, der klaren Uebersicht, der inheit. An der Hinteren Wand hängt ein großer Teppich, der nanrentlich Tiere in seiner Ornamentik aufweist, Tiere, die ihrer grotesken Haltung nach China weisen. Dort kennen wir auf Götzen- bildern, Vasen, Lackmalereien ähnliche Gebilde. Ein sehr langer Teppich hängt' an der Seitenwand in der Mitte. Auch hier in noch auffälligerer Weise reich stilisierte Tiere, wodurch das Alter des Teppichs<14.— 15. Jahrhundert) zu bestimmen ist. An den beiden äußersten Ecken dieser Wand oben hängen zwei Längstcppiche. die in ihren, wie gegitterten, feingliederig-geometrischcn Muster wie Filigranarbeit wirken. Flimmert hier leicht die Buntheit der Farbe, so stehen als Gegenstück gut dazu die mit großen Blumenmustern dekorierten Stücke, die alle in tiefer Pracht gehalten find, ein dunkles Blau, auf dem breit das Pflanzenornament aufliegt. In der Ecke nach dem ersterwähnten Tierteppich zu hängen noch einige Stücke, die durch die seidige Weichheit ihres Tons auffallen, Teppiche aus Damaskus, die aus der Wolle der Angoraziege hergestellt wurden. Großflächige Wirkung in, ganzen, geistvolles Detail in, einzelnen, dabei spielende graziöse Handhabung der Nüancen, der Farbe, bald tiefleuchtend, bald auffchimmernd, bald nur zart andeutend. Mehrere Schränke enthalten arabische und ägyptische Kleinkunst. Ganz hinten eine Sammlung von GlaSstempeln ägyptischer Herkunft, Notmünzen mit den Namen der Komge und Statthalter, Aichungsstempel für Hohlmaße, Glasgewichte. Daneben ein Schrank mit sog. Mosulgefäßen. Bronzegefäße in getriebener Arbeit, darauf die Muster eingeritzt, ausgelegt m anderem Metall(Tauschierarbeit). Auch hier geometrische Ornamente, Tiere dann und Pflanzen in eigenartiger, reizvoller Verschlingung. Immer wieder muß man die zierliche, elegante Manier bewunder», die doch so sicher und griindlich arbeitet. Im Anschluß hieran betrachte man sich gleich den Kasten, der an der Längsivand steht, dazu bestimmt, den Koran aufzunehmen. Im Schrank daneben ein Deckel. Beides aufs saubarste ausgeführte Metallarbeiten. Bei den Gefäßen ist wieder zu bemerken, wie die Verfertiger immer darauf achthaben, dem reichlich überspinnenden Zierwerk einen großen ruhigen Hintergrund zu geben. Hier ist eS die Form der Gefäße, die stets voll, ausladend und fest ist. Schwere Form, leichter Dekor— das ist der Grundsatz. Oder bei den Teppichen: tiefe Grundfarbe, reizvolles Spiel der Linien darüber. In einer Vitrine finden wir nach Fundorten Mlet, Priene, Rakka geordnet Ton« scherben. Namentlich die aus Rakka(800—1500) stammenden Stücks sind reich und mannigfaltig in der Linienführung und farbig von vollerem Akzent. Ein Schrank daneben zeigt gleichfalls Scherben. die die Namen der Meister aufweisen. Hier ist jedes einzelne Stück interessant und der Betrachtung wert. An einzelnen Scherben be- merken wir einen goldigen Glanz oder einen Schimmer wie Kupfer. Eine Fülle von Vorwürfen, wie wir sie nicht kennen. Arabische Buch- decke! finden wir in dem Glasschrank an der Längswand rechts neben dem Korankasten. Arbeiten in Leder. In feinen Strichen sind hier die Ornamente ausgehoben. Punktierte Felder beleben die Flächen. Dem Material angepaßt, sehen wir die gleiche Formenwelt hier auf das Leder übertragen. Auch ganz tiefen Schnitt finden wir in einzelnen, schweren Deckelexemplaren. Diese Künstler berück« sichtigten fein die Art der Ausführung. Wie ruhig wirkte eine solche Fläche. Nur da« benutze» sie von ihrer Ornamentik für dieses Material, was dem Leder entspricht. Von dem satten Braun heben sich die hellen Linien leicht ab. Diesen arabischen Arbeiten schließen sich in gegenüberliegendem Schrank ägyptische Lederdeckel an<1350 bis 1500), nicht so reich, nicht so voller Leben, aber doch noch eigen und sicher. Einige Arbeiten in Elfenbein und Holz(Schnitzereien) ergänzen noch die Fülle dieser fremdkünstlerischen Welt. Ständer enthalten eine Auswahl arabischer Stoffe; dieselbe Formeusprache übertragen auf die Gewebe, Tierdarstellungen, Pflanzen auf Seide und anderen Stoffen. Und so ist es nicht ohne Bedeutung, wenn wir wenigstens einen flüchtigen Blick in diese fremde Welt getan haben. Wir müssen uns gegenwärtig halten, es sind Höhepunkte von Kulturen, die uns fertig gegenübertreten. Welchen Einfluß diese Welten auf unsere frühere Entwicklung ausüben mußten, läßt sich unschwer ahnen. Immer wieder kamen Wellen herüber, die uns neue Anregungen brachten. Wir sind dieser Kunst Dank schuldig. Wir sind abhängig von ihr und durch sie geworden. So müssen wir fühlen. Und durch diese reifen Kulturen werden wir noch weiter zurück, auf den Ursprung, auf Asien hin verwiesen. Wir sind nur ein ganz vorübergehender Moment neben einem Zeitraum von Jahrtausenden. Darauf weist diese asiatische Kunst. Bis jetzt sahen wir immer nur Griechenland und den Einfluß von Griechenland und Italien in einem bestinimten Zeitraum. Nun iverden wir direkter zu den Quellen hingeführt. Wir fühlen organischer uns im Zusammenhang mit alten Entlvickelungen als ein Teil. Dunkle Gebiete hellen sich da auf, die bis dahin im Dämmer lagen. Bis dahin betrachteten wir die Kunstgeschichte von uns aus und kamen nicht weiter zurück als bis zu bestimmten Höhepunkten naheliegender Kulturen. Nun fassen wir die Beziehungen tiefer. Und von diesem Standpunkte aus müssen wir diele Reste, die uns hier ausbewahrt sind, betrachten. Wir finden in diesem Museum nur die Kunst(die sogenannte hohe Kunst) der christlichen Zeitalter bis zur Neuzeit. Aber schon diese Neste, die in unser Zeitalter hineinragen, geben uns einen Begriff von der hohen Kultur dieser Völker, die uns an Reife und wie spielend vollendeter Schönheit so weit übertrafen.— - Ernst Schur. Kleines feuUleton. -er- Die Moralischen.„Gestern ist er sogar bis elf Uhr oben bei ihr gewesen," sagte Frau Zindler; sie sagte es in einem Ton. als konstatiere sie einen Abgrund allerticfster Verderbtheit. «Bis elf Uhr?" Die Lehrerfrau sah gen Himmel. „Bis els Uhr?" wiederholte der Chor und versank dann in ein entsetztes Schweigen. Die Stricknadeln und die Kaffeetassen klapperten um die Wette, sonst hörte man nichts für die nächsten paar Minuten. „Bis els Uhr" bestätigte Frau Zindler noch einmal.„Ich hörte sie runter gehen. Anni brachte ihn selbst die Treppe hinunter und schloß ruf, und dann haben sie noch volle acht Minuten unten ge- standen, ich Hab' nach der Uhr gesehen. Acht volle Minuten im dunklen Hausflur!... Wie finden Sie nun das?" „Aber das ist ja einfach ein Skandal!"...„Das ist ja empörend!"... Es herrschte eine allgemeine Entrüstung. „Geküßt haben sie sich auch vermutlich da unten," meinte Fräulein Auguste spitzig, ihre lange dünne Nase zitterte förmlich. „Sie haben sich geküßt, ich Hab' es gehört, ich habe die Tür aufgeinacht, natürlich nicht etwa um zu horchen, ich wollte bloß mal hören, tver da so spät noch runterging, und da hörte ich es eben. Sie haben sich geküßt." „Pfui!" rief Fräulein Auguste. „Pfui!" Iinederholten die anderen Damen. „Ich weiß nicht, wie ein anständiges Brautpaar so schamlos sein kann!" meinte die Lehrerfrau:„Das ist ja gegen alle Braut- standsmoral." „Da ist ja die Mutter daran schuld," sagte Frau Rechnungs- rätin Schmidt wegwerfend.„Die Mutter müßte gar nicht dulden, daß ein fremder Herr so lange im Hause bleibt." „Na aber, es ist doch Annis Bräutigam, und sie werden in vier Wochen heiraten," rief Grete Zindler, die eben mit einer frischen Kanne Kaffee hereingelomme», und nun einschenkend von einer zur anderen ging. „Aber Fräulein l" „Mein liebes G reichen 1" „Sie wollen doch den Skandal nicht etwa noch entschuldigen?" »ragte Fräulein Auguste und zu Frau Zindler gewandt:„Ihre Nichte hat aber sonderbare Ansichten!" „Ich verstehe Dich nicht, Margarete!" Frau Zindler schüttelte knißbilligend den Kopf. „Na, mein Himmel,'n Bräutigam wird doch seine Braut noch Nissen dürfen?" „Aber doch nicht abends um elf Uhr im Hausflur!" schrie die Lehrerfrau. „Nu ja, wenn der Bräutigam doch aber erst um nerm Uhr aus t>em Dienst kommt, dann kann er doch nicht schon um dreiviertel gehn wieder gehen." „Musz!" sagte die Rechnungsrätin mit Entschiedenheit.„Hören Sie mal, liebes Gretchen. was haben Sie denn für Anschauungen? Es ist doch oben kein Herr im Haus, sie ist doch bloß eine Witwe mit'ner Tochter, die darf doch keinen Herrenbesuch bis nachts elf Uhr bei sich behalten." „Das ist entschieden gegen alle Sitte", bestätigte die Lchrcrfrau, »,das tut kein moralischer Mensch." „Was man sich dabei denken kann!" sagte Fräulein Auguste Mit frommen Augenaufschlag. „Was kann man sich denn dabei denken?" fragte Grete. Ihre Mundwinkel zuckten. „Aber— Fräulein!" sagte die Lehrerfrau im Tone höchster Entrüstung. Die Damen schüttelten die Köpfe. „Ich verstehe Dich im Ernst nicht, Margarete, Du loeistt wohl Igar nicht, was Du sprichst." Die Taute warf ihr„einen Blick" zu. „Das ist die Jugend von heute!" sagte die Rätin.„Sie findet bei nichts mehr was, sie küßt sich sogar mit einem Bräutigam im Hausflur." „Ich hätte mich nie mit einem Bräutigam im Hausflur geküßt." stimmte Fräulein Auguste bei. „Na, na, Fräulein Gustel, wer weiß, ob Sie es nicht noch tun, falls Sie noch einen kriegen sollten." „Falls ich..." dem Fräulein schnappte die Stimme über. ..Falls ich..." „Aber Margarete!" rief die Tante. „Nun ja, das ist doch sehr leicht möglich! Es heiraten doch auch manchmal alte Damen." Margarete nahm die unschuldigste Miene an. „lind dann sollt' ich mich auf dem Hausflur küssen lassen?" Fräulein Auguste reckte sich.„Gewiß, ich kann noch sehr gut einen kriegen! Aber auf dem Hausflur küssen lassen? Was denken Sie denn eigentlich von mir?" „Das ist die Jugend von heute," wiederholte die Rätin,„das ist die Jugend von heute, sie hat gar keine Moral mehr, entgegen» kommend für die Männer bis zum äußersten. Aber das wollen die Männer so haben, das gefällt ihnen." „Ja, das gefällt ihnen," nickte Fräulein Auguste,„und solche Mädchen heiraten sie." Sie schoß einen giftigen Blick auf Margarete.„Aber was ein anständiges Mädchen ist, die bekommt natürlich keinen Mann."— Aus dem Pflanzenleben. — D i e Empfindlichkeit der Mimose gegen Bc- rührung ist bekannt. Von welchem Nutzen mag nun wohl diese Eigenschaft für die Pflanz« sein? Diese Frage sucht ein Artikel von Louis Lapicque im letzten Heft der Zeitschrift„Die Umschau" folgendermaßen zu beantworten: Vergangenen Winter hatte ich Gelegenheit, in Indien die Pflanze wild wachsend zu beobachten. In vielen Teilen der gebirgigen Region, am Rande des Waldes unter nicht zu dichtem Gebüsch und an wenig belebten Wegen ist der Boden mit einem frischen grünen Nasen teppichähnlich bedeckt, mit kleinen rosafarbigen Blütchen. Auch dem weniger scharfen Be- obachter wird die Erscheinung auffallen, daß jedem Tritt eines Fuß- gängers oder Pferdes eine mehr als meterbrcite Senkung des Rasens folgt, gerade als ob eine Reihe Menschen ihn niedergetreten hätten. Bei genauerem Zusehen bemerkt man sofort, daß die Vegetation aus einer kleinen Mimose besteht. Von der Höhe eines Reiters be- krachtet, sieht es aus, als ob die Pflanzen zu Boden getreten und verwelkt seien. Bei einer selbst stärkeren Berührung eines einzelnen Blattes macht sich die Wirkung nur langsam nach und nach geltend; bei stärkerer allgemeiner Erschütterung oder wenn man eine Pflanze ausreißt, zeigt sich die Erscheinung fast plötzlich und auf größere Eni- fernung; man erblickt auf einer weiteren Strecke statt des frischen grünen Rasens nur noch den Boden, Steine, trockene Blätter und Reiser. Jede Mimose besteht aus einem Stamm, einer Anzahl von demselben ausgehenden Zweigen, die sich dann wieder in kleine, mit Blättern bedeckte Aestchen verzweigen; jede einzelne Pflanze be- deckt einen Rmim von 1 bis Ilh Meter. Eine stärkere Erschütterung auch nur eines Teiles überträgt sich sofort auf die ganze Pflanze. Es hat sich bei diesem. Anblick der Gedanke mir aufgedrängt, daß beim Grasen einer Kuh oder eines Hirsches auf einem aus Mimosen bestehenden Rasen dieser ein so verwelktes und trockenes Aussehen annimmt, daß das Tier dieses so wenig appetitreizende Feld ver- lassen und sich nach etwas Besserem umsehen werde. In dem Kampf um das Dasein hat die Mimose durch diese Einrichtung der Anficht Darwins«ntsprechcnd einen Vorteil vor ihrer Umgebung.— Humoristisches. — Aus einem ärztlichen Gutachten. Plattfüße und O-Beine pflegen Hand in Hand zu gehen; es wäre daher ver- fehlt, die Plattfüße dem Unfall in die Schuhe zu schieben.— — Verfängliche Frage. Tante:„Pfui, Karlchen, schämst Du Dich nicht, nach den kleinen Vögelchen mit Steinen zu werfen I Weißt Du nicht, daß es eine große Sünde ist, wenn man den Tod von solchen unschuldigen Tieren verschuldet?" K a r l ch e n:„Tante, ist denn der Vogel, den Du auf dem Hute hast, von selber gestorben?"— — Schreckliche Verwünschung. Förster(im Streite mit einem Sonntagsjäger):„Alles, was Sie auf der Jagd schießen, sollen Sie auch aufessen müssen!"— („Meggendorfer Blätter.") Notizen. — K o n r a d Ferdinand Mehers literarischer Nachlaß wird nächstens zur Veröffentlichung gelangen; darunter befinden sich Gedichte, eine dramatische Skizze zur Angela Vorgia und ein Ziovellensragment. Eine Biographie wird beigegeben.— — Die Berliner Privat-Theater scheinen in diesem Winter nicht viel Seide zu spinnen. Mit Ausnahme des Lessing- und Refidenz-Theaters haben alle mehr oder weniger zu känipfen. Man redet schon von einer Theaterkrisis, die über kurz oder laug hereinbrechen mag.— — Gustav Kadelburgs dreiakttges Lustspiel„Der Familien tag" geht am 2b. November im Lustspielhaus zum erstenmal in Szene.— — Die Erstaufführung der Kleinstadt-Komödie«Die goldene Tür" von Wilhelm Schmidt- Bonn erfolgt im Münchener Schauspiclhause.— — D i ch t e n d e A d v o k a t e n. Bei Schuster u. Löffler ist ein Band Gedichte von dem Berliner Rechtsanwalt S e l l o er- schienen.— Das Deutsche Volks-Theater in Wien hat ein Stück des dortigen Advokaten Dr. Friedrich Elbogen an- genommen.— — Richard Hellbergers Oper„Barfüßele" ge- langt an der Dresdener Hofoper zur Aufführung.— — Bei C a s s i r e r bleiben die Monet-Bilder bis zum AI. No« vember ausgestellt. Am 22. November wird eine van Gogh- Ausstellung eröffnet.— — Der Polarreisende A. P. L o w ist aus dem Norden nach Ottawa zurückgekehrt. Er hat viele Andenken an Franklin mit- gebracht. Low hat ein Gebiet von 2041 englische Meilen vermessen und die Bevölkerung im Osten des nördlichen Amerikas gezählt. Sie ist im ganzen 2S00 Köpfe stark. Im Baffinland wohnen 500 Menschen— — In den nächsten Tagen werden etwa 300 Meer- schweinchen, Ratten und Mäuse nach O st a f r i k a ge- fandt. Auf Anordnung des Reichs-Gesimdheitsamtes sollen mit diesen Tieren in der in Ostafrika befindlichen deutschen gesundheit- lichen Unterfuchungsstelle Versuche angestellt werden, um die lieber- tragbarkeit gewisser dort vorkommender ansteckender Krankheiten von Tieren auf Menschen zu ermitteln.— — Der Vorstand des Vereins deutscher Ingenieure hat 5000 M. -u Versuchen bewilligt, welche die Schmelzpunkte ver« fchiedener Metalllegierungen zum Gegeustande haben.— c. Ein Tunnel unter den Niagarafällen und zwar unterhalb der berühmten„Horseshoe-Talls", ist soeben vollendet worden, so daß die Besucher jetzt die ganze Wassermasse, ohne irgendwelche Gefahr zu laufen, ja sogar ohne durchnäßt zu werden, sehen können. Man hat zuerst einen Schacht von 3S Meter Tiefe gegraben, und vom Grunde dieses Schachtes auS hat man einen Tunnel hergestellt, der sich in einer Kurve vou 240 Meter Länge unterhalb des Falles hinzieht. Jetzt werden noch Galerien zu dem Fall hin angelegt, die in Zimmern endigen.— — Sänger und Schuster. Eine ältere Berliner Anekdote wird in der„Frankfurter Zeitung' wieder aufgeftischt: In den sünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verkehrten in dem kleinen Bierlokal von Senior, Französischestraße- und Gendarmenmartt-Ecke, am Abend Gelehrte, Künstler und einfache Bürger. Am runden Tisch saßen eines Abends der Opernsänger B o st und ein Schauspieler. Beide stritten sich laut darum, ob es hieße:„Encyklopädie" oder „Aug cyklopädie". Hierauf ertönte eine Stimme aus der Ecke: „Ich jloobe, meine Herren, man kann beedeS sagen." Sänger Bost in erregtem Ton:„Wer erlaubt Ihnen denn, sich hier in unsere Unterhaltung zu mischen?_ Wissen Sie denn auch, wer ich bin? Ich bin nämlich der königlich preußische Hofopcni- sänger Bost und Sie, wer sind denn Sie eigentlich?" Die Stimme:„Na, ick bin der Schuster Bölke aus der Reezen- gaffe. Wissen Sie, Männcken, wenn ick ins Opernhaus ufs Amphibiurn(Amphitheater) gehe, dann müssen Sie mir schonst für acht Jute(1 Mark) singen, wenn Sie aber zu mir konunen und wollen ein paar Stiebeln jemacht haben, dann mache ick Ihnen noch lange kecne l' Sprach's, trank sein Bier aus und verließ unter allgemeiner Heiterkeit das Lokal.— Neramwörtl. ßtebatttuij Paul Büttucr. Berlin.-- Kru« uud Äerlaa: Portvärts Buchdruckerei».Verlagsaustalt Paul Singer LcCo..Berlin L Vk.