Ameryatmngsman oes Korwaris Nr. 232. Freitag, den 25. November. 1904 (Nachdnuk üeitjtei!) 21] Der Hlte vom Berge, Roma» von GraziaDcledda. Die Luft war lind wie in einer Herbstnacht, und in dem bellen Mondschein fühlte Melchior sich trotz all der Aufregungen leicht und frisch an Ltörper und Geist. Keine Furcht beirrte ihn: sein Blut kreiste lebhaft, heiß, von keinerlei Ungewißheit gehemmt, denn ein jeder Pulsschlag seines Herzens sagte: Paska, Paska! Und sein Tenken antwortete: Ich liebe sie: sie wird die Meine! Das Ungeheuer kann lange warten, ehe es mich wieder sieht: wie komme ich von dem Persprechen los? Auch diese Frage störte den lauten Hymnus seines Herzens nicht, der, in das eine Wort: Paska! zusammengefaßt, alles andere übertönte. Bei dein Zollhaus, vor dem vom Monde hell beschienenen Qrthobene, sah er zwei Karabinieri. Ein instinktiver Schreck durchzuckte ihn, und er wandte sich seitwärts, um ihnen aus- zuweichen: dort standen noch zwei. Melchior blieb stehen: der Anblick des Orthobene erinnerte ihn an den wartenden Vater: ein Gedanke aber tröstete ihn in dem fatalen Augenblick: Mein Gewissen ist rein. Wenn sie mich festnehmen, so ist das wenigstens ein Grund, um von meinem Versprechen loszukommen. XII. In der Grotte harrte Zio Pietro in vorahnender Sorge. Auch hier oben mar die Nacht klar, und der schweigende Wald schimmerte im Nanfrost. Basilio hatte die Ziegen in die Schnhhütten getrieben und das Pferd vor der Grotte angebunden. Die Stunden ver- gingen. Melchior kehrte nicht heim. „Das hat etwas zu bedeuten," sagte Zio Pietro vor sich hin. „Ihr seid töricht. Zio Pietro! Er ist bei der Geliebten und vergißt die Zeit." Der Alte neigte den Kopf, so daß der Bart ihm die ganze Brust bedeckte, und schwieg. Dann nach einer Weile: „Aber die anderen Male? Es ist nicht umsonst, daß er so lange bleibt." „Was für ein Tor Ihr seid! Die Liebe wird eben heißer und Euer Sohn sitzt da wie der Bogel aus der Leimrute. Oder vielleicht hat er sich auch betrunken." „Er betrinkt sich nicht." „Nein, nie!" sagte Basilio spöttisch.»Ans jeden Fall: wenn er heute nicht kommt, kommt er morgen. Legt Euch doch nieder." „Ich lege mich nicht. Es ist nicht umsonst, daß er nicht wiederkommt. lLieviel Uhr ist es?"- „Ach! laßt mich in Frieden," sagte Basilio rauh. Erstand aber doch auf, trat an die Oeffnnng der Grotte und blickte nach oben. „Dem Monde nach kann cS acht Uhr sein." „Was ist geschehen?" dachte Zio Pietro.„Er ist noch nie nachts ansgebliebcn. Sollte er sich wirklich betrunken haben? Oder haben sie ihn verhaftet?" Eine solche Angst überkam ihn. daß kalter Schweiß seinen Nacken netzte. In einem Augenblick waren alle die alten, schrecklichen Vorstellungen wieder aufgewacht und raubten ihm auch den schwachen inneren Schimmer, der ihn belebte. Alles war dunkel, außen und innen, für Seele und Leib: u.id in dem Augenblick, wo Melchior so lebhaft an ihn dachte, ahnte er alles, was vorgegangen war. Nach der elften schmerzlichen Ungewißheit beschlich ihn Angst: Basilio seine Ahnung mitzuteilen, wagte er nicht, weil er befürchtete, dieser würde ihn verlassen. Er legte sich nieder, wachte aber angestrengt, mit offenen Augen, in dem tiefen, beängstigenden Dunkel, das ihn überall umgab. Basilio hatte sich in der Nähe des Einganges ausgestreckt: Zio Pietro bemerkte jedoch, daß auch er nicht schlief. Er hörte, wie er sich umherwarf, wie er inanchmal den Atem anhielt, und seine eigene Besorgnis sagte ihm, daß auch der Hirt Sorge ver- spüre. Weshalb? Aus Anhänglichkeit? Aus Angst? Er wußte es nicht, er erriet es nicht, doch die stumme Unruhe Basilios vermehrte seine eigene. So verging die lange, kalte Winternacht. Melchior kam nicht. Zio Pietro wußte jetzt, daß er nicht mehr komme« würde, und doch erwartete er ihn, unbeweglich auf der Matte liegend, deren grobes Geflecht die alten Glieder des Schlaflosen drückte. Heftig pochten seine Schläfen und Pulse, und doch war ihm kalt. Da waren wieder die eisigen Gewässer, das tiefe, dunkle Meer, in das seine Seele versank: Melchior würde nicht inehr heimkehren... Und auch Basilio wachte... Als der untergehende Mond in die Höhle hereinblickte, stand er auf. Zio Pietro hörte, wie er sich reckte, gäluüe, und dann das Feuer anblies. Er verspürte den hellen Schein des- selben und allmählich durchdrang ihn eine milde Wanne, die jene entsetzlichen Vorstellungen verscheuchte. Sein Puls ging ruhiger, und die schweren Augenlider schlössen sich. Während er so völlig erschöpft dalag, vernahm er einen Pfiff, vermochte aber nicht, sich zu ermuntern. Basilio dagegen, der zusammen- gekauert am Feuer saß. sprang auf, stürzte hinaus und eilte zu der Hütte. Er traf dort Felir. den Sohn Zia Bisaecias, der von seinem gestrigen Rausch noch ganz rote Augen hatte. Er jagte gleich, daß Melchior verhaftet worden sei. „Meine Mutter weiß, daß man ihn beschuldigt, ge- stohlencs Vieb verkauft zu haben. Sie sagen, daß das Vieh hier, bei der Hürde gesehen tvorden ist. Nimm Dich in Acht, Bursche!" Er packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn heftig. „He, wofür hältst Du mich? Mir tönneu sie nichts an- haben!" erwiderte Basilio. Ter Mond verschwand und e-Z ward plötzlich dunkel. Trotz ibrer Kühnheit fürchteten sich die beiden. „Wahrscheinlich werden die Karabinieri kommen, um die Tanca zu durchsuchen: der Ochse muß weg! Zum Teufel, wo hast Du ihn gelassen?" „Bist Tu deshalv gekommen?" „Meinst Tu vielleicht Deiner schönen Augen wegen?" Felir hatte einen Ochsen gestohlen, und indes er die Ge- lcgenheit abpaßte, einen zweiten zu stehlen, um sie zusammen zu verkaufen, hatte er ihn Basilio übergeben, damit er ihn in der Tanca verberge. Solche Gefälligkeiten inachte er dann dadurch ivctt. daß er das Vieh verkaufte, das Basilio fand. Sie suchten nach dem Oll sen, fanden ihn im Walde aus- gestreckt, weckten ihn und trieben ihn an. Das fette, schwarze Tier kniete schwerfällig auf die Vorderfüße und erhob sich dann vollends, ganz verdutzt in der Dunkelheit.„Hop, weg," schrie Felix, klatschte in die Hände und lief hinter dem Ochsen her. Basilio bückte sich, nahm einen Stein auf und warf ihn dem Tier in die Flanke. ES zuckte zusammen, wandte den Kopf, leckte sich die Wunde und trottete schwerfällig davon. Die beiden jungen Leute liefen eine ganze Strecke hinter ihm her und trieben es mit lautem Geschrei fort.. Durch das tiefe Schweigen der Natur erklang deutlich der Widerhall des schweren Tritts des Ochsen und der Stimmen der beiden Männer. Bei der Hürde bellte der Hund. Zio Pietro lag wie betäubt: er fühlte jedoch, daß er nicht schlief, und verworrene Laute tönten ihm im Ohr. Im Osten er- schauerten die dunklen Steineichen vor dem sich leise rötenden Morgenhimmel, und die Ziegen in den Schutzhütten stießen sich mit den Hörnern, als Felix und Basilio in die Grotte ein- traten. Das Feuer war herabgebrannt: Zio Pietro schien zu schlafen, ertvachte aber sofort und fühlte die Anwesenheit eines Fremden. „Wer ist da?" fragte er, erhob den Kops und streckte die Hand aus. Felix bückte sich, faßte die Hand und half ihn« aufstehen. „Ich bin's, Zio Pietro."_ �... „Du bist Felix, llnd Melchior?" Da ü.clix, mitleidig schwieg, fragte er entschlossen: „Haben sie ihn festgenommen?" »Ja.". Die Antwort, die er doch erivartet hatte, verursachte ihm tödlichen Schreck, unsäglichen Schwerz. „Herr, dein Wille geschehe!" stöhnte er: aber sein ganzer Glaube, seine einfache Weisheit, seine Güte, seine Kraft ve» sanken, gleich einem Stein aus der Höhe, in dem geheimnis- vollen Wirbel der eisigen Fluten, die ihn aufs neue um- drängten. Er hörte kaum die ermutigenden Worte Felix'. Melchior sei gestern auf dem Heimwege zwei betrunkenen Karabinieri begegnet, die ihn beschimpften; er habe heftig er- widert und sei deshalb verhaftet worden. Es wäre nichts, Zio Pietro möge nur ruhig sein, es wäre gar nichts! So ist es nicht! Warum wollen sie mich täuschen? schrie das alte Herz. Und von dem Augenblick an hegte er nur das Verlangen und den festen Vorsatz, um jeden Preis nach Nuoro hinunterzugehen, um die ganze traurige Wahrheit zu erfahren. „Führe mich in die Stadt, Felix, nimm mich mit, tue mir das zuliebe!" „Seid Ihr verrückt. Zio Pietro," schrie Basilio.„Was wollt Ihr da unten? Euch umsonst quälen? Die Sache ist ja gar nicht der Mühe wert." „Nein," wiederholte Felix,«es ist wirklich nicht der Mühe wert." Wie sehr Zio Pietro auch bat, sie taten ihm nicht den Willen. Felix blieb den ganzen Tag und die folgende Nacht oben. Alle benachbarten Hirten, die von Melchiors Verhaftung gehört hatten, auch der alte Schweinelnrt, kamen betrübt heran, um den Alten zu trösten, ihn zu versichern, daß sein Sohn gewiß binnen kurzem freigelassen würde. Er hörte sie an und schwieg, eine tiefe Falte auf der Stirn, die Hände auf dem Stock ge- faltet. Kein Zuspruch vermochte ihn zu trösten, kein Trost ihn von dem Vorsatze abzubringen, nach Nuoro zu gehen. Und doch hielt ihn den ganzen Tag die Hoffnung aufrecht, Melchior heimkommen zu bören. Der Hund ging aus und ein, unruhig, ihn mit leisem Stöhnen anblickend. Nur die Katze faß behaglich vor dem Feuer, wie sonst, in den halbgeschlossenen, glänzenden Augen die Gleichgültigkeit der Selbstsucht. So vergingen mehrere Tage; die Freunde wurden es müde, den Alten zu besuchen, und die Hütte versank in trost- lose Einsamkeit. Melchior kam nicht wieder. Zio Pietro aß nicht; sein Schädel wurde bleich, der Bart gelb. „Ihr werdet noch verrückt," schalt Baülio in aufrichtiger Verzweiflung.„Wenn Ihr so fortfahrt, so seid Ihr bald ein Gerippe, und wenn Zio Melchior zurückkommt, wird er seine Sache in schöner Ordnung finden. Und was kommt dabei heraus, Zio Pietro? Daß das Gericht alles schlucken wird!" „Bringe mich nach Nuoro, Basilio!" „Das fällt mir gar nicht ein! Ihr bleibt mir hier, das schwöre ich Euch, und Ihr eßt und trinkt und seid guten Muts; das wird sich alles schon machen." Zio Pietro wurde nicht zornig, er schwieg und beugte das Gesicht über die Hände: aber sein Schweigen war ergreifender als jedes harte Wort. Dann umschmeichelte Basilio ihn, kniete zu ihm bin wie ein Kind und reichte ihm Brot und Milch. „Eßt doch, Zio Pietro, seid gut, mein kleiner Zio, seid doch gut! Was kann es nützen, daß Ihr so seid? Kommt doch, Zio Pietro, seid stark! Erinnert Ihr Euch denn gar nicht mehr an all die schönen Geschickten, die Ihr mir erzählt habt, an all die Ermahnungen, die Ihr mir gegeben? Wozu nützen mir die denn, wenn Ihr mir nicht ein gutes Beispiel gebt? Kommt, seid doch vernünftig. Wir wollen zu unserer lieben Frau gehen und beten, ja?" 0 vio, sagte er dann zu sich, es ist alles vergebens. Er hört nicht die Spur.„Seid Ihr taub geworden. Zio Pietro?" schrie er aufstehend.„Was wird denn aus mir, wenn Zio Melchior Euch tot findet? Dann wird er sagen, ich hätte schuld! Aber ich weiß ein Mittel: Ich gehe fort und lasse Euch allein mit Euren Ziegen und Euren Grillen." Diese Drohung rüttelte den Alten etwas auf; die Angst vor der Einsamkeit, die Sorge, daß die Herde gestohlen werden könne, bezwangen seinen Schmerz. Ohne jede Beihülfe vermochte Basilio nicht, alle nötige Arbeit allein zu besorgen: die Hürde war schmutzig, das Feuer oft erloschen, die in Eile gemolkene Milch spärlich und unrein. Wenn er sie nach Nuoro gebracht hatte, kehrte er unverweilt auf den Berg zurück; seit Melchiors Verhaftung hatte er Paska nicht wieder gesehen. Das brachte ihn vollends aus dem Gleich- gewicht, machte ihn unruhig und traurig. Eines Tages dachte er: Ich habe es jetzt satt, ich mutz Hülfe haben— und ich mutz fie sehen... „Zio Pietro, so geht es nicht mehr, ich mutz mich nach einer Hülfe umsehen, ist es Euch recht?" Der Alte nickte. „Gevatter Jacu," sagte Basilio zu dem alten Schweine- Hirten,„gebt auf Zio Pietro und die Ziegen Acht!" Und wie gewohnt, versprach der Alte und hielt sein Ver- sprechen nicht, Basilio stieg zur Stadt hinab, suchte in Zia Bisaccias Nähe einen kräftigen, arbeitslosen Burschen und schlug ihm vor. zu ihm hinaufzukommen, um ihm zu helfen und während seiner Abwesenheit auf die Herde zu achten. „Wieviel gibst Du mir?" „Vier Lire den Monat." „Nein, zehn." „Zehn? Pah!" schrie Basilio und spuckte aus.„Tu wagst es, zehn Lire zu verlangen. Du räudiger Kerl?" „Sonst komme ich nicht," sagte der Bursche mit grötzter Gleichgültigkeit. „Tu Faulpelz, Tu Lausebub! Ja. so seid Ihr alle, ihr verdammten Nuoresen! Herrenlose Hunde! Ihr sterbt Hungers, und wenn man Euch Arbeit anbietet, so seid Ihr unverschämt! Ihr wollt in einem Tage verdienen, was Ihr im ganzen Jahre verbummelt!" «Geh, Tu bist schlechter Laune heute," sagte der andere veräcktlich. Basilio ging, um Paska aufzusuchen und traf sie nicht. Schmerz und Zorn überkamen ihn, und da die Zeit vorrückte und er jemand mit hinaufnehmen mußte, der folgenden Tages oben bliebe, damit er sich in Nuoro aufhalten könnte, um Paska auf jeden Fall wiederzusehen, so ging er wieder zu dem Burschen hin. „Ich gebe Dir s""u Lire." „Nein, zehn." „Sechs." „Nein, zehn." „Sechs, Tu Bettellmb! Wenn Tu das nicht annimmst, so prügele ich Dir die Seele cms dem Leibe." „Nein, zehn." lFortsetzmig folgt.) Hus dem Musikleben. Nackdein in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit der Bim musikalischer Juftrunienle mit emcr lebhaften Entwickelnng vorwärts gcickriltcn lvar, ist er im 19. Jahrhundert der Hauptsache nach still gestanden. Natürlich hat er trovdem eine gewaltige quantitative Ausdehnung bekommen, die zugleiiv zu einer VerbiÜigung führte; heutzutage kauft man ordinäre oder selbst mäßig gute Instrumente zu verhältnismäßig billigen Preisen. Diese Stockung im Jiistruincntenbau auf ihre verschiedenen Ursachen hin zu ergründen, wird für den zukünftigen Geschichtsschreiber unserer Musik wohl eine wichtige Aufgabe werden. So viel sich bereits jetzt erkennen läßt, dürfte sie vor allem mit dem Epigonentum zuiaminenhäugen. daß sich von unserer klassischen Blütezeit der Musik bis heute erstreckt. Sodann lommen einige mehr technische Gründe hinzu. Der Bau der Geigen litt nicht nur unter der unbestreitbaren Vollkommenheit der alten italienischen Geigen, sondern auch unter der Legende von ihrem Besserwerden mit dem Aller und unter dem Suchen Nacb einzelnen Knnstgriffen, de'ren jene Geigen ihren Werl verdanken sollten. Dazu kommen noch Schwierigkeiten, die in der Natur der Sache liegen. Um sie zu überwinden, geschah auch in dieser weniger fort- schrittlichen Zeit»lanches. das uns mm in einige Angelegenheiten des musikalischen Tages hineinführt. Unter jenen Schwierig- keilen steht voran die Geiviimimg tiefer Töne bei Saiten- und Blas- instriinienten. lim tief zu klingen, muß eine anzublasende Pfeife sehr lang sein; und eben dies gilt in der Hauptsache von einer ge- strichencn oder gezupiten Saite. Dadurch ist in jedes Orchester oder überhaupt in jede Jnstrnmenteiignlppe eine Schwerfälligkeit hineingebracht, falls man nicht auf tiefere Töne verzichten und dadurch künstlerisch eine Halbheit haben will. Die Ge- winnung von Instrumenten mit entsprechenden Pfeifen- oder Saiten- längen und die Unterbringung, und Handhabung der betreffenden umfangreichen Jnstmiueute ist ein altes Kreuz des Ensemblespieles. Dazu kommen noch andere Schwierigkeiten. Tiefklingeude Pfeifen geben entweder einen ordinären Ton oder sie bringen große Mühen des Anblasens mit sich. Richard Wagner hat gerade dies durch die Einfühnmg seiner sogenannten Wagner-Tuben zu überwinden gesucht; und es ist beinahe ein Rätsel, daß diese wohlklingenden und brauch- baren Justriiinente so wenig weiter verwendet werden. Die Saite, welche man streicht oder zupft, muß für tiefe Töne entweder sehr lang sein, oder sie muß andere Eigenschaften zum Ersätze dafür annehmen, die aber wiederum die Klangschönheit stören. Die Länge kann ersetzt werden entweder durch eine geringere Spannung, oder durch eine größere Dicke(bei klingenden Stäben gibt umgekehrt die größere Dicke einen höheren Ton), oder sie muß endlich schwerer sein, was am bequemsten durch ein„Ucberspinnen" mit Kupfer- oder Silberdraht bewirkt wird. Diese Veränderungen an der Saite sind nun im allgemeinen dem Klange nicht günstig; namentlich die geringere Spannung ist schuld an einem brummigen, armseligen Ton. In dem Bau des heutigen Allerweltinstrumentes, deS KlaviereS, kehrt jene räumliche Schivierigkeit wieder. Will man gute tiefe Töne haben, so braucht man lange Saiten und einen langen Flügel. Dazu reichen ärmlichere Wohnungen nicht aus. Oder genauer ge- sogt: in einer reichlichen Wohnung findet man keinen Platz dafür, wenn man keinen finden will; und in einer ärmlichen findet man Platz dafür, wenn man einen finden will. Dadurch ist nament- lich für Norddeutschland die Klavierfabrikation auf Mittel zur Verkürzung der Jnsirumente geraten. Man macht ganz einfach die Flügel kleiner und kleiner, von der Konzertgröhe bis herab zu Fonnalen, die irgend einen süfien Verkleinernngsnamen bekommen. Ein zweites Mittel, Raum zu sparen, ist die Legung der Saiten in lotrechte statt in wagrechte Richtung, also die Konstruktion von ausrechlstehende» Klavieren, von sogenannten PianinoS. Diese Form des Klaviers ist leider wenigstens in unseren Gegenden die vor- herrschende geworden und hat immerhin zur Fabrikation von In- strumenten geführt, die atterkennenswert find, wenigstens im Vcr- hältiiis zu der Aufgabe, mit dieser Fonn etwas Besseres zu leisten. Das Pianino leidet wohl immer unter der besonderen Schwierig- keit, die ausrechtstcheuden Saiten ebenso genau zu.dämpfen", wie es bei wagrechten möglich ist. Außerdem aber führt man das Pianino nicht in eine solche Höhe hinauf, dast die Saiten für die tiefen Töne lang genug sein könnten, und so halten wir wiederum bei dem Mangel einer klangvollen Tiefe. Dazu nun die unvermeidliche Eigentümlichkeit aller sogenannten Harfeniustrumcnte, d. h. aller gezupften Saiteninstrumente: dag sie nämlich den Ton nicht wie bei den Streich- und Blasinstrumenten gleichmäßig fortklingen, sondern sofort kurz abreißen lassen. Wir inerten dies nur nicht recht, und dieser Umstand allein schon wirkt ungünstig auf die Bildung unseres akustischen Ge'chmacfes ein. Will man ferner auf einem dieser Jnstrunieute eine große Stärke, und zwar mit einem wirklich schön und voll klingenden Ton erzeugen, so steht man bald an der Grenze des Möglichen. Das Klavier wenigstens läßt zwar in seiner heutigen Koiistrnltion eine große Stärke des Tones entfalten; unschön aber wird er doch immer, besonders in den höheren Lagen, und daß wir es nicht merken, ist wiederum ein Stück Geschmacksverbildung. Unser heutiges Klavier ist ein sogenanntes Hammcrklavier: d. h. es läßt seine Saiten mit Hämmern anschlagen, die gut beweglich am rückwärtigen Ende des Tastenhebels sitzen. Die erste Erfindung geht auf B. Cristosori 17 ll zurück. Ihr Hanptsortschritt gegen früher bestand darin, daß man durch fie eine beliebige Abstufung schivacher und starker Töne erzielen konnte; daher der Name Piano- forte. Dessen hauptsächlicher Vorgänger war eine Klavierart, bei welcher der Ton immer gleich stark herauskam: das Clavecin oder Clavieimbal, seinem Namen nach aus das Hackbrett zurück- gebend, das auch Cinibal heißt. Hier gab es nicht Hämmer, sondern feste Federkiele am Tastenhebel. Dadurch war der Ton immer ein gleich starker Reißton. Eine andere frühere Klavicrart, bei welcher vom Hebclende Metallzungen an die Sailen angedrückt wurden, war insofern vorteilhoster, als hier Schattierungen der Stärke angebracht werden konnten, abgesehen von anderen Vorzügen, die uns eine Sehnsucht nach dieser Art zurück erwecken. Doch lag eS wahrscheinlich an der bescheidenen Innigkeit des.Tangentcnflügels" oder.Clavichordes", daß seine Nebenart sich besser hielt. Sie war vom Beginn der Neuzeit bis in die zweite Hälfte des 18. Jahr- Hunderts hinein das wohl meistgebrauchte Tasteninstrument: ein nicht volltöniger, aber durchdringend scharfer Ton machte es sogar geeignet zum Ersätze des Orchesters beini Begleiten von Rezitationen in der Oper. Doch an dein Mangel der Tonfchattieruug lies es sich sozusagen tot. Immerhin gab es auch dafür einen kleinen Ausweg: man legte zwei selbständige Reihen von Saiten an, die eine meist um eine Oktave höher als die andere, und machte für jede ein eigenes Tasten- werk(Manual), so daß man wie auf der Orgel in zwei Registern spielen konnte: und auch sonst wurden Kunstgriffe angewendet, um derartige Schattierungen, wenigstens innerhalb einer größeren Partie des Tongebictes, zu erzielen. Ter kurze, durchdringende, einförmige Ton des Clavicimbals ldas übrigens die Abart des Pianinos bereits durch das„Elavicy- therium" vertrat) führte zu der Abhülfe, die Schönheit einer Klavier- komposition mittels schneller Aufeinanderfolge vieler Töne zu er- zielen. Und dies wieder führte zu einem Schnörkelstil, der vor- züglich für jene Zeit der Barocke und des Rokoko paßte, die hier in Betracht kommt. Besagte Schnörkclwclt wurde uns einigermaßen lebendig bor die Ohren gezaubert in einem Konzerte, das vor kurzem die Klavier- spielerin Wanda Laudowska aus Paris gab. Sie spielte abwechselnd auf einem modernen Hammerklavier und auf einem von heutiger Fabrikation nachgebildeten Clavecin. Komponisten waren unser großer Bach und Zeitgenossen von ihm. Unter diesen ragt be- sonders hervor Frarazois Couperin.der Große". Er war seit 1701 Hofmusiker in Paris, wirkte also speziell in der letzten Zeit der Barocke und der ersten des Rokoko. Seine Klavierstücke sind charakteristisch für die Anfänge des Klavicrstiles: Bach hat an fie angeknüpft. Sie leisten wohl daS eigenartigste an Schnörkelci, doch immer in der zierlichsten Vornehmheit. Auch der Programm-Musik gehören sie an: ihre gespreizten Titel und die simple, aber doch gc- schmackvolle Art, wie sie diesen Titeln gerecht zu werden suchen, kann immer noch Bewunderung erwecken. Jedenfalls sind wir jener Tarne zu Tank verpflichtet, daß sie uns neben dem vielen Einerlei der Konzerte auch einmal etwas anderes gebracht. Die Schwierigkeit mit den laugen Saiten für tiefe Töne nimmt im Bau der Geigen noch eine desondere Eigenheit an. Die einen Geigen werden auf dem Arme gehalten, können alsc nicht sehr lang sein: die anderen stehen am Knie und sind dadurch allerdings etwas bequemer auf längere Saiten und größere Toniiefen einzurichten. Aber dazwischen fehlt es immer noch. Im Streichquartett werden die vier nienschlichen Stimmen, oder genauer die vier Vertretungen der drei höheren menschlichen Stimmlagen, durch vier Arten der Geigen nachgebildet, oder genauer wieder durch drei: d. h. zwei hohe Geigen(Violinen) bekommen die ersten zwei Stimmen, eine um etwas größere und um eine Quinte tiefere Geige(die Bratsche), hat die dritte Stimme, und nur eine einzige Kniegeigenart(tms Violoncello) ist für die untere Stimme da. Das letztgenannte In- strument muß entweder unförmlich groß sein, wie unsere Kontrabässe, oder es muß auf die sehr tiefen Töne verzichten. Ans dieser Sachlage ergeben sich zwei Mängel der Quartett. kunst: die Kompositionen bewegen fich etwas zu sehr in der Höhe, und ztvischen den Armgeigen und der Kuiegeige bleibt eine Lücke. Tazu kommt noch, daß die Bratsche einen ettvas näselnden Ton hat. wohl weil sie flacher gebaut zu werden pflegt. Gegen diesen sowie gegen die vorigen Uebclstände kämpft der Jnstrumentenbau schon seit längerer Zeit zivar mit Findigkeit, aber mit wenig Erfolg an. I. B. Vouillaume konstruierte ein.Contralto": A. Stelzner führte seit 1891 eine etwas tiefere.Violotta" und ein„Cellone" ein. Am bemerkenswertesten wohl ist das, was auf diesem Gebiete Hermann Ritter geleistet hat. Er erfand eine.Viola alta", oder.Altgeige", wie sie Richard Wagner zu nennen vorschlug. Das Instrument ist etwas größer als unsere gewöhnliche Bratsche und ist weniger flach gebaut, folglich auch weniger näselnd. Im übrigen bleibt sie bei der Besaitung unserer Bratsche: doch hat ihr Erfinder später auch ein« Abart mit einer tiefere» fünften Saite konstruiert. Die Widcrholung der Schwierigkeit mit den tieferen Tönen bei den Blasinstrtimenten führt uns gerade hier zu«iner merkwürdigen Einzelheit. Das liebliche Instrument für die trillernde Höhe, dir Flöte, könnte immerhin noch etwas mehr in die Tiefe gehen. Allein Schwierigkeiten der Konstruktion und des Anblasens trete» wieder dazwischen. Mollcnhauer in Fulda hat nun, anknüpfend an frühere Flötenarten, eine„Altflöte" gebaut. Für sie ist seit 1897 a» jener Lehranstalt, welche überhaupt für Jiistrumentalkunst besonders in Betracht kommt, ebenfalls ein eigener Unterricht eingeführt. Felix Weingartner hat sich ihr kompositorisch angenommen. Ganz neuerdings tritt ein eigenes Ritter-Quartett, das „Neue Deutsche S t r e i ch- Q u a r t e t t" in Bielefeld, auf. Es schließt sich an die Leistungen von Professor Ntttcr an und setzt sein Material aus zwei Armgeigen und zwei Kniegeigen zusammen. Die Namen der Instrumente sind: Geige. Altgeige(fünfsaitig), Tenorgeigc, Baßgeige; letztere immer noch höher als der.Kontrabast Wir hören, daß dieses Quartett am 19. November in Barmen zum ersten Mal an die Oeffentlichleit getreten ist, und zwar unter Assistenz und mit eigenen Kompositionen von Weingartner, der überhauvt ein Protektor von Fortschritten im Jnstrumentenbau ist. Die Wirkung des neuen Quartettes wird anscheinend sehr günstig beurteilt, ins» besondere in bezug auf Abrundung und wohl auch Verstärkung des Tones. Allein es wird ein wenig geklagt, daß der durch die Alt- geige beabsichtigte Ausgleich der Mittellage doch nicht so. wie erwartet, lungen sei. Während wir auf diese Neuerscheinung für Berlin erst warten müssen, hat uns neulich der Kammervirtuos Georges von F o s s a r d mit der Viola alta etwas näher bekannt gemacht. Auch hier konnten wir den gut klingenden Charakter dieses Instrumentes schätzen lernen, hatten aber doch den Eindruck, daß man mit ihr immer noch nicht weit kommt. Daß der genannte Herr gut spielte; daß seine Konzertpartnerin Beatrice von Fossard weniger gut sang; daß ein viel Aufsehen machender Geiger Joan Manen mit typischer Virtuosität dies und das spielte; und daß unter den zahlreichen Vereinigungen für Streich- quartett im älteren Sinne das.München er Streich- y u a r t e t t" der Herren Theodor Kilian usw. einen recht günstigen Eindruck machte: das sei als weniger wichtiges Alltagsleben verzeichnet. Unsere neuen Opertheater arbeiten reichlicher weiter, als wir im einzelnen sagen können. Auch die typischen großen Gäste brauchen wir nicht alle nennen. Beschränken wir uns auf«ine Aufführung des«Barbier von Sevilla" im Theater des Westens mit Francescod'Andrade als Gastl Das war allerdings ein Meisterwerk von Einheit des Gesanges und des Spieles � der Gast nämlich, nicht die Gesamtaufsührung. Was da an Italienisch und Deutsch und Kunst und Unkunst durcheinander gemacht wurde, ent» zieht sich der Auszeichnung. Eine besonder« Erwähnung verdient aber, neben der Italienerin Martha Petrin i, der Tenor Christian Hansen. Eine zarte, helle, fast weibliche oder kind» lichc Stimme, aber gut gebildet und gut verwendet.— 5Z. Kleines f euUleton. — Der Gegenpastor. Der„Franksiirter Zeitimg* wird au» London geschrieben: Ein ganz eigenartiger Gottesdienst hat dieser Tage in einer Kongregationalisten-Kirche in Dalkeith bei Edinburg stattgefunden. Mit dem Prediger dieser Kirche, dem Reverend Robert Dcrmid Brown, ist ein Teil der Gemeinde nicht ztifrieden; man hält ihn« u. a. vor, daß er einen Zuckerbäcker-Laden Zyabe, was sich für ibn als Geistlichen nicht paffe, und man hat ihn schließlich aufgefordert, von seinem Amte zurückzutreten, Der Reverend Brown, hält aber an seinem Amte fest, und eS kommt ihm dabei von statten, daß er den Schlüssel zur einen Kirchentür in seinen Händen hat. Die Kirche hat aber noch eine zweite Tür, und zu dieser haben die Gegner des Geist- lichen den Schlüssel. Sie haben von dieser Schlüsselgewalt Gebrauch gemacht, indem sie einen aus Edinbnrg verschriebenen neuen Geist- lichen durch die zweite Tür in die Kirche hineiiilieszen. Als Reverend Brown durch seine eigene Tür die Kirche betrat, um den Sonntags- Gottesdienst zu beginnen, sah er, daß der Gegenpastor schon auf der Kanzel stand und betete. Zum Glück war die Kanzel geräumig genug für zwei Prediger, und so nahm denn der Reverend Brown neben seinem Rivalen auf der Kanzel Aufstellung und ließ dann, nachdem fein Rivale ausgcbetet hatte, die sehr kriegerisch im Marsch- temvo komponierte Hymne:„Onward, Christian soldiers" anstimmen. Die Gegenpartei konnte aber auch mit ntusikali- scheu Leistungen aufwarten, zumal sie ein eigenes Harmonium in die Kirche gebracht hatte, und sie stimmten den Choral an:„Kämpft guten Kampf!' Beide Pastoren feuerten ihre Anhänger init heftigen Gestikulationen zum Singen an, doch als der Lärm zu arg wurde, ließen sie das Singen einstellen, und singen nun an, gleichzeitig zur Gemeinde zu sprechen. Nun wurde der Lärm noch ärger, und da erschienen noch drei Männer aus der Kanzel und blieben dort mit drohenden Blicken stehen. Offenbar bildeten diese drei Männer die Leibivache des Reverend Brown, denn die Gegenpartei verhöhnte sie und nannte sie „Preisboxer'. Der Lärm und das Geschrei wurde immer schlimmer, aber Reverend Brown fühlte sich jetzt, da er seine Leibwache auf der Kanzel bei sich halte, so sehr als Herr der Situation, daß er seinem Rivalen zurufen konnte:„Wenn Sie ein Gentleman sind, so verlassen Sie diese Kanzel, und wenn Sie das nicht tun, so werfe ich Sie die Treppe hinunter I" Der Rivale blieb aus der Kanzel und der Lärm wurde noch größer. Ivorauf der Rivale erklärte, er wolle den Reverend Brown zunächst zur Gemeinde reden lassen und nachher wolle er selbst sprechen. „Wenn Sie das versuchen, werfe ich Sie hinaus!" rief der Reverend Brown. Herr Brown sprach nun zur Gemeinde, wurde aber viel durch Gelächter und Lärm unterbrochen. „Madame, in der Hölle werden Sie nickt lacke» I" rief er einer lachenden Dame zu. Nachdem Brown seine Ansprache be- endet hatte, verließ er in gravitätiicher Haltung die Kirche, gefolgt von seiner Leibwache und von seinen Anhängern. Der Rivale er- klärte dann, es würde doch nur Spott erwecken, wenn er den Gottes- dienst jetzt fortsetze, und darum verließ auck er mit seinen Anhängern die Kirche. Der ganze Gottesdienst hatte zwei Stunden gedauert und der Tumult war so groß gewesen, daß sich auck vor der Kirche eine Volksmenge angesanunelt hatte, die den Lärm mit anhörte.— Geographisches. — In der Gesellschaft für Erdkunde sprach Dr. L. D i e l s über die Pflanzengeographic von I n n e r ch i n a. Der Redner führte nach dem„Rcichsanzeiger" folgendes aus: Das innere China gehört zu den Gegenden der Erde, die noch von keinem wissenschaftlich gebildeten Botaniker besuchst worden sind. Alles, was wir von seiner Flora wissen, beruht auf Sammlungen, die namentlich in den letzten zwei Jahrzehnten dort von Männern zusammen- gebracht worden sind, die neben ihrem Berufe oder neben dem Haupt- zweck ihrer Reise Zeit fanden, Herbarien anzulegen. Weitaus die größten Verdienste haben sich in dieser Richtung seit den Zeiten des N. P. Armand David(1369) die französischen Missionare Wcstchinas erworben. Tanebc» bleiben von anderen Nationalitäten nur wenig Namen zu nennen, wie A. Hcnrh, von NostHorn und P. Giraldi. Ihre Sammlungen zeige», daß eine überaus mannigfaltige Waldvegetaiion in dem Gebirgslabhrinth des westlichen Szetschuans und namentlich in den Ländern der unabhängigen Lolo-Stmnme vorhanden ist. Diese Wälder bestehen, ähnlich wie in Japan, aus einem ungemein reichen Gemisch immergrüner oder im Winter laubabwerfeuder Bäume, teils tropische» Gepräges, teils lebhaft an unsere europäischen Waldungen erinnernd. Aus den Gattungen unserer Nadelhölzer gibt es viele Arten, denn Buchen, Birken. Eichen, Ahorn, Kirschen, PiruS gedeihen alle in großer Formenfülle. Ebenso vielseitig sind der straucluge Unterwuchs und die Stauden und Kräuter. Der ganze Wald ist durchsetzt von Schlinggewächsen. Aehnlichc Wälder gibt es auch in den viel niedrigeren Gebirgen im Osten Szetschuans und in der ferneren Umgebung des Danglsc-Hafens Jtsthang. In anderen Gegenden Junerchinas, wie namentlich in den Tälern, dann im„Noten Becken" von Szetschuan und auf dem Tsingliu-schan- Gebirge ist von den Chinesen der Wald zerstört worden, so daß der Boden jetzt cnttveder kultiviert ist(besonders intensiv im genannten Rmen Becken) oder aber ein Gebüschdickicht von immergrünen Srraüchern trägt. In den höheren Lagen der Gebirge wird der Mischwald durch einförmige Nadclholzbejiände, Rhododendrongebüsche, und endlich blumenreiche Alpenmatten, die mit Primeln, Enzian, Pcdicularis usw. reich bestanden sind und viele von den Chinesen höchst gcschätztc Arzneidrogen liefern. Durch die»ordsüdliche Richtung der mächtigsten Kette und der bekanntlich nach Hinterindien hineinziehenden Stromtäler treten in Jnncrchiua die Tropen und ihre Pflanzenwelt mit hen gemäßigten Zonen in so heitere Ver- bindung als irgendwo sonst auf der Erde. Und da die Geologie Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner» Berlin.— Druck und Verlag: beweist, daß dies Verhältnis schon seit uralter Zeit besteht, so ist es nicht überraschend, in der Flora Spuren hohen Alters und unge- störter Fortcntwickclung zu bemerken. Man sieht, wie sich dort der nordische Laubwald gewissermaßen herauslöst aus dem immergrünen tropischen Urwaldc, und auch sonst zeigen die florisrischen Be- Ziehungen, daß jener gigantische Gcbirgsknotcn an der Grenze von China und Tibet von einer vielleicht unübertroffenen Fcrnwirkung für die Vegetation der Erde und besonders für die Pflanzendecke der nördlichen Halbkugel gewesen ist. Und darum sind jene cnU lcgcnen, noch so wenig erforschten Gebiete auch für den Botaniker boll von Problemen, gerade so, wie sie für die Geologie und manchen anderen Zweig der Erdkunde die wichtigsten Aufschlüsse zu versprechen scheinen.— Bergbau. — Der größte Platinklumpcn. Aus Petersburg be- richtet die„Chemiker-Zeitiing": Zwei große Klumpen gediegenen Platins sind Anfang Oktober in den bekannten, den Erben des Grasen Schuwalow gehörenden Platinlagerffäiten des Kreises Perm im gleichnamigen Gouvernement, diesseits des Urals, aufgefunden worden. Der eine Klumpen wiegt fast 4 5cilogramm, während der andere das um mehr als Doppelte größere Gewicht von 3,4 Kilo- gramm besitzt, also etwas schwerer ist als der bis jetzt bekannte größte, von Gangart freie Plaiiuklumpcn von 3,33 Kilogramm. Die beiden Klumpen befanden sich in einer Tiefe von l'/s Metern am Ufer des Flüßchens Iß und waren mit dem sie umgebenden Chrom- eisenerz und Olivingestein nicht verwachsen] sie besitzen eine voll- kommen abgerundete Form, eine helle Farbe, sind massiv und haben das spezifische Gewicht 18,13 bezw. 18,06. Augenscheinlich müssen diese beiden Platinklunipcn von ihrem ursprünglichen Fundorte fort- getragen worden sein.— Humoristisches. — In Gedanken. Führer(auf eine Bergspitze zeigend): „Hier der Großglockner I' T o n r i st:„Hier Meier u. Ko.!'— — Aus dem Lokalbericht.„Einige Radaubrüder haben heute wieder die Ruhe unseres Städtchens durch wüste Rauffzcneu gestört. Unter den Verletzten befindet sich auch unser hochverehrter Herr Bürgermeister."— („Lustige Blätter'.) Notizen. — Gin Schillerbuch für d i e Jugend gibt die Literarische Vereinigung des Berliner Lchrervcrcins zum hundertsten Geburtstage deS Dichters heraus. Das Buch wird außer einer Einleitung die für die Jugend verständlichen Gedichte Schillers enthalten.— — Der„ S i m p I i c i s s i m u s" hat eine Auflage von 8ö 000 Exemplaren erreicht.— — Zugegangen ist uns: Albert Sangen? Verlag S- Katalog 1894— 1904. Das Buch enthält 36 Selbstbiographien der Vcrlagsautorcn und 57 Karikaturen von O. Gulbranffon und Th. Th. Heine. Preis 1 Mark. Ausgabe auf besserem Papier 2 Rkark.— — Professor Kernst ist als ordentlicher Professor und Direktor de? Instituts für physikalische Chemie an der Universität Berlin berufen worden.— — Oskar Wildes Komödie„Lady W i n d e r m e r e S Fächer" ist nach 12 jähriger Pause in L o n d o n wieder aufgeführt worden, erregte aber kein Interesse mehr.— — Ernst wird's mit dem„Roland von Berlin'. Leoncavallo ist in Berlin und leitet die letzten Proben. Die Erst- auffühnmg findet am 12. Dezember statt.— — Wolzogen eröffnet sein Unternehmen mit der zweiaktigen komischen Oper„Die Bäder von L u c c a". Den Text hat der Freiherr nach Heinrich Heine zurechtgezimmert, die Musik stammt von Bogumil Zeplcr.— — Die„Syrnphonia dornestica" von Richard Strauß hat in Wien stellenweise außerordentlich gefallen. Daß Konzert war von der Vereinigung schaffender Tonkünstler veranstaltet worden. Gustav Mahlcr dirigierte.— — Beobachtung eines Schmetterlingszuges auf dem Meer. Daß Weißlinge sich gelegentlich zu gewaltigen Schwärmen zusammenrotten und dann weitere Wanderimgen unter- nehmen, ist eine schon mehrfach beobachtete Erscheinung, deren Ur- fachen freilich noch iücht mit wünschenswerter Sicherheit bekannt sind. Währenddes letzten Soinmers wurde ein derartiges Schwärmen am 10. und 11. Juli an der französischen Küste über der Meeres- obcrfläche zwischen den Inseln ChaUsey und Granville festgestellt. Ein Augenzeuge schildert den Vorgang folgendermaßen: Die Weiß- linge flatterten in so gewaltiger Menge umher, daß man sich in ein regelrechtes Schneegestober versetzt glauben konnte, um so eher, als der Andrang der Tiere zu Zeiten besonders dicht und heffig war, um dann wieder abzuflauen.—•(„Prometheus.') Die nächste Nummer des Unlerhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 27. November._ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LrCo., Berlin LV7.