Anttthaltnngsblatt des WorwSrts Nr. 234. Dienstag, den 29. November. 1904 (Nachdruck verboltn.) 23� Der Hlte vom Berge. Roman von G r a z i a D c l e d d a. (Schluß.) Das war meine Ahnung, sagte Basilio sich. Ich fühlte, da� etwas Schreckliches kommen sollte! Und ich bin es, Zio Pietro, der Euch getötet! Und ich hatte Euch so lieb, und Ihr habt mir zu essen und zu trinken gegeben und mich gekleidet. Und ich habe Euch getötet! Ich habe zuerst Euren Sohn als Dieb hin- gestellt, um i h r zu Gefallen zu sein; und s i e ist die erste ge- Wesen, die ihn angezeigt hat. Und ich selbst hatte das gestohlene Vieh in die Tanca gebracht. Was habe ich getan! Was habe ich getan! Auch der Hirt enrpfand tiefen Kummer, wenn er das vom Monde beschienene weiße Gesicht Zio Pietros sah,' aber er war nicht mehr jung und weich und leidenschaftlich wie Basilio. Nach der ersten Anwandlung von Reue machte er sich nicht mehr den Vorwurf, Melchior ebenfalls denunziert zu haben. In der Grotte hatte unterdes der Bursche aus Nuoro das Feuer unterhalten und sein Alleinsein dazu benutzt, den Vorrat an Brot und Käse zu verschlingen. Aus den Matten und Mänteln richteten Basilio und. Gevatter Jacu ein möglichst beguemes Lager her, auf das sie den Alten niederlegten. Dann entkleideten sie ihn: der Rücken war geschwollen und blutunter- laufen, doch kein Tropfen war aus der großen Wunde aus- getreten. Sie strichen warmes Oel auf und verbanden ihn, so gut sie es vermochten� Er wimmerte vor Schmerz und ver- sank dann wieder in Betäubung. „Sollen wir einen Arzt holen?" frug Basilio. „Der Arzt will bezahlt sein." „Er soll bezahlt werden." Er holte seinen Lederbeutel hervor, rief den Burschen heraus und gab ihm zwei Zehnlirescheine; dann hieß er ihn das Pferd nehmen. „Gehe zu Zia Bisaccia und sage ihr, daß sie einen Arzt heraufschicken soll. Sage diesem gleich, daß der Alte gefallen ist und sich das Kreuz gebrochen hat. Bezahle ihn und kaufe die Medizin, wie er es Dir sagt. Wenn Du nicht schnell machst, so hast Du es mit mir zu tun. Bestelle Zia Bisaccia auch, daß sie zu keinem Menschen davon sprechen soll, damit Zio Melchior nichts davon erfährt." Der Bursche schlug dem Pferd auf die Kruppe und trabte im hellen Mondlicht bergab. Basilio trat wieder in die Grotte, warf sich bei dem Feuer nieder und stöhnte. „Schweiget sagte endlich der Schweinehirt ärgerlich:„gib das auf, Du Unverschäniter! Jetzt weinst Du, aber... wenn ich den Mund austun wollte!" Basilio war still, aber nur um so heftiger bekümmert. Er sah Zio Pietro vor sich wie in den vergangenen guten Tagen, als Melchior noch frei war und in ihrer einsamen Be- hausung Friede herrschte: er hörte uoch die schlichten Er- Zählungen, die ihm in der ersten Zeit so großen Eindruck ge- macht hatten, und gedachte der schuldlosen Glückseligkeit, die er genossen, bevor er Paska kannte. Jetzt war alles dahin: Melchior im Gefängnis, Zio Pietro dem Tode nahe und in seinem eigenen Herzen die Hölle. Der Alte würde nicht wieder aufstehen, nie mehr würde er die Hürde bewachen: Alles war dahin. Nur ein sanfter Schimmer hätte es noch vennocht, das Dunkel seiner tieferschütterten Seele zu erhellen: Paska! Aber auch Paska, wegen der all dieses Unglück geschehen war, auch Paska entschwand ihm und verlor sich in dein Strudel, der ihn umtobte: und der letzte Lichtschimmer schwand nnt ihr. In der Morgendämmerung ging Gevatter Jacu, um nach seiner Herde zu sehen. Der Himmel war klar und versprach einen schönen Tag. Als er dann zur Grotte zurückkehrte, sah er Basilio ihm entgegenkommen, mit fahlem Gesicht und geschwollenen Augen. „Zio Pietro kommt zu sich," sagte er.„Wäre es nicht gut, wenn er sein Testament machte?" „Sein Testament?" „Ja, sein Testament. Du weißt, wenn Melchior ver urteilt wird, dann nimmt das Gericht alles. Wenn aber Zio Pietro sein Testament macht auf einen anderen... Er selbst hat mir oft erzählt, als er Knecht war, hat seine Herrin ein Testament auf ihn gemacht, weil ihr Sohn im Gefängnis war, und dann hat er alles herausgegeben und das Gericht kriegte keinen Heller." „Und Du meinst?"— sagte der andere verlegen und blickte zu Boden. „Ich schwöre, daß meine Mutter mich nie wiedersehen soll, wenn ich nicht ebenso täte!" rief Basilio und er meinte es auf- richtig. Der Hirt betrachtete ihn, und sie blickten einander ins Auge. „Wenn Du willst, so wird Dein Herr nicht verurteilt. Warum Zio Pietro diesen letzten Schmerz bereiten? DaS wäre, als ob man zu ihm sagte: Ihr liegt im Sterben und Euer Sohn wird verurteilt werden." Gedankenvoll traten sie wieder in die Grotte. Zio Pietro jammerte; es war nicht mehr das frühere bewußUose Stöhnen, sondern laute Klage, die noch weit ergreifender war, weil sie außer dem körperlichen auch seelischen Schmerz ausdrückte. Er bewegte die rechte Hand und schien etwas zu suchen: kaum hörte er die beiden eintreten, so fragte er ächzend:„Wo ist er? Wo habt Ihr meinen Stock gelassen?" „Wozu braucht Ihr ihn jetzt, Zio Pietro? Seid doch ruhig!" „Es ist wahr, ich brauche ihn nicht mehr," antwortete er nicht ohne Bitterkeit. „Warum hast Du mir nicht geholfen, kleiner Basilio? Durch Deine Schuld muß ich sterben, ohne meinen Sohn wieder- gesehen zu haben." Das war sein erster, sein einziger, sein letzter Vorwurf. Basilio war's, als ob ihm eine lange Nadel ins Herz dränge: er ging hinaus und rang die Hände in Reue und Ver- zweiflung. Der Hirt erwärmte ein wenig Milch, kniete neben Zio Pietro nieder und ließ ihn trinken. Der Alte versuchte den Kopf zu heben, aber seine Lippen Zuckten vor Schmerz, und der ganze Körper zitterte. Dann setzte das Fieber wieder ein, das Gesicht brannte, und er fing an zu phantasieren; er bewegte die Hände, als ob er sich von einer unerträglichen Last befreien wollte. Mit heiserer Stimme, doch in sanftem, fast kindlichem Ton sprach er allerlei zusammenhanglose Dinge, Gebete, Erzählungen, alte Lieder; er sprach zu seinem kleinen Melchior und zu seiner ver- storbenen Frau: er erinnerte sich an kleine Einzelheiten aus seiner Jugend und blickte in weit entlegene Zeiten zurück. Aber er ächzte bei jedem Atemzuge, und wenn er eine Bewegung machte, schrie er vor Schmerz; von Zeit zu Zeit suchte er seinen Stock und bat darum. Auf einmal wurde dieses Suchen bc- ängstigend, und jede Bewegung der Arme vermehrte den quälenden Schmerz der Wunde. Und alle Zuckungen dieser Qual sah Basilio mit an und empfand fast körperlichen Schmerz. Nichts tun zu können, nicht zu wissen, was zu tun, um die Leiden des guten Alten zu lindern, das vermehrte seine Pein und gab ihm einen grausam mitleidsvollen Wunsch ein:' Möchte er doch bald sterben, daß er aufhört zu leiden! „Geh," sagte der Hirt,„geh und suche den Stock, vielleicht wird ihn das beruhigen." Basilio stürzte fort, als ob er einen Alp von sich abschütteln möchte. Als er zu der Stelle gelangte, wo sie Zio Pietro ge- funden hatten, tauchte eben die Sonne aus dem Meere auf. Die ganze Natur atmete reinste Morgenfrische. Auf und all kletternd, zwischen dem Gestein und in den alten Felsspalten, unter den Sträuchern und im taufeuchten Moose suchte Basilio und vergaß für einen Augenblick seinen Kummer. Aber er fand den Stock nicht Traurig kehrte er zurück; bevor er wieder eintrat, ging er zu dem Fußpfad imd schaute nach dem Arzt aus. Doch niemand kam. In der weiten Tanca sprangen nur die Zicklein umher und steckten die vom Maulkorb umschlossene Schnauze tief ins Gras. Eine Schar grunzender Ferkelchen war unerlaubter- weise in die Tanca eingedrungen; doch heute kümmerte sich niemand darum. . Niemand kam. Und doch standen die Felsen im Morgen- glänze wie wartend da; die Ziegen standen auf den Abhängen, zwischen dem Gesträuch und blickten mit großen, traurigen Augen in die Ferne; die Katze saß über der Grotte, und in ihren halbgeschlossenen, grünen Augen spielten seltsame Lichter; der $unb stieß ein klägliches Geheul aus. Was sahen ste? Was erwarteten sie? Welches Geheimnis nahte? Im vollen Glanz des Morgens schien Gras und Laub, Fels und Tier, von dem heimlichen Schrecken erfaßt, der so oft idie Seele Zio Pietros beklemmt hatte. Es kam der Tod. Als Basilio in die Grotte trat, lag der Alte im Sterben. Mit bloßem Kopfe, ein brennendes Lichtstümpfchen in der Hand, kniete der Hirte neben ihm und betete; dicke Tränen liefen ihm über die Wangen. Auch Basilio warf sich auf die Knie; er konnte nicht mehr weinen, er erinnerte sich nur eines alten Kindergebets. Zehn-, zwölfmal sprach er dies Gebet, die weitgeöfftwten Augen auf das Antlitz des Sterbenden geheftet. Er sah, wie der weise Bart sich noch leise bewegte, wie die Augenlider sich zu heben versuchten, wie die bläuliche Hand ein paarmal suchend zuckte. Was suchte sie? Den Stock? Basilio empfand darüber tiefes Leid und bereute bitter, nicht besser gesucht zu haben, bis er den treuen Gefährten gefunden und zurückgebracht hätte. Er betete nicht mehr, er weinte nicht mehr; er war starr, wie ver- steinert im Anblick des Todes. Der Bart des Sterbenden bewegte sich noch einmal deutlicher; die blutgefärbten Lippen zuckten, die Lider hoben sich. Dann war es zu Ende. Der Hirt löschte die Kerze und machte mit dieser ein großes Kreuz über des Toten Stirn, Brust und Schultern; er drückte ihm die Lider zu und faltete die Hände auf der Brust. Dann ging er hinaus und weinte. Basilio beugte sich über den Toten; bleich, unbeweglich erforschte er das große Geheimnis: Der starre, stumme Körper würde sich also nie mehr aufrichten; die Lippen würden nicht mehr zu chm sprechen! Und gestern um diese Stunde war er noch gesund; und morgen würde auch die kalte Hülle nicht mehr da sein. Mchts mehr, wie weit man auch auf Erden suchen möchte, nichts mehr würde von diesem Manne zu finden sein! Ein düsterer Schatten trübte die klaren Augen Basilios: zum erstenmale ahnte seine wilde, unbewußte Natur das feier- liche Geheimnis des Lebens und des Todes. Ganz leise, wie ein Kind, sagte er: „Zio Pietro, steht Ihr nicht mehr auf? Hört Ihr mich nicht mehr? Ich bin Basilio, wißt Ihr? Hört Ihr mich nicht mehr? Ich konnte ihn nicht finden. Euren Stock, aber ich will suchen, bis ich ihn finde, wenn Ihr ihn auch nicht mehr braucht. Ach! Zio Pietro, denkt Ihr noch an gestern um diese Zeit? Was kann nicht alles geschehen in wenigen Stunden! Vielleicht werde auch ich niorgen um diese Zeit tot sein. Das ist ganz gut möglich. Wird mir Zeit bleiben, zum bereuen? O, Zio Pietro, sagt es doch niemand, daß Ihr durch meine Schuld gestorben seid! Erzählt mir noch eine kleine Geschichte! Wißt Ihr noch, Zio Pietro. die Geschichte von dem König, der Eselsohren hatte? Ach, Ihr kommt nun nicht mehr in die Hütte und Ihr werdet Euren Sahir nicht mehr sehen! O, Zio Pietro! Mein Zio Pietro!" Und für sich wiederholte er die letzten Worte des Toten: Kleiner Basilio, durch Deine Schuld sterbe ich, ohne meinen Sohn wiedergesehen zu haben! Dann stand er auf und schrie verzweifelt: „Und ich sagte es zum Spaß, Zio Pietro, daß Ihr sterben würdet und nun seid Ihr wirklich tot!" Erst die Ankunft des nuoresischen Burschen mit dem Arzte und anderen Männern machte seiner letzten Zwiesprache mit dem Toten ein Ende. Nachdem die nötigen Aufnahmen gemacht waren, legte man ihn auf eine mit Laub bestreute Bahre und trug ihn fort. Basilio wollte vorher noch den Stock suchen, um ihn dem Toten in die Hände zu geben. Jemand lachte über diesen Ge- danken, aber er gab ihn deshalb nicht auf. Am Nachmittag, nachdem auch die Neugierigen fort waren, melkte er die Ziegen, zählte sie, schickte die Milch nach Nuoro und dachte endlich daran, sich und die Haustiere zu stärken. Ter Hund hörte"nicht auf, zu jammern, die Katze schlich ge- drückt und hungrig umher; doch der Hase hatte die Gelegenheit benutzt und endlich seine langersehnte Flucht ausgeführt, nur ein Stück zernagter Schnur zurücklassend. Sobald Basilio Zeit fand, ging er wieder in den Felsen am Cuccuru Nied du, um den Stock zu suchen. Er bemerkte einige Fußspuren, die er für die Zio Pietros halten mußte, und indem er diese verfolgte, wurde es ihm klar, welche Angst der Verirrte zwischen dem Gestein erlitten haben niußte. So kam er auch zu dem kleinen Vorsprung, von dein Zio Pietro ab- gestürzt war. Er stichtc einen gefahrlosen Abstieg und gelangte gerade zu der Stelle, wo sie den Alten gefunden hatten. Und während er müde, mit schweren Augenlidern auf dem Boden umherkroch, Moos und Gras und Gesträuch durchsuchend, sah er in dem beginnenden Dämmerlicht immer nur den Toten vor sich, den geschwollenen, blutunterlaufenen Rücken, die rote Schramme auf der rechten Hand, das welke Blatt zwischen den weißen Barthaaren. Da überwältigte ihn der Schmerz; er warf sich auf den Stein nieder, auf den Zio Pietro gestürzt war. Ueber seinem Kopfe zogen langsam die Wolken hin; die fernen Berge ragten düster am bedeckten Himmel auf; doch Basilio sah nur den wunden Rücken, das welke Blatt in dem weißen Barte, und wiederholte sich die letzten Worte des Ster- benden. Um sich von diesem Alp zu befreien, überlegte er, daß auf sein Zeugnis hin, apf das der Gevatter Jacu und anderer Zeugen, die er um jeden Preis auffinden wollte, Melchior sofort in Freiheit gesetzt werden müßte. Dann dachte er an Paska, an den Abend, wo auf dem Vorsprung von Monte Bidde, in dem blauen Dämmerlicht sein Herz wild aufgeschrien hatte: „Soll ich den alten Zio Pietro totschlagen? Sprich nur, sprich! Ich will lügen, morden, alles tun, was Tu willst, nur aus Liebe zu Dir..." „Soll ich den alten Zio Pietro totschlagen?" Ja, er hatte ihn getötet; aber jetzt war es ihm, als ob all die Glut, die bis dahin in seinem Herzen gebrannt, erloschen sei; als ob lange Jahre dahingegangen seien, seit der Zeit, in der er sich an Paskas Liebe sinnlos berauschte. Und es war ihm, als ob nichts auf der Welt ihm je wieder Frieden geben könnte.— (Nachdruck verbot«».) Menn die Senfe klingt.) Von Otto v. Leitgeb. Ein Bild von der Landstraße gibt mir zu denken,— von der Lebensstratze. Durch den Wald spukt der Herbst, wie ein Gespenst. Es ist noch nicht seine Zeit, der Sommer will beileibe noch nicht weichen, im Gegenteil; alles strotzt von Kraft und Leben; alle Säfte, die er gebraut hat, sind gar, zum Ueberfließen,— es ist die Zeit der Reife. Die Obstbäume neigen ihre fruchtbcladenen Neste weit gegen die Erde, in stolzem Reichtum bereit, ihre Gaben abzuschütteln. Die Ackerbreiten wogen wie ein goldgelbes Meer, so dicht und schwer stehen die Achren, bereit zu fallen. Wenn die Sense klingt, ist die Zeit, wo Leben und Tod so recht in einander fließen. Bon diesem Punkte an der Landstraße sieht man mancherlei. Drüben den dunklen Wald, und mitten in seinem Grün, hie und da, die Gestalt einer Lärche, deren Nadeln schon fahl geworden sind und die nun dasteht, wirklich wie ein Geisterbaum, wie eine Leiche zwischen Lebenden. Links und rechts von der Straße liegen die herrlichen, schnittreifen Felder. Und da hinter dem Walde ein blei- schwarzer Wolkenrand am Himmel ragt, hat der reiche Bauer seine Knechte und Mägde angespornt, wie er nur konnte, um mit der Arbeit vom Flecke zu kommen. Wer weiß, was hinter der schwarzen Wolke steckt, die ganzen Sonnentag lang schon jenseits des Waldes lauert und nur gerade einen Teil ihres Leibes vorgeschoben hat. wie ein Lindwurm ein paar Ringel seines dräuenden Schuppen- Panzers. Der reiche Bauer ist ein großer, hagerer Mann. Er kann lustig und schnurrig sein, wenn er will, und hält seine Leute weit über den Feierabend hinaus an der Arbeit, mit aufmunternden Reden. mit anfeuernden Gesten und mit seinem Beispiele. Bald sieht man ihn da, bald dort, zwischen den Mähern. Er hat die flinksten Beine, seine Arme sind lang und hager, seine Hände unermüdlich. Er trägt die längste Sense; sie flammt und blitzt in der Sonne, wenn er weit ausholt damit und in breiten Bögen die Halme nieder- sichelt. Wie Schwcrtklingen funkelt es zwistpcil den Nehren. Reihe um Reihe sinkt zu Boden. Und auf der Wiese neben dem Acker tummeln sich Kinder, sie johlen und kreischen, wälzen sich im Grase, singen und lachen. Auf einem Prellsteine an der Straße sitzt ein uralter Men,ch. Sein mageres Gesicht ist von hundert Furchen und Runzeln durch- zogen. Ein schneeweißer, struppiger Bart hängt auf die einge- sunkene Brust herab. Ein paar silberne Haarlocken fallen unter dem zerrissenen Hute auf die schmalen Schultern, die ein faden- scheiniger Soldateitrock umhüllt. Der Rock ist nicht geschenkt und nicht gestohlen. Er ist mit seinem Herrn alt geworden. Die Brust, die er deckt, war einmal breit und stramm, manch ein Liebchen hat den heißen Kopf daran gelehnt, vielleicht ist manche Träne darauf gefallen, oder auch Tropfen von Blut. Der alte Soldat ist Aus der soeben erschienenen Novellensammlung„V e- drängte Herze n". Berlin. E. Fleische! u. Ko. Preis: 3,60 M.— Ein Stück dieser Sammlung,»Der Keil", wurde den Lesern der„Neuen Welt" im Herbste geboten. Leitgeb zählt zu unseren besten Erzählern.— mehr als einmal im Kriege gestanden; viel Leben, viel Sterben hat er gesehen. Er ist so uralt geworden, daß er selbst seine Jahre nicht mehr zu zählen vermag. ... Nachdem er sich hier niedergelassen hatte, blickte der Greis ein Weilchen still um sich her, wie um sich in der Gegend zurecht- zufinden. Dann langte er den schmutzigen leinenen Schnappsack von seiner Achsel herunter. Gott weist, wie viele Jahre er den schon mit sich getragen I Darin staken Speisereste und vertrocknetes Schwarzbrot: Tuchfleckchen, die zu nichts mehr brauchbar schienen; eine alte, blecherne Feldflasche; ein Tabakbcutel und ein Holz- Pfeifchen mit abgenagtem Rohre. Der Alte langte eine Brotrinde aus dem Sacke hervor, band ihn dann sorgfältig wieder zusammen. hing ihn wieder über die Schulter und begann mit dem zahnlosen Munde seinen kärglichen Jmbist zu verzehren. Da kam ein kleiner, fröhlicher Zug von Menschen vom Dorfe herab, die Landstrahe daher. Voran eine junge, schmucke Dirn im Sonn- tagsstaat. Sie trug ein winziges Menschlein sorgsam im Arme, hin und wieder an dem Spitzentuche rückend, wovon das Gesichtchen des schlummernden Kindes bedeckt war. Neben ihr schritt ein vier- schrötiger, jugendlicher Bauersmann. Auf seinem breiten, roten Gesichte lag ein zufriedenes Lächeln und zuweilen ruhte sein Blick mit Vaterstolz auf der kleinen, verhüllten Gestalt. Der Mann war schwer von Speise und Trank und der Tag hatte viel gekostet, denn noch vor Mittag war die Festlichkeit angegangen. Aber dies be- deutete auch etwas Gehöriges im Leben, denn heute war sein Erst- geborener in der Dorfkirche getauft worden. Hinter den Zweien gingen noch ein paar Leute, schwätzend und lachend; auf allen Gc- sichter» lag der Ausdruck des Vergnügens. Der Greis sah ihnen mit gleichgültigen Blicken entgegen und dann wieder gedankentos zum Walde hinauf und hinab zur Wiese, wo die spielenden Kinder sich tummelten. Als die Leute näher kamen, stiest einer von ihnen einen gellenden Juchzer aus. Die Mäher unten antworteten, und trotz der emsigen Arbeit blickten sie auf. Sie erhoben, als geschähe es auf ein Komanndo, alle ihre Sensen hoch in die Luft und schwangen sie zum Gruhe hin und her, dast es ganz phantastisch aussah, wie die scharfen, blanken Klingen sunkelten, als mähten sie unsichtbare Saat. Der junge Bauer jedoch reichte dem greisen Bettler ein Geldstück hin. Der Greis nickte, nahm es, nestelte eS in die Tasche und sah dann wieder so gleichgültig voH sich weg, wie früher. Ein paar Schafe stoben erschrocken blökend vom Grabenbord hinab.— Und abermals kamen Menschen die Strahe daher, still und feicr- lich. Man trug einen Toten zu Grabe. Hinter dem Priester, der halblaut Gebete sprach, schritten vier Männer unter der Last eines schlichten, schwarzgestrichenen Sarges. Ein Bahrtuch, ein ent- särbter Fetzen, hing darüber und bedeckte ihn spärlich. Nach den Männern kamen noch einige wenige Leute. Unter ihnen schritt ein Weib in ärmlichem Anzüge daher. Sic schluchzte laut und hielt sich die Schürze vor die Stirne. Nur hm und wieder blickte sie scheu hinüber, auf den Sarg. Ihr Gesicht war hohlwangig und verkümmert und die Augen rot vom Weinen. Ein kleines Mädchen von fünf oder sechs Jahren lief neben der Mutter her und hielt sich krampfhaft an ihrem Rocke fest. Auch auf ihren Wangen schimmerten Tränen. Sie hatte geweint, weil die Mutter so traurig war. Allein von den Weibern, die mit dem Täufling gegangen waren, hatte, als sie den Trauerzug vorüberliesten, eines dem Kinde eine Butterkringel in die Haitd gedrückt, und min tat die Kleine ab und zu doch einen Bist hinein und verstand ja überdies nichts von allem, was vorging. Auch diesem Zuge sah der Greis entgegen mit dem stillen, teil- nahmlosen Blicke. So viel Leben, so viel Tod hat er auf seiner langen Wanderung gesehen I Ter Mensch lebt, wächst, fällt, wie die Saat der Erde. Aus dem nächstliegenden Gehöfte waren ein paar Frauen auf die Strahe hinausgelaufen und standen nun neben ihm. „Die arme Weberini" sagte die eine. „Jal" seufzte die andere.„Und wovon soll sie nun leben, mit den fünf Würmern?" „Sterben müssen I" sagte die erste.„Und so, in den besten Jahren—" Unbekümmert um alles nagte der Greis weiter an seiner Brot- rinde. Es ging langsam mit den müden Kiefern. Nur als der düstere kleine Zug vor ihm vorbeikam, hielt er einen Augenblick innc, zog mit der bebenden Rechten langsam den Hut vom Kopfe und nickte ein paar Mal, zum Gruhe. Auch sah er ihnen ein Weilchen nach, mit den müden trüben Augen. Dann drückten die zitterigen Finger den alten Filz wieder auf das dünne Haar, er führte die letzten Bissen zum Munde und wischte sich mit dem Handrücken die dürren Lippen. Die Kinder auf der Wiese drüben mochten keinen Gedanken haben von dem traurigen Geleitc. Sie sahen nur, dast es wieder Menschen gab, die kamen und gingen, und wie es heute immerzu lebendig war mif der Strahe. So schrieen sie auch jetzt den Vor- übergehenden zu, jubelten und warfei. ihre Mützchcn in die Luft. Es war ein wahrer Sonnentag. Unten, die Mäher im Kornacker, standen alle still und hielten die Sensen auf den Boden gestellt. Die blinkenden Klingen sahen nun au?, wie schmale, flackernde Wimpel.——— Ueber dem Walde hat der Wolkenleib sich ein wenig höher ge- hoben und hcrvorgcschoben. Jetzt aber ist Feierabend längst vorüber. Ter reiche alte Bauer steht mitten auf dem nicdcrge- mähten Acker, er wischt sich den perlenden Schweist von der Stirne und blickt lächelnd über die Stoppeln; das Tagewer! ist gelungen. Die letzten Sonnenstrahlen verglühen rasch an dem Wolkcnleib« droben; er sieht aus wie dichter schwarzgrauer Rauch. Nun sammeln sich die Mäher. Sic schultern ihre Hippen und kommen über den Abhang herauf, eine lange Reihe. Und sie ziehen auf der Strohe fort, voraus der lange, hagere Mann. Die Kinder beeilen sich, mitzukommen. Jauchzend krabbeln sie zur Strohe empor und laufen hinterdrein. Der Greis erhebt sich steif und mühsam. Er saht seinen langen Stecken und geht langsam, tief gebückt die Strahe hinauf, den anderen nach, dem Dorfe zu, wohin sie den Toten getragen.— Kleines feuilleton. 0. w. Polier. Bei Maurern und Zinnncrleuten wird der an- ordnende und die Aufsicht führende Werkgeselle Polier genannt. Das Wort wird wahrscheinlich von den meisten Leuten mit polieren in Verbindung gebracht, ohne dast eS ihnen freilich gelingt, damit einen vernünftigen Sinn hineinzulegen. Und doch könnte es als richtig erscheinen, weil früher die Nebenform Polierer bestand. Denn Goethe schreibt noch: Man darf die Zeichnung für eine Arbeit des Auffehers und Polierers der Bauhütte annehmen. Im sechzehnten Jahrhundert, wie noch jetzt im Bayrisch-Desterreichischen, sagte man Polierer, und dieses ist wieder aus noch älterem Parlierer geworden. Daneben kommen auch die kürzeren Formen Palier und Parlier vor. Alle diese Formen aber sind von dem Worte parlieren ab- geleitet, das seinerseits wieder vom französischen parier(sprechen) herkommt. Also bedeutet Polier: der Wortführer, der Sprecher, der Geselle, der für seine Mitgesellen zu sprechen hat. Bochulke. Jetzt, wo wir wissen, was wir mit dem Worte Polier für einen Sinn zu verbinden haben, wollen lvir uns noch im Vorbei- gehen zu einer anderen, aber weniger einflußreichen Persönlichkeit wenden, die vielfach auch auf Bauten ihr Wesen treibt. ES ist der Bachulke oder richtigter Pachulke, der zu allen möglichen und un- möglichen Arbeiten verwendet wird. Zur(Mlänmg dieses Wortes müssen wir statt nach Westen zu unseren östlichen Nachbarn, den Polen oder Russen gehen. Im Polnifchen heißt xacbolslr: Knecht, Diener, jemand, der alles machen muß, ebenso im Westrussischen xacbololr: Bursche, Knecht.— gc. Ueber die Sekte der Gucbern(Feueranbeter) oder Parsen, die der Lehre Zoroasters treu geblieben sind, berichtet ein englischer torschungsreisender auf Grund eigener Beobachtungen interessante inzelheiten. In der alten Stadt Jesd, in der nach seiner Schätzung lOOOO Anhänger dieser Sekte leben, genoß er während seines dorttgen dreiwöchigen Aufenthalts die Gastfreundschaft eines unter seinen Glaubensgenossen angesehenen ManneS und fand so reichliche Gelegenheit, aus dem Munde der Feueranbeter näheres über ihre religiösen Gebräuche und Anschauungen zu erfahren. Ueber ihre soziale Stellung den Muselmännern gegenüber konnte er nicht lauge im Zweifel bleiben. Sie werden von diesen nicht besser als„Aus- gestoßene" behandelt und von ihnen als mindestens ebenso böse Ketzer wie Christen und Juden angesehen; die Guebern müssen sich, damit jeder sie sofort äußerlich als solche erkennen kann, ausschließlich in gelbe Gewänder kleiden; sie dürfen an den Füßen keine Socken tragen und nicht auf dem Rücken eines Pferdes reiten. Wenn sie zu diesem Zwecke einen Esel benutzen und einem Muselmann begegnen, sind sie gezwungen, abzusteigen. Während des Aufenthaltes des Engländers in Jesd wurde ein Anhänger der Lehre ZoroafterS öffentlich gezüchttgt, weil er iin Bazar niit seinem Gewand zufällig einige zum Verkauf ausgestellte Früchte berührt hatte, die dadurch in den Augen der fanatischen Muselmänner für die Gläubigen untauglich zum Genuß geworden waren. Im täglichen Verkehr mit den Feueranbetern lernte unser Gewährsmann ihre Zuvorkommenheit, ihre Ehrlichkeit und ihren Fleiß hochschätzen. Sein freundlicher Hauswirt schenkte ihm bald völliges Vertrauen und machte ihn auch mit der Bedeutung des heiligen Taues bekannt, das die Feueranbeter zu tragen pflegen. Dieses Tau(Kuschti ge- nannt) besteht auS 72 Fäden, die zunächst zu zwölf Litzen zufammengcwebt werden; aus ihnen verferttgt man dann drei Taue, die schließlich zu einem einzigen, zu einem heiligen Tau ineinander geflochten werden. Sie versinnbildlichen die drei vornehmsten Grundsätze der Lehre ZoroasterS, nämlich gute Ge- danken, gute Worte und gute Taten. Erst wenn dem junge« Feueranbeter das heilige Tau feierlich überreicht ist, gehört er zur reli- giösen Gemeinschaft. Bei dieser für ihn so bedeutungsvollen Ge- legenheit wird er auch in das Geheimnis der besonderen Knoten eingeweiht, zu denen das heilige Tau bei jedem der fünf täglichen Gebete von neuem verknüpft wird. Aus Achtung vor dem von ihnen angebeteten Feuer enthalten sich die Guebern des Rauchens, dagegen gestattet ihnen ihr religiöses Gesetz, im Gegensatz zu den Moham- medanern, in deren Mttte sie leben, sich dem Genüsse des Weines mit Mäßigkeit hinzugeben.— Theater. Freie Volksbühne. Die Inden. Schauspiel in vier Akten von Tschirikow.— Wenn der Vorhang sich hebt, sehen wir den alten Rcb Leiser in seiner Uhrenwerlstatt. Eine ein- fache Behausung. Still ticken die Uhren. Neben ihm sein Gehülfe, gleichfalls still arbeitend. Neb Leiser ist bedächtig und überlegend geworden in seinen langen Jahren. Er drängt seine Anschauungen und Urteile niemand auf. Er behält sie für sich. Er sieht aus wie ein alter Patriarch, voller Ruhe und inneren Lebens. Er glaubt an den Zionismus, er glaubt an ein besseres Leben in Palästina. Aber auch hier wägt er, hört ruhig mit an. wenn der wohlhabende Dr. Fuhrmann seine Lehre: werde reich, und du wirst geduldet, vorträgt. Sein Alter hat ihn ruhig gemacht. Anders Rachmann. Er glüht für seine Sache, er glüht für Zion. Seine einfachen Gefühlsbeweise, die im Sturm alles Reale überspringen, leuchten den einfachen Naturen ein. Der Gehülfe LeiserS ist sein begeisterter Anhänger. DieS ist die alte Welt und hier müssen wir einen Strich machen. Jenseits stehen die neuen Charaktere. Diese kemien den Begriff Entwickelung. Sie haben ihre Begierden im Zaum. Sie poltern nicht. Sie drängen sich nicht mit ihren allzu persönlichen Wünschen in den Vordergrund, sie verlangen nicht sofort den Himmel auf Erden. Hier, hier auf der Erde, die beherrscht wird von denen, die ihren Vorteil im Auge haben, da wollen sie wirken und arbeiten, an ihrem Teile. Stück für Stück wollen sie so dem Feinde sein Gebiet abringen. Sie werfen nicht mit Phrasen um sich. Still und schweigsam gehen sie ihren Weg. Sie hassen das allzu Laute. Reb Leisers bedächtige Art findet in seinen beiden Kindern, der tief fühlenden, wahrhaftigen Lija und dem über- legen ruhigen Boruch eine natürliche Weiterentwickelung. Aeußerlich steht Leiser seinen Kindern, die so ganz andere Ideale haben, die über daS Judentum hinaus zum Menschentum streben und in Petersburg Kameraden gefunden haben, mit denen sie sich eins wissen, die von der sozialen Menschheitsentwickelung erwarten, was die Schwärmer von Zion träumen, frenid gegenüber. Aber ihre offene, ehrliche, gründliche Art ist von seinem Stamme. So bildet der alte Leiser' doch als Charakter die psychologische Ueber- leitung und Verknüpfung zu dem neuen Geschlecht, das wie es auch im Stück gut zum Ausdruck kommt, nicht so viel redet wie der Schwärmer Nachmann, dafür aber denkt und sich über sich selbst klar und klarer wird. Zu ihnen gesellt sich der jüdische Arbeiter Jserson, der mit Recht fragt:„Ihr verweist uns immer auf Zion— warum nicht hier?" Die fanatische Art NachmannS findet in ihm. der von der Not unterdrückt ist, noch ein ent- sprechendes Echo. Lija liebt nicht den Juden Nachmann, sondern den Christen Beresi», Boruchs, ihres Bruders Studienfreund. In einer erschütternden Szene, die von Tilla Dürieux und Adolf Klein in großen und feinen Linien gespielt wurde, erfährt der Vater davon. Diese Szene gehört mit zu dem Schönsten und Dichterischsten in dem Stück. Wie der Alte wie ein achtunggebietender Patriarch in der Tür steht, seine Tochter weinen sieht, dann allmählich leise ihrer Seele naht, mit unaufdringlichen, schonenden Worten, das ist aus einem Guß. Auch in Lija schlummern noch die jüdischen Instinkte, des Pflicht- bewußtsein, die Anhänglichkeit. Als die entfesselte, bestialische Menge hereinbricht, bleibt sie bei ihrem Vater, flicht nicht i allein steht sie mit dem Revolver der Menge gegenüber und gibt sich den Tod. So beginnt das Stück eigentlich ohne Anfang, und schließt ohne Schluß. Es ist ein Ausschnitt aus dem Leben, und wir sehen ver- schiedene Charaktere nicht werden, sondern fertig stehen sie vor uns. aus ihrem Reden entnehmen wir nach und nach, was im Kern in ihnen rnht. Die Schwächen des Stücks liegen darin, daß der Autor zu viel hat geben wollen. Es geht zu viel durcheinander. Sind schon die Personen an sich vielleicht allzusehr mit dem Ver- stände ausgesucht und typisch einander gegenübergestellt, so herrscht einmal ein unklares Verhältnis darüber, ob der Autor eine mensch- liche Tragödie hat darstellen wollen, intime, persönliche Schicksale (dann fehlen zu sehr die Einzelziige, das Programm überwiegt) oder an Beispielen ein typisches, allgemeines Erleben hat kennzeichnen wollen, das jüdische Schicksal symbolisierend sdann sind die Linien nicht klar und hart genug). Dazu kommt noch, daß russisches Arbeiterelend und zionistische Ideen wie ein Knäuel sich miteinander verlvirren. Freilich erhöht sich andererseits damit loieder die Lebens- »vahrheit: einer in jedem Punkte vollendeten Aufführung würde es vielleicht gelingen, jedes für sich gesondert herauszuheben und doch das Ganze zum Symbol zu runden. Dann erscheint vielleicht auch die hereinbrechende Menge nicht bloß als äußerlicher Abschluß, den der Autor braucht, sondern als einer jener dumpfen, schwerwuchtenden Zufälle, die das Leben oft so sinnlos er- scheinen lassen. Diese Macht müßte nicht so unvermittelt auftreten, sondern ihr Schatten müßte schon vorher auf die Bühne fallen, so daß wir ahnen, wo wir jetzt nur erstaunt sehen. Unter �den Darstellern ragte Tilla Durieux(Lija) hervor durch die Schlichtheit ihres Tones. In Haltung und Bewegung bot sie oft überraschend suggestive Monicntc. Neben ihr hielt sich gleich gut Adolf Klein(in vorzüglicher Maske als Reb Leiser), eine wohldurchdachte Leistung. Auch I a r a y(Boruch), Josef Klein (Beresin), v. W i u t e r st e i n fligten sich gut dem Ganzen ein, das dichterisch vielleicht noch unfrei ist, künstlerisch noch zu wünschen übrig läßt. Jedoch— sehen wir unsere anderen Theater und unsere heutige Produktion an, haben wir da nicht genug prätentiöse Künstelei, die vor dem Wesentlichen, Zupackenden ängstlich zurück- schreckt und, vor den machtvollen Trieben des Daseins sich hütend, sich ein kleines Glück ani Herde baut, während draußen die Stürme brausen?— e. s. Lerantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Aus dem Pflanzenleben. tz. Treiblaubfall. Julius Wiesner hatte uns jüngst init dem Sonrmerlaubfall bekannt gemacht, einem Abfallen von Blättern, das in ganz normaler Weise an vielen unserer Bäume während der warmen Jahreszeit stattfindet. Nun»lacht er auf den Treiblaubfall aufmerksam, den er an Lorbeer und anderen immergrünen Gewächsen beobachtet hat. Diese Pflanzen werfen, selbst wenn sie von den verschiedensten äußeren Einflüssen, unter denen sonst Blätter abfallen, getroffen werden, ihr Laub nicht ab. Lange Berieselung mit Wasser. Verdunkelung, selbst Trocken- heit, vermögen Gewächse wie den Lorbeer, die Myrte, den japanischen Evonymus, die Aucuba, nicht zum Fallen- lassen des Laubes zu bringen. Wohl werden selbstverständlich auch die Blätter immergrüner Gewächse durch gewisse Einflüsse zum Ab- sterben gebracht, aber auch dann lösen sich sehr viele von ihnen nicht von den Zweigen ab. Erst der Treibl'aubfall befreit diese Pflanzen von den überflüssigen Blättern. Sobald sie nämlich zu treiben be- ginnen, fällt das verdorbene Laub sofort ab. Auch an Nadelhölzern kommt der Treiblaubfall vor. Wiesner kultivierte in einem Topf im Kalthause einen TaxuS von 1 Meter Höhe. Dieser besaß, be- vor er zu treiben anfing, 287 Zweige mit etwa 17 000 Blättern. Täglich verlor er im Durchschnitt 9,3 Nadeln. Als aber am 18. April die Knospen zu schwellen begannen. verlor er täglich durchschnittlich 21 Nadeln. In der Zeit des regsten Treibens, vom 28. April bis 7. Mai fielen im Durchschnitt jeden Tag 510 Nadeln. Später entwickelten sich die jungen Triebe lang- sanier und der Blattfall belief sich nunmehr auf 131 Nadeln pro Tag. Als aber der Trieb gänzlich nachließ, wurde die Zahl der täglich fallenden Nadeln wieder ganz klein. Manche sommergrünen Pflanzen, z. B. die Eichen, verlieren auch erst ihr Laub, das sie allerdings in gänzlich abgestorbenem Zustande den Winter über an den Zweigen behalten, zur Zeit der neuen Vegetation. Sie haben also auch einen Treib- laubfall. Wiesner stellte mit dürrem Laub voll besetzte Zweige der Zerreiche ins Kalthaus. Die Knospen ivaren noch in der Wintcrruhe und die Blätter saßen fest an den Zweigen. Selbst als die Knospen zu schwellen begannen, hingen die Blätter noch so fest, daß man sie nur mit einer gewissen Krastanstrengung von den Zweigen losreißen konnte. Indessen als die Knospen sich öffneten, und der Trieb begann, da fielen die Blätter ganz von selber ab. Der Abfall begann von den Spitzen der Zweige aus, es fielen dem- nach die jüngsten Blätter zuerst ab, die ältesten am spätesten. Die Reihenfolge der abfallenden Blätter richtet sich also nicht nach dem Alter, sondern nach dem Zustand der Knospen, an denen jene stehen. Die kräftigsten Knospen befinden sich bei der Eiche am Ende des Sproffes, von hier aus nimmt nach der Basis der Zweige hin die Stärke und Triebkraft der Knospen ab. Wo also die Knospen am stärksten treiben, da fallen die Blätter zuerst. Die Pflanze spart sich so gewissermaßen die LoSlösung der Blätter, die den jungen Trieben das Licht wegnehmen lvürde, bis zur letzten Minute auf.— Notizen. — Andersens Märchen undGe schichten. Ausgewählt vom Hamburger Jugeudschriften-Ausschuß für Kinder vom 13. Jahre an und für Erwachsene. Buchschmuck und Bilder von Ernst Eittier, Hamburg.— Dieses von organisierten Arbeitern zusammengestellte Buch ist 160 Seiten stark, ist auf gutes Papier gedruckt, die Schrift ist groß und deutlich. Beigegeben sind 19 ganzseitige bunte Bilder und 20 farbige Initialen. Der Preis stellt sich auf 1,25 M., wenn 8 Exemplare auf einmal bestellt werden. Versandstelle: A. Look, Hamburg 6, Sedanslr. Nr. 9.— Das Buch kann empfohlen werden.— — Im Verlage von C. H. Beck, München, erscheint in den nächsten Tagen der erste Band eines zweibändigen Werkes über Schiller aus der Feder Karl Bergers.— — Otto E r n st's politisches Schauspiel„Bann er mann" erzielte anr Burgtheater einen Achttmgserfolg, in Frank- furt a. M. einen lebhaften äußeren Erfolg.— — Gut aufgenommen wurden bei der Erstaufführung: KonradDrehersPosse„Münchener Leben" im Münchener Gärtnerplatz-Theater;„Schule des Lebens", ein vieraktiges Schauspiel von Ludwig Bäumet st er, im Hoftheater zu Stuttgart.— — Das Wiener Raimund-Theater hat das vieraktige Schauspiel„Schmelz, d e r Ni b e l u ng e" vonFranzAdami erworben.— — Hugo v. HofmannSthals neues Drama führt den Titel„Jedermann" und ist ein„geistliches Spiel". Dem Werke liegt eine Vorlage aus dem Englischen vom Anfang des 16. Jahrhunderts zugrunde.— o. Ein Hotel für Frauen. In New Jork gibt es em Hotel, das ausschließlich für Frauen bestimmt ist. und zwar für solche, die geschäftlich tätig sind oder nur gelegentlich in New Jork zum Besuch weilen. Das„Martha Washington Hotel", so nennt es sich, kann über 400 Personen aufnehmen; die Preise betragen 4 M. täglich und darüber. Für ständige Bewohnerinnen, die möblierte oder unmöblierte Zimmer haben können, werden besondere Preise vereinbart.— Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin S\V!