Anterhaltungsblatt des HorwSrls Nr. 236. Donnerstag, den 1. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) 2t Ick bekenne. Roman von Clara M ü l l e r- I a h n k e. Die Birke, aus der wir unseren Honig sogen, ist längst verdorrt, und meine Lüge hat der Wind verweht. Ich weiß nicht mehr, ob wir den Birkenwein wirklich getrunken, viel weniger noch, wie er geschmeckt hat. Ich weiß nur, daß der Sommertag zu Ende ging uitd daß ich müde und bestaubt den abenddunklen Weg nach Hause wanderte. Tort fand ich alles in Tränen aufgelöst. Mein Vater, dem mein Wiedererscheinen bereits gemeldet worden war. erwartete mich im Wohnzimmer voll schweigenden Zorns. Ich blieb auf der Schwelle stehen, weil die Luft in dem Zimmer mir merklich dumpf und unheimlich vorkam. ..Komm näher," sagte mein Vater. Ich rührte mich nicht. „Na— wird's bald?"" Da fragte ich ganz kleinlaut, was ich denn eigentlich solle. „Prügel sollst Du haben, unnütze Göhre Du..." Wie zu Stein geworden stand ich da, bis eine dritte, sehr entschiedene Auffordening, näher zu treten, mich aus meiner Erstarrung emporriß. Tie Zumutung, daß ich mir die zu- gedachten Prügel selbst holen sollte, erschien mir so komisch, daß ich plötzlich in ein lautes, unbefangenes Lachen ausbrach. Damit war der drückenden Situation ein Ende gemacht. Wenn der Berg nicht zu Mahomet kommen will, so geht Mahomet eben zum Berge... Mitunter verspüre ich die damals empfangenen Schläge noch heute im Vormitternachtstraum: die blauen Flecke freilich Hab' ich längst verwuuden, das Bewußtsein einer Zeit ist mir geblieben, in der meine Kraft noch ungebrochen war. Seitdem, o Du. seitdeni... Lege mir für einen Augenblick nur Deine segnende Hand über die Augen. Und nun komm: ich führe Dich die holprige Dorfstraße hinauf. Auf beiden Seiten der Straße grüßen uns die stattlichen Bauerngehöfte. Das blanke Schild am Tor mit dem Adler darüber kennzeichnet den Schulzenhof. Links davon in dem verfallenen Kätnerhaus mit seinem Gewirr von blauen und roten Wicken um den Staketenzaun hat die schöne Mine ge- wohnt. Ich habe sie gesehen, als sie noch, das Scharlachtuch um den dunklen Kopf gewunden, in der Abendstunde am Zaune stand und mit blitzblanken Augen die Torfstraße hinabspähte. „Schulzenbraut" riefen ihr die Buben höhnend zu. Sie wandte nicht den Kopf um nach dem Gasseugeschrei, sie sah mit ihren stillen, leuchtenden Augen unverwandt auf die Straße hinaus. Wie ein frenii er, schöner Vogel erschien sie mir, der sich aus verträumten Märchenwäldern auf die pommerschc Dorfstraße verflogen hatte. Und ich habe sie später gesehen, als sie lang und steif mit weitoffenen schreckhaften Augen auf einem Bettgestell im Armenhause lag, als aus dem gelösten schwarzen Haar die hellen Wassertropfen rieselten und klitsch, klatsch auf dem steinernen Fußboden aufschlugen. „Schulzenbraut!" sagten wieder die Gassenbuben, die sich hinzugedrängt hatten. Und die alten zahnlosen Weiber wiesen mit den Fingern über den Staketenzaun in das Nachbargehöft. Jetzt hat der Schulzensohu den Hof des Vaters über- nommen und sitzt als Gemeindeältester mit seiner behäbigen Bäuerin allsonntäglich unter der Kanzel auf dem vordersten Platz. Von Minens Ende aber singen die Unkenbasen im Teich ein Lied nach alter Melodie. Droben, hart an die sandige Wand des Friedhofhügels gepreßt, steht das Armenhaus. Dort wohnen die alten Weiber, die kein Unterkommen mehr finden im Dorf. Zu vieren oder fünfen hausen sie da in der engen Stube mit den rauch- geschwärzten Balken, dem ausgetretenen Backsteinboden und dem von kleinblütigen, starkduftenden Geranien verstellten Fenster, durch das kein Bursch mehr schaut, wenn er des Sonn- tagnachts aus dem schräg gegenüberliegenden Wirtshaus vom Tanze heimkehrt... Und haben alle einst gelacht und geliebt und gejauchzt— und geweint. Und nun hocken sie im Armenhäuslein, lästern sich gegen- seitig mit zahnlosem Mund und neiden sich den Pfennig, den irgend ein gnadebedürftiger Bauer in das Gabebüchslein an der Tür gesteckt, oder beschuldigen einander gar in blinder Wut und Habgier des Diebstahls. Und eine von ihnen bewahrt den Schlüssel zum Friedhof. Das wirft alle Jubeljahre mal ein Trinkgeld ab. Sie vertrinkt es freilich nicht, sie kauft sich Kautabak dafür. Ich klopfe leise an die Tür. Und sobald sie mich erblickt, kommt sie lächelnd, knixend und dienstbeflissen heraus. Am Gitter lohne ich die alte Hexe ab. Sie geht mit einem noch vergnügter grinsenden Gesicht und um einen Grad dienst- beflissener davon, als sie herbeigeeilt ist. Nun komm. Du. Die Gräser knicken unter unserem Fuß. Lange, weiche, feuchte Friedhofgräser. Von links her grüßt ein einfaches Kreuz— ich gehe nicht vorbei. Die dort ruht, war wohl ein treues Herz. Sie hat im alten Glauben und in alter Anhänglichkeit ihrer Herrschaft über vierzig Jahre gedient. Sie hat diesem Dienste ihr Lebensglück und ihre Frauen- seligkeit geopfert und ist glücklich gewesen in ihrem Wahn. Eine Palme auf ihr Grab: grüße sie! Sie war die Beschützerin meiner Kindheit. Und hier, mein geliebter Mann, liegen meine Toten. Da unten war Unrast und flutendes Leben,— hier oben ist Friede. Und Jahre sind verrauscht, Jahrzehnte in die Tiefe gesunken, seit ich mit Dir in den blühenden Pfarrgarten schritt und meine Eltern lächelnd grüßte, lind immer wieder ist es Lenz.ge- worden, auch heute will der Trauerrosenstrauch auf meinen Gräbern frische Knospen treiben. Wir wandeln wie im Märchenland. Zeit und Raum ver- sinken.» Ein Eschenbaum bleibt übrig noch und eine Trauer- rose. Und ein fünffacher Hügel. Mein Vater und meine vier Geschwister schlafen hier in Frieden, lind rings um die Ruhe- stätte der Toten dehnt sich, sanft abfallend, das Ackerland, flach, unübersehbar, fruchtbar: die pommersche Ebene. Zarte Halme sprießen aus brauner Scholle empor, und warmgoldene Fluten gießt die Märzsonne über knospende Flur. Aus Tod und Er- starrung erwacht das Leben. Und nichts ist übrig geblieben mehr als Du und ich. Das ist das Leben. Mögen die Meinen denn in Frieden schlafen: mein Vater unter dem schützenden Efeudach im heimatlichen Dorfe, meine Mutter im wehenden Sande der Ostseekllste... Du und ich, wir leben, und wir fühlen in uns die Ewigkeit. * Du hältst mich für weichnlütig, Liebling. Und alle haben mich für kveichmütiss gehalten, von jeher. Der Anschein spricht dafür: ich kann ein Geschöpf nicht gut leiden sehen, am aller- wenigsten ein Tier. So oft ich, durch Zufall gezwungen, Zeugin geworden bin der rohen Behandlung eines wehrlosen armen Hausgenossen, so oft hat die Empörung mir das Blut in jähen Wellen zum Gehirn getrieben, so oft hat meine Hand sich geballt, um die rohen Rangen nicderzuschinettcrn— und so oft bin ich. außer stände, dem Gequälten zu Hülfe zu kommen, in irgend einen Winkel geflüchtet, um, mit den Zähnen knirschend, den gellenden Aufschrei meines Herzens hinunter- zuwürgen. Die Tatsache schon, daß meine Hand sich hebt, um Ge- schöpfe zu zerschmettern, die, von der gütigen Natur vielleicht gütig bedacht, im Elend der Tiefe verroht sind, dies sollte zum Beweise genügen, daß ich nicht weichmütig bin. Das ist es: Als Kind schon hatte ich eine leidenschaftliche Liebe zu den Tieren und hielt mir unter anderem Viehzeug auch einen ganzen Stall voll Kaninchen. Die zierlichen Geschöpfe mit den hellen, klugen Augen waren meine Lust, und jede freie Viertel- stunde brachte ich bei meinen Lieblingen zu. Unter der Herde befand sich ein besonders schöner englischer Bock mit dem weißesten Fell und den klügsten schwarzen Augen der Welt. Aber sonderbar: während die übrigen Tiere meine Pflege mit Zärtlichkeit vergalten und mir nachliefen wie junge Hunde, hatte der Hans eine seltsame Scheu vor mir: es war, als wittere er Blut an meiner Hand. Zu meinen Kameraden dagegen ging er gern und bezeigte seine Freude, sie �u sehen, durch Männchenmachen und allerhand Possen. Oft schlich ich heimlich in den Stall, um dem Hans zu schmeicheln und ihm die Lästigsten Kleebüschel vorzuwerfen. Das Tier blieb scheu: es rührte kaum das Futter an, das ich ihm gab, während es meinen Gespielen das trockene Heu aus der Hand fraß. Da schüttelte mich die Wut. Und eines Abends, als ich wiederum vergeblich gequält und gebettelt hatte um seine Liebe, packte ich das wehrlose Geschöpf, das sich beängstigt verkriechen wollte, packte es an den langen zitternden Ohren und schmetterte es an die Wände des Stalles, rasend, sinnlos, wahnwitzig, einmal, zweimal, dreimal— ich weiß nicht wie oft— von meinen Rachegefühlen berauscht, bis mich ein schwaches Winseln aus meinem Taumel erweckte. Da schleuderte ich das sterbende Tier in weitem Vogen von mir und stürzte hochatmeud in die freie Luft hinaus. Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Als Kind Hab' ich noch oft das Winseln des Geschöpfes gehört, das die Bestie in mir zerrissen hatte. Und über alles, was da leidet, was gequält und gcmißhandelt wird, möchte ich die Hände breiten feitdeni: nicht aus dem Gefühle meiner Schuld heraus— eine Schuld in diesem Sinne existiert für mich seit langem nicht mehr— wohl aber aus einem so heißen und schmerzlichen Mit- empsinden heraus, daß es mir mitunter fast zur körperlichen Qual wird. Fromme Gemüter können hierin eine Sühne er- blicken, ich empfinde es schaudernd als den Schatten einer furchtbaren Stunde, die meiner noch harrt. Ich stehe im Spät- sominer des Lebens: ich habe den Becher des Leides bis zur Neige geleert, ich habe Ströme einer Liebe getrunken, von der ein Tropfen genügen würde, um ein ganzes Menschenleben mit Schmerz und Seligkeit zu durchtränken: niemals aber bin ich die Furcht losgeworden vor mir selbst, vor der geheimnisvollen Macht, die im dunkelsten Winkel meiner Seele auf ihre Stunde lauert. Und wenn diese Stunde gekommen sein wird, wenn der Tiger in mir seine Pranken erheben und sich zum tödlichen Sprunge anschicken wird, dann wehe-- wehe dem, den ich liebe! Und dennoch liebst Tu niich und wirst mich lieben? Tu mußt riesenstark sein, um die Bestie in mir bändigen zu Können. Riesenstark— oder übermenschlich gut. Von meinen ersten Liedern willst Tu hören? Mein aller- erstes Gedicht Hab' ich als Siebenjährige gemacht. Ackz. Tu, wie war ich selig! Tu denkst, ich habe meine Molly angedichtet, die graue Spitzhündin mit den treuen Augen oder habe mein Abenteuer im Storchnest besungen? Nein, mein Lieb: mein erstes Lied war tiefschmerzlich, entsagungsvoll, ahnungzitternd .... höre: „Gewesen ist gewesen, Dahin, das ist dabin: Da hilft icin Drohen, Flehen, Kein melamlwl'scher Sinn, Und auch kein inniglich bittender Blick Bringet die Jahre der Jugend zurück." Unzählige meiner Lieder habe ich vergessen. Dieser Erst- ling ist meinem Herzen so teuer gewesen, daß er heut noch in mir nachklingt. Gezeigt oder gesprochen habe ich diese Verse niemandem. Nach ihnen kamen Gedichte, deren Rythmus ich abmaß, indem ich den Takt von Schillers„An der Quelle saß der Knabe" mit den Fingern dazu fcklug. Eine ganze Weile schrieb ich in Trochäen, ohne eine Ahnung davon zu haben, was Trochäen sind. All' meine„historischeu Gedichte", die mit Vorliebe revolutionäre Stoffe behandelten, hatten dies heroische Versmaß aufzuweisen. Tie Opposition lag niir im Blute: die rote Revolution mit Schwcrterklang und Sensenklirren hallt in alle» meinen Liedern vom neunten bis zum zwölften Jahre wider. Ter römische Brutus war mein Lieblingsheld. Ich fand es zwar schauerlich, daß er den Cäsar niedergestochen, den ich für seinen leiblichen Vater hielt, immerhin aber schauer- lich schön: „Romas Krone könnt ich erben, Romas Krone wollt' ich nicht...."— Ja, und nun— wenn Du mich schon nach meinen Liedern fragst— nun kommt der allererste Teil meiner Herzensbeichte. Der schöne Erich war der erste, huschende Schatten, den Du in mein Leben geworfen hast. Ein hübscher vierzehnjähriger Bengel mit dunklem Lockenkopf und eincin brennenden Mutter- mal auf der linken Wange, der auf dem Gymnasium nicht hatte gut tun wollen und darum in Einzelhaft gebracht worden war. Erfahren in allen dummen Streichen, wurde er mein erster Lehrmeister in der Liebe. Als er merkte, daß ich schwärmerisch an dem Helden hing ,der mir das Leben gerettet hatte, bewies er sich großmütig und gab mir einen Kuß hinter der Tür. Nach diesem Kusse Hab' ich mir lange Zeit den Kopf darüber zerbrochen, ob ich nun eigentlich eine verlobte Braut sei, oder ob der Geliebte erst in Frack und weißen Glac6hand- schuhen, wie ich das so rührend in den Gartenlauberomanen gelesen hatte, bei den Eltern um mich werben müsse. Da diese Werbung nicht erfolgte, so nahm ich den Vollzug meiner Ver- lobung als selbstverständlich an und sah mit unsäglicher Ver- achtung auf meine unverlobten Spielgefährtinnen hinab. Der schöne Erich aber entpuppte sich als Don Juan. Meine Freundin Anna, die Pächterstochter aus dem Nachbardorfe, mit der ich mich vor Jahren in Birkenwein berauscht hatte, war entschieden hübscher als ich— und viel, viel klüger. Ter große „tragische Konflikt" entstand: Muß ich nun meiner Liebe ent- sagen um der Freundschaft willen? Ernsthaft und bitterlich Hab' ich mit meinem heißen Herzen gekämpft und meine ersten Liebeslieder dazu gesungen als eine Art begeisterten Schlachtengesangs: Und auch du hast ihn geliebet, Dem mein Herz in Treuen schlug, Und die Liebe hat zerrissen Unsrer Freundschaft süßen Trug. oder: Ich Hab' in meinen jungen Jahren Verloren meines Herzens Schatz Und Leid und Schmerz genug erfahren... (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Fjunäert Jahre Gaebclcucbtung» Wie das Verdienst so mancher wichtigen Erfindung von ver- schiedcnen Völkern in Anspruch genommen wird, so stpeitcn sich auch nicht weniger denn vier Nationen um den Ruhm der Entdeckung der Gasbeleuchtung. Wenn man nun die EntWickelung der Be- leuchtung mit Hülfe von Gasen kritisch verfolgt, dann kann man leicht feststellen, daß jede Nation»recht hat". Auch die EntWickelung der Gasbeleuchtung von der Entdeckung bis zur ersten wirklich brauchbaren Verwendung in, großen ist eben Kollektivarbeit. Daher erklärt es sich, daß schließlich die Deutschen, die Franzosen, die Engländer und die Holländer, tveil eben von jeder dieser Nationen ein Mann Bedeutendes für die erste EntWickelung des Gaslichtes geleistet hak, mit eiiuun gewissen Recht den Ruhm dieser Erfindung für sich in Anspruch nehmen können. Schon die Schriftsteller des Altertums kannten leuchtende Naturgase. Sie erwähnen z. B. die aus Erdspalten entströmenden Gase, die mit leuchtender Flamme brannteil. Berühmt war in England der„brennende Brunnen" zu Wigon in Lancashire, bis im Jahre kbö9 Th. Shirlcy nachwies, daß die hier brennende Luft von der Destillation eines unterirdisch brennenden KohleuslötzcS herrührte. Die künstliche Darstellung von Leuchtgas dürste nach den bis jetzt feststehenden Ergebnissen der Forschung zuerst der deutsche Chemiker Johann Becher aus Speyer erzielt haben. Dieser Mann stellte zuerst im Jahre 1680 durch trockene Destillation von Stein- kohlen Leuchtgas dar. Becher beobachtete das sich hierbei ent- wickelnde Gas. Er machte die ihn zuerst überraschende Entdeckung, daß es brannte, und nannte nun das neu gewonnene Leuchtmittel „philosophisches Licht". Tie Holländer begründen ihren Anspruch auf den Ruhm der Erfindung des Leuchtgases damit, daß im Jahre 1684 der Physiker Minkelers eine Abhandlung über dieses Gas veröffentlichte. Pro- fefsor Joh. Peter Minkelers beleuchtete auch im Jahre 1685 ver- suchsweise seinen Hörsaal mit Steinkohlengas, das er„brennende Lust" nannte. Wer aber von nationaler Voreingenommenheit frei ist, der wird in erster Linie dem Franzosen Lebon und dann dem Eng- länder Murdoch die größten Verdienste um die erste Entwickclung der Gasbeleuchtung zusprechen. Die Franzosen feiern nun den 2. Dezember dieses Jahres, den hundertjährigen Todestag von Lebon, als das hundertjährige Jubiläum der Gasbeleuchtung. Diese Feier hat auch insofern ihre Berechtigung, als es im Dezember 1864 dem Engländer Murdoch gelungen war, die erste große Gasbclcuchtungsanlage in Betried zu setzen. Der am 29. Mai 1767 in dem französischen Dorfe Brachch gc- borene Philipp Lebon war ein„Erfinder" im vollen und besten Sinne des Wortes, also ein Mann, der sich für seine Erfindungen aufopferte, der lieber hungerte und darbte, als daß er auf den Ausbau seiner Ideen verzichtete. Lebon, der die Kunst» und Gc- wcrbcschulc in Paris besuchte, dann Wege- und Brückenbau studierte, wurde zuerst durch eine wesentliche Verbesserung der Dampf- Maschine bekannt. Im Jahre 1791 finden wir Lebon i» seinem Geburtsorte mit dem Problem des Leuchtgases beschäftigt. Er untersucht die. Eigenschaften des Rauches und kommt dann dazu, Holz der trockenen Destillation zu unterwerfen. In einem Glas- behälter hatte er Sägespäne einer Hitzquelle ausgesetzt und gc- funden� daß man das sich entwickelnde Gas entzünden könne. Daß dieser zunge Ingenieur sofort die große Bedeutung des Gases für Lcucht- und Heizzwecke erkannte, geht aus folgendem hervor: Lebon verkündete in seiner Begeisterung den Bewohnern von Brachey, daß er eine Erfindung gemacht habe, durch welche man leuchten und heizen könne, und zwar von ihrem Dorfe aus bis nach Paris! Seinen Landsleuten, die natürlich glaubten, er leide an Gehirn- erweichung, ließ er nicht lange Zeit, sich von ihrem Erstaunen zu erholen. Er fuhr nach Paris, interessierte verschiedene Gelehrte für seine Erfindung und wurde von diesen ermutigt. In einem kleinen Gebäude arbeitete Lcbon nun bis zum Jahre 1798 an seiner Erfindung. Nachdem er in diesem Jahre sein Gas der Akademie vorgeführt hatte, erhielt er im folgenden Jahre das von ihm bc- antragte Patent. Leider wurde aber jetzt der kühne Mann durch die Sorge um das tägliche Brot für sich und seine Familie an der energischen EntWickelung seiner Erfindung gehindert. Als Staatsbeamter für den Wegebau erweist er sich als„unbrauchbar". Kein Wunder, daß eiu Mann, dessen Gehirn erfüllt ist mit kühnen Plänen für die Zu- kunst der Beleuchtung, dem eintönigen Dienste nicht die nötige Auf- merksamkeit schenkt. Lebon schleudert denn auch seinen Anklägern die stolzen Worte ins Gesicht:„Meine Liebe für die Wissenschaft geht mir über alles l" Es folgt nun für den Erfinder eine Zeit größter Not. Endlich entschließt fich die Gattin Lebons ohne Wissen ihres Mannes, einen Brief an das französische Ministerium zu schreiben. Der Brief der„Bürgerin Lebon an den Minister des Innern" ist allerdings nicht die„alleruntertänigste Bitte" eines„in Ehrfurcht ersterbenden" Menschen, sondern eine Darlegung, in der es heißt:„Ich verlange keine Almosen und keine Gnade! Ich ver- lange nur Gerechtigkeit! Zwingen Sie nicht einen Familienvater, aus Not ein Land zu verlassen, dem er alles gewidmet hat. Prüfen Sie unsere Lage, Bürger� meine Forderung ist gerecht. Ich bin überzeugt, daß mein Schritt nicht vergebens sein wird und daß Sic Ihre Pflicht tun werden. Gruß und Achtung von Ihrer er- gebenen Bürgerin Frau Lebon." Der Erfinder wird darauf im Ministerium beschäftigt. Als er aber zur Leitung von Arbeiten in die Vogesen gehen soll, ist seine Liebe zu seiner Erfindung und zur Lösung des Problems der Gas- beleuchtnng so stark, daß er wieder zu seinen Retorten zurück- kehrt. Im Jahre 1391 kann dann Lebon in einem besonderen Hause sein Leuchtgas der Oeffentlichkeit durch einen erleuchteten Spring- brunnen vorführen. Der Erfolg ist ein großer. Ganz Paris kommt, um gegen ein Eintrittsgeld die„große Thernrolampe" zu sehen. Trotzdem das damals von Lebon gebrannte Gas noch einen nach unseren Begriffen ganz entsetzlichen Geruch verbreitete, hätte der Erfinder doch ein gutes Geschäft machen können. Zwei Russen bieten ihm eine große Summe, wenn er seine Erfindung nach Ruß- land verkauft. Aber Lebon ist Patriot. Sein Baterland soll den Ruhm der Erfindung haben. Und so hungert und friert denn dieser seltene Mann lieber weiter, als daß er seine Erfindung ins Aus- land gilrt! Das Ministerium hatte zur Prüfung des Lichtes eine Kam- Mission ernannt und schon scheint es, als wenn nunmehr das Glück dem Erfinder lächelt. Er wird zur Krönung Napoleons eingeladen und wohnt dieser Feierlichkeit am 2. Dezember 1804 bei. Ilm anderen Morgen findet man in einer öden Gegend der Champs Elysecs einen durch dreizehn Messerstiche ermordeten Mann— Philipp Lcbon. Nie ist das Dunkel, das über die Ermordung dieses rastlosen Erfinders schwebt, gelüftet worden.— Das große Verdienst des englischen Ingenieurs William Murdoch besteht hauptsächlich in der Ueberwindung der einer Wirt- schaftlichen Skrtocrtuug des Steinkohlcngascs entgegenstehenden Schwicriglcitcn. Im Jahre 1893 war Murdoch schon in der Lage, das durch Wasch- und Rcinigungseinrichtungcn wesentlich verbesserte Gas gelegentlich einer Festlichkeit zur Beleuchtung der Fabrik I. Watts, des Erfinders der Dampfmaschine zu verwenden. Im folgenden Jahre wurde dann die erste große Anlage für dauernde Gasbeleuchtung ausgeführt, nämlich eine Baumwoll- spinnerei in Manchester mit nicht weniger denn 399 Gasflammen ausgerüstet. Die erste Stadt, die einen Versuch mit Gasbeleuchtung machte, war London. Hier wurden im Jahre 1808 in der Straße Pall Mall mehrere Gaslaternen in Benutzung genommen. Nachdem man 1813 die Ueberzeugung von der Bewährung des neuen Lichtes gewonnen hatte, wurde die Westminstcrbridge mit Gas erhellt, und von da an vergrößerte man die öffentliche Straßenbeleuchtung durch Gas in London sehr schnell. Die Stadt Freibcrg in Sachsen kann für fich den Ruhm in Anspruch nehmen, der erste deutsche Ort gewesen zu sein, der Gasbeleuchtung versuchte. Hier wurden 1811 Gaslampen in Benutzung genommen. 1823 ging Hannover, 1828 Berlin, 1833 Dresden, 1841 Leipzig und 1846 Hamburg zur öffentlichen Gas- bcleuchtung über. Seitdem hat das Gas sowohl zu Zwecken der öffentlichen, als auch der Privatbelcuchtung, und endlich auch als Heiz- und Kraft- mittel bei allen Kulturvölkern umfangreiche Verwendung gefunden. Als dann die elektrische Bcleuchtung aufkam, steigerte bekanntlich Auer von Welsbach durch die Erfindung des Glühstrumpfes die Helligkeit des Gasbrenners unter bedeutender Herabsetzung des Gasionsums wesentlich. Um aber auch mit Gas große Lichtquellen zu gewinnen, wurde im Preßgase ein sogar dem elektrischen Bogen- lichte Konkurrenz machende Beleuchtung geschaffen. In unseren Tagen sind nun viele Erfinder damit beschäftigt, durch Zufuhrung von Sauerstoff zur Gasglühlichtflamme neue Beleuchtungseffckte zu erzielen.— Rudolf Gerber. kleines feuilleton. td. Kleine Kinder. Ein Mann und eine Frau im SoimtagS» staat, einfacher Sonntagsstaat, aber sauber und hübsch, beide sehr jung, knapp Mitte zwanzig— und beide sehr glücklich. In den Augen und um die Mundwinkel zuckt und sprüht es wie eine Fülle von Glück, das in die Welt hinauslachen möchte, laut jauchzend, schreiend fast. Jedes hat ein Kind auf dem Arm. ein kleines, rosiges, uudliges Ding, mit Apfelbäckchen und feinen Härchen, in weißein Kleid, weißem Jäckchen und weißer Kapuze. Schneeflocken die beiden: Zwillinge. Uebrigens trägt Papa das Mädel, Mutter den Buben, obgleich er größer ist; sie bleiben einen Moment in dem langen Ouergang der Elektrischen stehen und schauen umher, dann juchzt die Frau plötzlich auf:„Da ist ja ein Platz in der Ecke, da drü.'en i Ra, komm doch!" „Nee, nee, da ist bloß einer." „Na, denn setz Dich doch!" „Nee— setz' Du Dich man, ich sitz' schon." „O ja, so allein!" Sie mault ein bißchen, setzt fich aber doch, er hat in der Mitte des Wagens Platz gefunden. Jedes hält fem Baby auf dem Schoß, jedes schäkert mit dem seinen, so ein ftillvergniigliches Spiel, wo man sich gegenseitig an den Haaren zupft, an den Ohren tätschelt oder mit den Fingern allerhand wunderbare Kapriolen macht. Hin und wieder eine Pause, während der sich zivei strahlende Angen- paare begegnen mtd zwei Gesichter hell auszulachen scheiiicu. Im Wagen ist es merkwürdig still geworden, alle Augen richten fich auf die Vier. Der dicke, bärbeißige Herr in der Ecke läßt das Zeitungsblatt sinke», ein verstohlenes Schmunzeln spielt um seinen Schnauzbart, die junge Frau neben ihm lächelt, das Fräulein mit denr Totcnkranz lächelt, die Arbeiterfrau neben ihr lächelt gleichfalls. ES ist, als wäre plötzlich die Sonne durch den Regen geflogen und hätte einen Abglanz auf allen Gesichtern zurückgelassen, als wäre ein verstohlenes Flüstern ringsumher:„Nein, wie niedlich!" Nur die beiden stocksteifeu Damen am Eiugang bleiben so stock- steif wie fie waren und starren mit langgezogenen Gesichtern und gesenkten Lidern auf ihre Schirmkriicken. Uebrigens fängt das Mädel an zu krähen; es kräht hell und laut und jampelt mit Arm und Beinen nach Mutter und dem Brüderchen. Es ist so lvild, daß es dem jungen Mädchen neben Papa fast aus den Schoß rutscht. „Na, na I" sagt Papa und hebt drohend den Finger.„Ne ne, Du, Du— er versucht einen drohenden Ton, dabei funkeln seine Augen jedoch vor Vergnügen und funkeln verschmitzt der Eheliebstcn in der Ecke zu. als wollten sie sagen:„Sieh mal, so ist die nun I" Und die Augen der Fron funkeln wieder, obgleich fie ein gar ernsthaftes Geficht macht und dem Mädchcu die Faust zeigt:„Du. wirste woll!" Das Mädchen kräht indessen nur noch kauter, und nun fängt der Bube auch an. Die eine stocksteife Dame am Eingang dreht ihre Augen ein wenig nach der Seite und zieht die Stirue kraus, auf den Gesichtern der andern aber wird das Lächeln plötzlich zu einem hellen, offenen Lachen. „So sind die Kinder," nickt die Arbeiterfrau. „Zu niedlich!" tuschelt das Fräulein mit dem Totenkranz.„Man muß sie immer ansehen." „Zwillinge, was?" fragt der bärbeißige Herr. „Zwillinge", nickt Mama, und es klingt ungefähr so Wie „Meisterwerte". „Dafür sind se aber jroß und dicke", meint die Arbeiterfrau.— „Ja, ja.... Ich habe auch de janze Rächt gewacht, bei meine Dochter ihrem Jüngsten. Alle zwei Stunden quarrt er los um de Flasche oder was andres. Und nu zwei gleich I" Sie seufzt etwas. Der bärbeißige Herr ist mit„Mama" ins Erzählen gekommen. „Sieben Monat erst? Ach waS l Und dabei schon gar keine Kinder mehr!" DaZ Fräulein mit denr Totenkranz läßt das Mädckien mit ihren Fingern spielen; der junge Mann, der zuletzt eingestiegen ist und erst seit zwei Stationen im Wagen ist, klopft ihm die Bäckchen: „Wie zwei rote Aepfel!" „Und können wirklich schon ein bißchen sprechen?" frägt die Stimme des bärbeißigen Herrn dazwischen. Er ist augenscheinlich ganz und gar Bewunderung und läßt Bubi willig an seinem Schnurr- hart zausen. „Und können wirklich schon Mama sagen", sagt die Mutter und steht auf, der Schaffner hat Moritzplatz gerufen. „Aber zwei auf einmal"— meint das Fräulein mit dem Toten- kränz, indem sie den Aussteigenden nachdenklich folgt:„Es muß doch 'ne Last sein I".. � Da trifft sie aber auch schon ein Vbck aus Mamas Augen. Mama hat das letzte Wort noch gehört, sie bleibt in der Tür stehen und schleudert Blitze über die Schulter weg. In ihrer Stimme grollt eine ganze Skala von Empörnngslauten:„Die Kinder—'ne Last!" „Gott sei Dank, daß das Gequarr aufhört", sagte die eine stock« steife Danie zu der anderen,„man kann wirklich kaum noch Straßen- bahn fahren, es ist zu ordinär". Sie sagt es aber auf französisch und sie ahnt jjanz entschieden nicht, daß da in der ordinären Straßenbahn noch icmand ist, der Französisch versteht.— Kunst. e. s. Eine neue Ausstellung bei Kassirer bringt vor allem «ine Kollektiv-Ausstellung van Gogh' scher Bilder. Man muh sich erst einmal die anderen Säle ansehen, um den koloristischen Unter- schied recht zn empfinden. Bincent van Gogh war im Leben ebenso abenteuerlich wie er in seiner Malerei unerschrocken und fühlt war. Es epistieren manch seltsame, ja grausige Geschichten Über die ironische Brutalität dieses zu Exzessen veranlagten Malers. Doch kommt es hier nicht darauf an, Geschichten zn kolportieren, deren Wahrheit ja überdies oft recht anzuzweifeln ist. Charakteristisch und wertvoll ist an solchen Geschichten ja nur, dag man dem Be- treffenden, von dem sie erzählt werden, solche Absonderlichkeiten zn- traut, und so tragen sie zur Charakterisierung bei, wie ja solche Märlein meist erfunden werden im Hinblick auf die Person, deren Bild schon feststeht, so daß sie sich dem Gegebenen passend einfügen, so als Rankenwerk lind Arabeske den Kern illustrierend. Vineent van Gogh malt wie ein Wilder, den krasse Effekte nur befriedigen. Es steckt eine raffinierte Ueberkultur darin, die zur Naivetät zurück will. Er stellt die Farben ungebrochen nebeneinander. Und manchmal— wie auf dem in Gelb und Blau kraß gegensätzlichen männlichen Porträt— denkt man unwillkürlich an die tropische Sonne, solch brillante Glut lebt darin. Ja, mau wird nicht fehlgehen, die Farbenvorstellungen, die wir bei Naturvölkern sehen, jene lebhafte Freude an ungebrochenen Farben, die in heller Lust an dem Sichtbaren nebeneinander gestellt werden, zur Erklärung dieses Talents mit heranzuziehen. Dieses Fremdartige-Seltsame, das wir hinnehmen müssen als etwas Gegebenes, da es Naturanlage ist— die sich bei näherer Kenntnis der Lebensumstände wohl begründen ließe— befähigt van Gogh oft zu ganz prägnanten Gestaltungen, die sich fest zu einem Ganzen runden. Auch hier geht er nicht dem Einzelnen, Tifteligen nach, sondern gibt große, tiefleuchtende Flächen, die sich gegenseitig heben und verdeutlichen. Freilich haben wir auch solche Werke, wo der Maler den feinsten Nuancen geduldig und liebevoll folgt, wie die modernen Franzosen, wo er aus Strich und Strich die schöne, duftige Wirklichkeit zusammenwebt. So ein Steg am Kanal, über den ein Eisenbahnzug fährt(übrigens ein brillant lebendiger Ausschnitt), so vor allem ein großes Gartenbild, in dem tausendfälttg die Farben sprühen, umzogen von weiten Hallenanlagen, die den Raum ttef machen. Dann aber bricht immer wieder der Charakter, das Temperament durch, das etwas Wildes, Ungestümes, Ungezügeltes hat. Und Ivie die Farben grell schreien und doch ruhig in großen Flächen stehen, so ist in dem Schwung der Linien eine ungestüme rastlose Bewegung, ein unendliches Fließen. Da gibt van Gogh Felder mit harten, grellen Flächen, glühende Abendhimmel, vor denen Fabrikschlote gespenstisch stehen, tiefe dunkle Meere, die zuckend unter einem Lichtschein flirren, während Menschen, so klein wie Puppen in leb- haften Silhouetten sich vom Hintergrund abheben. Wo Wollen und Borbild fest in ein? passen, da schafft von Gogh dann Werke von jener harten Notwendigkeit, die ntan ab und zu schon in einzelnen der erwähnten Bilder spürt. Dahin sind einzelne Porträts zu rechnen, die in ganz selbständiger Weise aus dem Mannigfalttgen des eigenen Wesens das konzentrierend herauslösen, was bleiben wird. Gelten die anderen Bilder teils als inter- effante und wichtige Studien, teils als zeitliche Beeinflussungen bestehender Richtungen, so liegen hier neue Wesensmomente. Diese kleinen Porträts, namentlich das Bild einer alten Frau in dunkel- rotem Kleid gegen einen grünen Hintergrund, zeigen in vollendeter Vereinigung das zeichnerische und malerische Vermögen van Goghs, das sich hier ganz ausgibt, in eigenen Bahnen sich bewegt.— Ans dem Tierleben. — o— Vom Gorilla. Im Zoologischen Garten zu Breslau hat sich— eine große Seltenheit— ein Gorilla sieben Jahre lang am Leben erhalten. Vor einigen Wochen ist er nun aber doch ver- endet. Ueber dieses interessante Tier wurden erst jüngst während der Naturforscher-Versammlung in Breslau von dem Direktor des Gartens Grabowsky sehr wertvolle Mitteilungen gemacht. Es ist vierzig Jahre her, daß der erste lebende Menschenaffe dieser Art nach Europa� gelangte, und erst im Jahre 1875 wurden die Menschenaffen überhaupt von einem Forscher, von Koppenfels, in ihrer Heimat beobachtet, so daß wir erst seit dieser Zeit gewissenhafte Berichte über diese Tiere besitzen. Danach sind verschiedene Gorillas in die europäischen Gärten ge- langt, die Anzahl ist allerdings nicht sehr groß, und nur wenige hielten sich etwas mehr lvie ein Jahr am Leben. Vor allem hat das Berliner Aquarium große Verdienste um die Erwerbung dieser Menschenaffen. Der Breslauer Garten hat mit seinem Gorilla sehr viel(�liick gehabt. Dieses Exemplar, damals ein vierjähriges Weibchen, kam am 3. September 1897 nach Breslau und hat hier also über sieben Jahre lang ausgehalten. Es ist allerdings mit einer Für- sorge und Liebe gepflegt worden, wie sie wohl den wenigsten Menschen- kindern' zu Teil wird. Möchte man das Tier darum auch beneiden, so ist doch zu bedenken, daß die großen Menschaffen in unserem Klima zu den hinfälligsten Wesen gehören. Der Gorilla wog bei seiner Ankunft 31'/z Pfund und hatte es im August dieses Jahres zu einem Korpergewicht von 66 Pfund gebracht. Trotz der auf- merlianisten Pflege kamen Appetitstörungen bisweilen vor, im übrigen aber befand er sich ganz wohl und gab seinem Wohlbefinden durch Schlagen der Brust mit den Fäusten einen markanten Ausdruck. Dieses„Trommeln" ist auch bei den in Freiheit lebenden Gorillas häufig beobachtet worden, man hat es aber da für ein Zeichen von Wut aufgefaßt. Der Gorilla zeigte sich im Essen sehr verwöhnt, er begehrte immer Abwechslung im Futter. Und dieses mußte immer gut und frisch sein, schon durch den Geruch fand er fremde Beimischungen in seiner Speise heraus, und er verschmähte diese, wenn sie seinen erwähnten Anforderungen nicht entsprach. Seine Lieblingsspeisen waren Brot- und Semmelkrusten, Kleeheu, Akazienlaub, Rosenblüten, Obst, Datteln und gekochter Reis oder Kartoffeln— gewiß ein ebenso apartes wie raffiniertes Menu. Wie sein Geruch und sein Geschmack, so waren auch seine übrigen Sinne überaus fein. Er kannte nicht nur den Tritt des Wärters, ohne diesen selbst zu sehen, er erkannte ihn schon au? einer Entfernung von hundert Metern unter anderen Menschen heraus. Die leiseste Berührung seines Körpers nahm er wahr, kurzum, er besaß eine ganz außergewöhnliche Ausbildung der Sinne. Seine Gemütsbewegungen zeigten dieselbe fast nervöse Erregbarkeit. Wenn geschossen wurde, überkam ihm ein Zittern am ganzen Körper, und die Aufregung legte sich nur allmählich. In den ersten Jahren seiner Gefangenschaft zeigte er auch große Furcht bei Gewittern. In seiner Nachbarschaft war ein Schimpanse unter- gebracht. Beschäftigte sich jemand mit diesem, ohne ihn zu beachten, so war er auf seinen Nachbar eifersüchtig. Indes hatte er doch auch viel Sympathie für diesen, er reichte ihm Futter durch das Gitter zu, allerdings nur solches, das ihm selbst nicht mundete. Große Furcht besaß der Gorilla vor Negern und anderen dunkel- farbigen Menschen, eine Furcht, die allerdings alle Menschenaffen mit ihm teilen. Als die Tunesen vor einiger Zeit den Garten besuchten, flüchteten die Tiere in die hintersten Ecken ihrer Käfige. Den Menschen, diesen barbarische» Feind der Tiere, haben sie seit Urzeiten wohl hauptsächlich in seinen dunkleren Abarten kennen gelernt. Daher erklärt sich diese Furcht speziell vor dunkelfarbigen Menschen.— Huinoristisches. — Der Prozeß. Ein Grossist hat einen wichtigen Prozeß in Berlin, kann aber im Termin nicht anwesend sein und beauftragt seinen Advokaten: Telegraphieren Sie mir fosort nach Breslau, wie das Urteil ausgefallen ist. Um zwölf Uhr fällt die Entscheidung in günstigem Sinne, und fünf Minuten darauf telegraphiert der Advokat nach Breslau:„Die gerechte Sache hat gesiegt!" Woraus sogleich das Gegentelegramm aus Breslau eintrifft: „Sofort Berufung einlegen!"— („Lustige Blätter".) Notizen. o. Das Land der Sprachen. Wie ein genauer Kenner Indiens angibt, sollen im Pendschab 87 Mundarten und 20 Sprachen, in Assam 120 Mundarten und 54 Sprachen, in Nieder- bengalen 124 Mundarten und 60 Sprachen gesprochen werden.— — Klara Viebigs Dramenzyklus„Der Kampf um den Mann" ist von der„Neederlandsche Toonneelvereniging" in A m st e r d a m angenommen worden und wird noch vor Weihnachten in Szene gehen.— — Freundlich aufgenommen wurden: Adalbert v. H a n st e i n s Schauspiel„Zwei Welten" im Deutschen Theater zu Hannover:„Die Muse d e s Ar e ti n" von I. V. Widmann im B e r n e r Stadttheater:„Die Vogesen- t a n n e", ein„musikalisches Walddrama" von M. I. Erb in Straßburg.— — Wilhelm Kienzl hat ein großes Männerchorwerk mit Soli und Orchester vollendet. Das Werk, das den Titel„Fasching" trägt, soll noch in dieser Saison in W i e n durch den Wiener Männer- Gesangverein und das Philharmonische Orchester die Uraufführung erleben.— — Ein Modell-Theater, das zu F e u e r l ö s ch p r o b e n Verwendung findet, wird in Wien errichtet. Der Staat gibt 12 000 Kronen Zuschuß.— — In Westgothland(Schweden) hat man bei Ausgrabungen einen wertvollen' Altertums fund gemacht: zwei Gold- ketten, je 20 Zoll lang, die zusammen 14 Pfund wiegen.— — Weihnachtsbäume werden schon im Harz geschlagen. Für 100 Stück ein bis drei Meter hohe Tannenbäume werden 40 M. geboten.— — Gin bemerkenswerter W e i n st o ck befindet sich in Magagnose bei Grasse(Alpes Maritimes). Er wurde im Jahre 1873 gepflanzt und bedeckt jetzt zwei Terrassen von 68 Quadrat- meter Fläche. Der Umfang beträgt unten 58 Zenttmeter, die Höhe 3,50 Meter. Bei der Ernte 1903 trug dieser Weinstock die hübsche Zahl von 1137 Trauben, und dabei ist zu bemerken, daß diese Pflanze von Ziegelsteiupflaster eingefaßt ist, so daß jegliche Kultur verhindert wird.— Verautwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LcCo.. Berlin L W.