Anterhallungsblatt des Worwärls Nr. 239. Dienstag, den 6. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) et Ick bekenne. Roman von Clara Müller-Jahnke. Eine gute Partie! Du, ich werde bitter. Fasse mich fest in Deinen Arm. Langsam, ganz langsam ist mein Denken und Empfinden prostituiert worden durch dieses furchtbare� begehrliche Wort. Und doch, mein Geliebter: den Kern meines Wesens haben sie nicht getroffen. Der schlief, mir selber un- bewußt, jahrzehntelang unter einer festen grünen Knospen- hülle, die erst in Deinem Kusse sprang. Eine gute Partie!— Das ist das Ziel all' meiner Jugendgefährtinnen gewesen. Für die gute Partie schnürten sie sich und putzten sie sich, sangen und tanzten sie, wenn ihnen sterbenselend zu Mute war.' Um der guten Partie willen logen und heuchelten sie, schlugen sie die Augen zu Boden und erröteten züchtig, während ihnen das rasende Jugendver- langen im Blute lohte. Der guten Partie wegen VerHeim- lichten sie es scheu wie ein Verbrechen, wenn sie in ihren Muße- stunden für irgend ein Tapisseriegeschäft Tischläufer stickten; ein Mädel, das für Geld arbeitete, konnte doch unmöglich An- spruch erheben auf eine gute Partie! Auf die gute Partie wurden sie abgerichtet wie junge Hühnerhunde auf die Jagd. Und auf die Jagd gingen sie vom ersten Augenblicke an, in dem sie das Ktnderkleidchen mit dem Schlepprock vertauscht hatten. Ach— und diese„guten Partien"! Die erste aus der Reihe meiner Gespielinnen, die das große Los gezogen hatte, kehrte in das Elternhaus zurück nach kaum einem Jahr des Eheglücks mit gealtertem, blassem Gesicht, ein Baby auf dem Arm. lieber den Verbleib ihres schwer erkämpften Gatten hat man nie etwas gehört. Die andere war nach sechs Wochen Witwe. Die Partie war gemacht, aber länger als sechs Wochen hatte der schwindsüchtige Mann sein Glück nicht ertragen. Die Frau blieb in guten Verhält- nissen zurück, doch nach Jahresfrist hatte sie den Verlust von zwei nachgeborenen, schwächlichen Kindern zu beklagen und war siech ihr Leben lang. Die Dritte?— Sie heiratete einen Professor, der von seiner ersten Frau geschieden war und den alle Welt dieser bitteren Erfahrung wegen innig bemitleidete. Die Verfemte war nach England geflüchtet, wo sie ihren Verführer geheiratet hatte und glücklich mit ihm geworden war. Der verlassene Gemahl tröstete sich auf seine Weise. Und vier Wochen nach seiner zweiten Eheschließung brach seine Kraft zusammen. Beurlaubt und abermals beurlaubt, krank und durchseucht, er- hielt er endlich, nach monatelangen Badereisen, den unwill- kommenen Abschied mit Pension. Die vierte, Herz, beneidet die Welt noch heut. Sie ist allzeit bildhübsch, bliydumm und außerordentlich liebenswürdig gewesen und repräsentiert die Dame der höheren Gesellschaft in der würdigsten Weise. Sie hat drei bildhübsche, wohl- erzogene, blitzdumme Kinder. Daß sie nicht mehr bekommen hat, verdankt sie den Schatten der Vergangenheit, die schwer und dunkel auf ihres Gatten Wegen liegen. Ilnd heute noch blickt der Herr Landesgerichtsdirektor mit heimlicher Besorgnis in die blühenden Gesichter seiner Kinder, als suche er dort einen Spuk vergangener Zeiten oder sähe ein Gespenst der Zukunft schleichen. Die Frau aber lacht und weiß sich keinen Rat. warum ihr Mann besorgt ist.— Und die fünfte und die sechste.... O du lieber Gott, die meisten haben ja die gute Partie gemacht! Einige sind auch sitzen geblieben in ihrem Altjungfernstübchen, verkümmert und verbittert, mit tiefen Falten in dem schmalen, verzehrten Gesicht. Die sticken noch heute für Geschäfte, ohne das indessen so ängstlich mehr zu verbergen wie ehedem. Das ist der graue, trübe Herbst; der Herbst, der ohne Früchte kommt. Und daß ich nicht war wie all' die anderen, in deren Treiben ich damals freilich Schimpfliches nicht erblickte, daß ich mich nicht verkauft habe mit Leib und Seele: das verdanke ich einzig meiner Jugendliebe. Darum segne ich sie. Obwohl sie mir ein tiefes Leid gebracht hat: die erste schmerzliche Erkenntnis. An einem Frühlingstage erhielten wir Albrechts Ver- lobungsanzeige. Oft schon hatte ich mir im Geiste diesen seligschmerzlichen Moment mit tausend bunten Farben ausgemalt, hatte ihn in meiner Kinderphantasie durchkostet und erlebt. Nun war er da. Da stand auf feinein, rosa getönten Papier mit kurzen alltäglichen Worten:„Meine Verlobung mit--" Meine Lieder hatten längst von seiner Braut geschwärmt. Ich hatte es angebetet« das holdselige, süße, kluge Geschöpf, das seine feurige Mannesseele in goldenen Fesseln halten würde, dies knospenhafte Geschöpf mit den Märchenaugen und der Rosenkrone im blonden Haar. Und nun? Neunundzwanzig Jahre alt, häßlich wie die Nacht, dumm nebenbei, Rittergutsbesitzertochter mit sechzigtausend Mark barer Mitgift und einer Ausstattung von Gerson. Tann kam er: lächelnd, geschmeichelt, lieb. Und ließ sich gratulieren. Vierzehn Tage nach der Verlobung. „Ja, und denken Sie, Frau Pastor, meine Braut spielt Klavier. Ich war ganz entzückt, als sie neulich abend eine Beethovensche Sonate gespielt hat. Entzückt und überrascht— hatte ja keine Ahnung davon gehabt! Und ich liebe Musik."— Er liebte Musik und hatte keine Ahnung davon gehabt, daß seine Braut Klavier spielte! In der Nacht war ich wie verrückt. Ich weinte um einen großen seligen Glauben. Der Sturm rüttelte an den Fenster- lüden und zerrte die letzten Clematisblüten vom Spalier... Da beugte sich ein gütiges, geliebtes Gesicht über mein Bett. Und eine weiche Hand ergriff die meine. „Kind, was ist Dir nur, was hast Du?" Ich schluchzte und schluchzte. Krampfhaft griff ich in die bauschende Bettdecke hinein und schluchzte. „Was— um Albrecht?!" Die Kehle war mir zugeschnürt. Doch in dem grenzen- losen Jammer« der mein Herz durchwühlte, schrie ich auf nach Trost. Ich warf die Arme um den Nacken meiner Mutter und stammelte wirre, unzusammenhängende, bejahende Worte. Meine liebe Mutter, Du mußt mir schon verzeihen, wenn ich hier eine Pietätlosigkeit begehe. Ich spreche zu meinem Manne, der die Wahrheit von mir gefordert hat. Meine Mutter schalt. Sie war gekränkt, daß ich mich „verliebt" hatte, ohne ihre Zustimmung einzuholen, daß ich „so müßigen und fruchtlosen Gedanken hatte nachhängen können, die doch nie ein Ziel gefunden hätten. Die„gute Partie"...! Und sie schalt, weil ich kein Vertrauen zu ihr gehabt hatte! O, diese Nacht, mein Liebling! Ich glaube. Du, wenn ich ein Kind hätte, ich würde mich bemühen, seine Seelenregungcn zu verstehen. Ich würde nicht mit rauher Hand junge Heckenrosenranken als Unkraut aus- jäten wollen aus seinem Herzen. Meine arme, liebe Mutter. Heute liegt mein Leben in einem anderen Lichte vor mir als im Dänunerdunkel jener Nacht. Ich sehe jetzt, und ich weiß, daß s i e keine Schuld getragen hat an der Lieblosigkeit jener Stunde. Ihre Zeit war es, die sie geprägt. Am anderen Morgen stand ich sehr ruhig auf. Ich hatte einen großen Tag. Die Schule meines Heimatstädtchens besaß erst von der dritten Klasse an eine„gehobene Töchterschule". Bis zur dritten Klasse waren die höheren Töchter genötigt, mit der Plebs gemeinsam ihre Weisheit einzusaugen. Das war bitter. Mehr als das: unerträglich. So hatte sich denn eine junge Dame gefunden, welche die jüngsten„höheren Töchter" ihrem Stande gemäß, abgeschlossen vom Volke, zu unterrichten und für die gehobene Schule vor- zubereiten bemüht war. Und diese junge Dame hatte sich eine unglaubliche Pslichtvergessenheit zuschulden kommen lassen. Sie hat sich mit einem Petersburger Juden verlobt, und was das allerwahnwitzigste war, sie heiratete ihn! Zwar hat sich diese Ruchlosigkeit später bitter gerächt. Der Petersburger Jude geriet in 5lonkurs und wurde Literat... na ja, und die arme junge Frau... Sechs Kinder, im Rollstuhl, und der Mann Literat! Er hat sich freilich taufen lassen müssen während der russischen Judenverfolgungen: aber seine christlichen Brüder haben kein Herz für seine Not gehabt. Tas alles war die Nemesis dafür, daß die pflichtvergessene junge Dame die Bellegarder höheren Töchter so schmählich im Stich gelassen hatte. Freilich: Ersatz fand sich bald. Dieser Ersatz war ich. lind so hatte ich denn meinen großen Tag. Acht Mädels, acht- und neunjährig, lieb, drall und süß, wurden meiner Obhut anvertraut. Weißt Du, Schatze!, zur Lehrerin bin ich nicht geboren. Ich glaube: erziehen kann ich und lieb haben auch. Aber zum Lehren gehört eine besondere Art von Strenge, die ich nicht besitze. Lernen taten die Frauenzimmerchen trotzdem etwas bei mir, vielleicht nur aus dein Grunde, weil wir lins gegenseitig lieb hatten. Ein Jahr lang habe ich sie unterrichtet und dann mit Glanz und Gloria in die dritte Klasse der höheren Töchter- schule entlassen. Zwei Taler bekam ich für jede von ihnen monatlich; im ganzen sechzehn Taler. Fünfzig Mark beinah! O, war ich reich! Das süße Gefühl des Geldverdienens half mir über den ersten schweren lliiterrichtstag— den Tag nach dieser Nacht— hinweg. Und als ich die Kinder einzeln mit Händedruck entlassen hatte, setzte ich mich ruhig an den Mittagstisch und aß, aß ge- daiikenlos und empfindungslos meinen vollgehäuften Teller leer... Meine Mutter lächelte befriedigt: die nächtliche Strafpredigt hatte mir augenscheinlich über alle Ueberspannt- heilen glücklich hinweggeholfen. Am Nachmittag trat ich meinen gewohnten Spaziergang an. Aber ich ging nicht wie alltäglich nach dem nahen Stadt- Walde, sondern auf den Friedhof. Du kennst diesen Friedhof, meine Seele. Wir beide haben einst an der Ruhestätte meiner Vorfahren dort gestanden an einem wetterschwülen, regenseligen Frühlingstag. Als die ersten Veilchen blühten. Du kehrtest heim, und ich war eine Stunde noch mit Dir gefahren, bis zur dritten Station. Dort verließen wir den Zug, und ich führte Dich in den blühenden Garten des Todes... Da legtest Du den Arm um mich und küßtest mich auf die Augen. Wir beteten: „Du Lcbensflut, die auS den Tiefen quillt Begrabuen Seins und rastlos wächst und schwillt Und von Geschlecht sich zu Geschlecht ergießt"-- Meine Ureltern segneten ihren Sohn. O Du, Du!---- Damals, Tu, an jenem rotgoldenen Frühherbsttage, als ich in wortloser Verzweiflung hinter der Maienrosenhecke dieses Friedhofes kniete, wie hätte ich damals die Seligkeiten meiner Zukunft ahnen sollen? An dieser Hecke ging Albrccht mit seiner Braut vorbei. Weißt Tu, daß es wie im Märchen war? Tie Maienrosen blühten im Oktober. In die blühenden Rosen hinein hielt ich mein Gesicht gedrückt. Er ging zrim Lazarett, das jenseits des Friedhofes lag, und am Arme führte er seine Braut. Da sah ich sie zum erstenmal. Wie eine Drahtpuppe schritt sie neben ihm her, die Hand nach strenger Vorschrift leicht auf seinen Arm gelegt, so daß ein kleiner Raum zwischen ihren Gestalten blieb. Er hatte sich höflich zu ihr hinabgebeugt. Sie konversierten. Ich sah ihnen durch die Rosen hindurch lange, lange nach. Als ich heim kam, schlich ich heimlich in meine Kammer. Ich trug ausgeschnittene Promenadenschuhe an jenem Tage; die zog ich aus und goß eiskaltes Wasser hinein... In meiner Familie ist die Schwindsucht erblich. Das tat ich Tag für Tag. Durch sechzig Tage, durch Sturm und Schnee ging ich in den nassen, kalten, durchweichten Schuhen. Und unterrichtete. Und verdiente. Und lebte. Und hustete... Mit welcher Wonne begrüßte ich diesen Husten! Und wenn ich nun starb, sollte kein Mensch erfahren, warum ich starb. Um die Illusionen meiner Kindheit! Das hätten sie ebensowenig verstanden� wie meine Mutter es verstand. Die sechzig Tage gingen vorbei, und neunzig und hundert... und ich lebte immer noch. Das langsame Sterben wurde mir schließlich langweilig. Und inzwischen hatte Albrecht Hochzeit gemacht, und seine Braut hatte außer ihren Reichskassenjcheinen und sonstigen Herrlichkeiten ein Blüthnersches Pianino und ein Dutzend handgestickter weißer Unterröcke in die Ehe gebracht. Die Welt stand noch, und das Leben ging im aus» gefahrenen Geleise. Da zog ich trockene Schuhe an und nahm Kreosot. Und einen anderen Arzt, weil Albrecht inzwischen ver- setzt worden war. Und als zum anderen Male die Septembersonne in die Maienrosenhecke schien, entließ ich meine Mädels in die hohe Schule, packte meinen Koffer und ging nach Berlin. �* Das neue Leben! Ich wußte, daß ich würde arbeiten müssen. Davor hatte ich keinerlei Furcht. Im Gegenteil empfand ich eine starke und tiefe Freude bei dem Gedanken an die Arbeit. Ich fühlte, daß sie die Erlöserin werden mußte von allen Wahngebilden einer durch Schmerz, Sorge und ein frühes sinnliches Empfinden überreizten Kinderphantasie. Vor dem Heimweh hatte ich Furcht. Ich wußte, wie grenzenlos einsam meine arme Mutter sich fühlen würde. Sie geleitete mich in die neue Heimat. Diese Reise nach Berlin war die erste längere Bahnfahrt, die ich unternahm. Hellen Stolzes voll, dem sich doch ein leises Angstgefühl bei- mischen wollte, reichte ich dem Schaffner meine Fahrkarte. Dann wurden die Türen geschlossen, und der Schnellzug be- gann seine rasende Fahrt. In bunter Abwechselung zogen Städte, Dörfer, düstere Kiefernforsten und die goldenen Stoppelfelder der pommerschen Ebene, die sandigen Flächen der Mark an meinen staunenden Augen vorüber. Mitunter kam es über mich wie eine Blendung. Dann lehnte ich mich mit geschlossenen Augen tief in die Ecke zurück und versuchte zu träumen, bis ein neuer gellender Pfiff mich zu erneuter Aufmerksamkeit zwang. Himmelhohe, schwarz» berußte Schornsteine tauchten in der abendlichen, rotgoldenen Unendlichkeit vor mir auf... (Fortsetzung folgt.); j�aNirmllenIcKaftttcKe deberficht. Von C u r t©rotte tvitz. Auch unter den Gespenstern gibt es verschiedene Rangstufen. So ein kleines armseliges Gespenst, das vielleicht im Schornstein rumort oder auch am hellen lichten Tage an einem Kreuzivege hockt, hat nie so bedeutenden Eindruck gemacht als diejenigen, die in finsterer Nacht unter Feuererscheinungen ihr Unwesen trieben. Die Naturwissenschaft hat aber auch den letzteren unter dem Namen Irr- licht, Elmsfeuer, leuchtende Bäume und dergleichen ihr Signalement gegeben, so daß sie nun allgemein kenntlich geworden sind, und nie- mandem mehr einen sonderlichen Schrecken einjagen können. Das Signalement ist gleichwohl noch nicht vollständig. Unter dem Be- griff Irrlicht dürften wohl die verschiedensten Naturerscheinungen zusammengefaßt werden, die elektrische Natur des Elmsfeuers ist dagegen hinlänglich bekannt. Ueber eine dritte Feuererscheinung, die sehr viel Anlaß zu Aberglauben gegeben hat, über leuchtende Pflanzen, hat jüngst Hans Molisch eine gediegene Arbeit geschrieben (Fischer, Jena 1904). Die Erscheinung des Leuchtens ist, wie in der Tierwelt, so auch bei den Pflanzen ziemlich verbreitet. Die niedersten Pflanzen, die Algen, deren es im Meere so viele gibt, leuchten indes nicht. An» gaben über das Selbstleuchten von Vertretern dieser Pflanzengruppe beruhen darauf, daß Tiere, die an den Algen haften, Licht aus- strahlen. Das Meeresleuchten, soweit es nickst von Tieren ausgeht, wird meist von gewissen Pcridineen hervorgerufen. Pflanzen, die man früher zu den Urtieren zählte, denen man aber jetzt eine ge- sonderte Stellung zwischen Algen und Pilzen zuweist. Es ist nicht immer leicht, festzustellen, welche von den vielen mikroskopischen Wesen, die sich im Meere befinden, das Leuchten verursachen. Aber durch sehr sorgfältige Methoden gelang es doch Molisch und einigen anderen Forschern, die Erreger des Meeresleuchtens genau festzu» stellen. In manchen Gegenden, zum Beispiel im Triester Hafen, wird dieses in der HauptsmHe von Peridinoen verursacht. Soweit es sich um leuchtende Bäume handelt, die in früheren Zeiten und in entlegenen Dörfern wohl noch jetzt abergläubische Menschen in Schrecken setzen, sind die Erreger des Lichtes stets Pilze. Bei uns verursacht namentlich der Hallimasch, ein Ver- wandter des Champignons, das Leuchten an verschiedenen Arten faulender Bäume. Sein Hut leuchtet nicht, wohl aber das Myeel, das unter der in Zersetzung begriffenen Rinde der Bäume dahin- kriecht. Man kann sich leicht leuchtendes Holz verschaffen, wenn man Holz und Rinde von faulenden Stämmen in handgroßen Stücken abbricht, sie auf dem Transport nach Hause feucht hält, und dann unter Glasglocken legt, die mit nassem Filterpapier aus» gekleidet sind. Die Stücke fangen oft schon in der ersten Woche an zu leuchten, die Lichterscheinung hält aber meist nur 4-— 5 Tage an- Auch andere höhere Pilze leuchten, sowohl«inheimische als auch aus- ländische. Von letzteren namentlich kennt man eine größere Menge. Auch manche niederen Pilze, und zwar Bakterien, können leuchten. Sehr häufig findet man das Leuchten am Fleisch geschlachteter Tiere, das deswegen doch nicht verdorben ist. Auch menschliche Leichenteile, tote Dteeresfische und andere Seetiere zeigen häufig eine Licht- erscheinung. In vielen Fällen rührt das Leuchten von dem so- genannten IZscterium phosphoreurn her. Bisweilen leuchten auch lebende Tiere, die von Leuchtbakterien infiziert find. Verschiedene Beobachter haben schließlich auch Lichterscheinungen an höheren Pflanzen, der Kapuzinerkresse, der brennenden Liebe(Lychnis chalcedonica) und anderen wahrgenommen. Molisch zweifelt indes, daß es sich hier um ein Selbstleuchten der betreffenden Blumen handle. Der Umstand, daß jenes Leuchten nur in gewitterschwülen Nächten und überhaupt nur selten zu beobachten ist, bringt ihn auf die Vermutung, daß hier eine elektrische Ausstrahlung, ein Elms- feuer vorliege. Er konnte auch künstlich das blitzartige Aufleuchten aus Blüten der Kapuzinerkresse, die elektrisch geladen wurden, nach- ahmen. Das Leuchten beruht auf einer Oxydation, einer Verbindung mit Sauerstoff. Ohne die Gegenwart dieses Gases kommt es nicht zustande. Da die Pflanze beim Atmen Sauerstoff aufnimmt, so könnte man zu der Ansicht kommen, daß das Leuchten mit der Atmung zusammenhinge und durch sie erzeugt würde. Allein Leuchten und Atmen korrespondieren doch nicht in der Weise miteinander, daß mit der Intensität des letzteren auch das erster« zunähme. So darf man jedenfalls keine direkte Beziehung zwischen Atmung und Licht- entWickelung der Pflanzen annehmen. Vielmehr scheint das Leuch- ten dadurch zustande zu kommen, daß die Zelle bei ihrem Lebens- Prozeß eine Substanz, das Photogen, erzeugt, das bei Gegenwart von Sauerstoff und Wasser zu leuchten vermag. Man hat sich viel den Kopf zerbrochen, was das Leuchten für eine Bedeutung für die Pflanzen habe. Bei den höheren Pilzen könnte die Lichtentwickelung den Zweck haben, Nachtinsekten an- zulocken, um sie durch Berührung mit dem Fruchtkörper zur Ver- breitung der Sporen zu veranlassen. Allein das ist darum ganz unwahrscheinlich, weil z. B. beim Hallimasch nicht der Hut, also nicht der Fruchtkörpcr, sondern im Gegenteil das unter der Rinde verborgene Mycel leuchtet. Molisch meint, daß die Lichtcntwickelung bei Pflanzen gar keine biologische Bedeutung habe. So wie wir an leblosen Gegenständen gewisse Eigenschaften bemerken, ohne daran zu denken, daß sie irgend einen Zweck hätten, so können sich auch bei dem Lebensprozesse der Pflanzen gewisse Erscheinungen einstellen, die nur eine Folge bestimmter innerer Vorgänge oder Einrichtungen sind. Einen Zweck brauchen sie nicht zu haben. Wir suchen heutzutage viel zu sehr nach Zwecken, ohne an die Möglichkeit einer Zwecklosigkeit zu denken. Nur die sogenannten rudimentären Organe lassen wir als zwecklose Gebilde gelten, nach- dem der Zweck, dem sie einst dienten, nicht mehr vorhanden ist. Solche Organe sind aber mitunter nicht nur zwecklos, sie können sogar direkt sehr schädlich werden. So war es z. B. für die Pflanzen. die sich an das Lehen im Wasser gewöhnten, ein großes Hindernis, daß ihre Oberhaut mit Spaltöffnungen versehen war, in die das Wasser jetzt eindringen konnte. Die Spaltöffnungen, die für die Zirkulation der Lebensgase berechnet waren, drohten nun, das Wasser in die Luftkanöle hineingelangcn zu lassen. Trotzdem gaben die Pflanzen beim llebergang in das nasie Element den Spaliöffnungs- apparat nicht auf. Dieser scheint demnach ein unveräußerliches Erb- stück der Gewächse zu sein. Die untergetauchten Pflanzen mußten daher Einrichtungen erwerben, welche die Funktion der Spaltöff- nungen hemmten. Otto Porsch hat diese verschiedenen Einrichtungen untersucht(Sitzungsberichte der Wiener Akademie, Bd. tl2, S. 1). Sie haben alleren Zweck, die Spaltöffnungen geschlossen zu halten, so daß kein Wasser eindringen kann; ihr Mechanismus ist ein sehr verschiedenartiger. Doch wir wollen über die einzelnen Schließvor- richtungen der untergetauchten Pflanzen hier nicht sprechen. Hier interessiert uns vor allem die Tatsache, daß die Gewächse in der Vererbung ihres Spaltöffnungsapparatcs sehr zäh sind. Und auf diese Tatsache gründet sich eine andere höchst wichtige Feststellung desselben Forschers in der österreichischen„Botanischen Zeitschrift" (1904, S. 1). Unter den dikotylischen Pflanzen gibt es eine Gruppe, die sogenannten Vcrtizillaten. Zu ihnen gehören höchst eigentümlich gestaltete Bäume, die Kasuarinen, die in Australien ganze Wälder von seltsamem Aussehen bilden. Die Kasuarinen gleichen nämlich in ihrer äußeren Gestalt den Schachtelhalmen. Trotz dieses Aus- sehens find sie aber Phancrogamen, und zwar gehören sie eben der höchsten Stufe derselhen. den Dikotylen an. Nun hat aber Porsch gefunden, daß der Spaltöffnungsapparat der Kasuarinen sehr genaue Uebereinstinnnung im Bau mit dem der Gymnospermen zeigt. Da auch schon früher Anklänge in den Organen der Kasuarinen an die genannte große Pflanzengattung gefunden worden sind, so ist es außer Zweifel, daß jene Bäume in verwandtschaftlicher Beziehung zu den Gymnospermen stehen. Damit wird aber eine Brücke ge- schlagen zwischen den beiden großen Sektionen der Phancrogamen, den Gymnospermen und den Angiospermen(Monokotylen und Diko- tylen). Unter den drei Familien der Gymnospermen, von denen die Nadelbäume ja die bekanntesten sind, befindet sich eine, die Gnetaceen, die auch schachtelhalmartiges Aussehen besitzen. Diese will Porsch als die Ahnenformen der Kasuarinen angesehen wissen. Und er leitet beide in letzter Linie von den wirklichen Schachtel- Halmen ab, indem er derart nne Beziehung zwischen Krhptogamen und Phancrogamen herstellt. Diese beiden Pflanzcnkreise, die früher so heterogen erschienen, sind freilich schon längst durch zahlreiche Zwischenglieder miteinander verbunden. In neuerer Zeit haben sich überhaupt mancherlei Merkmale gefunden, die den Stammbaum der Pflanzen weit weniger kompliziert erscheinen lassen als den der Tiere. Die Kasuarinen konnten in ihrer australischen Abgeschlossenheit einzelne Merkmale der Pflanzenwelt des geologischen Mittelalters bewahren, so wie Beuteltiere, Kloakentiere, Brückenechse und andere Tiere Australiens uns an die Entwickelungsstufe der damaligen Fauna erinnern. Die Pflanzenwelt der großen zusammenhängenden Kontinente schritt energischer vorwärts und verdrängte die alten Typen mehr und mehr. Unsere Flora datiert aus der Tertiärzeit, ja zum Teil hat sie sich schon in der Kreidezeit ihre Formen geprägt. Es besteht ja eine große Uebereinstimmung zwischen der Pflanzen- Welt Europas, des nördlichen Nordamerikas und Asiens. Nordamerika lvar offenbar lange Zeit mit dem nordöstlichen Asien und dem nord- westlichen Europa verbunden. A. T. Drummond hat nicht weniger als 575 Pflanzcnarten als Kanada und Europa gemeinsam gesunden, gegen 330 Arten gehören sowohl Ostasien wie Kanada an und außer- dem gibt es von diesen viele, die allen drei Gebieten zukommen. Welches von den letzteren der gebende Teil war, darüber sind die Meinungen noch geteilt. Gegenwärtig neigt man der Ansicht zu, daß in Nordanicrika die heutigen gemeinsamen Typen entstanden sind. Hier treten nämlich eine größere Anzahl von Arten bereits um eine geologische Epoche früher auf als sie in Europa erscheinen. Elf Arten, die in Europa zu Beginn der Tertiärzeit auftauchten, finden sich schon in der oberen Kreide Nordamerikas. Zwei Arten, die gegenwärtig in Amerika und Japan borkommen, iverden in Amerika schon in der Eozänzeit, dem ersten Abschnitt des Tertiärs, gefunden. Von 70 Arten, die im Diluvium Kanadas erhalten sind. sind gegenwärtig 20 Kanada und Europa, 14 Kanada und Asien, und weitere 11 allen drei Gebieten gemeinsam. So hätte denn Kanada, das allerdings, seinem geologischen Bau nach zu schließen, seit langer Zeit Festland gewesen ist, während andere Teile der drei nördlichen Lkontinente vom Meere überflutet wurden, die Pflanzen- Welt Europas in hervorragendem Maße beeinflußt.— Kleines feuilleton. e. a. Schurigeln. In unserer Zeit, wo die Menschheit nicht über die Sachen, sondern die Sachen über die Menschheit herrschen, ist es eine alltägliche, aber leider noch lange nicht von allen gemachte Wahrnehmung, daß der Arbeiter den größten und unerträglichsten Druck davon auszuhalten hat. Er muß sich seiner Selbsterhaliung wegen manchmal den größten Demütigungen aussetzen, Demütigungen, die das Menschentum in ihm empören. Man sollte nun denken, daß diese Empörung in ihm, da doch der Mensch im allgemeinen für ein denkendes und fühlendes Wesen gehalten werden will, von allen Seiten als natürlich, ja als notwendig angesehen werde, ohne welche der Arbeiter eben aufhöre, noch ein Mensch zu sein. Ja, man sollte annehmen, daß besonders die Regierung, die sich doch so gerne als unparteiisch über allen stehend ausgeben möchte, alles Mögliche tue. ihm sein hartes Los zu erleichtern. Aber weit gefehlt, inan faselt— bisweilen mit. meistens aber gegen seine eigene Ueberzeugnng — immer von Begehrlichkeit, künstlich angestachelter Unbotmäßigkeit und dergleichen, sucht ihm alle möglichen Drangsale zuzufügen, um ihn mürbe zu machen. Im Bunde mit der Polizei ist das Unter- nehmertum bemüht, ihn auf jede mögliche Weise zu schurigeln. Hier ist das Wort, das von der Arbeiterpresse ebenso gern als richtig für das gekennzeichnete Gehaben gebraucht wird. Es wird oft fälschlicherweise schuhriegeln geschrieben, also aus bekannten Bestandteilen der Sprache zusammengesetzt, wonnt dargetan ist, daß man sich doch nicht so recht im klaren darüber befindet. Es liegt ihm das Wort schürzen oder schürzen(althochdeutsch senr�au) zu gründe, das schieben, stoßen, treiben dedeutet und selbst wieder eine Weiterbildung zu schüren ist: ich gehe scharren und schürzen um Gut, als wollt' ich mich erwürgen. Wunderhorn, Boxberger. In neuerer Zeit wird es nur noch landschaftlich gebraucht, Le- sonders in der Schweiz. Eine Weiterbildung z» schürzen ist wiederum schürgeln, um das weniger starke, aber mehrmalige schürgen zu bezeichnen. Man nennt das eine Häufigkeitsbildung. Das Volk ging noch weiter, in- dem es ganz willkürlich ein i einschob und diesen Einschubvokal ver- längerte, wobei aber eine volkstümliche Anlehnung an andere bekanntere Bestandteile der Sprache mit im Spiele war, wie die Schreibung schuhriegeln beweist. Die richtige Erklärung steht aber merkwürdiger- weise schon in dem Teutsch-lateinischen Wörterbuch von Johann Frisch, der um 1700 herum Direktor des hiesigen Gymnasiums zum Grauen Kloster war. Er sagt: schurigeln, ein Pöbelwort für plagen. vexars; für schürgeln haben sie schurigeln gesagt. Die Bedeutung ist also klar: oft schieben, oft stoßen, oft antreiben, daher: mit Arbeit placken, daher: einen ohne besonderen Grund, rein zum Ver- gnügen quälen.— — Der Richter-Gastwirt von Baden. Der„Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: Der große Rat von St. Gallen hat den Beschluß gefaßt, daß Kantons- und Gcmeindebeamten die Führung von Wirtschafter: zu verbieten sei. Die gleichzeitige Ausübung eines der- artigen Doppelberufes machte übrigens schon vor mehr als hundert Jahren auf Nichtschweizer einen eigentümlichen Eindruck. So erzählt der Europa-Bummler Casanova in seinen Memoiren folgenden Vor- fall, den er in Baden in der Schweiz erlebte: Nach dem Essen, während inan meinen Wagen anspannen wollte, kam die Tochter des Gastwirts, eine ziemlich hübsche Person, in den Saal und forderte mich auf, mit ihr zu walzen. Es war ein Sonntag. Plötzlich trat der Vater ein, und die Tochter entfloh. „Mein Herr," sagte der Schelm,„Sie sind zu einem Louisd'or Strafe verurteilt!" „Weshalb?" „Weil Sie an einem Festtag getanzt haben." „Lassen Sie mich in Ruhe, ich werde nicht bezahlen!" „Sie werden bezahlen," sagte er und zeigte mir ein großes Plakat, das ich nicht lesen konnte. „Ich appelliere!" „An wen, mein Herr?" „An den Ortsrichter!" Er ging hinaus und Ivenige Minnten darauf verkündete man mir, der Richter erwarte mich in einem benachbarten Zimmer. Als ich aber in das Zimmer trat, sah ich meinen Schelm mit einer Perrücke und einem Mantel bekleidet. „Mein Herr," sagte das Chamäleon,„ich bin der Richter!" „Richter und Partei, wie ich sehe!" Er schrieb, bestätigte den Spruch und verurteilte mich noch zur Zahlung von 6 Fr. sür die Kosten des Rechtsspruchs. „Aber", sagte ich,„wenn Ihre Tochter mich nicht verführt hätte, so würde ich nicht getanzt haben. Sie ist ebenso strafbar als ich." „Das ist ganz richtig, mein Herr: hier ist ein Louisd'or für siel" Bei diesen Worten zog er einen Louisd'or aus der Tasche, legte ihn neben sich ans den Schreibtisch und sagte: „Jetzt den Ihrigen!" Ich lachte, bezahlte und verschob meine Abreise auf den folgen- den Tag.— is. Die heutige und frühere Bedeutung des Walfanges. Die Jagd auf die Riesen des Meeres, die Vertreter der Walfamilien, ist heute nur noch ein Schatten ihrer früheren Bedeutung. Vor hundert Jahren entsandten die Briten allein 250 Schiffe, um den großen Gronlandwal zu fangen. Heute geht höchstens noch ein halbes Dutzend von Dundce aus auf die Jagd, und den Grönlandwal werden sie. auch nicht mehr finden, sondern sich mit anderen Vettern dieses selten gewordenen Meersäugers begnügen müssen. Aehnlich ist die Flotte der amerikanischen Walfänger in 60 Jahren von 700 Segelschiffen auf eine Zahl herabgesunken, die man an den eingern herzählen kann. Welch ein Abstand nun erst gegen die eit vor mehreren Jahrhunderten, als die Basken den Walfang auf dem ganzen Atlantischen Ozean als eine Art Monopol betrieben und für ihn die Harpune erfanden, die wir samt ihrem Namen von ihnen ererbt haben. Der Grönlandwal ist mittlerweile so gründlich be- feitigt worden, daß nur verhältnismäßig wenige Museen ein voll- ständiges Skelett oder auch nur einen Schädel aufzuweisen haben. Der Walfang ist aber doch nicht ausgestorben, sondern hat sich nur eine andere Beute gesucht. Seit 1864, als der norwegische Kapitän Swcnd Foyn aus Vadsö zum erstenmal auf den sogenannten Buckelwal Jagd machte, hat man diesem gleichfalls sehr mächtig entwickelten Tier nachgespürt, und schon zwanzig Jahre darauf hatten sich an den Küsten Finn- markens mehr als dreißig Faktoreien gebildet, die sich mit der Ver- Wertung dieses neuen Walfangs beschäftigten, bis die norwegische Regierung sie sämtlich aufhob. Der Fang dehnte sich bald bis nach Island und sogar bis Neufundland aus, ist aber noch immer fast gänzlich in norwegischen Händen. Im allgemeinen sind die Wale noch durchaus nicht selten geworden, denn sowohl im Atlantischen wie im nördlichen Stillen Ozean werden noch Herden von vielen Hunderten zusamnien angetrofien. In der Umgebung der Shetlands-Jnseln sind in den letzten zwei Jahrzehnten 27 000 Stück Finnwale gefangen worden. Was tvill das aber sagen gegen die Zahlen der frühere» Zeit, als die Holländer allein nachrechneten, daß sie 575 900 Grönlandwale und Nordkaper oder Biskayawale in etwa einem Jahrhundert gefangen hätten. Gegenwärtig erstreckt sich der Walfang auf fünf bis sechs Arten: den sogenannten Schwefclbauch oder Blauwal, der Haupt- fachlich bei Island und Neufundland gejagt wird: den gewöhnlichen Buckelwal, den Nudolfischen Finnwal, den Pottwal und den Biskayawal.— Musik. Mit Recht trachten die hiesigen Gesangvereine der Arbeiter nach einem Zusammenhalt, wie ihn der„ A r b e i t e r- S ä n g e r b u n d Berlins und Unrgegcnd" ermöglicht. Sehr tief scheint der Zusammenhalt nicht zu gehen: gemeinsame Chorleistungen fehlen noch, wie das 1 4. S t i f t u n g s f e st des BundesV,