Hlnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 241. Donnerstag, den 8. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) � Ich bekenne. Roman von Clara Müller-Jahnke. Das alles erfuhr ich selbstverständlich erst später. An diesem ersten Morgen unserer Bekanntschaft herrschte eine arge Verstimmung in unserem Dachstübchen. Mary Deike faßte mich schließlich unter den Arm und führte mich in den Speise- saal hinab. Oberlicht. Um das geschnitzte Gitterwerk herum in Tufeisenform die Tafel. Dreißig bis vierzig Mädels!— Ob nun blond oder brünett, heiter oder ernst, fromm oder glaubenslos, jung oder lebenserfahren. Du: alle haben sie ihren„Mann" gestanden im Kampfe um das Dasein. Ich sehe sie noch heute. Keine fromme Gesellschaft, bei- leibe kein„Pensionat"!— Aber Lebenskraft steckte in ihnen allen? In der Mitte des mit weißen Leinen gedeckten Kaffee- tisches präsidierte die Frau Oberin. Ich trat an sie heran und wünschte ihr einen Guten Morgen. „Guten Morgen, liebes Kind," erwiderte sie freundlich meinen Gruß.„Trinken und essen Sie und lassen Sie sich's gefallen. Um acht Uhr beginnt der Kursus der Handelsschule." Ich aß und trank mit Appetit. Mary Deike saß neben mir und„futterte". Sie flüsterte mir Bemerkungen zu über die einzelnen Glieder in diesem Kreise. Und sie traf mit jeder Bemerkung, wie ich später voll bestätigt fand, den Nagel auf den Kopf. Um einhalbacht Uhr wurde die Kaffeetafel aufgehoben. Die Frau Oberin legte liebevoll meinen Arm unter den ihrigen. „Mein liebes Kind, einen Gefallen werden Sie mir tun! Sie haben so schönes Haar— warum ruinieren Sie sich das durch Lockentragen! Flechten Sie sich das Haar, liebe Wilma. Sie werden bald sehen, wie gut Ihnen das tut!"— Ich sah Fräulein Veronika Märiens verständnisvoll an: mit einem Male hatte ich sie lieb. „Ich werde meine Haare flechten. Frau Oberin." Sie mochte wohl ein Aufblitzen in meinem Gesicht gesehen haben,— ein Lächeln ging um ihren charaktervollen Mund. Dann drückte sie meine Hand und nickte mir gütig zu. Seit dieser Stunde sind wir Freundinnen gewesen. Um acht Uhr begann der Kursus der Handelsschule. Zuerst wurde eine Prüfung vorgenommen, und die Schülerinnen wurden nach dem Grade ihres geistigen Vermögens gesetzt. Ich erhielt Nummer eins. Anna Nicolai saß ganz unten. In der ersten Stunde sah sie mit ziemlich schiefen Blicken auf mich hin. Aber sie ist niemals neidisch, sondern stets bestrebt ge- Wesen, mit Go.tes Hülfe mein bißchen Ueberlegenheit zu ihren Gunsten auszunutzen. Und— na: ganz schlecht war ich auch nicht, und Anna Nicolai hat so manches schwierige Exempel zu Herrn Sande- manns Verwunderung tadellos gelöst. Unser Lehrer, Liebling?— Mary Deike hatte ihn richtig eingeschätzt. Er war tatsächlich ein„netter Kerl". Der un- -verfälschte Berliner:„pratschig"„ harmlos, von Herzen gut. Galant und grob, je nach Bedürfnis. Wir beide haben uns allzeit famos gestanden. Unsere Sprachlehrerin war eine Nachteule. Das heißt: nur, was ihr Aeußeres anbetrifft. Mein Schönheitsgefühl wurde förmlich geknickt, als ich sie zum erstenmal sah. Mein Herz aber wurde gänzlich mit ihrer Erscheinung ausgesöhnt in dem Augenblick, als sie bei der Zurückgabe unseres ersten Aufsatzes:„Ueber die Panslavierung des europäischen Ostens im Hinblick auf den russisch-türkischen Krieg" mit zufriedenen! Lächeln erklärte: „Fräulein Wilma ist ein Genie." Wo das„Genie" in diesem Aufsatz zutage getreten ist, weiß ich nicht zu sagen. Fest steht nur, daß ich von da ab ihr Nachteulcngesicht ganz erträglich fand. Die Mädels in der Schule, Herze?— Aus allen Kreisen rekrutierten sie sich. Sogar eine Gencralstochter hatten wir unter uns und eine adelige junge Dame aus der französischen Kolonie. Und die Tochter einer Grünzeughändlerin aus Schöneberg. Der„Star" unserer Schule war eine fesche, blonde, hochtoupierte Berlinerin, die nicht gut zu rechnen der- stand, dafür aber auf die schwachen Seiten Herrn Sandemanns so unverschämt spekulierte, daß dieser ihr eines Tages rund- weg und ehrlich grob erklärte:„Bei mir sollen Sie lernen, Fräulein Tietz. Wenn i ch mal was lernen will, suche ich mir eine andere aus." Von dieser Stunde an konnte Fräulein Tietz rechnen. So stellten wir im kleinen den richtigen sozialistischen Zukunftsstaat dar. Wir waren alle gleich. Und es ging in Wahrheit ein starker sozialistischer Zug durch diese Schule,' der erwachsen war aus dem gemeinsamen Gefühl, arbeiten zu müssen, um leben zu können. Damals, Seele, empfand ich das nicht so genau. Nur das Neue, das ganz Neue kam überwältigend über mich. Und— die lachende, prickelnde, sechzehnjährige Lebens- lust!— Ich war in Berlin. Und hatte sechzig Mark in der Tasche, die ich aus den Ein- künften meiner Privatschule übrig behalten hatte. Ich war Kapitalistin und hatte eine Freistelle im Heimat- hause. Meine Kameradinnen— allen voran Mary Deike waren ehrlich bestrebt, mich in die Vergnügungen der Kaiser- stadt einzuführen. Ich wehrte ab. Das sollte erst kommen, wenn ich eine Stellung hatte. Bis dahin hieß es: sparen! Pferdebahnfahren leistete ich mir nicht, nicht einmal den Omnibus. Ich lief zu Fuß und lief stundenlang, um das drückende Gefühl loszuwerden, in meiner Umgebung nicht genau Bescheid zu wissen. Trotz dieses stundenlangen Laufens aber sah ich nur das glänzende Berlin, das Berlin der Kaiser- stadt. Ich sah die funkelnden Läden, die Kunstgalerien, die kein Eintrittsgeld kosteten, kannte hundert verschiedene Straßen- namen und hatte mich im Gassengewirr mit Leichtigkeit zurecht- zufinden gelernt. Bescheid aber wußte ich noch lange nicht. Bis dann eines Abends— Es war ein heißer Tag gewesen. Die Luft flimmerte, und die Hitze flirrte. Gegen Abend machte Fräulein Märiens eine Erholungsfahrt in einer Droschke. Drei ihrer Schutz- befohlenen wählte sie zu ihrer Begleitung aus, darunter auch mich. Wir fuhren wohl eine gute Stunde lang... Aus den glänzenden Straßen heraus in enge, düstere Gassen. An Baracken vorbei, die das heutige Berlin nicht mehr aufzuweisen hat. Wir sahen Häuser,— wenn sie überhaupt diesen Namen verdienten— die zur Hälfte nur über der Erde standen: die untere Hälfte schien in den Boden ver- stinken zu sein. An den zerbrochenen Türen lehnten Männer mit blassen Gesichtern, verwildertem Barthaar und dunklem Blick. Meine Kameradinnen schauderten. Sie hatten Furcht. Veronika Märiens sah die kindliche Regung dieser jungen Seelen. „Ja," sagte sie langsam, als wollte sie auf eine an sie gerichtete Frage Antwort geben,„ich würde Euch nicht raten, Kinder, des Abends allein durch diese Straßen zu gehen.. „Warum nicht?" fragte ich rasch. „Aber Wilma? Schau doch nur diese Kerle an: sehen sie nicht genau so aus, als ob sie Dich niederstechen möchten, wenn sie Dir irgendwo allein begegneten?" Ich mußte lachen. Diese Kerle! Was war's denn mit ihnen? Das Leben hatte ihnen übel mitgespielt: sie hatten für ihr Ringen keinen Lohn gefunden, sie hatten die Arbeit verabscheuen gelernt, die ihnen keine Frucht gebracht, und standen nun an zerbrochenen Türen herum, rochen nach Alkohol und sahen mit schweren, stumpfen Blicken in die sterbende Welt. Und„diese Kerle" sollten mich niederstechen wollen, wenn sie mir begegneten,— mich, die ich an der Schwelle des Lebens stand, die ich die gleichen Enttäuschungen, dieselben bitteren Hoffnungslosigkeiten noch zu durchkosten hatte, für die derselbe bittere Trank bereit stand, den sie bereits bis zur Neige geleert, bis zur Besinnungslosigkeit getrunken hatten?!— Sie hätten höchstens schadenfroh und hohnisch über mich gelacht! � Jetzt glaube nicht, daß ich phantasiere. Herze! �ch empfand so. Ein Gefühl der Reife war über mich ge- kommen: seltsam, bedrückend, gewitterschwer, vchwul wie die Atmosphäre dieses Oktoberabends... — 962— Und selbst Veronika Martens sah mich Verständnis loS an. Ich habe keine Ahnung mehr davon, warum unsere Oberin mit uns durch die Straßen fuhr, die heute lange schon der großen Zeit zum Opfer gefallen sind. Prachtbauten sind an ihrer Stelle entstanden, und statt jener Unglückseligen mit dem erloschenen Blick stehen Männer auf der Schwelle— mit dem Hammer in der Hand und dem lohenden Blitz in den Augen! Und wir fuhren weiter, immer weiter. Du: von Norden nach Osten. Breit wurden die Straßen und die Häuser hoch. Von den Wänden bröckelte der Kalk. Die Treppen waren schie getreten, die Valkone blumenleer. Hinter ihren Fenstern schlies das Glück nicht mehr. Die Mädels sahen interessiert aus der Droschke. Auf den breiten Trottoirs huschte ein'Masses, scheues Leben dahin. Und vor einem dieser himmelhohelUa mser hielt unsere Droschke still. Fräulein MärtenS stieg yWaus. Sie hatte einen Besuch in diesem Hause zu machen. Während der fünfzehn Minuten, die wir vor diesem Hause verweilen mußten, habe ich viel gesehen... Ich sah in eine offene Wunde hinein. Und am Grunde dieser Wunde sah ich den Blutstrom des Lebens pulsen. Aus meinen sechzehn Jahren wurden sechzig. Am Straßenrande stand ein Weib. Ihr einstmals himmelblaues Kleid war beschmutzt und zerrissen. Auf dem Kopfe trug sie einen hellen, zerdrückten Filzhut, mit roten Rosen geschmückt; in den Nacken hinunter hing eine von der Feuchtigkeit glatt gewordene, weiße Straußen feder... Das Weib stand gerade im Laternenschein und spähte die Straße hinab. Von jenseits kam ein Mann. Ein Herr erschien er mir. Er ging quer über die Straße und blieb neben dem Weibe stehen. Ich beugte mich vor. Mein Herz schlug laut und heftig. Meine Gefährtinnen kicherten. Wieder verstand ich ihr Kichern so wenig wie vordem ihre Furcht. Der Mann drängte sich dicht an das Weib heran. Es schien beinahe, als beabsichtigte er, den Ann um sie zu legen. Und nun beugte er sich tief hinab und sah ihr unter den zer knitterten, hellen Filzhut mit den leuchtend roten Rosen. Dann plötzlich— lachte er laut und roh auf. Und stieß das Weib zurück. Und ging vorbei. Die Frau umklammerte den Laternenpfahl. Ein zittern der Schauer rann durch ihren Leib. Und ich wußte, daß sie hungerte... und daß sie hungern würde: heut Nacht und morgen früh und den ganzen Tag. Und ich wußte, daß dieses Weib ein Recht habe, mich niederzustechen, wenn es mir begegnen sollte... ein Recht, wenn auch keinen Mut mehr dazu und keine Kraft. Mich aber trieb eine Kraft, aus der Droschke zu springen und dem Weibe zu geben, was ich bei mir trug, und es zärtlich und liebevoll zu bitten:«Geh heim, Schwester,, und iß Dich satt.. Und neben mir die kichernden Mädchen wurden plötzlich starr, und ein Zug der äußersten Empörung legte sich um ihre zusammengekniffenen Mundwinkel. Dann brach der Sturm los. „Wilma, ein solches Frauenzimmer! Bist Du verrückt geworden?— Du machst Dich gemein, Wilma! Ich sage es Fräulein Martens— solch ein Frauenzimmer!" Aus dem wetterschwülen Oktoberhimmel zuckte ein Blitz. Das Weib vor mir erhob sein weißes, verwüstetes Geficht und sah gerade in das blaue Licht hinein... Ein Schreck durchfuhr mich; eine brennende Scham wie über ein Ungeheuerliches, das ich getan, schlug mir flammend in die Wangen. Zitternd stieg ich wieder in den Wagen, ohne mich noch einmal nach meinem Schützling umzusehen. Meinen zürnenden Kameradinnen winkte ich wortlos und abwehrend mit der Hand.— In einem Fenster der zweiten Etage ging ein Licht auf. Und Veronika Martens trat mit erregtem Gesicht aus dem Haufe. „O, Kinder, es blitzt! Das Gewitter kommt. Nach Hause — schnell, schnell!" Der Droschkenkutscher hieb auf die Pferde ein. Wir jagten heim, immer verfolgt von dem drohenden schwarzen Gewölk. Mitunter spielte ein blasser Blitz über Veronika Märiens' ver- störtes Gesicht. Ich saß im Schatten, tief in die Ecke gedrückt. Ich fürchtete mich, auf die Straße zu sehen... Wir kamen gerade zum Abendbrot zurecht. Der Hufeisen- förmige Tisch war bereits gedeckt. Vierzig bis fünfzig Mädels saßen wir um diesen Tisch. Gegessen wurde wenig: draußen tobte ein Unwetter, als sollte die Welt nüt allem, was auf ihr blühte, reiste und zertreten ward, vernichtet werden auf einen einzigen Schlag. Der Hagel prasselte an die Scheiben, daß sie klirrend zersprangen. Eine Telephonistin, die aus dem Dienst kam und drei Treppen emporgesttegen war. trug in der heißen Hand ein Hagelkorn so groß noch wie ein Taubenei. Ein Oktobergewitter von unerhörter Heftigkeit! Wieder klirrten die Scheiben und immer wieder,, und auf der Straße rassette die Feuerwehr. Veronika Märiens stand auf, blaß wie eine Tote. Auch diese Frau hatte Furcht. Vor dem Gewitter? In dem dunklen, von allen Seiten zugebauten Korridor, in den der Blitzschein nicht zu dringen vermochte, ist sie wie sinnlos umhergelaufen, die Hände an die Ohren gepreßt. Ich wäre ihr gern gefolgt. Aber das blaue Licht der Blitze, das nicht mehr erlosch, hielt mich in dem großen, von acht breiten Fenstern flankierten Saale fest. All' die Mädels um mich her sahen in diesem Lichte blaß, bläulich, entstellt, erloschen aus. Und der Donner klang über sie hin wie ein fernes, rohes Lachen... Dann ein kurzer, ersttckender Moment: eine Lohe— ein Prasseln— ein Krach-- Mir unmittelbar im Rücken! Als ich aufsah, traf mein Blick auf Ohnmächtige.� Und jetzt sahen sie wirklich wie Leichen aus. Langsam hob ich die Hand an die Stirn und wandte mich um. Die Bleieinfassung des Oberlichts war verbogen und geschmolzen. Heraus- geschleuderte Bleistücke lagen auf dem Fußboden umher. Glas- splitter überall, sogar auf dem Tisch, auf den Tellern... Eingeschlagen!— Und das Toben des Unwetters hielt an. Jetzt lief ich hinaus zu Veronika Märiens. Wir brachten sie halb bewußtlos zu Bett. Ter Blitz hatte durch das Oberlicht geschlagen, war durch drei Etagen gegangen bis m das im ersten Stock gelegene Möbelmagazin, und hier hatte er sich einen hohen Wandspiegel ausgesucht, den er in tausend Scherben zersplitterte. Dann hatte er durch das offene Fenster den Ausweg gefunden. Ein Unglück war nicht geschehen. Nur ich— unter dem furchtbaren Krachen dieses Schlages hatte ich gelernt, mich zu fürchten. Nein doch: die Furcht im eigentlichen Sinne war mir fremd geblieben. Nur ein Nerven- zittern, ein unbeschreibliches Beben Hab' ich drei Jahre lang nach diesem Blitzschlag noch gespürt, so oft ein Gewitter am Himmel stand. Und wenn ich den tiefen, traumlosen Schlaf der schwülen Sommernächte schlief, das erste, ferne Donner- rollen hat meine Augen geöffnet für den bläulichen Schein. � Heute— o Du Lieber! All' der Spuk der Vergangenhest ist gebannt. Mit Dir bin ich durch die hallende Osternacht ge- gangen und habe dem zuckenden Blitze zugejauchzt und mit dem krachenden Donner über allen Jammer und allen Wahn- Witz der Well gelacht. (Fortsetzung folgt.)! Der Brief. (Nachdruck verlöten.) Bon Wladimir Kirjakow. .Lisa, ich denke. Du bist schon lange fertig?!... Es ist höchste Zeit, inZ Theater zu fahren, und Du bist noch mcht einmal risiert?". .Aber Mitja, siehst Du denn nicht, daß ich zu tun habe?" .Was denn?" .Na, das siehst Du ja— ich schreibe einen Brief... „Was ist das wieder für eine Idee, so kurz vor dem Theater einen Brief zu schreiben I Warum ziehst Du Dich nicht lieber an 1" „Weil dieser Brief sehr eilig, sehr wichtig ist und ich mich erst etzt daran erinnert habe.— Den ganzen Tag war mir so als wenn ich etwas äußerst Notwendiges zu tun hätte. Aber was? Kerne Ahnung I Erst jetzt fällt mir ein. daß eS der Brief an dre Modistin ist... wegen meüres neuen Kleides... Nur gut, daß ich mich noch beizeiten daran erinnert Habel... Apropos, kannst Du mrr vielleicht sagen, wie ich die Adresse machen soll?"..., .Wie Du die Adrefle machen sollst? WaS ist da v,el zu fragen I Du schreibst ihren Vor- und Zunamen— und fertig 1".„.. „So schlau war ich auch ohne Dich... Oder bin ich vielleicht eine Idiotin?... Aber ich meine, mutz man nicht dre Modiftm auf dem Kuvert„Hochwohlgeboren" titulieren?... Ist meinem ganzen Leben habe ich noch nie an eine Modistin geschrieben... Im Brief habe ich einfach unterzeichnet»Ihre Kundin' Soundso.., Aielleichl ist das nicht höflich genug?" .Lisa I Wirklich, wir kommen zu spät ins Theater I' ,WaS kümmert mich das Theater!... Mein Kleid ist mir wichtiger als das Theater I...- Also wie soll ich schreiben? Hoch- wohlgeboren oder nicht?" „Aber Kind, wie soll ich das wissen I Ich habe noch niemals mit einer Schneiderin korrespondiert." „Na, na... Tu nur nicht so!... Als wenn ich Dir das glaubte I... Ihr Männer seid alle...1 Besonders bevor Ihr heiratet... Denkst Du. ich weiß nicht, wie Du als Junggeselle...?" .Lisa! Wir kommen bestimmt zu spät, wenn Du jetzt noch eine Szene anfängst! Mache lieber Deinen Brief fertig I... Du schreibst auf das Kuvert ganz einfach»An Frau Soundso.. .Damit sie sich beleidigt fühlt und mir aus Aerger das Kleid verdirbt, ja?... Danke für den guten Rat I... Einen besseren hätte ich übrigens von Dir auch nicht erwartet!" „Du bist heute augenscheinlich etlvas nervös... Einfach un- möglich, mit Dir vernünftig zu sprechen!" „Ja, wie soll man nicht nervös werden, wenn man eine ge- schlageue Stunde über solch einem dummen Brief fitzen muß!" „Dann mach doch Schluß und schicke ihn fort, wie er ist!" .Ach Gott, da fällt mir eben ein..." .Was denn noch?" „Ich habe ja ihre Adresse vergessen! Ich weiß, daß sie auf der Radjeschdinskaja wohnt, in einem roten Hause, aber welche Nummer?" .Der Briefträger wird sie schon finden. Sie hat doch gewiß ein Firmenschild?" „Wie dumm Du bist! Meinst Du denn, auf dem Schilde steht ihr Name? Welche bessere Schneiderin setzt überhaupt ihren wirklichen Familiennamen aufs Schild? Und das rühmt sich noch mit den Modistinnen-Bekanntschaften, die er vor der Hochzeit hatte!... „Ist mir ja nie im Traum eingefallen I Du saugst Dir das ein- fach aus den Fingern I" „Na, na... bitte sehr!... Du bist wohl so unschuldig wie ein neugeborenes Kind?" „Liia I Fahren wir heute noch ins Theater oder nicht?" „Und mein Brief? Die Schneiderin heißt Petrow, aber auf ihrem Schilde steht: Madame Söraphine..." .Na, dann adressiere doch: An Madame Sör..." „Damit der Brief verloren geht, ja? Bildest Du Dir etwa ein, unsere Briefträger können französisch lesen?" „Weißt Du was? Da Du den Brief nicht abschicken kannst, fährst Du morgen selbst zur Schneiderin und sprichst mit ihr." „Und die Mühe und Arbeit, die ich mit dem Briefe gehabt habe? Soll die ganz umsonst gewesen sein? Du willst Dich wohl über mich lustig machen? Und dann— warum soll ich Geld für eine Droschke ausgeben, wenn doch-eine Post existiert?" „Aber Du hast doch ihre Adresse vergessen?" „Halt! Ein Gedanke! Sie wird gewiß im Adreßbuch zu finden sein.." „Ich glaube nicht, daß alle Schneiderinnen im Adreßbuch stehen." „Du denkst wohl, ich lasse bei Gott weiß wen, arbeiten?... Natürlich bei Deinem kleinen Gehalt... Ich versage mir alles... tatsächlich alles!... Andere Frauen, die lange nicht so hübsch sind wie ich, sahren in eigenen Equipagen, während ich..., ich kann nicht einmal, wenn's nöttg ist, zur Modistin fahren, sondern muß stundenlang fitzen und Briefe schreiben!... Und das nennt man Leben I" „Was noch?" „Meine Finger sind ganz voll Tinte!... Und alles bloß dieses Brieses wegen!... Ein anderer Mann hätte seiner Frau die Mühe erspar1, hätte statt ihrer an die Schneiderin geschrieben..." „Aber ich wußte ja garnicht..." „Das hättest Du erraten müssen... Du hättest es mir an den Augen ablesen können... Aber so find die Männer von heute..." „Nein, das ist nicht auSzuhalten I Und alles bloß wegen eines lumpigen Briefes an die Schneiderin! Aber nun Hab' ich's satt! Wo ist der Brief? Gib ihn Herl" „Ich gebe ihn nicht!" „Ich befehle Dir— Du gibst mir auf der Stelle den Brief! Schließlich bin ich doch der Herr! Arn Ende ist dieser Brief garnicht an die Schneiderin?" „An wen beim sonst?" „Wie soll ich das wissen!... Man hat Fälle gehabt.... Den Brief I... Du gibst mir augenblicklich den Brief!... Augen- blicklich, sage ich Dir, sonst...!" „Gott! was Du für schreckliche Augen machst!... Wenn Du einen Revolver in der Tasche hast, so sagS nur gleich..." „Hahaha I... Nein, Dir kann man wirklich nicht einmal ernstlich zürnen... Na, gib mir schnell den Brief. Lisa!" „Und Du wirst ihn nicht zerreißen, Mitja?"' „Nein doch! Also sie wohnt auf der NadjeschdinZkaja. i. in einem roten Hause...»Madame S�raphine? Na. zieh Dich an! Sh gehe inzwischen den Brief an seine Adresse befördern, dann mme ich Dich holen.... Wir werden wohl noch gerade rechtzeitig zum dritten Akt..." „Und daran bist Du ganz allein schuld. Mitja! Wie kam, man um wegen einer solchen Kleinigkeit Streit anfangen!... Aber weißt Du was? Ich schicke den Brief lieber nicht ab... Sie hq» es nicht gern, wenn man fie zur Eile drängt... sZerreißt de» Brief.) Na, in einer Leinen halben Stunde bin ich fertig..." Kleines feuilleton. e. Die Kunst im neueren Buchdruck. Das Kunstgewerbemuseum hat im Lichthof aus Anlaß des 25jährigen Jubiläums der Typo» graphischen Gesellschaft eine Ausstellung von Werken veranstaltet. die einen Ueberblick über den heuttgen Stand der Buchausstattung geben. Entsprechend dem Anlaß ist das Typographische hervor« gehoben, also das Bild der Druckseite, das sich zusammensetzt aus Type, Papier, Satz. Druckanordnung. Es fehlen die illustrierten Werke. Es ist noch nicht allzu lange her, so etwa 8 Jahre, da wurden diese Bestrebungen verlackst. Wenn jemand auftrat, der für das Buch eine gewählte und schöne Druckart, ein angenehm wirkendes Papier, das zugleich dauerhaft und praktisch war, verlangte, der be» tonte, daß allein durch gutgewählte Type und Papier, durch die bloße Güte des Materials etwas Schönes erreicht werden konnte, der sa? sich einer höhnenden Majorität gegenüber, die seine Bestrebungen. das Aussehen des Buches zu heben, als Marotte ansah. Es ist in dieser Hinsicht schon bezeichnend, daß die Typographische Gesellschaft 25 Jahre besteht. Man hat aber nicht gehört, daß die moderne Be- wegung, die sich auf die künstlerische Reorganisation des Buches stützt, etwa von dieser Typographischen Gesellschaft ausgegangen ist, oder hier sofort eine energische Unterstützung gefunden hätte. Nein, man wird das Neue verlacht haben, wird sich in dem Ruhm gesonnt haben, daß wir es herrlich weit gebracht haben, und daß es so, wie es ist, gut ist, um dann, als die Bewegung allgemein sich durchgesetzt hatte, bei dem 2Sjährigen Jubiläum sich ihrer zur Ehrung seiner selbst gefälligst zu bedienen. Tie sogenannte„Kunst im neueren Buchdruck"— der Titel ist schon übel gewählt. Ein geschmackvoller Mensch sollte ihn nicht nehmen. Er klingt so nach Modemitläuferei.„Die Kunst im Leben des Kindes."„Die Kunst in der FrauenLeidung." Und dergleichen. Diese Art ist nicht fein. Es haftet shr etwas Bazarmäßigcs, Anpreisendes an. Zudem entspricht er nicht den Tatsachen und zeigt an, daß die, die ihn wählten, nicht recht den Sinn und die Tragioeite übersahen. Handelt es sich hier um Kunst? Keineswegs. Es handelt sich einfach um Buchdruck. Das, was wir hier sehen,— so sollten Bücher aussehen, nicht genau so, aber jedenfalls gleichwerttg. Buch« kunst ist Unsinn, und, wer diesen Standpunkt vertritt, der zieht eine Schranke zwischen mit raffinierten künstlerischen Mitteln aus- gestatteten Werken und den Büchern des Alltags. Gerade die aber sollen gut und schön gedruckt sein. Das heißt— wer so redet, hebt das Künstliche, Ungesunde dieser Bewegung hervor und vernachlässigt, übersieht das Gesunde, das Praktische. Und darauf kommt eS gerade an. Es ist nicht so wichtig, daß einzelne, wenige als litera« rischg Gourmands mit schnalzenden Lippen ein Buch wie eine.Kost» barkeit betasten— das braucht man nicht zu unterstützen, denn daS behauptet sich von selbst—, wohl aber kommt es darauf an, daß die ganz billigen Bände, die in jedermanns Händen sind, sokide, prak- tisch, mit einer gewissen Delikatesse hergestellt sind. Dazu braucht'S weiter nichts als gutes Papier, speziell ausgewählte Typen, besonders angeordneter Satz— und das gute Buch ist fertig. Das einfachste ist da meist das beste und erweist sich als am längsten wirkend. Die ogenannte„Buchkunst" hat sich praktisch durchgesetzt, die Verleger elbst haben sich den Forderungen nicht mehr verschließen können, daß ein Buch, ivenn es überhaupt gedruckt wird, auch gut und schön gedruckt sein soll. Die Kunst brauchen wir um deswillen erst gar nicht zu bemühen. So wie die Bewegung aus der Praxis entstanden ist, soll sie auckx der Praxis dienen und dementsprechend behandelt werden. In dieser Ausstellung nimmt Deutschland den größten Raum ein, weit über die Hälfte. Es kann also im Grunde von einer inter- national gerecht abwägenden Verteilung nicht die Rede sein. Es wäre vielleicht besser gewesen, hier dem Entweder— Oder zu folgen, entweder nur eine deutsche oder internationale Ausstellung zu ver- anstalten. Durch diese einseitige Bevorzugung— ausgehend von dem Satz: wie herrlich weit wir's doch gebracht haben— tritt Deutschland(Schrank 1— 25) ungebührlich in den Vordergrund. Und was wir von den anderen Ländern sehen(England(Schrank — 32], Amerika[33], Niederlande[34], Sckuveden[35], Dänemark[36], Frankreich[37], Oesterreich[38]), sind nicht viel mehr als Zufälligkeiten. Deutschland hat demnach 25 Schränke, sämtliche übrigen Länder 12. Damit wird der Einfluß, den andere Länder auf uns ausübten, verwischt und das erscheint nicht fein. Die ganze moderne Buchkunst— soweit sie wertvoll ist und bleiben wird, von den älteren Bestrebungen in Mainz(Schrank 2), Mün- chen(Schrank 1) und anderen abgesehen— ist ohne England zum größten Teile undenkbar und es ist fraglich,� ob ohne das Vorgehen der Engländer unsere heimischen Firmen diesen Weg selbst gefunden hätten, und wenn, ob sie ihn so resolut gegangen wären. Man dient damit nicht der EntWickelung. Das Gefühl des Erreichthabcn» schläfert leicht ein. Unter den deutschen Firmen sind hervorzuheben, abgesehen von den schon genannten älteren, die Rudhardsche Gießerei in Offen» dach(Schrank 5). eine Reihe Berliner. Druckereien. Büxcnstem. O. von Holten, Sittenfeld(Schrank 6)', Drugulin(Schrank 12), Poeschel u. Trepte(Schrank 14). Daran schließen sich die Städte Hamburg(18), Krefeld(19). Darmstadt(20). Köln i2S) an. Es bleibt noch etwas über den Katalog(für 20 Pf. erhättlich) gu sagen, der, im übrigen oberflächlich schnell, wenn auch etwas zu- sammenhanglos orientierend, stilistisch zu wünschen übrig läßt. Nur einiges sei hervorgehoben, das bei einer flüchtigen Durchsicht auffiel. Herr Jessen, der Direktor der Bibliothek und Verfasser, macht zu viel Werbeugungen.„Heinz König darf nicht ungenannt bleiben." „Nicht ungenannt," diese doppelte Negation I Schriftgießereien und Werleger haben diese Sammlung„freundlichst" ergänzt. Eckmann ist „früh verstorben". Auch ein Dr. Huttler ist„früh verstorben". Die Reichsdruckerei erhält den Zusatz:„diese große Staatsanstalt". Man sieht ordentlich, wie er einen Bückling bis zur Erde macht: Kiese große Staatsanstalt I Der letzte Abschnitt ist den„Förderern" gewidmet. Auch das ist überflüssig und— lächerlich. Es werden da einige Hülfsarbeitcr und Direktoren anderer Anstalten namhaft gemacht, die durch Leihgaben die Ausstellung wieder„freundlichst" unterstützt haben. Dabei sagt Jessen selbst am Anfang ganz richtig: seltene Ausgaben und kostbare Serien fehlen. Wozu also den Leiher eines überall käuflichen Buches anführen? Das ist unangebrachte Wereinsmcierei und verrät einen unsachlichen Standpunk.. Zudem inacht es einen unleidlich gespreizten Eindruck. Denn der Eingeweihte tveitz, daß jede gut assortierte Sortimentsbuchhandlung eine solche Ausstellung alle Tage herrichten könnte. Der Vorzug liegt hier bloß in einer gewissen Ucbcrsichtlichkeit des Nebeneinander, die die tvechselnde Auslage eines Buchladens nicht gestattet. Das ist doch ober nicht so erheblich. Die Ausstellung ist an allen Tagen der Woche(mit Ausnahme des Montags) dem Abendbesuch von 7%— 9% Uhr geöffnet.— M. Eine Eisenbahnfahrt durchf die Schnccschuppen der kalifornischen Sierras gehört durchaus nicht zu den Annehmlichkeiten des Reifens. Wenn ein Reisender auf der Ueberlandtour nach San Franziska von Osten nach Westen zu fahrend, die Süd-Pacificbahn benutzt, dann schwellt wohl ein Seufzer der Erleichterung seine Brust, sobald sein von der tödlichen Einförmigkeit der Wildnisse Utahs und Nevadas ermüdetes Auge beim Ansteigen der Strecke an den Ausläufern der SierraS auf abwechselungsreiche Bilder fällt. Aber seine Freude ist oft nur von kurzer Dauer. Gerade wenn sich sein Blick an der großartigen Szeneric der Welt, an den grellen Kontrasten der schneebedeckten Gipfel und der in bläulicher Dämmerung daliegenden CauonS der schäumenden Katarakte und der lachenden Täler weiden will, stoßt die Lokomotive einen schrillen Pfiff aus, und wie von Zauberhand weggewischt, verschwindet das anmutige Bild mit einem Schlage. Der Reisende findet, daß er durch eine dunkle, tunnelartige Anlage fährt. Rings um ihn tiefe Dunkelheit, verstärkt dringt das Keuchen und Schnauben der Loko- »notive, das Rasseln und Klappern der Räder an sein Ohr. Was »nag das sein? Der Zug ist in die Schneeschutz-Ucberdachungen eingefahren. Und durch diese düstere Holzschuppenanlage muß der Reisende volle 90 Kilometer fahren, nur von Zeit zu Zeit öffnet sich ein kleiner Durchblick in das um die Schnee- schuppen liegende Paradies. Kaum aber fängt er an. seine Augen über all' die Herrlichkeiten hinwegschweifen zu lassen, da beginnt ein neuer Schneeschuppen und schlägt ihm die Pforte, durch die er die Schönheit der Außenwelt sah, vor der Nase zu. Dennoch besitzen diese Anlagen ihre praktische und gute Seite, und die Reisenden, die sich im Schutze ihrer Wände und Dächer befinden, haben allen Grund, ihnen dankbar zu sein. Diese 90 Kilometer sind die gefährlichsten Stellen der ganzen Strecke, und wären diese Schneefchuppen nicht, so würde sie wohl manchen Monat im Jahre ganz unfahrbar sein. In de» 60er Jahre» des vorigen Jahrhunderts, als die erste Maschine mit ihrem Pfiff das weithin schallende Echo der Sierras weckte, hatten Passagiere und Streckenarbeiter sehr unter den furchtbaren Blizzards, den ungeheuren Schneeverwehungen und den herab- donnernden Schneelawinen zu leiden. Im Jahre 1870 wurde daher der Bau der erste» Schneeschuppen begonnen, und als sämtliche Schuppen fertig waren, stellte sich heraus, daß die Anlage die Summe von 12 Millionen Mark verschlungen hatte. Jeder Meter der 90 Kilometer langen Strecke kostete also das stattliche Sümmchen von zirka 136 M. Und die Unterhaltungskosten sind seither noch gewachsen; denn es hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, noch stärkere Schuppen zu errichten, da viele der alten dem unberechenbaren Drucke und der Wucht der nieder- gehenden Lawinen nicht standzuhalten vermochten. Da auch jetzt noch manchmal die stärksten Balken beim Anprall der Lawinen wie dünne Rohre einknicken, und das Auffahren eines Zuges in das Triimnierfeld unfehlbare Entgleisung zur Folge haben würde, so muß die ganze Strecke Tag und Nacht besichtigt und abpatrouilliert werden. Die Wächter versehen diesen anstrengenden Dienst mit solcher Gewissenhaftigkeit, daß nur höchst selten kleine Unregelmäßig- Zeiten vorkommen, trotzdem die Schuppe» 7 Monate unter einer hohen Schneedecke liegen.— Technisches. — Elektrizitätswerke am Zambesi. Bor kurzem hat_ sich, wie die„Techn. Rundschau" berichtet, in England eine Gesellschaft gebildet, welche die in den gewaltigen Viktoriafällen des Zambesi aufgespeicherte Kraft nutzbar machen will. Die Fälle, die aus einer Höhe von 120 Meter in das tiefer gelegene Bett des Zambesi herabstürzen, können nach den angestellten Berechnungen in der Regenzeit ungefähr 36 Millionen Pferdekräfte entwickeln, lvährend die Niagarafälle nur den fiinften Teil dieser Riesenenergie aufweisen. Zunächst will man die in den Viktoriafällen sich dar- bietende Kraft zum Betriebe der großen afrikanischen Bahn ver- wenden, die bekanntlich von Kapstadt aus in der Richtung von Süden nach Nordosten Afrika durchqueren soll. Der Schienenweg ist bereits bis zu einer kleinen Entfernung an die Zambesifälle herangeführt und wird sie demnächst ganz erreichen. Die in elekwische Energie umgesetzte Triebkraft der Wasserfälle soll dann teilweise für die Installation der Bahn, teilweise für den ausgedehnten Minenbetrieb Afrikas verwandt werden. Zu letzterem Zwecke wird eine Stromleitung in einer Aus- dehnung von 350 Kilometer angelegt werden. die von den Maschinenhäusern des ZambesiflusseS bis in die Nähe von Johannes- bürg führt, und von dort aus in die einzelnen Minenbezirke der beiden neuen englischen Kolonien weitergeleitet wird. So werden die Kohlenbergwerke von Wankte, die Goldminen von Buluwaho, GeVelo und Hartley, sowie die nördlich vom Rand ge- legcnen Kupferminen mit elektrischer Triebkraft versehen werden. Man ist zurzeit mit den vorbereitenden Arbeiten fertig und hofft. demnächst mit der Installation der elektrischen Werke am Zambesi beginnen zu können, die analog denen am Niagara eingerichtet werden sollen.— Notizen. — Die illustrierte Zeitschrist„Wandern und Reisen" (Düsseldorf, L. Schwann) hört mit Ende des Jahres auf zu er- scheinen.— — Gorki's Selbstbiographie. Maxim Gorki sandte seinem Verleger, der ihn um eine Autobiographie angegangen hatte, folgende Zeilen ein: 1878 Schusterlehrling, 1879 Lehrling bei einem Zeichner, 1882 Geschirrwäscher an Bord eines Dampfbootes, 1883 Bäcker, 1884 Hausmeister, 1885 Bäcker, 1886 Chorist bei einer Wandertruppe, 1887 Aepfelverkäufer in den Straßen, 1838 Selbst- mordkandidat, 1839 Advokatenschreiber, 1891 Fußwanderer durch Rußland, 1893 Tagelöhner bei der Eisenbahn, 1394 erschien meine erste Novelle. Schriftsteller Maxim Gorki.— — Rudolf Presber hat im Verein mit H a n s v. Wentzel ein dreiaktiges Lustspiel geschrieben, das den Titel„Pharaos Tochter" erhalten hat.— — Hartlebens Komödie„Angele" war in letzter Zeit mehr- fach„gefragt". Der Autor hat sie aber von allen Bühnen, die das Stück schon erworben hatten, zurückgezogen.— —„Rose Bernd" von G e r h a r t Hauptmann ge- langte am Ratio nal-Theater in Budapest in unga- rischer Sprache(zur Aufführung. Das Drama hatte sehr großen Erfolg.—" — Otto Ernsts„Bannermann".brachte es am Burg- Theater zu vier Aufführungen.— —„Neugierige Frauen", eine dreiaktige Oper von Wolf-Ferrara, wird die nächste Neuheit des Theaters des W e st e n s sein.— — E n n a's Oper„Heiße Liebe" hatte bei der Uraufführung in Weimar einen Achtungserfolg.— — An der Akademie der bildenden Künstler in München sind 416 Studierende(309 Maler, 91 Bildhauer, 16 Radierer), darunter 138 Ausländer, eingeschrieben.— — Der Zentralverein für Errichtung billiger Wohnungen in Darmstadt schreibt eiyen Wettbewerb zur Erlangung muster- gültiger Bautzläne für Arbeiter-Wohnhäriser aus. Preise! 1000, 600 und 400 Mark.— Büchereinlauf. — Eduard Waldo Emerson: Ralph Waldo Emer- s o n. Minden i. W. F. C. C. Bruns' Verlag.— — Leo Berg: Deutsche Märchen des 19. Jahr- Hunderts. Berlin- Leipzig. Paris. Hüpeden u. Merzhn. 6 M.— — S tefan Zweig: Die Liebe der Erika Ewald. Novellen. Berlin. Egon Fleischel u. Co. 2 M.— — Björn st jerne Bj ö r n s en: Flagg en über Stadt und Hafen. München. Alber j Langen.— — Ludwig von Ploetz: Das Jauchzen der Geigen. Roman. Berlin. Egon Fleischel u. Co. 6 M.— — Rudolf Lindau: Alte Geschichten. Berlin. Egon Fleischel u. Co.— — Henrik Pontoppida n: Die Sandiger Ge- meinde. Berlin. Leipzig. Paris. Hüpeden u. Merzyn.— — Selma Lagerlöf: Die Wunder des Anti- ch r i st. München. Albert Langen.— — Dr. A. Baur: Die Kunst gesund zu bleiben. Stuttgart. Paul Möhler. 1 M.— — Otto N o r d ens kj ö l d:„Antartic". Zwei Jahre in Schnee und Eis am Südpol. 2 Bänhx. Berlin. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). 12 M.— — Kulturbilder aus dem„Simplicissiinns": Der Student. D e m i m o n d e. München. Albert Langen. a 1 M. 60 Pf.— Kcrantwortl. Redakteuri Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagZanstalt Paul Singer LcCo., Berlin LVk.