Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 242.___ Freitag, den 9. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) Ick bekenne. Ronmn von Clara M ü l l e r- I a h n k e. Dann aber kam das Heimweh doch. Und es kam mit einer zermalmenden Gewalt. Um die Weihnachtszeit lag ich stundenlang auf meinem Bett und fror. Anna Nicolai saß dann neben mir in all' ihrer Gutmütigkeit und ihrer ganzen Pastoralen Würde und tröstete mich init dem Leiden Christi. Nie ist mir das Leiden Christi zuwiderer gewesen wie in jenen Stunden der Qual. Und an einem wunderbaren, schneeleuchtenden Abend, als sie wiederum ihre sanften Worte sprach und ihre Silhouette sich dabei so über alle Maßen christlich von der Wand über meinem Bette abbob, da schnellte ich plötzlich aus meinem faulen Dahin- gestrecktsein empor und schrie sie an:„Gleich hören.Sie auf mit Ihrem Leiden Christi oder— oder— ich gehe iüs Orpheum und tanze die ganze Nachtl"— Bon dem„Orpheum" hatte ich einen ganz unbestimmten, schrecklichen Begriff und gebrauchte das für meine Vorstellung fast sinnlose Wort nun wie eine fürchterliche Drohung. Anna Nicolai sah mich verständnislos an. Ihre runden Augen erweiterten sich schreckliaft. „Aber, liebes Fräulein Wilma, ich verstehe Sie wahr- haftig nicht. Ihr lieber Vater war doch auch ein Diener des Herrn---" Durch das Fenster kroch der letzte schimmernde Abend- schein. Der schwarze Schattenriß Anna Nicolais wuchs und wuchs ins Gespensterhafte, ins Wesenlose auf dem in der Abendbeleuchtung so seltsam roten Hintergrunde der erblaßten Tapete— Eine schreckliche Wut ilberfiel mich. „Gehen Sie hinaus, lpuaus— sofort!" schrie ich laut. Sie stand gehorsam auf und verließ ihr eigenes Zimmer. Und ich sprang ihr nach und schob den Riegel vor. Dann setzte ich mich so, wie ich aus dem Bette gesvningcil war, im Hemde an den Tisch und schrieb Gedichte. Bis mich ein Zittern überfiel... Tann kam die Nacht. Veronika Märiens klopfte an die Tür, und ich öffnete, schauernd am ganzen Körper, verstört und bleich. Sie redete mir liebevoll zu. so daß ich ihr schließlich ver- sprach, am folgenden Tage zum Arzt zu gehen. Und als ich vom Arzte sprach, stieg das Bild des Geliebten vor meiner Seele empor: ich wurde ganz klein, ganz weich und bat Anna Nicolai, die schüchtern hereingeschlichen kam, um Verzeihung. Sie reichte mir gütig die Hand zur Versöhnung. Den Mund tat sie glücklicherweise nicht mehr auf. Als Mary Deike, die eine Ausgeh-Erlaubnis für den Abend ausgenutzt hatte, heimkehrte, fand sie eine bedrückte Stimmung vor „Du, WilhKma," jubelte sie beim Eintreten los,„es war einfach herrlich! Das nächste Mal mußt Du mit! Tante hatte drei junge Leute geladen: der eine dient sein Jahr ab beim Alexander-Negiment. Himmlisch, Wilmaken! Ein Schnurr- bart. Du... na, also das nächste Mal!" Und sie legte den Arm um mich und küßte in Ermangelung des Einjährigen mich tüchtig ab. Ich sah ihr dankbar in die lustigen, blauen Augen. Eine wunderbare Laune kam über mich— wie ein Rausch. Ich sprang empor, hüllte mich in mein Bettlaken und schlich in den Korridor. Du, ich war sechzehn Jahr alt. Und Mary Deike war ein Jahr älter. Sic begriff meine Absicht sofort und spielte das zweite Gespenst. Und so schlichen wir beide, in Laken gehüllt, vom Wintcrvollmondschein geister- Haft verklärt, durch die schweigenden Korridore und klopften siebenmal an jede Tür. „Mach auf!" Ein Kreischen entstand. Aus allen Türen lugten entsetzte Gesichter. Unglaubliche Toiletten wurden von der flackernden Kerze bestrahlt. Die Unruhe im Pensionat war noch schlimmer wie einige Nächte vorher, als die Hauskatzen sich auf Treppen und Fluren gebalgt hatten. - So lange währte die wilde Jagd, bis die Oberin, aus süßem Schlummer geschreckt, seufzend die Treppen empor- gestiegen war und nun mit hocherhobener Lampe, einer Nacht- wandlerin ähnlich, vor uns stand-- Da war der Spuk zerstoben und der Vollmondschein er- blaßt. Alle Türen geschlossen, auch die von Nummer 1(>. Ich stand allein mit nackten Füßen auf dem Estrich, das Laken eng um mich geschlungen, trotzig und lachend. „Was war das? Wer hat das angestiftet, Wilma?" »Ich, Frau Oberin!" Und als ich sah, daß wir beide ganz allein waren in dem dunklen, tiefen, schweigenden Korridor, ging ich wie eine Katze an die schöne, stattliche Gestalt heran, warf mit einem plötzlichen Ruck beide Arme um ihren Hals und küßte sie mitten auf den Mund. Und Veronika Martens sah mich einen Augenblick forschend an. Dann nahm sie die Lampe in die linke Hand. legte die Rechte auf meine glattgescheitelte Stirn und sagte leise und zärtlich wie ein Sommerabendhauch: „Geh schlafen, arme� Wilma—" Am anderen Morgen behauptete Anna Nicolai, daß sie Fieber habe. Sie hatte sich fast zu Tode geängstigt über Nacht. Wäre sie katholisch gewesen, so hätte sie sich wenigstens be- kreuzigen können. Ich hatte eine Düte mit Tee in der Kommode und einen Spirituskocher auf dem Tisch. Sie tat mir so herzlich leid, daß ich ihr gerne geholfen hätte. Also machte ich ihr Tee— leider war es St. Germaintee. Anna Nicolai trank das Gebräu dankbar aus. Aber ich hätte ihr Leben beinahe auf dem Gewissen gehabt. Als die Kur bandet war, war das arme Opfer um gute fünf Pfund leichter geworden. Und das war noch nicht die einzige böse Folge dieser heimwehkranken Nacht. Als wir— Mary und ich— zum Frühstück in den Speise- saal hinunterkamen, herrschte dort eine seltsame Stille, und ein heimliches Lachen lag auf allen Gesichtern. Frau Oberin saß würdevoll hinter ihrer großen Kaffee- kanne. Sie schwieg während der ersten Minuten, aber ich sah es deutlich, während ich die Tasse an die Lippen führte: um ihre Mundwinkel spielte der Schelm. „Ich habe soeben einen frühen und merkwürdigen Besuch gehabt," begann sie endlich,„der Apotheker von nebenan hat mir einen Herrn von der Polizei auf den Hals geschickt. Weil heute nacht im Pensionat ein ruhestörendcr Lärm verübt worden sei---" Im ersten Augenblick war ich erstarrt. Dann sah ich Mary an und Mary mich— und wir prusteten los. Der arme Apotheker, den wir altabendlich aus unserem Dachfenster beobachteten, wie er in dem Augenblick, bevor er sein Jung- gesellenlager bestieg, im härendsten Gewand an seinen Nacht- tisch trat rmd sich dort eine Patience aufschlug—- Der arme Apotheker hatte nicht schlafen können infolge unserer Lustigkeit: das war zu komisch. So komisch, daß ich reumütig um Verzeihung bat und das„Heimathaus" vorläufig noch kein Strafmandat erhielt. Der Apotheker aber hatte durch die Affäre einen entschiedenen Vorteil: alle paar Stunden erschien von jetzt ab eines unserer Mädel nebenan, um sich für fünf Pfennig Pfefferminzplätzchen oder auch ein Dütchen mit Mottenpulver zu holen. Am Nach- mittag, als die Schule beendet war, ging ich doch zum Doktor. Und der Arzt schickte mich wegen hochgradigen Heimwehs, wegen Bleichsucht und Herzerweiterung in die Weihnachtsfericn— heim. ♦ Daheim! Meine Mutter war selig und unselig zu gleicher Zeit. Ich sah sehr elend aus. Und mußte Bromwasser und Rotwein trinken und Eisen einnehmen. Wir hatten einen anderen Arzt. Albrecht war versetzt an die russische Grenze. Wenn ich von Berlin erzählen sollte, so wußte ich wenig. Ich hatte kein Theater gesehen, kein Konzert besucht. Alle diese Genüsse hatte ich mir vorbehalten, bis ich eine Stellung haben würde. Bis dahin wollte ich meine sauer verdienten sechzig Mark aufbewahren wie einen heiligen Schatz. Das war ein süßer Irrtum. Als ich im neuen Jahre ziemlich erholt und fröhlich in die Hauptstadt zurückgekehrt war, wurde mir eine Rechnung der Handelsschule überreicht. Eine Freistelle im Pensionat hatte ich zwar, der Genuß des Unterrichts aber war in diese Vergünstigung nicht mit einbegriffen. Das hatte ich nicht ge� wüßt. Das Schulgeld betrug für das Semester genau sechzig Mark. So gingen alle meine Träume von Theaterbesuch und Kunstgenuß dahin wie blaue Wolken. Und ich hätte mir lieber die Finger abhauen lassen, als daß ich um einen Pfennig Geld nach Hanse geschrieben hätte. Jetzt besaß ich kein Kapital mehr. Ein proletarisches Empfinden erwachte in mir. Ich wurde ehern fleißig. Acht Tage noch vor Beendigung des Handelsschulkursus wurde mir eine Stellung angeboten. Liebe, süße Lotte, heute denk' ich Dein! Ich habe Dich sehr lieb gehabt— und weiß es nicht, wo Du versunken und verkommen bist... Lotte war meine Vorgängerin am Kontortische der großen Tapetenfabrik in der Leipzigerstraße und war, wie ich, mit achtzehn Jahren in die Welt geschleudert worden. Jung, liebenswürdig, weich und gut. Sie hatte die Stellung zwei Jahre lang inne gehabt und ihre Kräfte in angestrengter Arbeit aufgerieben. Herrgott, setzt doch mal einen Jungen von sechzehn Jahren an den Kontortisch einer Fabrik, die über fünf Millionen Jahresumsatz hat! Aber ein Mädel kann alles, muß eben alles können! Tags arbeiten und rechnen und schreiben, daß der Schweis; von der jungen Stirn läuft, abends Kleider- säume ausbessern und Strümpfe stopfen und nachts Post- anweisnngen schreiben für die hungernde Mutter zu Haus— und wenn dann die Kraft zusammenbricht, dann ist es eben eine„Frauenkraft" gewesen!! O Gott, Gott— ich wollte den Mann einmal sehen in solch' einer Situation!— Und Lottes Kraft ivar auch gebrochen lvorden, genau wie das Können von Hunderten solcher ausgebeuteten Geschöpfe. Jetzt ging sie heim. Im Pensionat flüsterten sich die Mädels mit geheimnisvollen, lüsternen Mienen zn, es seien böse Dinge mit ihr vorgegangen. Ich setz Dich vor mir, meine Lotte. So zierlich, schlank und dunkelblond, wie Du damals warst. In den hellbraunen Augen einen müden, weltfremden Ausdruck, um den frischen roten Mund einen vergrämten Zug. In meinem Album steht ein Spruch, den Tu hineingeschriebe»: Was du gewollt von gaiizem Herzen Nicht, was dir durch die Tat gelang, Das bleibt dir auf des Lebens Gang. Das wird Verzeihung dir gewähren Für alles, was du doch gefehlt: Hat dich nur unter Ringens Zähren Der reine Wille stets beseelt. Eine lange Strähne nußbraunen Haares liegt daneben. Das ist alles, was mir von einer innigen Jugendfrenndschaft geblieben ist. Sie hat mich verstanden. Lieber. Mein übersprudelndes Naturell, all die geheime, wehe Sehnsucht in mir. Und als die anderen sie verhöhnte» und über sie zischelten, kam sie zu mir, legte den Arm um meinen Nacken und beichtete mir all ihr Gliick und all ihr Leid. Als sie dann bei ihrer Mutter eine Weile ausgeruht, ist sie in eine neue Stellung gegangen, in welche die Not und die Sorge um die alte Frau sie hineingetrieben... Und immer weiter ist sie ins Leben gegangen mit wunden, blutenden Füßen durch Schmutz und totflufc. Seit vielen, vielen Jahren Hab' ich nichts mehr von ihr gehört. Meine unmittelbare Vorgängerin war sie übrigens nicht. Nach ihrem Austritt ans dem Kontor saß vierzehn Tage lang ein Fräulein Günther auf dem gepolsterten Drehstuhl an dem großen Berliner Fenster, ein resolutes Mädchen, gleich stark an Körper- und an Geisteskraft, das sich erprobt hatte im Da- seinstämpf und kleinliche Bedenken nicht mehr kannte. Diese Frau war es, die mich in die Pflichten meines neuen Amtes einführen sollte. »» Als Vcronitä Märiens mich zn sich rufen ließ, um mit mir über die vakante Bnchhalterinnenstelle bei Leonhard u. Herrig zu sprechen, war mir zum erstenmal Gelegenheit gegeben, mich in den Privatränmen unserer Oberin umzusehen. Fräulein Martens besaß einen auserlesenen Geschmack und wußte ihre Persönlichkeit auch in ihrer unmittelbaren Umgebung zum Ans- druck zu bringen. Dunkelgrün überzogene Möbel hoben sich wirkungsvoll von einem altgoldenen Hintergrunde ab; in den Ecken träumten Fächerpalmen einen Traum von ihrem Heimat- land. Vor den Fenstern blühten Azaleen. Ein goldgelber Vorhang war zur Hälfte vorgezogen, um das blendende Vor- friihlingslicht zu dämpfen. Seitwärts über dem Zylinder- bureau hingen in schweren Eichenrahmen die Porträts eines alten voriwhmen Paares— der Mann in großer Uniform,— und auf dem oberen Aufsatz stand, ganz von frischen Veilchen überdeckt, auf einfachem Ständer ein Kinderbild. So süß, dies Gesichte!— und so bekannt! Wo hatte ich das schon gesehen? Meine Blicke glitten von dem Bilde fort, um auf den kühnen, offenen, sympathischen Zügen der Frau haften zu bleiben, die mich zu sich gerufen hatte. Und einer plötzlichen Eingebung folgend, beugte ich mich über die mir so mütterlich entgegengereichte Hand hinab und küßte sie scheu. „Sie haben mir etwas zu sagen, Frau Oberin?" Ja, sie hatte mir etwas zu sagen. Bei Leonhard u. Herrig in der Leipzigerstraße würde die Kontorstellung frei. Aller- dings einige Tage vor dem Schluß des Handelsfchulkursus. Doch das schade nichts. Ein brillantes Zeugnis sei mir sicher. Und die Stelle sei gut: seckizig Mark monatlich als Anfangs- geholt. Und ich sei ja ein vernünftiges, gefestigtes Mädchen trotz all' meiner dummen Streiche. „Lottes Stelle!" „Ja, Kind. Aber sie ist nicht so schwer, wie es wohl den Anschein hat. Sie müssen nur den guten Willen zeigen, den übernommenen Pflichten ernstlich gerecht zu werden, und dürfen nicht nach rechts und nach links schauen. Sie werden Ihren Weg schon finden." Sechzig Mark! Eine so königliche Summe lockte mächtig. Da war ja das ganze Schulgeld in einem einzigen Monat wieder eingebracht. Aber— die Üeberlegung kam mir doch: ich wollte ja auch leben. „Das ist genau der Pensionspreis für den Monat, Frau Oberin!" „DaS erste halbe Jahr werden Sic nichts übrig behalten: das ist aber überall so. Wenn Sie sich gut einarbeiten, steigt das Gehalt rasch. Ich rate Ihnen dringend, Wilma, nehmen Sie die Stellung an. Sie müssen sich aber schon heut nach- mittag vorstellen, Herr Herrig erwartet Sie. Morgen könnte es zu spät sein: solche Stellen sind begehrt." Was sollte ich lange überlegen? Nicht jeder wurde ein solches Glück noch vor Beendigung des Kursus zu teil. Eine Stellung entgegengetragen! Ich hatte oft genug gehört, wie lange die Mädels hatten warten müssen. Nach Hause zu schreiben, um den Rat der Mutter zu erbitten, wäre völlig über- flüssig gewesen: die Antwort hätte doch nicht zur rechten Zeit eintreffen können, und Mama hätte auch wohl kaum einen ge- nügenden lleberblick über die Sachlage gehabt. Ich ging also zu Leonhard u. Herrig. Das Herz schlug mir gewaltig, als ich die teppichbelegten Stufen hinanstieg und meine Hand fast ehrfurchtsvoll über das weiche Plüschpolster des Geländers gleiten ließ. Alles war reich und prächtig. Leonhard u. Herrig waren Hoflieferanten, und Herr Leonhard hatte überdem vor kurzem eine Millionärstochter geheiratet. Kurze Zeit zuvor, ehe Lotte ausgeschieden war. Das junge Paar befand sich noch auf der Hochzeitsreise. So kam es, daß Herr Herrig mich zu engagieren hatte. Er war ein kleiner, äd aussehender Mensch in der Mitte der Vierziger. Die Augen tiefliegend und scharf, das Haar ergraut und gelichtet. der Bart glatt wegrasiert. Die Stimme ohne irgend welchen Klang. „Ah! Das Fräulein vom Heimathause. Nun, Sie wissen Bescheid, nicht wahr? Sie haben zu arbeiten von acht bis acht Uhr. Zwei Stunden Mittagszeit: Sonntags haben Sie zu erledigen, was zu tun übrig bleibt. Sie können das auch he- guemer nach acht Uhr abends machen. Das Gehalt beträgt sechzig Mark. Post. Wenn wir sehr zufrieden mit Ihren Leistungen sind, behalten wir uns eine Steigerung vor." Ich verneigte mich schweigend. Der Empfang erschien mir nicht sehr ermutigend. Ich hatte eigentlich die Absicht ge- habt, eine bestimmte Zusage auf Gehaltserhöhung zu Oer- langen; nun aber war mir die Kehle wie zusammengepreßt. Herr Herrig nahm mein Schweigen für glatte Bejahung. Er öffnete die Tür mit einer leichten Handbewegung, ging schweigend die Prachttreppc hinab, um mich ins Kontor zu sühren und mir meinen zukünftigen Wirkungskreis zu zeigen. und ich folgte ihm in ziemlich gedrückter Sttmmung. (Fortsetzung folgt. 1s (Nachdruck verboten.) papler-Gewebc. „Von dem 991 gestorbenen ägyptischen Vezier Jacub ibn Jusuf heißt es, daß er in dreißig schwere Goldbrokate und zwanzig Gewebe von Leinen, die mit Seide und Gold durchwcbt waren, gehüllt worden sei." Eine Stelle im Koran sagt:„Die Gerechten und Gottesfürchtigcn werden im himmlischen Paradiesgarten als Brüder auf weichen Kissen ruhen und mit gold- und silberdurchwirkten grünen Gewändern von feinster Seide und mit goldenen und silbernen Arm- geschmeidcn bekleidet sein." Wie weit sind wir in unserer prosaischen Zeit davon abgekommen. Nicht einmal Baumwolle und die aus alten gerissenen Lumpen wieder gesponnene Kunstwolle ist uns geringwertig genug, aus Papier werden schon Anzüge gemacht. Die Bildung von Fäden resp. Schnuren aus Papier ist eine längst bekannte Sache; die Japaner z. B. stellen aus ihrem äußerst langfaserigen Papier Bindfaden dadurch her, daß sie dasselbe über Eck zusammenwickeln und drehen, also gleichsam mit der Hand zu einem dicken Faden verspinnen. Eine Herstellung von wirklichen Fäden, wie sie sich für die Weberei eignen, ist jedoch erst in neuerer Zeit gelungen. Als Vorläufer ist ein Verfahren bekannt geworden, welches aus Holz spinnbare Fasern dadurch herstellen wollte, daß das in dünne Brettchen oder Streifen zerschnittene Holz nach Durch- tränkung mit Wasser zwischen geriffelten Walzen oder in sonstiger geeigneter Weise einer wiederholten Durchbiegung iimerhalb der Elastizitätsgrenze unterworfen wurde. Auf diese Weise sollten die einzelnen Holzfasern in der Breitenrichtung von einander getrennt werden, während die Länge erhalten blieb, und somit Fasern resul- ticrten, welche versponnen werden konnten. Daß dieses Verfahren praktisch zur Anwendung gekommen, ist nicht bekannt geworden. Glücklicher war ein Patent, welches sich mit der Herstellung von Garnen aus schmalen Papierstreifeu beschäftigte. Dasselbe besteht darin, daß aus fertigem, ungcleimtcm Papier, das aber auch aus anderen Stoffen als lediglich Holzcellulose bestehen kann, schmale Streifen geschnitten und diese einzeln auf je eine Spule gewickelt werden. Durch Drehen der ganzen Vorrichtung bei allmählickem Abzug des Streifens entsteht kann ein einem Faden schon ähnliches Produkt. Dieses wird darauf angefeuchtet und auf einem sogenannten Strcckwerk in die Länge gezogen. Dieser Prozeß kann nach Bedarf mehrmals wiederholt werden, bis die Fäden die gewünschte Feinheit baden. Aus solchen Garnen sind vor einigen Jahren schon gefertigte Gewebe und Kleidungsstücke im Handel gewesen. Man hat daraus hauptsächlich Drillichsioffe für Sommeranzügc, auch Handtücher, Tischtücher usw. gemacht. Die Herstellung solcher Garne aus fertigem Papier war aber noch sehr umständlich und daher im Verhältnis noch sehr teuer, so daß man darauf sann, ihn nicht mehr aus Papier, sondern direkt aus Ganzzcug von Lumpen, Zellstoff, Braunschliff usw. anzufertigen. Aach dieser Richtung sind in neuester Zeit eine Reihe von Verfahren bekannt geworden; alle haben gemeinsam, daß ein beliebiger Halb- stoff, vornehmlich aber Holzcellulose, zur Anwendung kommt, der in Fcinzeugholländcrn aufgeschwemmt, weiter zerteilt und dann mittels Sieben in eine sehr dünne, breiartige Pappe verwandelt wird. Aus dieser wurden nachher auf verschiedenen Wegen Fäden hergestellt, nachdem Einrichtungen getroffen waren, daß dieser Pappenbrci sich schon auf der Papiermaschine, der sogenannten Siebtrommel, in einzelne, von einander getrennte Streifen zerlegt worden war. Das Sieb an der Papiermaschine wirkt nämlich so, daß das Wasser, in tvelchem die Fasern vorläufig noch lose schwimmen, durch die feinen Maschen abläuft und die Fasern zurückläßt. Werden auf dieses Sieb nun undurchlässige Streifen(Messing) befestigt, vielleicht aufgelötet, so kann an diesen Stellen selbstverständlich kein Wasser mehr durch- fließen, also auch keine Fasermasse sich ansetzen, sondern nur noch an den freien Stellen. Auf diese Weife entstehen dann die für die spätere Verarbeitung geeigneten Fascrbänder, wie dieselben bei der StreichgarnspiniV-ei vom Florteiler gebildet werden. Man Ivar da- durch der Garnerzeugung aus Papierstrcifen schon insofern voraus, als man nicht erst aus dem fertigen Papier Streifen schneiden muhte, sondern dieselben schon fertig von der Papiermaschine erhielt. Man ging aber noch weiter und wendete in der Spinnerei bekannte Prozesse auch auf die losen Zellstoffstreifen an, indem man diese nitschclte, d. h. zwischen zwei Ledcrflächen die Streifen rundete, gleichsam als wenn man zwischen den Handflächen durch Hin- und Hcrbewcgcn derselben einen losen Wattestreifen wirbelt, bis er annähernd dicht und rund geworden ist. Diese so erhaltene» rund gewirbelten, frottierten Zellstoffstreifen wurden dann auf Kreuzspulen gewickelt und Zwirnmaschinen zur weiteren endgültigen Drahtgebung vor- gelegt. An Stelle der Kreuz spulen traten später die bekannten Dreh- köpfe, das sind Blechbüchsen, welche mit ihrem Gestell sich dauernd um ihre Achse drehen und so dem Fascrband, welches in sie hineinfällt, einen Draht geben. Der nächste Fortschritt bestand dann in der Anwendung der Langsiebmaschine. statt der Zylindcrfiebmafchinc.„Der Papier- fabrikant" brachte seinerzeit eine Gegenüberstellung, die interessant genug ist, um hier ivicdcrgegebcn zu werden. ES hieß dort:„Man kann jetzt auf einer Langsiebmaschine gleichzeitig etwa 399 Streifen von!59— 69 Meter Länge herstellen, und braucht zu diese» Fäden keine Sammcltöpfc mehr, sondern wickelt die Zcllstoffbändcr neben- einander auf fwie Vorgarnwalzen am Selfaktor) und verarbeitet sie dann weiter auf der Spinnmaschine. Ein Vergleich führt die be- deutenden Fortschritte am besten vor Augen. Zu einer Tagcsproduk- tion von 10 099.Kilogramm Garn brauchte man nach dem älteren Verfahren etwa 59 Rundsiebmaschinen und 1 Million Blechtöpfe zum Auffangen der etwa 10 Meter langen Vorgarnfäden. Tagegen hat man nach dem neueren Verfahren nur 2—3 Langsiebmaschinen und keinen einzigen Blechtopf nötig. Es liegt auf der Hand, daß das ältere Verfahren gegen das neue nicht mehr aufkommen kann." Wenn auch gewiß nicht in Abrede gestellt werden kann, daß diese Ausführungen etwas sehr stark bengalisch beleuchtet sind, so soll doch auch die Ueberlegenheit des neuen Verfahrens nicht allzu niedrig bewertet werden. Die Nachfrage nach diesen Garnen ist zurzeit eine sehr lebhafte; besonders das Ausland bekundet ein sehr reges Interesse, denn es hat sich im Laufe der Zeit gezeigt, daß man das anfänglich gesteckte Ziel, Stoffe nur für einmaligen Gebrauch herzustellen, schon be- deutend überschritten hat, da sich Zellstoffgewebe, oder eigentlich richtiger mit Zellstoff gemischte Gewebe unter Umständen auch waschen lassen. So soll z. B. das Militär in Spanien derartige Silvalin- Drillichanzüge tragen, die sich besser bewähren als die rein aus Baumivolle hergestellten; dieselben sollen schon zehn und mehr Wäschen ausgehakten haben. Daß man Zellstoffgarne für solche Zwecke nur in Mischung verwenden kann, zeigt schon allein der Umstand, daß diese Garne in Wasser eingeweicht ihre Festigkeit bald vollständig verlieren, dieselbe allerdings, wenn sie ruhig wieder trocknen können, zum größten Teil zurückgewinnen. Es kann also unter Umständen eine recht unangenehme Sache sein, mit einem solchen Anzug von Regenwetter überrascht zu iverden. Ebenso ist es für Verpackungsstosfe aus Jute und Zellstosfgarn geraten, auf diese Eventualität Rücksicht zu nehmen. Im Handel sind bis heute drei Bezeichnungen für Zellstosfgarnc bekannt, welche auch je ein Verfahren repräsentieren, nämlich Xylolin, welches Fäden aus geschnittenem Papier bezeichnet, dann Silvalin, welches der Name für die aus Zellstoff direkt auf der Langsiebmaschine hergestellten Faserbändcr und ohne weiteres daraus gebildeten Fäden ist, und endlich Licella, toelches das Produkt des älteren Ver- fahrens ist, dessen Eigentümlichkeit gegenüber der Silvalinfabrikation darin besteht, daß die ebenfalls von Papiermaschine» gewonnenen Faserbänder erst noch genitschelt und in Drehtöpfen aufgefangen werden. Dieses Verfahren hat also die letztgenannten Mauipula- tionen mehr, indessen scheint nach dem, was bis jetzt darüber bekannt geworden ist, daß das Produkt auch entsprcck>end besser ist.— G u st a v Strahl. kleines feuiUeton. —1— Figur. Ihrer zwei. Die eine älter, von weitem sehr schick, sehr elegant, eine Figur wie aus dem Modejournal; die Jüngere durchaus solide, klein, dick und ziemlich pummelig. Sie blickt ver- schüchtert. Die neugierigen Blicke der Ladenfräulein scheinen sie zu verwirren. Sie trippelt hinter der andern drein, imnier ängstlich bemüht sie zurückzuhalten.„Aber Lilly... nein nicht doch, Lilly... ich will ja garnicht.. „Ach was. Du willst wohl. Du mußt einfach»vollen." Die andere läßt sich gar nicht beirren. Großartig rauscht sie durch den Laden. scheint sehr bekannt hier, auch sehr geschätzt; die Direktrice kommt ihr mit einem Lächeln devotester Devoligkeit entgegen: „Ach gnädige Frau, schenken gnädige Frau uns auch einmal wieder die Ehre!" „Aber nicht für mich diesmal, Fräulein." Die Elegante sinkt auf einen Stuhl, daß all ihre seidenen Unterröcke rauschen und weist mit einer großartigen Handbewegung nach ihrer Begleiterin: „Meine Cousine möchte sich Korsetts ansehen." „Ah, für gnädige Frau l"— Das Fräulein wiegt sich ver- ständnisvoll in ihren wohlgeschnürten Hüften:„Und haben gnädige Frau besondere Wünsche betreffs der Fasson? Empire, Frack. Venus, Pariser Gürtel?" „Ach ich... ich... ich...1" Die kleine Dicke ist noch ganz verwirrt. Lilly antwortet an ihrer Stelle:„Zeigen Sie vor allen Dingen etwas, was Figur macht!" Die Direktrice lächelt still, mokant und streift die kleine. pummelige Erscheinung mit einem raschen Blick:„Dann nehmen wir Venus, gnädige Frau. Sehen Sie einmal hier... Fasson Venus, eine ideale Figur.." Sie nimmt ein blaßblaues Seiden- mieder und legt es sich um die Taille. „Prächtig, aber wirklich prächtig I" Frau Lilly ist eitel Entzücken. „Ja... bei Fräulein..." Die Kleine ist auch Entzücken, aber mit einem Beigeschmack entsagungsvoller Resignation. „Oh, auch bei Ihnen, gnädige Frau! Sollen einmal sehen, was das für Figur macht. Fasson Venus macht jedem Figur." „Und... und was... kostet da§?" Die Kleine unterbricht den Redeschwall etwas ängstlich. „Fasson Venus? O. mir eine Kleinigkeit... und wir werden es noch billiger rechnen, weil gnädige Frau uns empfohlen haben" (eine Kopfbewegung»ach der Eleganten).„Also siebenundzwanzig Mark, gnädige Frau." „Sieben und..." Der Kleinen erstirbt das Wort auf der Zunge. „Ein Korsett für sieben und... zwanzig..." „Sonst kostet es dreißig, gnädige Frau. Es ist aber auch em Korsett, das Figur macht, ein anderes Korsett können gnädige Frau gar nicht trogen." „Kannst Du nicht... ausgeschlossen!" nickt Frau Lilly. „Aber... aber... sicbenundzwanzig... ich wollte... ich dachte... acht oder neun Mark. Ich habe noch nie so viel..." „Schlimm genug I" Frau Lilly läßt sie nicht ausreden.„So siehst Du auch aus." „Gnädige Frau sind gar nicht eitel," sagt das Korsettfräulein mit heuchlerischer Bewunderung:„Ja, es gibt Domen, die gar nicht eitel sind und gar nichts auf ihr Aeußeres geben." „Aber ich..." Jetzt fährt die Kleine auf, man hat sie offenbar an einer kitzligen Stelle getroffen.„Aber ich... ich..." „Wir wollen zuerst einmal etwas anpassen", beschwichtigt Huld- voll das Korsettfräulein:„Darf ich einmal messen? Wievieläaillen- weite haben denn gnädige Frau?" „Hundertfiinfzi'g in dem Bauernmieder", hohnlacht Frau Lilly, fährt aber sogleich»nt einem triumphierenden Lächeln fort: „Hab' nur erst mal ein anständiges Korsett an, dann hast Du höchstens achtundvierzig." „Ich werde mich so einknallen!" „Das ist aber nicht eingeknallt!" Das Korsettfräulein schlägt die Hände zusammen.„Man muß sich doch Figur machen, und gnädige Frau können sich Figur machen. Mit der Biiste muß man doch nicht s o gehen I Gnädige Frau haben eine ideale Büste, sie muß bloß Fasson kriegen!" „Ach nein... nicht doch." Die Punnnelige wird wieder ver- tvirrt, wirst aber doch einen verschäniten Blick m den hohen Pfeiler- spiegel und nmstert ihr— Profil. „Und Sie glauben, ich könnte das tragen? Aber... die lange Faffon vorn!" Sie streicht an ihre» Hüften entlang.„Die Faffon ist doch gerade und ich... ich bin so... so..." „Komplett um die Magengegend," ergänzt Frau Lilly.„Das schnürt man einfach weg." „Ja... das bringen wir weg," bestätigt das Fräulein.„Und nun wollen gnädige Frau einmal anpassen"—-- „Ah! Sehen Sie, gnädige Frau!" „Endlich siehst Dil venmustig aus!" Frau Lilly und das Korsett- frälilein sind wieder eitel Bewunderung, die kleine Punnnelige steht vor dem Spiegel und beguckt sich halb verschämt, halb neugierig: „Ja, das ist aber... aber wirklich wahr... ganz anders.." „Ganz anders," bestätigen die beiden andern. „Und was gnädige Frau für'ne Büste haben," wiederholt das Korsettstäulein. „Und ivie schön grade vorne runter alles geht," bestätigt Lilly. Ich hab's Dir ja gesagt, das geht alles weg." „Bloß hier bin ich'n bißchen breit, findest Du nicht?" Die Kleine streicht sich die Hüften. „Run, ja, da ist nun der Leib hillgedrückt; irgendwo inuß er doch hin." Lilly zuckt die Achseln. „Es ist aber gerade die Hüftenfasson, die jetzt Mode ist," betont das Korsettstäulein. „Und wenn Du Dir nun noch breite Strumpfbänder nimmst und damit das Korsett nach unten ziehst, sind die Hüften auch weg," belehrt Frau Lilly. Aber tatsächlich— die Kleine hat die Korsettenden zwischen die Finger genommen und vollzieht das Manöver. Der Blick, mit dem sie ihr Spiegelbild mustert, wird ordentlich verliebt.„Und ich soll es also wirklich nehmen? Du redest zu?" „Na ob— jedenfalls nicht. Erst hast Du ausgesehen wie'ne Köchin, jetzt siehst Du erst aus wie'ne Dame l" „Aber unbequem ist es! Ach je, man kann sich ja nicht mal bücken I" Die Kleine stöhnt:„Und überhaupt steckt man drin, wie in'nein Panzer. Weim ich das Ding'n Tag anhabe. Du, dann Hab' ich ja die gräßlichsten Nückenschmerzen." „Ja, wenn Du s o denkst"— Frau Lilly sieht gen Himmel— „das ist ja überhaupt bloß die Gelvohnheit. Du. wenn Du Dir Deinen Körper erst mal in die neue Faffon gewöhnt hast. fühlst Du gar nichts mehr; aber wenigstens bist Du dann auch endlich mal vernünftig angezogen."—..• — Ter Krieg. In der„St. Petersburger Zeitung" veröffent- licht das Komitee des russisch- holländffchen Feldlazaretts den Bericht einer in Taolatschao stationierten Krankenschwester über ihre dortige Wirksamkeit. In dem Berichte findet sich die folgende Stelle: „Abermals durchlebten wir schwere Tage und es gab Arbeit über und über. Am 7. wurden uns ganz unerwartet aus einem Sanitätszuge 3- gedrungen und dort stecken geblieben. Der arme Junge leidet furcht- bar. denn an dem einen Fuß hat sich obendrein der Brand eingestellt und ungeachtet aller Versuche verschlimmert er sich. Man möchte gar nicht glauben, daß dieser nette, freundliche Mensch sterben muß. Gestern schrieb ich ihm einen Brief nach Hause, und als ich ihm und seinem Nachbar die Briefe vorlas, da fingen beide bitterlich an zu weinen. Beide sind verheiratet und haben Kinder, und beide müssen sterben. Die schrecklichste Verwundung hatte aber ein armer Soldat, der gestern früh von seinem Leiden erlöst wurde. Eine Granate hatte ihm am rechten Bein oben bei der Hüfte ein furchtbares Loch auf- gerissen, den ganzen Knochen zerschmettert, am anderen Bein eben- falls ein Stück Fleisch so groß wie zwei Handflächen herausgerissen. Unter dem Knie ein perforierender Schuß. Und alle diese schrecklichen Wunden dermaßen vereitert, daß stellenweise der Brand schon anfing. Was hat der arme Mensch aushalten müssen! Ueber eine Stunde dauerte jedesmal der Verband. Die letzten Stunden vor seinem Tode schrie er beständig nach der Schwester, klammerte sich fest an meine Hand oder umschlang mich um die Taille oder um den Hals. Heute schrieb ich seiner Mutter über seinen Tod." Astronomisches. — Wiederkehr eines Kometen. Aus Nizza toird gemeldet, daß an der dortigen Sternwarte durch Javelle der so- genannte zweite T e m p e l s ch e Komet fast genau an dem voraus- berechneten Orte wieder aufgefunden worden ist. Der Komet ist ein äußerst schwaches Objekt, steht am Abendhimmel tief im Südwesten und kann mit den besten Instrumenten nur bei reinster Luft gesehen werden. Wegen dieser mißlichen Verhältnisse, die an nördlicheren Stemwarten noch stärker auftteten, war nur wenig Aussicht gewesen. daß er bei seiner jetzigen Rückkehr werde wieder gefunden werden. An den schönen Augustabenden war er zwar noch schwächer als jetzt, stand aber dafür am Abendhimmel höher über dem Horizont. Damals waren die Versuche, ihn zu sehen, die an der Wiener Sternwarte gemacht wurden, vergeblich. Nebst diesem Kometen sind gegenwärtig noch zloei mit Himmel sichtbar, der im April von Brooks entdeckte, der noch die Gesamthelligkeit eines Sternes elfter Größe besitzt, und dann der periodische E n ck es ch e Komet. Bei letzterem ist die interessante Tatsache zu bemerken, daß er bereits im September photographisch beobachtet worden ist, während er im Fernrohr erst Ende Oktober sichtbar wurde, wobei die schon öfters bei Kometen be- merkte Erscheinung auftrat, daß man denselben in kurzbrennweitigen Fernrohren leicht sehen konnte, während ihn größere Fernrohre ent- iveder nur schwer oder gar nicht erkennen ließen.— Notizen. — Der Preis{5000 Fr.) der Akademie Goncourt ist in diesem Jahre Leon Frapiö, dem Verfasser des Romans„La Mnternelle" zugefallen. Der Autor ist Beamter der Stadt Paris ilnd mit einer städtischen Lehrerin verheiratet, die seilte Mit- arbeiterin ist.— c. Ein Buch von Oskar Wilde wird denmächst in London erscheinen. Der Autor hat eS im Gefängnis geschrieben. Es ist seine letzte Prosaarbeit.— — Das Ratio nal-Theater bekommt in Leopold Müller vom Wiener Karl-Theater einen M i t d i r c k t o r, der frisches Geld anfährt.— — Friedrich Adlers Einakterzyklus„Freiheit" ging mit Erfolg im neuen Deutschen Theater zu Prag in Szene.— — Die einaktige Oper„Da c g p r g r a" von D n p o n t ist von der Dresdener Hofoper erworben worden und soll noch in diesem Monat zur Aufführung gelangen.— — In der Spielzeit 1S03/04 wurde„Lohengrin" 311, „Carmen" 303 mal gegeben. Dann folgeir„ T a n n h ä ri s e r" mit 286,„Cavalleria" mit 262,„Fr eischütz" mit 248, „Mignon" mit 247,„Troubadour" mit 224 Aufführungen. — Von den Operetten wurde„Die Fledermaus" 436, „Bruder Straubiitger" 334 und„Der Rastelbinder" 263 mal gespielt.— — Das Stipendium der Adolf Menzel-Stiftnng wurde für das Jahr 1904/1905 dem Maler Ernst Gaehtgens aus Kurland zugesprochen.— t. Eine Neuheit in k ü n st l i ch e n Rubinen. Ein Ver- fahren, das neuerdings in Frankreich versucht worden ist, besteht darin, kleine natürliche Rubine, die wegen ihrer geringen Größe keinen besonderen Wert besitzen, zu große,» und dementsprechend kostbaren Steinen zusammenzuschmelzen. Die kleinen Steine werden zu diesen» Zweck vorerst in ein äußerst feines Pulver zermahlen, das in einem elestrischen Ofen geschmolzen wird und nach schnellem Erkalten sich in Kristalle verwandelt. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, die Bildung von Hohlräunicn und Schlieren zu vermeiden. Auf Smaragde und Saphiere läßt sich das neue Verfahren nicht anwenden, weil sie sich unter der Einwirkung der Hitze entfärben.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 11. Dezember. Berautlvortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin L W.