Ilnterhaltungsblatt des Dorivärts Nr. 243. Sonntag, den 11. Dezember. 1904 lNachdruck verboten.) ö] Ich bekenne. Roman von Clara Müller-Jahnke. Auf der rechten Seite des Korridors befand sich der Laden, das heißt: ein großes, elegant eingerichtetes Verkaufszimmer, in dessen breiten Schanfenstern die neuesten Tapetenmuster ausgelegt waren. Verkauft wurde dort nur wenig, weil der lZtescbLftsbstrieb en gros eingerichtet war und die Bestellungen sum grogleii Teu Mrtrmaj hemPabcn dem Hofe zu, lag das Kontor, und an dieses wieder schlössen sich zunächst das Zimmer des Musterzeichners und die Expe- ditionsräume an. Das Kontor, so einfach eingerichtet wie irgend möglich, — die Fenster vorhanglos, weil nach Norden gelegen,— war durch eine hölzerne Barriere in zwei Teile geschieden. Rechter Hand an dem dreiteiligen Fenster stand ein großer, flacher Schreibtisch mit unzähligen, von Papieren und Musterrollen vollgepfropften Fächern. Papier und wieder Papier, auch kleine Leinenbeutelchen, mit Farbstoffen gefüllt, lagen über der grün beschlagenen Platte verstreut. Auf dem Drehstuhl vor dem Schreibtisch saß eine große, elegant gekleidete Dame mit einem interessanten, energischen Gesicht, die meinen schüchternen Gruß freundlich erwiderte, wobei sie mich einen Augenblick wie musternd anschaute, und dann, ohne sich weiter in der Arbeit stören zu lassen, fortfuhr, die vor ihr aufgehäufte Korrespon- denz zu erledigen. Ihr im Rücken lehnte an einem hart an die Barriere gedrängten Stehpult ein junger blonder Mann von hünenhafter Statur. Mir schien es. als sei Sigurd Drachen- töter aus Walhall, wohin er trotz seines guten Christenglaubens schließlich doch gekommen ist, leibhaftig herabgestiegen und habe am Kontorpult der Tapetenfabrik von Leonhard u. Herrig in Berlin eine Stellung angenommen. Wuchtig und breit, mit rotblondem, über die Brust herab- wallendem Vollbart, mit leuchtend blauen Augen lebhaft um sich blickend— so stand er da in all seiner herausfordernden Kraft: Julius Leonhard, des Fabrikbesitzers jüngerer Bruder, den dieser eingefangen hatte, um mit brüderlicher Liebe und kaufmännischer Routine den Löwen zu bändigen und den Himmelstürmer zu einem ehrsamen Geschäftsmann zu er- ziehen. llnd der junge Siegfried streckte mir mit einer Geberde herzgewinnender Liebenswürdigkeit die Hand entgegen. Um seine Mundwinkel zuckte der Schalk, als er laut und lebhaft sagte:„Ich heiße Sie in diesen geheiligten Räumen willkommen, kleines Fräulein, und proponiere Ihnen, gute Kameradschaft mit mir zu Halt�u. Ich bin nämlich der Löwe des Kontors: Maler von Geburt und Kaufmann von Beruf. Wer mir nicht gut tut, den freß ich. Zur Zeit kaue ich Federhalter." Kam wirklich ein Sonnenstrahl über den öden Hof und durch die vorhangloseu Sckieiben hindurchgehuscht?— Wenigstens war in dem düsteren, von einem eigentümlich beizenden Farbgeruch erfüllten Raum ein Helles Lachen er- klungen, und dieser Laut des Lebens ermutigte mich, trotz der mißbilligenden Blicke des Chefs, aufkeimenden Vertrauens voll meine Hand in die dargereichte Löwenpranke hineinzulegen. „Hier also, Fräulein," damit lenkte Herr Herrig meine Aufmerksamkeit auf den mir gebührenden Platz,„hier werden Sie arbeiten. Fräulein Günther wird die Freundlichkeit haben, Sie nach erfolgtem Eintritt mit Ihren Obliegenheiten bekannt zu machen."— Fräulein Günther nickte kurz, ohne sich weiter nach uns umzuwenden. Ihr schien an Herrn Herrigs Wohlwollen nicht mehr sonderlich viel gelegen zu sein. Ich mußte tief aufatmen, — wieder legte sich die Luft eisig und beklemmend mir auf die Brust. Jenseits der Barriere standen hochaufgestapelte Tapeten- ballen, bei denen zwei junge Leute herumhantierten. Am Sonnabend abend wurden, wie Fräulein Günther mir später erklärte, die Ballen sämtlich fortgeräumt, weil die Fabrik- arbeiter an der Barriere von der Buchhalterin ihren Lohn aus- bezahlt erhielten. Unser Besuch im Kontor war bald beendigt. Herr Herrig entließ mich im Korridor mit einem kurzen Kopfnicken, indem er als den Tag meines Eintritts den zwanzigsten März fest- setzte. Ich erhielt auch ohne Prüfung das vorausgesagte brillante Zeugnis, die Nummer Eins. Der Abschied von meinen Lehrern, die ich lieb gewonnen hatte, fiel mir schwer. Aber ein gewisser Stolz auf die leicht errungene Stellung machte mir den schnellen Uebergang von der Schule in einen verantwortlichen Beruf zu einer Art von Triumphweg. Alle meine Kameradinnen de» neideten mich. ♦* Am Tage vor meinem EiiWitl m das Geschäft begleuew iffi Lot�VN Jll"- Vc>y>>yvs. Sie ging mit müden Schritten— wie eine Geächtete. Keine der anderen gab ihr das Geleit. Wir beide schritten Arm in Arm, und ich sah, wie tapfer sie die aufsteigenden Tränen bekämpfte. Und aus den Vorgärten der lieblichen Villcnstraße, durch die unser Weg zum Bahnhof führte, grüßten uns die Krokusse aus tiefen blauen Augen, und die Anemonenbeete schienen den weißwolkigen Frühlingshimmel über sich wiederzufpiegeln. Auf diesem Wege sprach Lotte zu mir. Sie sprach von ihren zerbrochenen Hoffnungen, ihren begrabenen Träumen, von ihrem von brutaler Mannesfaust zerschlagenem Glück und von dem Weh, das sie über ihre alte Mutter bringen mußte. „Um die anderen- tut es mir nicht weh. Du,— aber das, aber das!!—" Und was hatte sie böses getan? Einem lieben Worte geglaubt! Sie hatte den Glauben gehabt, der selig macht. Und wenn die Welt nicht so niederträchtig schlecht wäre, sie wäre wahrhaftig gul und rein gewesen... „Das eine sag' ich Dir, Wilma, geh, ehe sie Dich ganz zerbrochen haben." „Ich verspreche es Dir, Lotte." „Und wenn— er wiederkommt—, dann— dann— 1 schreibst Du mir, Wilma, wie er aussieht und— wie sie.. Ich drückte ihr die Hand. Der Zug pfiff. Zum letzten- mal grüßte ihr liebes, blasses Gesicht aus dem Fenster heraus. Ich ging heim in mein Pensionat mit Tränen in den Augen und in sehr, sehr� ernster Stimmung. Am anderen Morgen„trat ich an". Veronika Märiens reichte mir die Hand zum Abschied und wünschte mir Segen und Glück. Die Märzensonne schien so blaß und kalt. Nebel trieben über das Häusermeer hinweg. Langsam schlenderte ich die Leipzigerstraße entlang. In der Tasche trug ich mein Früh- stückbrot und einen lieben Segenbrief von meiner Mutter. Wo heute Wertheims Prachtpalast sich strahlend erhebt, befand sich damals ein kleines, solides Restaurant: der„Leipziger Garten". Hier hatte ich einmal mit meinen Verwandten zum Mittag gespeist. Im Vorüberschreiten warf ich einen suchenden Blick hinein. Alles leer so am frühen Morgen... kein freundlicher Blick auf dem einsamen Weg! Ein paar Schritte noch— dann öffnete sich zum zweiten- mal der weite, tiefe Korridor des Kaufhauses vor mir. Heute wußte ich Bescheid. Zur linken Hand die erste Tür... Fräulein Günther saß bereits auf dem Drehsessel vor dem mit Papier, Musterrollen und Farbensäckchen bedeckten Schreib- tisch. Sie empfing mich aufs liebenswürdigste, zeigte mir Ständer und Riegel, wo ich Hut und Jacke anzuhängen und mein Frühstück zu deponieren hatte. Dann stellte sie mir Herrn von Woitczecky vor, einen der Expedienten. Im Hintergrunde, jenseits der Barriere, räumte der Hausknecht auf. Mit einer raschen Bewegung warf Fräulein Günther ihren Drehsessel herum. „Wie alt sind Sie, Kind?" „Sechzehn Jahre." Sie sah mich lange an. Jl,ren tiefen, prüfenden, mutterlichen Blick habe ich damals nicht verstanden: er genierte mich sogar ein wenig. Fräulein Günther unterwies mich, lieb und gut. Sie wußte Bescheid: ihre schwarzen Augen blitzten an diesem ahnungstrüben Vorfrühlingsmorgen wie zwei gütige Sterne. Ich zerbrach mir den Kopf, aus welchem Grunde sie wohl die gute Stellung aufgab; zu fragen wagte ich indessen nicht. ».IfttS hier den Ocker: den müssen Sie verschreiben voy Eerth ü. Co. aus Statzftirt... und dort ist die Kladde. Kind! Schauen Sie nur hinein. So weit bin ich gerade mit der Ein- tragung gekommein bis heute früh. Immer Schritt halte«, Kleine; das ist die ganze Hexerei! Und hier— das Hauptbuch... Ich saß vornübergebeugt und studierte die Zahlenreihen. die tiefsinnigen Geheimnisse der kaufmännischen Weltsprache Mit allen Kräften meines sechzehnjährigen Gehirns. In der Handelsschule hatte ich doch Nummer Eins gehabt — und hier erschien mir ein völlig Neues, forderte mich eine fremde Welt in ihren Bannkreis. Und in diese fremde Welt hinein erklang auf einmal ein wohlbekannter, menschlicher Laut, die Stimme eines jungen Mannes: „Bitte, Fräulein, ich benötige emen Pinsel zum Kleben der Ballen. Bitte um fünfzig Pfennige." Die Buchhalterin schloß ein!5aa> ves gut und entnahm der darin verborgenen Kassette ein Fünfzig- Pfennigstück, das sie Herrn von Woitczecky über die Barriere hinweg in die ausgestreckte Hand legte.. „So. kleines Fräulein, hier ist das Aiisgabebuch der kleinen Kasse. Und nun notieren Sie gefälligst: Herr von Woitczecky: ein Pinsel." Ich lachte hell auf.— und der Sprößling des verarmten polnischen Adelsgeschlechtes zog sich mit tiefgekränkte� Miene zurück. Er war übrigens ein guter Junge, und wir sind später leidliche Freunde geworden. O, dieser erste Vormittag, Du! Endlos langsam schlich er mir dahin— und war dennoch interessant genug. Nach Ablauf einer Viertelstunde kam der zweite Expedient, Herr Winter. Der gestattete sich bereits das akademische Viertel. Blond und schlank, mit Siegeraugen und einem keck emporgewirbelten Schnurrbart. Er begrüßte mich herablassend freundlich: seine großen Allgen flirrten. Fräulein Günther gab ihm einen leichten Schlag über die Hand.„Artig sein und an die Gewehre, Kamerad! Der Alte kommt!" Der„Alte" kam. Herr Herrig schloß die Tür sehr langsam hinter sich, und langsam entledigte er sich seines Ueberziehers, wobei Herr von Woitczecky ihm behülflich war. In jeder Beziehung markierte er den Chef. Ein kaum bemerkbarer Blick der Musterung fiel aus«ns alle. Das leere Stehpult des Prokuristen dagegen interessierte den Gestrengen lebhaft. Er kramte in den auf dem Pult herumliegenden Papieren und stieß leise, knurrende Laute aus, wobei ein hämischer Zug um seine Mundwinkel zum Vor- schein kam. Fräulein Günther gab mir einen leichten Rippenstoß. „Der zukünftige Prokurist ist sein Schmerzenskind," flüsterte sie mir ins Ohr. Ich saß und schrieb. Geschäftsbriefe. Bogen um Bogen, Stunde um Stunde. Und der Himmel, der durch die kahlen Fensterscheiben auf meine Arbeit niedersah. blieb ewig gleich. blieb klar und blaß. Ob eine Sonne draußen an diesem Himmel stand, ob sie stieg oder sank,— ich wußte es nicht. � Wir schrieben und rechneten. Und summierten. Tausende und Abertausende— für den großen Fabrikherrn da neben uns. Als die niedliche Schwarzwälderuhr— der einzige Schmuck in diesem schmucklosen Raum— zehn Schläge tat, öffnete sich die Tür. Herr Herrig sah von seinem Stehpult auf. Eine Flut von Sonnensilber guoll herein— die Sonne schien wahrhaftig! Und mitten drin in diesem Lichtmeer stand Julius Leonhards Reckengestalt. Er lachte. Herr Herrig erwartete ihn würdevoll. „Ich habe Sie bis jetzt vertreten, Herr Leonhard." „Ich danke Ihnen herzlich." Und Julius Leonhard nahm liebenswürdig lächelnd seinem„Vertreter" die Feder aus der Hand. Die beiden Männer maßen sich einen Herzschlag lang mit funkelndem Blick,— und ich glaube: der kleine, fade�, hagere Mann war Sieger geblieben... Auf solche Art ging Tag für Tag dahin. Wenn ich des Abends heim kam, warf ich mich zu Tode müd' auf das Eisen- gestell meines Nachtlagers.„Leben" kannte ich nicht mehr. Und doch, mein Liebling, lernte ich dort das Lebey. kennen. Der erste Sonnabend abend, den ich bei Leonhard u. Herrig verlebte, hat einen Eindruck in meiner Seele hinterlassen, den imein Eigenschicksal niemals zu verwischen vermochte, der für die Entwickelung meines ganzen Wesens von weittragender Bedeutung geworden ist. Um sieben Uhr war Kontorschluß. Tann erfolgte die Auszahlung der Arbeiter. . Ich stand neben Fräulein Günther an der Barriere, alS der letzte Ruf der Kuckucksuhr verklang. Die elektrische Ampel, die von der Decke herunterhing, strahlte Ströme eines harten, grausamen Lichtes in den düsteren Raum aus. Von ferne klang ein dumpfes Rauschen an mein Ohr. An die Brandung meines heimatlichen Meeres wollt' es mich gemahnen. Wie Wogenanprall an befestigten Strand. Dann aber— je näher es kam, um so deutlicher setzte sich das unbestimmte Rauschen gleichsam in artikulierte Laute um— wurde der gleichmäßige Tritt vieler menschlicher Füße vernehmbar. Ueber �en Hof stapfte es daher, daß die Dielen des Expeditionssaales schütterten. Ich fühlte das auf meinem Platze. Und dann er- goß es sich durch die weitgeöffnete Flügeltür wie eine brausende, graue, schmutzige Flut. Vgron die.Quuauzn Wh ich" nur ein TOllficD Durcheinander von blauen, unsauberen Blusen, von Gesichtern, die im Schein des elektrischen Lichts in einer seltsamen Blässe leuchteten, von struppigen Bärtcn und von Augen, deren Blicke mich erschreckten. Dann aber, als sie Mann für Mann vor mich hin an die Barriere traten, lernte ich unterscheiden. Ich erkannte, daß der Ausdruck ihrer Augen, der mir so unheimlich erschien, Begehr- lichkest war: heiße, stumme Begehrlichkeit nach dem geprägten Brote, das ich unter meiner Kinderhand ängstlich behütend ver- schlössen hielt. Ich sah, während ich, langsam und vorsichtig multiplizierend, Mark- und Talerstücke— hin und wieder auch ein Goldstück— dem von der Buchhalterin Aufgerufenen zu- schob, daß es Männer aus allen Altersklassen waren, die hier den mühsam erarbeiteten Lohn aus meiner Hand verlangten: kecke Burschen mit frech blitzendem Augenpaar, abgearbeitete Familienväter, denen die Sorge tiefe Furchen in das Gesicht gegraben hatte. Zusammenbrechende Greise mit blödem Blick, die gewiß schon sieben lange Tage gerechnet und gezählt hatten, wie sie mit den sieben Mark Wochenlohn, die ihre ausgenutzte Kraft ihnen zu verdienen noch vergönnte, bis zum nächsten Löhnungstag haushalten sollten.... Nein, Liebling, Du sprichst wahr: ganz so. wie ich ihn Dir hier schildere, habe ich den gewaltigen Eindruck des Proletariats der Arbeit an jenem ersten Abend nicht empfunden. Die Be- trachwng ist erst allmählich hinzugekommen— und heute, nachdem ich durch allen Jammer des Arbeiterelends selbst hin- durchgeschleppt bin, heute will's mich nur bedünken, als hätte ich schon damals so gefühlt. Ich stütze den Kopf in die Hand und zwinge auch das Gedächtnis meines Herzens zur Treue. Ich glaube, daß ich die große Herde des Elends am ersten Tage mit einem Gefühl des Widerwillens betrachtet habe. In — des Grauens. Ein Etwas in mir rebellierte gegen die Masse, aus der nicht eine Einzelgestalt emporragte, die meine Auf» merksamkeit zu fesseln vermochte, über der es lag wie ein grauer, dichter, erstickender Schleier, wie eine dumpfe Schwüle, aus der als einziger Lebensftinke die Gier wetterleuchtete, die allen gleichmäßige, brennende Gier nach Gold, Gold, Gold.... lFortsetzung folgt.), Sklave sein... Von WernerLarsen. Die Standuhr im Winkel schlug eins. Ernst Friedmann riß die Augen auf und starrte zur schwindenden Decke, wo Lichterchen hin- und herhuschten auf dunkelndem Grunde und hinabglitten an verschwiegenen Wänden. Da spielten sie tänzelnd ein neckische?, strahlendes Spiel und zerflossen in weißlichen Dunst, der hinabsank ins schweigend« Zimmer. Dort aber träumte die Rackjt auf all den verschwommenen Möbeln, kroch hinauf an den Mauern mit rieselndem Haar und mischte sich ein in den Tanz, machtvoll und groß. An den Winkeln und Wänden trieb sie die Lichter hinab, tiefer und tiefer hinein in das raumlose Dunkel, wo der Abgrund sie auffing mit gähnendem Schlund. Ernst Friedmann sah lange hinauf und lächelte still zu dem Spiel. Still und schmerzlich, denn es schien ihm wie das Leben. ebenso flüchtig und grell und voll lauernder, tückischer Schatten, die da sangen vom keimenden Licht, Unholden gleich. Und an dies Leben dachte Ernst Friedmann. An sein Leben. Da fühlte er all seinen beißenden Hohn und ballte die Fäuste. In seiner Kehle aber würgte ein rostiger Laut, der heraufstieg aus keuchender Brust und hinaus- kämpfte über die Lippen. Doch Ernst Friedmann bezwang sich und schwieg. Schwieg und dachte nach, immer wieder und wieder dieselben verhaßten Gedanken. die er mit sich trug sein« Tage und Nächte hindurch, die ihm zunickten schon aus der Frühnebel Rauch und nachts seine Sinne umspannten. Grau kamen sie hercm, grau und verstohlen. Und krochen mit Spinnegebein am dürftigen Lager hinauf und setzten sich frech auf seine versagende Brust, glotzten, ihn an mit den eisigen, tränenden Augen und wisperten leise. Leise und schrecklich. „Du. laß sie fahren, die Hoffnung. Das ist nur ein Blend- werk. Da. steh hin auf dein Leben. Oede ist es. Oede und hart. Arbeiten mußt du vom Morgen bis weit hinaus in die Nacht, ar- beiten eine Arbeit, die dir verhaßt ist im Grunde der Seele, arbeiten für deinen Herrn als ein Sklave, denn du bist bettelarm und müßtest am Wege verhungern. Er aber kam, sah dich und hat dich gekauft. Gekauft die Kräfte und Frische der stärksten und sehnigsten Jahre, und du gehst hin und schleppst für ihn. ächzend und stöhnend, schleppst ohne Ende. Kriechende Jahre hindurch. Er aber preßt seine Schätze aus deinem vergossenen Schweiß und wirft dir elende, Pisten yvhfiAJc, ingftlm lM'Mcge"un�'cherhungerst."" Hörst du es? Dann wird dich schon niemand mehr kennen. Niemand... Darum beug den Nacken und krieche am staubigen Boden. Schlepps und schleppe, ädsze dein ganzes verbittertes Leben hindurch, schleppe deine Jugend hinein zu ihm in den eisernen Schrank und leg sie voll Demut zu all den anderen funkelnden Schätzen. Deine geistige Jugend und eigenes Bewußtsein leg auch mit hinein, denn er kauft nicht nur deinen Körper, nein, auch deinen Geist. Hart soll, der werden, berechnend und grau wie dein Leben, hart und vertrocknet wie sonnenzerstochenes Holz. Stets soll er nur bei der Arbeit sein und bei ihm, seinem Herrn ergeben. Er, dieser Herr, sei dein Ich! Willst du das nicht? Sag es ihm dochl Wenn er dich fortjagt, so liegst du am Wege und verhungerst. Hörst du es wohl? Darum gib sie ihm hin, deine Jugend I Bist du dann alt und kannst nicht mehr hasten wie früher, legen sich schneeige Locken um deine durchgrabene Stirn, hat er dich ausgesogen in'taumelndem, herrischen Stolz, daß dein Leben dir scheint wie ein Sklaventum und die Freiheit ein beißender Spott, hat er deinen Körper gebrochen und deine Seele vergiftet mit dem Widerwillen gegen sich selbst und dem Haß gegen Freude und Leben— was wird er wohl tun? O du, hinausjagen wird er dich wie den räudigen Hund: „Alt bist Du, schwächlich und faul, gehe hin, werde jung, dann komm wieder I" Dann wirst du hingehen zu deinen Kindern, die du einstmals mit Mühe erzogen, und sie werden dir höhnisch das zuwerfen, was ihr Hund nicht mehr ftißt. Danke dem Tod, deinem Retter— das Leben birgt Schrecknis und Flüche I" Ernst Friedmann schauerte auf und schüttelte sich wie im Fieber. Und er dachte daran, wie es wohl sein würde, wenn er jetzt fortginge. Hinaus in'die Welt, ganz gleich wohin, immer nur vorwärts und immer noch weiter hinaus—- hinaus in die Freiheit. Da packte ihn eine wilde, berauschende Sehnsucht, so daß er aufjauchzte, froh wie ein Kind, in tiefer Erregung. Ja. frei sein von all den bedrückenden, staubigen Fesseln, ftei wie der Vogel in glitzernder Lust und hinausstürmen aus dem engen Gewölbe zur ewigen Mutter Natur, frei sein und die Welt seine Vaterstadt nennen und Menschen willkommene Brüder, frei und hinaus l Leben das Leben in sich und zum Wohle der anderen, leben als Mensch und nicht als geformtes Geschöpf I Leben als Schöpfer im ewige» Schaffen des Werkes, leben und ftei seini Hinaus l Ernst Frredmann richtete sich auf, als wolle er dem neuen Leben entgegensehen im nächtlichen Dunkel. Da glitt ein Lichtstrahl über die Wand und zeigte ihm deutlich ein Bild, daS Bild seiner Mutter. Und er sank leise a ufstöhnend zurück. Da kamen sie wieder die alten, verhaßten Gedanken und stierten chn forschend an mit den steinernen, höhnischen Augen und wisperten leise. Leise und schrecklich. „Was hast du gewollt, du verblendeter, seltsamer Mann? Bon dir werfen wolltest du das alte, zerknitterte Leben im Kampf um da? neue, von dir schleudern die fesselnden Bande m Selbstsucht und strafbarem Stölzl Wie willst du leben ein neues Leben, wenn du noch nicht die Pflichten des alten erkannt? Da, schau aufl Die hat dich geboren und hat dich mit Sorgen erzogen. Sie war das Lichr deiner ftöhlicbsten Stunden— dein Schmerz war ihr Schmerz und deine Freude die ihre. Tie sah dich zum Manne heranreifen und freute sich still deiner Kräfte, die bettete still deinen Vater zur Ruh und schwieg, denn sie hatte noch dich. Die murmelte tausend Gebete in mütterlich-heiliger Liebe, und jeder ihrer Gedanken war einzig bei dir, denn du bist ihr Alles. Schau auf, sie ist alt und gebrechlich. Wenn du nicht bist, siecht sie hin wie die Blmne in nächtlicher Wüste. Weißt du das wohl? Du sollst die Soune ihres Abends sein und ihr die wenigen Stunden verschönern, du bist ihr Leben, du ihre Welt— und wolltest sie nicht ruhig die Augen schließen lassen, die dich gehütet haben ihr ganzes Leben hindurch? Du willst sie von dir stoßen, die Greisin mit flatterndem Haar, willst ihr Gift darreichen, wo jte um Wasser dich anfleht? Hast du den Mut, über Trümmer geheckigten Glückes zur Freiheit zu stürmen? Hinaus in die rauschende Welt, Sonne und Frieden zu schlürfen, während sie hier vor Sehnsucht vergeht. Könntest du jemals wohl froh sein? Und glücklich? Tor, der du bist» nur noch«lender würdest du werden! Bleibe, Ernst Friedmann, lade sie auf, deine Last, und hast« von früh bis zum Abcndl Haste und hungere und ächze— das ist dein Leben, das dein Geschick. Sklave sein... Sklave..." Ernst Friedmann war wie von Sinnen und rang die Hände. Aus seiner Brust aber kämpfte ein Seufzer empor, der ein Stück seines Lebens mit fortriß und geformt war aus all jenen Schmerzen. die da hinschleichen über die Erde in lautlosen Nächten mit schleppen. dem Schritt. Im Zimmer aber war tauendes Dunkel, so undurchdringlich und groß, daß es schien, als gebe es nichts außer ihm, als hätte sich alles auf Erden ausgelöst in weiche, zerfließende Schleier und ewige Nacht. Aus der aber stieg etwas auf, blutig und kalt wie der Tod mit klappenden Zähnen und gellendem Lachen, das niederkniete an seinem Lager und leise klirrte mit unlösbar-furchtbarrn Fesseln und ihn ansah mit gelben, umränderten Augen— sein Leben.— Kleines Feuilleton. e. w. Dusscl.„Nee, dusseliger hätt'st die Karre gar nicht schieben können, Karl!" hörte ich vor euiigen Tagen einen Kutscher lackend zu einem anderen sagen.„Ja, ja, Tunteken, mancker lernt'S nie!" fuhr er fort, indem er vor Lacken fast taumelnd seinem Pferde mit der flachen Hand auf den Rücken klatschte. Tunteken wandte mit der bekannten langsamen Drehung des Kopse? ihr« Augen nach dem Sprecher mir und sah ihn verständnisvoll und wahrscheinlich zu» stimmend an, so weit dies aus dem Ausdruck ihres Blickes zwiscken dem schützenden Versteck der Scheuklappen zu ermitteln war.„Ja, Du hast recht, ick bin wirklich ein richtiger Dussel gewesen, helf' er sich l" erwiderte der andere Kutscher. Der Sinn dieser Worte ist für jeden verständlich. Er will ausdrücken, daß er ein richtiger Dummkopf war. Die volkstümliche Rede wendet dieses letztere Wort aber kaum jemals an, sondern zieht immer das Wort Düffel vor. In einer rein niederdeutschen Gegend, z. B. in Hamburg, würde der Mann gesagt haben:„Ja, ick weer een richtiger Döskopp". Streichen wir das kopp weg. so bleibt als Rest Dös, das auch Das ausgesprochen wird, und in der letzteren Form in Klaus Groths Ouickborn zu finden ist. Es bedeutet genau dasselbe wie Dussel. Wie dem Hauptwort Dussel das Tätigkeitswort dusseln zur Seite steht, so dem Hauptwort Dös das Tätigkeitswort döien. In dem Worte Düffel kann das u auch gedehnt gesprochen werden und dann erscheint die Form Dusel, wo das weicke i in der Mitte nicht weiter befteniden darf, zuinal da in Düffel die beiden ss auch nur die Kürze deS u andeuten sollen und gemeinhin weich gesprochen werden. Beide Formen sind in ganz Deutschland verbreitet, aber wohl selten in die Schriftsprache auf- genommen worden. Auf englisch heißt Dussel clizeirisss, wo die Silbe ness gleich dem deutschen nis ist. Es ist unschwer zu er- kennen, daß es ganz dasselbe Wort ist. Die ursprüngliche Bedeutung von Dussel ist Halbschlummer, schläftiges Hindämmern, und weil die Gedanken sich in diesem Zustande verwirren, so bezeichnet es zu- nächst Betäubung, dumpfes Hinleben, Abwesenheit des klaren Be- wutztseins. Allmählich ist dann daS Wort von der Bezeichnung eines ZustaudeS auch auf Personen übertragen worden, so daß ein Dussel sowohl ein Männlein wie auch ein Weiblein sein kann,»ach der merkwürdigen Einrichtung dieser Welt aber wohl in Wirklichkeit mefftens das erster« sein dürfte.— Theater. Deutsches Theater. Helden. Komödie in 3 Alten von Bernhavd Shaw. D«uffch von Trebitsch.— Di« reizende Komödie Shaws, die von der„Freien Volksbühne" bereits vor mehr als Jahresfrist— unter Ausschluß der Oeffentlichkeit .— gespielt wurde, ist nun ins Repertoire des Deutschen Theaters aufgenoinmen. Hoffentlich wird sie sich da lange behaupten. Nach den Berichten über die Premiere am Donnerstag— ich konnte erst die zweite Aufführung sehen— wurde das Stück mit warmem Bei» fall aufgenommen, und die Kritik hat nach Gebühr seine Feinheiten beleuchtet und gefeiert. Es wäre schmählich, wenn in dem breiten Theaterpublikum trotz alledem ein Interesse für dies Neue, das endlich mal ein gutes Neues ist, sich nicht erwecken liehe. Bei der Wieder» holung am Freitag, fiir die man ein ausverkauftes Haus hätte er» warten sollen, war das Theater verhältnismäßig schlecht besucht. Das Geistreichste in der Komödie ist der erste Akt. der ein« Situation, wie sie kein auf romantische Edelmütigkeiten erpichter Melodramatiker schöner wünschen könnte, in die lustigste Pcrfiflage auf schwärmende Heldenverehrung verwandelt. Die Handlung spielt zur Zeit des serbisch-bulgarischen Krieges im Jahre 188',. Ein» Bulgarenmädchen, das von der kühnen, sicggekrönten Kavallerie» attacke ihres Verlobten.Kunde erhält, schwelgt auf hohem, mond. scheinbeschienenen Ballone in heroischen Gefühlen. Ein verfolgter Offizier des Serbenheeres erklettert die Mauer und flüchtet in das dunkle Zimmer der Jungfrau. Draußen knallen Schüsse, die Ver. folger klopfen. Einlaß begehrend, an die Tür. Aber Raina hat Mitleid mit dem Fremden und rettet ihn durch weibliche List. Wie spannend, wie rührend, welch- Gelegenheiten zu erhabenen Worten! Aber der gottlose Dichter treibt mit alledem nur Spott. Er amüsiert sich über Raina und läßt den Flüchtling,.Kapitän BIvntschti. einen geborenen Schweizer, eine geradezu beleidigende Natürlichkeit be» zeigen. Statt Lbsr die verlorene Waffenchre zu klagen, oder in glühender Dankbarkeit die Güte und Großmut seiner Retterin zu preisen, interessiert sich dieser Mensch, der noch dazu ein Muster- soldat sein soll, im Augenblick nur für sein bißchen Leben, seinen Hunger und seine kolossale Müdigkeit. Die Prallines, die er von Raina erhält, regen ihn an zu einer Rede über die Wichtigkeit der Schokolade im Kriege, und ganz dieselbe Prosa zeigt seine Auf- fassung der berühmten Kavallerieattacke. Das Lachen überkommt ihn, tvie das Mädchen stolz an seine Heldentat der Ihren erinnert. Ein richtiger Operettenstreich sei das gewesen. Wären die serbischen Kanonen nicht vernagelt gewesen-— ein Zufall ebenso unerhört wie die Dummheit jenes Angriffs—, die hübsch geputzten Reiter wären samt und sonders von den Kugeln weggefegt. Und als Raina, die über solchen Mängel an Idealismus in drollige Empörung gerät, die Mutter rufen geht, fällt Bluntschli der Länge nach aufs Betkl Schnarchend finden sie den Kriegersmann. Den beiden letzten Auszügen fehlt die Stileinheit, der straffe mittel», aber ihre'Bühnenwirksamkeit ist darum nicht geringer!"ütrt den Rock abzugeben, dm man ihm zur Flucht lieh, kehrt Bluntschli nach dem Friedensschluß in das Haus des Majors Petkoff zurück. Zu der feinen Parodie auf die sentimental verlogenen Heldenposen, in denen außer Raina und der Mutter vor allem Sergius, der windige Kavallerieattackenoffizier und Bräutigam sich gefällt, tritt hier er- gänzend eine derb komische Verspottung der sehr primitiven Bulgaren- sitten. Bluntschli erobert die ganze Gesellschaft. Er, der desillusio- nierte Fachmann des.Krieges, erweist sich als der einzige, der von der Sache etwas versteht. Der bequeme Major und der renom- miereode Sergius sind heilfroh, daß er ihnen die Ausarbeitung eines Truppcntransportplanes abnimmt. Raina verliebt sich sterblich in ihren Pralinessoldaten, nicht zuletzt, weil er durch ihr hochtrabendes Lügengerede sich so gar nicht imponieren läßt, während ihr Helden- Bräutigam, der eitle Hohlkopf Sergius, von einem unverschämt koketten Dienstmädchen gekapert wird. Ein prächtiger Schlußtrumpf, eine Persiflage auf die Komödienschreiberneigung, in ihren Stücken mit gewaltigen Reichtümern zu protzen, ist der Heiratsantrag Bluntschlis. Als die Petkoffs zweifeln, daß er ihrer Tochter standes- gemäßen llnterhalt gewähren könne, da liest er von einer endlosen Liste die Zahl der Pferde, Wagen, Tischtücher, Servietten usw., die ihm sein Vater, ein großer Schweizer Hotelier, vermacht hat, zur staunenden Bewunderung der Eltern herunter. Die Aufführung war sorgsam vorbereitet. Sehr gut wirkten Fräulein Hartwig als Raina, Margarethe Otto-Körner und Ernst A r n dt als das Elternpaar. Otto Sommer st orff, in der Rolle des Kapitän Bluntschli, hatte seine Momente, doch traf er, schien mir, nicht recht den Ton des überlegenen Humors, vor allem nicht in der Schlußszene, die so beinah verloren ging.— dt. Volkskunde. — lieber den Götterglauben der alten Preußen spricht Professor Dr. Lullies im Jahresbericht des Königsberger Wilhelms-Gymnasiums von 1904. Der Verfasser weist zunächst darauf hin. daß man im allgemeinen vr- dem Götterglauben der alten Preußen eine sehr beschränkte Borste, ng habe, und daß höchstens die drei Götternamen Perkunos. Pikollos und Potrimpos — die in dieser Reihenfolge und Form in den eigentlichen Geschichts- quellen gar nicht vorkommen— der der Gottheit Curche, des Heilig- tums Romolve und des Obcrpriesters Criwe den Gebilde. en geläufig seien. Er zeigt dann, daß seine Untersuchung sich nicht allein auf die Preußen, sondern auch aus die mit ihnen eng verwandten alten Sudauer und Litauer zu erstrecken habe. Diese Untersuchung be- ginnt mit einer Zusammenstellung der Nachrichten über den Götter- glauben der preußisch-Iitauisch-lettischen Völker seit 900 bis zum Beginn der Reformation im 16. Jahrhundert. Hier zeigt sich die eigentümliche Erscheinung, daß die als zuverlässig erwiesenen Quellen der älteren Ordenszeit nur ganz allgemeine Angaben über den Götierglauben der Preußen enthalten und keine Göttcniamen nennen, ähnlich den Schriftstellern, die über andere indogermanische Völker berichten, z. B. Herodot über die Perser und Pelasger, Cäsar über die Germanen. Nur der Name Curche als der einer Gottheit, als deren Idol ein Kranz aus den letzten Aehren zu gelten hat, ist' aus älterer Zeit(1249) belegt. Erst bei Simon Gruna» tauchen Namen auf, darunter jene oben erwähnten drei, doch ist dieses Chronisten schwindlerische Unzuverlässigkeit seit Toppen notorisch. Obwohl die Preußen äußerlich Christen geworden waren, erhielt sich ihr Heiden- tum bis zur Refvrmationszeit. Damals wurde solchen Resten auf Veranlassung der Kirche näher nachgeforscht, und man ermittelte eine ganze Reihe von Gottheiten, die noch angerufen wurden, darunter Potrynipos, Parcuns und Pccols, doch sind alle diese Namen nicht einwandsfrci, da die berichtenden Geistlichen der preußischen Sprache nicht mächtig waren. Indessen kommt da der sicherere litauische Götterkreis zu Hülfe und es stellt sich nun heraus, daß die Namen der preußisch-litauischen Götter keine Eigennamen, sondern nur Appellativa, daß, wie Lullies hervorhebt, die Götter selbst keine Per- sönlichkeiten, sondern nur Personifikationen der verschiedensten Lebensgebicte, Tätigkeiten und Oertlichieiten sind, vergleichbar den römischen indigiumenta, nicht Götter, sondern Gottheiten(numin»). Mit Ausnahme von Perkunos, dem Donnerer-, Sonnen- und Regen- spender, hat keine von allen Gottheiten, die Lullies ermittelt hat, einen Eigennamen; die Namen der anderen zeigen nur gewisse Eigenschaften an:„Flimmerer",„Wevenbläser"...Hofhütcr" usw., und daraus erklärt sich, daß sie die älteren Schriftsteller nicht nennen; es konnten sich ihnen eben damit keine religiösen Vorstellungen ver- binden. Nur„Curche" war mit seinem Kranze etwas Sichtbares auch für den Fremden. Hieraus folgt, daß es auch kein National- Heiligtum„Romowe" gegeben hat. Nach Analogie der Verhältmsie bei anderen Jndogermanen erscheint Lullies' Schluß zutreffend, daß der Götterglaube der preußisch-litauischen Völker„höchst altertümlich" geblieben ist. Mit dem Hinweis darauf, daß die Erntegottheit Curche sich bis heute noch in dem Kranz aus den letzten Aehren, der bis zum nächsten Erntefest aufbewahrt wird, erhalten hat, schließt Lullies seine interessanten Ausführungen.(„Globus.") Humoristisches. — Ein Schlaumeier. Lehrer:„... Also es meldet sich derjenige nicht, der diese Karikatur auf die Tafel gezeichnet hat? Gut, dann bekommt jeder von Euch eine Tracht Prügel I-- ßl jedem Schüler einige Klapse gegeben, hält er vor dem Du sagst, wer es gezeichnet hat.' bekömms?'''Nu?e!ne�sch!ag'e!" Schneller:„Ich war's, Herr Lehrer I"— — Kindliche Ausdrucksweise.„Was willst Du, mein Kind?" „Um zwei Pfennig Nähnadeln für die Mutter, und um einen Pfennig, wo die Großmutter durchkann!"— — Eine gute Hausfrau.„Du, Berta, in der Weste ist ja ein Loch I" „Macht nichts, das wird durch den Rock verdeckt!" „D e r ist ja auch zerrissen!" „Ja hast Du denn keinen Ueberzieher?"— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Protektions-Wirtschaft. Der österreichische Unterrichtsmini st er Ritter von Härtel gehörte, so lange er an der Universität lehrte, zu den„feinen" Profesioren, zu den Ganzseidenen. Im Vergleich mit ihm ist Erich Schmidt ein Naturbursch. Als Minister ist Härtel noch feiner, noch weicher ge- worden, verneigt sich vor dem Hofe und macht den Namenstag der Kaiserin zu einem Schulfeiertag, kommt den Klerikalen entgegen, will es allen recht machen, die stärker sein könnten als er. Nach unten klingt das Lied etwas anders. Als Unterrichtsminister ist Härtel auch Oberster der staatlichen Kunstpflege. Was versteht ein Altphilologe von moderner Kunst? Das scheint Härtel auch ein- gesehen zu haben, und so überließ er das Kunstregieren zwei seiner Beamten. Und die wirtschafteten, wie es ihnen gefiel. Die Wiener Kunstakademie bekommt es zu spüren. Sie schlägt Klimtt als Pro- fesior vor, ernannt wird der Maler Lefler, der gut mit dem Kunst- referenten steht. Ein anderer Professor wird zwangsweise pensioniert, an seine Stell« rückt— gegen den Willen der Akademie— ein junger Mann, ein Neffe des Wiener Weihbischofs usw. usw. Die reine Günstlingswirtschast. Endlich scheint das Maß voll. Jnterpellatton im Parlmnent, Krach an der Kunstakademie. Der junge Professor will sein erstes Gehalt der Schüler-Unterstützungs- lasse! zuweisen. Das Geschenk wird hohnlachend abgelehnt. Alle Wiener Blätter sind voll von Zuschriften, in denen die bisher Ge- drückten und Mißhandelten sich Luft machen. Und was wird geschehen? Nichts oder nicht viel. Dem Hauptschuldigen wird jedenfalls kein Haar gekrümmt werden.— — Im Theaterjahr 1903/1904 wurde Franz Adam Beyerleins„Zapfen st reich" 1490 mal gegeben.— — Das Schall spielhaus wird Anfang Februar k. I. w i e d�e r e r ö ff n e t. — Die K r o l l s ch e B ü h n e, die im Sommer von Maximilian Burg übernommen wird, soll wieder eine Sommeroper ersten Ranges werden.— — Im nächsten Philharmonischen Konzert(12. Dezember) wird die„ S i n f o n i a D o m e st i k a" von Richard Strauß auf- geftihrt. Das Orchester ist auf 110 Mann verstärkt worden.— — Den Nobel-Preis für Chemie hat der englische Chemiker William Ramsay erhalten, den Preis für Physik Lord Raleigh; der medizinische Nobel« Preis ist dem russischen Physiologen P a w l o w zugefallen.— — Die ägypttsche Regierung baut in Scheich Bargut, 100 Kilometer von Suakin, einen neuen Hafen. Scheich Bargut soll Endpunkt der Berberbahn werden.— — Sprachreinigung. Ein Konzert, toelches kürzlich in Sankt Avolt(Lothringen) stattfand, wurde folgendermaßen an- gekündigt:„Großes Streichgetön, ausgeführt von der Streichbande des zweiten hannoverschen Lanzenreiterhaufens 14 unter Leitung des königlichen Spielwarts Herrn B. Stüber." Aus der Spielfolge seien noch' folgende Merkwürdigkeiten hervorgehoben: Schwärmerei aus „Der Postknecht von Lonjumeau" von Adam; ein Lied auf der Schnabelflöte mit Klappen(Klarinette) von Neibich; Vierertanz nach Gedanken aus dem„Pariser Leben" von Offenbach;„Ein Zick-Zack", Durcheillander(Potpurri) von Schreiner:„Der Tunichtgut", Eiltanz von Faust.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo.,BerlinLlV.