NnterhaltungsMatt des Horwärts Nr. 244. Dienstag, den 13. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) toi Ich bekenne. Roman von Clara Müller-Jahnke. Ach, Du, ich wußte den großen Trost nicht, damals noch nicht, daß sich Wege brechen lassen mitten durch steinerne Helsen hindurch, und daß sich Dorngestrüpp roden läßt; ich wußte es � nicht, daß die Blutstropfen, die der rüstige Pionier bei dieser 1 Arbeit vergießt, Christustränen sind. Ich kairnte die Kraft nicht, die ungeheuere Kraft, welche i in diesem gemißhandelten, zertretenen, geknechteten Volke schläft, jene Kraft, welche die Welt trägt, unbewußt ihrer Macht, die Welt aus den Angeln zu heben! Ich zahlte und zahlte. Fräulein Günther staird neben nur und las die Namen der Arbeiter von der langen Liste ab. Und bei jedem neuen Namensaufruf tarichte ein neues Gesicht vor mir auf mit dem gleichen gierigen Ausdruck in den Augen, strich wieder eine schmutzige, harte, ausgearbeitete Hand das sorgsam abgezählte Häuflein Münzen von dem schmalen Brett an der Barriere hinweg. Und abermals erklang ein Name, und ein alter Mann mit fahlein Haar und zitternden Händen trat vor. Die Buchhalterin legte abwehrend die Hand auf meinen Arm, indem sie den Mann scharf in das Auge faßte. „Koglin bekommt nur vier Mark fünfzig. Er hat sich am vorigen Zahltag zwei Mark fünfzig Vorschuß geben lassen." Der Greis zuckte zusammen. Offenbar hatte er diese er- schreckende Tatsache vollständig vergessen gehabt. Mit tonloser Stimme bat er: „FräulÄnchen, stunden Se's mir bloß dis eene Mal noch. Ick komme nicht durch. Nächsten Sonnabend——" „Ich kairn's nicht stunden. Koglin: Sie wissen, es ist Ver- bot, zweimal hintereinander Vorschuß zu geben. Außerdem bin ich ani nächsten Sonnabend nicht mehr hier— und wir haben Eile." Ein ergebener, hoffnungsloser Ausdruck trat in das stumpfe Gesicht. Und die welke Hand strich den Wochenlohn von vier Mark fünfzig Pfennigen langsain ein. Der Nebenmann murrte schon über die Verzögerung. „Ter Mann trinkt," flüsterte mir Fräulein Günther zu, während ich dem Nächsten das Geld hiuzählte,„da ist jede Hülfe umsonst. Sonst helf ich gern. Herrig darf's freilich nicht wissen. Gestattet ist nur ein einmaliger Vorschuß im Monat." Das Gefiihl des Widerwillens in mir war noch gewachsen: es schnürte mir fast die Kehle zu. Und dennoch kämpfte ein neues Empfinden, dem ich keinen Namen zu geben wußte, mächtig gegen diesen Widerwillen an. Der Mann trinkt,— so klang es in mir nach. Ja, man kann es deutlich sehen, daß er trinkt: aber warut»* trinkt dieser Mann?— Als der letzte aus der langen Reihe verschwunden war, öffnete sich die Flügeltür nach dem Hofe zum zweitenmal, und die Frauen traten ein. Und das neue Empfinden in mir wuchs bei ihrem An- blick, bis es seine mächtigen Schwingen über mich ausbreitete und ich den Widerwillen von mir abschüttelte wie ein lästiges Gewürm. Und ich zahlte und zahlte. Wieder kamen Abzüge vor: diese Frauen baten nicht um Stundung. Sie wußten wohl, daß auch die inständigste Bitte vergeblich sein würde. Wenn Herr Leonhard dagewesen wäre, dann freilich... dann vielleicht... aber der war weit weg in einem Sonnenland, von dessen Glanz und Herrlichkeit diese abgehärmten Geschöpfe keine Vorstellung haben konnten: und arißerdem war er jetzt verheiratet, und nun war wohl alles aus, was sich sonst noch hätte erhoffen lassen. Kurz nach acht Uhr waren wir fertig, schlössen zu und gingen nun selber heim. In mir zitterte jeder Nerv. Fräulein Günther, die mich eine kurze Strecke durch die Leipzigerstraße begleitete, sprach beruhigend auf mich ein. „Kind, das ist das Leben. Wenn man selbst mit Dornen gepeitscht wird, verlernt man die Weichherzigkeit. Sieben Achtel dieser Leute sind in ihrer Roheit, ihrer unausrottbaren Trunksucht wirklich'einer Träne wert. Die Frauen,— freilich, die tun mir jänimerlich leid. Ich will nicht sagen, daß sie viel anders oder gar besser sind: nur: von zwei Seiten ausgebeutete Lasttiere, das sind sie! Vom Manne und vom Arbeitgeber. Wo sollten sie auch anderes gelernt haben, wie könnten sie auch besser geworden sein?"— Ja, wie konnten diese Weiber anders sein? Den ganzen Tag an die Maschine oder den Sortierballen gefesselt, am Abend keine Ruhe und in der Nacht keinen Schlaf—— Aber auch die Männer: wo sollten sie besseres gelernt haben? Auch sie erschienen mir plötzlich wie Lasttiere, gleichzeitig von zwei Seiten ausgebeutet: vom Arbeitgeber und von der Familie. Am nächsten Freitag verließ Fräulein Günther das Ge- 'chäft. Als sie mir die Hand zum Abschied reichte, gab sie mir einige gute Ratschläge mit auf den einsamen Weg. Sie unter- richtete mich über die Persönlichkeiten, in deren Gesellschaft ich fortan ineine Tage verleben sollte. „Leonhard ist nicht da. Der ist Don Juan durch und durch, berühmt und berüchtigt in der ganzen Berliner Kon- toristinnenwelt. Kein Mädchen ist sicher vor ihm: wenn aber eine schlau ist, kann sie dabei ihr Schäfchen scheeren. Herrig hat sein Leben reichlich genossen und kennt jetzt nur noch eine Leidenschaft: das Geld. Bei dem um Mitleid betteln, wäre gänzlich verlorene Mühe. Vor Julius Leonhard nehmen Sie sich in Acht. Nicht, daß Sic irgend ein Attentat zu fürchten hätten— der Julius ist ein Gentleman,— nur das Geld ist Chimäre für ihn. Er betrachtet die kleine Kasse mitsamt der Kassiererin als sein Privatressort. In Verlegenheiten steckt er immer. Winter nimmt, wo er irgend findet. Woitczecky— nun, Sie haben ihm am ersten Tage ja selbst schon das Zeugnis geschrieben. Und nun leben Sie wohl. Kleine, und niachen Sie Ihre Sache gut!" „Und Sie selbst, Fräulein Günther? Werden Sie wieder eine Geschäftsstellung annehmen?" Sie lachte leise auf. „Für sechzig oder-siebzig Mark monatlich mich weiter plagen von früh bis spät? Närrchen, nein! Die Männer be- kommen für die gleiche Arbeit inindcstens den doppelten Lohn, bloß, weil sie Männer sind. Wir brauchen das ja nicht, wir sind zu anspnichslos von Natur. Ich aber nicht"— und plötzlich wuchs das Mädchen vor meinen Augen empor zu der Ge- stalt einer germanischen Seherin, und ihre Augen blickten stahlhart geradeaus—„ich nicht, Wilma Dalkcnberg: denn ich bin ein Mensch und will vorwärts im Leben. Ich gehe in ein Hebeanimen-Jnstitut." ** • In den ersten Wochen nach Fräulein Günthers Scheiden fühlte ich mich sehr vereinsamt. Doch meine Mutter schrieb liebe Briefe, und ich biß die Zähne zusammen und arbeitete fleißig, so wehe mir auch manchmal ums Herz war. An die Auszahlung gewöhnte ich mich allmählich; nur beging ich den unverzeihlichen Fehler, mich mitunter nach den Familien- Verhältnissen der Arbeiterinnen zu erhmdigen, was mir eine harte Rüge von feiten Herrigs zuzog und einen Hinweis ein- brachte, wie notwendig es sei,„dieser Bande gegenüber, die haben und immer nur haben wolle, die Autorität zu wahren." Ich verbeugte mich stumm. Die Kehle warjnir zugepreßt. Eine arme Frau aus dem Nordosten, der am Tage vorher ihr Kind gestorben, war es gewesen, mit der ich menschlich ge- sprachen hatte.... An diesem Abend hatte ich zmn erstenmal Uebcrstunden. Ich wollte mir den Sonntag vormittag frei halten, um mit Mary Deike einen Spaziergang in den Tiergarten zu unter- nehmen, und so saß ich denn allein im Kontor, um die iibng gebliebene Wochenarbeit in einem Zuge zu erledigen. Ich fühlte mich erschöpft und krank: der Tag war außerordentlich anstrengend gewesen. Julius Leonhard war gar nicht er- schienen, Herr Herrig infolgedessen sehr schlechter Laune ge- Wesen, und ich hatte für den„Maler" mitarbeiten müssen. So kam es, daß, nachdem ich das erste halbe Dutzend Färb- bestellungen fertig geschrieben hatte, mein Kopf auf das dick- leibige Bestellbuch niedersank, und ich allerlei wirres Zeug träumte von blassen Frauen, die, in klirrendes Gold gekleidet, auf Scharlachtapeten hinter einem offenen, leeren Kstidersarge hergingen und mit einem Spitzentaschentuch sich blutige Tropfen von den Wangen wischten.... Die Schwarzwälderuhr tat neun Schläge, als ich aus meinen Träumereien emporschreckte. Die Ampel brannte hell Wie immer, und doch wogte es wie ein durchsichtiger Nebel- schleier durch den ganzen Raum. Die Frau von heute Abend, die Frau mit den tränenlosen, verblichenen Augen kam mir nicht aus dem Sinn. Sie hatte kein Geld gehabt zur� Bestattung des Kindes, das schon lange gekränkelt und das sie tot vorgefunden hatte, als sie abends aus der Fabrik heimgekommen war.„Janz alleene gestorben. Fräuleinchen, unser eener hat keene Zeit nich, dabei zu sind--" und ich hatte ihr einen etwas reichlich bemessenen Vorschuß gegeben, obwohl ich wußte, daß die kleine Summe ein Nichts war dem ungeheuren Elend gegenüber. Ter Mann saß im Gefängnis, und sie konnte froh sein, daß Herr Herrig sie trotzdem in der Fabrik behielt, umsomehr, als schon ein zweites kleines Wesen auf den Tag wartete, an dem es seinen Einzug in diese beste aller Welten halten sollte. An meiner rechten Seite stand der große, eiserne Geld- schrank. Tote Papiere schlummerten in seinen Tiefen, die den Wert von ungezählten Tausenden besaßen. Heiß und würgend stieg es auS meineni Herzen empor. Wie ein Blitz schlug die Erkenntnis in meine Seele. Und eine wütende Lust überkam mich, das eiserne Ungeheuer zu zer- schmettern, die Papiere zu zerreißen und das gleißende Gold hinauszuschleudern in die eisige Oktobernacht. „Wer gibt Euch das Recht zum Aussaugen, zum Zu- sanunenraffen und Erpressen, das Recht zur Ermordung leben- diger Werte?"— Meine Hand fiel auf den Schreibtisch nieder mit einem dumpfen Schlag. Und von der Kontortür her erklang es wie ein leiser Widerhall. Ich fuhr empor. Es klopfte wahrhaftig, leise und vorsichtig. „Fräulein, bitte, Fräulein Talkenberg! Ich sah noch Licht---" Julius Leonhard! Dicht an die Tür gedrängt, fragte ich zurück:„Ich arbeite für morgen im voraus. Was wünschen Sie, Herr Leonhard?" „Bitte,— öffnen Sie doch erst!" Ich überlegte ein wenig, weil die Situatio.ii mir nicht geheuer vorkam. Was hätten meine Bellegarder Kameradinnen dazu gesagt, wenn ich in nachtschlafender Stunde einen jungen Mann zu mir ins Zimmer ließ?— Schließlich aber war's sein Kontor mehr als das meinige,—— und als ich noch dazu der blauen Augen und des wohltuenden Lachens des jungen Hünen gedachte, besann ich mich nicht gar zu lange, sondern öffnete die Tür vorsichtig so weit, daß Herr Julius Leonhard niit einiger Anstrengung hereinschlüpsen konnte. Wir standen uns einen Augenblick stumm gegenüber. Dann lachte Leonhard mit einer gewissen Befangenheit leise auf und sagte hastig: „Fräulein Wilma, ich war heute nacht durchgegangen." „Ich weiß. An Herrn Herrigs Laune haben wir alle es merken müssen." „Fräulein Wilma, sein's nit bös! Ich bin total ab- gebrannt. Und muß heute abend einlösen. Nicht viel, fünfzig Mark tun es schon. Die kleine Kasse merkt es nicht. Und zur Abrechnung.— wahrhaftig Fräulein Dalkenberg!— zum nächsten Sonnabend haben Sie es wieder!" Ich befand mich in einer grausamen Lage. Es tat mir weh, dem jungen Manne eine Bitte abschlagen zu müssen, die ich ihm doch nicht gewähren durfte. Wie sehr ich mich aber auch sperrte und hartherzig anstellte, er ließ nicht nach mit Bitten und Bestürmungen, indem er immer wieder auf die am Dienstag bevorstehende Ankunft seines Bruders hinwies. „Franz ist kein Geizdrachen, wie Herrig— Sie sollen sehen, Fräulein Dalkenberg: nun kommt eine andere Zeit!" Was soll ich Dich ermüden, meine Seele?— Mit einem schweren Seufzer schloß ich endlich die Kasse auf und gab die so heiß begehrten fünfzig Mark. Und Julius Leonhard schüttelte mir die Hand mit kameradschaftlichem Druck, ver- sicherte mich seiner unbegrenzten Dankbarkeit und eilte hinaus mit dem befreienden Bewußtsein, seine Ehrenschulden einmal wieder abtragen zu können. Und neben mir in dem einsamen Zimmer stand das Bild der armen Frau, die kein Geld hatte, ihrem toten Kinde einen Sarg zu kaufen, und blickte mich blaß und stunim mit tränen- losem Vorwurf an. * Am Dienstag kam Franz Leonhard mit seiner jungen Frau aus Italien heim. Das Personal hatte es sich, sehr gegen Herrn Herrigs Willen, nicht nehmen lassen, Guirlanden zu wickeln und Korridor und Türen festlich auszuschmücken. Am frohesten war Julius. Er arbeitete seit Montag früh außerordentlich fleißig und nickte mir hinter Herrn Herrigs Rücken oft verstohlen und verständnisvoll zu. „Und nun tun Sie mir alle den Gefallen und vergessen Sie über Herrn Leonhards Ankunft nicht, daß Sie auch Pflichten gegen das Geschäft übernommen haben!" Herrn Herrigs Mahnung fruchtete diesmal nicht so viel, wie es sonst der Fall zu sein pflegte. Eine fröhliche Erwartung hauchte ihren Frühlingsduft durch das düstere Kontor. Der kleine Woitczecky, der in irgend einem Jünglings-Turnverein ein sehr tätiges Mitglied war, versuchte sogar, so oft der gestrenge Chef nach der anderen Seite sah, seiner rosenfarbenen Stimmung durch Springübungen über die Barriere einen etwas kühnen Ausdruck zu geben. Meine Erwartung war arg gespannt. Ich dachte an Lotte und war begierig, den Mann kennen zu lernen, den sie liebte und der sie betrogen hatte. Und auch auf die Frau, um deretwillen das arme Mädel hatte hinaus müssen in die Nacht, war ich gespannt. Endlich zeigte die Uhr die erwartete Stunde. Und pünktlich auf die Minute hielt mit scharfem Ruck eine elegante Equipage vor der Tür. Julius Leonhard, der wohl aus Geschäftsrücksichten nicht zum Bahnhof gefahren war, stürzte hinaus. Herr Herrig erhob sich sehr gemessen, um den Kompagnon zu bewillkommnen. Ich schlich mich in den Laden und sah durch die Spiegelscheiben den Einzug des jungen Paares mit an. So groß wie sein Bruder, aber viel feiner gebaut, schlank und brünett war Lottes Geliebter. Ein weiches, doch nicht an- genehmes Gesicht. Er trat selbst an den Schlag und hob, den hinzuspringenden Diener mit einer leichten Handbewegung ab» wehrend, seine Frau heraus. Ein zartes, rotblondes Geschöpf, mit Augen, so müde, so blaß und gleichgültig um sich blickend, daß ich nicht zu begreifen vermochte, wie eine Frau, die ihren Mann doch hatte lieb haben müssen, so--- so seelenlos in die Welt schauen, mit so schlaffen, eckigen Bewegungen die blumengeschmückte Schwelle ihres neue» Heimes überschreiten konnte..... Das Paar trat in den Korridor. Vor dem Kontor schien Leonhard zu zögern: das Geräusch im Flur stockte für einen Augenblick. Dann aber gingen sie die Treppe hinauf, ohne sich weiter aufzuhalten. Das Lachen und Plaudern werklang, und nur in meiner Seele tönte noch ein schwacher Laut: Du arme Lotte! (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) Die Technik der falTadenmalereu Von allen Techniken der Fassadenmalerei hat sich die Sgraffito malerei am beständigsten erwiesen: doch sie ent» spricht gerade am wenigsten den Vorstellungen, welche sich die Moder-- neu vom Reiz der Farbe in der Architektur zu machen pflegen. Sie wirkt stumpf und eintönig und ist wenig geeignet, das graue Straßen» bild unserer.modernen Städte zu beleben. Wenn wir von der Fassadenmalerci sprechen, so meinen wir im allgemeinen doch eine mehrfarbige Malerei, welche sich lebhaft von dem im allgemeinen recht gleichgültigen Grundton der Fronten abzuheben vermag. Allerdings soll nicht bestritten werden, daß sich durch Sgraffitotechnik unter Um» ständen monumentale Wirkungen erreichen lassen. Spätere Reste von Frontmalereien in Florenz haben in unserer Zeit Veranlassung gegeben, diese alte Technik der Renaissance wieder aufzunehmen. Giorgio Vasari, der ausgezeichnete Baumeister und Maler(geb. 1S11, gest. 1574) hat uns über diese Technik belehrt. Vor allen Dingen müssen die Mauern vollständig trocken sein: der Untergrund besteht aus eineni rauhen Stipp-Putz von gutem hydraulischen Kalkmörtel, für dessen Herstellung grober, scharfer Sand zu verwenden ist. Gottfried Semper, der sich um die Er- Neuerung dieser Kunst verdient gemacht hat, empfiehlt einen geringen Zusatz zerkleinerter Steinkohlenschlacke, um eine größere Rauhheit des Putzes zu erzielen. Von anderer Seite wird ein Zusatz von Holzkohlenstaub oder Steinkohlenasche empfohlen. Im Rheinland wird nach meiner Erfahrung der Grundputz für gewöhnliche Feinputz» arbeiten durch Zusatz zerkleinerter Schlacken gebildet. Dieser Grund» putz soll mehrere Monate der Witterung ausgesetzt bleiben; dann kommt daübcr eine zweite Putzschicht aus geeignetem Kalk und feinem Sand, nachdem man dem Mörtel einen Farbstoff, Kobaltgrün, Umbra, Ocker oder dergleichen zugesetzt hat. Endlich wird dieser frische Putz mit Kalkmilch überstrichen, die man auch nicht selten mit ein wenig heller Farbe versetzt. Es soll aber stets nur so viel Putz hergestellt werden, als der Zeichner oder Maler an einem Tage zu vollenden vermag. Die Zeichnung wird nämlich direkt auf den frischen Putz schablonicrt, woraus mittels spitzer Werkzeuge die obere Schicht im Sinne der Zeichnung derart fortgekratzt wird, daß an den betreffenden Stellen die gefärbte Unterschicht sichtbar wird. Bei dieser Manier lassen sich überhaupt nur zweifarbige Malereien hervorrufen, nämlich solche mit hellen Figuren auf dunklem Grunde oder umgekehrt mit dunklen Figuren auf Hellem Grunde. Wir haben hier genau dieselbe Technik wie bei den antiken Tongefätzen, die man fast in jedem Kunstmuseum finden kann. Semper empfahl mehrere verschieden gefärbte Mörtelschichten anzuwenden, um auf diese Weise reichere Malereien zu erzielen, und an einigen Bau. denkmälcrn in Florenz sind auch Beispiele dieser Dekorationsmcthode erhalten geblieben. Die Technik ist an und für sich nicht schwierig, aber die Ausführung der Putzschichten verlangt große Sorgfalt. Ich erinnere inich, daß unter dem Hauptgesims des Sophien- gymnasiums in Berlin ursprünglich ein großer, die gange Front- breite einnehmender Fries in Sgraffitomalerci ausgeführt wurde, der aber nach einigen Jahren vollständig losblätterte, so daß schließ- lich nur noch das dunkelrote rauhe Grundfeld übrig blieb. Das sah natürlich traurig aus. Schleunigst wurde der ganze Fries ent- fernt und nun mit größerer Sorgfalt erneuert. Man wird in dieser ganzen Technik keine eigentliche Malerei sehen können, zumal man auch in der Wahl der Farben für die einzelnen Putzschichten beschränkt ist; es können nur kalkechtc Farben Verwendung finden. In der Regel wird man heute drei Schichten anwenden, und zwar derart, daß die unterste Putzschicht die dunkelste ist, dann kommt eine etwas hellere, während die hellste Schicht die obere Decke bildet. Indem man nun die Zeichnung bald zu der unteren dunklesten Schicht, bald bis zur zweiten helleren Grades durcharbeitet, erhält man eine Zeichnung mit helleren und dunkleren Schraffierungen. Sodann hätte ich hier die F r e s k o m a l e r e i zu erwähnen— jedoch nur, um zu betonen, daß diese Technik den Anforderungen, welche wir an eine Frontmalerei stellen müssen, durchaus nicht entsprechen vermag. Es genügt, die nach Schinkels Entwürfen m der Säulenhalle des Berliner Museums ausgeführten Fresken zu betrachten, um sich zu überzeugen, wie wenig diese Kunst für die Fassadenmalerei geeignet ist. Obwohl die bemalten Wände hier weit hinter die Front zurückspringen und gegen den direkten Angriff der Niederschläge durch eine überdachte Säulenhalle hinreichend gc- schützt werden, sind die Farben doch so außerordentlich durch die wechselnde Witterung beeinflußt worden, daß die künstlerischen Dar- stellungen wesentlich darunter gelitten haben. Außerdem ist die Technik eine außerordentlich schwierige. Die kaltechten Farben müssen stets auf den frischen Wandputz aufgetragen werden, so daß der Maler seine Komposition nicht in großen Zügen auf die Wand bringen kann, vielmehr die verputzte Fläche stückweise an jedein Tage bollenden muß. Das Wort„al kre5co" bedeutet„ganz frisch". Und schon Michel Nngclo hat die Freskomalerei als„die Kunst gewandter, kräftiger, rascher Männer" bezeichnet. Man ist von der Anwendung dieser Technik für die Frontmalerei mehr und mehr zurückgekommen. Vor etwa 70 Jahren beschäftigte sich Professor Schlotthauer in München damit, die Dauerhaftigkeit der pompejanischcn Wand- gcmälde zu ergründen oder gar die alte Technik aufs neue zu ent- decken. Das ist ihm zwar nicht gelungen, doch glaubte er im Wasserglas das Heilmittel gefunden zu haben. Das von ihm im Vereine mit dem Oberbergrat von Fuchs erfundene Malverfahren wurde als S t e r e o ch r o m i e bezeichnet. Es wird auf die trockene Mörtelschicht mit mineralischen Wasserfarben gemalt. Vor der Freskomalerei hat Viese Technik den Vorzug, daß der Maler seine Arbeit jederzeit unterbrechen, wieder aufzunchnicn und auszubessern vermag, was man von der Freskomalerei wirklich nicht behaupten kann. Ueber die zweckmäßige Anwendung des Wasserglases scheinen sich die verschiedenen Autoren nicht einig zu sein. Nach der„Deut- schcn Bauzcitung" s Jahrgang 1871) wird der Kalinwrtel-Unter- grund mehrere Tage der Luft ausgesetzt, damit er Kohlensäure auf- nehmen kann: er wird dann mit Doppcl-Wasscrglas getränkt und über dieser Grundschicht wird in gleicher Weise der Malgrund her- gestellt. Wenn nun die Fläche trocken ist, so wird diese mit scharfem Sandstein abgerieben; es hat sich nämlich eine dünne Schicht von kohlensaurem Kalk gebildet. Diese muß entfernt werden, da sie das Aufsaugen der Wasscrglaslösung verhindern würde. Auf die so be- reitetc Schicht werden nun die in reinem Wasser angerührten Farben aufgetragen, worauf mittels einer von Schlotthauer er- fundenen„Staubspritzc" das Wasserglas aufgespritzt wird. Dadurch wird die Fläche steinhart. Die Hoffnungen Schlotthaucrs haben sich jedoch nicht erfüllt; derartige Malereien können den Einflüssen der Witterung auch nicht lange widerstehen, wie die am Maximilia- neum in München ausgeführten Frontgemälde hinlänglich bc- wiesen haben. Der Chemiker Keim in München- erfand die Mineral- malerei, welche als eine Fortbildung der Stcrcochromie anzu- sehen ist. Es gibt noch verschiedene Verfahren, die von der Stereo- chromie ausgegangen sind, doch gilt das Keimsche Verfahren, das dem Maler auch eine reiche Farbcnsiala gestattet, als besonders voll- kommen. Der Malgrund wird auf Mörtelputz aus acht Teilen reinen Sandes und einem Teil Kalkbrei bereitet und in möglichst dünner Schicht auf dem Putzgrund hergestellt und glatt verrieben. Sobald die Fläche trocken ifr wird sie mit Kieselfluor-Wasscrstoff- säure zweimal gestrichen. Nach Verlauf eines Tages erhält die Fläche einen weiteren, zwei- bis dreifachen Anstrich mit Kali- Wasserglas. Da niemand derartige Arbeiten ohne Berücksichtigung der vom Erfinder verfaßten Anweisung ausführen wird, ist es nicht erforderlich, die Mischungsverhältnisse der Säuren hier genauer an- zugeben. Nach Ausführung dieses Anstrichs ist der Malgrund stein- hart, aber noch fähig. Flüssigkeiten aufzusaugen. Nun wird mit den im Wasser angerührten Keimschen Mineralfarben auf gehörig angefeuchtetem Grund gemalt und hierauf das Bild mittels Staub- spritze mehrfach fixiert. Diesem Zwecke dient ein besonders von Keim präpariertes Fi�iermittel. Dieses darf nur so lange ange- wendet werden, als die Flüssigkeit aufgesaugt wird; ist die Fläche heute mit dem Fixiermittel besprengt, so kann die zweite Anwendung der Flüssigkeit erst nach 24 Stunden erfolgen. Schließlich ist der Ueberschuß, der von dem Malgrund nicht mehr aufgesaugt wird, auch noch durch Löschpapier fortzunehmen. Endlich verdient noch die Kaseinmalerei Erwähnung, die sich heute einer gewissen Beliebtheit erfreut und an Fronten der Ge- bäude ebenso gut wie im Innern angewendet werden kann. Aber auch diese Technik hat natürlich ihre Mängel. Eine Maltcchnik, welche allen Anforderungen zu genügen vermag, gibt es für die Frontmalerei überhaupt nicht. Bei den Kaselnfarben bildet loeißer, frischer Quark mit Zusätzen von Wasser und etwas Aetzkalk das Bindemittel. Vielfach versetzt man die Farben, um ihre Beständig- keit zu erhöhen, mit Leinölfirnis, um sie �nachträglich durch Zusatz von Kaseinfirnis zu verdicken, damit sie streichfertig werden. Be- sondere Schwierigkeiten bestehen darin, daß sich das Bindemittel leicht zersetzt, daß nur mineralische Farben angewendet werden können, und daß auch diese erst kurz vor dem Gebrauch den Bindemitteln zugesetzt werden dürfen. Als Beispiel künstlerischer Malereien in Kaseinfarben können die Kuppel der Ruhmeshalle in Berlin und der Lichthof der Technischen Hochschule in Charlottenburg angeführt werden. Allerdings sind diese Malereien gegen Witterungseinflüsse doch wohl hinlänglich geschützt. Frontmalereien in Kaseinfarben dürften wohl auch längere Fristen nicht überdauern können.— Fred H o o d. Kidnee fcirillcton. a. Judcnschutz der Reichsstadt Dortmund. Die Juden standen zwar als angebliche„Kanimerknechte" des Kaisers unter dessen Schutz. Dieser Schutz aber bedeutete nur soviel, daß der jeweilige Kaiser sich an erster Stelle das Recht herausnahm, aus ihnen soviel Geld für seine Tasche herauszupressen, wie nur irgend möglich war. Der Dortmunder Judenschutz war 1243 unter Konrad von Hochstaden an die Erzbischöfe von Köln gekommen, was aber nicht hindert, daß die Juden 1851 in Dortmund verfolgt, erschlagen, be- raubt und ausgetrieben wurden. Als sie 1372 zurückgekehrt und unter dem Schutze der Grafen von der Mark standen, was sie 1403 seitens König Ruprecht die Acht, aus der sie sich erst Ende September 1405 mit schweren Opfern losen konnten. Die Gelder, welche die Juden in Dortmund ihrem Schutzherrn, dem Grafen von der Mark, zahlen mußten, betrugen für ein Ehepaar je 4 Mark, für jeden einzelnen Juden oder Jüdin 2 Mark. Die Stadt selbst erhob von Fall zu Fall sich steigernde Abgaben, außerdem geschah die Aufnahme nur auf eine bestimmte Reihe von Jahren. Dortmund hatte sich das Recht, Juden aufzunehmen, 1372 von dem Grafen von der Mark für die Summe von 1300 Gulden gekauft. Demgemäß nimmt der Rat 1373 den Juden Vysche mit Frau, Kindern und Gesinde auf sechs Jahre in die Stadt auf. Vysche hatte das Recht, Wucher zu treiben und die Verpflich- tung, dem Rate jährlich 8 Mark, dem Grafen von der Mark 4 Mark zu zahlen. Es heißt in dein Vertrage, er und sein Weib mögen Geld austuen auf Wucher und nehmen von den- jenigcn, die in der Stadt wohnen, von der Mark 2 Pfennige die Woche, und von denen die außerhalb der Stadt wohnen, 3 Pfennige die Woche pro Mark. Was sie innerhalb einer Mark auswen, sollen sie von Jedennann pro Woche einen Vierling nehmen. Ihr Gesinde soll jedoch kein Geld auf Wucher ausgeben. Sie sollen dabei frei sein vom städtischen Schöße und anderen städtischen Diensten, außer Wachen, Gräben und Wege, die sollen sie tuen wie die übrigen Bürger. Innerhalb der Stadt und Gericht Dortmund sollen sie ohne Zustimmung des Rates weder Grund- besitz noch Erbe erwerben. Stirbt eines von Beiden, so soll das Gefälle des Grafen bis zur Wiederverheiratung des Ueberlebcnden nur 2 Mark Pfennige betragen. Falls für die beiden Juden ein Schwur nötig ist, so sollen sie schwören„ckat omo xock so helpe undo seyn ore". wollen sie den Vertrag kündigen, so muß dies ein Vierteljahr im Voraus in einer der vier Kirchspielskirchen geschehen. 1374 im Mai nimmt der Rat den Juden Vyvelin, Salomons Sohn von Kempen, ui ter den gleichen Bedingungen auf. Dieser muß jedoch pro Jahr in vier Terminen 40 schwere Gulden zahlen, und als der Rat im November des gleichen JahrcS den Juden Koepmann aufnimmt, steigert er den jährlichen Zins abermals um 10 Gulden auf 50 Gulden. Als dem erst aufgenommenen Vysche sein sechsjähriger Aufenthalt abgelaufen ist. wird ihm bei der neuen Erlaubnis nicht nur sein jährlicher Zins auf 35 Gulden gesteigert, sondern auch der von ihm zu nehmende WucherzinS auf die Hälfte herabgesetzt. Neu ist die Vorschrift, daß sie auf Waffen oder Waffentuch, das den Bürgern. Helfern oder Dienern der Stadt gehört, kein Wuchergeld leihen sollen. Unter Ausnahmegesetzen standen die Juden bis zurzeit des Königreichs Westfalen. Noch 1725 werden die Juden in Dortmund unter die nützlichen Haustiere gerechnet, und es heißt in dieser Rubrik „von einem Juden, so durchgehet 3 Stüber 0 Pfennig..., von jeder Nacht, so er darinnen benachtet, 5 Stüber 9 Pfennig.. gr. Geologisches Alter der Bäume und Jahresringe. Die Jahresringe entstehen an unseren Bäumen dadurch, daß beim jähr- lichen Holzzuwachs die weitlumigen dünnwandigen Zellen des Früh- jahrs mit den englumigen dickwandigen Sommerzellcn regelmäßig abwechseln. Dadurch entstehen auf dem Querschnitt des Stammes konzentrische Kreise, die wir eben als Jahresringe bezeichnen. Selbst- verständlich kann sich ein solcher Unterschied im Wachstum der Holz- gellen nur da geltend machen, wo es jahreszeitliche Perioden giebt. In Gegenden, wo immer ein gleichmäßig warmes Klima herrscht, müssen sich die Holzzellen ganz gleichmäßig ausbilden. Daher fehlt, wie Walter Gothan in einem Artikel in der„Natur- wissenschaftlichen Wochenschrift" t?tr. 58) ausfiihrt, bei tropischen Holzgewächsen die regelmäßige Jahresringbilduug unserer Bäume. Die Araukarien, jene schönen Nadelbäume, die in heißen Ländern heimisch sind, haben meist einen Stamm mit gleichartiger Ausbildung der Holzzellen. Diese Tatsache gibt uns ein Mittel an die Hand, das geologische Alter gewisser Baimrarten zu bestimmen. Aus der- schicdencn Gründen nimmt man an. daß in den ältesten Erdepochen vis aus die Trias— diese inbegriffen ein gleichmäßiges Klinia auf der Erde geherrscht habe, während die jahres- zeitlichen Perioden erst später auftraten. Das Klima braucht nun nicht gerade übermäßig heiß gewesen zu sein, die Hauptsache ist. daß es das ganze Jahr über dasselbe blieb imd daß deshalb die Holzgcwächse ununterbrochen wachsen konnten. Mit dieser Annahme stimmt nun auch die Erscheinung übereil, daß die Hölzer aus jenen alten Zeiten keine Jahresringe besitzen. Da- mals waren die Holzgcwächse aus der Gruppe der Araukarien be- sonders stark vertreten, die Cypresien und Tanncngruppe tauchen erst seit der Trias auf und werden erst in» Jura häufiger. Die alten Araickaritenstämine entbehren nun der Jahresringe, diese erschienen bei ihnen erst im Iura. Nun werden solche' Stämme bei uns aber nur noch in der Kreidezeit ge- sunden, im Tertiär waren sie bei uns ausgestorben. Und auch diesen Umstand kann inan darauf zurückführen, daß sich bei uns die Jahreszeiten schon in einer Weise geltend machten, die den Araukariengewächsen nicht mehr zusagte. Sie zogen sich damals in wärmere Gegenden zurück. Nun kam» man aus dem Besitz von Jahresringen einen Schluß auf das geologische Alter eines Holzes insofern ziehen, als dieses nicht aus einer Zeit vor dem Jura stammen kann. Denn eben sonst würde man an ihm keine Jahresringe wahmehmen können. Allerdings kann man nicht umgekehrt aus den» Fehlen von Jahresringen unbedingt auf vor- jurasisches Alter schließen. Denn ivie bereits bemerkt, kommt es auch bei unseren jetzt lebei»den Ara»»karien nicht immer zu einer D»lrchbildung verschiedenartiger Zellanlagcn in» Jahreszuivachs. Man hat aber einigen Araukaritenstä»»men mit Jahresringen ein hohes Alter zuerkennen wollen. Jetzt, nachdem man die Bedeutung der Jahresringe für die Altersbestimmung kennt, ivird man sich ge- nötigt sehen, die Lebensära dieser fossilen Hölzer>»icht über die Jurazeit hinaus zu datieren.— Theater. Lessing-Theater.„Johannes Herkner". Schauspiel in 5 Akten von E r n st R o s»n e r. Der Dichterin, die sich Ernst Rösmer»»eniit, danken wir die„Dänmierung", ein Werk, das, wenn eS sich auf der Bühne nicht hat halten könne»», doch mit seiner erstaunlich feinen stinnnungsvollen Seelcnmalerei einen Ehrenplatz in der neueren dramatischen Literatur verdient. Wie Halbe, der Verfasser der„Jugend", hat auch sie, scheint es, in einer Erstlings- schöpfung ihr Bestes gegeben.„Johannes Herkner" war eine neue schlimme Enttäuschung. Von der allegorischen Legendendichtung ihrer „Mutter Maria" kehrt sie in diesem Drama wieder zu modernen Stoffen zurück.' Die Wunder sind hier ausgeschaltet, aber darum gibt es leider nicht iveniger des Unklar- Mysteriösen. Wohl ist, ivie in der „Dämmerung", das Streben auf die Erhoffung tiefinnerlichcr Vor- gäuge gerichtet, aber die Kraft reicht nicht hin, dies Schwebende in, Bilde nachzuzeichnen. Der Anfang»nit seinem farbige»», eindrucks- voll charakterisierenden Dialoge fcstelt in hohem Maße. Doch sobald die Dichterin von der Veran'schaulichung des Zuständlichen sich der Eutivickelung ihres Leitgedankens zuwendet, verwirren sich die Linien hoffnungslos. Das Schauspiel soll die Schuld, die tatlos brütende Reue und die erlösende, den Mut zur Arbeit lvieder eriveckende Sühiie eines Künstlers uns schauen lassen. DaS alles wächst indeffen nicht oganisch aus Charakter und Verhältnissen heraus, sondern wird von außen her hineingetragen. Vieles»virkt geradezu verletzend unwahr; die ertüftclte Handlung rückt peinlich und langsam von der Stelle, und nur selten blitzt»och in den» Dialog eine originelle Wendung auf. Der starke Beifall, den der erste Akt verdient hätte, brach erst verspätet, nach dem zweiten a»lS. Das Weitere wurde rundweg ab- gelehnt, doch ohne häßliche Demonstration. Die gereizte Stimmung des Publikums' kau» nur in gelegentlicher leiser Heiterkeit zum Ausdruck. Die ersten Szenen spielten in Albrecht Herkncrs Atelier. Mirjam, die schöne Schwester seines besten Freundes und aufrichtigsten Be- tvunderers des Dr. Siegniund Tachau, ist Geliebte und Modell des starken, genialen Bildhauers geworden. Mit alles vergcsseirder Leidenschaft hängt sie an ihm. Wie diese Liebe entstanden, ob Mbrccht die Schuld eines frivolen Verführers auf sich geladen hat, davon, obivohl es für die moralische Beurteilung von größter Be« deutuug ivärc, erfährt man nichts. Den Gedanken, daß er de»n arglos vertraueirden Bruder Mirjam?, der in selbstloser Hingabe rührend um die Schwester sorgt, ein Unrecht tue, hat er noch immer fortscheuchen»vollen. Aber unwillkürlich drücken ihn die Heimlichkeiten, und als Tachau offen kameradschaftlich ihn fragt, ob er in seinen Jahre»» nicht an eine Heirat, vielleicht mit Mirjam, denke, das Mädchen sei ihm sicher gut. steigt jäh die Scham in ihm auf. Er liebt sie, aber nie hat er gedacht, die Künstlerfreiheit sich durch eine Ehe einzuengei». Die innere Unrrihe wächst, als ein che- maliger Schulgenosse, ein Geistlicher, der mit Gewissensskrrlpeln ehr- lich kämpft, ihm eine»» Gruß vom Vater überbringt. Der alte Johannes Herkner hat sein Leben lang die klare Bahn der Wahr- heit nicht verlassen I— Plastisch in feiner Kontrastierung treten die Figuren einander gegenüber. Vor allem Tachau, der jüdische Journalist und Feuilletongeist, in seiner Selbst- Verspottung, seiner Güte und seinem»mbedingten Enthusiasmus ftir den durch keine Reflexion gebrochenen Naturinstinkt des Künstlers, ist ein brillant gelungenes Porträr. Albrecht lebt in gewohnter Weise weiter, da ruft ein Telegrai»»m ihn nach Hause. Er findet den Vater, der nach ihm verlaugt hat, als Leiche. Zwei lange, langweilige Akte geht er finster und ver- schlössen zwischen Mutter und Schwester Elisabeth herum, schwört alle künstlerische Arbeit ab, redet vom Sterbe»», ehe man erfährt,»vaS eigentlich in ihm vorgegangen. Endlich entlockt es ihm Elisabeth: Seit des Vaters Tode erscheint ihm, was er Tachau zugefügt, als ein mi» »ühnbarcs Verbrechen. Erst die Schwester muß ihn darauf bringen, daß er dem Freunde doch alles bekennen»nd Mirjam, die er liebt, als Frau von ihm erbitten könne.— Der Schluß fällt ganz ins Melodramatische. Der Journalist, der eben erst dem Freunde riet. sich ein Verhältnis zuzulegen, gebärdet sich bei dem BekennMis, als sei ein UirerhörteS geschehen. Den Heiratsantrag Albrechts erklärt er, hier geht die Motivierung völlig in die Brüche, für eine Ii»« famie, und durch sein Flehen zwingt er Mirjam, ihm in die Welt hinaus zu folgen. Der Künstler aber erhält eine andere, keusche Muse. Elisabeth, die die reinen Züge Johannes Herkners trägt, tritt, angeran mit eiire», Modellgcwande, in das Atelier. Ihr Bild wird er als Denkmal für den Gestorbenen meißeln und so im Herzen gesunden. Mit diesem künstlich an- gepappte» frostigen Symbole schließt das Drama. Reicher als Tachau, Irene Triesch als Mirjam waren in dem ersten, dein einzigen bühnenfähigen Akte von gai»z frappaiiter Wahrheit: sehr gut auch N i t t n e r, der den Albrecht spielte, und G r u n w a l d in der Rolle des Geistliche». Im »veiteren Verlaufe verlor sich mit dem Interesse für das Stück auch die lebendige Freude an den schauspielerischen Leistungen. Der Elisabeth, so unklar die Figur ist, hätte sich iminerhin noch mehr abgelvinnen lassen, als in derDarstellung Marianne Knorrs zu Tage trat. Margarete Albrecht traf fein den resignierten, bescheidenen Ton des alten Mütterchens.— ät. Humoristisches. — Sie weiß es besser. Dame szu einer Bäuerin, deren sechsjähriger Sohn eben vom Heustock auf die Tenne fiel und»vieder milnter aufsteht):„Sehen Sie, Frau, Kinder haben einen Schutz- engel!" Bäuerin smürrisch):„Na, an harten Schädl hat erl" („Jugend.") Notizen. — Philipp LangmannS Bühnendichtung„Herzmarke" ivird um die Jahreswende am S ch a u s p i e l h a u s e zum ersteirmal in Szene gehen.— — Das Lustspiel„Die große Leidenschaft" von Auernheimer hatte auch am Wiener Bolks-Theater große», Erfolg.— — Die nächste Opernneuheit des National-Theaters ist „Dornröschen" von Weweler.— — In A m st e r d a in will der dortige„Wagner-Berein" im nächsten Sommer„Parsival" ohne Kürzung zur Aufführung bringen. Die Dekorationen sollen 70 000 M. kosten.— — Aus der Wiener Malervereinigung. H a g e n b u n d" sind zehn hervorragende Mitglieder ausgetreten, weil sie eine finanzielle Gesundung und einträgliches Wirken für ausgeschlossen halten, so lange der Architekt Urban, der bei den Erörterungen der letzten Tage über die Protektionsivirtschaft viel genannt wurde, auf die Leitung des„Hagenbundes" Einfluß habe.— Die im Bund Verbliebenen haben daraufhin Urban ihr Vertrailen ausgesprochen.— — Die Berliner„Urania" hat eine Unterbilanz von 24SOOO Mark. Das Kapital wird auf die Hälfte reduziert.— — Vor Gericht. Der„Frankfurter Zeitung" wird aus Kassel geschrieben:„Bei einer Schwurgerichtsverhandlung fragte der Vor- sitzende eine als Zeugin geladene Ka»lfmannsfrau aus einem Keinen, Kassel benachbarten Städtchen, nach Personalien und Alter: „Sii»d Sie die Ehefrau des Kausn»anl»s Soundso aus.. Zeugin:„Ja." Vorsitzender:„Geboren?" Zeugin(errötend und sehr leise):„Fünfmal.� Tableau I— Bcrantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer L»Co., Berlin S W.