Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 246. Donnerstag, den 15. Dezember. 1904 12) Ick bekenne. (Nachdruck»erboten.) Roman von Clara Müller-Jahnke. „Ich Hab man bloß gespielt mit ihr," sagte der Junge zur Entschuldigung,„und sie tut mir weh!" Da ich noch nicht fähig war, diese Anschauung mit einem aufklärenden Worte zu widerlegen, so beugte ich mich stumm zu den beiden Gottesgeschöpfen hinunter, löste das Holz von dem Schwänze des Tierchens, das froh davonsprang, und strich dem Ltinde langsam über das dunkle Haar. Und wieder blickte der Knabe verwundert fragend und doch zutraulich zu mir empor. Daraufhin fragte ich— leise und stockend: „Wie heißt Du?" „Hans Krüger." „Und wer sind Deine Eltern?" „Vota is Schuster hier unten in'n Keller. Mutta seht uffwarten. Un jut sind se alle beede zu mir, alle beede!" Diese Versicherung wurde so eifrig und aus ehrlicher Ueberzeugung heraus gegeben, daß ich über das Los des Kindes beruhigt sein konnte. Doch eine Frage drängte sich mir noch auf die Lippen: „Hast Du noch Geschwister oder andere Verwandte, Hans?" „Nee, Freilein. Bloß noch'ne Tante!'Ne feine, scheene Frau, die kommt alle Jahre'n paar mal und bringt mir Spielzeig und Bücher mit. Ooch Bücher, Freilein, mit den nllcrscheensten Geschichtchen drin! Von den verwunschenen Prinzen und den Schäferjungen im verzauberten Berg. Ick Hab' se alle jelesen! Meinen juten Anzug hat se mir ooch ge- schenkt, ick derf'n aber man bloß des Sonntags dragen! Als Se vorhin so freindlich zu mir reden daten, dacht ick schon, meene Tante wär't!"— „So, Hans— und der Kalle tust Du nicht wieder weh?" „Nee, Freileinchen, weh dun wollt' ick ihr. man jar nich. Ick hab's ja jar nich jewußt." Einen Gruß noch, einen herzhaften Händedruck— und ich ging schweigend auf die Straße hinaus. ?llö ich in das Pensionat zurückgekehrt war, wagte ich es kaum, den anderen Mädchen ins Gesicht zu blicken: wie eigene Sünde lag es schwer auf meiner kämpfenden Seele. Und plötzlich empfand ich Schmerz und Scham darüber, daß ich am Vormittag an dem heimgekehrten Mann mit einem wider- willigen Gruß vorübergegangen war. Hier laß mich ein wenig ruhen, mein Geliebter. Heute Weiß ich. daß ich eine Heimat habe: damals war ich heimatlos. Und es hat vieler, vieler harter Jahre und bitterer Kämpfe bedurft, ehe mein erschüttertes Herz den rechten Halt gefunden, ehe aus dem wohlerzogenen jungen Mädchen das Weib, aus dem irrenden Weil* der Mensch erwachsen war. In den nächsten acht Tagen fühlte ich mich körperlich schwer leidend und mußte all' ineine Kraft aufbieten, um den übernommenen Pflichten gerecht zu werden. Herrig sah mich oft. wenn ich so müde und zusammengesunken an meinem Pulte saß, mit offener Mißbilligung an. Julius schien wieder mal in schwerer Bedrängnis zu sein und hatte infolgedessen mit sich allein zu tun,— und Franz Leonhard drängte sich mit seinem überlegenen Lächeln, das deutlich ein Einverständnis mit mir markieren sollte, an meine Seite, so daß es nur meinem bewußten Ausweichen gelang, das Alleinsein mit ihm zu ver- meiden. Eine grenzenlose Empörung nahm Besitz von meiner Seele, und Lotten* blasses Bild begleitete mich wie ein getreuer Eckart auf Schritt und Tritt. Inzwischen brütete der volle, heiße, dunstige Sommer in den Straßen Berlins, und selbst die Abende wollten keine Ab- tuhlung bringen. So kam wieder einmal der Zahltag heran, vor dem ich diesmal, wohl infolge meiner körperlichen Abspannung, eine heiße Angst hatte. Trotz dieser Schwäche ging die Auszahlung gut vorüber: ich atmete auf und wollte den Rest des Abends zu einer kleinen Vorarbeit benutzen, um den Sonntag völlig frei zu haben und mich einmal von allen Strapazen gründlich ousnihen zu können. Ein Tag Bettruhe war eine Notwendig- keit für mich, wenn ich nicht zusammenbrechen sollte. Aber kaum hatte ich einige Zahlenkolonnen addiert, als Julius Leonhard mit seiner altbekannten Bitte und seinem sonnigsten Lächeln, das in solchen Fällen einen Anhauch von Verlegenheit hatte, der es unwiderstehlich machte, an meinem Pult staiid.� Ihm heute geben zu müssen, war mir ein furcht- barer Gedanke, und ich versuchte daher, sein Ansinnen rundweg abzuschlagen, ein Versuch, der au seiner knabenhaften Liebens- Würdigkeit diesmal genau so jämmerlich scheiterte wie das erste Mal. Während ich noch mit dem leichtsinnigen Maler, der mich diesmal mit einem in Aussicht stehenden„kolossalen künst- lerischen Erfolge" vertröstete, unterhandelte, glaubte' ich ein Geräusch an der Korridortür zu vernehmen, das sich deutlicher wiederholte, als Julius' Schritte vor der Hgustür verklungen waren. Und wieder legte sich von draußen eine Hand auf die Klinke der verschlossenen Tür, die sich unter dem leichten Druck geräuschlos bewegte. Ich hatte zuerst keine Lust, mich zu melden: schließlich aber kam mir die Vermutung, mein junger Freund sei aus irgend einem Grunde zurückgekehrt, und so fragte ich denn mit unkerdrückter Stimme: „Sind Sie da, Herr Leonhard?" „Ja," erwiderte eine tiefe Mannesstimme, die ich nur zu gut kannte,„und ich bitte Sie: öffnen Sie mir. Ich habe im Kontor zu tun." Das war Befehl! Er war der Chef und ich die Unter- gebcne. Aber auf ein Monatsgehalt hätte ich in diesem Augen- blick verzichtet, wenn ich mir heute abend keine Ueberstunde ein- gerichtet gehabt, sondern ruhig und sicher in meinem Man- sardenkämmerchen gesessen hätte. Mit stockendem Herzschlag öffnete ich. Dann flog ich förmlich an mein Pult zurück und rechnete mit fliegender Hast. Franz Leonhard schien meine Erregtheit nicht zu bemerken. Er zog die Tür fest zu, trat dann langsam an das Geldspind heran und begann, die darin aufgehäuften Goldrollen zu ordnen. Ich hörte das Klappern des Geldes, aber ich sah nicht auf. Die Zahlen tanzten einen Ringelreihen vor meinen Augen,— ich fühlte, daß ich Unsinn machte. Das Fazit stimmte nicht. Einen Herzschlag lang preßte ich die Hand an die Stirn, um dann mit gespanntester Aufmerksamkeit und etwas klarerem Kopf von neuem zu beginnen. „Die Summe stimmt nicht. Fräulein!" Er stand, über meine Schulter gebeugt, hart neben mir und rechnete die langen Kolonnen im Hauptbuche mit heruuter. Ich fühlte seinen Atem an meiner Stirn. Meine Hand flog auf dem Papiere hin und her.... „Warum so erregt, Kleine? Sehen Sie mich doch einmal an; ich habe ja noch keinen freundlichen Blick heut bekommen!" Ich warf die Feder hin,— ein großer schwarzer Fleck ver- unzierte die peinliche Weiße des Kontobuches. Dann sprang ich auf. „Ich kann nicht rechnen, Herr Leonhard. Ich bin krank und möchte nach Haus!"— „Oh!!—! und warum sind Sie denn überhaupt hier geblieben? Und ich hatte erwartet, Sie würden mir Bericht erstatten über die'Verwendung der Ihnen anvertrauten Gelder—? Ich habe die ganze Woche darauf gewartet!" Auch das noch! Und ich riß in fieberhafter Eile das Portemonnaie aus der Tasche, entnahm ihm die übrigbehaltenen sechzig Mark und legte die Summe vor meinen Chef auf das Pult. „Ich bin bei Frau Hoffmann gewesen—" meine Worte überstürzten sich—„und habe ihr zwanzig Mark gebracht. Aber der Mann war da, aus dem Gefängnis entlassen, und da habe ich einen Abscheu bekommen"— Ich zuckte empor. In Leonhards Gesicht war ein eigen- tümlicher Ausdruck aufgeblitzt, schon als er die Goldstücke, die er mir gegeben hatte, wiedersah: jetzt preßte er die linke Hand auf meine Schulter, lehnte seinen Kopf fast an meine Stirn und schob mit der Rechten mir die Goldstücke wieder zu. Dann sagte er leichthin: „Aber. Kleine, deshalb so erregt? Was liegt denn an dem lumpigen Gelde? Nehmen Sie es wieder, Wilma, verwenden Sie's.'wie Sie Lust haben. Wenn Sie krank sind, kaufen Sie sich Wein dafür. Sie sollten überhaupt täglich eine Flasche Wein trinken." — 982— Der Vcinn war gelöst. Mit einem Ruck schüttelte ich die igsand des Mannes von meiner Schulter. Dabei streifte mein Aermel das Geld, sodaß die Münzen klirrend zu Boden fielen. Leonhard lachte leise auf.„Temperament! das Hab ich gern."— Und ehe ich mich seiner erwehren konnte, hatte er den Arm um meinen Leib gelegt und mich fest an sich heran- gedrückt. Mir brauste das Blut im Gehirn. Meine linke Hand lag unter seinem Arm, aber die Rechte hatte ich frei. Und sausend fuhr die Hand, obwohl der Abscheu mich schüttelte, in das heiße, lachende Männergesicht. Er sprang zurück.„Katze!" Der helle Schweiß stand ihm auf der Stirn. Leichenfahl war seine Wange, und er rang mit Anstrengung nach Selbst- beherrschung. Ich stand vornübergebeugt, sah ihm von unten her ms Gesicht. Da kam es leise und zischend von seinem Mund:„Ich hatte nicht geglaubt, daß Sie so spröde seien, Fräulein Wilma—" Mein Blick zwang ihn zum Weiterreden. —„nachdem ich mit eigenen Augen gesehen, daß Sie schon vor mir hier Herrenbesuche empfangen hatten...." Ich starrte den Mann wie ein unheimliches Rätsel an. „Ihr Bruder war hier, um—" „Ah! mein Bruder! Nun: so bleibt es wenigstens in der Familie!"— Ich griff mit beiden Händen in die Luft. Einen kurzen Moment nur— jetzt wußte ich, was auf dein Spiele stand! Im nächsten Augenblick stand ich an der Tür. Als ich den Schlüssel in meiner Hand fühlte, überkam mich ein Gefühl der Sicherheit. „Herr Leonhard, ich bitte um meine Entlassung." „Ich habe Sie nicht engagiert, Fräulein: wenden Sie sich deshalb an Herrn Herrig. Vorerst aber haben Sie die Freund- lichkeit, Ihren Rechenfehler hier gut zu machen!" Mir wuchsen die Kräfte. „Das werde ich morgen tun," sagte ich hart. Und in einer kindischen Aufwallung fügte ich, während ich den Schlüssel um- drehte— der Schurke hatte geschlossen, Du!— drohend hinzu: „Heute abend werde ich an Lotte schreiben!" Ob mein Pfeil getroffen hatte, sah ich nicht mehr. Ich stand im Korridor, ohne Hut und Handschuhe. So mußte ich auch nach Hause gehen, da ich mich um keinen Preis der Welt in das Kontor zurückgewagt hätte. Glücklicherweise traf ich niemanden, weder im Treppenhaus noch im Korridor, sodaß ich unbemerkt in mein Zimmer gelangen konnte. Seit etwa acht Tagen hatte ich meinen eigenen Raum zur Verfügung. O, Seele, dieser erste harte Schlag!— Auf meinem Bett Hab ich gelegen und in die Kissen geschluchzt— zum Gott erbarmen! Die ganze, lange, traurige Nacht! Ich kam mir so alt vcr, so greisenhaft.... Eine Last von Sünde trug ich auf meinen jungen Schultern, die Sünde einer ganzen Welt! Vor diesem Manne hatte ich mich gebeugt, um des lieben Brotes willen,— und dem entlassenen Sträfling dort oben im Norden, der aus Not ein Brot gestohlen, an dem war ich verachttmgsvoll vorbeigegangen.... Die Zähne biß ich aufeinander, daß sie knirschten. Wie eine Entehrte erschien ich mir— und eher hätte ich mich blutig schlagen lassen, ehe ich irgend einem Menschen von dem schrecklichen Auftritt nur ein Wort verraten hätte. Auch an Lotte Hab' ich nicht geschrieben. Damals nicht— und niemals, niemals wieder. #** Daun mußte ich doch wieder ins Geschäft, mußte bei meiner Kündigung Horrigs Vorwurf, ich hätte sein Geschäft zum Narren gehabt, mit ruhiger Stirn hinnehmen, mußte es dulden, daß Franz Leonhard an mir vorbeiging mit eiskaltem Lächeln, daß Julius seine Blicke mit halb neugierigem, halb teilnahmsvollem Forschen auf mir ruhen ließ. Nach vierzehn Tagen endlich war die Erlösung gekommen. Als ich zum letztenmal aus dem prächtigen Korridor des Kauf- Hauses auf die Leipzigerstraße hinaustrat, hob ich die Stirn hoch in die freie, blaue Luft, als sei aus ihr ein Kainsmal gelöscht... Die letzten zehn Mark, die Julius von mir ent- liehen, hatte ich von meinem eigenen Gehalt genommen und stillschweigend in die kleine Kasse gelegt. Und zu Hause, fern, fern, im engen Pommerland harrte eine sorgende Mutter ihres kranken�K indes und kämpfte Tag für Tag, Stunde für Stunde den grqjisamen Kampf mit der Not. ''"9*!; Veronika Märiens' forschenden Blick Hab' ich er- fragen. Ich hatte sie lieb gehabt, die ganze Zeit, mit einer verehrungsvollen Liebe; auch dies Idol war mir zertrümmert worden. Und dennoch lebte ein Gefühl in mir, das, all' meinen angelernten Empfindungen zum Trotz, mich antrieb, beim letzten Abschied diese kräftige, starke Frauenhand mit festem Druck in die meine zu fassen, sie verehrungsvoll an meine Lippen zu ziehen. An einem blassen, warmen Sommertage bin ich in meine Heimat zurückgekehrt. Meine Mutter empfing mich voll jauchzenden Glücks; nur ihr Blick lag ängstlich forschend auf meinem Gesicht.„Bei Dir werde ich gesund, Mutter"--- Und dennoch, dennoch. Du, hätte meine Mutter besser getan, mir bei diesem Willkommen kurz zu sagen:„Ruh' Dich aus, mein krankes Kind, an meinem Herzen. Tann aber geh' aufs neue in die Welt, die Du jetzt kennst! Und wenn Du einen festen Platz gefunden hast mit Deiner Frauenkraft, dann nimm Du mich zu Dir, daß ich meinen schwachen Körper stützen kann auf Deine Jugendkraft I" So aber sprach meine Mutter nicht. Sie herzte mich und küßte mich und pflegte mich gesund. �Und ich blieb bei ihr. Bis der Tag der Not kam. Wir verließen die Stadt, die meine Heimat geworden war, in der ich getanzt und geflirtet und schließlich vergessen hatte, daß da draußen ein dunkles Land voller Wirrnis und Finsternis lag und ein Weg durch Sümpfe führte, den ich doch wieder gehen mußte. Am Ostseestrande gründeten wir uns ein neues Heim. Hier, wo mich niemand kannte, durfte ich ohne Scheu ver- dienen. Ich verdiente. Du. Wieder gab ich Privatftunden, dies- mal an Knaben bis zur Ouarta und Untertertta. Nicht fruchtlos hatte mich einst mein Vater für das Sttldium der Medizin vorbereitet. Ich gab bis acht Stunden täglich— viele, viele Monate lang, so lange, bis meine arme Mutter einen Schlaganfall erlitt. Tann Hab ich sie pflegen müssen, fast ein Jahr. Wovon eigentlich?— Du, ich weiß es heut nicht mehr. Von Schulden. (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) f uhrmanns- Sngele. Von Karl Schönherr. Ter Joch trug grobe Stiefel mit starren kruftigen Schäften und sagte den ganzen Tag über: „Hül Hüal" und„Oehl Oehal" Wenn er zur Winterszeit, im schneidenden Wind, mit er- frorenen Händen und Ohren früh und spat neben den Gäulen her» tappte ins Ziegclwcrk hinaus, vom Ziegclwcrk herein, da setzte es auch schwere Fuhrwerkerflüche über die Kälte und den schuirdigen Lohn. „Und da wollen sich die Fabrikler noch das Maul derrcitzen zwischen ihren vier Wänden drin! Sein ja Kanzlcihcrrn gegen uns Schwcrfuhrwerker I" Wenn er aber im Sonnner an den offenen Fenstern der FabrikS- säle vorüberfuhr, verschoben sich die Rangsunterschiede zu seinen Gunsten; da drang aus dieser Kanzleiherrnstube ein so furchtbares Brausen und Klappern, daß die Gäule unruhig wurden, und ein heißer, ranziger Oelgestank wehte heraus, daß sogar der apathische Joch die Nase rümpfte. Die Magere, die dort gleich beim fünften Fenster ihren Web- stuhl hatte, ging nach der Schicht vor dem leeren Ziegclwagcn her, heimzu. Sie schleifte mit den Füßen vor Müdigkeit. „Geh, Fuhrmann, laß mich aufsitzen! Ich bin so müd'." Der Joch hielt die Gaule an. „Oehl Oehal" Er machte ihr neben sich auf dem Querbrett Platz, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen, und blinzelte nach der Seite, von der sie aufstieg..Kaum war sie mit beiden Füßen auf dem Wagen, da ertönte auch schon das einförmige: „Hü! Hüal" „Ahl Das Fahren tut wohll Ten ganzen lieben Tag vor der Maschine steh'n in den« Dunst und Gestank... na, Fuhrmann, das ist weiter kein Spaßl" „Was bloß so ein Weibsleut' ihr Maulwerk strapaziert," denkt sich der Joch. Er selber spricht keine Silbe, sieht geradeaus auf die Pferde, hebt die Geißel und gibt dem Sattelgaul einen Schmitz. „Hül Hüal" Dann versorgt er den Peitschenstiel zwischen den schmutzigen Stiefelschäften und starrt wieder vor sich hin, den trägen Blick' nach Fuhrmannsart halb auf den Boden, halb auf die Gäule gerichtet. Nach geraumer Zeit war die Arbeiterin am Ziel. Sie wollte absteigen. „Oehl Oehal" Die Gäule standen. Ter Joch blinzelt nach der Seite, von der sie abstieg. — 983— Kaum war[ic mit beiden Füßen auf dem Bodcn und wollte sich bedenken, da tönte es wieder:„Hül Hüal" Und der Ziegclwagen polterte schwerfällig weiter. Sie durste nun aufsitzen, so oft sie ihm vor die Pferde kam. Und die Arbeiterin ließ sich nicht spotten. Sie verlangte nichts umsonst. Wie er gerade wieder einmal sein„öh... öha" grölte, um sie absteigen zu lassen, drückte sie ihm rasch ein kleines Päckchen in die Hand. Als er mit seinen ungeschickten, klobigen Fingern endlich das Papier losgekriegt hatte, starrten ihm gut zwei Dutzend Virginierzigarrenstummeln entgegen, säuberlich geordnet und viele kaum zur Hälfte abgcraucht. „Hm, hm, was nur so ein Weibsleut' Verbindungen hat." Der Joch steckte schmunzelnd seine Pfeife in die Tasche. Nun hatte es gute Tinge; jetzt raucht man nur mehr Zigarren. Der Arbeiterin Schwester war nämlich Bedienerin für halbe Tage und sammelte bei der Herrschast die Zigarrenreste. Der Joch tat nun auch ein übriges. Wenn es gerade einmal in der Fabrik noch nicht „Schicht aus" getutet hatte, liest er die Gäule ein paar Minuten verschnaufen, bis sie daherkam. Sie brachte ihm vielleicht wieder ein frisches Päckchen; und wenn er's ihr gerade sagen wollte, sie möchte ihm für den Sonntag seine zicgelstaubige Pfaid auswaschen, — das täte sie am Ende auch noch. Denn ein guter Kerl war sie, das bekam er bald heraus. Allgemach rückten sie auf dem Quer- brett näher aneinander. Das Zigarrenkraut schmeckte so gut, und das Rasten tut so wohl. Und ein bißchen Armenleutsliebe ist ja so billig. Ter Schwerfuhrwerker nahm mit seinen Gäulen den anderen Weg, der schief an der Fabrik herum führte. Er sah wieder allein auf dem polternden klirrenden Wagen und rieb an der Hosennaht ein Zündholz ums andere an, denn das miserable, feuchte Pfeifen- kraut wollte nicht brennen. Ter Joch rauchte nämlich wieder seine Pfeife. Die magere Arbeiterin beim fünften Fenster schleppte sich abends wieder zu Fust heim, und des Tages stand sie schanzend vor ihrer Maschine und machte ein hartes Gesicht. Wenn sie vor Ueblichkeit den Webstuhl verlassen muhte und ihr der Werkführer bei der Aus- zahlung die Schicht abzog, dann jammerte sie: „Das Kind ist mein Unglück!" Und das Kind war noch gar nicht auf der Welt. Einmal hatte sich der Schwerfuhrwerker nicht besonnen. In Gedanken bog er in den Fabriksweg ein. Die vom fünften Fenster verfolgte ihn mit brennenden Augen Sie liest ihre Maschine im Stich und stürzte durch den Saal auf die Strahe: „Joch..." Er hatte sie schon bemerkt und hieb auf die Gäule ein. „Hül Hüal" Sie lief dem Wagen ein Stück weit nach und rief immer: „Joch... Joch..." Ms der rasselnde Wagen außer Sicht kam und der Fuhr- mannsruf„Hül Hüal" in der Ferne verklang. Da warf sie sich auf den Weg nieder und fluchte in ihrer Qual: „Verfluchtes Kind... du bist mein Unglück." Und das Kind war noch gar nicht aus der Welt. Als das Kind ein paar Monate alt war, trug sie es zur Pflegerin; sie selber hatte kein« Zeit. Sie muhte zur Maschine. Irgendwo da drausten aber war so eine alte, freundliche Frau, bei der hätten es die Kinder armer Leute so gut. „Freilich tun wir das Kind pflegen," nickte die Alte freundlich und wackelte mit. ihrem langen Kinn.„Gut pflegen tun wir's." „Und billig müsse es halt sein... billig." „Freilich billigt Ich sieh's ja. Sic sein ein armes Lcut' und müssen hart arbeiten I Freilich billigt" Und dabei zwinkerte sie mit ihren stahlgrauen Augen so merkwürdig freundlich und lieh ihre forschenden Blicke heruntcrgleiten an dem fadenscheinigen Kittel und dann wieder aufwärts über das schäbige Umhängetuch in das harte Gesicht der Arbeiterin. Die Alte wickelte das Kind aus den dürftigen Lumpen heraus. schaukelte es ein Weilchen in ihren knochigen Händen und trug es in die Stube. Die Stube war klein und dumpf; an den Wänden standen drei, vier rohe hölzerne Gitterbettchen; die sahen aus wie grotzc Vogelhäuser. „Da schaut her, Kinderlen, was uns da zug'standen ist." Die Kinder reckten ihre Hälse durch die Holzsprissel und sahen den kleinen Eindringling mit grotzen, gar nicht freundlichen Äugen an. Die Alte nahm das Kind und ging damit von Bett zu Bett. Alle sollten sie den neu zugestandenen Pflegling sehen. „Freilich tun wir Dich, pflegen, Tu liebes Butzerl, Tu kleines!"-- Der Schwerfuhrwerker Jochen stand in der Gcrichtsftube. Er war geklagt auf das Pflegegeld, „Also Joch..." Der Joch liest den Richter nicht ausreden. „I weist von nix, Herr Richter... es ist alles erlogen.,. mich geht die Sach' nix an.. „Das Kind ist in Pflege und Sic werden monatlich vier Gulden..." „Mes erlogen... bei Butzen und Stingel erlogen." schrks der Joch, bis er krebsrot im Gesicht wurde.„Ich weist von nix." Und machte das Weibsbild schlecht. Er wustte Wohl, sie war im Grunde ein guter, armer Teufel, aber die vier Gulden, die blutig verdienten vier Gulden! „s«5uiien Sie es beschwören?" frug der Richter. �, Der Joch sich einen Augenblick. Besann sich auf die {jichren zur SBuitcrszeit, 10° w Kälte schnitt wie schneidige Messer; wie alle zwischen den vier Mauern den,. Oken bockten nur er muhte neben den Gäulen hertappen, hin und her, ij'in den ganzen Tag um den lästerlich schäbigen Lidlohn... und'vö,.'. vereisten Schnauzbart hingen ihm die Eiszapfen und schlugen bei jedem Schritt klingend aneinander. „Ja! Schwören tu' ich... ich schwör'!" Er hob gleich schon krampfhaft seine groben, roten Finger. Der Richter winkte dem Gerichtsdicner, er solle die Kerzen an- zünden und wendete sich dann an den Joch: „Aber das sag' ich Euch, Joch! So wie Ihr geschworen habt, last ich Euch sofort wegen Meineiosverdacht in Haft nehmen!" Der Schwerfuhrwerker schnaufte wie ein gehetztes Wild und liest die Hand langsam sinken. Er wurde verurteilt; vier Gulden monatlich bis zum vier- zehnten Lebensjahr. „Ich nimni die Straf' nit an!" wehrte sich der Joch. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und marterte sein Hin: ab, ob es denn gar keinen Ausweg mehr gäbe. „Heilige Jungfrau I Kein Ausweg mehr I" Doch! Plötzlich kam eS über ihn wie Erleuchtung. Die Fuhr- werker haben ja so oft mit dem Gerichte zu tun. Da heißt es dann immer: vierundzwanzig Stunden Arrest oder fünf Gulden Strafe. Na also! Der Joch hatte nie fünf Gulden bezahlt— immer abgesessen. „Herr Richter I Tun Sie mir ausrechnen, was die vier Gulden Monatsswas' bis zum vierzehnten Jahr ausmacht... und dann tun Sie mir'S in Arreststraf' umwandeln... ich will das Kind absitzen!" Der Richter winkte ab. Für diese Idee hatte er kein Bcr- ständnis. Da knickte der Joch in sich zusammen und polterte in seinen groben Stieseln fluchend zur Türe hinaus. Die alte Pflegefrau saß in der dumpfigen Kinderstube und sott auf dem rostigen Eisenöfchen Mohnköpfe ab. Das schmierige Büb- lein im zweiten Kinderbett saß mit eingezogenen Beinen auf seinem schleißigen rotgcwürfelten Pölsterlein und verschuftete den neu zu» gestandenen Pflegling. „Das Fuhrmanns-Engele tut schon wieder schreien!" Dabei steckte das Bübel sein ungewaschenes Fingerchen durch das hölzerne Bettgitter und zeigte in den Winkel, wo das kleine Engels wimmerte. „Freilich tut es schreien," nickte die Alte und rührte das Gebräu mit einem Holzlöffel um. Dann schlurfte sie auf das wimmernde Kindleiu zu und hielt ihm eine Predigt: „Schreien... wart... wart, Du Fuhrmanns-Engele! So ein Kinderl wie Du darf nicht schreien! Das muß sich mäuserlstill halten. Gehörst ja eigentlich gar nicht her in die Welt... oder hat vielleicht jemand nach Dir verlangt... he?... Na? gewiß nit... bist nur so blind mitgefahren... hast Dich nur so herein- geschwindelt... kein Mensch hat Dich gerufen... keine Seel' hat nach Dir verlangt... solche Kinderln dürfen sich nicht so auf- spielen... müssen ganz still sein... still... still... still... kriegst ein Mohnsaftel... das ist gut für solche Kinderln..." Sie fing an, den gekochten Absud von einer Schale in die andere zu schütten, damit er schneller kühle. Mt dem Finger prüfte sie von Zeit zu Zeit die Temperatur. Dann goß sie die Sang« flasche voll. „So... und wo haben wir denn das Schnullcrle... das Suzele..." Sie suchte ein Weilchen hemm und hob dann etwas vom Boden auf. „Gleich kriegst Dein Mohnsaftel, Du Fuhrmanns-Engele I Nur nicht schreien, Du hast kein Recht dazu." Sie stülpte den schmierigen Sauger über den Flaschenhals mid sog dann zuerst felbst daran, mit ihrem zahnlosen Munde gewissen- Haft prüfend. Der kleine Knirps im Gitterbette lachte und klatschte in die Hände: „Die Mann tut Schnullele suzelen..." Die Alte gab nun den Sauger dem kleinen Engels es reckte so verlangend die winzige» Aermchen nach dem Saugfläschchen und spitzte schon von weitem das Mündchen und saugte daS betäubende giftige Mohnsaftel so gierig in sich hinein, als hätte es selbst ordent- lich Sehnsucht, baldmöglichst wieder aus der Welt zu kommen, in die es sich nur so hineingeschwindelt hatte. „So, mein Fuhrmanns-Engele... gelt, das ist süß... jetzt darfst aber nimmer schreien... mußt brav sein... jetzt mußt chlafen... allwcil schlafen... gelt, das Mohnsaftel ist so gut... trink nur... alles aus... so... schlaf, Kinderl, schlaf... Dem Bater ist kein Graf.. Das Kindlein schlief. Längste Weile saugte und schluckte es noch im Schlafe weiter und hielt die kleinen Fäustchen so feindlich zu- sammengeballt, als ob es Gott und die Welt darin zerdrücken wollte. Und weiin es wieder schrie, bekam es wieder Mohnsastel, nach dem es gierig tierlangte. Dann schlief es wieder. r Und einmal nuchte es von dem süssen Mohnsaft-r so schlafen; so fest schlief es auf dem alten Kittelfc«--".. oen ihm die Pflege- mutter untergeschoben hatte: thm gar nicht ein, noch einmal aufzuwachen und oem Suzele zu schre,en. Die Me fuhr ihm i�itn dünnen, harten Fingern über das weisse Gesichtchen und tastete prüfend das kleine, feine Körperchen ab. Dann sagte sie den Pfleglingen: „So. Kinderlen I Jetzt haben wir da? FuhrmannS-Engele hinüber geschickt I" Der vorlaute Kleine im zweiten Bett patschte lachend in die Händchen: „Das Fuhrmanns-Engele hinübergeschickt... etsch... etsch; Du Fuhrmanns-Engele. hast nit dableiben dürfen... hast wieder hinüber müssen... etsch... etsch..." Und er strampelte mit seinen Bcinchen wie besessen. Dabei ge- riet er mit der grossen Zehe in ein Loch des rotgewürfelten Bett- Überzuges und schrenzte ihn mit einem Ruck von oben bis unten. „Jetzt werden wir das Engele schön machen... schön... schön!" Die Alte wusch mit einem groblöchrigen Schwamm das entseelte Körperchen, dann nahm sie aus der unteren Schublade der roh ge- zimmerten Kommode ein weißes Wickeltuch und ein Kinderhäubchen und ein vielgebrauchtes Kränzchen mit grellrotcn Blüten und giftig grünen Blättern. Damit putzte sie das Engele auf. „Jetzt hast es gut... jetzt hast es fein... Hab' ich'S jetzt recht gemacht... Du Fuhrmanns- Engele... brauchst nicht Hunger zu leiden... brauchst nicht Gäns' zu hüten... kriegst keine Schläg'... gelt, jetzt bist zufrieden... und der Vater auch... und die Mutter auch... alle Hab' ich Euch zufrieden gemacht... drum bin ich selber auch so zufrieden I... Mußt aber auch beten für mich... schön beten... die Handerln aufhebe»... nit so grimmige Fäusteln machen.. Sie faßte die beiden Aermchen, legte die Händchen zusammen und drückte die kleinwinzigen weißen Filigran- Füigerlein inein- ander. „So ist'S recht! Fleißig beten für die gute Pflegefrau... uicht undankbar sein... Du Fuhrmanns-Engele... Du!" Der Schwerfuhrwerker Joch kam mit dem Pflegegeld. Mit den blutig verdienten Gulden. Er tappte mit seinen schweren Stiefeln im dunklen Hausflur heruni und fand keine Tür. „Und vier Gulden kriegt sie nit, die alte Hex," wetterte er. „Zwei Gulden sein auch g'nug für das bißl Milch, was es trinkt. Und jetzt wieder der Winter vor der Tür... Höll' Teufel... meine Stiefel hin... und warme Fäustling' braucht man... und ein Glasl Schnaps zmn Einwärmen inuß man habe» bei der Winterfuhr... und alle Monat' vier Gulden Straf'... ver- flucht... vermaledeit..." Die Engelmacherin öffnete die Tür. „Wer ist's?" Als sie den Joch erkannte, nickte sie freundlich und führte den klotzigeil Fuhrwerker in die Stube. Das Kindlein lag da in dem angeschmutzten Häubchen mit der verblaßten, blauen Masche; fest zusammengeschlossen hielt es die kleinen, herben Lippen; ein niattes Talglicht zu Hälipten, warf seine» Schein auf das Englein mit den öffencn Augen. Da ging die Engelmacherin herzu und strich ihm mit der Hand über die Lider. „Geh I Tu schlafen, Kindel... laß die Aeuglein zu I" Sie besann sich. „Ah, ja so! Willst Deinen Vater anschaun! Schau' ihn nur an I Aber nit so finster schauen! So I Hast ihn jetzt gesehen ... dann mach' die Augen nur gleich wieder zu l Schlaff, Kindel, schlaff..." Der Fuhrmann drehte seinen speckigen Hut in den Händen und glotzte stumpfsinnig das kleine Engelein an. Dann begann sich etlvaS zu regen in der klotzigen Fuhrwerkerbrust: tief, tief unten... da wollte sich etwas gewaltsam anS einem Schutthaufen heraufarbeiten, emporwühlcn zum Licht... Es inachte den Joch schwitzen und schnaufen; die Knie schlotterten ihm in den krustigen Stiefelschästen, als er aus der Stube torkelte. Vor der Haustür mußte er gar ein bißchen rasten, aber es ging bald vorüber.... Am nächsten Morgen tappte er wieder stunipfsinnig neben den Gäulen her, i»S Ziegelwerk hinaus, vom Ziegelwerk herein; wenn die Pferde zu langsam gingen, rief er:„Hü! Hüa l" und„Oeh I Oeha!" rief er, wenn sie stehen sollten.— fßerantivortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: kleines Feuilleton. — S-ichstschc Bolkswörter. In der„Leipziger Zeitung" finden ,»!>. folgende Zusammenstellung: endersch— unbehaglich, unheimlich; riksch— launenhaft, mucksch; urkel sein, saft sein— böse sein mit jemand; heich= eben; wunnerlich— unwohl; jetzig— klein, armselig; hiefrig— dürr; äsent— elend, eklig; essent sschie)— außer- ordentlich(schön); gelte: von einer mit Kalben aussetzenden Kuh; du kannst mich fimfern, kusputern, kratzbuckeln— laß mich in Ruhe; sameln— träumen(Samelfritze); packsen— hin- und her, aus- und einpacken; Packs' dich— packe dich; kautzcn— anzeigen; geestern— vergießen; Randefuge(machen)— reine Wirtschaft; verneesen= verbrauchen; geschräbelt— zusammengebracht; Gebärle— Ausschußware; Geclchen— Düngung; Schaffen— Eichenkuchentiegel; Mäge (haben)— Kräfte; Beite= Backtrogdeckel; Sang= Brotbürste; Grievatsch= kleiner Mensch; Hansdromnaus— langer Mensch; Schweeß— Flunkereien, Lügen; Krumbeen= Schweineschlachten; putzige Kruke— sauberer Vogel; Schniltzch— Sperling; Adel- hätsch— Elster; Stiefelknecht— Hase; Kanne— Gefängnis; Fleeschkistel— Sarg; Blaser— seidene Mütze; Onkel— große Zehe.— Medizinisches. — Nachdem in den letzten Jahren die Auflnerksamkeit der Aerzte auf die G c h ö r st ö r u n g e n durch T a b a k e i n w i r k»i n g ge- lenkt wurde, mehrt sich, wie der„Hannoversche Courier" schreibt, die Zahl der einschlägigen Beobachtungen und Mitteilungen, aus denen sich ergibt, daß der Tabak dem Gehör recht nachteilig werden kann. Starke Raucher leiden bekanntlich alle an chronischem Rachenkatarrh, und bei den innigen Beziehungen, die zwischen Rachen und Gehörorgan bestehen, ist es kein Wunder, daß die Entzündung sich nach dem letzteren fortpflanzt und namentlich den Verbindungskanal zwischen beiden, die Eustachische Röhre befällt. In anderen Fällen wird aber der Gehörnerv selbst betroffen, er ent- artet, und dies ist Ivohl auf die unmittelbare Giftwirkung des Nikotins zurückzuführen. Schädlich wirkt nicht allein die Menge des Tabaks, Sondern auch die Beschaffenheit. Am schlimmsten ist die Wirkung. wenn sehr starker Tabak in großen Mengen geraucht wird. Ein amerikanischer Arzt macht auch auf die Nachteile der zu fest gestopften Pfeife und Zigarre aufmerksam, da bei jedem Zug dann ein starker negativer Druck im Nasenrachenraum entstehe. Dieser Arzt beob- achtete 17 Fälle von nervöser Schwerhörigkeit, in der Hälfte seiner Fälle war eine Herabsetzung der Aufnahmefähigkeit für tiefere Töne vorhanden. Das Uebel wird durch Arzneimittel wenig beeinflußt, nur durch vollständige Enthaltung vom Tabaksgenuß kann die Heilung oder wenigstens eine Besserung erzielt werden.— Hnmoristisches. — D i e Hauptsache.„Du, Elly, findest Du nicht, daß Dein Bräuffgam k r u m ni e B e e n e hat?" Elly:„Ach was— aufs Standesamt kommt er schon damit."— — Reise Weisheit.„Nu, Sie sind jetzt in Bayern gereist. Wie war's?" „Ach, die Eiscnbahnzüge sind dort so charaktervoll." „Charaktervoll— wieso?" „Sie versprechen so wenig und halten so viel." („Lustige Blätter".) Notizen. — Eduard Devrients Geschichte der deutschen S ch a u s p i e l k u n st. die seit 20 Jahren im Buchhandel vergriffen ist, soll nächstens in einer von Dr. Hans Devrient besorgten Neu- Ausgabe erscheinen.— — Die Uraufführung deS„Roland von Berlin" von Leoncavallo hat am Dienstag im Opernhause endlich stattgefimden. Und es soll ein sehr feierlicher Moment gewesen sein, als die Bläser ansetzten. Unser Referent war leider nicht dabei. Sechzig und mehr Mark für eine Eintrittskarte, dazu ein Frack und eine weiße Halsbinde, waren uns zu viel. So wird denn sz. über eine spätere Aufführung der„Kaiser-Oper" berichten.— — Siegfried WagnerS Oper„Der Kobold" geht im Februar im Ratio nal-Theater in Szene.— — Die Berliner Sezession hat dem Schweizer Maler Ferdinand H o d l e r das Amt eines Preisrichters für ihre Aus- stellung angetragen.— — Folgender Bericht ist kürzlich von einem salz- burgischen Gemeindevorsteher an seine vorgesetzte Behörde erstattet worden:„Löblicher k. k. Bezirkshauptmann I Hiernüt mache ich die von tiefstem Schmerze gebeugte Anzeige, daß unser 22 Jahre langer Förster an der Kurzsichtigkeit seines Herrn plötzlich gestorben ist und nach zwei Stunden bereits tot war, da ihni der Herr Graf un- gerechterweise angeschossen hat. Der so schwer Getroffene, dem in seinem ganzen Leben so etwas nicht passiert ist, befindet sich nun im größten Elend, der hinterläßt die Witwe von fünf unversorgten Kindern, loovon der älteste bestimmt ist, ebenfalls Förster zu werden und dem hohen Jagdherrn einst in gleicher Weise zu dienen."— Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstaltPaul Singer LcCo.BerlinLVk.