Wnlerhaltungsblatt dcs Vorwärts Nr. 230. Mittwoch, den 21. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) ist Ick bekenne. Roinan von Clara Müller- Ja linke. Als ich aufsah von seiner Brust, lag ein eigentümliches, halb bitteres, halb triumphierendes Lächeln um seinen Mund. Ein Lächeln, das mir trotz meiner seelischen Unfreiheit zu denken gab. „Vincenti, hast Du mich lieb?" Seine dunklen Augen flackerten.„Närrin! Du weißt es. Aber Du weißt auch, daß ich Dich nicht lieb behalten»verde, wenn Du nicht ganz mein bist, mit Leib und Seele." „— Meine Mutter— Vincenti!" „Deine Mutter wirst Du noch inniger liebe», weit» Du sie im wahren Glauben umfaßt. Der Glaube verlangt Opfer, Geliebte. Und ein gottgefälligeres Opfer kannst Du nicht bringen, als das, was Dir auf Erden das Liebste ist. Denk' an Abraham!" Eine rasende Furcht überfiel mich. Fester preßte ich mich in die Arme des Mannes.„Vincenti, ich habe gelogen in einem fort." „Wenn Du ernsthaft bereust, wird Dir die Lüge vergeben werden um Deines Opfers willen, so wie auch meine Sünde mir vergeben sein wird— um Deiner Seele willen...." Hatte er diese Worte gesprochen, hatte ich sie nur gefühlt? Ich weiß es nicht, Herze. Ich weiß nur, daß ich seine Küsse duldete� weiß nur, daß der Mond in's Zimmer sah und seit- sam flackernde Schattenbilder an die weißgetünchte Zimmer- decke warf, weiß nur, daß die Wogen über mich hinweggingen, heiße, dunkle Fluten, in denen inir Sinne und Bewußtsein erloschen sind. Und daß ich keine Wonne fühlte und kein Glück. Nur die Todesschauer des Ertrinkenden. Wie in jener vollmondlichten Winternacht. Der einzige Unterschied zwischen damals und heut: daß ich diesmal in mir war, nicht außer mix! Und daß ich diesmal nicht lachte, als er gegangen war. Daß ich vor dem Sofa— ein rotgeblünckes Ripssofa mit fadenscheinigen Stellen, ich könnte es zeichnen. Du!— in die Kuiee gestürzt war und mein tränenüberströnites Gesicht in den Polstern oerbarg. Daß ich betete— zu Gott, zu der heiligen Jungfrau, zu unbekannten Mächten? Was weiß ich denn?-- Zu Dir habe ich gerufen, Du Unbekannter, Du Ferner, Du, der von Anbeginn bestimmt für diese Stunde war— und den sein Schicksal durch Sturin und Nöte, durch grenzenlose Weiten geschleppt hat an jenem brennenden Tag. »**' Das war das Entsetzlichste in jenen Tagen, daß ich mir selbst verloren mcd verfalle» erschien. Wenn ich nur einen Funken Glauben an mich gehabt hätte, so würde wohl auch Kraft und Mut in mir gewachsen sein. Und dcimoch. Du: Kraft Hab' ich eine übermenschliche gehabt,—»venu auch nur eine passive Kraft und nicht die Kraft zum Guten. - Was gut, was böse ist? Damals Hab' ich viel über die uralte Menschheitsfrage nachgedacht. Ich trotzte und log und schleppte mich mit heiterem Lächeln von Stunde zu Stunde... Es war mir gelungen, wieder eine Stellung in einem Nedaktionsbureau zu erlangen— für ein Honorar, für das ich mir kaum meine Kleider kaufen konnte. Als ich einen schüchternen Versuch machte, fünf Mark monatlich mehr her- auszuschlagen, versicherte mich mein Chef allen Ernstes, die Frau sei anspruchslos von Natur und sie müsse aus pädago- gischen Griinden in dieser Anspruchslosigkeit erhalten bleiben. Mein Chef war ein hochfreisinniger Mann, der mit allen Neuerungen Schritt hielt und bei der Bierkanne Junker'und Sozialdemokraten als rückständig oder wahnwitzig herunterriß. Er war dabei ein gutmütiger Mensch und konnte keiner Fliege ein Leid antun,.. Ich werde sei» Andenken in Ehren halten. Meine fünfzig Mark Monatsgehalt mußten also für die Ansprüche meiner Mutter und meine eigenen genügen. Sie mußten. Ich stand vom frühen Morgen an vor meinem Pult und schrieb und schrieb: Seite um Seite, Bogen um Bogen... und wurde mit der Zeit ordentlich stolz auf diese unheimliche Kraft in mir, die mich mit schmerzverzerrtem Munde über die heitersten Dinge plaudern und mit tanzenden Füßen über glühendes Eisen schreiten ließ. Die Zukunft stand vor mir wie eine hohe, schwarze Wand. Was drüben lag: ob blühendes Land, ob schlangenbewohnte Abgründe oder ewige Nacht,— ich mochte über diese schwarze Wand hinaus nicht denken. Als ich eines morgens an meinem Pult stand und einen politischen Artikel herunterschrieb, überfiel mich die erste Ohn- macht. Ich klammerte mich mit beiden Händen an die harten Kanten des Holzes fest; in meinen Ohren brandete ein Meer. Mein Chef sah sehr erstaunt von seinem Schreibtisch auf. Ich stanimelte einige unzusammenhängende Worte, sinnlos und wirr. Und als der Schauder vorüber war, Hab' ich meine Arbeit ruhig zu Ende geführt. Von jenem Augenblicke an wußte ich das Furchtbare.?lber ich glaubte cS noch nicht. Ich wollte es nicht glauben. Mit Händen und Füßen wehrte ich mich gegen das grausame Gespenst, das mir das Blut mis den Adern zu trinken drohte, das mir näher und immer näher kam. Die Schande! O: die allein, die allein hätte ich gern getragen. Aber die Not, die neben ihr herging, hohläugig und grinsend.., die Not und der— Mord— Denn ich wußte, daß meine Mutter das nicht ertragen würde von ihren: letzten Kinde. Ich wußte, daß eine solche Kunde die in den engsten gesellschaftlichen Begriffen alt- gewordene Frau töten mußte. Und ich hatte nicht den Mut, diesen Schlag zu führen. So log ich denn, wie ich seit Jahresfrist gelogen hatte, nur schlauer, bedachter, raffinierter noch. Ich wurde langsam krank, ohne deswegen meine Stellung anfgeben zu können. Die mußte ich halten um des lieben Lebens willen bis zum letzten Augenblick. Tief gebückt über den breiten, bücherbedeckten Tisch saß ich sechs Stunden lang täglich und schrieb, schrieb, schrieb. Und uachtS auf meinem zerwühlten Bette: nicht eine Stunde ununterbrochenen Schlafes! O Liebling, diese Nächte! — Ich glaube nicht, daß ich ein vollkommen klares Bewußtsein meiner Lage hatte. Es war wie ein schwerer Fiebcrzustand. Das überangestrengte Gehirn vermochte nicht mehr, die Wirk- lichkeit von Traum und Delirium zu trennen. So verrann mir alles in einein grauen, schattenhaften Gewog. Und nur die Wand, die schwarze hohe Wand, die zwischen inir und der Welt stand, war der einzige Gegenstand, den meine brennenden Augen mit schaudervoller Deutlichkeit erkannten. Dann schrieb ich ihm. Einen schwere», angstvollen Brief. Einen Schrei um Errettung, aber ohne Hoffnung auf Hülfe. Ich hatte keine Liebe zu ihm, keinen Glauben und kein Vertraue». Die Antwort, die sofort kam, entsprach dem Tief- stände meiner Erwartungen vollkommen, ja, sie unterbot ihn noch.—— Vincenti war feige. Feig' wie ein geprügelter Hund. Er stand soeben im Begriff, sich mit seinem Bischof zu versöhnen. Er.sollte wieder seinen Erlöser verkünden, sollte den reuige»: Sündern ihre Sünden vergeben dürfen. Und er hätte es wohl gern gesehen, wenn die Wiedereinsetzung in sein geistliches Amt mit meinem/ feierlichen Uebertritt in seine Kirche zusanimengefallen»väre. Dann hätte ich Pfarrersköchin werden können und Litanciendichterin. Und nun steckte ihin ein einziger, unvorhergesehener Blitz- strahl alle seine Schlösser in Brand. „Liebe Wilma! Dein Brief hat mich sehr erschreckt. Das kann ja gar nicht möglich sein. Wir wollen fleißig zur gnaden- reichen Muttergottes beten und»vollen hoffen, daß Du Dich getäuscht hast. Wenn es aber doch wahr sein sollte, so mußt Du die Strafe des Himmels in Deinut auf Dich nehmen. Der Herr züchtigt, den er liebt. Die Strafe soll, wie alle Dinge, die Dir geschehen, nur zu Deinem Besten dienen. Trage Sorge, daß niemand das Nähere erfährt. Wenn es wirklich znm Aeußersten konnnt, so werde ich Dir helfend zur Seite stehen, obgleich inir das nach diesem langen, demütigenden Jahre sehr schwer fallen würde. Den einen Punkt aber mußt Du immer im Auge behalten: daß es eine Strafe ist, die mit Reue und Opfertvilligkeit getragen werden soll, und daß, um des gute» Beispiels willen. Du niemals einen anderen, am wenigsten einen Priester bloßstellen darfst. Das Opfer muß ganz allein auf Deinen Schultern liegen, so wird es Gott um so wohl- gefälliger sein. Wir sollen stets der Gemeinde ein gutes Bei- spiel geben und jedes Aergernis vermeiden. Tue so, und ich werde mit Dir beten zu allen Heiligen." Ich mußte das Schriftstück zum zweiten Male lesen, um es in seiner ganzen Herrlichkeit erfassen zu können. Und dann, als ich es wiederum gelesen hatte, ganz langsam Wort für Wort, dann fühlte ich klirrend eine Kette springen und eine Schwäche von mir fallen. Ich war erstarkt an der janimervollen Feigheit dieses traurigen Märtyrers für sein Volk, dieses heroischen Kämpfers für seine Kirche... Nachdem ich den Brief in tausend Fetzen zerrissen, rannte ich wie eine Rasende in den vom Herbststurm gerüttelten und gepeitschten Wald hinaus. Ich biß die Zähne auf die Unter- lippe, daß das Blut hervorsprang, und wiederholte ununter- brochen, laut vor mich hinsprechend, ein Wort, einen lächcr- lichen Ausdruck, den der Wirbelsturm meiner Gedanken mir immer wieder auf die blutenden Lippen legte:„Um so einen Fatzke, um so einen Fatzke!"— Ich lachte. Und aushalten müssen bei diesem„Fatzke", uni meiner alten, betrogenen Mutter willen aushalten niüssen bei ihm um ---- um.. meines Kindes willen!— Als ich dies Wort zum erstenmal zu denken wagte, kam ich zur Besinnung. Ich stand auf hoher, kahler Dünenwand, vom Novembersturm umbraust, und der Gischt der mit Donner- laut heranrollenden, an Stein und Klippe sich dreifach über- schlagenden Wellenberge spritzte kühlend und salzig mir in das brennende Gesicht. Da hinab---! Dann hätte ich Ruhe gehabt für alle, alle Zeit, ich und mein Kind. Und ineine Mutter? Meine liebe, alte Mutter— was hätte sie beginnen sollen, wenn ich den erlösenden Gedanken zur erlösenden Tat machte? Das war es. Darum mußte ich aushalten bei diesem Feigling und mußte Hülfe annehmen von ihm. Weil ich nicht töten konnte, mußte ich weiterlügen, mußte schmachbedeckt und heimlich in irgend einem Winkel der Großstadt mein Kind zur Welt bringen, mußte mein Kind irgendwo für billiges Geld verstecken, bei Leuten, die es mißhandelten, weil es ihnen eine Ueberlast war... Und das alles, alles: weil die alte Frau nichts wissen durfte von seinein Dasein! Mein Kind, mein armes Kind!— Ganz plötzlich überflutete mich eine Woge seltsamer Empfindungen, die, aus den tiefsten Schmerzen emporquellend, in einer Minute alle Stadien des Gefühls durchlief, bis zum höchsten Glücksbewußtsein, bis zur Verzückung sich emporrang, um zuletzt in einem heißen Tränenstroin den befreienden Aus- weg zu finden. So stark, so überwältigend war die Wucht dieser Em- pfindnng, daß sie in ihren Aeußerungen der Verzweiflung gleich kam. Hell aufschreiend warf ich mich auf den sandigen Boden nieder und küßte, da ich das Ungeborene nicht küssen konnte, meine eigenen Hände in einer Art von Taumel, in dem einen, eine Welt von Süße und Zärtlichkeit erschöpfenden Gedanken: „Mein Kind!" In jener Stunde habe ich alles Glück des Lebens durchkostet und alle seine Schmerzen ermessen. Tie Strafe Gottes hing über meinem Haupte. Die Strafe für die große Sünde. Von meinein Kinde würde ich mich trennen müssen um der Mutter willen, die ich belogen und betrogen hatte. Und doch reichten all' die Qualen meiner Seele nicht hin, um irgend ein Reuegefühl in niir erzwingen zu können über die Sünde, die ich begangen hatte. (Fortsetzung folgt. II lNachdruck verboten.) Eine Pfaffenrevolte. (Schluß.) Wie in Spanien, Deutschland und England, so kam es auch in Frankreich, als die zünftlerische Produktion unter dem Einfluß des kaufmännischen Elementes in die manufaktrirelle umschlug und diese Sich in der Refonnation ihren ideologischen Ausdruck schuf, zu Wirt- chastlichen Gegensätzen, die schließlich in Bürgerkriege auSklangcn. Speziell in Frankreich erzeugte dieser Kampf die sonderbarsten Blüten, die zumal heute, in der Zeit des übcrwucherndenKlerikaliSmus, nicht ohne' Interesse sind. In den Zwist mischte sich nämlich daS Ringen um die königliche Gewalt selbst: das lothringische HauS der Guisen und die teilweise protestantischen Bourbonen zankten sich in der erbau- lichsten Weise um den Thronnachlaß der aussterbenden Valois. Die Guisen hatten es verstanden, die Geistlichkeit und die reaktionären Teile des Adels mit den zünstlerischen Elementen der Städte zu verbinden; in der Hauptstadt traten noch die zahlreichen Krämer und vor allem das Proletariat hinzu, während sich die reicheren Bürger, wie das nach dem oben Gesagten erklärlich ist, auf die Seite des Königs schlugen. Die Partei der Guisen, die Liga, fußte auf den geistlichen Brüderschaften, die sich über daS ganze Land verbreiteten und von geistlichen Ultras, insbesondere Ordensleuten, geleitet wurden. Die Hauptstadt spaltete sich förmlich in ein zwiefaches Kriegslager. Heinrich Hl. stellte Truppen im Quartier des Louvre auf. während die Guisen die volkreichen Quartiere der Universität, des Grave und de? Maubcrtplatzes und der Hallen bewaffneten. Paris wurde vom sog. Rat der Sechzehn geleitet; es stellte nämlich jedes der 16 Quartiere der Stadt, welch letztere der alten zünstlerischen und militärischen Einteilung entsprachen, einen Ver- treter. Dieser Rat bestand durchweg ans Handwerken». Neben ihn trat der„Ausschuß" der Liga, der die sonderbarste Zusammensetzung aufwies. Advokaten, Gerichtsboten, bankrotte Handelsleute, ein ehe- maliger Fechtmeister, vor allem aber Krämer, Handwerker und Gcwerbsleute führten in ihm das große Wort. Das treibende Element aber waren„fanatische, Ausruhr predigende" Geistliche, die Kanzelredner, die die Verfertiger von Bilden» und Flugschristen, die „heiligen" Bruderschaften und ihre Prozessionen zu immer stärkeren Angriffen gegen den König trieben. Schließlich sah dieser seines Bleibens nicht mehr in der Stadt. Er entwich, ward jedoch am Stadttor von ReSle trotz seiner Verkleidung von den liguistischen Posten erkannt, die nicht nur das Seil der Fähre zer- schnitten, in der er über die Seine setzte, sondern sogar auf ihn Feuer gaben. Nur mit genauer Not entkam er nach Rambouillet. Von diesem Augenblick an warf der Leiter der lothringischen Partei, Heinrich von Guise, jede Rücksicht auf seinen Namensvetter Heinrich III., den letzten der Valois, beiseite. Das Parlament, die städtische Miliz, die Präpositur der Kaufleute, kurz alle Stellen in Paris wurden Kreaturen der Familie Guise in die Hände gegeben, die von jetzt ab bis zum Jahre ISgl die Stadt völlig in ihrer Gewalt hatte. Mit ihnen teilten sich die Pfaffen, insbesondere die Jesuiten, in die Herrschast. Das Ganze war eine förmliche Pfaffen-Republik mrt Heinrich von Guise als Diktator an der Spitze. Der König, der sich in- zwischen nach Chartres begeben hatte, machte einen schwachen Ver- such, die Bevölkerung zurückzuwinnen und hob an einem Tage nicht weniger als 36 Steueredikte auf. Den Ligisten ging es jedoch darum, ihn wieder in ihre Botmäßigkeit zu bringen. Eine Pro- zession der heiligen Brüderschaft der Büßenden versuchte, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Es war daS ein ebenso gotteslästerliches wie den König verspottendes Mittel, denn beides, Prozessionen wie gerade jene Brüderschaft, hatte Heinrich HL stets sehr begünstigt. Mt Recht bemerkt zu dieser Prozession der Historiker Schlosser, an dessen Darstellung die folgende Schilderung sich anlehnt, sie erinnere un- willkürlich air den Marsch der Pariser nach Versailles im Jahre 1789. Dem Zuge voran ging ein Kerl mit langem, schmutzigem, ungekäinmtein Bart und mit einem groben Bußkittel bekleidet, über den am breitem Ge- henk ein krummer Säbel hing. In der Hand hielt er eine rostige Trompete, der er die widrigsten Töne entlockte. Ihm folgten drei ebenso schmutzige Individuen, die statt des Helmes schmierige Koch- töpfe und außer ihren Bußkitteln Ringelpanzerhemde, Armschieiren, Panzerhandschuhe und Hellebarden trugen. Mit wütenden Blicken und wunderlichen Gebärden suchten sie das andrängende Volt ab- zuwehren. Ihnen folgte der Bruder Ange von Joyeuse, ein Hof- mann, der ein Jahr zuvor Kapuziner geworden. Er stellte den zur Schädelstätte gefiihrten Heiland vor. Er hatte zu diesem Zweck sich binden und, un, seinen alten Freund, den König Heinrich, der dies alles mit ansehen mußte, eher zu rühren, sich Bluts- tropfen ins Gesicht malen lassen. Außerdem schleppte er, scheinbar mit großer Anstrengung, ein langes Kreuz von an- gestrichenem Pappdeckel und ließ sich von Zeit zu Zeit unter Aechzen und Seufzen auf die Erde fallen. Neben ihm schritten zwei junge Kapuziner in Chorhemden, die Jungfrau Maria und Maria Magda- lena vorstellend. Sie taten als wenn sie weinten und warfen sich, so oft jener zur Erde fiel, nach dem Takt ihm zu Füßen. Vier andre Trabanten, den drei ersten sehr ähnlich, hielten das Seil, init dem Ange gebunden war. und gaben ihn, weit hörbare Peitschen» chläge. Hinter dieser Komödie folgten dann die anderen Büßer. Die Maskerade verfing nicht. Heinrich Hl. begab sich noch weiter ab von Paris, nach Roue». Von hier aus schloß er durch Vermittelung semer Mutter, der berüchtigten Katharina von Medici, einen vorläufigen Frieden mit den Guisen. Er bekräfttgte unter Eid, er werde nicht eher ruhen, bis die Ketzer ausgerottet; ferner sollte tünfttg niemand ein Amt erhalten, der sich nicht durch bischöfliche Bescheinigung oder durch die Aussage von zehn zuverlässigen Männern als guten Katholiken ausweise. Im Grunde war das die völlige Unterwerfung des Königs unter die Guisen und damtt unter Adel und Geistlichkeit. Aber die weitgetriebene Nach- siebigkeit war nur scheinbar und auf Täuschung berechnet. Schon n den letzten Tagen des Jahres(1Ü88) ließ Heinrich LH. den Herzog ermorden und den Bruder desselben, den Kardinal von Lothringen, der mit jenem die Liga hauptsächlich geleitet, verhasten und ent- haupten. Gegen seine auf dem Todbette liegende Mutter, die Mit- Urheberin der furchtbaren Bartholomäusnacht, rühmte der König sich ausdrücklich jener ersten Tat; er sei jetzt König von Frankreich, denn er habe den König von Paris töten lassen. Das ganze Reich geriet in Aufruhr; alle Bande lösten sich, jede Stadt, jeder Flecken bildete eine Art Republik. In Paris ward von allen Kanzeln herab auf das wütendste gegen den König und das ganze Geschlecht der Valois gepredigt.„Der Pfarrer Lineestre ließ am Neujahrstage seine Zuhörer die Hand erheben und schwören, bis zum letzten Heller und dem letzten Bluts- tropfen die beiden Märtyrer zn rächen. Mädchen, Weiber und Kinder hielten bei Tag und bei Nacht auf höchst unanständige Weise Prozessionen, und diese wurden zuletzt so ärgerlich, daß die Pfarrer selbit, welche doch die Urheber des ganzen Skandals gewesen waren, dagegen predigen mußten." Auf die Frage der Sechzehn, ob das Volk berechtigt sei, sich dem König zu widersetzen, entband die Sorbonne unter Berufung auf die Bibel in einem Dekret alle Franzosen vom Eid der Treue und erklärte in einem zweiten, man könne mit gutem Gewissen die Waffen ergreifen, einen Bund bilden, Geld erheben, kurz, alles tun, was„zur Beschützung der katholischen Religion" nötig erscheine. Die Mehrzahl der Geistlichen ersetzte in Kirchengebet den König durch die„christlichen Prinzen". Unter diesen Umständen warf Heinrich Hl. sich seinem anderen Widerpart, dem Bourbonen und Führer der Kalvinisten Heinrich IV., in die Arme. Beide vereinigten ihre Truppen und marschierten auf Paris. Dies steigerte den religiösen Fanatismus der Stadt zu einer imglaublichen Höhe. Die Prediger erklärten offen den Mord beider Konige oder eines derselben für ein christliches, verdienstvolles Werk. Was Wunder, wenn sich der Mann fand, der sich zu dieser Mission auserivählt glaubte I Der 25jährige Dominikaner Cleinent, ein ebenso fanatischer wie einfältiger Mensch, unternahm es, sich den Himmel zu verdienen, indem er den„Tyrann" Heinrich III. aus dem Wege räumte. Zuvor offenbarte er sich jedoch seinem Beichtiger, und dieser hieß ihn fasten und beten,„damit der Teufel ihm keinen Streich spiele". Als dann Clöment auf seinein Entschluß beharrte, erklärte er ihm, die Tat sei verdienstvoll, sofern sie nicht persönlichen Gründen entspringe und zum Vorteil des Glaubens und des Staates geschehe. Selbst hochgestellte Personen, der Herzog von Aumale und die Herzogin von Montpensier, trieben zu jenem Verbrechen. Es glückte.' Heinrich HI. fiel unter dem Dolch des fanatischen Mönchs. Diese Tat des„Legitimisten" rettete Paris aus der Not der Belagerung und erst 1594 sollte die Stadt Heinrich IV. zufallen. Er bequemte sich zu jenem Kompromiß mit Adel und Geistlichkeit, der das Bürgert, im preisgab und die Vertreibung der Hugenotten vom französischen Boden in seinem Schöße trug.— H. L a u f e n b e r g. kleines Feuilleton. � Erinnerungen an Böcklin finden sich in einem Aufsatz, den Hans Thoma unter dem Titel„In München im Anfang der 70er Jahre" im Januarheft 1905 der„Süddeutschen Monatshefte" veröffentlicht. Thoma erzählt: Viktor Müller war es, der mich bei Böcklin einführte,— schon vorher hatte er mir von dem Bilde von den zwei Faunen erzählt, das auf der Ausstellung 1K69 war, und das er für das weitaus beste erklärte, das auf dieser Ausstellung war. Das ist jetzt nicht merkivürdig, aber eS geschah zu seiner Zeit, da ich von später zu Böcklin-Schwärmern gewordenen berühmten Malern den Ausspruch hörte, es sei viel Unsinniges auf dieser Aus- stellung, aber der Gipfel der Narrheit sei das Bild Won Böcklin. In bezug auf die Maltechnik huldigten wir meist der Meinung, daß es, um Kraft zu zeigen, nötig sei, die Farbe faustdick aufzutragen, freilich blieb da manches feinere Empfinden in der Technik schwerem Brei stecken— und ich erholte mich immer wieder an den Altdeutschen in der Pinakothek, an ihrer ruhig vollendeten Technik, mit der sie so feierliche Farbenharmonien erreichten, in denen eine so bewußte Klarheit und Raumdeutlichkeit herrschte. Mit Böcklin war ich nun öfters, und besonders in der alten Pinakothek, zusammen; er sprach fast nur über Technisches vor den Bildern und teilte mir gern von seinen reichen Erfahrungen und vielfachen Versuchen mit. Auch bei mir im Atelier sprach er sich nie über Allgemeines oder Gegenständ- liches in meinen Bildern aus, sondern er sprach vom Farbenmaterial und von Kontrastwirkungen der Farbe, dabei zog er aus der Westen- tasche farbige Wollenstreifen, an denen er demonstrierte, Komple- mentärfarben erklärte usw. Beim Frühschoppen im Achatz, zu dem er mich ein paarmal abholte, ging das Farbenfinden schon ins Phan- taftische, wohl auch ins Sarkastische über; so sprach er davon, daß für das Blau, was ihm vorschwebe, es noch gar kein Farbenmaterial gebe, er suche danach, Indigo sei so etwas, aber nicht haltbar; er trug einen dunkelindigoblauen Rock, da meinte er, man müßte ein- mal so einen Rock auskochen und den Farbstoff herausziehen, dieser müßte dann, in Oel angerieben, wohl dauerhaft genug sein. So unterhielten wir uns mit gutem Humor, und der Schweizerdialekt, den wir beide gebrauchten, half uns dabei vortrefflich. Die Flug- Maschine beschäftigte ihn damals sehr, und das Atelier lag voller Bambusstäbe und Segeltücher; er erklärte mir die Sache mit Zeich- nungen, aber auch hier ging er bald ins Phantastische und ins Humoristische über, und als ich im Sommer fortging nach Säckingen. sagte er, ich solle nur aufpassen, eines Tages komme er dort über den Eggberg geflogen auf dem Wege nach Basel. So gern ich mit Böcklin, meist Sonntags vormittags, in die alte Pinakothek ging, nach seinem Ausspruch in München der einzige Ort, wo man kein«! Malern begegnete, so folgte ich ihm doch nicht gern zu den Rem. brandtbildern, die ihm höchst zuwider waren. Böcklin ging sehr bald nach Italien, so daß mein Zusammensein mit ihm nur kurz war.— ie. Geologie und Landwirtschaft. Die geologische Landesuntersuchung, für die es jetzt in jedem modernen Staate eine besondere Anstalt gibt, hat nicht eine ausschließlich wissenschaftliche Bedeutung. Der Zusammenhang mit dem Bergbau ist von vornherein gegeben, und die Geologie ist überhaupt bis zu einem gewissen Grade aus den Erfahrungen des Bergbaues hervorgegangen. Weniger zeitig hat man die Bedeutung der Geologie für die Landwirtschaft erkannt, weil erst der landwirtschaftliche Betrieb auf wissenschaftliche Grund- lagen gestellt sein mußte, ehe die Lehren der Geologie im einzelnen Fall verstanden werden konnten. Heute weiß jeder größere Land- Wirt, was er an einer geologisch-agronomischen Aufnahme seines GruntBesitzes hat, wie sie beispielsweise von der preußischen geo- logischen Landesanstalt in Gestalt von Spezialkarten geliefert wird. Von dieser Veröffentlichung sind bereits 579 Blätter erschienen, jedes von einem Heft besonderer Erläuterungen begleitet. Leider wird die ungeheuere Arbeit, die in diesen Karten niedergelegt worden ist, von den Landwirten noch immer nicht genügend ausgenutzt. Im Hinblick darauf hat es der Landesgeologe Professor Jentsch unter- nommen, dem praktischen Landwirt eine Anleitung zu geben, wie er aus einer solchen Karte Tatsachen und Lehren herauslesen kann, die für seine Arbeit und deren Erfolg von größter Wichtigkeit sind. Die fraglichen Karten geben nicht nur das vollständige Bild der Erdoberfläche nach ihrer Zusammensetzung aus verschiedenen Boden- arten, sondern auch umfassende Aufschlüsse über die Beschaffenheit des Bodens bis zu zwei Meter Tiefe. Professor Jentsch hat nun ein Blatt der großen Karte, das eine Gegend bei Graudenz in West- Preußen darstellt, in zwölf Abzügen derart koloriert, daß jedes Exemplar dem Landwirt die Beantwortung einer praktischen Frage vorführt. Die erste Frage ist, wie hoch seine Feldmark über dem Meere liegt. Dieser Punkt ist von großer Bedeutung, weil sich schon bei geringen Unterschieden der Höhe ein verspäteter oder früherer Eintritt der wärmeren bezw. kälteren Jahreszeit, eine andere Ver. teilung und Häufigkeit von Nebel und Regen usw. zeigen kann. Die zweite Frage ist die Richtung, in der sich der Boden entwässert. Die dritte Frage bezieht sich aus den Grad des Neigungswinkels des Bodens in den verschiedenen Teilen des Gebiets. Von der Rich- tung der Bodenneigung, die in der vierten Frage behandelt wird, hängt der Betrag von Wärme und Licht ab, den ein Gelände empfängt, indem sechs Stufen der Besonnung und Beschattung unterschieden werden. Von selbstverständlicher Bedeutung ist die Frage der Verteilung von Ton, Lehm, Sand und Humus im Acker- boden, ebenso im besonderen die nach dem Tongehalt der Ackerkrume. Die siebente und achte Frage richtet sich auf den Nachweis von Mergel bezw. Sand bis zu zwei Meter Tiefe, die neunte auf den Durchschnittsgehalt von kohlensaurem Kalk, die zehnte auf den von Kali, die elfte auf den von Phosphorsäure. In der zwölften wird dann noch die Aufnahmefähigkeit des Bodens für Stickstoff erörtert, in welcher Hinsicht selbstverständlich große Schwankungen gegeben sind, wenn als äußerste Gegensätze öder Dünensand und fetter Ton- boden angenommen werden. Die Antwort auf all diese Fragen kann nun auch der geologisch nichtgebildete Landwirt nach der An- Weisung ohne viel Mühe und Hebung ablesen.— Voltskunde. Den Wohnsitzen und Namen der Kimbern widmet Franz Matthias im Programm des Königlichen Luisengymnasiums in Berlin, 1994, eine Abhandlung, der der „Globus" das Folgende entnimmt: Die Kimbern bewohnten einst, was wahrscheinlich bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. den Kultur- Völkern bekannt war, als ein mächtiger Stamm zwischen Nord- und Ostsee die Halbinsel, welche nach ihnen heißt, entweder in ihrer ganzen Ausdehnung oder mindestens die reiche» Marschen der Küste von Kap Skagen bis zur Wesermündung, westlich schloß sich daS Teutonen gebiet an. Durch Senkung der Küste wie Kinderreichtum trat dann Landnot ein, und ein Teil der Kimbern wanderte aus. Immerhin blieben noch genug zurück, und so konnte denn auch Tacitus in seiner„Germania" nach den Berichten eines Augen- zeugen von gewaltigen Bauwerken auf der Kimbrischen Halbinsel erzählen; damit sind wahrscheinlich die riefigen Ringwälle und Hünengräber zwischen Elb- und Wesermündung bei Sievern im Lande Wursten gemeint, welche die größten in Norddeutschland sein dürften. Ptolemäus kennt 159 n. Chr. diese Germane» nur noch an der Nordspitze Jütlands. Daß sie aber die ganze Kaiserzeit hin- durch sich hielten, dafür sprechen drei dem MercuriuS Cimbrius oder Cimbrianus, d. h. dem kimbrischen Wodan gewidmete Keilinschriften aus dieser Zeit, ferner zwei Stellen bei Claudia». Die letzten Kimbern dürften sich, gleich den übrigen Stämmen der Halbinsel, an dem großen Eroberungszuge nach Britannien beteiligt haben. Die Landschaft am Lijmfjord heißt noch heute Himbärsyffel oder das Himmerland. Der Name Kimbern iF von einem alt-- germanischen, an der ganzen Nordseeküste verbreiteten Thema Kimber gleich Kante, Rand. Ufer abzuleiten. Kimbern bedeutet also Leute vom Rand, von der Küste des Meeres, von der Water» kant.— Aus dem Tierleben. gz. Entstehung der Pflanzen galten. Die seit- samen kugeligen oder wulstigen Auswüchse, die man oft an Eichen-, Rosen- und anderen Blättern bemerkt, die sogenannten Pflanzen- gallen, beherbergen bekanntlich Larven von Insekten in sich. Offen- bar sind es auch die Gallwespen, welche diese Mistbildungen an Pflanzen hervorrufen. Nun steht so viel bereits fest, dast es nicht etwa der Stich der bereits ausgewachsenen Gallwespe ist, durch den die Bildung von Gallen erfolgt. Das Insekt sticht mit seinem spitzen Legestachel in die Pflanze und schiebt in die dadurch entstandene Oeffnung seine Eier. Austerdem lästt es in diese eine Absonderung fliesten, die die Eier in der Pflanze festhält und die Oeffnung ver- klebt. Früher meinte man, dast diese Absonderung die Wucherung des Pflanzengewebes erzeuge. Allein dies ist nicht der Fall, die eiablegende Wespe ist an der Hervorrufung der Gallen nicht beteiligt, es sind vielmehr nur die aus den Eiern ausschlüpfenden Jungen, von denen der Reiz zur Gallenbildung ausgeht. Nun ist die Meinung geäußert worden, dast das mechanische Bewegen der Zellensubstanz durch die Mundwerkzeuge der Larven den Anstoß zu der Wucherung gebe. Nach anderer Ansicht soll dagegen von einer Absonderung der Larven dieser Anstost ausgehen. Neuerdings hat Röstig die Bildung der Pflanzengallen(„Zoolog. Jahrbuch", 20. Bd.) untersucht. Sehr bemerkenswert ist, dast die Larve und die Galle sich nicht in gleichem Tempo entwickeln, sondern dast die letztere ihr Hauptwachstum bereits vollendet l>at, wenn das Tier erst wirklich zuzunehmen beginnt. Röstig erklärt diese Tatsache so, dast die Larve die Nahrung, die sie im Anfang aufnimmt, nicht zum Aufbau ihres Körpers braucht, sonder» als eine Absonderung von sich gibt, welche die Bildung der Pflanzengalle hervorruft. Hat diese erst ihre völlige Aushildung erlangt, so hat die Larve einen großen Vorrat geeigneter Nahrung um sich, und sie nimmt nun rasch zu. Auch nach Rötzigs Ansicht wäre es demnach die Absonderung der Larven, welche die Gallen- bikdung hervorruft. Nur müssen die Organe gefunden werden, aus welch'» die Flüssigkeit abgesondert wird. Aber gerade das hat seine Schwierigkeiten. Besonders Drüsen sind weder im Innern des Körpers, noch auch auf der Haut des Tieres zu entdecken. Es müßten höchstens Drüscnorgane vorhanden sein, welche sonst einem anderen Zlvecke zu dienen pflegen. Man könnte namentlich an die Speicheldrüsen- denken, deren die Larve zwei besitzt, die jedoch in einen gemeinsamen.Kanal ausmünden. Allein diese Organe sind sehr wenig entwickelt, während sie bei nichtgallcnbildendcn Wcspenarten viel stärker ausgebildet sind. Auch ist es darum unwahrschinlich, dast die Galle durch eine Absonderung der Speicheldrüsen erzeugt würde, weil die letzteren noch gar nicht funktionieren, wenn das Wachstum der Galle schon beginnt. Dagegen können die sogenannten Malpighischen Gefäße die gesuchten Organe sein. Es sind Ab- fonderungsorgane, welche, ähnlich wie bei Höheren Tieren die Nieren, im Körper unnütz gewordene Stoffe absondern. Diese Malpighi- s.chen Gefäße sind nun bei den Galstvespcn ganz besonders kräftig ausgebildet, und sie sind auch von Anfang an in lebhafter Funktion. Ihre Form variiert sehr stark bei den einzelnen Arten von Wespen, und vielleicht steht damit die große Mannigfaltigkeit der Gallen in Zusammenhang. Denn selbst an einer und derselben Pflanze werden von den verschiedenen Insekten ganz verschiedene Gallen- formen hervorgebracht.— Technisches. gr. Die Feuersaefahr der L i ch t s ch ä ch t e. Die in vielen Gebäuden anzutreffenden Lichtschächte bilden eine besonders große Feuersgefahr. Sie wirken nämlich auf ein ausgebrochenes teuer schornsteinartig, so daß die Flammen und die sich bildeirden eizgase innerhalb de-Z Lichtschachtes bald alle brennbaren Stoffe ergriffen und vernichtet haben. Demnach werden die in den Licht- fchacht mündenden Fenster sehr bald zerstört z die Holz rahmen verbrennen und die Glasscheiben der Fenster zerspringen. Dadurch be- kommt nun das Feuer ungehinderten Zutritt zu all' den Räumen, hie Fenster oder sonstige Oeffnungen nach dem Lichtschacht hin haben. Besonders schlimm wird gewöhnlich die Wirkung des Feuers in Gebäuden mit Lichtschächten, wenn die Bewohner die Türen der Wohnräume auflassen. Natürlich wird durch ein solches Verhalten das Feuer noch mehr angefacht, weil nun der Lichtschacht in Ver- dindnng mit den in den einzelnen Etagen offen stehenden Türen einen äusterordentlichen Zug auf den Brandherd auszuüben vermag. Bei Bränden in Häusern mit Lichtschächten hat sich oft gezeigt, dast, wenn Fenster und Türen geschlossen sind, dem Feuer dadurch doch so lange Widerstand geleistet wird, bis die Feuerwehr er- schienen ist. In solchen Fällen waren z. B. die Holztüren an der Vrandseite schon vollkommen verkohlt; immerhin hatten sie aber verhindert, daß die Flammen in die dadurch abgeschlossenen Lagerräume gelangen konnten. Aus Gründen der Feuersicherheit wird daher jetzt empfohlen, die Türen nach den Lichtschächten mit Eisenblech zu verkleiden und— wenn irgend möglich— die Fugen durch Asbestcinlagen abzudichten. Hierdurch- wird der Widerstand der Verschlüsse zum Lichlschachte zu so vergrößert, dast selbst bei grösterc» Bränden die oberen Etagen verschont bleiben. Die in einen Lichtschacht mündenden Fenster sollten ganz allgeniein aus Eisenrahmen mit Drahtglasscheiben bestehen. Derartige Scheiben zerspringen nicht und schmelzen erst bei längerer Einwirkung einer Hitze von 1100 Grad Celsius. Glas mit Drahteinlagcn behält Vcrontwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: auch feine Widerstandskraft, wenn es bei Löscharbeiten mit Wasser bespritzt iverden must. Die im Interesse der Feuersicherheit wiinschens- werte Abdeckung des Lichtschachtes sollte aus den eben angeführten Gründen ebenfalls mit Drahtglas ge'.stehen. Sollen derartige Dächer begehbar sein, dann müssen die Drahtglastafeln etwa 11 Millimeter stark gewählt werden. Kommt dieser Gesichtspunkt nicht in Betracht, dann genügt eine Stärke des Drahtglases von vier Milli- meiern, um genügende Feuersicherheit zu biete». Noch vorteilhafter ist es aber, wenn überall dort, wo man bisher Glas mit Drahtglaseinlagen zu benutzen pflegte, die sogenannten Luxferprismen verwendet iverden. Dieses Glasmaterial trägt zunächst ivesentlich zur besseren Beleuchtung von Räumen durch Tageslicht bei. Es ist also schon in dieser Hinsicht dem durch seine Drahteinlagen viel Licht verschluckenden Drahtglase überlegen. Die Luxferprismen schmelzen aber auch erst bei längerer Einwirkung einer Braudteinperatur von 1200 Grad Celsius, und sie erhöhen die Feu«»- sicherheit noch dadurch, dast sie elektrolytisch fest mit den Rahmen verbunden werden. Bei Brandproben har man mit derartigen Elektroglasabschlüssen ganz ungewöhnlich günstige Ergebniffe in bezug auf Feuersicherheit der so geschützten Räume erzielt.— Humoristisches. — Je n a ch d e m.„Ah, auch Dil hier, lieber Freund! In Geschäften oder zum Vergnügen?" „Ja. wie>nan's nimmt, niein Lieber: Mache ich Geschäfte, so ist's eine Vergnügungsreise, mache ich keine, so ist's eben eine Geschäftsreise."— — Verrannt. Leutnant:„Wer von Euch Kerls ging denn gestern abend mr mir vorüber, ohne Front zu machen? Zum Donnerwetter, wenn ich mir hundert dämliche Gesichter merken mutz, könnt Ihr Euch doch wohl eins merken."— — Eine originelle E n t s ch u l d i g ll n g. Der kleine Franz:„Bitt' schön, Herr Lehrer, entschuldigen S', dast ich später komm'. Wir kriegen heut' Kinder— zweie sind schon da!"— — Erster Gedanke. Strasten Passant:„Mein Herr, Ihr Dackel hat mich in die Wade gebissen!" Redakteur:„Hm... haben Sie mir vielleicht schon ein- mal Gedichte eingeschickt?"— („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. —„ S i nr p l i c i u s ein neues Bühnenwerk des Schau- spielers Friedrich Kaystler, wird Ende Januar im Neuen Theater in Szene gehen.— — Joseph W e r k in a n n hat ein neues Volksstück vollendet, ein Ehedrania, das den Titel„ I u st i n e D u n k e r" führt.— — Auch der Lokalpatriotismus hat's nicht schaffen können. Hartlebens Studcntcnstück ,. I m grünen Baum zur Sk a ch t i g a l l" ist auch in Jena durch- gefallen.— —„Die vernarrte P r i n z e st", eine neue Oper von C h e l i u s, wird Anfang Januar am Schweriner Hof- Theater aufgeführt werde». Der Text stanunt von Bier- bauin, und gewidmet ist das Werk der Königin Margherita von Italien.— — Nach dem Münchener Vorbilde ist an der W i e n e r T i e r- ärztlichen Hochschule eine Klinik für kranke Fische errichtet ivorden. Die Anstalt soll in erster Linie der Erforschnng der Fischseuchen dienen.— — Ans der Sternwarte in Nizza tvurde eiil neuer Komet entdeckt. Der Haärstern steht gegenwärtig zwischen dem Sternbild der Kassiopeja und dem Widder, inr sogenannten Triangel.— t. Die goldene Lavoisier-Medaille, die dazu be- stimmt ist, die größten Leistungen auf den: Gebiete der Chemie zu ehren, ist von der Pariser Akademie der Wissenschaften in diesem Jahr an James D e w a r für seine Forschungen über die Ver- flüchtigung der Gase verliehen worden.— — Stach einer Mitteilung der„Münchener Allgem. Ztg." aus Berlin ist es gelungen, dein Spiritus durch Zusatz eines O e l e s die Fähigkeit zu geben, dast er o h n e A n w e n d u n g eines Glühkörpers mit hellleuchtender Flainme brennt.— — Das längste Testament in der Welt dürfte das de? englischen Pfarrers I. Hülse sein, der von 170S— 1790 lebte. ES besteht aus einem Bande von 400 engbeschriebcnen Seiten.— — Im französisch-italienisch-schweizerischen Alpengebiet haben sich im letzten Sommer 160 Menschen totgefallen. Zwei Fünftel davon waren �Deutsche.— — Reicher F i s ch g r u n d. In der I l l e r fing unlängst eine Dame aus München im Verlauf einer Swnde vier Huchen, die zusannnen 64 Pfund wogen. Das Einzelgewicht betrug 23, 22, 12 und 7 Pfund.— Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin L1V.