Mnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 251. Donnerstag, den 22. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) 171 Ick bekenne. Roman von Clara Müller-Jahnke. Ich wußte ja nicht einmal, wie diese Sünde hieß. Ich suchte sie in meinem Trotz, meiner Verzweiflung, meinen tausenderlei Lügen und Heinilichkeiten,— ich suchte sie in der Verfehlung gegen die Gesetze der Gesellschaft, in der Uebertrctung religiöser Gebote. Nur in dem Einen suchte ich sie nicht, in dem allein sie wurzelte und stand, aus dem sie emporgeschossen war wie eine düfteschwere Giftblume aus den Fiebersümpfen Pontiniens: In der Hingabe an einen Fremden, ohne die vollbewußte Liebeskraft des Weibes, ohne den heiligen Schöpferwillen der Natur. An Leben und Tod, an Vernichtung und Auferstehung habe ich in fener Stunde gedacht, nur an Vinccnti nicht. Auch nicht mit einem Gedanken. * Dann kamen wieder Augenblicke, in denen ich alles, was mich beängstigte, für einen wüsten Fieberspuk hielt. Ich kniff mich mit den Nägeln, ich stach mit Nadeln in das eigene Fleisch, um mich aus dem grauenhaften Traumzustaud zu erwecken. Mitunter stieg dann ein frohes Lachen aus meinem Herzen empor: ich träumte ja bloß, da ich dm Schmerz nicht empfand: wahrhaftig, ich träumte-- und es hätte nur einer ener- gischen Willensanstrengung bedurft, um mich empor zu richten und mir die helle Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen... Nur, daß es zu dieser Willensanstrengung niemals kam! Das ging so weiter zwischen Weinen und Lachen, zwischen Verzweiflung und völliger Stumpfheit bis in eine schwarze, sturmdurchtobte Novembernacht hinein. Ich war am Einschlafen, Liebling. Auf jener klardunklen Grenze zwischen Wachm und Schlaf, wo die Eindrücke des Tages verschwimmm und so manche längst begrabene Er- inncrung in seltsam scharfm, leuchtenden Umrissen von der dunklen Fläche der Nacht sich abzuheben scheint. Eine köst- liche Ermüdung ging durch meine gequälten Glieder, und ich streckte mich mit einem tiefen, befreienden Seufzer wie zum letzten Schlummer aus. Da— plötzlich— durchzuckte es mich wie ein elektrischer Schlag! Ausrecht saß ich mit einem Ruck: das Blut drohte, mir die Adern zu zersprengen,— beide Hände hielt ich gegen die Brust gepreßt. Meine Blicke bohrten sich in die unergründliche Finsternis: mit allen meinen Kräften leuchtete ich in das eigene Innere hinab. In mir, in meinem eigenen Sein, rührte eine Hand an mein Herz, die nicht die meine war... Das war der geheiligte Augenblick, jener einzige Augen- blick im Leben des Weibes, mit dessen schwindelnder Empfindungshöhe sich kein Schaffensstolz, kein Kräftetriumph des Mannes zu messen vermag. Wehe dein Weibe, das dieser Augenblick in den Tiefen der Verzweiflung überrascht! Wehe mir! Und nun war alles klar! Jetzt gab es kein Schwanken mehr und kein Zagen. Jetzt hieß es: Hindurch!— Was weiter kommen würde, sollte mich nicht mehr kümmern. Jetzt hatte ich Kraft. Auch die Kraft zur Lüge. Als ich am nächsten Morgen mit gelbbleichem Gesicht und tiefliegenden Augen am Kaffeetische erschien, dämmerte meiner Mutter eine Ahnung der furchtbaren Wahrheit auf. Sie sah mich lang mit seltsam verängstigten, forschenden Blicken an. „Du trinkst nicht, Wilma?" „Danke. Ich mag nicht. Ich Hab' Eile, bin sowieso eine Viertelstunde verspätet. Du weißt, wie bös es ist, wenn ich zu spät komme." „Du siehst aber sehr schlecht aus. Laß absagen, Kind, leg Dich wieder hin." „Das geht nicht. Du weißt es längst. Wer sollte mich ver- treten? Daß ich elend aussehe, bemerkt mein Chef gar nicht; das ist meine Privatangelegenheit. Quäle mich doch nicht, Mutter." Sobald ich aber an der Tür stand und meine Jacke zu» knöpfen wollte, griff ich plötzlich mit beiden Händen in die Lust. Meine Mutter umfaßte mich und geleitete mich zum Sofa. Als ich die Augen wieder aufschlug, da saß sie neben mir, todblaß, als sei ihr soeben ein Gespenst vorbeigegangen. Und sie legte die zitternde, welke Hand auf die meine... Dann fragte sie. Hätte sie gesagt:„Mein Liebling, hast Du einen Mann zu lieb gehabt, viel zu lieb, so sage es mir. Deiner Mutter— Ich hätte die Arme um ihren Hals gelegt und mit einem Aufschrei der Erlösung ihr alles, alles eingestanden. Denn der Name„Mutter" war mir in dieser Nacht so heilig geworden, daß mich ein Schauer der Ehrfurcht vor mir selbst durchrüttelte. Aber sie fragte anders. In harten Ausdrücken fragte sie, die mich wie Peitschenhiebe trafen. Mit einem verständnislosen Groll, mit einer Bitterkeit, die mir den Hals zuschnürte �.. Sie sprang nicht hinzu wie eine Mutter, die ihr Kind in Todes- gefahr sieht, sie schmähte wie eine Dame der Gesellschaft, die vor etwas Unerhörtem stand. Sie glaubte auch nicht an das, wonach sie fragte. Ich richtete mich hoch auf. Ich sah sie an, als habe sie in einer unverständlichen Sprache zu mir gesprochen. „Krank bin ich. Ja. Uebcranstrengt. Ick werde mit dem Arzt sprechen. Und wenn ich erst gehört habe, was mir fehlt und was ich tun soll, werde ich es Dir sagen, ohne daß Du nötig hast, mich zu schmähen." Dann ging ich hinaus, langsam, ohne mich noch einmal umzublicken. Auf der Straße Hab' ich leise vor mich hingelacht. Gelacht aus ungeheuerer Angst vor dem neuen Schreckbild, das vor mir aufgetaucht war... Wenn ich meinem Kinde die Lüge als Mitgift in das Leben gäbe! Die Lüge und die Verderbtheit und all' die Gemeinheit, die wie hungriges Raubzeug durch die Finsternis kriecht und dem gehetzten Flüchtling auflauert! Wenn mein Kind mit dem Mal auf der Stirn geboren würde! Herrgott, Herrgott!— Und während ich meinen Leit- artikel schrieb. Hab' ich gebetet. Zu einem Gott, an den ich nicht glaubte. Gebetet, daß er mein Kind nicht die Heuchelei entgelten lassen möchte, zu der ich verurteilt war,— daß er mich unter der Wucht der Verachtung zusammenbrechen lasse, doch von meines Kindes Schultern jede Bürde hebe. Gott half mir nicht. So mußte ich mir selber helfen. Ich erfand also die Notwendigkeit einer spezialärztlichen Konsultation,— und meine Mutter glaubte mir. Ausspannung— Ruhe für ein paar Monate. Doch jetzt noch nicht, noch nicht! Vorher mußte ich noch viel Geld verdienen, mußte sparen, damit meine Mutter wäh- rend meiner Abwesenheit leben tonnte. Und nun kam das ärgste: die mitleidigen Blicke der guten Bekannten. Jedem einzelnen mußte ich erzählen, was mir fehlte, was zu tun mir geraten sei, zu welchem Arzt ich ginge... Und das allcrallerschwerste. Du: der Brief an den Mann — und die Antwort! Die Hundertmarkscheine. Vier Scheine. Und der Todes- schweiß auf meiner Stirn dazu— Zu seiner Schwester sollte ich gehen, ihr Pension geben. So blieb das Geld doch in der Familie. Aber nichts verraten, nicht ihn verraten! Um des guten Beispiels willen nicht! Es sollte den Anschein haben, als ob ich seiner Beichtkinder eines sei, dem er liebreich Und väterlich aus der Not hülfe. Natürlich müsse ich vorher übertreten, damit das Kind katholisch getauft werden könne. Dann kam eine Stelle in diesem Liebesbriefe, die wörtlich lautete: „Du gebrauchst in Deinen Briefen so oft den Ausdruck: „Dein Kind" als wolltest Du dies Dein ganz besonders be- tonen. Zu allererst, liebe Wilma, ist es doch das Deine. Mir könnten bei derartigen Wendungen ganz sonderbare Gedanken kommen."—. � Vier Wochen lang Hab' ich mein armes Gehirn zergrübelt darüber, was ich nun tun sollte. Gegen den Uebertritt zu sein Kirchs bäumte sich jede Faser meines gemarterten KorperS«mf. Und doch— doch: wohin sollte ich gehen?— Immer näher schob sich die schwarze Wand, immer «drückender erschien mir ihre drohende Wucht. Zu seiner Schwester wollt' ich schon gel>en, nach der Haupt- stadt, wo mich niemand mehr kannte, wenn es nicht anders sein konnte,— aber den Glauben wechseln? Niel Welchen Glauben hätte ich denn auch wechseln sollen?! Jetzt nicht ein Jota mehr lügen, als um der Mutter willen unumgänglich nötig war! Nicht ein Jota mehr!— Ich ließ mir Urlaub geben auf unbestimmte Zeit. Unter dem Vorwand, daß ich eine längere Spezialkur gebrauchen müsse. Meine aschgraue Farbe, mein schleppender Gang sprachen zur Genüge. Und dennoch. Du. ist niemandem in meinem Heimatstädtchen eine Ahnung der Wahrheit gekommen. Wenigstens habe ich nie einen Laut darüber gehört. Eine entfernte Verwandte, die in den letzten Tagen zu Besuch bei uns war. hat vielleicht einer allgemeinen Stimmung Ausdruck gegeben mit den tastenden Worten: „Wenn ich nicht wüßte, Wilma, daß Du Wilma Dalken- berg bist, so könnte ich auf wunderbare Gedanken kommen—" Ich bin nicht rot geworden, als sie das sagte. Alle Scham war ertrunken in dem Meer von Lüge, Furcht und Verachtung, das mich umwogte, in dem großen, großen Unglück. Die Verachtung für ihn, der mich in dieses Meer hinab- gestoßen, trug hundertfältige Frucht. Ich lernte die gesell- schaftlichen Institutionen, die geheiligte„Sitte" verachten, der ich bis dahin nur stumm und duldend getrotzt. Ich kannte die Demut nicht mehr gegen den. der mich schlug. Ich litt mit einem innerlichen, schrecklichen Lachen, wenn auch schweigsam und geduldig äußerlich; denn ich litt für mein Kind. An einem regengepeitschten Februartage nahm ich Ab- schied von der alten, weinenden Frau und begann den lang- famen, grauenvollen Aufstteg nach Golgatha. ** Wenn Du mich fragen solltest, Seele, ob iq jemals bereut, was ich getan, was ich erlogen und was ich gesündigt habe, ich würde Dir stolz und lächelnd antworten: Nein! Lächelnd, mein Liebling Ich habe noch niemals eine Tat bereut. In den Tagen meines Jammers nicht, aus einem dunklen, instinktmäßigen Naturgefühl heraus,-- heute nicht in dem reifen Bewußtsein meiner Wesenheit, für die eine jede Tat ein blüte- und fruchtbringendes Samenkorn, für die eine jede Lüge eine im Feuer geläuterte Wahrheit geworden ist. Ich möchte mich nichr anders sehen, wie ich bin. Und Du auch nicht, Liebling. Auf dem Schmerzensacker meines Lebens ist mein Talent erwachsen. Was ich erdichtet und geschrieben hatte, ehe Vincenti in mein Leben trat, war dumpfes, sentimentales, anempfundenes Zeug. Die Quelle meiner Lieder ist hervorgesprudelt unter seiner. Hand. Und so heiß ich ihn in Augenblicken der Verzweiflung auch gehaßt, so tief ich ihn in den Stunden der Erhebung ver- achtet habe, so stark empfinde ich es heute in dem klaren und ruhigen Lichte der Herbstsonne und erkenne es an voll reifer Demut: daß ich ihm Dank schuldig bin. Auf jener grauenhaften Fahrt, mitten durch Sturmgeheul und Regengeprassel hindurch, auf dieser Fahrt, auf der ich niemanden bei mir hatte als das Kind, das mit den zarten Händchen an mein Herz schlug wie mit dröhnendem Hammer- schlag-- Auf dieser grauenvollen Fahrt habe ich Vincenti zum letztenmal gesehen. Auf einer Zwischenstation erwartete er mich. Als der Schnellzug die knatternde Fahrt verlangsamte, als das Knarren der Räder unter mir für einen angstvollen Augenblick stille ward, da war es mir, als ob der Pulsschlag stockend innehielt in meinen Adern. Ich spähte durch das regenbeschlagene Fenster hinaus. Da stand er. Abgezehrt und blaß. Das war das erste, was ich sah. Im Römerrock. Den runden, schwarzen Filzhut tief in die Stirn gedrückt. Die flackernden Blicke dem heranbrausen- den Zuge entgegengespannt-- Er streckte mir die Hand entgegen. Und seine Blicke suchten und suchten, suchten irgend etwas an meiner Gestalt. �Vincenti!"— ».Komm." In heller Angst war er, daß jemand unS zusammen sehen konnte. Und trotz dieser rasenden Angst in ihm hatte das Miß- trauen ihn mir in den Weg getrieben. Wenn ich nicht so in allen Tiefen vernichtet gewesen wäre, dann, o Du, dann...! So folgte ich ihm, wie ein Lamm dem Schlächter an die Fleischbank folgt. In der großen, mit künstlichen Blattgewächsen dekorierten Wartehalle des Bahnhofes saßen die Honoratioren des Städtchens bei Bier und Skat. Sie blickten interessiert von ihrer geiswollen Beschäfttgung auf, als der Priester in den Saal trat in Begleitung einer hoch» schwavgeren Frau. Ueber sein Gesicht ging ein fliegendes Rot. Ich fühlte es in meinem Munde, wie seine Zähne aufeinander schlugen. Meine Zähne ruhten festgepreßt aufeinander. Ich lächelte nur.— Er drängte mich in das Damenzinuner. In den roten Plüschpolstern brach ich kraftlos zusammen. Wir waren ganz allein. Er stand dicht neben mir. Und ich, einer plötzlichen Eingebung folgend, hob die ohnmächtigen Arme zu dem Vater meines Kindes empor.... Um des Kindes willen. Da geschah etwas, das ich in alle Ewigketten nicht ver- gessen werde. (Fortsetzung folgt.) meltblick:) Bölsche-Biicher sind Feste. Naturfeiern! Festliche Wanderstunden sind's, Wanderungen in§ Grenzenlose. Unzählig find die Straßen, die in Zeit und Raum führen, und jede Grcnzferne lehrt, daß neue Fernen über sie hinaus sich dehnen. Bölsche ist Philosoph und Kl istler, Morscher und Dichter. Ntonistisch ist seine Phantasie, die wunderbar spricht, aber er ist kein Phantast:„Die Phantasie des Menschen braucht noch immer nicht Halt zu machen. wenn sie sich wirklich eins fühlt mit der Natur". BölfcheS Phamafie ist naturalistisch, sie lebt von den Pulsstlägen, die in der Natur das Leben treiben und gestaltend, umgestaltend getrieben haben und treiben werden von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ein wahrhaft erstaunlich großes Erinnerungs- und Ahnungsvermögen schafft in Gedanken die nie beendete Schöpfung nach. Alle Zersplitterung ist überwunden, Festigkeit und Gleichgewicht ist ge» Wonnen auf der höheren Stufe, die überall zur Einheit verbindet. Die finsteren Abgründe des JgnorabimuS— wir werden nichts wissen I— schließen sich, überall liegen schreckenloS nur auf- dämmernde Fernen. Der lückenlose Zusanimhang im All gibt Halt, er gibt Weltvertrauen. Aus den Lücken, die die Forschung noch zu schließen hat. quillt nicht der hämische, höhnende Pessimismus, sondern höchster Denk- und Forscherreiz. Eines Tages wird diese Lücke hier und jene dort sich füllen, die Ungebrochenheit der Natur zeigt sich an neuen Stellen, wo die Zweifelsucht einklammerte, und ein neues Stück Poesie hat sich aufgetan. Bon der Poesie monistischer Weltbetrachtung sind die Bölsche- bücher blühende Zweige. Sie beugen sich tief unter ihrer sastbeladencn, bunten Last, und alle Sinne hängen in schlürsendem Genießen an ihrer Herrlichkeit. ES ist nicht der Reichtum deS Wissensinhalts, der diese Wirkung tut. Er ist eS wenigstens nicht in erster Linie. DaS Entscheidende wirkt vielmehr dieser ganz besondere Stil, und zwar nicht deshalb, weil er geistvollste Sprachkunst eiNfaltet, sondern weil seine Bewegungen so sehr dem Stoff innerlich verwachsen find, dem Bölsche nachgeht. Das ist das Merlwürdige: in seinen darstellenden Entwickelungen arbeitet ein Bewegungsgesetz, das ganz dem großen geschichtlichen Naturprozesse angepaßt ist. Es gibt in der Natur keine alleinzige gerade Entwickelungslini«. Von jedem neuen Punkte zweigen sich inS Neue führende EntwickelungSbahnen ab, und Bölsche verfolgt diese Bahnen nicht nur vorwärts zum Resultat, sondern auch rückwärts zu den Ausgängen. Vorloärt» und Rückwärts spielen gleichzeitig, durchkreuzen sich, wirken ineinander und ergeben so diese erstaunlich mannigfaltige Lebendigkeit, die auf allen Blättern BölscheS sich bewegt und die dein Ganzen die Stimmung gibt. EntwickelungSstinimung l Sie hebt mit den ersten Sätzen des Büches an und erobert den Leser schnell. Das Vorwort beweist es. Es»st Symbol der Art des ganzen Werkes.„An Einem, in Einen» hängt alles." Ein Landschasts- ild aus dem Gebirg zeichnet sich hin. AuS dem Riesengebirge. Zwei Granitblöcke, silbergrau, grün übermoost, und darunter plätschert»md klingt ein Forellenbächlem. Dunkele Fichten, hellgrüne Farne. ein rotbüschelfruchtendes Ebereschenbäumchen darüberhin, Baumstümpfe umher und Sonnenzauber durch Blätter und Nadeln niederflimmernd. Ein winziges Bild, daö immer so ') Wilhelm Bölsche: Weltblick. Gedanken zu Natur und Kunst. Dresden, Karl Reißner.— bleibt,.und doch liegen hier Welten".«UeS— Granit, Blatt, frucht, Wasser. Sonnenspiel— ist Wegweiser und Schlüsselhüter der wigkeit. Urzeit und Gegenwart verwachsen. Fragen und Rätsel erwachen. In der Quelle leben, auf den grünen Zweigen wachsen sie. Alle Sehnsucht der Religion. alle Geheimnisse deiner Kunst, o Mensch I So in die Natur zu sehen, das, du Mensch von heute, ist dein Menschenlos! Und dann ein neuer Nawrlaut, der eine Gedankenferne aufschließt:„Eine Finkenstimme lockt leise aus den grünen Bergen.„Vogelsprachenkund wie Salomo" heißt es in dem Schwalbcnliede aus der Jugendzeit. Aber es heißt dort so vom „Kindermund". Jung werden, nicht alt mit allem Weltblick,— das ist die große Ausgabe. Wieder Kindermund— und doch vogelsprachenkund." So klingt das Vorwort fernschauend aus. Weltfroh, im Reichtum neuen Wissens und Tnipfindens sonnig beseelt. Die Stiimnung des Buches ist gegeben. Und nun hinein in die unerschöpfliche, wunderreiche, wonnige Welt I Bvlsche ist ein Meister im Bauen von Gedankenbrücken. Er grübelt sich seine Konstruktionen nicht ab. Die Bogen schwingen sich leicht und frei, und seine Arbeit jubelt. Es ist etwas Ge- waltiges, was er den Sinnen begreiflich machen will, und das spürt man in seinem— Pathos. Wirklich, von Pathos darf und muß man reden. Aber natürlich ist es inhaltsschwer: Pathos der Empfänglichkeit sowohl als der Verkündigung. Weil er den Wunder- reichtum der Wirklichkeit verkündigen will, reagiert er so empfänglich auf all das Natürliche und Zufällige der Land- schastsbilder. Die Berliner Wasserwerke am Müggelsee haben etwas von Abteistil in ihrer Bauart. In den Küfern umher pflegen sich die heimkehrenden Stare ini Mmz zuerst zu sammeln. Ihr Lied ist der Ostergruß der Natur. Der Klostertypus der Wasser- werke weckt aber die Erinnerung an ein anderes Ostcrgrüßen: an Glockengeläut. Nun bewegt sich das Gedankenspiel zwischen Staren« lied und Glockengetön. Wilder Naturlaut und stilisierte fast ein- geformelte Mcnschenkunst. Das rauschende und summende Starenlied aber ist ein.Lied von den unbegrenzten Möglichkeiten" der Natur- entwickclung. In dem Liede tönt es von dem großen Natur- geheimnis. Eben weil wir heute so viel innigere, festere, weitergcspannte Beziehungen zwischen den Naturerscheinungen zu knüpfen wissen, haben wir erst den Begriff für seine Größe ge- Wonnen. Und für den Wert der geringsten Einzelheit. Die Empfin- dung, die den Star im Frühling zum Singen drängt, kennen doch auch wir Menschen. Eine neue Beziehung, ein neues Spüren des Geheimnisses l Wir haben unsere besonderen Osterträume der Menschenkultur..Was sind sie anders, als selber kleine feine Wellen der allwaltenden kosmischen Zeugungskraft, Wellen des gleichen Prinzips, das Kristalle und Pflauzen, Planeten und Sonnen gebaut hat, Realitälen in alle Unendlichkeiten der Form hinein I" Und nun nimmt Bölsche den Flug zu den Höhen und Weiten der Sternen- und Sonnenallwelt, den Flug, den keiner zuvor so verstand wie er. „Die Glucke bannt mich in ein enges Haus. Und mit meinen Staren dort kann ich über alle Welten schweben. Und ich lausche ihrem Summen— in allem wirren Klang ist jetzt doch etwas wie ein ferner Glockenhall. Nicht so nahe, so einfach, wie wir das lange gedacht haben. Aber doch auch eine Glocke..." Solche Glocken tönen überall in den Bölschebüchern. Wie in allen früheren, so auch in diesem. Und Bölsche lehrt, dem heimlichen, verschollenen Getön zu lauschen. Man muß nur die Wege vom Lebendigen aus rückwärts, abwärts und aufwärts und nach allen Seiten zu finden wissen. Wer das vermag, dem wird alles Tote lebendig. Eben weil eS im Lebendigen aufbewahrt ist. Schreiten, Graben und Fliegen muß man können, und bei Bölsche kann man es lernen. Eine nützliche Kunst! Denn die Zukunft fordert Menschen, die sich auf große Gesichtsfelder verstehen. AllcS aufgespeicherte Naturwissen wird doch erst dann kulturell wertvoll, wenn es zum Blutbildner einer großen Weltanschauung gedeiht, die alles in fester Verkettung zusammenfügt und eins durch das andere in seinem Sinnwerte bestimmt und ausdeutet. Die bedeutsame Fruchtbarkeit des Monismus wird auch in dem neuen Bölschebuche gerade dort äugen- fällig fichtbar. wo Tatsachen der menschlichen Kultur ergriffen, durchleuchtet und in das Weltganze eingegliedert werden.„Gedanken zur Natur und Kunst", heißt Bölsches Buch im Untertitel. Eine Reihe Auffätze machen es zu einer Ergänzung von Dingen, die namentlich in dem prächtigen Bande.Hinter der Weltstadt" abgehandelt wurden. Alles ist hier dem einen Grund- gedanken eingesponnen, daß auch in der menschlichen Kunst eine der im Allgememen der Natnr schaffenden Kräfte sich äußert. Die größte KristS, die unsere Zeit in ihrem tiefsten Geistes- leben überall heute zu bewegen beginnt, nennt Bölsche die Krisis unserer neuen Stellung zu dem Begriff.Natur" überhaupt. Sie gilt ihm— und erhält damit ihre volle Wucht— als Einleitting einer ganz großen religiösen Erschütterung und Er- Neuerung. Der neue Inhalt deS Begriffs gibt aber auch das Mittel, Dinge, die bisher schablonenhaft auseinander- systematisiert wurden, in ihrer inneren Verbindung zu erkennen: Forschung und Kunst. Sie haben ihre Unterschiede, gewiß. Aber in einer höheren Einheit fließen sie zusammen: in ihrer Bestimmung als Element der EntWickelung des Menschen. Und hier enthüllt sich sonnig die Kulturbedcutung der monistischen Weltanschauung. Hören wir Bölsches Worte: »Die Ideale selbst, nach denen der Künstler seine Beobachtungen' elementar umschafft, besser, reicher schafft, find in nicht? verschieden von denen des Naturforschers. Sobald die Frage auftaucht: in welcher Richtung sollen wir denn nun bessern, tauchen au» dem elementaren Grunde des Menschen s dieses sich ent- wickelnden Naturstücks) auch immer die gleichen Wünsche auf: Harmonie, Rhythmus, Friede, Liebe, Gerechtigkeit, immer schmerzloserer Sonnenflug, Genüsse höchster Art in Erkenntnis und Schön» heit. Alle Technik ringt und ringt nur nach dem gleichen Ziel, das die Dichter gesungen, die Maler gemalt, die Bildhauer gemeißelt, die Musiker in Harmonien über uns ausgeströmt haben. Der äußere Schönheitsmensch, der körperliche Jdealmensch, den in höchster Stunde der inneren Wunsch-Schau die größten Bildhauer gesehen und in Marmor zuerst wie in einer ersten Projektton des Ideals verkörpert haben:— er ist genau so das Ziel aller Hygiene, aller Rassen- Züchtung, wie es die Naturforschung in der leiblichen Realität aller Menschen erreichen will. Der Traum einer Weltregierung durch Liebe, wie ihn die Dichter, zumal die großen religionstiftenden Dichter geschaut und in ewigen Gedichten und Evangelien nieder» gelegt haben,— er ist auch das Ideal aller sozialen Entwicklung� aller realen Hoffnungen auf Besserung der Dinge durch Beherrschung der Natur,— er ist das große Zukunftsbild einer Menschheit, die sich selber zum liebenden Gotte wird, weil sie Gottesmacht über die Naturkräfte erlangt und zugleich diese Naturkräfte dirigiert auf die größtmögliche Harmonie der Welt." Diese Gedanken sind eine Hochwarte, von der auS auf Bölsche» ganze Arbeit ein beherrschender Blick zu gewinnen ist. Von hier aus erkennt man so recht: Höchster Knlturzweik ist der Sinn dieser Arbeit, wirkt als Trieb in ihr. Diese Physiognomie des Kämpfers— denn daS ist der Denker und Dichter Bölsche— deS Kämpfers, der sich weite ideale Kulturziele steckt, tritt in aller Deutlichkeit hervor. Auch als einer, der positive Arbeit leisten will, bleibt er der Methode treu, an allen sich bietenden Punkten anzusetzen. Das gerade ist ein Gewinn monisttscher Naturdeuduig: es gibt keine toten Punkte in der Natur, alles entwickelt sich. Und wir Menschen machen in nichts eine Aus- nähme. Was wir uns an gesellschaftlichen Institutionen geschaffen haben, ist als Menschenwerk nicht über die Natur hinausgehoben.. ES hängt von ökonomischen Bedingungen ab. die hin» wiederum von dem Drängen nach einem leichteren Gewinn der Mittel zur Lebensfürsorge abhängig sind, und erweist sich in seinen letzten Wirkungen als wichtiger und wichtigster Faktor der EntWickelung der Gattung Mensch. Also ist eS selbst veränderlich, d. h.: es entwickelt sich. Da aber erst uns der Zu» sammenhang zwischen diesen menschlichen Einrichtungen und dem Gattungsgedeihen sich klar erschlossen, so haben wir als Folge dieser Erkenntnis auch einen Gewinn an Energie zu verzeichnen, bewußt an der richttgen Stelle einzugreisen, um bestimmte EntivickeluugS- Wirkungen zu erzielen. Bölsche also gehört zu denen, die von dieler Energie menschlichen und damit menschheitlichen Entwickelnwollen» mit heiligem Feuer durchglüht sind, und so hat es einen inneren Grund, wenn er sein Werk, in dem die Lust: in dem unerschöpflich reichen Weltbilderbuche organischen Lebens vor- und zurllckzublättern, sich unernuidlich ergeht, ausmünden läßt in„Gedanken über die Schule". Alles hat seine„Welffeite"— selbst die Frage um die Bestini» mung des Verses im Drama, über die ein Abschnitt des Buches sich verbreitet. Ihre Weltseite hat also auch die Frage der Schul» entwickelung. Nicht nur die EntWickelung durch die Schule, sondern die Entwickelung der Schule selbst, die aber in der Höherentwickelung jener besteht. Bölsche packt mit wissender Hand in den Wirrknäuel schulreformerischer Strömungen hinein. Die Schule kann nur ge» deihen in intensivster Verbindung mit dem lebendigen Geistesgewinn der Zeit. Wir haben gegen alles Alte unsere neue Geistes» kulttw: Naturwissenschaftliche und ästhetische Forderungen. die sich das moderne Leben mächtig erobern. bezeichnen ihr Wesen und ihre Kraft. Aber eben die Naturwissenschaft gab uns auch größere Einficht in die geistigen Fähigkeiten und EntwickelungS- Möglichkeiten des Individuums. Welch unendliche Verschiedenheit! Und davon hat alle Schulreform auszugehen. Nicht damit beginnt das Lehramt, schnell Wissen in die unentwickelten Köpfe zu bringen, die erste Aufgabe ist, die Zöglinge kennen zu lernen. AuS dem Ergebnis kommt der Lehrplan.„Die Aufgabe der Schule ist. etwas zu finden und zu entWickel n." Und so erhebt Bölsche folgerichtig seine Sttnnne für eine Individualisierung des llnier» richts, und mit Vorschlägen, wie dieses Ziel prakttsch zu erreichen sei. schließt er sein Buch. Zwei Ziele hat er bei diesen Vorschlägen im Auge, und er glaubt, seine Idee ftihrt auf den richttgen Weg:„Sie bringt einen Vorteil für das ganze Reale, den Existenzkampf, die Berufs- und Brotfrage. Und sie bringt auch einen für das Ethische der Erziehung, sie sucht eine ewige Quelle des Mißlichen, Unsrohen, Widerwärtigen zu verstopfen." Wahrlich, daS Verstopfen dieser Quelle bedeutet Gattungs» gewinn. Was für die Entwickelung der geistigen Kultur nottut. da» ist eine Entlastung der Jugend von allem. Ivas die Schule zu einer drückenden und verfinsternden ZwangSanstalt macht. Bei der Jugend muß eingesetzt werden, wenn der neuen Generation zu» fallen soll, was als höchste ethische Forderung mit Bölsche» Worten lautet: „Heller sollen wir die Welt machen." In diesem Worte enthüllt sich die Weltsette aller Schulsragen. Naturwissenschaftlich und ästhetisch muß alle Bildung durchtränkt tyerden. damit der Kulturmensch al« höchsten geistigen Besitz den Weltblick erwirbt, der ihn in allen Dingen und Vorgängen die Welt- feite als den wesentlichen Kern erkennen läßt und durch diese Er- kenntnis daS Handeln bestimmt. Der Weltblick findet und weist die Bahn zur neuen gesellschaftlichen und zugleich natürlichen Sittlichkeit, um die wir unseren Kulturkampf kämpfen. Franz Diederich. kleines Feuilleton. c. Eine Todesfahrt mit dem Automobil. Die Empfindungen S Automobilfahrers, der in einem Wettrennen dahinsaust und plötzlich einen Sturz erleidet, schildert mit großer Anschaulichkeit der amerikanische Fahrer George Arents, der mit seiner Maschine in rasender Fahrt einen schweren Unfall erlitt und für tot vom Platze getragen wurde, während sein Chauffeur wirklich den Tod erlitt. Das Rennen fand am 8. Oktober statt. Arents kannte jede Kurve des WegcS. Dazu stand ihm eine vorzügliche Maschine zur Ver- fügung, und er selbst fühlte sich frei von jeder Nervosität. Es war ein frostiger Morgen. Der Chauffeur Karl Mensel meldete, daß alles in Ordnung sei. Die Fahrt begann. Sie stürmten die Land- straße hinab, an der die Bäume wie schweigende starre Schild- wachen standen. Immer schneller jagten sie vorwärts, auf das Ziel zu, und der Sieg schien ihnen zu winken.„Auf einmal," so erzählt Arents,„fühlte ich, wie die Maschine zitterte. Ein scharfer, knirschen- der Ton drang zu meinen Ohren. Wenn man so eingefahren ist mit seiner Maschine wie ich, dann sind Wagen und Fahrer nur eine Person, gehören so eng, so innig zusammen, daß jede kleinste Schwan- kung der Maschine sich augenblicklich auch dem Manne bemerkbar macht: ich verspürte sogleich eine Veränderung des Rhythnrus in den Rädern, es war mir wie eine Unruhe im eigenen Blut, ich fühlte diese ruhige, unbewegliche, starre und tote Erde, über die wir dahin- fausten, und sie schien sich mir wie ein drohendes Verhängnis gegen uns zu erheben, wie mit Klammern sich an den Wagen zu hängen. Auch Meusel fühlte ein nahendes Unheil: er saß fest am Lenkrads wie immer, ein Teil der Maschine selbst. Mir schien unsere Schnellig. keit dieselbe zu sein wie früher: doch das knirschende Geräusch schien zu wachsen, anzuschwellen. Ich kann das, was dann geschah, nicht in der momentanen Plötzlichkeit beschreiben, in der es sich ereignete. Unendlich viel langsamer sind die Worte, aber meine Gedanken folgten in rasender Hast dem schnellen Sturze. Immer heftiger wurde das Geräusch: und mit dem Schwirren in der Luft mischte sich ein Sausen, atemlos sich überstürzend schoß die Maschine vor— da, ein jäher Ruck, ein Stoß, eine Erschütterung des Körpers und ich fühlte, daß mein pfeilschnelles Hinstürmen durch die Luft ging und ich nicht mehr die Maschine unter mir hatte. Ich wußte ganz genau, daß ich nun durch den weiten Raum schnellte, und daß die Fahr- straße tief unter mir lag, ein weit aufgetaner grausiger und tiefer Abgrund. Es war mir, wie wenn ich einen Kopfsprung von einem sehr hohen Brette herab täte, und ein drehniges, schwindelndes Ge- fühl schlang Dämmerungen und Nebel um mich. Dann hörte ich aus weiter Ferne gedämpft, doch gräßlich hallend einen schrillen Schrei die Stimme eines Menschen in größter Todesangst.„Meusel ist auch hinausgeschleudert," dachte ich. Darauf traf mich etwas wie ein schwerer dumpfer Schlag hinten auf den Schädel. Mir war's, als sänke ich in eine weite Finsternis: ein großes Schweigen umfing mich, die Stille einer laugen Nacht.... Plötzlich schoß durch diese Dunkelheit ein dämmeriges graues Licht: ich fand mich in einem kleinen Zimmer: mein Körper schien mir wie versteinert. Ich ver- suchte nachzudenken, doch ich vermochte mich auf nichts zu besinnen, endlich fand ich meine Stimme wieder:„Wo bin ich?" Eine junge Dame beugte sich über mich und küßte mich weinend. Wer war das? Langsam erkannte ich diese lieben Züge und merkte, daß es meine Frau war, und langsam erinnerte ich mich an meine Wettfahrt, die ich unternommen, an den Unglücksfall, an Meusels Todesschrei. Und allmählich erfuhr ich, daß ich im Krankcnhause lag, daß mein Schädel beschädigt, mein Gesicht schwer verletzt war, daß mir ein Ohr abgerissen und ein Schulterblatt gebrochen worden, daß Meusel tot war...."— Geographisches. en. Ein verschwindender See. Einer der größten und bekanntesten Seen Jnnerafrikas, der T s ch a d- S e e, ist scheinbar in unaufhaltsamem Verschwinden begriffen. Der französische Oberst Lenfant, der sich um die Erforschung der Landschaften in der Um- gebung dieses noch immer sehr ansehnlichen Wasserbeckens in den letzten Jahren die größten Verdienste erworben hat, legt durch eine Schilderung und eine Kartenzeichnung in der Wochenschrift„Mouve- ment Geographiquo" dar, um wieviel der Tschad-Sec im Lauf der letzten Jahrzehnte kleiner geworden ist. Namentlich aus der Karte ist deutlich zu ersehen, daß sowohl im südlichen wie im nördlichen Teil des Sees eine Verlandung in großem Maßstab stattgefunden hat. Der Tschad-See erhält sein Wasser einmal durch den Regen- fall, zweitens durch den Schari und seine Nebenflüsse und endlich durch zahllose kleinere Wasscrläufe, die während der Regenzeit das Wasser aus angeschwemmten Gebieten der Nachbarschaft ableiten. Danach ist es begreiflich, daß der See seinen Wasserstand schon während der verschiedenen Jahreszeiten erheblich verändern muß. Im Januar erreicht er seinen höchsten Stand, wie eS natürlich ist, tveil in den Tropen der Winter sich als Regenzeit äußert. Da die Regenfälle aber in ihrer Menge recht unregelmäßig sind, verliert der Tschad-See dauernd an Wasser, und seine Tiefe beträgt jetzt nur höchstens noch 4 Meter. Außerdem zehren an ihm gleichzeitig die Sonne, der Wind und der Erdboden, da auch letzterer große Wassermassen verschlingt. Vor einem Jahrzehnt konnten die an seinem Ostufer wohnenden Kuri-Neger mit ihrem Vieh trockenen Fußes die Fläche des Sees durchschreiten. Lenfant hält es nach seinen Untersuchungen für wahrscheinlich, daß der Tschad-See schon in seiner nahen Zukunft nichts mehr weiter sein werde als eine sumpfige Ebene, auf deren Wassern man auch nicht mehr mit einem kleinen Boot werde fahren können. Auch jetzt ist die Schiffahrt dort schon sehr behindert. Der von den Franzosen für den Verkehr auf dem See erbaute Dampfer konnte in den letzten Jahren während der Trockenzeit mit voller Ladung schon nicht mehr die Barre über- schreiten, die der Schari-Strom vor seiner Mündung aufgebaut hat, weil dort nur noch zwei Fuß Wasser waren, während selbst in der günstigsten Jahreszeit nur noch zwei Schiffe mit einem Tiefgang von 1,20 Metern dort zu passieren vermögen. Früher hat man ge- glaubt, daß der Tschad-See sich in demselben Verhältnis nach Westen ausdehnt, wie er im Osten an Boden verliert. Diese Ansicht hat Lenfant zunichte gemacht, indem er nachweist, daß der See von allen Seiten mehr und mehr eingeengt wird. Nur an einer einzigen Stelle scheint die Uferlinie noch beständig zu sein, und nur hier kann man landen, ohne genötigt zu sein, noch 2<>— 25 Kilometer weit durch Schlamin und Sumpfgras zu waten, ehe man wirklich festen Boden erreicht. Selbstverständlich haben diese natürlichen Veränderungen auch auf die Besiedelungcn der Ufer einen großen Einfluß aus- geübt. Das von Barth und Overwcg erforschte Dorf N'gigmi ist überhaupt verschwunden, und der Platz, wo es früher stand, liegt jetzt 25 Kilometer vom See entfernt. Die früheren Bewohner dieser Ortschaft haben sich dann eine andere Stadt gebaut, die der Afrika- reisende Foureau 1899 am Ufer des Sees entdeckte. Jetzt liegt auch dieses junge Negerdorf bereits wieder 5 Kilometer von der Küste ab. Ebenso ist es allen anderen Ortschaften ergangen, die noch vor ver- hältnismäßig kurzer Zeit unmittelbar am Gestade des Sees lagen. Sogar in der Mitte des Wasserbeckens finden sich weite Flächen, auf denen das Auge kaum noch Wasser, sondern nur Sumpfgewächse wahrnimmt. Je flacher der See wird, desto schneller verdunstet natürlich das Wasser, so daß die Kräfte, die am Verschwinden des Sees arbeiten, mit der Zeit immer wirksamer werden. Es wird für' die Geographen von großem Wert sein, das weitere Schicksal des mächtigen Seebeckens, dessen Fläche in den Lehrbüchern noch auf 27 099 Quadratkilometer im Durchschnitt und 50 000 Quadratkilo- meter nach der Regenzeit angegeben wird, zu beobachten. Allerdings sollt« man meinen, daß ein vollständiges Verschwinden nicht ein- treten könnte, weil die zahlreichen Gewässer der Umgebung auch später immer noch einen Sammelplatz wenigstens nach der Regenzeit brauchen würden.— Humoristisches. — Milder nderUm st and. Ida:„Was, Emmy. mit dem du m m e n Menschen läßt Du Dich ein— der hat ja ein Brett vor'm Kopf!" Emmy:„Ja, aber ein Zahlbrettl"— — Nach der Jubiläumsfeier. A.:„WaZ, einen großartigen Toast habe ich gestern ausgebracht I" B.:„Kein Wort hast Du gesagt!" A.(nachdenklich):„Hm, soll ich denn da schon auf dem Polizei- b u r e a u gewesen sein?"— („Luftige Blätter".) Notizen. — Im Schweizer Natioualrat wurde der Vorschlag gemacht, in der Schweiz eine„S ch i l l e r- S t i f t u n g" ins Leben zu rufen. Junge, vielversprechende Talente sollen durch Stipendien gefördert, verdiente alte und invalide Dichter unterstützt werden.— — Zum Bewiebe, der in der Fricdrichstraße, Ecke des Weiden- dammes zu errichtenden ,. K o m i s ch e n O p e r" hat sich eine Ge- sellschast gebildet. Künstlerischer Leiter wird Direktor Gregor. Man hofft, das Theater Mitte Oktober 1905 eröffnen zu können.— —„Rübezahl", eine abendfüllende Oper von Hans Sommer, geht als nächste Neuheit im Opern hause Ende Januar in Szene.— — In Nürnberg hat man die Gründung einer Gesellschaft für fränkische Geschichte beschlossen. Die neue.Vereinigung soll systematischer als es bisher geschehen konnte, für Veröffent- lichung von Quellen der fränkischen Geschichte— der politischen, der Vcrfassuugs- und Wirtschaftsgeschichte— Sorge tragen und zu Forschungen und Darstellungen auf diesem Gebiete anregen.— Ir. Auf den letzten K u n st a u k t i o n e n in London hat sich ein auffälliger Rückgang für moderne Bilder bemerkbar gemacht. Dagegen find Bilder alter Meister, besonders Bilder der italienischen Schulen, bedeutend im Preise gestiegen.— — Eine prächtige römische Tempelanlage lvurde bei P o I a in Jstrien freigelegt. Der Tempel ist halbkreisförmig an- gelegt und hatte im Mittelpunkt ein großes Standbild. Münzen des Claudius, die mau im Schutt fand, weisen auf die frühe Kaiserzeit hin.— (Cerantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin L�V.