Nnterhallungsblatt des Dorwärts Nr. 252. Freitag, den 23. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) ist Ick bekenne. Roman von Clara M ü l l e r- I a h n k e. Er streckte den Arm zur Abwehr aus. Und ich fühlte, wie er mit all' seinen Sinnen in das Nebenzimmer lauschte. Da saßen ein Paar jüdische ftaufleiite beim Skat.— da hob ein christlicher Amtsrichter den Winterüberzieher vom Kleiderständer und spitzte, das Kleidungsstück auf dem Arm. neugierig die Ohren, neugierig auf jedes Wort, das der Priester mit der schwangeren Frau zu wechseln hatte in dem Damen- zimmer nebenan. Ich sah das alles durch die eichene Tür hindurch. Als die Schritte des Richters verhallt waren, beugte sich Vincenti mit einer raschen Bewegung zu mir herab, um mich zu küssen. Nun hob i ch den Arm zur Abwehr. „Mütterchen!"— Die ganze Weichheit slawischer Liebkosungen drängte sich in diesem einen Wort zusammen. Und die ganze Härte meines nordischen Naturells, das im Feuer geschmiedete Eisen meines Wesens erwiderte auf den kosenden Laut: „Wir wollen vernünftig sprechen." Ich sah, wie ein Aufatmen durch seinen geschmeidigen Körper ging. Wir sprachen vernünftig. Ich trank ein Glas Wein. Als er zahlen wollte, legte ich trotz des Schauders, der durch meine Adern kroch, meine Hand auf seinen Arm: „Laß!"— llnd i ch zahlte. Für mein Kind. Mit hocherhobenem Haupt, mit funkelndem Blick ging ich an den Skatspielern vorbei. Ein Gewaltiges wuchs in inir aus den Trümmern meines bisherigen Seins. Ich Hab' ihm nicht die Hand zum Abschied gegeben. Und als wiederum die Räder unter meinem zitternden Körper knarrten, fühlte ich um meine Stirn ein freiheitliches Wehen.-- Zum letzten Male hatte ich diesen Mann gesehen. Ich wußte es ganz bestimmt. Und dies Bewußtsein war für mich ein wunderbares, in meinem grenzenlosen Elend mich mit Lebenskraft durchflutendes Glücksgefühl. « Während ich die Stirn an das bereifte Coupefenster preßte und auf den flackernden Lichtschein hinausstarrte, der mir die nahenden Stationen verkündete, stieg ein rettender Gedanke aus ruhenden Tiefen zu mir empor: Elfriede Günther! Sie wohnte und wirkte in der Hauptstadt. Tie war vor langen Jahren lieb und gut zu mir gewesen. Sie würde es auch heute sein. -Und pfeifend und fauchend fuhr der Zug auf dem Bahn- Hofe ein. Als ich mich von der Bank erhob, griff ich, von einer schon einmal erlebten, plötzlichen Vision genarrt, in die Maschen des Netzes über mir: ich war wieder ein Kind von sechzehn Jahren, und das Leben, das lachende, goldene Leben wartete auf mich, die ganze Schürze voll blühender Rosen... O Du. das Leben! Wo warst Du, mein Liebling? Erkannte mein irrender Blick Dich nicht unter der hastenden Menge da draußen? Tauchte keine rettende Hand aus den brausenden Wogen empor? Da stand eine Frau mit hartem und prüfendem Blick. Diesen Blick kannte ich. Neben ihr ein junges, ariffallend hübsches Mädchen von zwanzig Jahren vielleicht. Ich hatte ein Taschentuch um den Arm gebunden als Er- kennungszeichen. Wir fanden uns sogleich. Ich erkannte sie an der Aehnlich- ikeit mit ihrem Bruder. Ich hatte es nicht nötig, ihr zu sagen, wie es um mich stand. Sie wußte es. Und sie wußte wohl auch, wer der war, der mein Leben in diesen brodelnden Abgrund geschleift. Lydia Rakowicz hatte eine Droschke bestellt. Und aber- mals fuhr ich im leuchtenden Lichterglanz durch die Straßen der Residenz. Durch breite, flutende Lebensströme fuhr ich bis in die abgelegenen Straßen, wo die fünfstöckigen Häuser schmuck- los und traurig in den aschfarbenen Himmel starren und der bröckelnde Kalk mit dumpfem Schlag auf das zertretene Pflaster fällt... Und im flackernden Lichtschein sah ich eine Dirne hart an der Kante des Trottoirs stehen und die Straße hinunterspähen. Einst hatte ich eine solche Dirne meine Schwester genannt. Da quoll's mir hoch wie ein erstickendes Entsetzen, und nieine Hand griff in die Falten meines Kleides, an die Tasche, in der die Hundertmarkscheine knisterten.... Sie haben mich ohnmächtig die Treppe hinaufgetragen. Ein enger Flur. Als Lydia die Korridortür aufschloß, stand ich schon wieder auf den Füßen: Helena stützte und führte mich. Ihre Hand tat mir wohl. Aus dem Flur traten wir in die Küche, die mir kalt und unordentlich erschien, so viel meine irrenden Blicke zu erfassen vermochten. Die angrenzende„Berliner Stube" war mit den bekannten, stark abgenützten Plüschmöbeln ausgestattet. Ein tafelförmiges Klavier nahm den Ehrenplatz iin Zimmer ein. Vor den Fenstern, die auf einen taufeuchten, schmutzigen Hof hinausgingen, führten ein paar verkommene, halb erfrorene, halb vertrocknete Blattgewächse ein trübseliges Dasein. Lydia Rakowicz war gegen mich von einer schmiegsamen Freundlichkeit, die mich unheimlich berührte. Der großen, harten Frau, die ein schweres Leben durchkämpft und die nun, nachdem sie den Gatten und vier Kinder verloren hatte, durch die Gnade deS Bruders in den Stand gesetzt war. als Zimmer- Vermieterin das Leben zu fristen, stand die Schmiegsamkeit wenig zu Gesicht; sie wirkte abstoßend und anwidernd auf meine erregten Nerven. Und obwohl ich das peinlich empfand, trieb mich doch die Schutzbedürftigkeit des Weibes zum Weibe; und die Geberde, mit der die Frau über die feuchte Stirn der Verfehinten strich, hat mir wohlgetan in jener ersten Stunde. „Hat Ihnen Vincenti geschrieben?" fragte ich, von dem Verlangen gequält, hier sofort mit offenem Visier aufzutreten. „Still!"— Die Frau sah sich wie warnend nach dem jungen Mädchen um.„Er hat mir nicht geschrieben. Ich weiß nichts. Und will auch nichts wissen." Mit einem Ruck schnellte Helena Rakowicz aus ihrer lässigen, halb liegenden Stellung in dem roten Sessel empor. Aus ihren großen, grauen Augen zuckte ein Blitz, einem feind- seligen Geschoß gleich, zu der Mutter hinüber. „Er h a t geschrieben. Ich will es Ihnen sagen. Ich werde Ihnen immer die Wahrheit sagen." Ehe ich auf die raschen Worte zu antworten vermochte. hatte die Mutter eine Flut von polnischen Worte»— von Schimpfworten, wie es mir schien,— hervorgesprudelt. Ihre Augen sprühten Feuer. Helena lächelte verächtlich. Aber ihre Blicke suchten die ineinigen und sagten mir schweigend, daß ich eine Freundin gefunden hatte. Als ich mich in später Stunde auf meinem Bette aus- strecken durfte, lauschte ich noch lange auf das Prasseln des Regens, der klatschend auf das mit Blech beschlagene Fenster- brett herniedergoß. Die Gedanken wollten nicht klar werden in mir. klnd währeird ich die Arme uiiter meinen schmerzenden Brüsten kreuzte, einpfand ich imnier nur das Eiue: Um des Kindes willen.— Alles war still um mich her; im Kabinett nebenan klangen Lydia Rakowicz' gleichmäßige Atemzüge; wo Helena schlief, hatte ich nicht erfahren. Und einer plötzlichen Eingebung folgend, stand ich schwerfällig von meinem Lager auf, tastete an dem Waschtisch herum, bis ich die gefüllte Wasser- karaffe fand, und schlich mich dann an das Fenster, um dem verschmachtenden Philodendron einen frischen Labetrunk zu geben.... * Am nächsten Tage gab ich zunächst meiner Mutter Bericht. Ich schrieb ihr ausführlich, wie ich angekommen und wie die Konsultation bei dem berühmten Spezialisten verlaufen sei. Er erachte einen Aufenthalt von mehreren Wochen für not- wendig: wahrscheinlich werde er auch zu einer Operation schreiten müssen. Dann schrieb ich an Vincenti. Ich sagte ihm mit klaren. harten Worten, daß ich nicht übertreten und hier auch nichts verheimlichen werde. Kochende Wut hat ihm eine gemeine Antwort in die Feder diktiert. Er verlangte,„falls er überhaupt noch meinen Angaben glauben solle", meinen sofortigen Uebertritt und be- schimpfte mich in empörender Weise. Als ich Vincentis Brief empfing, saß ich am Fenster neben dem Philodendron, der unter meiner Pflege den ersten, zarten Sprößling trieb. Ich weiß genau, daß ich während des Lesens die Pflanze beobachtete und mit einer freudigen Empfindung den frischen Trieb an dem erstorbenen Stamme wahrnahm. „Nun, der Herr Bruder schreibt wohl viel Vergnügtes, Panna?"— Die scharfe Stimme Lydias schreckte mich aus meinem verlorenen Sinnen empor. Ich besann mich auf mich selbst und versuchte nachträglich, die Worte zu begreifen, die ich soeben gelesen hatte. „Ja, viel Vergnügtes, Frau Rakowirz. Ich glaube, er freut sich ungemein aus die Zukunft." Ein schiefer, suchender Blick ging über mein Gesicht. Lydia Zuckte die Achseln, stand langsam auf und begab sich in die Küche, wo ich sie alsbald mit der Kaffeemühle hantieren hörte. Da mir selbst die Luft zum Ersticken eng geworden war, beschloß ich, einen Spaziergang auf den nabegelegenen Friedhof zu machen, der während meines kurzen Dortseins das Ziel meiner täglichen Ausflüge geworden war. Als ich die Küche betrat, fand ich sie leer. Frau Rakowirz war wohl zum Bäcker hinübergegangen. Auf dem Kochherde lag ein zerknitterter Briefbogen. Im Vorübergehen warf ich einen achtlosen Blick daraus und er- kannte Vincentis Hand. Ein Schauer überlief mich, ein Schauer der Neugierde oder, besser gesagt, der Begierde, zu erfahren, was dieser Mann seiner Schwester über mich geschrieben hatte. Mein Verlangen sollte nicht befriedigt werden! der Brief war, wie ich mir hätte sagen können, in polnischer Sprache abgefaßt. Nur oben am Rande das Datum war auch oas Datum des Briefes an mich... Als ich noch über den Herd gebeugt stand, legte sich eine weiche Hand aus meine Schulter. Das war Helenas Be- rührung: ich fühlte das, ohne daß ich emporblickte. „Sie tun mir sehr leid," sagte das Mädchen mit gedrückter Stimme zu mir.„Sie sollten offen gegen mich sein, Wil- muschka. Wir sind doch nahe verwandt miteinander. Was gilt des Priesters Segen, wenn der Priester felbst ein Lump ist?" „Helena,"— alles in mir fieberte,—„was Du da sagst, wirst Du vertreten müssen. Tu sprichst von dem Manne, den ich geliebt habe." Sie machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand. „Aus Dir spricht die deutsche Sentimentalität. Wir Polen sehen klarer und empfinden einfacher. Ich kann nur wieder- holen, daß Du mir leid tust. Und nun steh' nicht da und starre in das Feuer, als ob Du ein Gespenst sähest. Gib mir den Arm, komm' in die Luft. Die ersten Schneeglöckchen sind heraus, und Tu hast die Blumen so gern." Ich stützte mich schwer auf den dargereichten Arm. Dann bin ich mit dem Mädchen stundenlang durch den Vorfrühlings- tag gegangen. Unter den kahlen Hecken lag noch schmelzender Schnee. Auf den Gräben schwammen Eissplitter. An den Grabenrändern aber, von der Sonne gesucht und gefunden, wagten sich die ersten grünen Spitzchen hervor... Ein Hauch von Werden und Kommen lag in der Lust. Mir war sterbenselend zu Mute. Als sollte die eisige Decke, die aus meiner Seele lastete, nimmer wieder gehoben werden. „Ich will Dir alles erklären, was Dir noch dunkel er- scheint," plauderte Helena in ihrem scharfen, leicht gebrochenen Deutsch,„mich geht der Oheim Vincenti nichls an. Ich habe meinen Kurt, der ist lieb und gut zu mir; und wenn er sein Examen gemacht hat, wird er mich heiraten. Aber die Maminka unterhalte ich auch dann nicht, das fällt mir nicht ein. Sie hat ihren Sohn, der nicht gut ftin will und sich in der Welt herumtreibt. Für den geht jedes Silberstück dahin, das der Onkel Vincenti schickt. Und nun wirst Du wohl auch wissen, daß sie Dich mit bösen Augen anschaut und daß sie Dich und das Kleine verwünschen und verhexen möchte. Aber sie wagt nicht, zu reden gegen den Oheim, weil sie ganz abhängt von ihm. Und der Oheim ist wahrhastig geizig genug und hätte besser getan, seinen Frieden mit dem Bischof zu machen, als mit Weibern zu charmieren. Wir haben schon einmal eine hier gehabt.. Sie brach plötzlich ab und starrte mich erschreckt an. Ein grauenhafter Ausdruck mußte in mein Geficht getreten sein. Ich hätte in diesem Augenblick mein Kind erwürgt, wenn ich es in den Händen gehabt hätte. „Und diese andere, was ist aus ihr geworden?"— Ich brachte es wahrhastig fertig, zu sprechen, zu fragen. „Ich weiß es nicht. Sie ist krank von uns gegangen," erwiderte meine Begleiterin ausweichend. Ich hätte es auch nicht ertragen können, das Weitere zu vernehmen. So zog ich. da wir inzwischen wieder in die Sttaßen gekommen waren, Helena in ein Cafs, um mir dort Elfriede Günthers Wohnung im Adreßbuch aufzusuchen. Sie wohnte im Zentrum der Stadt, weit, weit von uns. Morgen wollte ich zu ihr gehen. Aber vorher noch mit Lydia Rakowicz sprechen! Zu Hause bin ich angekommen wie eine Sterbende. Und dennoch hatte ich eine solche Willenskraft über meine Schwäche gewonnen, daß ich nach dem Abendessen, das ich nicht anrührte. das furchtbare Thema wieder aufzunehmen vermochte. (Fortsetzung folgt, x (Nachdruck verboten.) Das Äleiknackts-Gesckenk. Der brave Bürger verließ das riesige Warenhaus. Daß er ein braver Mann war, das sah man schon an seinem Aeußeren. Alles an ihm war rund. Rund war die ganze Gestalt, rund das feiste, rote Gesicht und die kurzen, dicken Beine, kugelrund der prachtvolle, wohlhabende Bauch, und in anmutiger Rundung lagerte behaglich auf des Bauches imposanter Wölbung daS äußere Abzeichen behag- lichen Wohlstandes: die goldene Uhrkette. An der Seite des braven Bürgers wogte seine brave Gattin. Sie war wenn möglich noch braver als ihr Gemahl. Alle die reizenden Ginzelnindungen, welche die Natur ihr einst verliehen, waren übergegangen, hatten sich aufgelöst in ein einziges großes Rund, in ein Rund, das nocki niehr Behagen ausströmte als chr runder Gatte. Fast zuviel Behagen! So kugelten beide aus dem lichtdurchfluteten Warenhause auf die hell erleuchtete Leipzigerstraße. Licht hinter sich. Licht vor sich, Licht in sich. Hell strahlte es ihnen beiden aus den runden Augen. Das Licht der Zufriedenheit mit stch selbst, des Wohlwollens gegen andere. Wie sich das ja zum Fest der Liebe von selbst versteht. Das ganze Warenhaus hatten sie durchwandert. Hier hatten sie sich aufgehalten, dort waren sie steben geblieben. Nach den Preisen hatten sie die diensteifrigen Verkäufer und Verkäuferinne» gefragt und freigebig ihr Lob gespendet, ihre Bewunderung ausgedrückt über die vielen schönen Sachen und die billigen Preise. Sogar mit ihrem Dank hatten sie nicht gekargt für die bereitwilligst erteilten Aus- künste. War es doch Weihnachten, wo man schon was besonderes tut. wenn auch die Angestellten schließlich dazu da waren, und sie eS also eigentlich gar nicht nötig hatten. Gekauft batlen sie nichts.„Denn" hatte die sorgliche Hausfrau gesagt,„Männe, wir wollen doch erst noch in das andere Waren- haus gehen. Vielleicht sind die Sachen da noch billiger. Bei der scharfen Konkurrenz, die sich die Warenhäuser machen.. Das wußte sie nämlich, die brave Gattin, das hatte sie kapiert: Die Konkurrenz machte die Sachen so billig I Bot der eine Warenhäusler eine Sache so und so teuer— nein: so und so billig an. dann suchte der andere ihn sicher noch zu unter- bieten. Vielleicht wurde der erstere dann nochmals um so und so- viel billiger. Und wer hatte den Votteil davon? Das kaufende Publikum! War das also nicht eine ganz famose Einrichtung— die Konkurrenz? Wo das Publikum im einzelnen profitierte, und der Kauftnaim am Ende auch noch durch die«Masse, die es bttngen mußte?" Sicherlich! Eine ganz entzückende, eine ganz bttllante Ein- richtung, die Konkurrenz! Wieso diese Billigkeit möglich wurde, da? wußte die brave Gatttn nicht. Von langen, unendlichen«rbeitssttmden, von Sklaverei und Schinderei, von Hungerlöhnen, von Hunger, Kälte und Krank- heit, Rot und Sorge— aus denen diese billigen Preise hervor- gegangen waren, davon wußte sie nichts.— Das konnte sie auch gar nicht wissen. Schon weil sie sich nie danach gestagt hatte. Wozu auch? Das Schöne und Angenehme genießt man eben, ohne lange zu fragen:„Warum und Wieso". Das ist menschlich. Ja, eine solche Fragerei wäre ja direkt lässig, direkt undankbar und beleidigend gegenüber dem gütigen Geschick. Und der Mensch soll nicht un» dankbar sein. Der brave Gatte war nicht ganz so ahnungslos. Aber auch er war dankbar. Ganz besonders dankbar. Denn eine ganz besondere Billigkeit, die er eine Zeitlang hatte bitten können, die hatte ihm ja seinen Wohlstand gebracht. Die anderen, sttne damaligen Kon- kurrenten... Aber was gingen ihn die an? Er war doch nicht für sie verantw ottlich— es waren doch keine klttnen Kinder gewesm. llnd er hatte doch die Welt-,.Ordnung" nicht gemacht. Jedenfalls hatte er zu essen. Und reichlich! Also Ivar die Welt wunderschön I Eine wahre Wut, eine sittliche Entrüstimg hatte ihn oft ergriffen, wenn böse Menschen das bezweifelten oder gar das Gegenteil behaupteten. Und es gab solche Menschen I Wer mit diesen hatte er schon lange nichts mehr zu schaffen. Er dachte ihrer, wenn er überhaupt an sie dachte, mit einer Art überlegenen Mitleids. Jetzt war er eigentlich nur noch Zufriedenheit, ganz Wohlwollen gegen alle Welt. Besonders heute abend. Und mit einem breiten Lachen erwiderte er daher die eifrigen Anpreisungen der zahlreichen großen und kleinen. jungen und alten Straßenhändler, die am Rande des Trottoirs Spalier bildeten. Wie lustig waren aber auch diese Leute selber. Einer überbot ja noch den anderen in schnodderigen, ulkigen Redens- arten. Die Witzworte flogen nur so. Ja, manche brachten sogar ihre Anpreisungen in Reimen vor. In Reimen, die einfach zum Totlachen waren. Und wenn einer eben durch einen schnellen Sprung der Gefahr entronnen war, von einem Omnibus oder einer Droschke überfahren zu werde», so machte er gleich selbst einen saulen Witz dar- über. Ja. sein Nachbar rief sogar:„Fritze, laß' Dir nich' über- fahren— ick weinte mir bot, wenn ick eenen Konkurrenten ver- lieren dähtei" Zu komisch, zu komisch! Und im Ueberniaß angenehmer Stimmung rief der brave Bürger einer Gruppe von Kindern, die rohgeschnitzte, einfache Spiel- fachen feil hielten, ganz leutselig zu:„Na, ihr kleinen Wertheimer, ihr tragt wohl eure Warenhäuser gleich mit euch herum?" „Jawoll, jawoll," krähte ein halbes Dutzend dünne Stimmchen, während ein halbes Dutzend dünne Aermchen ihm die Ware entgegen- reckte. Einen Käufer witternd umringten die Kleinen das dicke brave Ehepaar, indes einer den anderen mit Anpreisungen zu über- bieten suchte, zugleich bemüht, den mutmaßlichen Käufer durch ulkige Zwischenrufe bei guter Laune zu erhalten und seine besondere Auf- nierksamkcit auf sich zu ziehen. Der brave Bürger stutzte. So hatte er das eigentlich gar nicht gemeint, kaufen hatte er von den Knirpsen nichts wollen. Solche plumpen, erbärnilich einfachen Sachen I Diese Zumutung I Halb unwillig, halb verlegen, wollte er schon den Ring der kleinen Belagerer durch- brechen. Aber vielleicht konnte er dem einen oder dem anderen einen Sechser schenken— nicht allein in Worten, nein, auch durch die Tat soll sich die christliche Liebe äußern. Trotzdem wäre er weiter- gegangen— es waren ja keine Bettler, es waren ja Verkäufer— aber da sprach seine Gattin schon den Gedanken aus. der auch ihn eben durchblitzte:„Warte doch Manne I Ani Ende, für die Göhren von unserem Portier und für die von unserer Waschfrau— das wäre vielleicht gar nicht so dumm. Kinderhand ist leicht gefüllt— was verstehen die einfachen Leute von besseren Sachen— und die Göhren machen sie ja doch nur kaput.. Mit dreien der kleinen Straßenhändler war im nächsten Augen- blick ein Kauf abgeschlossen— ja den anderen dreien schenkte der brave Mann sogar noch einen Groschen I Jedem einen Groschen — und das für nischt und wieder nischt. Es war ja Weihnachten. tlnd dann, so sagte auch die kluge Hausfrau:„Da haben wir immer noch verdient. Die müssen die Sachen noch billiger abgeben aks die Warenhäuser es könnten, denn die wollen doch auch verdienen. Jetzt können wir für uns und Krausens immer noch inS Warenhaus gehen." Als das brave Ehepaar nach beendeten Einkäufen mit der Droschke nach Hause gefahren war, da war es noch zufriedener mit der Welt und mit sich selber als gewöhnlich. Besonders mit sich selber. Und das wollte was heißen! Aber wie hatten sie sich auch betätigt I Noch mehrere Male hatte der brave Bürgersmann in die Tasche gefaßt und Nickel verschenkt nach rechts und links. Für nischt und wieder nischt l Einer steinalten Frau hatte er sogar ein klankeS Fünfzigpfennigstück geschenkt I Und daß ihr dankbar und demütig gekrächztes:„Gott vergelt's tausendmal!" ihm eigentlich bvv M. einbringen müsse, wenn der liebe Gott die Bitte der Alten erhörte— das war ihm nur so ganz nebenbei durch den Sinn ge- fahren. Wenn der liebe Gott es nicht tat— er würde ihn nicht mahnen l Gott bewahre I Auch die Dankesworte der Uebrigen wiederholte er sich im Geiste, nicht etwa, weil sie seiner Eitelkeit schmeichelten oder ihm sonst wohltatenl Nochmals: Gott bewahre!„Es ist nur," so sagte er zu seiner Frau unter deren beifälligem Schmunzeln,„daß man sieht, daß die Leute die Wohltat doch wenigstens anerkennen! Es gibt so diele, die denken, man ist ihnen was schuldigt Und man tut es doch nur aus reinem guten Willen— aus reiner christlicher Nächsten- liebe." So sprach der brave Bürgersmann, und seine brave Frau nickte. Und mit wachsendem Wohlbehagen mertten sie, wie eine löst- liche, gehobene Stimmung sich ihrer bemächtigte, eine reine hohe Freude sie erfüllte, so daß ihnen vor Rührung ganz weich wurde um's Herz. Das war eben die reine Freude, die lautere Genug- tuung für das Getane, eine höhere Befriedigung, wie sie eben nur der wahrhaft gute, edle Mensch empfinden kann. Ganz ergriffen saßen sie noch lange beieinander, tranken noch ein paar Flaschen guten, schweren Bordeaux, und fast mit Ver- wunderung wurden sie gewahr, welch feine Gefühle sie zu fühlen imstande waren. Aber bald gewöhnten sie sich daran— sie waren eben noch bessere Menschen als sie selbst geahnt hatten. Und ganz natürlich war es, daß mit dieser Erkenntnis sich ihre Verwunderung in eine respektvolle, gegenseitige Bewunderung verwandelte. Man war eben doch„etwas Besseres"— in jeder Beziehung. Mit dieser köstlichen Selbsterkenntnis gingen der brave Bürgers» mann und die brave Bürgersfrau schlafen und sie schliefen den Schlaf der Gerechten. Ja— der mehr als Gerechten; ihre Gesichter selbst noch verklärt im Schlafe, wie die Gesichter von Kindern, die das Christkindchcn reichlich beschenkt hat. Waren doch auch sie reich. lich beschentt. Beschenkt durch die erhöhte Erkenntnis, daß sie so feine Gefühle fühlen konnten, daß sie noch viel bessere und edlere Menschen waren, als sie bis dahin selbst gewußt und geglaubt hatten. Und das ist ein gar köstliches Geschenk— das �bt das Bewußtsein, die Verdauung und damit auch das Allgemeinbefinden.— _ hg- Kleines Feuilleton. k. Die Launen des Blitzes. Am 25. November schlug der Blitz in Malo-Centre bei Dunkergue in eine kleine Villa, riß den Dach. stuhl ab. zerttümmerte zwei Schornsteine und einen Balkon und drang dann in einen Salon ein, in dem sich die Bewohner des HaujeS, Hauptmann Clavel, seine Frau, ihre Kinder und seine Schwägerin befanden. Mit unglaublicher Geschicklichkeit entführte er aus der Frisur der Madame Clavel zwei Kämme, sengte dabei aber das Haar kaum an; dann zerttümmerte er mit unerhörter Gewalt alles Gerät im Hause, stürzte die Möbel um, warf die Gegen» stände nach allen Seiten, zerbrach die Fenster, hob die Fensterläden aus ihren Angeln und schleuderte sie in die Dünen. durchlöchette Fußböden und stürzte sich in den Brunnen, wo er eine Steinplatte im Gewicht von 80 Kilogramm vollkommen zer» schmettette. Als der bekannte französische Astronom Camille Flam» marion von der Wirkung dieses Blitzes hörte, schrieb er an Clavel. um weitere Einzelheiten zu erfahrt»; dieser erwidette ihm, die Zeitungen hätten noch nicht den hundertsten Teil des Zerstörungs» werkeö berichtet an, unerklärlichsten sei aber, daß die ganze Familie völlig unversehrt geblieben sei. Flammarion erinnert jetzt in„La Revue" daran, wie mannigfaltig und phantastisch die vom Blitz erzeugten Naturerscheinungen sind. In dem erwähnten Falle zum Beispiel ist gar kein Feuer eingetreten, obwohl sich eine so große Hitze entwickelt hatte, daß Metalle und Fenster» scheiden schmolzen, während oft in anscheinend analogen Fällen Heuschober in Flammen aufgehen. Häuser brennen. Balken ver» brennen, Bäume in Brand gesetzt werden und vom Blitz Getroffene voin Kopf bis zum Fuß in Feuer gesetzt find. Am überraschendsten ist die Tatsache, daß die beiden Kämme von der Gewalt des Blitzes aus dem Haar entführt wurden, ohne daß ein weiterer Schaden eintrat. Der Fall steht nicht ganz vereinzelt da; seit langem sammelt Flammarion Tatsachen- Material, daS er in einem kleinen Buch„Les Caprices de la Foudre" bearbeitet. Am 1. Juni 1809 schmolz der Blitz in einem Mädchenpensionat in Bordeaux eine goldene Kette ein, die eine der Damen des Pensionats am Halse trug. Er hinterließ eine schwarze gezahnte Linie, die sich aber bald verwischte. Die vom Blitz getroffene Dame erwachte nach sechs Stunden, ohne irgend welche Schmerzen zu ver» spüren. In einen» anderen Fall strickten zwei Damen ruhig; der Blitz nimnit ihnen einfach die Stricknadel»» fort. Bei einer Abend» gesellschast streckt eine Dame während des GelvitterS den nackten Arm zum Fenster hinaus: ein leuchtender Blitz raubt ihr das Armband. In einen» Wirtshaus wird einem Trinker der Becher von, Blitz a»ls der Hand gerisien und auf den Hof geschleudert. Auf einem Wege wird einem Reiter die Reitpeitsche entrissen. Einen» jungen Mädchen, das vor der Näh», aschine saß, wird die Schere entführt, sie selbst wird vom Blitz ergriffen, umgekehrt auf die Maschine gesetzt. Am 25. Juli 1808 wird ein Reisender in Nantes aus den, Quai von, Blitz ein» gehüllt. Der Blitz entteißt einem Frankstück aus seinen» Porte» monnaie eine Silberschicht, bedeckt damit die beiden Seiten eines Zehnftankstückes, und dies durch eine Lederschicht hindurch.... Die Blitzstatistik hat in Frankreich seit ihrem Bestehe» 6339 Fälle, in denen Männer und Frauen vom Blitze ge» ttoffen»vurden, registriert; Fla»ln,arion hat sie nachgeprüft, si« mit Tausenden von anderen Fällen verglichen und eine Art Klassifikation Begonnen. Warum hat der Blitz oft die Manie. Frauen zu enttleiden und zu necken, so daß es tatsächlich aussieht, als tteibe der Blitz ein tolles Spiel? Die Elektriker suchen solche Erscheinungen durch das Vorhandensein von guten und schlechten Leitern zu erklären. Aber es bleibt doch vieles rätselhast. In der Chronik des Jahres 1904 findet man zwei Fälle von Blitzschläge»� die in ihren Wirkungen ganz entgegengesetzt sind. Am 16. September tvllrde der Abbö Ritter aus Merschweiler bei einem Ausflug auf den Rigi-Kulm vom Gewitter überrascht. Er erreichte ein Obdach, als ein Blitz ihn traf. Seine beiden Begleiter kamen unversehrt davon. Als sie Wiederbelebungsversuche anstellen wollten, fanden sie, daß der Tod schon eingetteten war; merkwürdigerweise ivar die Sutane ganz ge» blieben, dasHemd abervöllig verbrannt. Am 6. August dagegen wurde der Pächter Henri Vandenholt ,n Beverst in Belgien morgens früh um 6 Uhr in» Bett vom Blitz getötet und die Leiche auf den Fußboden .geschleudert. Der Unglückliche war vom Kopf bis zum Fuß verkohlt. aber sein Hemd zeigte nicht die geringsten Brandspuren. Man hat Leute, die unvorsichtigerweise unter einzelnen Bäumen Schutz gesucht haben, vom Blitz gettoffen angefiinden und während die Kleider»in» versehrt waren, zerfiel der Leichnam bei de: geringsten Berührung. Hände waren in Asche zerfallen in Handschuhen, die ganz geblieben wäre»». Das merkwürdigste aber find die Photographien von Baumen und Landschaften, die man auf dem Körper der vom Blitz Gefällten gefunden hat. Solche Fälle sind durchaus nicht selten; Flammarion kennt etwa zwanzig, die völlig authentisch sind.— Kunst. e. s. Der Schwede Carl Larsson, von dem bei Schulte Bilder zu sehen sind, ist ein lustiger Erzähler. Er schöpft aus dem Vollen und streut unbesorgt eine reiche Fülle aus.„Aus meinem Heim" nennt er all seine Bilder, jedes führt diesen Titel— und was sehen wir da? Da sehen wir ein Kind in rotem Kleid im hellgrünen Wald stehen. Wie Larsson diese Bäume malt, so ganz licht und jung. lind blauer Himmel drüber, so frei und weit der Raum. Ein Bach fließt plaudernd zwischen den Stämmen. Dann sehen wir in sein Atelier hinein. Da sitzt seine Tochter, ein blondes kleines Mädchen, auf der großen, großen Holzbanr. Die ist ganz rot und hat ganz groteske Schnitzereien, wie aus nordischen Fabelsagen, zu beiden Seiten an den Lehnen. Und Blechstücke liegen am Boden. Da hat das Kind allerlei Seltsames herausgeschnitten. Ja, ganz Merk- würdiges sehen wir da. Da steht die junge Königin mit einer Blcchkrone auf dem Kopf, und eine Kuh guckt sie erstaunt an. Die Tür stcbt offen, da naht noch der König. Wie ein Märchen mutet es an. Allerlei putzige Behaglichkeit ist hier lustig gestaltet. Uebcrall stehen Blumen auf dem Tisch und Kinder sitzen und lesen und beugen sich still über die Zeilen. Da sitzt Mutter am großen Tisch und schält Kartoffeln, und ein großer Korb, gefüllt mit kleinen Blüten, steht auf dem Tisch, der sonst leer ist. Ueber das Alltäglichste ist ein Zauber gebreitet. Hier ist's gut sein. Eine eigene Atmosphäre spinnt hier ein träumerisch-lebendiges Dasein. Das Leben wird zu einem lustigen Bilderbogen toller und amüsanter Begebnisse, von lustigen Reimen begleitet. So malt Larsson immer wieder dies sein Heim, aber wie er es malt, wie er es sieht I Immer gibt er gewissermaßen die Quintcssenz, ein brillanter Zeichner, ein farbig fein empfindender Maler. Die ganze nordische Fabeswelt wandelt mit ihm, fließt in seine Farben, lenkt seine Linien. Alles redet hier und erzählt. Es ist eine Intimität, die bezaubert, weil sie so natürlich, so unabsicht- lich ist. Er hebt aus dem Alltag ein Märchen heraus, macht das Alltägliche seltsam und sonderbar, nicht prätentiös, vorbildlich, wie es die Erwachsenen lieben, sondern kindlich, lachend, und hinter diesem Lachen steht eine übermütige Liebe. Solche Liebe, wie sie nur der hat, der lange einsam war, eine gerade, volle Natur, die sich hin- gibt, indem sie sich auslebt. Nie illustriert Larsson bloß, so daß er einen Vorgang um seiner selbst willen ausschöpfen will. Er sieht das Leben selbst als ein Vorüberziehen seltsam reizvoller Bilder. Er stellt einen roten Bauerntisch schwer und massig hin, stellt einen weißen Schnörkelstuhl davor, setzt ein Kind unter den Tisch, das lustig hervorschaut, und auf den Tisch verstreut er allerlei Gerät: seine Palette, Pinsel, Tintenflasche und noch viel mehr anderes. Ja, was ist denn da nun dargestellt? In den Farben liegt's, in den Linien, die so klar und fest gegeben sind, in der ganzen abgeschiedenen Ruhe, die der Raum atmet, die Ursprünglichkcit zieht an, nichts ist so gegeben, wie es sein muß und immer gegeben wurde, das Kind ist nicht so, wie sonst die Kinder, es ist etwas Lustiges, Unbekümmertes darin, der Tisch ist nicht so, wie andere Tische, der Stuhl nicht so wie andere Stühle. Gerade in diesem Anderssein liegt der Reiz. Es ist eine abgeschlossene Welt, die der Künstler sich aufgebaut hat. Diese gibt er. Er gibt diesen Kern, den Sinn, sein Eigen. Wie ein lebendig gewordenes nordisches Märchen muten diese Räume an. Da ziehen sich Wellenlinien an der Tapete hin. Rote Bänke und Truhen stehen an den Wänden. Tische stehen davor, so schwer, daß man sie nur mit aller Kraft rücken kann. Und seltsames Schnörkelwcrk an den Wänden, den Bänken, den Truhen. Ueberall jene bäuerliche Farben- freudc, die uns anlacht wie Irisches Erdcnlachen. ' Das ist das Feine, daß es Larsson gelingt, diese märchenhafte, räumliche Stille mitzumalen. Man fühlt, hier ist Ruhe. Ein weit- entlegenes Haus müß das sein. Da kommen selten Menschen hin. Die da sind, erleben alles zusammen. Und da sie sich nun so lange kenneu, haben sie sich alle gern, brauchen aber nicht viel zu sagen und führen so ein reiches Innenleben, in dem sich ihre Natur mit allem drum und dran auslebt. Und an langen Winterabenden raunt das Märchen in dieser Einsamkeitsstille, das Ohr lauscht, horch, da rumort ein Zaubergcist, und die Tropfen fallen vom Dach.— Geologisches. — Vorkommen von Graphit in Böhmen. Wie O. Bilharg in der„Zeitschrift für praktische Geologie" ausführt, besitzt Böhmen zwei räumlich getrennte Fundstätten von Graphit und graphitführenden Gesteinen: die eine auf der böhmisch-mährischen Grenze, die andere im südlichsten Teile des Böhmerwaldes. An erster Stelle sind es besonders Phillite und Tonschiefergneisse, welche, namentlich Ivo sie reich sind an Schwefelkies, durch Aufnahme von Graphit in Graphitschiefer übergehen. Weit beachtenswerter !'edoch ist das Graphitvorkommen im südlichen Böhmerwalde, owohl der räumlichen Verbreitung als auch der Regelmäßigkeit des Vorkommens»ach. Auf böhmischer Seite nehmen die graphit- führenden Schichten ihren bedeutungsvollsten Anfang beim Orte Schwarzbach, verlaufen von da zunächst etwas nördlich bis Stuben, wenden sich dann östlich gegen Krumau, um von da aus am Rande des Granulitstockes des Plausk-r Gebirges vorbei wieder eine rein nördliche Richtung einzuschlagen bis in die Gegend von Netolic. Ueberall auf diesem langen Zuge läßt sich das Vorkommen als eine Einlagerung im Gneiß erkennen, d sicn äußerer Habitus sich stark verändert hat; Kalklager scheinen dabei eine wesentliche Rolle zu spielen.— l,. Prometheus.") Technisches. ss. Ein Leuchtturm auf offener See. Einer der meistgefürchteten Punkte der Atlantischen Küste Amerikas ist das Kap Hatteras, das etwa unter der geographischen Breite der Insel Kreta liegt. Hier schiebt sich nämlich eine Untiefe, die sogenannten Diamantbänke, noch etwa 17 Meilen ins Meer vor. Der auf dem Kap Hatteras stehende Leuchtturm genügt daher kaum, den Schiffern eine in allen Fällen hinreichende Sicherheit zur Vermeidung der gefährlichen Stellen zu bieten und das zu seiner Unterstützung weiter hinaus stationierte Leuchtschiff ist auch nicht unbedingt zuverlässig, weil es seine Lage in der Strö- mung zeitweise verändert. Man hat sich daher seit langer Zeit mit dem Plan getragen, auf dem äußersten Punkt der Sandbänke noch einen Leuchtturm zu errichten, hat aber bisher immer die enormen Schwierigkeiten eines solchen Baues in verhältnismäßig tiefem Wasser und auf unsicherem Untergrund gescheut. Jetzt hat ein hervorragender amerikanischer Wasserbau- Ingenieur auS Boston ein neues Projekt eingereicht, das bereits angenommen worden ist. Der neue Leuchtturm soll 60 Meter hoch und an einem Punkte errichtet werden, wo der Meeresboden während des Hochwassers über 18 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Der Turm, der ein Leuchtfeuer ersten Ranges erhalten soll, wird ganz aus Stahl erbaut werden. Er muß Wohnräume für die Familien von zwei Wächtern, ferner Räume für Lebensmittel, für die Be- leuchiungsmaschinerie und für den Betrieb einer sehr kräftigen Sirene enthatten, außerdem eine Kammer für Apparate zur Wellen- telegraphie. Selbstverständlich wird der Leuchtturm auch telephonisch mit dem Festland verbunden werden. Der Baumeister hat sich bereit erklärt, den Leuchturm nach der Fertig- stellung ein Jahr lang auf seine Kosten im Betriebe zu er- halten. Danach wird die Regierung der Vereinigten Staaten seine Bewirtschaftung auf vier weitere Jahre übernehmen und ihn dann, wenn er sich bewährt hat, für etwa drei Millionen erwerben. Nach- dem der Leuchtturm von Armen auf der felsigen Untiefe, die der süd- sicheren Halbinsel der Bretagne vorgelagert ist, glücklich vollendet worden ist, kann kaum bezweifelt werden, daß auch der kühne Bau am Kap Hatteras gelingen wird.— Notizen. — Dem Dichter Hans Grasberger und Rudolf Falb soll in ihrem Geburtsort Obdach(Steiermark) ein Denkmal errichtet werden.— — Von der preußischen Akademie der Wissenschaften ist ein Archiv für griechische Inschriften begründet worden. Das Archiv soll Haupt- und Sammelstelle für das von der Akademie herausgegebene Corpus der griechischen Inschriften sein. Die Leitung ist Professor Hiller von Gärtringen übertragen worden.— — Das Neue Theater hat Hartlebens„Angele" erworben.— — Der„Totentanz", ein dreiaktiges Tanz- And Singspiel von Josef Reiter, wird am Hof- Theater zu D e s s a u die Uraufführung erleben.— — Im Residenztheater zu Dresden wurde das vier» aktige Schauspiel„Falsches Ziel" von Fritz Werl(Dora Duncker) mit Beifall aufgenommen.— — Der vor kurzem verstorbene Maler Jules Raeymaekers hat sein in der Gemeinde Houffalice(Provinz Luxemburg) gelegenes Haus dem belgischen Staat mit der Bestimmung vermacht, daß eS Künstlern, die Landschastsstudien in den Ardenucn machen wollen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt werde» soll. Doch darf kein Künstler das HauS länger als zwei Jahre bewohnen.— — Zu Ostern 1906 wird in Heidelberg eine A n st a l t für Krebsforschung eröffnet.— — Für künstlerisch veranlagte Frauen der ärmeren Volksschichten errichtet die Stadt P e st eine Frauen-Gewerbeschule. Gegen geringes Entgelt wird Sticken. Weben, Sammetbrennen, Ent- werfen und Ausführen künstlerischen Kleiderschmuckes, Porzellan- malen usw. gelehrt.— — Der Verbrauch von Pferdefleisch in Paris ist in den letzten Jahrzehnten sehr stark gewachsen. Im Jahre 1872 wurden noch nicht 6000 Pferde geschlachtet, im Jahre 1903 dagegen mehr als 36 000, das Jahr 1901 wird es auf die Zahl von etwa 45 000 bringen.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 25. Dezember. iverantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin LW,