Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 255._ Donnerstag, den 29. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) 21] Ich bekenne. Roman von Clara Müller-Jahnke. Er beschim�'fte mich zum zweiten Male auf eine Weise, daß mir ein physischer Ekel die Kehle zusammenpreßte. Das Kind sei nicht das Seine. Denn— so argumentierte er— ein wohlausgewachsenes Kind komme nicht acht Monate nach der Empfängnis auf die Welt! Er habe schon lange Argwohn gehegt, sich durch meine erheuchelte Ehrlichkeit aber immer wieder düpieren lassen: auf dem Bahnhofe in K. schon hätte ich seinen Blick nicht zu ertragen vermocht. Die evangelische Taufe des Kindes habe ihni endlich die Augen geöffnet,— und wenn ich das erpreßte Geld nicht in möglichst kurzer Zeit an ihn, der sich selbst in äußerster Bedrängnis befinde, zurück- erstatte, so werde er gezwungen sein, seine Maßnahmen gegen mich zu treffen. Weißt Du, mein Liebling, ich bin ganz ruhig die Treppen zu Elfriedens Wohnung hinaufgestiegen, bin lächelnd an der mich entsetzt anstarrenden Wärterin vorübergegangen und habe später auf Elfriedens Vorwürfe nur die eine Antwort gehabt: „Jetzt dürfen Sie sich über nichts mehr wundern, Fräulein Günther. Am wenigstens darüber, daß ich gesund und kräftig bin. Ich könnte auch nicht auskommen ohne eine volle Menschenkraft."— Bis ich allein war-- Oben in meinem Zimnier brach ich vor meinem Bette in die Knie. Da hatte ich nicht mehr die Kraft, mich zu entkleiden. Und so: auf den Knieen, das Gesicht in die-Kissen gepreßt, habe ich gelegen— die ganze Nacht. Und habe gebetet. Wild und heiß. Habe geschrieen zu dem, der über den Wolken wohnen und die Geschicke der Menschen lenken soll mit seiner Vaterhand. Habe nur das Eine, Einzige erbeten,— für ein ganzes, zertretenes Menschenleben nur die Gewährung der einen Bitte erbeten:„Laß mein Kind sterben! Laß es sterben, Herr!"— Als die Glocken von der nahegelegenen Domkirche den Charfreitag einläuteten, als die laue Morgenluft durch die geöffneten Fenster strömte, da pochte irgend jcniand leise und vorsichtig an meine Tür. Mit einem Sprunge war ich auf den Füßen. Niemand sollte mich in Verzweiflung sehen. Ich strich meine zerzausten Haare glatt und zupfte mir den Kragen zurecht. „Sofort!— Einen Augenblick, bitte!"— Elfriede war es. Sie legte mir den Arm um die Schultern und sah mir mit gütigen Blicken in das verstörte Gesicht. „Sie sagten gestern, Sie seien gesund und stark. Ich glaube Ihnen, weil ich Ihren Willen kennen gelernt habe. Und heute werden Sie ein vollgerütteltes Maß von Kraft nötig haben!" „Was ist geschehen?" Sie entfaltete ein Blatt, das sie in der Hand verborgen gehabt hatte.„Ihr Kind war vom ersten Moment an schwach, Wilma. Und der angeborene schwere Fehler dazu— ich erhielt soeben ein Billett von Dr. Bernstorffer--" „Es stirbt!"— Ich mußte an mich halten, um nicht in hellem Jubel laut aufzuschreien. „Es ist heute Nacht hinübergeschlunimert." Da griff ich mit beiden Händen in die Luft, so daß Elfriede mich umfing und mich sanft auf das Bett niedergleiten ließ. Und hier, auf den Kissen, auf denen ich mein Kind gc- boren, kamen mir die erlösenden Tränen. Stunden hindurch habe ich geweint, in Krämpfen geweint. Aus welchem Gefühl heraus?— Ich wußte es nicht und weiß es noch heute nicht. Tief aber im Grunde meiner Seele hob sich dämmernd ein Lebenshauch, wollte ein Gefühl empor an das Licht: ein Ge- fühl des Geborgenseins, der Befreiung. Ich hatte mein Kind totgebetet. � Und einige Stunden nach Empfang der Todesnachricht erhielt ich abermals einen Brief von Vincenti, diesmal direkt an meine Adresse. Er forderte sein Geld. Und drohte mir, er werde, falls er es nicht sofort erhielte, sich an meine Mutter wenden. Um mein Herz hatten sich eiserne Panzerringe gelegt; jede kindliche Empfindung war erstorben in mir. Auf den Gedanken, Elfriedc um Hülfe zu bitten, bin ich gar nicht gekommen. Ich befand mich im Kampfeszustande gegen die ganze Welt. Betteln um eines Lumpen willen, der kein Recht hatte, mich zu beschimpfen— niemals! Und wovon hätte ich denn wiedergeben sollen, was ich mir lieh? „Ich will mein Kind noch einmal sehen; ich will zu meinem Kinde." Helena war in den Mittagsstunden dagewesen, um mir von dem langsamen Hinüberdämmern des Geschöpfchens Kunde zu bringen, eine Kunde, die der Tod überholt hatte. Ich wies sie ab: ich wollte keinen Menschen sehen. Selbst in diesen schwarzen Stunden empfand ich übrigens die Un- gerechtigkeit meines Handelns ihr gegenüber. Aber was tat's? Ich war eben nicht in der Stimmring, gegen irgend jemand gerecht zu sein. lind nach dem Mittagessen— welch ein Hohn!—■ machte ich mich auf den Weg in die Klinik. Zu Fuß natürlich. Ich hatte kein Recht mehr, iiberflüfsiges Geld auszugeben für eine Droschke. Was ich erübrigen konnte in diesen Tagen der Schmach, das war nicht mein Eigentum. In dem großen Wartezimmer des Professors saß ich wohl eine Stunde lang. Ich starrte in den grünenden Garten hinab, in dessen Mitten sich ein mächtiger roter Backsteinbau erhob: die Frauenklinik, ein Sammelbecken von Qualen, Schmerz und trostlosem Elend. Und Elend auch um mich herum, krüppel- hafte Gestalten mit verbundenen Köpfen, verzerrte Gesichter, denen die Furcht vor der Konsultation oder mich der drohenden Operation aus dm flackernden Augen sprach. Und einer nach dem anderen wurde gerufen und verschwand hinter der schweren, eichenen Flügeltür, die in das Sprechzimmer des berühmten Operateurs führte. Endlich wurde auch mein Name genannt. Ter Professor saß an seinem Schreibtisch, als ich eintrat. Er hatte den Totenschein, den zu holen ich gekommen war, bereits ausgestellt. Ich warf einen flüchtigen Blick auf das mir dargereichte Papier— und zuckte jäh zusammen. Da stand: „Todesursache: Nückgratbruch(vor der Geburt)." Dann auch mit dem Arzte das gräßliche Abrechnen— und die schüchtern gestammelte Bitte, ob ich die kleine Leiche nicht noch einmal sehen könne. Ich hatte den dringenden Wunsch, ein Büschel der schwarzen Härchen abzuschneiden, um sie immer bei mir tragen zu können als ein Wahrzeichen unvergänglicher Schmach— und unvergeßlichen Glückes. Der Professor drückte auf den elektrischen Knopf auf seinem Schreibtisch. Einer der Anstaltsdiener trat herein. Aus seinem Munde erfuhr ich, daß die Leiche bereits in den Leichensaal gebracht sei und daß ich nicht hinein könne, weil in dem davor liegenden Saale soeben eine schwierige Operation vollzogen würde. Auch diese Enttäuschung ging über mich hinweg, wie eine von den vielen Tausenden flutender Wogen im Meer. Und nun das allerletzte noch,— was geschah mit meinem Kindchen? „Sie können die Leiche jederzeit abholen lassen," beant- wartete der Arzt die Frage, welche er sicherlich erwartet hatte. „Ich habe Ihnen indessen einen Vorschlag zu machen. Der Fall ist ein sehr seltener und äußerst interessanter, für unsere Wissenschaft von ganz hervorragendem Wert. Und da Ihnen die Ablwlung'der Leiche sowie das Begräbnis bedeutende Kosten verursachen würden, nun—" und der berühmte Mann suchte offenbar nach Worten—„nun, Sie müssen das nur von der richtigen Seite betrachten,— so dächte ich: Sie überließen den kleinen ktörper uns zur Obduktion. Begräbnis und alles übrige übernimmt natürlich die Anstalt. Nur muß ich im Voraus bemerken, daß das Kind kein eigenes Grab erhält, daß mit der Ueberlassung der Leiche an uns diese vollständig in unseren Besitz übergeht." Ich starrte dem Manne in das glattrasierte, gespannte Gesicht und überlegte langsam, Wort für Wort, was er eigentlich gesagt und genieink hatte... „Es ist nicht so bös, wie es vielleicht den Anschein hat auf den ersten Blick—... Das mit einem solchen Fehler geborene Wesen wäre doch niemals ein lebensfähiger, lebensberechtigter Mensch geworden." Seine Stimme drängte. Er hatte offen- bar nicht lange Zeit und hegte doch den lebhaften Wunsch, das wertvolle Studienobjeft in seinen Besitz zu bringen. Und ich überlegte noch immer. Abholung— Begräbnis— wie viel würde das kosten? Ich hatte noch gerade hundert Mark in der Tasche und Vincentis letzten Brief. Und das tote Kind, das dieser Mann für seine Wissenschaft von mir forderte, war Vincentis Kind! Mit einem plötzlichen Entschluß stand ich auf.„Behalten Sie das Kind. Herr Professor," stieß ich heiser hervor— „und ich danke Ihnen auch noch schön für alles, was Sie an ihm getan haben." Nun war es zu Ende. Er reichte mir die Hand.„Ich danke Ihnen im Namen der Wissenschaft. Es wird auch für Sie so das beste sein!"— Von Professor Bernsdorffer ging ich zur nächsten Post- anstatt. Dort zahlte ich fünfundsiebzig Mark an Vincentis Adresse ein. Auf den Postabschnitt kritzelte ich einige hastige Worte: Der Rest der Summe folgt baldmögttchst nach. Ganz geschäftsmäßig. Nun war ich frei und konnte von dem übrigbehaltenen Gelde mir noch gerade das Bahnbillett kaufen— in die Heimat. * Ich hätte ihn Lügen strafen können, den Elenden, mit einem einzigen, winzigen Blatt Papier: ich hätte mir vom Arzt bestätigen lassen können, daß das Kind zu früh geboren und lebensunfähig auf die Welt gekommen war... Dem aber, der mir diesen Rat hätte geben wollen,— und wäre es in bestmeinender Absicht geschehen,— dem hätte ich ins Gesicht gespieen. Mein Kind war tot, war obduziert, zerschnitten, in Spiritus gesetzt, auf dem Anatomiefriedhof verscharrt.-- nicht auf einen Fetzen dieses zerrissenen Körpers sollte der Mann ein Recht haben, der sein eigenes Fleisch und Blut in blinder Wut, mit unerhörter Gemeinheit verleugnet hatte. Und wenn ich mir die Finger blutig arbeiten mußte: er sollte sein Sündengeld bis auf den letzten Pfennig wieder haben, er und seine Schwester, deren schändlichen Ein- flüsterungen der urteilsunfähige Schwächling sich gebeugt. • Arbeiten wollte ich, bis mir der Atem in der Brust ver- sagte, gut machen, was ich gegen meine Mutter gefehlt hatte, und aus dem Sumpfe wieder auferstehen: frei, rein und sündenlos: Ich. Hell schien die Ostersonne in mein Coup�, als ich heimfuhr. Und alle Veilchen blühten. Ich aber wußte kein Grab, auf das ich einen Strauß hätte niederlegen mögen. *•* Mitunter, beim Niederschreiben dieser Bekenntnisse, will es mich bedünken, als ob meine Feder eine Seele besitze. Sie sperrt sich, zuckt und irrlichtert auf dem Papiere hin und her. Sie will nicht schreiben. Ich zwinge sie in meinen Dienst. Denn ich weiß, daß die Wahrheit die große Schuld ist, die ich an Dich abzutragen habe auf Heller rmd Pfennig. Mitunter, in Deinen Armen, denke ich noch an Vincenti— mit einem großen Mitleid. Ich habe ihn gehatzt mit einem so glühenden Haß, daß ich ihm mit meinen Lippen das Mark hätte aus den Knochen saugen mögen,— ich habe ihn verachtet mit einer so tiefen Verachtung, daß der Boden, auf dem er einst geschritten, mich für meinen Fuß zu unsauber dünkte. Heute bemitleide ich ihn. Er hat mich doch geliebt, wenn auch auf seine eigene, unedle Weise. Als die Not kam und die Bedrängnis, und die Wucht der Verantwortung sich auf seine schwächliche Seele legte, da griff seine unedle Natur im gierigen Selbsterhaltungs- triebe nach dem Strohhalm, den Verleumdung und niedere Berechnung ihm dargereicht, den ein Charakter ihm geboten, welcher dem seinigen so nahe verwandt war. Möge sein Gott ihm verzeihen! «• Meine Mutter erlebte einen Glücksrausch, als sie ihr blasses, hohläugiges, totmüdes Kind in den Armen hiett. Sie strich mir mit der welken Hand wieder und immer wieder über Wange und Stirn, in zärtlichem Flüstertone die eine Frage wiederholend:„Und wirklich gerettet und wirklich gesund wieder hier, mein Herzenskind?" «Wirklich gerettet, Muttchen, und wirklich gesund. Nux noch ein bißchen Erholung, dann sollst Du Dein altes Mädel wieder haben und sorglose, glückliche Tage dazu!" Wie ich dies Versprechen einlösen sollte, war mir selbst ein Geheimnis. Aber daß ich es gegeben habe, ist meiner Mutter letzte Freude gewesen. Sie hat vor Glück geweint... Nach acht Tagen hatte ich meine Stellung wieder inne. Wenn ich eine leise Hoffnung gehegt, mein Chef werde mensch- lich sein und mir das Gehalt für die versäumten acht Wochen nachzahlen, so hatte ich mich geirrt. Aber er gab mir sechzig Mark Vorschuß— mehr als ein Monatsgehalt. Und so ging mein Leben wieder im alten Geleise, eintönig und beengt, wie immer. Und ich wäre wohl zufrieden gewesen, wenn nicht eine dunkle Ahnung drohenden Unheils mir jede sonnenhelle Stunde verschattet hätte. Ich erschien mir wie ein Mensch, der zum Tode verurteilt ist und den Tag nicht weiß, in dessen lastender Schwüle das Richtbeil fallen soll... Es fiel. Am ersten Mai ist's gewesen. Die Armen und Elenden feierten den Weltfeiertag. Ich kam in fröhlicher Stimmung aus dem Bureau heim. In der Frühstückspause. Das Bureall lag nicht weit von unserer Wohnung, und ich benutzte die halbe Stunde der Frühstückszeit gewöhnlich, um mir einen kurzen Gang zu machen und meinem Mutterchen einen Vormittagsgruß zuzu- rufen. Als ich auf die Schwelle trat, stand die alte Frau so blaß und starr im Zimmer wie ein Marmorbild, ohne Stock, ohne Stütze, in der krampfhaft zusammengepreßten Hand einen Brief, den sie offenbar in demselben Augenblick erst gelesen, vielleicht auch noch nicht zu Ende gelesen hatte... Sie sah mich an � mit einem Blick, den ich nicht vergessen werde. Ein eisiger Strom starrte mir in den Adern,— und ich beugte das Haupt unter das blinkende Beil. „Komm' näher," sagte sie klar und laut.„Und sage mir: hast Du ein Kind gehabt?" Ach lag auf dem Fußboden vor ihr und umklammerte ihre Knie. „Von wem?" „Von Vincenti Mickiewicz." Eine fürchterliche Pause. Dann-- ruckweise: „Wie war das möglich—? Wann war— er— hier?" „Im Sommer— heimlich—" „Und warum, warum—" jetzt schrie die gequälte Frau in gellenden Tönen—„warum hast Du mich belogen und betrogen, als ich Dich gefragt?"— Du, halte meine Hand fest, mein Liebling, ich will Dir etwas anvertrauen: ich belog meine Mutter abermals. Ich antwortete ihr nicht: Weil ich gewiß war, daß Du mich nicht verstehen würdest. Weil ich gewiß war, daß Du mich und den Mann, den ich liebte, beschimpfen würdest in Deinem engherzigen, egoistischen Schmerz, weil ich Dich retten wollte vor der zerschmetternden Wahrheit, einer Wahrheit, die zu er- fassen Deine Kind gebliebene Seele viel zu klein war... Das hätte ich erwidern müssen, wenn ich die Wahrheit über alles hochgehallen hätte. Ich aber sagte:„Weil ich mich ängstigte, weil ich fürchtete, Dich zu töten, und weil ich hoffte. Dir die Wahrheit dauernd verbergen zu können." Trotz der Schonung für sie, die mir diese feige Lüge in den Mund gelegt, stöhnte die gemarterte Frau wie ein zu Tode verwundetes Tier. Und immer noch stand sie steif und hoch- gereckt vor mir. „Wo ist daL Kind?" „Tot. Wohl versorgt. Aengstige Dich nicht um feinet- willen." „Lies." Und sie reichte mir den verhängnisvollen Brief. Seine Hand. Selbswerständlich. Und der Jnhatt? Forderungen und Beschimpsimgen, die ich kannte. Nein doch: einige neue noch. Er beschuldigte meine Mutter des Einver» ständnisses mit mir und forderte nun, unter Androhung ge- richtlicher Maßnahmen, das Geld— dreihundertfünfundzwanzig Mark— von ihr. Zum Schluß kam noch ein unver» ständlicher Passus: welch' eine Dirne ich sei, könne sie daraus ersehen, daß ich sogar in Herrengesellschaft in der Nacht zum Bahnhof gefahren sei... Als ich aufsah, das flammende Rot der Empörung im Gesicht, war meine Mutter im Begriff, das mühsam behauptete Gleichgewicht zu verlieren. Ich sprang hinzu, ich schlang die Arme um ihren Leib utib ließ sie sanft in die Sofaecke gleiten. l Schluß folgt.) Kleines feuületon. rs. Box. So hieß er. Aber der Name war eine Ungerechtigkeit. Wenigstens in dem Beginn seiner Lebensbahn, da er als ein noch außerordentlich zierliches Wesen der Mutterbrust entfremdet wurde und in die Hände seiner jetzigen Pfleger überging. Besser: in die Hand. Denn er war nur eben eine Hand voll. Dort saß er wie eine lebendige Nippsache, leckte am Daumen und blickte mit zwei hellblinkenden Aeuglein, die so groß wie winzige Erbsen waren, kühn und frech in die Welt. Dabei ließ er, neckte ihn jemand, leine Stimme in einer gar drohenden Weise erschallen oder vielmehr er- piepen, denn es stand ihm nur ein einziger hoher Ton zur Per- fügung. Ter hörte sich an, wie wenn man mit einem naffen Korken an einer Flasche herunterfährt. Bei solchem Beweis von Boxens Courage sagte sein Herr:„Der wird." Und alle, die das kleine Wesen zu bewundern Gelegenheit hatten, bekräftigten es:„Der hat's in sichl Seht bloß die Zähne anl" So kam's, daß man ihm ge- wissermaßen als Vorruhm den Namen Box gab, wobei jeder an die Zerfleischung fremder Waden dachte. Immerhin verführte die Zier» lichkeit seiner Figur, die in gar keinem Verhältnis zu seinem Tem- peramcnt stand, doch dazu, die Niedlichkeitsendung anzuhängen. Man rief ihn: Boxche»> Boxchen also war der Hund meines Freundes und von einer noch nie dagewesenen Rasse. Seine Wiege, wenn es gestattet ist, diese Bezeichnung auf eine Hundehütte anzuwenden, stand nicht weit vom Ententümpcl auf dem Hofe eines Kleinbauern. Dieser Hof wurde von BoxenS Mutter Tag und Nacht bewacht. Außer zu gewissen Zeiten. Dann hielt keine Kette, kein Strick. Sie unter- nahm Reisen in die nähere und fernere Nachbarschaft, erlebte mancherlei Abenteuer— und die Diebe hatten währenddessen gute Zeit. Auf einer dieser Reisen muß es gewesen sein, daß Boxens Mutter die Bekanntschaft von Boxens Vater machte. EtwaS durch- aus Sicheres ist über die Individualität desselben nie ermittelt worden. Man weiß nur, daß der Inspektor eines nahen Ritter- gutes einen großen Haß auf sie geworfen hatte, und daß sie einmal mit einem halben Dutzend Schrotkörner im Pelz nach Hause ge- kommen war. Und wenn es erlaubt ist, vom Sprößling auf den Erzeuger zu schließen, so steht heute, nach langjährigen Ersahrungen, fest, daß in Boxens Adern ein guter Schutz aristokratischen Blutes kreiste. Einige rieten damals schon auf eine deutsche Dogge andere sprachen von einem Hühnerhund— Box zeigte bald alle Anzeichen einer durch nichts zu unterdrückenden Jagdleidenschaft— und was mein Nachbar, der Kaninchen-Wilderer, ist, der sagte:„Nu seh'n Sie sich bloß das Biest anl Beine Hat'S wie ein Windhund, Augen wie eine Bulldogge,'n Rücken wie ein Dackel und'Ohren wie ein Maulesel. Es ist eine reguläre Schissertöle." D i e Rasse kenn' ich nicht. Aber jeder Hundekcnner schüttelte mitleidig den Kopf bei Boxens Anblick. Vielleicht war es diese Geringschätzung seiner dunklen Her- kunft, die seine Pflegerin sich bemühen ließ, ihn sein Schicksal durch liebreiche Behandlung vergessen zu machen. Box wurde sozusagen ein Kind des Hauses— und bollführte denn auch sämtliche Unarten, die man bei kleinen Kindern so niedlich findet und die die Lachlust reizen. Bei kleinen—. Seine Schlafstelle bestand anfangs in einer wattegepolsterten Zigarrenschachtel, später in einer aus- rangierten Kohlenkiste. Das heißt: offiziell. In Wirklichkeit drückte sich Box meistens auf Stuhlkisscn, in Sophaeckcn, auf weichen Schößen oder gar in irgend einem Bette herum, seinen aristo- kratischcn Instinkten so schon in frühester Jugend mit lobenswertem Freimut nachgehend. Box nahm zu an Körper, Weisheit, Stolz und vor allem an Kühnheit. Aus einer Handvoll waren allmählich zwei geworden. Seine Weisheit bestand in einem prinzipiellen Mißtrauen jeder neuen und auch mancher alten Bekanntschaft gegenüber, einem Mißtrauen, das selbst mit Wurstzipfeln und Zuckerstückchcn nicht immer auf die Dauer besiegt werden konnte. Er nahm zwar, was er kriegen konnte— auch das ist ja Weisheit—, aber wenn's zu wenig war, blaffte er fordernd dcn> Geber an. Sein Stolz zeigte sich in einer wahrhaft klassischen Nackenhaltung und in der Art, wie er die Beine setzte; beides erinnerte an den Parademarsch. Seine Kühnheit aber— I Box hatte es kaum auf zwei Zoll Höhe gebracht, als er im ganzen» Dorf« seiner unausrottbaren Händelsucht wegen in Verruf geraten und um seiner unglaublich ausdauernden Lunge»kraft willen gefürchtet war. Besonders bei den Radfahrern. Er war ihr Schrecken, seitdem gelegentlich eines waghalsigen Angriffes auf ein Zweirad dieses über ihn hinweggegangen war. Seine Rachsucht kannte keine Grenzen. Kilometerweit verfolgte er die„Chaussee- flöhe" mit wütendem Gelläff,— und wehe dem, der ihn an die Waden kommen» ließ. Box hakte ihm ein paar scharfe, weiße Zähne in die Strümpfe. Uebrigens sprang Box wie ein Gummiball. Vielleicht kam ihm deshalb nie das Bewußtsein seiner Kleinheit. Jedenfalls hatte er das Augenmaß für Grötzenverhältnisse gänzlich verloren, wenn er'S je besessen. Auch seinesgleichen gegenüber. Lag er vor der Tür in der Sonne, blickten die pfiffigen Augen unruhig nach irgend einer Unterhaltung aus, und es näherte sich drüben in phlegmatischem Schritte der gewaltige Koloß eines Bernhardiners oder Neufoundländers, dann erhob sich Boxchen langsam und würdig. Mit Fcldhcrrnaugen musterte er zunächst den auftauchenden Feind, der gar keine Notiz von dem winzigen Frechling zu nehmen schien. Box aber gab seinem Figürchen eine drohende, geduckte Haltun» senkte den Kopf zur Erde, schielte nach oben und schritt langsam, ganz langsam wie ein David auf den Goliath zu. Bis einige Schritt« vor'm Ziel. Dann gab's einen Ruck, der Körper richtete sich jäh auf, die Vorderbeine stemmten sich gegen die Erde, ein Knurren, ein Bellen,— der Angriff begann. So erwarb sich Box manch' ehrenvolle Wunde, die im Haust! gekühlt und von seiner Herrin verbunden wurde Es gab Zeiten, wo man Boxens Gesicht nicht von dem eines Korpsstudenten hätte unterscheiden können. So tief saß er zuweilen in der Watte. Aber es focht ihn nicht an. Brannte der Weihnachtsbaum, so hing an den untersten Besten der Tanne Jahr für Jahr ein Paar frischer Würstchen. Das durfte sich Box herunterholen— nach dem Koinmando:„Box, hopsl" An einem Weihnachtsabend schlief Box am Ofen, während der Baum geschmückt wurde. Als er erwachte, befand sich Box allein in der Stube. Di« Lichter brannten; seine Herrin packte im Nebenzimmer die Geschenke aus. Box blinzelte zunächst mit den Augen, reckte sich, gähnte und machte eine neugierige Runde um den Tisch. Ja seinem Hirn gestaltete sich wohl so etwas wie ein« Jdeen-Assoziation, daß er sich die Schnauze lecken mutzte. Er sah nach oben, schnüffelte und entdeckte richtig die Wurst. Aber niemand sagte:„Box, hopsl" Box machte eine zweite Runde um den Tisch, blickte nach der Tür, überlegte ein Weilchen unk sprang auf einen Stuhl. Von dort kletterte er vorsichtig auf den weißgedeckten Tisch, leckte im Vorüber» gehen an einem Pfefferkuchen und bemächtigte sich seiner Wurst. Seiner Wurst. Box fühlte sich durchaus im Recht. Nachdem sein Appetit einmal angeregt, verzehrte er noch eine Marzipanwurst als Dessert und wollte eben auf einen Zuckerkringel losgehen, als sein lebhafter Schwanz in die Flamme eines Lichtes geriet. Box war mit einem Satz unten und erhob ein furchtbares Gekläff. Er stemmte Hinter- und Vorderbeine fest auf die Erde, hob den Kopf und klagte das Licht an. Box konnte kein Unrecht leiden.— Inzwischen ist Box aus der Freiheit der Dorfstraße in den Maulkorbzwang der Großstadt übergesiedelt. Zuerst wehrte er sich aus Leibeskräften gegen die Einschränkung seiner Bißfrecheit. Er rebellierte auf alle Art. Es nützte nichts. Auch Box unterlag. Jetzt ist er schwerfällig und still geworden. Alt. Die Leidenichafr ist hin in Freude und Kampf. Sehe ich. wie es grau wird um d,« einst so bellfrohe Schnauze, dann erfaßt mich ein wehmutiges Gefühl. Und ich denke: wie doch ein Temperament sich wandeln kann.— kg. Aufzucht von Kalkschwämmen in kaltfreiem Seewasser. Die Schwämme, die wir zum Waschen, Baden usw. verwenden, sind bekanntlich die Hartteile von Tieren, deren Körper aus einem System von offenen Schläuchen besteht, in die das Wasser beliebig eintreten kann. Es gibt nun unter den Schwämmen solche, deren Weichteile nicht wie beim Badeschwamm mit horniger, sondern mit kalkiger Substanz durchzogen sind, die eine Art Skelett für das Tier bildet Neuerdings machte O. Maas das interessante Experiment (Berhandl. d. D. geologischen Gesellsch.), Larven von Kallschlväinmen in Seewasser zu erziehen, welches keinen kohlensauren Kalk ent» hielt. Die kleinen Schwämme, die er auf diese Weise erhielt, besaßen durchaus keine Kalknadeln in ihrem Körper. Das Ex. periment ist besonders darum wertvoll, weil cS über die Bildung des Kalkskelettes bei Schwämmen einigen Ausschluß gewährt. Man nahm bisher an, daß das Material zu dein Kalkgerüst von dem Tiere aus dem schwefelsauren Kalk, dein Gips, entnommen würde, den daö Mecrwasser in Menge enthält, während eS nicht immer oder nur in geringen Dosen kohlensauren Kalk befitzt. Wenn nun aber die jungen Kalkschwämme bei völligem Fehlen von kohlen» saurem Kalk kein Skelett ausbildeten, so folgt daraus, daß diestt doch von den Schwämmen,— vielleicht auch von anderen Meeres» tieren— allein benutzt wird, wenn er auch in noch so geringem Prozentsatze im Seewasser gelöst ist. Selbst wenn das letztere durch Vermischung mit kalkfreiem Wasser noch mehr an prozentualem Kalkgehalt verloren hatte, bildeten die Tiere Gerüste aus. Nur in völlig kalssreiem Wasser unterblieb die Skelettbildung. Die Schwämme erzeugen demnach keine Basen, die sich mit der im Gips enthaltenen Schwefelsäure verbinden könnten, so daß dadurch das Calcium mit der im Seewasser enthaltenen Kohlensäure zu kohlen. saurem Kalk zusammentreten würde. Diese Tatsache deutet darauf hin, daß die organische Bildungsfähigkeit der Schwämme ziemlich gering ist. Damit würde auch die Annahme übereinstimmen, nach welcher die Bildung der Kalknadeln, aus welchen das Skelett besteht, nicht ein organischer, sondern ein rein chemischer, resp. krystallo» graphischer Prozeß sein soll. Allerdings verhalten sich die Nadeln in chemischer und physischer Beziehung nach den Untersuchungen von Maas wie Kaltspatindividuen. Indessen zerfallen die Nadeln doch bei Einwirkung gewisser Substanzen, sowie bei starkem Erhitzen in zahlreiche kleine Kalks patkrystalle. Daraus schließt Maas, daß ein zartes, dünnes Wabenwerk von organischer Substanz die Nadel durch» zieht. Es würde sich dann in den Zellen kohlensaurer Kalk aus» speichern, dieser würde sich aber nach Gesetzen der Krystallisation abscheiden, während doch die Form durch die Gestalt der Zellen beeinflußt würde. Durch geeignete Experimente lassen sich die beiden Prozesse, der organische wie der krystallographische, auch von einander trennen. Auch das spricht dafür, daß bei der Entstehung der Kalknadeln organische Bildung mit chemisch-physikalischen Pro» zessen Hand in Hand geht. Schwammlarven, die in talkfreiem Wasser erzogen wurden, zeigten auch sonst in ihrem Körperbai» Unregelmäßigkeiten. Daraus läßt sich schließen daß die Bildunp» der Kalknadeln doch nicht eine rein krhstallographischc Abscheidung topn Kalk ist, sondern mit den Lcbensvorgängen des Tieres in inniger Beziehung steht.— Erziehung und Unterricht. — Experimentelle Untersuchunger, über die Hausau sgabcn des Schulkindes, die F. Schmidt an- gestellt, bilden einen wertvollen Beitrag zur experimentell be- gründeten Pädagogik. Die Anschauungen, welche die Pädagogen über die häuslichen Arbeiten haben, lassen sich in drei Klassen unter- bringen. Zur crstercn gehören die, welche den Hausaufgaben eine auszeichnende Stelle in ihrem Schulbetricbe zukommen! liehen. Sie gingen von der irrigen Anschauung aus, daß die Arbcitsmenge schlechthin der Matzstab intellektueller Leistungen sei. Diese An- sichten sind jetzt meist überwunden. Die zweite Klasse fällt in das andere Extrem und fordert keine Hausaufgaben. Sic führen hier- für Gründe rechtlicher, sozialer, hygienischer und erziehlicher Natur ins Feld: die Hausaufgaben gehörten rechtlich nicht zum Umfange des Schulzwangcs, könnten unter mitzlichcn häuslichen Verhältnissen nicht angefertigt werden, störten das Gleichgewicht in der körper- lichen und geistigen Entwickclung und seien ein Armutszeugnis für die Schule. Hierzu kämen noch in Betracht jene grotzcn Opfer an Zeit, welche die Korrektur durch Lehrer und Verbesserung durch Schüler verlangen und die dadurch den Schulunterricht merklich ver- kürzen. Aus diesen Momenten ergäbe sich der Wert bczw. Unwert, die Unnützlichkeit, ja Schädlichkeit der häuslichen Arbeiten, welche übrigens durch neu einzufügende„Arbeitsstunden" zu ersetzen wären. Die einer dritten Klasse angehörigen, in der Praxis noch am meisten realisierten Anschauungen sprechen einer Vermittelung zwischen beiden Extremen das Wort und„weises" Matz im An- fertigen von Hausarbeiten. Dabei dehnen die einen sie auf alle Klassen der Volksschulen aus, die anderen finden sie nur für die oberen Klassen, die dritten schlietzen die schriftlichen Arbeiten aus und verlangen nur mündliche. Der Schwerpunkt der Leistungen wird in die Schule und nicht in das Haus verlegt. Alle diese An- schauungcn sind nichts als pädagogische Dogmen. Wir haben zur- zeit noch keine zuverlässigen Nachweise hinsichtlich der Qualität der Hausaufgaben, die doch allein ihren Wert begründen könnte und ollen andern Erwägungen borangesetzt werden mutz. Bevor aber die qualitative Frage nach den häuslichen Arbeiten empirisch nicht fest- steht, verliert sich die Schulmeinung über diese Materie sicherlich nur in pädagogische Fiktionen, in höchst problematische Wertangaben. Schmidt saht die Ergebnisse seiner experimentellen Studien in folgende Sätze zusammen: 1. Die Untersuchung über die Qualität der Hausaufgaben ergab, datz diese im allgemeinen minderwertiger als die Schularbeiten sind. Hieraus kann für den Pädagogen nicht ein Schluh auf die Ablehnung von Hausarbeiten gezogen werden, weil dieselben in besonderen Fällen die Schularbeiten qualitativ übertroffcn haben. Die Hausaufgaben haben an sich einen un- bestrittenen Wert. 2. Eine tägliche Anfertigung von Hausaufgaben mutz um deswillen vermieden werden, lveil sich gezeigt hat, datz tägliche Arbeiten den Schüler zu einem gewohnheitsmätzigen, ober- flöchlichen Arbeiten veranlassen, während solche Schüler, die keine Arbeiten zu Hause anfertigten, materiell und formell bessere Leistungen aufzeigten, die in einem typischen Falle sogar die Schul- leistungen übertrafen. 3. Für Stadtschulen mit vor- und nach- mittägigem Unterricht dürften Hausaufgaben an solchen Tagen un- bedenklich ausfallen. Dasselbe gilt für die Winwrschulen auf dem Lande. 4. Schriftliche häusliche Rechenarbeiten sind durchivcg zu unterlassen und aus den Lehrpläncn zu entfernen, da ihre materielle Qualität als eine tiefstehendc bezeichnet werden mutz. S. Bei häuslichen Aufsätzen hat für die Schüler eine Belehrung dahin zu gehen, datz sie dieselben, wenn nur möglich, zu einer Zeit anfertigen sollen, in welcher sie allein für sich arbeiten können. Es hat sich gezeigt, datz die in stiller Einsamkeit angefertigten Hausaufsätze qualitativ besser ausgeführt wurden als die in der Schule unter dem Einfluß der Masse abgefaßten. 6. Die seltener zu gebenden Hausarbeiten müssen unmittelbar aus dem Unterricht abgeleitet, also wohl vor- bereitet und genauestens kontrolliert werden.— („Die Umschau.")� Technisches. gr. Neues Schuielzvcrsahrc» zur Dnrchlochuug von Eisen und Stahl. Ein für die Metallindustrie außerordentlich wichtiges Arbeits- verfahren zur schnellen Herstellung von Löchern zc. ist vor kurzem patentiert worden und hat in Fachkreisen große Beachtung gefunden. Das Verfahren wendet die Hitze einer Knallgasflamme an, um sonst schwer zu bearbeitende Metallgegenstände z». lochen oder zu trennen. Soll z. B. in einer starken Panzerplatte ein Loch hergestellt werden. so wird eine Knallgasflamine auf die betreffende Stelle gerichtet. Dadurch wird das Metall an dieser Stelle bis zur Anzündungs- teinpcratur erhitzt. Nun läßt man noch Sauerstoff und zwar unter dem Hohen Druck von etwa 30 Atmosphären hinzutreten. Die Flamme des Brenners frißt sich jetzt ungemein schnell in das Metall ein und stellt so das Loch her. Die Hitze wird in denkbar rationellster Weise fast nur zu der Durchschniclzarbeit ausgenutzt. Das läßt sich sehr einfach da- durch nachweisen, daß man die Hand so auf die Platte legen kann, daß sie dicht neben dem entstehenden Loche zu liegen kommt. Dieses lväre erklärlicherweise doch nicht möglich, wenn ein großer Teil der cntlvickclten Hitze zur Erwärmung des Bleches in iveitem Umkreise um das herzustellende Loch verbraucht werden tvürde. Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Die Erklärung dieses Vorganges ist darin zu suchen, daß zu« nächst jedes durch den Sauerstoff verbrannte Eisenteilchcn durch seine große Verbrennungswärme die Nachbarteilchen im Moment flüssig macht. Durch den großen Dnick des Sauerstoffzuflusses wird nun das Wegpressen und Verbrennen der sich der Flamme entgegenstellenden Eisenteilchcn so schnell bewirkt, daß sie nach der Erschmelzung gar nicht erst wieder durch Wärmeabgabe an die weiter entfernt liegenden Eisenteile abkühlen können. Nach der Einleitung des Schmelzprozesses wird der Gaszufluß abgestellt. Der Sauerstoff verbrennt nun das Eisen. Die Hitze wird also nicht eigentlich von außen zugeführt, sondern entsteht durch die Ver- brennung der Eisenteilchen. Durch dieses Verfahren werden an der zu durchschmclzcnden Stelle Temperaturen entwickelt, die selbst die mit den besten Hilfsquellen bishbr erreichbaren weit in den Schatten stellen. Durch die bei der Verbrennung von 100 Gramm Eisen entstehende Hitze kann man etwa 420 Gramm kaltes Eisen fortschmelzen. Die zu diesen, Verfahren nötigen Einrichtungen sind verhältnismäßig einfach. Außer dem in einer der bekannten Stahlflaschen komprimierten Sauerstoff nnd dem erforderlichen Gas zur Einleitung des Verfahrens braucht man einen entsprecbend konstruierten Brenner, Druckregulierventil und Druck- schläuche. Abgesehen vom Durchlochen und schnellen Durchschmelzen von Stahl- und Eisenplattcn wird das Verfahren hauptsächlich an- gewendet zum Durchschmelzen von Abstichöffnungen der Hochöfen. Bei diesen kommt es nämlich nicht selten vor, daß sich die Abstich- öffnuna mit Eisen zusetzt. Dann mußte man bisher meist trotz aller Anstrengungen lange Zeit mit Stahlmeißeln arbeiten, um die Abflußöffnung fteizulegen. Mit de», neuen Verfahren kann man aber die Freilegung in wenigen Minuten erreichen. Neben diesen großen Annehmlichkeiten kommt noch der Umstand in Betracht, daß dieses Verfahren verhältnismäßig geringe Kosten verursacht. Auch zur Trennung von Eisen, das ans Kupfer plattiert ist, läßt sich diese Methode gut verwerten, da sich nicht alle Metalle so wie Ei>en und Stahl verhalten. Soll z. B. eine mit Eisen plattierte Kupfertafel freigelegt werden, so braucht man nur das Eisen herunter- zuschmelzen, um den gewünschten Effekt in verhältnismäßig kurzer Zeit und mit geringeren Betriebskosten als mit allen anderen Ver- fahren zu erzielen.— Humoristisches. — Würdevoll. A.:„Ich habe Sie lange nicht gesehen; wie geht es Ihnen?" B.:„Danke, gut; Sie wissen doch, daß ich jetzt zu den Vätern dieser Stadt gehöre?" A.:„Sind Sie in den Magistrat gewählt worden?" B.:„Nein, das nicht, aber wir haben ein kleines Mädchen be- kommen!"— — Soiree. Malerin:„Ich möchte Ihre Frau einmal silhouettieren, Herr Kommerzienrat." Komm erzien rat:„O, die ist mir schon ausgeschnitten genug."—(„Lustige Blätter.") Notizen. — Kinder!... In einem Berliner Wochenblatte schornakelt Einer:... Er ist von jenen Epikuräern, deren höchst bewußte Genußsucht so viel Kunst, so viel objektivierendes Beschauen und Gestalten im Leben selbst auflöste— daß ihnen darüber der Trieb, das Leben in der Kunst aufzulösen, verloren gehen mußte. Für die Dichter bisher war die Kunst das große Mittel, dem Verstand nie begreifliche Lebens- und Schicksalszusamnienhänge doch den, Gefühl zu erschließen, die„Harmonie des Menschengeistcs mit der llrnatur wiederherzustellen";— das Leben dieser Acsthcten aber ist schon selbst so voll bewußten künstlichen Bemühens, Zusammenhänge zu erfahren und zu erschaffen, daß ihnen Kunst nicht mehr als letztes Mittel der Erfahrung(im Hebbelschen Sinne!) gilt, sondern nur als Abspiegelung ihres Lebens, Erhöhung, Verdoppelung ihres kiinstvollen GenießerÄims. So ist die reiche und raffinierte, viel- sinnende, viel empfindende Kunst dieser Wiener in, letzten Sinne doch nur ein Naturalismus, bei allen, Prunk der Mittel nur eine Wieder« gäbe der Wirklichkeit, der Wirklichkeit eines Wiener Aesthetenlcben, — und dieser Naturalismus bleibt ein Gegensatz zu der eigentlich gestaltenden Knust, die uns die wirklichen Dinge zu einem Symbol zusammenstellt, das uns einen Schritt hinter das dem Nicht- künstler Erlebbare führt, uns den großen, unsichtbaren, wirksamen Grund all der grundlosen„Wirklichkeiten" fühlen läßt. N e st r o y hat das vor 70 Jahren etwas kürzer gesagt. Im „LumpaeivagabimduS" läßt er den Schuster Knieriem also philo- sophieren:„Ich Hab' die Sach' schon lang heraus. Das Astralfeuer des Sonnenzirkels is in der goldnen Zahl des Urions von dem Sternbild des Planetensystems in das Universum der Paralaxe, mittelst des Fixstern-Ouadranten. in die Elipse der Ekliptik geraten; folglich muß durch die Diagonale der Approximatton der perpen- dikulären Zirkeln der nächste Komet die Welt zusamm'stoßen. Diese Berechnung is so klar wie Schuhwichs."— Vorivärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer L,Co., Berlin ZVk.