Anterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 2. Dienstag, den 3. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) � Oer Kaum eister. Roman von Felix Holländer. Zweites Kapitel. Kepler schritt langsam weiter. Der Frühlingswind fuhr kühlend über sein Gesicht. Alles, was er in dieser letzten Viertelstunde erlebt hatte, kam ihm wunderlich vor. Vielleicht hatte er ivirklich nur geträumt. Er griff in seine Rocktasche und zog die Hundertmarkscheine hervor, die er lange und mit großem Ernst betrachtete. Da sie zerknittert waren, strich er sie sorgfältig glatt. Es war ihnl, als ob er mit dieser arm- seligen Summe seine Zukunft in den Händen hielte. Er kam sich in seinem Selbstbewußtsein gesteigert vor. Er hatte es zu Drenkwitz im Scherz gesagt, während es ihm doch bitter ernst war, daß er im Gefühl der Macht zu jedem Gewaltakt fähig sein würde, um vorwärts zu kommen. Er mußte vor- wärts kommen! Er brauchte Licht— Licht von allen Seiten... Nur nicht im Dunkeln stehen! Nur nicht zu denen gehören, die auf der Strecke blieben, die unbeachtet am Wege starben! Er blieb auf einmal stehen. Warum hatte er diesem Drenkwitz seine innersten Gedanken verraten? Man sollte sich vor keinem Menschen aufknöpfen... das war die größte Dummheit, die man begehen konnte. Niemand trauen... dem besten Freunde nicht!... Aber Drenkwitz war Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle, das stand fest, llnd wie sonderbar, daß er ihm nach so vielen Jahren, in denen er nichts von ihm gehört hatte, gerade iu dieser Stunde der Bedrängnis über den Weg ge- laufen war! War das Zufall oder Gesetz? Dieser Drenkwitz!— Ein komischer Kauz! Durch und durch anständig— darüber war kein Wort zu verlieren— aber doch völlig von der Philistermoral und den sogenannten anständigen Grundsätzen beherrscht. Die großen Gesichts- punkte waren ihm nie aufgegangen— das stand jedenfalls fest. Und über das Napoleonsproblem hatte er sich wohl in keiner Stunde des LcbenS den Köpf zerbrochen... lind so ein Mensch war Staatsanwalt— maß mit der Elle des bürgerlichen Anstandes und der Dutzendmoral und begriff es nicht, daß zu allem Großen ein Wagemut gehört, der unter Umständen au das Verbrecherische stoßen konnte und stoßen mußte. Diese Gesellschaft hielt mit ihrer Gewissen- haftigkeit und Pflichttreue, ohne es zu ahnen, die Entwickelung des Staates auf. Sie hemmte all die latenten Kräfte, die zum Lichte drängten, um neue Werte zu schaffen. Es war eine Narrheit, zu solch einem Menschen von seinen Plänen und Ideen zu reden... So einer betrachtete alles durch die Brille der Gerechtigkeit und des Staates... Von der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche schlug es in lauten Schlägen zwölf Uhr. Er schrak leise zusammen und blickte auf dörr mächtigen Sandsteinbau, der übergroß in die Nacht hineinragte. „Wie schleclit— wie verdammt schlecht ist das gemacht!" murmelte er vor sich hin.„Die hätte ich bauen müssen!" Es kam ja schließlich auf dasselbe hinaus, ob die Menschen in ein Kirchenschiff oder in ein Theater traten... Der Zweck war jedesmal derselbe: die Flucht aus dem grauen Alltag... Er dachte wieder an„sein" Grundstück am Nolleudorf- platz. In Gedanken gehörte es ihm längst. Er sah sich auf dem Bauplatz, wo er Befehle und Weisungen erteilte. Er hielt Konferenzen mit den Geldleuten ab— Fabrikanten und Lieferanten antichambrierten bei ihm. Jede Viertelstunde deS Tages war vergeben. Er schwelgte in diesen Vorstellungen... Ein Taxameter fuhr vorbei. Er winkte mit einer lässigen Bewegung dem Kutscher. „Fahren Sie mich in der Richtung der Schützenstraße'" sagte er von oben herab. Dann lehnte er sich in das Polster zurück und schloß die Augen. Er hatte nur den einen Ge danken: Wie war das Geld aufzutreiben, um„seinen" Bau platz zu erwerben?... Der Rhythmus, den der Wagen hervorbrachte, schuf ihm eine eigentümliche Musik. Er vernahm deutlich, wie die Musiker kurz vor Beginn der Vorstellung in komischem Durch- einander ihre Instrumente stimmten, wie jetzt der Kapell- meister an sein Pult klopfte, wie die geputzten Damen und Herren, die das Theater bis auf den letzten Platz füllten, sich auf ihre Stühle niederließen, und wie alles in freudiger Er- regung auf den neuen Vorhang starrte, der in wenigen Minuten sich zum erstenmal heben sollte... Und er saß in einer Parkettloge und überblickte das freudige Getümmel und weidete sich an dem prunkvollen Hause, an dem prächtigen Saal, der, in den Farben auf das feinste abgetönt, bei allem Reichtum nirgends überladen war und auf Gottes Welt nicht seinesgleichen hatte... Er las am anderen Tage in den Zeitungen, daß diesem Meisterwerk gegenüber alle Bedenken schweigen müßten und daß er mit seinem Bau etwas völlig Neues und Vorbildliches geschaffen habe... Er erwachte, und weil es ihm in der Droschke zu eng ward, rief er dem Kutscher ein kräftiges„Halt!" zu. Der Taxameter zeigte auf eine Mark und sechzig Pfennig. Keßler lachte vergnügt auf. Heute stimmt alles, dachte er, und eine übermütige Aus- gelasseuheit bemächtigte sich seiner. Er bog in die Mauerstraße ein und� war nur noch wenige Minuten von seiner Wohnung in der Schützenstraße entfernt. Er zerbrach sich den Kopf, wie dieser Drenkwitz nur dazu kam, ihm so ohne weiteres dreihundert Mark zu leihen. Und wie der Mensch sich darüber geärgert hatte, daß man mit einer Mark und sechzig Pfennig in der Tasche einen reinen Kragen trug! Und was für kriminalistisckze Bezeichnungen er gleich dafür hatte! Das nannte er—„den Leuten Sand in die Augen streuen"— dieser Schafskopf!... Jetzt trat er iu die Schiitzcnstraße. Lautes Geschrei und Gejohle erfüllte die Nachtstille. Ueber seine Miene glitt ein verstehendes Lächeln: Richtig, er war s!— Und unmittelbar darauf sah er einen dunklen Schwärm von Menschen hinter einem Reiter her, der auf seinem Schimruel durch die Straßen galoppierte. Die Menge verfolgte ihn, und ein halbwüchsiger Bengel schrie gellend: „Herr Freitag, hent ist Donnerstag!" Und unter Hohngelächter stimncke der Haufe mit ein und wiederholte: „Hören Sie, heut ist Donnerstag! Sie fallen von Ihrem Schimmel, Herr Freitag! So hören Sie doch, Herr Freitag!... Sind Sie taub, Herr Freitag?" Und dazwischen kreischten sie vor Vergnügen, während der Reiter, ein kleiner Herr mit weißen, flatternden Haaren, der auf dem Kopfe einen mächtigen Kalabreser trug, hilflos, mit verglasten Augen, auf seine Peiniger starrte und dem abgehetzten, schnaubenden Gaul die' Sporen in die Weichen drückte. Den kleinen Vorsprung, den er jetzt vor seinen Ver- folgern hatte' suchte er ängstlich auszunützen. Er war vor seinem Hause angelangt und sprang eilig von dem Schimmel. llnd mit lauter, heiserer, tiefer Stentorstimme rief er. jeden Buchstaben mit scharfem Akzent hervorstoßend, hintereinander: „Portier! Portier! Portier!" Aber von drinnen rührte und regte sich nichts. Inzwischen hatten seine Verfolger ihn wieder erreicht, und wieder klangen blödsinnige Rufe an sein Ohr, und der Witzbold schrie von neuem: „Herr Freitag, heut ist Donnerstag!" Sie drängten dicht an ihn heran. Er blickte sie wie ein Feldherr zornfunkelnd und verächtlich an, im Innersten vor Angst vergehend. Den Hnt hatte er vom Kopf genommen, und seine dichten, weißen Haare wehten, als wollten sie auf und davonfliegen. Sie sahen zu beiden Seiten des Schädels wie mächtig gespreizte Flügel aus. „Portier!.." rief er von neuem, und seine Stimme schlug dabei über.,,, ,, Eine Frauensperson von zweifelhaftem Aussehen zupfte ihn plötzlich am Rock. Das erregte einen ungeheuren Heiter» keitsausbruch, und von allen Seiten drängten sie auf ihn ein. Als er wieder sein„Portier!" ausstieß, hatte der Ton sein« Stimme bereits etwas Weinendes und sein Auge etwas Ge- brochenes. Er glich einem verwundeten Tier. Keßler schob die Menschen beiseite. Dieses Schauspiel war ihm nicht fremd. Ter Mann wohnte mit ihm Tür an Tür. Jede Woche machte er mehrere nächtliche Spazierritte, und jedesmal waren die Menschen hinter ihm her, warteten bis in die späte Nacht hinein auf seine Rückkehr, um dann ihr Theater mit ihm aufzuführen. Er hieß Freitag und war in diesem Viertel eine bekannte Persönlichkeit. Man hielt ihn für närrisch und glaubte ein gutes Recht zu haben, ihn Spieß- ruten laufen zu lassen. Keßler hatte es bisher immer vermieden, sich in dieses Kampfspiel hineinzumengen. Der Mann war ein Sonder- ling, der auch ihn wie alle Menschen mied, weder seinen Gruß erwiderte, noch ihn überhaupt beachtete. Aber in dieieni Augenblick trieb ihn sein Instinkt, sich zwischen den Allen und diese Bande boshafter Menschen zu stellen. „Wollen Sie augenblicklich machen, daß Sie davon- trollen!" sagte er grob, und dabei packte er einen Burschen, der ihm frech ins Gesicht sah, so fest an, daß dieser laut aufschrie. Das wirkte. Die Menschen wichen furchtsam zurück. und jeht wurde auch der Riegel geschoben und gleich darauf erschien der Portier des Hauses. Freitag reichte ihm mit einer königlichen, herablassenden Bewegung die Zügel des Pferdes. Dann ließ er Keßler ein- treten und folgte ihm, indem er krachend die Tür zuwarf. Von der Straße her tönten wieder Spottgelächter uud höhnende Rufe. „Bitte sehr," sagte Keßler und blieb stehen in der Ab- ficht, den kleinen, allen Herrn vorangehen zu lassen. Ter schüttelte stumm den Kopf. Er hatte eine Wachs- kerze entzündet und. Keßler blieb nichts weiter übrig, als voranzuschreiten. „Plebejer!" murmelte der Kleine und trippelte vorsichtig von Stufe zu Stufe. „Meinen Sie damit mich?" fragte Keßler belustigt._ Ter Kleine blieb stehen und leuchtete mit dem kleinen Flämmchen dem Architekten ins Gesicht. „Reden Sie keinen Unsinn!" erwiderte er dann grob und von oben herab. Diese Antwort wirkte auf Keßler ungemein komisch. In Ton und Gebärde lag Methode. Es war, wie wenn ein König zu seinem Lakaien spricht. Sie waren jetzt im zweiten Stock angelangt, wo beide ihr Quartier hatten. Jeder hatte zu seinem Zimmer einen Sondereingang. Beide holten fast gleichzeitig ihre Schlüssel hervor, um die Zimmertürm zu öffnen.-- Im Duett knarrten die Schlüssel. „Gute Nacht, mein Herr!" sagte Keßler. Der alte Herr hustete statt jeder Antwort und schlug dröhnend die Tür hinter sich zu. (Fortsetzung folgt.) fNachdrnck verboten.) Stapfen im ScKnee. Von Carl Busse. Der Vorsteher gibt das Zeichen zur Abfahrt. Unwillig schnaufend zieht die Maschine an, und langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Der Zug, der mich hierher brachte! Nur wenige Personen stiegen gleich mir aus. Sie blickten mich verwundert an— nun gehen sie hastig oder gemächlich zum Dorf. Der Bahnsteig ist nicht gesperrt; jeder kann hinaus oder hinunter. In der kalten Klarheit des Tages leuchtet das Ziegelrot der Häuser herüber. Der Rauch steigt aus den Schornsteinen. Mau hört Kirrende Schläge; sie kommen gewiß aus der Schmiede. Sie machen die Stille noch fühlbarer. Die Pelzmütze auf dem Kopfe stolpert jetzt ein Bengel mit frechem Naschen aus der Tür des Stationsgebäudes. Er sieht mich groß an und geht zur Pumpe. Blanke Zapfen hängen daran; der Becher an der eisernen Kette ist vereist, und der Schwengel quietscht. Wasser gibt es nicht; der Frost zur Nacht war zu groß. Der Schnee, den man tritt, singt ordentlich. Warum bin ich hier? Auf einer Station, die ich nicht kenne, vor einem Dorf, dessen Name ich kaum jemals hörte? Weil ich die„weiße Sehnsucht" Hab', die mich alljährlich über- fällt, die Sehnsucht nach Schnee und Winter. Sie kommt plötzlich. Wenn die Flocken am Fenster vorbeitanzen, tanzt das Herz. Wir Haben als Kinder den ersten Schnee angesungen, wir haben die Hände ausgestreckt und die Mützen hingehalten, wie das Kind im Märchenbuch, das die Sterntaler fing. Und nun kann es noch so dicht vom Himmel kommen— ich such' vergeblich nach dem reinen Weiß. In der Riesenstadt ist der Schnee nichts Gutes. Hier schützt er keine Saaten, hier hindert er nur und verwandelt sich in zähen Schmutz. Aber die Kinder der ein» samen Ebenen können die langen Winter ihrer Frühzeit nicht der- gessen. Und jählings kommt die„weiße Sehnsucht" über sie— die Sehnsucht, über weite weiße Felder zu gehen, an Bäumen zu rütteln, die sich unter der Schneedecke beugen. Nur deshalb Hab' ich mich in den Zug gesetzt und bin eine Stunde lang gefahren— über stille Vororte hinaus zu Orten, die noch stiller sind. Nun wand're ich die Chaussee entlang und mein Herz wird weit wie die Ebene. Den« Wagenspuren folge ich; mit dem Stock feg' ich die weißen Kappen von den Meilensteinen. Die Sperlinge suchen nach Futter; Goldammern sitzen träge, mit fettem Bäuchlein, auf den Zweigen. Und als dunkle Flecken spazieren die Krähen, bald würdig ausschreitend, bald stolpernd, über die endlose weiße Fläche, die sich ringsum breitet. Das Torf blieb zurück. Ich greif' in den Schnee und ball' ihn zur Kugel. Schlachten, die ich als Knabe geschlagen, stehen vor mir, die Bälle fliegen, schneller noch fliegen die jauchzenden Rufe, immer von neuem fassen die rotblaucn nassen Hände ins unberührte Weiß. Da schreit jemand auf und blutet. Irgend einer hat einen Stein in die Schneclugcl geballt. Das kann nur Kochs Emil sein. Auf ihn, Jungens I Von Freund uud Feind wird er gepackt. Er stößt mit den Füßen, er kratzt— nützt nichts. Und bald liegt er da, und von ein paar Dutzend Händen wird sein Gesicht„gewaschen". Er brüllt, obwohl er dabei Schnee schlucken muß. Zwischen Hals und Kragen wird ihm denn noch eine gehörige Portion hineingestopft. Dann mag der Verräter laufen. Ah, es war schön! Wie gut ich werfen könnt' I Und heut? Ob ich den Baum dort drüben noch treffe? Nein— da fällt die Kugel jenseits des Grabens nieder! Ich versuch' ein zweites ein drittes Mal— klatsch, die dritte saß! Vergnügt geh' ich weiter. Drüben liegt eine kleine Schonung. Dann kommt der Wald. Und ich frag' mich, weshalb ich hier auf dem Nllerweltswcge laufe, anstatt durch den jungfräulichen Schnee der Felder zu gehen. Wie das sein ist, die ersten Spuren durch die himmlische Decke zu ziehen! Man scheut sich fast... Hier läßt sich noch waten. Mitten in den Aeckern bin ich, nie» mand stört mich, nur die Krähen schelten und wünschen mir Unheil, weil ich sie aufschreck'. Bewegt sich dort nichts? Ich ruf' und schwing' den Stock. Aha— Meister Lampe l Schade, daß er aus- reißt! Ich Hütt' ihm sein Futter gegönnt. Wollt' er den Schnee scharren, um ein Hainichen zu finden? Er mutz jetzt hungrig sein und klapperdürr— alle Rinden sind angenagt. Und die Lieb' ist seine einzige Freude. Has' und Häsin haben heißes Blut im kalten Januarius. Mit den festen Stiefeln werf' ich den Schnee auf. Dort ist die Schonung. Aber sieh'... ich bin doch nicht der einzige, der hier ge» gangen Da sind Spuren... schwere tiefe Stapfen, fest und nicht klein. Sie kommen drüben vom Wege und gehen aus die Schonung zu. Warum sollt' ich denen nicht folgen? Wer war's, der hier gewandert ist gleich mir durchs einsame Feld, das seine Spuren behalten hat? Auch einer mit der weißen Sehnsucht? Ein Alter, ein Junger? War's der Holzfäller, der sich den Weg zum Förster kürzte? Warum bin ich kein Indianer— dann fragt' ich nicht. Der weiße Falke oder der große Büffel oder der springende Panther, sie lesen aus den Stapfen die ganze Biographie dessen, der seiner Straße zog. Aber ich? Halt! Ich Hab' zu früh geklagt. Der Schnee ist zertreten. Kleinere, zartere Stapfen stehen neben den größeren. Sie sind von der anderen Seite herangctrippelt, sie sind nicht so tief wie die anderen. Und hier hoben sich die kleinen und die großen getroffen. Nun führen sie, dicht nebeneinander, um die Schonung herum. Der weiße Schnee fängt an, Geschichten zu erzählen. „Schaderack, schaderack!" tönt es plötzlich rauh. Als war' ich auf verbotenen Wegen ertappt, schreck' ich auf. Es sind die Elstern in der Schonung.„Die Schalaster," sagte meine Großmutter,„hat ein böses Maul wie die Nachbarin." Die bösen Mäuler klatschten nisig. Die braunen listigen Augen mochten mancherlei gesehen haben, was die großen Füße und die kleinen Füßchen betras. Hier hatten die Beiden stillgestanden. Ein Zweig war geknickt. Vielleicht hatte eine Hand vor Zorn unk Liebe in das Kieferbäumchen gegriffen— trotz der Nadeln. Es wächst mir aus den Stapfen ein breiter kräftiger Mensch auf. Falten stehen auf seiner Stirn, die Lippen hat er zusamniengepreßt. Er ist von der schweren ruhigen Art, die hierzulande lebt. Er wackelt nicht her und hin, sondern wo er einmal steht, da steht er. Die Spuren sind sehr tief, als Hütt' er sie absichtlich fest eindrücken wollen. Er bettelt auch jetzt nicht, wo das Mädel ihm sagt, daß alles aus sein muß, und daß der Vater schon die Hochzeit mit dem anderen bestimmt hat. Aber das Mädchen ist dabei unruhig gewesen, hat sich viel be» wegt. Der Boden verrät es. Sie hat ihm alles gesagt; sie will nur noch Abschied nehmen. Im Elternhaus ist strenge Zucht; Un» gehorsam wird nicht gelitten.„Das ist mal so... da läßt sich nichts dagegen machen," spricht sie. Ward der Zweig in diesem Augenblick gebrochen? Und erwiderte der Mann nicht ruhig:.Das mag wohl so sein. Dann ist das also zu Ende."—? Die Kiefernadeln haben seiner hartgearbeiteten Hand wohl nicht weh' getan. Und die Elstern haben gehöhnt und geschwätzt; böse Mäuler neiden jedes Glück. Am liebsten möcht' ich sie'runterknallen. Aber sie wissen, daß ich nur den Stock bei mir Hab'. Dreist kommen sie näher. Ich seh' ihr Gefieder glänzen: schwarz und tief blaugrün, jetzt leuchtet auch das Weihe auf. Von einem Baum und Bäumchen geht's zum anderen. Wartet I Die Schneekugel wird hart zwischen meinen Händen. Ein Wurf-- da reihen sie aus. Sie sind schwerfällige Flieger. Wie Nicht-Schwimmer, die erschreckt im tiefen Wasser fortwährend mit den Armen schlagen, ohne Ruhe und Sicherheit, so ähnlich sieht es aus, wenn sie mit krampfhaftes Flügelschlägen davonziehen. Bald fallen sie von neuem ein. Nun haben die grohen und die kleinen Fühe den Platz auch verlassen. Noch einmal tönt ihnen das krächzende.Schaderack l" nach. Aber der Mann und das Mädchen horchen nicht hin. Eine lange Strecke gehen die Spuren noch nebeneinander. Dann ist der Schnee wieder verwühlt. Hat ein starker Arm das Mädchen gepackt? Hat der Bursche sie wild an die Brust gerissen? Was hat er gesprochen? Es tut fast weh', wie die Stapfen jetzt auseinanderlaufen. Jeder führt zwei Menschen weiter ab von dem, was ihnen das Liebste war. Wenn ich hier stehen bleib', kann ich beide verfolgen. Da gehen die kleinen. Tripp, tripp, tripp— da verwischt sich die Spur, das Mädel hat sich umgesehen. Aber Schritt für Schritt hat der Mann getan, mit jedem hat er etwas in den Boden getreten: seinen Zorn? seine Liebe? seinen Schmerz? Und welchen Spuren folge ich? Ich möcht' daS Mädel sehen und fragen, ob es so war, wie es der Schnee erzählt, oder ob ich falsch gelesen und nur geträumt Hab'.— Aus dem Schilf an der Havel steigen Wildenten. Es scheint, als wolle der Tag, der sich so klar anlieh, trüber werden. Und ich wand're weiter mit meiner weihen Sehnsucht, bis ich selbst durchgefroren und steif bin wie ein Stück Holz. Stunden vergehen. An die Stapfen denk' ich noch immer. Ich oenk' daran, als ich mit der Bahn zurückfahr'— wieder hinein in die Riesenstadt, die keinen Winter redst kennt. Es liegt wirklich Schnee in der Luft. In der Nacht oder am nächsten Morgen wird er fallen. Und die Flocken, die sich ununterbrochen folgen werden, sie werden auch Eure Fuhspuren bedecken, Ihr beiden Unbekannten, sie werden sich über Euren Schmerz und Eure Liebe, über meine Sehn- sucht und über alles Glück und Leid der Erde senken. Morgen find die Zeichen verwischt. Ist es nicht siltsam, wie wenig Geduld wir haben? Wo wir doch wissen, dah über ein Kurzes alles glatt und für immer er- ledigt ist?— kleines feiriHeton. — Der berühmte Dr. Laurent aus Paris. In der „Aerztlichen Rundschau"(Herausgeber Dr. Arno Krüche in München) wird von dem unlängst verstorbenen Pariser Kliniker Professor Barthez folgendes Geschichtchen erzählt:.Auf einer Vergnügungsreise hielt sich Barthez einige Tage in Bordeaux auf und wohnte im ersten Hotel der Stadt. Am frühen Morgen hörte er einmal das Geräusch vieler Schritte, wie wenn viele Personen gleichzeitig die Treppe ersteigen würden, und neugierig, wem dies wohl gelte, trat er vor seine Türe und sah auf dem Treppenabsätze eine Menge Leute vor einer Türe stehen, die die Auffchrist „Aerzliche Konsultation" trug. Auch an den folgenden Tagen sah er um die gleiche Stunde eine Menge Menschen seinem glücklichen Kollegen zuströmen und endlich erkundigte er sich nach dessen Namen. Es ist der.berühmte Dr. Laurent aus Paris", wurde ihm zur Antwort: doch Barthez hatte von dieser Berühmtheit noch nichts gehört und hegte deshalb den Wunsch, den Kollegen selbst ein- mal zu sehen. Bald wurde er durch einen Angestellten des Hotels mit ihm zusammengeführt, und statt sich zu begrüßen, schauten sich die beiden Herren erstaunt an. .Wie, Du bist Laurent?" fragte endlich Barthez, der in seinem Gegenüber einen seiner ehemaligen Diener erkannte. .Ja. Herr Professor, ich bin eSl" „Aber, wie bist Du Arzt geworden, wo hast Du Deine Studien gemacht?" .In Ihrem Hause. Herr Professor. Ich war immer bei Ihren Untersuchungen anwesend, ich habe Ihre Bücher gelesen und viele Rezepte auswendig gelernt, und Sie sehen, wie mir das zustatten kommt." „Bravo, ich wünsche Dir Glück dazu, aber ich wundere mich nicht so sehr über Deine Geschicklichkeit, wie über Deine großen Erfolge. Wie zum Teufel hast Du denn diese Praxis erworben? Ich bin schon fast vierzehn Tage hier und noch kein Mensch hat nach mir gefragt". .Erlauben Sie, Herr Professor, ich wundere m'ch, daß Sie bei Ihrer Erfahrung die Menschen so schlecki kennen. S-'h' N Sie, hier in Bordeaux leben 200000 Menschen; wie viel, glauben Sie, haben davon gesunden Menschenverstand? Höchstens 2000 bis 3000.«u» gut, diese 3000 kennen und schätzen Sie nach Ihrem wahren Werte. die übrigen 107 000 aber gehören mir zu und laufen zu mir. Ich v rspreche meinen Klienten das Blaue vom Hinunel herunter, während Sie ihnen nur das garantieren, was Sie ihnen leisten können I"— Theater. Lessing-Theater. Im grünen Baum z«r Nachtigall. Lustspiel in drer Akten von O. E. H a r t l e b e n. Der Arzt seiner Ehre. Groteske in einem Akt von Paul M o n g r ü.— Zwei Duellstücke brachte der Silvesterabend im Lessing-Theater,— eines, das den Unsinn der Duellehre ausgelassen lustig, in gepfefferter Satire nach Gebühr verultte; eines, das mit sanftem Tadel aufgeklärt familienblaUmäßig ohne jede interessante Eigennote darin heruni stocherte. Hartleben, der ehedem so über» mutige, hatte die dreiaktige Ernsthaftigkeit beigesteuert; der geist» reiche Ulk, der ihm so gut zu Gesicht gestanden haben würde, ging unter der Flagge eines französischen Pseudonyms, hinter dem ein Leipziger Mathematikprofessor sich verbergen soll. Wie vorher schon in Wien und anderwärts wurde das Hart» lebeniche„Lustspiel" auch hier vom Publikum abgelehnt. Gegen den mäßigen Applaus erhob sich, trotz der vortrefflichen Aufführung, die in ihrer Unterhaltsamkcit über daS Manko des Inhalts wohl hätte hinwegtäuschen können, ein erbittertes Zischen. Bei der sonst in Berliner Premieren üblichen Toleranz überraschte die Schärfe des Protestes. Daß die Handlung des Stückes nicht interessieren konnte, muß sich auch Hartleben gesagt haben; aber nach dem Bombenerfolge von Alt-Heidelberg rechnete er ivohl, daß die Schildeningen aus dem Jenenser Bierstudententum-Milieu, billig ohne Phantasieaufwand aus der Erinnerung hergestellt, genügend Zugkraft besäßen, um Neugier und Schaulust zu reizen. Künstleriiche Absichten liegen dieser neuesten Produktion noch viel ferner als etwa seinem„wahrhaft guten Menschen", durch dessen bunte Willkürlichkciten immerhin so etwa? wie ein leitender Gedanke hindurchschimmerte. Die Schrullen und Sprünge, durch die er da die Wirkung sich so gründlich verdarb, fehlen hier, die Sache ist glatter, viel bühnentechnischer gearbeitet, aber dafür auch ganz geschäftsmäßig-physiognomielos, in ihrer wässerigen Klarheit an alle Benedixiaden erinnernd. Im ersten Alle giebt es einen Nachmittagsschoppen des Jenenser Korps„Alania" in dem Wirtshause mit dem poetischen Namen. Der Senior verdonnert ein junges Semester zu einer Biermimik: Eugen Dühring soll eines seiner schmachtenden Liebes» lieber mit der Schenkmamsell zusammen parodistisch ttagiercn. Der tattlose Spaß geht ziemlich weit und schließlich wird gar ein Hoch auf Fräulein Steingräbcr, die angedichtete Herzensdame des Studiosus, ausgebracht. Ein Herr, der mit seinem Kameraden, einem sehr unkommentmäßig empfindenden Schweizer, das Treiben beobachtet hat, erhebt sich entrüstet und brummt dem Jüngling einen„dummen Jungen" auf. Es ist der eben aus Amerika zurück- gekehrte Bruder der Dame. Tusch und Herausforderung auf ge» zogene Pistolen. Im zweiten Akte ein Ehrengericht des Korps, daS den beiden jungen Leuten, die sich gern versöhnen würden, den Weg dazu verrammelt; im dritten Akte Friedensstistung durch daS Fräulein, die sich— in der Komödie ist alles möglich— mit dem Schweizer und dem inzwischen milder gestimmten Alanensenior als neues Ehrengericht konstituiert. Der taktlose Jüngling, ihr heimlich Verlobter, erklärt nun reuig, daß er wirklich wie ein dummer Junge gehandelt, legt die KorpSzeichen ab und bietet dem künftigen Schwager die Hand.— Margarethe Albrecht, die Nachtigall» wirttn, Kurt S t i e l e r und Karl Forest als Studenten, Patry als Mensuren- und skatbegeisterter Pastor, zeichneten in dem Ensemble sich besonders aus. Den Vogel schoß Hans Marr in der Rolle des bemosten Alanenhauptes, des bierseligen. humoristischen, nach außen immer stramm korrekten Kandidaten DemeliuS ab.— Die M o n g r ö sche Groteske, die dieser Harmlosigkeit folgte, war echter Simplicisfimusgeist, unbarmherzig höhnisch bis zur Frivolität. Ein Herr, den seine Frau betrogen, hat nach land- läufiger Konvention der feinen Gesellschaft, als„Arzt seiner Ehre" das ihm zugefügte Verbrechen in blutigem Zweikampf an dem Verführer zu rächen. MongreS beleidigter Gatte, der als Regierungsrat anstandshalber gleichfalls fordern mußte, hegt indessen die wohlwollendsten Empfindungen gegenüber dem „Veniichter seines häuslichen Glückes". Seine schöne Gattin war von jeher ebenso unausstehlich wie treulos, und der Gedanke an die jetzt sichere Scheidung füllt die Brust des biederen Gemahls mit tteker Seligkeit. Um so fataler, wenn jetzt ein Schuß ihn um das neue Glück betrügen würde I In der Nacht vor dem Duell kneipen die beiden Parteien, der fidele Träger der gekränkten Ehre und der jugendlich sentinientale sog. Verftihrer, in demselben Hotel. Der Regierungsrat macht aus seinem Herzen keine Mördergrube und entzückt dadurch seinen Begleiter, den alten ausgedienten Oberst, der gleichfalls mit dem werblichen Ge» schlecht nicht die besten Erfahrungen gemacht zu haben scheint. Artig fordert dieser die Herren von der Gegenpartei, als sie ins Zimmer treten, auf, zu bleiben. Dami werden die Tische zusammen» gerückt, und eine solenne Zecherei hebt an, die auch des Verführers kriegerischen Mut zum Schmelzen bringt. Schließlick trinkt man allgemein Brüderschaft. Ein Brief, der meldet, die betreffende Dame sei mit einem Dritten durch gegangen, erhöht die Stimmung noch und Arn, in Arm geschlungen, torkeln die frischgebackenen lieben Freunde aus dem Lokal. Die Bosheiten, mit denen dieser Heldenschwank reichlich gespickt war, wurden mit verständnisvollem, schadensrohem Lachen auf- genommen. Trotz einiger Längen amüsierte man sich im ganzen offenbar sehr gut. Patry, Forest, alle Mitspielenden mit Aus- nähme von N e u ff, der der drolligen Berfiihrersignr mehr hätte ab- gewinnen können, waren bei vorzüglichem Humor. Ein extrafeines Mabmettsstück gab Sommer als stillvergnügter, leicht bespitzter alter Oberst.— ckt. o. s. NeuesTheater. NeuefreieVolkSbühne. Zum erstenmal: Jofefine Martens, Komödie in 3 Akten von Lothar Schmidt.— Das Theater hinkt immer einige Jahre gehorsam hinter der EntWickelung nach. Man kann es ganz genau verfolgen, wie die eigentlich vorwärtstreibende Bewegung schon tvieder an ganz anderer Stelle angelangt ist, wenn die Dramen- schreiber beginnen, die verbreiteten Ideen für das breite Theater- Publikum mundgerecht zu machen. In der Literatur kennen wir schon seit einiger Zeit den Mädchentyp, der bestrebt ist, sich von der geschlechtlichen Abhängigkeit, die oft nur soziale Kastenabhängigkeit und ein Befangensein in Klassenvorurteilen und pekuniäre Misere ist, zu befreien. Ein Ruck— und die Fesseln, die eng und ewig lastend erschienen, fallen und erweisen sich mit einem Male als eitel Plunder. Die ängstlichen Visionen sind Spukgespenster einer sich in drohende Gesahrsmöglichkeiten verlierenden Phantasie, und ihre Gewalt ist ge- krochen. Der Mensch steht da der Natur gegenüber. Als Kraft und Intelligenz diktiert er der Welt die neuen, gültigen Gesetze. Er erweist sich als Umstürzler und als Neuschöpfer.— Dies wäre die eine Möglichkeit, den Stoff groff und gewaltig zu gestalten. Ansätze dazu sind in der Koinödie enthalten. Das ganze Stück ist durch den Charakter der weiblichen Hauptperson, der der gutherzige Junge, oer sie so gern heiraten möchte, um an ihrer Seile glücklich zu werden und das Kind, das sie erwartet, zu einem ehelichen zu machen, nicht genügt, reichlich aufs Tragische gestimmt. Was die Mutter für ein groffes Glück hält(die übliche Phrase: Du kannst noch froh sein, wenn er dich nicht sitzen läfft), das erscheint dem Mädchen als Pein, als Ausgangspunkt ihres ganzen Lebensruins. Sie will nicht den Vater ihres Kindes heiraten. Andererseits erscheinen uns diese Probleme oft, gerade wenn wir sie so verzweifelt ernst nehmen, im Hinblick auf die grohen Ziele der Entwickelung als klein. Wir meinen, man braucht deswegen nicht ein so großes Geschrei machen— wie es heute unter einer Gruppe von„Kindesanbeterinnen", die gegen den Vater eifern, während sie das Kind verehren, geschieht. Es haftet dieser momentanen Uebcrtreibung und Verzerrung etwas Lächerliches, etwas Schwächliches an, etwas Unpersönliches(auch wieder als Folge sozialer Verengerungen), etwas Kleinbürgerliches. Vor diesem Ge- sichtspunkt erscheint ein solch eiferndes Mädchen ein bihchen komisch. Und das ganze Reden um diesen Punkt könnte, mit Ewigkeitsaugen angeschen, etwas grandios Lächerliches, Zwerghaftes erhalten.— Auch hiervon sind ein paar Ansätze, ganz verschwindend, ganz spür- lich, in dem Stück enthalten. Was der Mutter den größten Schmerz bereitet, stärkt das Mädchen zum höchsten Triumph. So wirbelt das Komödienspiel des Lebens alles durcheinander. Zum dritten: solch ein Mädchen könnte ein Charakter sein. ES könnte Freude machen, ihn zu ergründen, in feinster, künstlerisch ab« getönter Detailmalerei. Eine psychologische Charakterstudie modernsten Gepräges, die in ihrer schillernden Vielseitigkeit manches Licht — indirekt— auf viele ungelöste Probleme iverfcn könnte. Davon, von diesem künstlerischen Wert, ist wenig hier zu spüren; Ansätze auch, aber sehr spärliche. WaS ich sagen will, ist: Die Unentschiedenheit ist der Schaden des Stückes. All die einzelnen Ansätze liegen nebeneinander und sind nicht organisch gebunden. Ein Dramatiker muff mit der Dicht- kunst Ivirtschaste», wie der Maler, der Plakate malen will, mit der Malknnst. Das heißt, man muß in jedem Augenblick wissen, was er will, wie er es sieht, was er meint. Nun bleibt noch eine Möglichkeit: Der Autor will ein rechtes, gutes Programmstück schreiben, eine Durchschnittsarbeit mit modernen Allüren. Er hat den guten Stoff gewittert, lind von dieser hölzernen Theatcrarbeit ist am meisten in dem Stück. Und das macht uns mißtrauisch. Das Stück ist allzuschmächtig aufgebaut und sinkt in den entscheidenden Teilen ins Triviale, Gangbare, Flache hinab, inS tränenselige sentimentale Familienstück, dessen Jnhaltlosigkeit mühselig über drei Akte auseinandergezerrt wird. Den Titel„Koinödie" hält »na» fiir einen Druckfehler. Der Autor konnte nach dem zweiten und dritten Akt einmal erscheinen. Der Darstellung ist er zu Dank verpflichtet. Besonders Hedwig Mangel, Elisabeth Schneider(die für wenig Rollen sich eignet, fiir diese aber wie geschaffen scheint) und Marie G l ü m e r, die mit resoluter Frische einen oft gesehenen weiblichen Typus, den Typus des körperlich nicht bevorzugten Weibes, das sich schlecht und recht und mit Humor durchs Leben schlägt, auf die Beine stellte. Auch Alexander E k e r t spielte den gutherzigen Jungen brav.— Medizinisches. ea. Das Verschlucken von Haaren. Im Magen und in den Eingewcidcn von Tieren, beispielsweise von Kühen, die ge- wohnheitSmäffig die haarige Oberfläche ihrer Haut belecken, findet man nicht selten Massen, die durch ein Zusammenballen der vielen verschluckten Haare gebildet werden. Die Bewegungen des Magens während der Vcrdauungstätigkeit bringen ein Zusammcnfilzen dieser Haare zustande, wodurch rundliche Massen entstehen, die mit der Zeit eine beträchtliche Grütze erreichen und eine Verstopfung des Verdauungskanals veranlassen können. Beim Menschen kommen der- artige Haarballen selten vor und finden sich dann gewöhnlich bei Mädchen oder Frauen, namentlich bei solchen von zurückgebliebenem Intellekt. Als eine grotze Ausnahme ist es daher zu betrachten, datz ein Arzt kürzlich auch bei einem fünf Jahre alten Knaben drei der- artige Haarmasscn gefunden hat. Das Kind hatte schon im ersten Lebensjahre die Gewohnheit angenommen, sich die Haare auszu- reitzen, so datz ihm nur ein kleiner Schopf auf dem Hinterhaupt übrig blieb. Die Mutter machte den erfolgreichen Versuch, ihm diese Unart durch Bedecken des Kopfes mittels einer Kappe abzu- gewöhnen. Nach weiteren vier Jahren, als der Haarwuchs auf dem Kopf des Knaben bereits eine ganz manierliche Verfassung an- genommen hatte, erkrankte das Kind unter Erscheinungen von Kolik mit etwas Fieber und krampfartigen Anfällen. Im Verlaufe von mehreren Wochen gingen dann drei kleine Massen von Haaren ab, worauf völlige Wiederherstellung erfolgte. Erstaunlich und bedenklich ist dabei die Tatsache, datz sich die Haare auch bei einem Kinde so lange im Verdauungskanal zu halten und dort schliesslich ernste Störungen hervorzurufen vermögen. Datz solche Angewohnheiten in gewissem Grade als erblich betrachtet lverden können, beweist der Umstand, datz eine ältere Schwester des Knaben bis zum Alter von zwei Jahren die Gewohnheit hatte, kleine Wollstücke zu essen, die sie aus ihren Kleidern herauszog; noch eine andere Schwester hatte die Unart, Gras und Papier zu kauen, und der Knabe pflegte im Alter von zwei Jahren sogar Erde in den Mund zu nehmen und hinunter zu schlucken.— Notizen. — Die m e i st g e l e s e n e n belletristischen Werke des vergangenen Jahres. Das„Literarische Echo" hat wieder eine Umfrage bei Leihbibliotheken zc. veranstaltet. Die Erkundigung bezog sich auf die fünf bis sechs meistverlangten Werke. 136 Antworten gingen ein. Verlangt wurden:„Götz Krasst"(Stilgebauer) 96,„Das schlafende Heer"(Viebig) 78,„Briefe, die ihn nicht erreichten"(Heyking) 70,„Jena oder Sedan?" (Beyerlein) 64,„Jörn Uhl"(Frenssen) 43,„Erstklassige Menschen" (Baudisfin) 43,„Buddenbrooks"(Th. Mann) 41mal. — Die Marciana zu Venedig, vielleicht die kostbarste aller Büchersammlungen, wird im Jahre 1995 wieder eröffnet werden. Sie umfafft etwa 199 Ovo Bände und vor allem wertvolle Handschriften. Die Bibliothek befitzt eine aus dem achten Jahr- hundert stannnende Vnlgata, das berühmte Brsviarimn Grimani, ein Miniaturwerk niederländischer Herkunft, eine Divina Commedia mit Giottos Bilderschmuck und noch viele andere Schätze. Die Marciana ist von dem Kardinal Bessarion begründet worden, einem Griechen, der vor den Türken geflüchtet war und ettva 1999 Kodices mitbrachte, die ihm schon 39 999 Golddukaten ge- kostet hatten.— —„Allerseelen", ein neue? Stück von Hermann H e y e r m a n s hat bei der Uraufführung in Amsterdam großen Beifall gefunden. Die Kritik hat das Werk einstimmig der- urteilt.— — Sehr gut aufgenommen wurden in Prag„Die Dorf- Musikanten" von Karl Weis. Das Stück ist eine Mischung von Schauspiel und Oper. � — In Sofia hat sich ein südslawischer Künstler'- b un d gebildet. Serbische, kroattsche und slowenische Künstler waren bei der Gründung anwesend.— — Der Verein für Deutsches Kunstgewerbe in Berlin schreibt folgende Wettbewerbe aus: 1. Entwurf zu dem Mobiliar eines bürgerlichen Wohnzimmers.(Einzuliefern bis 1. Februar 1995 nachmittags 3 Uhr.) 2. Plastische Modelle zu einem Eßbesteck in Silber.(Einzuliefern bis 1. März 1995, nachmittags 3 Uhr.) 3. Entwürfe zu einem Pianinogchäuse und zu einem Notenpult.(Einzuliefern bis 1. April 1995, nachmittags 3 Uhr.) Für jeden der drei Wettbewerbe setzt der Verein aus: einen ersten Preis von 159 M., einen zweiten Preis von 199 M., einen dritten Preis von 59 M. Die näheren Bedingungen sind in der Geschäfts- stelle des Vereins, Berlin W. 9, Bellcvucstr. 3, II, Qucrgcbäude, einzusehen.— — Ein neuer Komet wurde Ende Dezember auf der Stern- warte zu Nizza im Sternbild Walfisch entdeckt. Er zeigt einen deutlichen Kern, seine scheinbare Bewegung ist nach Nordosten gerichtet.— o. Ein Halsband aus schwarzen Ameisen ist der Hauptschmuck der Frauen auf Neu-Gninea. Die Eingeborenen finden diese Ameisen in den Gärten, sie beißen das hintere untere Ende ab und verschlucken es. den Kopf werfen sie weg, und das Bruststück reihen sie auf. Eine Frau, die Braut eines Häuptlings, trug einen Halsschmuck von elf Fuß Länge, zu dem die Leiber von 1899 Ameisen gebraucht worden waren.— Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LiEo.. Berlin Z1V.