Nnterhaltungsblatt des Dorivärts Nr. 3. Mittwoch, den 4. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) st Der Kanrnetfter. Roman von Felix Holländer. Drittes Kapitel. Keßler inachte Licht. Aus dem Stebenzimmcr hörte man ein regelmäßiges Geräusch. Herr Freitag ging mit großen Schritten auf und nieder. Keßler horchte. Was trieb der Kleine nur? Was hatte es mit seinem seltsamen Gebaren für eine Bewandtnis?... War er wirr im Kopfe? War er ein Sonderling? Oder was hatte es sonst mit ihm auf sich? Und wovon existierte er? Er lebte als kärglicher Chambregarnist und hielt sich ein Reit- Pferd und Stallung! Tarin lag doch ein grotesker Wider- fpruck. Ein Gedanke schoß ihm auf einmal durch den Kopf. Ain Ende war Freitag der Kapitalist, den er mit der Laterne suchte! Er reckte sich in die Höhe, und in einem mutigen Ent- schluß klopfte er an die Nebentür. Aber er bekam keine Antwort. „Hören Sie einmal, Herr Freitag, ich wollte mir nur erlauben, Sie zu einem Glas Kognak einzuladen!" Wieder keine Antwort. „Ihr Besnch würde mir eine große Ehre sein— wie gesagt— zu einem Gläschen Hennessy Fine Chainpagne— extrafein!" Von drinnen kein Laut, aber das gleichmäßige Auf- und Niedergehen hatte aufgehört. „Mein Herr, ich habe Ihnen außerdem etwas Wichtiges mitzuteilen," fuhr Keßler unentwegt fort.„Es handelt sich um eine Sache von einschneidender Bedeutung!" Er wartete eine Minute. „Gut, so kommen Sie zu mir herüber!" klang es kurz zurück. „Aha!" machte Keßler, und sein Gesicht hatte einen merk- würdigen Ausdruck der Genugtuung.„Ich komme!" ant- wartete er rasch: und wieder stand er auf dem Hausflur und klopfte bei seinem Zimmernachbar an. Dieser öffnete vorsichtig eine Ritze der Tür. „So kann ich aber doch nicht hinein!" sagte Keßler lachend. Der alte Herr öffnete, und Keßler betrat einen gewöhn- lich ausstaffierten Raum, in dessen Mitte ein großer, mit auf- geschlagenen Büchern und Papieren angefüllter Tisch stand. Herr Freitag aber befand sich in einem merkwürdigen Aufzug. Er trug einen blauseidenen, verschossenen Schlafrock und auf dem Kopfe einen roten Fes. Er kani Keßler wie ein Operettenfigur vor. „Was wünschen Sie eigentlich?" fragte er grob. Keßler schwieg. Er wußte ja selbst nicht, was er von dem Manne wollte. Freitag fixierte ihn mit der Miene eines llntersuchungs' richters. „Etwas äußerst Wichtiges haben Sie mir doch mit zuteilen— wie? So sagten Sie doch!" „Gewiß— gewiß! Etwas äußerst Wichtiges!" ent gegnete Keßler, indem er sich aus seiner Verwirrung auf raffte. „Also heraus damit!... Heraus damit, sage ich!..." Keßler suchte krampfhaft nach einem Vorwand. Ah!— Jetzt hatte er ihn! „Ich wollte Ihnen nur dringend raten," begann er langsam, Silbe für Silbe betonend,„diese nächtlichen Spazier ritte aufzugeben. Sie sollten überhaupt diese Gegend ver lassen!" setzte er hastig hinzu. Er machte eine kleine Pause und beobachtete, daß seine Worte auf den alten Herrn einen merkwürdigen Eindruck ge- macht hatten, denn er glotzte ihn mit leeren, großen Augen an. „Wie meinen Sie denn das?— Haben Sie Verdachts� gründe?" Keßler nahm eine äußerst wichtige Miene an. „Es gibt hier Leute, denen ich nicht traue," sagte er leise. „Man muß auf seiner Hut sein," setzte er hinzu. „Ja, ja, das muß nian!" antwortete der Kleine, und in- dem er die Arme auf dem Rücken verschränkte, schritt er mehrere- mal nervös durch das Zimmer. Dabei hatte er die Angewohn- heit, mitten auf seinem Wege sich plötzlich umzudrehen und Keßler zu fixieren, als wollte er ihn auf irgend etwas ertappen. Keßler stand in lässiger Haltung da. Er tat, als ob er nichts in diesem Zimmer wahrnähme, als ob ihn der Mann und seine Umgebung nicht im mindesten interessierten. „Was haben Sie denn davon, sich einen Schimmel zu halten und durch die Nacht zu jagen? Das fordert doch die Leute gewissermaßen heraus, abgesehen davon, daß es ein Heidengeld kostet!" Herr Freitag richtete sich auf. Er nahm eine soldatcske Haltung an. „Mein Herr— ich bin Rittmeister!— Rittmeister a. D.... llebrigens nehmen Sie Platz, wenn ich bitten darf." „Ja, wo denn?" fragte Keßler lachend, denn das Sofa und die beiden Stühle waren ebenso wie der Tisch vollkommen wU Büchern bepackt. Herr Freitag stülpte ohne weiteres einen Stuhl um, so daß die Folianten krachend zur Erde fielen, und mit einer Be- wegung, als ob das selbstverständlich wäre, forderte er seinen Gast von neuem zum Sitzen aus, und nach einer Weile sagte er zaudernd, indem er den Zeigefinger an seine Nase legte: „Es wäre immerhin denkbar—• Sie müssen wissen, ich habe sehr viele Feinde— Leute, denen mein plötzlicher Tod äußerst willkommen wäre!" Dabei legte sich sein Gesicht in unzählige Falten. Man sah es ihm deutlich an, daß er sich über irgend etwas den 5topf zerbrach, ohne zur Klarheit zu gelangen. Mitten aus seinem Nachdenken wachte er unvermutet auf. „Haben Sie gedient?" fragte er kurz und init der Stimme eines Kominandeuro. „Zu Befehl. Herr Rittmeister!" „Befördert?" „Leutnant der Reserve!" „Bei welchem Regiment?" Keßler gab keine Antwort, und Herr Freitag schien auch keine zu erwarten. Er war an seinen Sekretär getreten, griff hastig nach einem Schriftstiick und schloß es ein— alles mit einer Geschwindigkeit, als fürchte er. Keßler könnte sich über- zeugen, was es nnt diesem Schriftstück auf sich habe. „Sie meinen, ich sollte hier ausziehen?" nahm er den abgerissenen Faden wieder auf. „Ja— das ist meine Ueberzeugung. Sie setzen sich un- nützen Gefahren aus." „Hm," machte Herr Freitag,„so gefährlich scheint mir die Sache denn doch nicht. Sie müssen wissen, ich trage immer einen Sechsläufer- bei mir. Bitte, überzeugen Sie sich ge- fälligst." Er wies auf den Revolver, der mitten auf den Büchern lag. „Ich hätte ja die Kanaillen da unten einfach niederknallen können," sagte er verächtlich.„Celn ne vaut pas la peine!" fügte er hinzu, während er seine Mundwinkel herabzog. „Zlußerdeni— ich will nicht in Konflikte kommen... Ich habe noch eine Mission... Lassen wir das— das interessiert nur mich.— Wollen Sie übrigens mein Patent als Rittmeister sehen?— Ich bin Rittmeister a. D.— Mir scheint, Sie trauen meinen Worten nicht!" Er ging wieder an seinen Sekretär und holte aus einem anderen Fach ein großes Schriftstück hervor. Aus dem breiten Leinwandkuvert blickte Keßler ein ganzes Paket von braunen Scheinen entgegen. Sein Wirt legte plötzlich beide Hände fest auf das Paket und sah ihn erschreckt und hinterlistig zugleich an. Keßler wurde einen Moment bang zumute. Dreser närrische Kauz brauchte ja bloß Ernst zu machen und in seinem verrückten Zustand nach dem Revolver zu greifen. Er gab sich den Anschein, als ob ihn diese Unterhalwng durchaus langweilte. Der Rittmeister a. D. lächelte leise. Da— ohne ein Wort der Erklärung— schloß er das Kuvert wieder ein. AlS er sich ihm wieder zukehrte, sagte Keßler: „Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle." Tr nannte fernen Namen und zog gleichgültig seine Brief- lösche hervor, der er eine Visitenkarte entnahm. In der Brief- tasche lagen die drei Hundertmarkscheine. Ein raffinierter Gedanke kam ihm plötzlich. Er ließ das Geld scheinbar achtlos auf die Erde fallen, machte dann eine kurze Verbeugung und empfahl sich, da er. wie er sagte, sehr müde sei. Herr Freitag hatte das Experiment nicht bemerkt... Viertes Kapitel. Als Keßler wieder in seinem Zimmer war. horchte er mit angespannter Aufmerksamkeit. Was würde jetzt passieren? überlegte er. Minute auf Minute verging. Er hörte, wie da drinnen J'emand in Papieren und Büchern kramte— mich glaubte er !ei seinem angestrengten Lauschen zu vernehmen, wie eine Feder über das Papier fuhr. Tann wieder schritt Freitag im Zimmer auf und nieder, und Keßler sah ihn deutlich in dem blauseidenen Schlafrock und dem roten Fes. unter dem die weißen Haare sichtbar waren. Er blieb auf einmal stehen. Aha— jetzt mußte es kommen! Er hatte die unabweis- liche Uebcrzeugung, daß Freitag in diesem Moment die Hundertmarkscheine bemerkt hatte. Er hielt den Atem an... Eine kleine Weile verging, die ihm endlos dünkte. Richtig— es klopfte leise an seine Tür. Keßler gab keine Antwort. Das Klopfen verstärkte sich ein wenig. „Sind Sie es, Herr Freitag?" fragte er in gedehntem. schläfrigem Ton. „Ach bitte, mein Herr, könnten Sie noch einen Augenblick zu mir herüberkommen?" „Hat es nicht bis morgen Zeit?" fragte Keßler.„Ich bin nämlich sehr, sehr müde?" „Es handelt sich um einen Augenblick!" „Gut. ich komme!" Herr Freitag öffnete ihm. „Haben Sie hier etwas liegen gelassen?" fragte er. „Taß ich nicht wüßte!" antwortete Keßler unbefangen. „Besinnen Sie sich einmal!" „Ich weiß wirklich nicht..." „Haben Sie nicht vorhin eine Brieftasche hervor- gezogen?" „Habe ich das...?" fragte Keßler und tat, als ob er sich nicht besinnen könnte. „Sie haben eine Brieftasche hervorgezogen!" „Gut!— was weiter?" sagte Keßler. „Sie haben mehrere Scheine daraus verloren!" lFortsetzung folgt.) Keim„Voonrit" in Gent/) ... Ich habe Ansecle zeitig am Morgen abgeholt, ihm in seinem, mit mancherlei Gaben der dankbaren vlämiichen Partei- genossen geschmückten Arbeitszimmer die Hand geschüttelt und gehe nun neben ihm durch einige Vorstadtstratzen. Bor einem Fabriks- gebäude aus Rohziegeln machen wir halt und treten durchs Tor. Es ist das neueste Unternehmen des..Vooruit", mit dem unsere Be- sichtignngstätigkeit beginnt: die Weberei. Sic ist erst im Februar löffii von einem privaten Unternehmer übernommen worden. Da» Anlngetapital war 2bO OOO Frank. Gegenwärtig sind einige vierzig Webstühle im Gange. Die Genter Genossen machen aber jetzt grohc Anstrengungen, um das Kapital aus eine halbe Million zu erhöhen, die Zahl der Webstühle auf 200 zu bringen und notwendige maschinelle Verbesserungen durchzuführen. Nachdem wir alle Räume der Werkstättc besichtigt haben, bekomme ich im Kontor, wo Anseele geschäftliche Dinge abzuwickeln hat, Gelegenheit, auch Proben des fertigen Produktes zu sehen. Kunden der Genossen- schaft sind teils die anderen sozialistischen Genossenschaften des Landes, teils werden sie auf dem freien Markte gewonnen. Auch� über die Arbci tsbedingungen gibt mir mein Führer Auskunft. Leider hindern die allgemeinen traurigen Verhältnisse der Gentcr Textil- industrie das bescheidene Genossenschastsunternehmen, das mit Millionenfirmen zu konkurrieren hat, daran, hier radikal vorzu- aehen. In Gent herrscht in der Flachsspinnerei der Elsstundcntag, in der Baunuoollspinnerci und in der Weberei werden wöchentlich S3 Arbeitsstunden gemacht. Beim..Vooruit" beträgt die Arbeits- Woche immerhin nur 60 Stunden. Wir haben die Weberei verlassen und kommen bald zum Handelshafen, an dem wir eine beträchtliche Strecke bleiben. Gent #) Aus der Jubiläumö-Nummer der Wiener„Arbeiter» Leitung", hat einen sehr starken Schiffsverkehr. Durch einen in die Scheide mündenden Kanal können fetzt auch größer« Seeschiffe einlaufen. Ein riesiges Dock ist eben fertig geworden. Hier kommt Anseele auf seine neue Lieblingsidee zu sprechen: die sozialistische Flotte!„Die rote Fahne muß auch auf dem Meere flattern," sagt er und feine energischen blauen Augen hinter dem Kneifer weiten sich. Man fühlt, bei ihm sind solche Pläne kein unverbindliches Spiel der Phantasie. Die Schöpfungen des„Vooruit", die heute fest gegründet stehen, waren sie nicht vor zwanzig Jahren Lustschlösser? Aber war nicht auch, als das Kommunistische Manifest erschien, die Organi- sation der geknechteten Massen für die„historisch" denkenden Geister ein wüstes Blendwerk vernunftloser Wünsche und hirnverbrannter Spekulationen? Was ist denn„die Tat", die«im Anfang war", anderes als die Realisierung der Unmöglichkeit, aus einem Nicht« Sein ein Sein zu schaffen? Und dies ist sie heute und immer, so» lauge die Menschen an die Möglichkeit des Glückes glauben werden. Wie sagt doch der englische Sozialist: Keine Weltkarte ist etwas wert, auf der das Land Utopia nicht verzeichnet steht. Anseele erzählt mir aber weiter von der Genossenschast, von der Partei und verwandten Gegenständen. Er schildert mir die furchtbaren Schwierigkeiten, mit denen die Genossen zu kämpfen haben, die dem sozialistischen Gedanken bei der verelendeten Fischer- bevölkerung Eingang verschaffen wollen: vom Fanatismus, der dort hinter den von keinem Strahl steter Menschlichkeit durchdrungenen Stirnen wohnt, vom Terrorismus der Pfaffen, der auch hier dem Ausbeutertum den Schild vorhält. Dazwischen erledigt er ver- schiedene Geschäfte, spricht in einer Mühle vor, besucht einen Ge» nossenschaftsbeamten, einen merkwürdig schönen jungen Menschen, der an einer Knochcnkrankheit leidet und sich auf Krücken schleppt, und gibt ihm Aufträge wegen des Rechnungsabschlusses. Wir kommen wieder an einen Wasserlauf, auf dem viele Fahrzeuge liegen. Plötzlich weist Anseele auf einen Komplex von Gebäuden. Wir stehen vor dem Hauptbetrieb des„Vooruit", der Bäckerei. Ansecle führt mich durch die verschiedenen Abteilungen, er- läuternd, erzählend, dazwischen mit den Angestellten verhandelnd. Ich sehe die Luxusbäckerei, wo allerlei Sorten Teegebäck und Zeltchen hergestellt werden, dann die große, peinlich saubere, gut belichtete Halle, deren Arbeiter mittels neuer Bohrbcckscher Maschinen wöchent- lich 8öOOO Kilogramm Brot erzeugen. Die Bäckerei ist der Stolz des„Vooruit", weil sie technisch auf der höchsten Stufe steht, durch ihren großen Ertrag, der nur im letzten Jahre durch die Krise gemindert wurde, die eigentliche Machtquelle der Genossenschaft ist und auch in sozialer Beziehung als Musterbetrieb gelten kann. Hier ist der Achtstundentag eingeführt. Anseele konstatiert den Fort- schritt der Badeanlagen für die Arbeiter, an denen eben gearbeitet wird. Anseele öffnet die Tür eines Schuppens. Ein furchtbares Gebell schlägt uns entgegen:„Unsere Kavallerie," sagt mein Führer scherzend. Es sind fünfzig Hunde, die täglich von der Bäckerei aus- gesendet werden, den Kunden das Brot zuzuführen. Der„Vooruit" hat keine offenen Brotgeschäfte, nur den Konsumenten direkt wird geliefert. Die Genossenschaftsmitglieder zahlen 30 Centimes für das Kilogramm, erhalten aber 9 Centimes davon in Form von Bons zurückerstattet, für die sie wiederum Brot oder andere Waren aus den Magazinen der Genossenschaft nehmen können. Im Hofe ist vor einem niedrigen Gebäude ein Mann in hellem Kittel tätig. Wir treten näher. Es ist«in Bildhauer. Ein alter Mann mit jugendlich frischem, vlämischen Gesicht, um das ein wilder, weißgelblichcr Bart starrt. Und das mit Glas gedeckte Gebäude nebenan ist ein Atelier. Eine Künstlerwerkstatt in einer Bäckerei! Wie seltsam! Und ist es nicht noch merkwürdiger, daß Arbeiter diese Künstlerwerkstatt erbaut haben, arme Teufel, deren Tagclohn im allgemeinen nicht mehr als Llh Frank beträgt? Unseren Gegnern sei auch dieses Dokument der.Kulturfeindlichkeit" des Sozialismus, des Banausentums der Massen empfohlen. Im Atelier Hausen zwei Künstler, Vater und Sohn Van Biesbroeck. Der Alte hat schon der Internationale angehört, auch der Junge ist der sozialistischen Idee ergeben. Im Atelier, in dein eben der Sohn malt— er betreibt gleich dem Vater beide Schwcsterkünste—, sehe ich neben anderen interessanten Arbeiten auch die schöne, dem„Vooruit" gewidmete Plaque, für die JuleS van Biesbroeck in Paris 1900 den großen Preis erhalten hat. Sein Grabdenkmal für Volders, den Vorkämpfer der belgischen Sozial» dcmokratie, steht im Pariser Luxembourg. Ein Fragment des Monuments für Van Beveren hat das Museum in Venedig ge» kauft. Auch im Parc de la Citadelle, dem Sammelplatz der bour- geoisen Gesellschaft von Gent, find Vater und Sohn durch zwei Gruppen vertreten. Die Biesbroeck gehören zu den angesehensten Vertretern der vlämischen Kunst. Und sie leben hier sozusagen in gemeinsamem Haushalt mit einer Brotbäckerei betreibenden Ar» beitcrgenossenschast... Von der Bäckerei, bei der auch das Kohlenlager des„Vooruit" liegt, schlagen wir den Weg ins Stadtzentrum ein, um den Häusern am Frcitagsmarkt einen Besuch abzustatten. Sie stehen in ihrer jetzigen Gestalt erst seit fünf Jahren, da 1807 ein Brand das alte Heim der Genossenschaft eingeäschert hat. Die durch drei Stockwerke gehende Warenhalle ist gleich dem Vereinshaus im modernen Stil gebaut, der die Form dem Zweck anpaßt. Zum Verkauf stehen darin alle Arten Waren: Möbel, Geschirr, Stoffe, Wäsche, Schuhe. Man kann sich dort auch Kleider nach Maß machen lassen. Die Versuche mit eigenen Werkstätten sind bisher nicht alle geglückt. — 1 Genossenschaftliche Werkstätten bestehen gegenwärtig für die Zigarrcnarbeiter, die Schuhmacher und die Metallarbeiter, aber in anderen Stadtteilen. Das VereinShaus enthält einen ge- räumigen Saal für Versammlungen im Hintertrakt. Im Parterre befindet sich ein großes, schönes und sauber gehaltenes Cafe mit sehr billigen Preisen. Ein materieller Profit wird nicht angestrebt, da man den Genter sozialistischen Arbeitern statt der schmierigen Kneipen«inen anheimelnden Zusammenkunftsort bieten will, und diese Absicht ist auch schon in erfreulicher Weise erreicht worden. Die Front des oberen, sehr hohen Stockwerkes wird durch ein Riesen- fenster eingenommen, das dem durch seine praktische Einrichtung sehenswerten Bibliothekssaal, um den manche kleinere Universität den„Vooruit" beneiden könnte, Licht spendet. In den hohen Schränken stehen etwa achttausend Bücher. Die endgültige dekorative Ausschmückung des Hauses ist noch der Zukunft vor- behalten. Außer dem Hause am Freitagsmarkt haben die Genter Arbeiter noch ein anderes Versammlungshaus, das sogenannte„Feestlokaal", einen Saal mit anstoßendem großen freien Platz. Hier saß früher der wohlhabendste Bourgcoisverein der Stadt. Als ihm das Lokal zu teuer wurde, erwarben es die Arbeiter, allerdings vermittels einer Ueberrumpelung. Die unmittelbare Folge war, daß in den ganzen, damals sehr„vornehmen" Straßen die Mietzinse um die Hälfte fielen, weil den Bewohnern das neue Publikum, das nun- mehr an den Sonntagen die Konzerte dort besuchte,„zu ordinär" war und weil der Anblick der Proletarier, die an Versammlungs- tagen durch die Straßen marschierten, die Zuschauer hinter den Vorhängen beunruhigte. Die weiteren Anstalten des„Vooruit"— er besitzt sieben Spezcreigeschäfte und vier Apotheken und hat in einem seiner fünf Häuser eine Turnhalle— bieten im einzelnen nichts Interessantes. Ich folge meinem Führer noch in die— freilich nicht der Genossen- schaft gehörige— Parteidruckerei, deren Arbeitssaal einen geradezu koketten Eindruck macht. Hier befindet sich auch die Redaktion des Genter Tageblattes„Vooruit", im Gassenladen die Buchhandlung. In der Druckerei sehe ich auch große Stöße mit Broschüren der literarischen Parteiunternehmung„G e r m i n a l" mit deren Organisation mich Anseele bekannt macht. Für 1 Frank Jahres- beitrag erhält man alle vom„Germinal" herausgegebenen Bro- schüren. Da alle vierzehn Tage ein neues Heft erscheint, ist der Preis der oft vier Bogen starken Schriften fast unbegreiflich niedrig. «» * Es ist nicht wunderlich, daß in mir beim bewundernden Be- trachten aller dieser Dinge der Wunsch rege geworden war, auch die Menschen näher kennen zu lernen, deren zähe, zukunftsgläubige Solidarität sie geschaffen hat. Der Zufall fügte eS, daß am selben Abend im Saale am Freitagsmarkt eine Versammlung stattfand, von der ich vor Abgang meines Zuges noch einen Teil mitmachen konnte. Es war eine gewerkschaftliche Versammlung der Textil- arbeiter und es ging um eine wichtige materielle Frage, die durch einen dreisten Vorstoß des Unternehmertums lebendig geworden war. Also ein Gegenstand, bei dem bei uns zulande das Tem- perament der Zuhörer stürmisch zutage gebracht würde. Ich war daher in hohem Grade überrascht, daß die einleitende einstündige Rede eines Gewerkschaftsleiters mit fast andächtiger Ruhe angehört wurde. Kein Zuruf, kein Applaus nach kräftigeren Stellen. Frauen und Männer— diese zumeist mit der hier bei den Arbeitern üblichen Kappe auf dem Kopfe— saßen stumm da. Daß aber nicht Teilnahm- losigkeit die Ursache davon war, sah man an den gespannten Äe- sichtcrn und hörte man schon lange vor dem Beifall am Schlüsse an dem nachdrücklichen Zischen, das Zuspätkommende zur Ruhe mahnte. Ich merkte, daß ich hier ein Volk vor mir hatte, bei dem die Gemüts- bewegungen einen sparsameren Ausdruck finden als bei uns. Welche Menge Energie mag bei uns in flüchtigen Aufwallungen verpuffen, die bei ihm ins Innere, in das Becken abfließt, das den Willen speist I Eine starke, gehärtete Rasse sehen wir dort dem Rufe der Geschichte folgen. Die Lebenskraft größerer Ahnen blüht in späten Enkeln wieder herrlich auf. Die flandrischen Proletarier, die im 14. Jahrhundert die tapferen Vorkämpfer der städtischen Demokratie Westeuropas waren, werben mit edlem Ehrgeiz um den Ruhm, die Lehrmeister der modernen Sozialdemokratie in geduldiger, von der Gewißheit des Ideals beflügelter Tagesarbeit zu sein.— _ Otto Pohl. kleines feiriUeron. — Was die Stadt Egcr für Wallenstein zahlen mußte. In den Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen veröffentlicht der Egerer Archivar Dr. Karl Siegl einen Artikel, in welchem wir mit den Ausgaben der Stadt Eger anläßlich des jedesmaligen Aufenthaltes Wallensteins daselbst bekamit gemacht werden. Die Angaben find den Ausgabsbüchern des Egerer Stadt- archivs entnommen.— Albrecht v. Wallenstein erschien 1626, nach- dem er das erste Generalat erhalten hatte, zum erstenmal in Eger, wo er damals im Hause deS Bürgermeisters Pachelbel abstieg, um aber bald nach dem nahe gelegenen Gute Lehenstein zu übersiedeln. Eger war damals sein Werbeplatz. Die Stadt sorgte nicht nur für seine Bewirtung auf dem Gute Lehenstein, sie bestritt auch für seine weitverzweigte Korrespondenz sämtliche Botenlöhne, die einzeln genau verrechnet i— erscheinen und in Summe aus 648 fl. 68'/z kr. sich Beliefen, klnte» den Städten, an welche Briefboten, von denen ein ganzes Heer auf den Beinen war. abgefertigt worden sind, finden wir unter anderen Prag, Pilsen, Plan, Tachau, Ansbach. Bayreuth, Kulmbach, Sulz» bach, Bamberg, Wiirzburg, Koburg, Fulda, Schweinfurr, Nürnberg und Konstanz erwähnt. Groß waren auch die Auslagen der Stadt für Wallensteins und seiner Offiziere Bewirtung. Für Wein allein werden 1363 fl. 46 kr. 4 Pf. verrechnet, für Gewürze, welche zum Teil von Achazius Illing aus Nürnberg, zum Teil von dem Egerer Apotheker Christoph Brufch bezogen worden sind, 367 fl. 46 kr. Im ganzen kostete dieser erste vom 31. Juli bis 3. September 1626 dauernde Aufenthalt Wallensteins der ohnehin schon durch Kriegs- kontribution erschöpften Stadt 11 626 fl. 11 kr. Vor seinem zweiren Aufenthalte in Eger, der in das Jahr 1630 fällt, weilte Wallenstein drei Wochen in Karlsbad. Auch dahin lieferte die Stadt Eger für ihn und seinen Stab eine Menge von Nahrungsmitteln, darunter 16 Ochsen, 46 Kälber, 160 Schöpse, 90 Lämmer, 60 Kapaune, 300 Hühner, 30 Jndiane, 30 Fasane, 276 Hechte, 90 große und 5 Schock Mittelkarpfen, 240 Pfund Stockfisch, 1 Tonne Heringe, 1 Tonne gesalzenen Lachs und eine Menge anderer Artikel. Auch der dritte und vierte Aufenthalt Wallensteins in Eger verursachte der Stadt erhebliche Kosten. Am 24. Februar 1634 hält Wallenstein als gefallene Größe, schwer krank, seinen fünften und letzten Einzug in Eger. Vor seiner Wohnung, dem jetzigen Stadthause, hatten vier Stadtschützen Wache zu halten und insbesondere dafür zu sorgen. daß„kein gedöß, klopfen auch bellen der Hund" entstände, wofür sie 30 kr.„Trinkgeld" erhielten. Am 26. Februar sollten die Anhänger Wallensteins: die Grafen KinSky und Tertzky, Feldmarschall Jllo und Rittmeister Neumann, ermordet werden. Zu diesem Zwecke gab der Egerer Stadttommandant Gordon das bekannte Gastmahl auf der Burg. Tags vorher werden von der Stadt noch Hechte und Schnecken, Wein und Bier für Gordon verrechnet. Beim Schmause von Hechten und Schnecken scheint also die Ermordung jener Getreuen in Szene gesetzt worden zu sein. Bei dieser Ermordung scheint es nun recht turbulent hergegangen zu sein, denn bald danach werden einem Glaser„für gemachte arbeitt vff der Burck in der Stuben, do die Exekution gescheen, für sieben Fenster in die Stuben, vff den boten vnd Ställen von 4l/z Schock Scheuben 7 fl. 26 kr." gezahlt.— k. Die Schrecken der Belagerung. Die Nachrichten von der Kapitulation Port Arthurs verleiht einen« Briefe des Korrespondenten der„Daily Mail", B. W. Norregard, der die Belagerung bei der Armee Nogis mittnachte, ein besonderes Interesse. Der Brief ist vom 30. Oktober dattert und schildert anschaulich die Schwierigkeiten und die Schrecken einer modernen Belagerung. Zunächst stellt der Verfasser dar, wie die Japaner nach dem Scheiten, ihres großen allgemeinen Angriffes mit größter Vorficht vordrangen. Kein Schritt Boden durfte genommen werden, ohne daß ein Erdwall oder Sandsäcke vorgeschoben, wurden. Kasematten mutzten auf dem Wege gebaut werden, in denen die Mannschaften nach ihrer Ablösung ruhen und nachts schlafen konnten. Meilenlange Sappen mußten gegraben werden, bald durch weichen Alluvial» boden, bald durch Schieferfelsen, dann wieder durch Gestein, das ein Gemisch von Kalkstein, Kiesel und Quarz und so hart war, daß eS ausgemeißelt werden mutzte. Dabei durften die Sappen natürlich nicht gradlinig gegen die Forts vorrücken, sondern in Zickzacklinien, und da auch von rechts und links her Forts drohten, mußten die Sappen in mehr Windungen angelegt werden als gewöhnlich. Alle Ausfälle der Russen wurden nachts unternommen, so daß sie die Unterstützung der Scheinwerfer hatten. Sie griffen zum Beispiel jede Nacht die eingenommenen Panlungforts an und wurden jede Nacht zurückgeschlagen. Die Japaner Befestigten die Plätze sofort gegen russische Angriffe: neue Laufgräben und neue Feldschanzen wurden angelegt; einige alte Kasematten konnten noch gebraucht werden lind neue wurden gebaut, so daß die Garnilon von Tag zu Tag verstärkt werden konnte. In den ersten paar Wochen betrugen die japanischen Verlnste durch» schnittlich hundert Mann an einem Tage. Wen» die Japaner ihre Sappen etwas von ihrer Basis entfern, vorgeschoben halten, be» gannen die Russen in fever Nacht ihre Angriffe auf die arbeitenden Mannschaften. Eine kleine Schar Soldaten schlichen sich unter dem Schutze der Dunkelheit näher, stürzte ans sie los, tötete sie mit Kugeln, Bajonetten oder Dynamitbombcn, zerstörte in wenigen Minuten bielleicht die mühsame Arbeit eines ganzen Tages und zog sich dann eitlgst zurück. Zu den schlimmsten Hülfömitteln der Russen gehörten die Drahtverhaue, Die einfachen oder doppelten Reihen dieser Verhaue waren die stärkste passive Verteidigung der Forts. Di« Japaner schnitten sie mit Scheeren durch, zerrissen sie in ihrer Wut auch mit Händen und Zähnen, zerschnitten die Pfähle, an denen die Drähte befestigt waren, oder befestigten Seile daran und zogen sie von den Gräben aus nieder. Dann nahinen sie noch lange, mtt Pulver gefüllte Bambusstäbe, zündeten sie an und verbrannten die Drahtverhaue. Diese Bambusstäbe brauchten sie auch bei Augriffen auf Kasematten; wenn der schwarze Dampf die Verteidiger fast ersttckte und blendete, unten, ahmen sie ihren Erdangriff. Als letztes verzweifeltes Mittel hatten die Japaner große eiserne Schilde im Gewicht von 40 Pfund; durch diese ge» schützt, zerschnitten sie am Tage im Angesicht der Feinde die Verhaue. Die feindlichen Kugeln drangen nicht durch die Schilde, warfen aber die damit Bewaffneten nieder. Trotzden, standen die Leute immer wieder auf und gelangten an die Drahtverhaue. Eine äußerst wirksame Verteidigung fanden die Russen auch in ihren Scheinwerfern, die die Japaner bollständig blendeten und verwirrte» und den Russen ihre Stellungen verrieten. so dah sie erbarmungslos dem Feuer ihrer Repetiergeschiitze ausgesetzt waren. Sie mußten Bodenerhebungen oder kleine Erdbügel als Deckung benutzen: sie konnten nichts tun, wußten nicht, wo sie ivaren und wo der Feind war und konnten nur in ihr Lager zurückkehren. Die Japaner waren vor der Belagerung nicht an Scheiniverfer gewöhnt: ein Offizier sagte:„das sind die tödlichsten Waffe», denen wir ins Auge zu sehen haben." Bon Zeit zu Zeit Hörle man das Sausen einer Sterngranate. Eine dünne, kaum be- merkbare Funkenlinie stieg himmelivärts, ein Regen weißer Phosphor- sterue sank langsam durch die dunkle Nacht wie ein Schönheitstraum hernieder, und auf einige Augenblicke war das darunter liegende Land so hell erleuchtet, ivie es zehn Scheinwerfer nicht erhellen können. Kein Mann konnte sich unter dem Lichtschein bewegen, ohne entdeckt zu werden.... £c. Hühner als Aboiuicmcntsgrliühr. Einen Besuch auf der Redaktion einer arabischen Zeitung in Tanger schildert K. Böttcher in seinem Buche„Von sonnigen Küsten" folgendermaßen: Für die geistige Atmosphäre dieser Araber hat man eine kleine Zeitung gegründet. Gerade stehe ich mit meinem Dolmetscher vor dem Redaktionslokal. Wie wär's, wenn ich die Herren Kollegen begrüßte? Redaktion, Expedition und die in einer Haildpresse bestehende Druckerei— alle drei Mächte sind hier in einem kleinen, strohmattcn- belegten Gemach vereinigt. Ich werde zuerst der„Expedition", ver- körpert in einem dicken, krausbärtigen Araber, vorgestellt. Er ladet mich zum Eitzen ein. Aber wohin? Es sieht hier aus, als hätten sämtliche Stühle einer Einladung deS Gerichtsvollziehers Folge geleistet. Nun denn— in echt arabischer Weise auf den Boden. Ich sitze mit untergeschlagenen Beinen, nicht so graziös wie die marokkanische ..Expedition", aber— ich sitze. Der Chefredakteur, mit großem Turban, weißem Burnus und nackten Beinen, liegt auf der Erde. Bor ihm ein fußhohes Pultchen. Er baut den Leitartikel zusanunen. In schönen arabischen Schnörkeln schreibt er von rechts nach links auf dickes, graues Papier. Manchmal guckt er in die Luft nach einem Gedanken oder fährt mit der Linien in den Turban; dann kratzt die Feder wieder los, indes die kleinen, schivarzen Augen boshaft funkeln. Er schwelgt förmlich in dem anheimelnden Gefühl, irgend einem afrikanischen Sultan gute Ratschläge zu erteilen, oder den wilden Völkerschaften weit da draußen in der Welt, etwa den Engländern, den Russen oder Reuß-Schleizern eins auszuwischen. Neben mir, am Boden kauernd, eine Maffe Hühner und Wachteln. Ich wundere mich, daß sie so ruhig sitzen bleiben i aber sie sind au den Füßen zusanunen- gebunden. Dieses Geflügel ist die Hauptkasse der Expedition, die Zahlung für aufgegebene Inserate. Der Chefredakteur schreibt und schreibt.... Wie mir die Expedition mitteilt, entsteht jetzt kein Artikel über auswärtige Politik, der Herr Kollege will vielinehr dem Pascha von Tanger einige kräftige Zeilen zu schlucken geben. Ich möchte ihm in einer Anwandlung von Aengstlichkeit zurufen:„Vorsicht, lieber Kollega, damit Dir der Gewaltige nicht den Kopf vor die Füße kollern läßt."... Plötzlich aber wird er im schönsten Ge- danlenfluge von anderer Seite unterbrochen. Ein säbelbeiniger Kerl mit einem fetten Hahn stürzt herein. Sofort entspinnt sich eine leb- haste Debatte, bei der Redaktion, Expedition und Druckerei durch- einanderschreien. Es gibt die Frage zu erledigen: soll der Mann für den Hahn die Zeitung zwei oder drei Wochen lang erhalten? Der Chetredakteur prüft den„Abonnements-Belrag". drückt ihm den Kopf herum und zieht ein verklärtes Gesicht:„Nun denn, drei Wochen I"— und der Hahn leistet den Hühnern und Wachteln Ge> sellschaft.— Kunst. kolr. Von den Künstlern, die bei K a s s i r e r augenblicklich ausstellen, ist Eduard Münch entschieden der interessanteste, weil problematischste. Er ist nicht leicht auf eine Formel zu bringen, und es ist zu bedauern, daß man so selten Sachen von ihm sieht, damit durch längeres Sehen und durch Erkennen der Zusammenhänge mit früheren Entwickeluugsstadien ein eingehenderes Verständnis dieses Malers erreicht wird. Es mischt sich in ihm eigentümlich ein primi- tives Empfinden mit raffinierter Uebersätligung, Widerwillen gegen das normale Schablonenbild und eine ganz eigene Frische malerischen Sehens. Brutal stellt er Fläche gegen Fläche. Oft scheint es, er verwechselt zeichnerischen Einfall mit dem großen Bild und vergewaltigt die Objekte, verzerrt sie. Daun sieht nian plötzlich, daß hinter diesem eigensinnigen Wollen unbetvußt ein Drängen nach neuen Probleinen wallet. Münch selbst ist sich nicht klar über sich. Bei aller Kraßheit hat er eine Naivetät, mit der er sich sorglos seinem Auge überläßt. Er scheut nicht vor den gewagtesten Konsequenzen. Damit vermehrt er die Schar derer, die ihn einfach für verrückt und nur als pathologisch erklärbar werten. Die künftige Geschichte der Malerei unserer Zeit wird aber inil ihin rechnen. Denn es scheint sicher, daß ein ganz ab- geschlossener Charakter hier werben will, und es bleibt nur abzuwarten, ob die Konzentration der Zersplitterung folgen wird. Wird er eS nickt sein, so wird ein anderer, ein Nachfolger, die Früchte pflücken. Farbe, die ungebrochene, gesättigte Farbe, grelle, krasse Akkorde, kommen bei ihm zu ihrem Recht. Er tiftelt nicht. Ein Porträt, ein Mensch ist für ihn elwas Rätselhaftes, dessen psychologische Ergründnng er in Farbe umsetzt. Mit einein Schlage stellt er so einen Menschen hin, der für ihn keinen moralischen Wert hat, sondern eine Farberscheinung ist. Sein Wert für die Zukunft kommt hier am besten in dem„Porträt des Herrn Sch.", das räumlich so groß wirkt mit dem gelben Hintergrund, dem dunkel« roten Teppich und der Gestalt in Schwarz, zum Ausdruck, desgleichen in dem kräftigen„Damenbildnis in Blau", und in dem„Porträt des Grafen Keßler", das ein eigentümliches Gemisch von Grün. Blau, Gelb zeigt.— Einer der bleibenden Werte, die lvir in Münch erkennen, wird in der dekorativen Note liegen. Für ihn ist der Mensch nicht etwas, da? getreu abgebildet werden soll. Der Mensch wird ihm Mittel. Und zeichnerisch wie malerisch dringt er immer tiefer in diese seine Wirklichkeit, die von der gemeinen, alltäglichen Wirklichkeit nur die Anregung empfängt. Er müßte noch einen Schritt weiter gehen und sich ganz frei machen von der sklavischen Nachahmung, dann wird er sich selbst finden und seinen verständnislosen Gegnern zeigen, was in ihm steckt. Aber ein Talent wie das seine, innerlich so zersplittert und allen Einflüssen momentan hingegeben, fällt so leicht der Gefahr anheim, sich selbst zu verlieren und zu verzetteln und das wirklich Neue und Schöpferische bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Aufgabe der ernsten Kritik jedoch ist es, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß sie noch Hoffnungen auf ihn setzt.— Naturwissenschaftliches. is. An der Grenze des Menschlichen. Der Natur- forscher und Reisende Dr. B e c c a r i hat in den letzten Jahren Forschungen auf der Insel Borneo ausgefiihrt, die nun durch eine Bearbeitung in ihrelt Ergebnissen auch größeren Kreisen zugänglich gemacht loorden sind. Das Merkwürdigste in seinen Veröffent- lichungen sind wohl die Nachrichten über den Oraugutan, die wenigstens von den Zoologen als der wertvollste Teil seiner Arbeiten geschätzt werden. Die DajakS von Borneo unterscheiden mehrere Spielarten des Orang, von denen die beiden wichtigsten als MayaS-kassa und Mayas-tjaping bezeichnet werden. Sie sind ausgezeichnet durch eine seitliche Ausdehnung der nackten Haut auf der Vorderseite des Gesichts vor jedem Ohr. Man kann kaum etwas Auffallenderes sehen, als die Abbildung eines Orangutan-Kopfes nach einer photographischen Aufnahme, die man in dem Buch von Veccari findet. ES ist das ein Gesicht, daS man nicht für einen Affen und nicht für einen Menschen halten kann. Die Form der Nase und des Mundes deutet freilich auf den Affen, aber die ksirgen Aeuglein. die Form der Stirn, die Behaarung des Kopfes und vor allen Dingen der stattliche Vollbart geben dem Antlitz ein menschliches Gepräge. Nach dieser Abbildung versteht man erst, warum der Affe von den Eingeborenen seiner Heimat Waldmensch genannt wird. Beccari nimmt an, daß die beiden erwähnten Spiel- arten des Oraugutan früher zwei ganz verschiedene Arten gewesen sind und ihre Herkunft vielleicht in verschiedenen Gegenden gehabt haben, während sie dann später durch den Aufenthalt nebeneinander ähnlicher geworden find. Der Forscher Jjat eine große Zahl von Fellen, Skeletten und Köpfen dieser Tiere mitgebracht.— Humoristisches. — Ordnung im Register! Der geschäftsleitende Sekretär Müller des Amtsgerichts zu N. ist in großer Verlegenheit. Bei einem Akt, der nach Erledigung in der Berufungsinstanz vom Land- gericht zurückgekommen ist. hat er 20 Pf. für Porto bereits ein- gehoben, während das Landgericht den Akt fälschlich als„Negierungs- fache" portofrei an das Amtsgericht gesandt hat. Die 20 Pß zurück- geben? Unmöglich, da der Akt hätte freigemacht werden müssen. Acht Tage sinnt er, umsonst fragt er alle Richter um Rat; endlich kommt ihm ein erlösender Gedanke. Er sendet den Akt portofrei als „Regierungssache" an das Landgericht zurück mit dem Hinweis auf die entsprechende Ministerialverfügung, worauf ihm das Landgericht den Akt mit Porto belastet wieder zustellen läßt. Nunmehr sind die 20 Pf. Portokosten erwachsen und Sekretär Müller bringt beruhigt sein Register in Ordnung.— — Aus der Gesellschaft. Da is ja Below 1 IS das sein Verhältnis?" „Nee,»ich chik genug. Taxiere Verwandte."— („SimplieissimuS.") Notizen. — Bilses Roman„Aus einer kleinen Garnison" hat, nach dem„Liter. Echo", auf dem Kreuzbandwege eine Verbreitung von über einer halben Million Exemplaren gefunden.— — Das Gustav Freytag-Denkmal in Wiesbaden wird am 30. April enthüllt.— — Heinz Tovote ist unter die Dramatiker gegangen und hat soeben ein dreiakttges Stück vollendet, das im Verlage von F. Fontaue u. Co. erscheinen wird.— — Das neue Stadt-Theater in Freiburg i. Br. wird 3 250 000 M. kosten. Es wird nach den Plänen des Baurat Seeling in Berlin gebaut.— —„Die Juxheirat", eine neue dreiaksige Operette von Julius Bauer, Musik von F r a n z L e h a r, ist vom Zentral« Theater erworben worden.— — Der Verfasser des vom Theater an der Wien preisgekrönten Librettos„Prinz Don Juan" ist der Bankbeamte v. Theken.— — An der Großen Berliner Kunst- Ausstellung 1906 wird sich die Baukunst hervorragend beteiligen.— Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LrEo., Berlin S W.