Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 4. Donnerstag, den 5. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) Der ßaumcifter» Roman von Felix Holländer. „Gestatten Sie, daß ich mich überzeuge—" erwiderte Keßler leichthin; und mit einer gleichgültigen Bewegung zog er seine Brieftasche hervor. „Ja— das stimmt... Es müssen in der Tat ein paar Scheine herausgefallen sein!" „Hier sind sie!" sagte Herr Freitag und reichte ihm die drei Hundertmarkscheine. „Ich danke Ihnen," antwortete Keßler,„und." fügte er hinzu,„notabene hätte das ja auch bis morgen Zeit gehabt!" Und lächelnd zerknitterte er die Scheine, als wollte er aus ihnen einen Fidibus drehen. Herr Freitag starrte ihn wie eine Erscheinung an. »Ist Ihnen Geld so gleichgültig?" fragte er beinahe entsetzt. „Vollkommen!" entgegnete Keßler.„Nun aber muß ich Sie wirklich verlassen— ich bin todmüde!" „Ja, ja, ja!" stammelte Herr Freitag und öffnete ihm die Tür. Als Keßler in seinem Bette lag und rings um ihn die tiefste Dunkelheit herrschte, ging etwas sehr Seltsames in ihm vor. Geheimnisvolle Vorstellungen, Gedanken und Pläne, die er nicht zu Ende zu denken, geschweige denn auszusprechen wagte, kreuzten sich in ihm. Aber als er die Augen schloß, wußte er, daß er eine niederträchtige Komödie gespielt hatte, die vollkommen geglückt war. Dieser alte Herr würde von nun an auf seinen Neicktum schwören— das stand für ihn fest... Und mit dieser Idee, die für ihn etwas ungemein Lockendes und die Zukunft Weisendes hatte, schlief er endlich ein... Fünftes Kapitel. Am nächsten Tage stand Keßlers Entschluß fest. Er mußte handeln, wenn ihm nicht andere zuvorkommen sollten. Vor ihm auf dem Tisch lagen seine Baupläne ausgebreitet. Er be- trachtete sie mit bitteren, prüfenden Blicken. Ein ohmnächtiges Gefühl des Zornes über die Gebundenheit seiner Kräfte kam über ihn. Er wußte, daß sein Leben verpfuscht war, wenn diese Pläne auf die Zeichnung beschränkt blieben... Aber wie sollte er es anstellen?... Er hatte keine Verbindungen, keine Beziehungen zu den Großkaufleuten, die allein imstande wären, ein solches Niesenunternehmen zu finanzieren... Dennoch war es ihm klar, daß er handeln, daß er auf irgend eine Weise die Dinge in Bewegung bringen müßte... Er bürstete sorgsam seinen Mantel ab und glättete den Zylinder. Dann verließ er sein Zimmer. An der Tür des Herrn Freitag blieb er einen Augenblick stehen und zauderte, ob er nicht im Sprunge zu chm hinein- gehen sollte. Er stand indessen davon ab und eilte die Treppe hinunter. Im nächsten Zigarrenladen füllte er sein Etui mit Ziga- retten und ließ sich den Adrcßkalender geben, in dem er die Adressen der Fuhrgeschäfte nachsah. Aha! Da war eins in der Mauerstraße!— Er ging fofort dorthin und mietete zu- nächst auf eine Woche einen eleganten Wagen. Er ließ gleich anspannen und befahl dem Kutscher, nach der Knesebeckstraße Nummer 21 zu fahren. Als er im Wagm saß, zog er einen kleinen Taschenspiegel hervor und betrachtete sich aufmerksam. Er wollte sehen, wie jemand aussah, der so ungestüm wie er auf sein Glück losfuhr. Dann überlegte er, wie er die Verhandlung beginnen sollte, wie er sich benehmen mußte, um nicht ausgelacht zu werden. Mit dreihundert Mark in der Tasche wollte er einen Millionenbau beginnen und ein Grundstück erwerben, das Hunderttausende kostete... Jetzt fuhr er gerade an dem Terrain vorbei. Er be- trachtete es mit gierigen Augen. Dann zog er ein paar naget- neue Glaceehandschuhe an und war nun nur noch wenige Mi- nuten von seinem Ziel entfernt. So-- der Wagen hielt. Er sprang leichtfüßig hinaus und rief dem Kutscher zu: „Sie warten hier vor der Tür, bis ich wiederkomme!" Das Grundstück am Nollendorfplatz gehörte einem Kon- sortium, das Herr Kleefeld vertrat. Keßler klingelte und gab seine Karte ab. Einen Moment mußte er im Korridor warten, dann kam das Mädchen zurück und forderte ihn auf, näherzutreten. Er legte den Mantel ab und stand kurz darauf in tadellos sitzendem schwarzen Gehrock, den Zylinder in der Linken, die neuen Glacees prall an den Händen, einem untersetzten Herrn mit kurzgeschorenen grauen Haaren, einem glattrasierten Ge- ficht und tiefliegenden, beständig zwinkernden Augen gegen- über. „Mein Name ist Baumeister Keßler. Ich komme in Sachen des Grundstückes am Nollendorfplatz," sagte er, sich leicht verbeugend. „Bitte sehr— wollen Sie nicht Platz nehmen?" Keßler setzte sich, und mit einer kühlen Ruhe und Sicher- heit, über die er sich, während er sprach, selbst wunderte, sagte er: „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen dem Namen nach bekannt bin... Das tut ja auch nichts zur Sache," fügte er hinzu. „Ich habe also die Absicht, dieses Grundstück zu erwerben, um auf ihm ein großes Theater zu erbauen. Ich bin hierher ge- kommen, um mich bei Ihnen nach den näheren Bedingungen zu erkundigen." . Herr Kleefeld zog ein buntseidenes Taschentuch hervor und begann seinen Kneifer sorgfältig zu putzen. „Hm," entgegnete er laugsam,„sind Sie denn selbst Kapitalist?— Verzeihen Sie die indiskrete Frage, aber bei einer so wichtigen Sache muß man doch klar sehen!" „Ich bin vollkommen Ihrer Meinung und nehme gar keinen Anstand, Ihre Frage zu beantworten. Also hinter mir steht eine Gesellschaft, die das nötige Kapital aufbringen würde." „Darf ich wissen, wer dieser Gesellschaft angehört?" „Bedauere sehr," entgegnete Keßler,„die Herren wünschen nicht eher hervorzutreten, bevor nicht die einleitenden Schritte zur Erwerbung des Bauplatzes getan sind." „Na, wie denken Sie sich denn das?" „Es kommt ganz darauf an," entgegnete Keßler vor- sichtig,„ob überhaupt die Kaufsumme den Kapitalisten, die hinter mir stehen, akzeptabel ist. Einer dieser Herren wohnt in Dresden. Er kommt in vierzehn Tagen nach Berlin, und dann soll die Angelegenheit in einer Konferenz zur Entscheidiniz gebracht werden."' „Nun," sagte Herr Kleefeld,„über die Kaufsumme würde man sich fchon einigen. Das Terrain ist heute für einen Spott- preis zu haben. Die Ouadratrute kostet vierhundert Mark. Wer das Terrain kauft, kann Millionen an ihm verdienen!" Keßler lächelte leife. „Bitte, das ist mein vollkommener Ernst!" „Das ist ja möglich," erwiderte Keßler,„aber immerhin noch Zukunftsmusik. Im übrigen— ich will über den Kauf- vreis im Augenblick kein Wort verlieren. Darüber würde ja zuletzt noch zu spreckzeu sein. Ich schätze das Terrain auf zwei- tausend Ruten.". „Sie haben richtig geschätzt— es sind zweitausenddrer- hundertundfünfzig Ruten." „Ich erlaube mir nun die Frage, ob das Konsortium bereit wäre, mir das Grundstück auf sechs Wochen in die Hand zu geben zu einem Pauschalpreis von achthundertunddreißig- tausend Mark?" Herr Kleefeld schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich," antwortete er,„erstens kenne ich Sie nicht, und zweitens kann sich doch bei einem so großen Objekt das Konsortium nicht auf so lange Zeit binden! Was geschiebt, wenn Sie nach sechs Wochen zu uns kommen und unsere Offerte mit bestem Dank ablehnen?— Vielleicht hätten wir in der Zwischenzeit verkaufen können! Nein—" sagte er. „darauf können wir uns nicht einlassen! Es ist ja auch ganz überflüssig," setzte er hinzu.„Wenn Ihre Teilnehmer sich bereit erklären, kommen Sie wieder zu mir, und das Geschäft wird gemacht." � „Das ist ausgeschlossen!" erwiderte Keßler.„Ich muß etwas Festes in den Händen haben, da ich sonst mit meinm Leuten nicht unterhandeln kann. Im übrigen sind sechs Wochen für eine so große Transaktion ja gar kein Zeitraum!... Was nun meine Person anlangt, so können Sie über mich leicht Erkundigungen einziehen. Ich nenne Ihnen nur Herrn Staatsanwalt von Drenkwitz vom Landgericht l, ein Freund von mir, der gern bereit sein wird, Ihnen Näheres über meine Persönlichkeit mitzuteilen." „Das ist ja alles ganz schön, Herr Baumeister," gab Kleefeld zurück,„aber ich weiß doch nicht, ob das Konsortium geneigt ist, eine derartig einseitige Offerte zu machen, die uns bindet und Sie zu nichts verpflichtet." Keßler erhob sich. „Die Herren mögen sich das überlegen," sagte er ge- messen.„Ich möchte nur noch wissen, wie groß die Anzahlung sein würde. Gleichzeitig füge ich hinzu, daß wir nicht un- bedingt gerade auf dieses Terrain angewiesen sind." Herr Kleefeld war hinter die Stuhllehne getreten und pendelte mit seinem Kneifer hin und her, während er Keßler mit zwinkenden Blicken zu durchdringen bemüht war. „Ich darf Sie Wohl in diesem Falle bitten." sagte Keßler, sich verabschiedend,„den Bescheid des Konsortiums möglichst umgehend an mich gelangen zu lassen!" „Gewiß, blebrigens möchte ich Sie um die genaue Adresse des Herrn ersuchen, den Sie mir als Referenz angaben!" „Herr Staatsanwalt von Drenkwih," wiederholte Keßler, „Landgrafenstraße Nummer Ii, erste Etage... Jetzt muß ich aber schleunigst fort," sagte er, sich verbeugend,„mein Kutscher wartet bereits ungebührlich lange." Mit einer freudigen Genugtuung nahm er sofort die Wirkung wahr, die diese Worte auf den Kaufmann ausübten. Aber mit einer Selbstbeherrschung, deren er sich später noch mit Freuden erinnerte, gab er sich den Anschein, als ob er es nicht bemerkt hätte. Während� er die Treppe hinabging, war er sicher, daß Herr Kleefeld ans Fenster getreten war, um sich seinen Wagen anzuschauen. Er stieg, ohne emporzusehen, ein und befahl dem Kutscher, eine Stunde durch den Tiergarten zu fahren. „Zurück nehmen Sie den Weg über die Linden und die Leipzigerstraße!" kommandierte er. Mit dem Wagen werde ich schon auf die Kosten kommen, dachte er. Er war überzeugt, daß er die Offerte bekommen würde. Wie war er denn nur darauf gekommen, Staatsanwalt von Drenkwitz als Referenz aufzugeben? Der würde schöne Augen machen! Ob er es ihm vorher mitteilte? Nein, unter keinen Umständen! Wer wußte, ob die Gesellschaft sich nicht mit der bloßen Angabe des Namens begnügte und darauf ver- zichtete, mit dem Herrn Staatsanwalt, wenn auch nur auf diese Weise, in Beziehung zu treten! Ein verschlagenes, geheimnis- volles Lächeln spielte um seine Mundwinkel.. (Fortsetzung folgt.) l�aturmflcnscKaftUcKe Qcbcrftcbt. Von C u rt Grottewitz. Wenn auch jetzt noch einzelne Forscher wie der verdienstvolle Ameisenkenner E. Wasmann alle geistigen Regungen der Tiere auf Instinkt zurückführen wollen, so wird man im allgemeinen den Tieren nicht mehr eine gewisse Intelligenz absprechen können. Wasmann selbst erkennt den Ameisen die Fähigkeit zu, ihre Instinkte den Verhältnissen anzupassen, Erfahrungen zu sammeln und- aus ihnen zu lernen. Das sind aber geistige Vorgänge, die man nicht mehr instinktive nennen kann, und darum läuft gerade bei diesem bedeutenden Kenner der Tierscele die Gegnerschaft gegen die jetzt allgemein zur Geltung gekommene Ansicht aus eine bloße Meinungs- Verschiedenheit im Wort, auf eine etwas gezwungene Erweiterung des Jnstinktbegriffes hinaus. Es ist aber, obwohl es auch hier Uebergänge geben mag, doch sehr vorteilhaft, zwischen Instinkt und Intelligenz genau zu unter- scheiden. Beide Seiten des tierischen Geisteslebens lassen sich auch tatsächlich im allgemeinen sehr gut von einander trennen. Die Charakterisierung, die von ihnen jetzt wieder H. E. Ziegler in seinem Beitrag zur Festschrift für A. Weismann gibt, dürfte das Richtige treffen. Die Handlungen des Instinkts werden von allen Individuen einer Tierart in ganz gleicher Weise ausgeführt. Sie brauchen auch nicht erst erlernt zu werden. Dagegen sind die verstandesgemäßen Handlungen bei jedem Tiere anders, je nachdem sie durch die indi- diduelle Erfahrung beeinflußt werden. Der Hauptunterschied ist eben der, daß der Instinkt eine ererbte, die Intelligenz eine indi- viduell erworbene geistige Fähigkeit ist. Den beiderseitigen geistigen Leußerungen liegen auch anatomisch verschiedene Organteile zu- gründe. Die Aeußerungen des Instinkts haben ihre materielle Grundlage in ererbten Nervenbahnen des Gehirns, des Zentral- Nervensystems. Deswegen muß für die intelligenten Handlungen die Bildung neuer Leitungsbahnen vorausgesetzt werden, eine Vor» aussctzung, die ja auch in gewissen neueren Gehirnforschungcn eine Stütze findet. Wenn der Vogel den schreienden Jungen Futter zu» trägt, so ist das offenbar eine Handlung des Instinkts. Seit un- gezählten Generationen brachten so die Vögel ihren Jungen Futter, und die Arbeit des Futterholens vererbte sich als Instinkt auf die Nachkommenschaft. Das Gehirn der Jungen bekam die Nervenbahn, welche in ihnen jenen Trieb erweckte. Dagegen ist es eine intelligente Handlung, wenn ein Papagei den Riegel an der Tür seines Käfigs zurückschiebt, um aus diesem zu entfliehen. Die geistige Einsicht in die Mechanik des Türverschlusses ist ihm nicht vererbt worden, er hat sie sich neu erworben. Instinkt und Intelligenz sind die beiden großen Domänen des tierischen Geisteslebens. Es gibt aber verschiedene Abstufungen auf beiden Gebieten. Eine der allerprimitivsten Aeußerungen geistigen Lebens ist die sogenannte Reflexbewegung. Ein von außen kommender Reiz wirft auf einen Nerven ein, und dieser antwortet mit einer Bewegung, ohne daß dadurch das Zentralorgan in Mit- leidenschast gezogen würde. Kommt irgend ein Gegenstand in die Nähe unseres Auges, so übt er einen Reiz auf gewisse Nerven aus, welche ein plötzliches Schließen des Lides veranlassen. Das geschieht ganz ohne unser Bewußtsein, ganz ohne unseren Willen. Fliegt ein Jusell an einer Blume vorüber und kommt ihm von ihr ein Duft in die Riechorgane, so geht von diesen sofort eine Leitung nach den Flügeln, und unwillkürlich wendet sich das Tier nach dem Objekt, von dem der Tust ausgeht. Der Reflex unterscheidet sich, wie auch Ziegler hervorhebt, nur durch seine größere Einfachheit von dem Instinkt. Auch dieser wird durch bestimmte äußere Einwirkungen angeregt, aber die Bewegungen folgen nicht so unmittelbar und es sind nicht einfache, einmalige Bewegungen, sondern eine Kette von Handlungen. Eine Kette von Reflexen, nichts anderes ist der Instinkt. Der Instinkt kann aber mit dem Verstand gepaart sein. H. I. Kolbe ist(„Naturw. Wochenschr." XIX. Nr. 1) sogar der Meinung, daß er nur in der Anlage als solcher vorhanden ist. Er ist ein Naturtrieb, aber die aus dem Naturtriebe hervorgehende Handlung ist nicht mehr instinktiv, sondern sie ist eine selbständige und bewußte Tätigkeit. Also nach Kolbes Auffassung ist in dem Vogel zwar der Trieb vorhanden, seine Jungen zu ftittern, aber der Ausflug zum Futterplatz, die Jagd auf Beute, die Rückkehr, das alles sind bewußte Tätigkeiten, wobei der Vogel seinen Verstand, sein Gedächtnis, seine Erfahrung zu Rate zieht. Es ist indes doch schwer, zu entscheiden, was an den einzelnen Handlungen, die durch den Instinkt hervor- gerufen werden, instinktiv und was verstandesmäßige Tätigkeit ist. Kolbe meint, es sei bisher noch zu wenig auf diese Unterschiede ge- achtet worden. Um sicher zu gehen, müßte man junge Tiere beobachten. Man müsse daraus achten, wie sie sich von Geburt an benehmen, was sie von selbst wn und was sie von ihren Eltern erlernen, ob und wie sie ihre Handlungen vervollkommnen und wie sich diese von denen älterer Tiere unterscheiden. Kurzum, es müßte streng unterschieden werden, was ein Tier genau so wie die anderen instinktiv tut und was es infolge von individueller Wahrnehmung und infolge von Lernen selbständig tut. Gerade solche Beobachtungen sind noch sehr selten gemacht worden, und gerade sie würden sehr viel Aufschluß geben über die Machtsphäre des Instinkts wie anderer- seits über die Weite des Verstandes bei den Tieren. Obwohl theoretisch Instinkt und Intelligenz nach den bisherigen Ausführungen leicht zu unterscheiden sind, so legen wir doch bei den einzelnen tierischen Handlungen oft zu sehr den menschlichen Maß- stab an und kommen bald zu einer lleberschätzung der einen, bald zur Unterschätzung von anderen geistigen Aeußerungen der Tiere. In der Vereinigung und sozialen Differenzierung der Ameisen sehen wir wohl ganz besonders hohe intellektuelle EntWickelung, weil jene„Staaten" der Ameisen einige oberflächliche Aehnlichkeit mit menschlichen Institutionen haben, während wir andererseits nichts Besonderes darin finden, wenn ein Hund auf einen Ruf des Menschen herbeikommt. Um den Verstand eines Tieres richtig beutteilen zu können, müssen wir uns ganz auf den Standpunkt des letzteren stellen. Th. Zell führt in seinem Buche: Ist das Tier unvernünftig? (Stuttgart, 1904, Kosmos) ganz richtig aus, wie wir viele Tiere mit Unrecht für dumm halten, weil sie sich in den Verhältnissen, in die wir sie bringen, nicht zurechtfinden. Es gibt z. B. Tiere, die schlechte Augen, aber ein ganz vorzügliches Geruchsorgan haben. Für sie besteht die ganze Welt aus Objekten von verschiedenem Geruch, während sie die äußere Gestalt und Farbe der Wesen nicht unterscheiden. Solche Tiere werden natürlich Veränderungen der Form von Gegenständen wenig bemerken, dagegen werden sie den Menschen in der Unterscheidung von Objekten nach dem Geruch tausendfach übertreffen. Will man sich aber ein Urteil über die Geisteskräfte eines solchen Tieres bilden, so darf man eben nicht den menschlichen Maßstab zugrunde legen. Wie der Instinkt oft durch verstandesmäßige Handlungen unter- stützt wird, so sinkt mitunter eine selbständige geistige Tätigkeit in das Gebiet des Instinkts hinab. Man nennt das Automatismus. Wir ziehen des Abends beim Schlafengehen die Uhr auf, ohne uns dessen bewußt zu werden, und ohne uns dessen später zu erinnern. Viele Handjungen, die wir regejmäßig wiederholen, die uns„zur Gewohnheit werden", sind automatische. Durch die häufige Aus- führung einer und derselben Handlung scheinen sich feste Nerven- bahnen zu bilden, die eine stete Verbindung zwischen gewissen Be- Wegungsnerven herstellen. Ist der Anfang der Nervenbewegung ge- geben, so setzt sich die Bewegung mechanisch weiter fort, ohne daß das Zentralorgan einzugreifen brauchte. So tun wir viele Dinge„in Gedanken", das heißt, wir wollten eigentlich etwas anderes tun, aber wir ließen uns durch die Gewohnheit verleiten, dieselben Handlungen wie sonst bei der betreffenden Gelegenheit vorzunehmen. Wahrscheinlich sind auch bei dem Tiere sehr viele Handlungen Automatismen. Diese Form des Geisteslebens zeigt uns auch, wie die Instinkte entstehen. Sie waren einst selbständige Handlungen, die zur Gewohnheit wurden. Sie wurden Automatismcn, die sich vererbten. Als vererbte Automatismen nennen wir sie Instinkte. Dem Instinkt gegenüber bedeutet die Intelligenz die höhere Stufe geistigen Lebens. Es gibt aber unter den intelligenten Hand- lungen noch einen fundamentalen Gegensatz. Die einen beruhen auf dem Verstand, die anderen auf Vernunft. Und unter letzteren verstehen wir das Verwerten erworbener Erfahrungen zu Schlüssen auf neue Verhältnisse. Man spricht den Tieren gewöhnlich die Vcr- nunft ab und will sie dem Menschen als alleiniges Besitztum reser- vieren. Aber schon Darwin hat gezeigt, daß auch bei Tieren Hand- lungen borkommen, die wir als vernünftige bezeichnen müssen. Selbst gewisse abstrakte Begriffe dürften manche Tiere sich machen. Der menschliche Geist ist auch in dieser Beziehung nicht qualitativ von dem der Tiere unterschieden, nur ist seine Ausbildung eine ungleich tiefere. Wie eng verwandt aber der menschliche Geist dem- jenigen mancher Tiere ist, das zeigt eine Mitteilung, die Dr. Robert Ebert in der„Naturw. Wochenschr."(Bd. XIX, Nr. 24) über einen früher im Dresdener Zoologischen Garten gehaltenen Schimpansen macht. Als das Tier bei seiner Ueberführung in den Garten in seine neue Wohnstätte gebracht wurde, sah es sich dieselbe stunden- lang genau an. Er nahm auch alle Gegenstände vor, die sich in ihr befanden, so auch.einen Krug mit Wasser. Dabei bemerkte er ein Loch in der Diele. Dieses erregte sein Interesse nun besonders. Vor ihm kauernd, sah er mit einem Auge längere Zeit in dasselbe hinein. Da er aber so das, was er wollte, nicht erreichte, so steckte er seinen Zeigefinger, so tief er reichte, in das Loch. Aber zur Ver- wunderung des Tieres konnte er auch so die Tiefe der Oeffnung nicht ergründen. Nach einiger Ueberlegung fing er an, in das Loch zu spucken und den Speichel, der daneben fiel, mit den Fingern in dieses zu schieben. Da aber die Diele erhöht über dem Boden lag, so reichte natürlich der Speichel nicht aus, das Loch zu füllen. Nun holte der Schimpanse den Krug mit Wasser und goß dieses in die Oeffnung. Aber das Wasser verlief und der Affe kam nicht zu seinem Ziele. In den folgenden Tagen soll er noch öfters versucht haben, die Tiefe des Loches zu ergründen. Das Tier beschäftigte sich also mit einer Frage, die ganz fern von seinen materiellen Interessen stand, die nur„akademischen Wert" für ihn hatte. Und dabei wandte er die verschiedensten Methoden an, um zur Befriedigung seiner Wißbegier zu gelangen, Methoden, die seinem Scharfsinn, seiner„Vernunft" alle Ehre machten.„Zu welcher Höhe," sagt der Beobachter,„würden derartig geistig begabte Tiere gebracht worden sein, wenn sie seit Tausenden von Generationen systematisch erzogen worden wären I"— KUincd Feuilleton. 1. Ein Beitrag zur Dcnkmalfrage. In einer Besprechung des Planes, Beethoven in Paris ein Denkmal zu errichten, äußert sich die dortige„Chronique des arts" in folgender, ebenso verständiger wie drastischer Art über die allgemein verbreitete Denkmäler- Epidemie: Die französischen Bewimderer Beethovens haben den Plan, ihm in Paris ein Denkmal zu errichten. Ihre Absicht ist besser als dieser Plan. Handelte es sich nur um eine Bezeugung der Ehrfurcht vor dem großen Künstler, so würde allgemeine Uebereinstimmung herrschen. Der Gedanke eines Denkmals widerstreitet indes dem pietätvollen Empfinden vieler seiner Getreuen, und das ist recht. Von allen Formen der Bewunderung ist die des Denkmals heutzutage die ani wenigsten beweiskräftige und schöne. Es ist zu einen, bleibenden Schandfleck der öffentlichen Plätze geworden. Es macht sich überall in Paris, in, Gewirr der Straßen- bahnen und an stilleren Plätzen breit, nicht minder in den schwer- fälligeren sfremden Hauptstädten, überall da, wo es eine Straßen- kreuzung, einen Bildhauer und eine Verwaltung gibt. Es ist nicht mehr der zu feiernde Held, um den man sich sorgt— sie werden leichthin und gleich zu Dutzenden verherrlicht. Marmor und Bronze verewigen weit weniger Erinnerungen, als vielmehr die ehr- süchtigen Plattheiten staatlicher Künstler, die Begeisterung von Gemeinderäten oder kaiserliche Launen. Die Denkmäler vereinigen dann an ihrem Fuße von Amtswegen die Künstler und die Redner der Regierung; hier sind es kaiserliche, anderswo demokratische, sie alle aber führen daS disziplinierte Dasein von Beamten. Wir müssen uns vor einer Bloßstellung Beethovens hüten, indem wir ihn auf die Maaße unserer öffentlichen Denkmäler zurückführen. Leonardo de Vinci und Michel Angelo sind einer Aufstellung auf unseren öffentlichen Plätzen entronnen. Wir sollten auch Beethoven hoch genug ehren, um ihn damit zu verschonen; wollen wir ein nicht alltägliches Zeugnis für ihn ablegen, das ihn vor anderen Menschen auszeichnet, so mögen wir ihn mit unserer tiefen Ehrfurcht und Liebe und mit unserem Schweigen umgeben.— ld. In der Götzensabrik. New Morl ist der Hauptort für all« Götzenfabrikation: hier werden die meisten der Kultbilder ver. fertigt, die dann in Indien, Japan, China die andächtigen Beter auf die Knie zwingen. Die bedeutendste Götzenfabrik hat, wie im „Herald" zu lesen ist, ihre Hauptniederiags in der 96. Straße des New Uorker Ostens, doch gibt es auch noch viele Filialen, die sich auf Verfertigung von Statuen aus einem bestimmten Material be- schränken, so verfertigen sie nur Götter aus Gips, aus Aluminium, aus Papiermache. Jedes dieser Götterbilder ist selbstverständlich genau nach Vorbildern verfertigt, wie sie die einheimische Kunst deS betreffenden Landes geschaffen hat. Und diese Kopien gelingen vor. züglich. Wenn man eine solche Aluminiumfigur neben das Original eines bronzenen mit Juwelen besetzten Buddha stellt, so wird nur ein genauer Kenner des Metalls und der Steine den Unterschied zwischen Original und Kopie erkennen. Auch in Glasgow in Schott- land gibt es einige Fabriken für Götzen, doch können sie gegen die amerikanische Konkurrenz nicht ankämpfen, da diese viel besser und billiger arbeitet. Es werden jetzt mehr Götzenbilder nach Indien verschickt als nach irgend einem anderen Lande; denn hier will jede Familie ihren Hausgott haben, und wenn der Gott aus Gips ist, dann zerbricht er leicht, und der Handel blüht. Buddhistische und taoistische Götter gehen aus solchen Fabriken hervor, aber nie wagt man sich an die Darstellung der Dreieinigkeit. Diese Gestalten dürfen nie anders als in Bronze dargestellt werden, und ihre Ver» ehrung ist so groß, daß fremde Kopien verachtet und verabscheut werden. Doch sonst nicken einem in einem solchen Magazin oder in einer derartigen Werkstatt drollige und groteske Figuren von allen Seiten zu, glatzköpfige Dickwänste und sonderbar grinsende Fratzen, ehrwürdige Mienen und merkwürdige Stellungen sind da zu sehen und man glaubt eher in einem Wachsfiguren-Kabinett zu sein als in einer Götzenfabrik. Man sollte es gar nicht für möglich halten, daß solche riesigen Vorräte an Göttern wirklich verkauft werden, doch beträgt die Zahl der in einer Fabrik verkauften Figuren in den verschiedenen Ländern monatlich 360 bis 906 Stück. Zunächst ist für die Herstellung einer Kopie die vollständige Form eines Original- modells vonnöten. Solche Modelle sind stets in der Fabrik vor- Händen, von ihnen wird ein Abguß genommen und dann die Gips- figur hergestellt. Da die Originale meistens aus Bronze oder sogar aus Kupfer sind, so gibt man dem Gips eine dunkelrote Tönung durch Bestreichen mit Oel, läßt ihn trocknen und bestreut dann die Figur noch mit einem grünlichen Puder, der dem Ganzen eine täuschend ähnliche Bronzefärbung gibt. So ist in ein paar Stunden und Tagen das Werk vollendet, auf das die fleißigen Hände der Eingeborenen viele Monate der Mühe und Arbeit verwandt haben, und ist zum Versand fertig. Unter diesen Gipsfiguren steht auch eine ganze Reihe grotesker Figuren, die den phantastischen Tieren an gotischen Dachrinnen, den hockenden Hunden und zum Sprung bereiten Wölfen der Notre-Danie-Kirche zu Paris nachgebildet sind. Diese bizarren Gestaltungen mittelalterlicher Steinmetze werden jetzt in Afrika als göttliche Wesen verehrt. Bronzestatuen werden in Amerika nicht hergestellt. Sie sind zu schwer und zu kostspielig, man verwendet statt dessen Aluminium, das eine höchst zierliche und feine Ausführung der Statuen gestattet. Diese Figuren, die mit prächtigen Hals- und Armbändern verziert sind, erstrahlen heller in der Sonne und glänzen stärker auf den heiligen Plätzen, als die alten Bronzebilder der ehrwürdigen Vergangenheit. Die Her» stellung einer Bronzestatue würde in den Vereinigten Staaten 3666 bis 6666 Mark kosten; für diese Summe aber kann die Götter- fabrik etwa 866 Statuen von verschiedener Größe herstellen, denn ein acht Fuß hohes Bildwerk mit feinster Filigranarbeit und eniaillierte» Verzierung kostet höchstens 266 Mark. Alle diese Idole sind hohl, denn der buddhistische Priester muß die Möglichkeit haben, sich manchmal in seinem Gott zu verstecken, um an seine Gemeinde An» sprachen zu halten und sie in Furcht und Gehorsam des Gottes zu erhalten. Ein besonders großes Verlangen nach Weisheit scheint in Indien zu herrschen, denn die größte Nachfrage ist nach Ganesha, dem Gott der Weisheit. Ganesha, eine Mischgestalt, halb Mann, halb Elefant, wird in Gips, Aluminium und Papiermache her- gestellt. Alle diese Figuren, die bunt gefärbten Papierniachä- Figuren wie die dunkler getönten Aluminium- und Gipsgestalten, stehen nun in indischen Tempeln als Merkmale amerikanischen Ge» schäftssinnes. Die tollsten Ausgeburten der Phantasie, die aller- schrecklichsten Gestalten werden in den amerikanischen Fabriken für die afrikanischen Völker reserviert, und besonders die Kaffern können gar nicht grotesk genug gestaltete Götter bekommen. Gegenwärtig sind mehr als 56 Mann in der New Uorker Götzenfabrik beschäftigt. Wenn man berücksichtigt, daß solche Statuen nach Polynesien, Neu- Guinea, China, Indien, Birma, Siam, Tibet, Korea, Japan und Afrika versandt werden, so ist der große Absatz erklärlich. Nach vielen Ländern gehen die verschiedenartigsten Götter, je nach den Neli- gionen, die da herrschen. Sehr wenige Figuren werden nach Japan geschickt, weil hier der Kunstgeschmack zu sehr entwickelt ist, um nicht sogleich die schlechte Fabrikware von den feinen Erzeugnissen des eigenen Landes zu scheiden. Der Japaner wendet sich von diesen schnell gefertigten schlechten Werken ab, die nicht nur sein Auge be» leidigen, sondern auch seinen frommen Sinn, sein PietätLgesühl verletzen.— Medizinisches. ss. Nene Blutforschungen. Daß die Erforschung daS BluteS und seiner gesunden und krankhasten Eigenschaften eines de* vornehmsten Nittel zur Förderung des medizinischen Wissens ist, wird allgemein anerkannt. Mein die Folgerungen, die an die Untersuchungen über die weihen Blutkörperchen geknüpft worden sind, beweften zur Genüge, welche Tragweite derartigen Arbeiten beigemessen werden kann. Auher den genauer bekannten Bestand- teilen des Blutes bleiben noch drei übrig, von denen noch keine ge- trügende Beschreibung in den wissenschaftlichen Werken ge- geben worden ist. Sie können in drei Klassen unter- schieden werden, einmal als Zellreste, zweitens als Schmarotzer und drittens als die sogenannten Haemokonia. Die erste Nachricht über diese weniger bekannten Bestandteile des Blutes wurden vor etwa zwanzig Jahren von den Aerzten Mott und Blore gegeben, die sie als Mikrokokken betrachteten. Sie hatten in zwölf Fällen von Typhus während des Fieberzustandes im Blut kleine, bewegliche Körperchen, ähnlich winzigen Schrauben, wahr- genommen, die sie sich nur als Parasiten der genannten Gruppe zu er- klären vermochten, zumal sie in der Regel nach der Gesundung der Kranken verschwanden. Bald darauf beobachtete Doehle die- selben Körperchen im Blute von Kranken, die an Masern, Scharlach, Pocken und Syphilis litten. Er be- schrieb sie als kleine Kügelchen von höchstens ein Tausendstel Millimeter Durchmesser, die selbständige Bewegungen aus- führten. Im Jahre 1896 gab Dr. Müller diesen sonderbaren Dingen, denen er aufs neue seine Aufmerksamkeit widmete, den Namen Haemokonia und schilderte sie als kleine farblose Körnchen mit sehr starker Bewegung, die ihre Form fiir eine sehr lange Zeit beibehalten. Dieser Forscher fand sie in verschiedener Menge auch in jedem gesunden Blute. Jetzt ist Dr. Love den rätselhaften Haemokonia sehr energisch mit dem Mikroskop zu Leibe ge- rückt. Er fand dabei vier verschiedene Arten von Körpern, die nicht zu den gewöhnlichen und bereits bekannten Blut- körperchen gerechnet werden konnten. Einmal waren es Dinge, die mit Sicherheit als Reste von Blutzellen bestimnit werden konnten und aus deren Zersetzung hervorgegangen sein mutzten: ste fanden sich namentlich im Blut von Pockenkranken, seltener in dem von Typhuskranken. Die zweite Gruppe bestand aus kleinen, runden, das Licht stark brechenden Körpern, die ein Tausendstel Millimeter im Durchmesser hatten und scheinbar be- weglich waren. Drittens waren stabähnliche Körperchen von etwas grötzerer Länge und gleichfalls beweglich zu unterscheiden. Endlich waren noch hantelähnliche Formen von zwei bis vier Tausendstel Millimerer wahrnehmbar. Von den letzten drei Gruppen nimmt der Forscher an, datz sie zu derselben Klasse gehören und nur in der Form wechseln. Sie befinden sich niemals in Ruhe, sondern treiben in einer scheinbar ziellosen Weise umher, indem sie mit großer.Geschwindigkeit aus dem Gesichtsfelde des Mikroskops ver- schwinden und wieder auftauchen. Ob sie noch einen geitzel- artigen Anhang besitzen, dessen Hinundherschlagen ihre Bewegungs- fähigkeit vermittelt, hat noch nicht mit Sicherheit fest- gestellt werden können. Uebrigens finden sich diese Körper auch in der Lymphe aus den zuerst auftretenden Blasen der Windpocken. Im Blute der Typhuskranken sind sie stets vorhanden, und zwar im ganzen Verlauf der Krankheit. Doch kann man aus der Häufigkeit ihres Auftretens keinen Schluß auf den Verlauf der Krankheit ziehen, da sie sowohl bei tödlichen wie bei nicht tödlichen Fällen zahlreich vorhanden sind. In irgend einer Beziehung zu der Krankheit dürften sie nach der Ansicht von Dr. Love stehen.— Technisches. — Behandlung�von Mehl mit Elektrizität. Ein in Amerika ersonnener Schwindel hat auch in deutschen landwirt- schaftlichen Kreisen viel Beunruhigung hervorgerufen, nämlich daS Behandeln von Mehl mit Elektrizität, um es zu verbessern. Wenn man elektrische Funkenströme in Luft erzeugt, so entsteht je nach den Versuchsbedingungen entweder Ozon oder salpewige Säure, eine Sauerstoffverbinduug deS Stickstoffs. Man hat nun erstens ozon- haltige Luft über Mehl geleite: in der Absicht, es zu bleichen, und hat auch bei Weizenmehl wirklich eine Aufhellung der Farbe erzielt. Sehr gering dagegen war der Effekt bei geringeren, kleiehaltigen Mehlsorten und auch bei Roggenmehl, mit anderen Worten: gerade bei denjenigen Mehlsorten, deren Wert durch eine Bleichung wesentlich hätte erhöht werden können, versagte das Verfahren. Außer- dem aber nahm das Mehl einen höchst unangenehmen, beinahe ekelhasten Geruch an, der sich nicht entfernen ließ, und schon aus diesem Grunde wäre eine Bleichung mit Ozon nicht möglich ge- Wesen. Ernster war die Abart des Schwindels, welche sich der salpetrigen Säure bediente. Leitet man diese über Mehl, so wird sie von ihm absorbiert und erhöht naturgemäß seinen Stickstoffgehalt. Nun bestimmt man den Gehalt an Eiweiß(Kleber) allemein dadurch, daß man den Gehalt an Stickstoff ermittelt und auf Grund der ungefähr zutreffenden Anuahme, datz sämtlicher Stickstoff als Eiweiß vorhanden ist, weil kein stickstoffhaltiger Körper außer Eiweiß in Mehl vorkommt, den Eiweißgehalt be- rechnet. Ein Prozent Stickstoff entspricht etwas mehr als 6 Proz. Eiweiß. Vermehrt mau nun den Stickstoffgehalt des Mehls durch Nichteiweißkörper, so wird bei der üblichen Bestimmung das Eiweiß naturgemäß zu hoch gefunden, weil ja, wie wir gesehen haben, die Berechnung des Eiweißes aus dem gefundenen Stickstoff nur fiir den Fall zutrifft, daß außer Eiweiß keine anderen stickstoffhaltigen Körper, also auch keine salpetrige Säure, im Mehl vorhanden sind. Ein amerikanischer Professor fand seinen Namen nicht zu gut, unr Analysen zu veröffentlichen, in denen das„Eiweiß� im Mehl vor und nach der Behandlung mit salpetrigsäurehaltiger Lust bestimmt und eine Vermehrung durch die Behandlung nachgewiesen wurde. Es ist schwer zu glauben, daß ein der- artiger Betrug in Deutschland irgend welche Beachtung hätte finden können, in Amerika indessen waren erstens die Zeitungen voll von der neuen Errungenschaft, zweitens kabelte die deutsche Botschaft die Angelegenheit nach Berlin, und drittens knüpfte ein amerikanisches Konsortium mit der deutschen Regierung Verhandlungen an und äußerte seine Bereitwilligkeit, die köstliche Erfindung ftir den be- scheidenen Preis von 12 Millionen Mark zu veräußern. Die Re- gierung ließ beide Verfahren in der Verstichsanstalt des Verbandes deutscher Müller durch Dr. Brahm untersuchen, und dieser kam sehr bald zu den oben angegebenen ungünsttgen Resultaten.— („Techn. Rundschau".) Humoristisches. — Reflexion. Professor Sänftlich: �Heutzutage, wo man überradelt, überfahren, überauteick, über- ritten, überlaufen und übergangen werden kann, ist es ein wahres Wunder, daß man überhaupt noch zu den U e b e r- lebenden zählt."— — Dilemma.„Jetzt weiß ich nicht: soll ich mein Detail- geschäft in einen Engroshandel verwandeln oder soll ich' lieber gleich Konkurs ansagen?"— — Aus der Kinderstube.„Liserl, wieviel Kirschen magst Du?" „Dei!" „Drei heißt's! Wie heißt's?" „Dei!" „Du bekommst die drei Kirschen nicht eher, bis Du's richtig sagst I" „Ich kann aber fünf sagen!"— („Meggendorfer-Blätter.") Notizen. — Programm Vorschläge zur Schillerfeier. Der Dürerbund tvird binnen kurzem eilte Reihe von Vorschlägen zur Gestaltung der Schillerfeier-Programme versenden. Die Vorschläge erfüllen Wünsche fiir Feiern verschiedener Art. Der Dürerbund fordert auf, überall auf seine Arbeit hinztlweisen und ihm Adressen mitzuteilen, an die er seine Borschläge schicken kann. Zuschriften sind zu richten an: Dürerbund, Dresden-Blasewitz, Wachwitzer- stratze 3.— — Beer- Hofmanns Trauerspiel„Der Graf von C h a r o l a i s" ist vom Münchener Hof-Theater zur Auf- fühnmg angenommen worden.— — Ernst Pittschau tritt mit Beginn der nächsten Winter- spielzeit in den Verband des Deutschen Theaters.— — Im ersten Januarheft der„Musik" sucht Hugo Conrat den Beweis zu erbringen, Joseph Haydn sei kroatischer Abstammung, die österreichische Volkshhmne und damit die Melodie zu„Deutschland, Deuffchland über alles" ein— slawisches Volkslied.— — Humperdincks neue dreiaktigc komische Oper„Die Heirat wider Willen" soll noch in dieser Spielzeit ihre Uraufführung im kgl. Opernhaus erleben.— — Der bekannte Tiermaler Anton B r a i t h ist in seiner Vaterstadt Biberach g e st o r b e n. In der Natioualgalerie hängt sein„Lustiger Morgen". Die„Neue Welt" brachte 1992 einen Holz- schnitt nach seinem Gemälde„Regentag im Gebirge".— — O Felix! Der Maler Felix I e n n e w e i n ist plötzlich gestorben. Nach der„Neuen Freien Presse" in Brünn, nach den Scherlblättern in Prag. Nach der zweiten Quelle aus lauter Freude, weil Gautsch österreichischer Ministerpräsident geworden.— — Die australische Viehzucht nimmt einen starken Auf- schwung. Mit dem am 25. November von Melbourne abgegangenen Dampfer„Nairueshire" gelangte, wie die„Kölnische Zeitung" be- richtet, die größte von Australien nach England verschiffte Fleisch- sendung an Bord: 96 009 Lämmer und 20 000 Schafe. Am Donnerstag der nächsten Woche itahm der Postdampfer 1072 Tonnen Butter aus Melbourne und Südaustralien mit, am folgenden Tage wurden an Bord des Dampfers„Teenkai" 2600 Zentner eingekochtes Kaninchenfleisch(in 99 000 Blechbüchsen) geschafft.— — Der berühmte W e i n st o ck vom Schlosse zu Hampton- Court(England) wurde 1768 gepflanzt. Jetzt ist die Hauptrebe 114 englische Fuß groß, die größte Abzweigung 45 Fuß. Vor 40 Jahren trug der Stock 2000 bis 2500 Trauben, vou denen jede mindestens 1 Pfund wog. In den letzten Jahren ist der Ertrag auf 700 Trauben zurückgegangen.— — Von den Schweizer Bergstationen werden Temperaturen gemeldet, die niedriger sind als alle seit Jahr- zehnten dagewesenen. In der Nacht zum 3. Januar waren auf dem Gotthardhospiz 34, auf dem Säntis 33 Grad Celsius unter Null.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin SW.