Hmterhalinngsblatt des Horwärls Nr. 5. Freitag, den 6. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) Oer OaurneilYer. Noman von Felix Holländer. Sechstes Kapitel. Keßler saß im Wagen, baute und träumte. Er dachte dann an seine Jugend zuriick, die armselig und freudlos gewesen war. Er hatte einen Vater gehabt, der mit dem Kopf durch die Wand gewollt und von seiner Auffassung des Rechtes nicht um Haaresbreite abgegangen wäre. Daraus hatten sich für ihn ewige Konflikte ergeben, und dieser Mensch, voll der reichsten Anlagen und von einer ungeheuren Arbeits- kraft, geriet immer mehr ins Hintertreffen und ins Unglück. Mittelmäßige Köpfe überholten ihn, machten Karriere, kamen schnell und glücklich vorwärts... und er stand im Dunkeln, biß sich immer mehr in seinen Zorn und seine Bitterkeit hinein, und schließlich wollte niemand mehr mit ihm zu tun haben: er galt für einen Querulanten und schroffen Sonderling. Die Familie kam ins Unglück, man mußte fremde Leute ins Haus nehmen, Zimmer vermieten, nur um den kärglichen Lebensunterhalt zu fristen, und die gereizte, vergrämte Art des Vaters kam den Kindern nicht zugute. Sie spürten eine harte, unbarmherzige Hand, die die kleinsten Vergehungen ahndete, und hörten nie ein gutes Wort— Liebkosungen oder gar Zärt- lichkeiten lernten sie nie kennen. Ter Vater grollte und haderte mit dem Schicksal, und die Mutter hatte alle Hände voll zu tun, damit der Haushalt nicht zugrunde ging. Diese ganze Jugend war für ihn und die Geschwister eine Zeit des Seelen- und Mageilhungers, an die sie nur mit tiefster Bitterkeit zurückzudenken vermochten. Keßler war von kleinauf ein scharfer Beobachter gewesen. Er studierte seine Umgebung. Er erkannte sehr schnell, daß man die Menschen nur dann schlecht behandeln durfte, wenn man das Heft völlig in den Händen hatte, daß man dagegen mit ihnen Paktieren mußte, solange man noch nicht auf der Höhe stand. Alle Anlagen frommten zu nichts, wenn man seine Kräfte in einem aussichtslosen, ungleichen Kampf aufrieb.— Das hatte sein Vater getan, und daran war er gescheitert. Rechtlichkeitsfanatismus war auch eine Krankheit. Er wollte nicht in diesen Febler verfallen. Er hatte aus dem verfehlten und verpfuschten Dasein seines Vaters sich seine Lehre gezogen. Auch er besaß keine Anlage, sich zu beugen und zu ducken— aber sein Lebensgrundsatz war: die Menschen zu studieren, ihre Schwächen sich zunutze zu machen, Kompromisse zu schließen, wenn es sein niußte, geschickt zu lavieren und sein eigenes Inneres zu verbergen; niemandem zu vertrauen und hartnäckig, ohne Rücksichten, auf sein Ziel loszugehen. Er sah diesen alten Manu mit den glatt zurückgekämmten grauen Haaren, der machtvollen und prachtvollen hohen Stirn und den großen, grauen, strahlenden Augen, dessen zweites Wort immer gewesen war: Lieber verhungern, als seinen chr- lichen Namen verlieren! Geld und Gut konnte man, wenn einem das Schicksal lachte, allenfalls zurückerobern... den verlorenen Namen nie mehr. Dieser lächerliche Stolz auf den ehrlichen, reinen Namen, den er sich makellos bewahrt hatte, gab ihm Haltung, Würde und einen gewissen Hochmut bis zum Tode. Alle diese Erinnerungen stürmten auf Keßler ein— sie belasteten ihn und drückten ihn nieder. Mit seinem„guten Namen" und seinem Ehrlichkcits- und Aufrichtigkeitswahnsinn war sein Vater so gut wie zugrunde gegangen. Man konnte ja auch ein anständiger Mensch sein, ohne das Herz auf der Zunge zu tragen. Man konnte sich des besten Rufes und An- sehens erfreuen, auch wenn man auf Seitenwegen ging... Keßler hatte während dieser Fahrt das Empfinden, als stünde er vor wichtigen Lebensentscheidungen. Er war an einem Kreuzweg angelangt— das fühlte er mit Gewißheit. Er wiinschte das Bild des Vaters, das ihn wie ein Schatten ver- folgte, loszuwerden. Er wünschte vor allem, diesen elenden und unfruchtbaren Rechtlichkcitsbegriff, mit dem er nichts, aber auch gar nichts anzufangen wußte, ein für allemal auszuscheiden. Für kleine Spitzbuben, die alles von der Kante der Magenfrage aus beurteilten, mochte er gelten— nicht aber für die, die das große Ziel winken sahen, die riesige Kräfte in sich spürten und über das Mittelmaß hinausgewachsen waren. Solche Naturen arbeiteten nicht für sich, nicht für die Befriedigung des eigenen Ehrgeizes— sie waren Werkzeuge der Vorsehung, uni Kultur zu schaffen, neue Straßen zu eröffnen und neuen Möglichkeiten Raum zu gewähren. Und zu dieser Sorte von Leuten zählte er sich. Wer den großen Zweck und die Erfüllung sah, durfte sich nicht durch schwächliche Gewissensgründe von der An- Wendung aller Mittel zurückhalten lassen... „Basta!" sagte er laut und erschrak über den Ton seiner eigenen Stimme, die hart und unwirsch klang. „Wenn ich nur überhaupt nur solche Gedanken mache," sagte er zu sich,�„so beweise ich eigentlich schon damit, daß ich aus faulem Holz bin. Man hat nur einen Punkt zu sehen— eine gerade Linie— ein Ziel; alles Grübeln und Spintisieren ist von llebel, hält einen auf und untergräbt die beste Kraft." Er richtete sich auf. Der Wagen fuhr die Tiergartenstraße entlang. „Fahren Sie etwas rascher!" rief er dem Kutscher zu, „nach dem Potsdamerplktz, und von da aus die Leipzigerstraße hinunter!" Er lachte von ungefähr auf. „Jetzt müßte ich Drenkwitz treffen! Mit gepumpten dreihundert Mark und ohne alle Aussichten fahre ich im Wagen spazieren! Der würde Augen machen...!" Ach, dieser Drenkwitz! Er fiel ihm mit seiner Treuherzig- keit auf die Nerven. Donnerwetter! War das nicht Herr Freitag? „Kutscher! Langsam fahren! Halten Sie mal!" Nichtig, er war's! „Guten Morgen,' Herr Freitag— guten Morgen!" Der kleine Herr, der in sich versunken, Schritt für Schritt gleichsam zu messen schien, blickte sich nach allen Seiten ver- wundert um. Er war ohne Ueberzieher und hatte den Rock- kragen über den Hals geklappt. Er schien zu frieren. „Ich bin's, Herr Freitag!" Jetzt erst erblickte er 5leßler in seinem Wagen zurückgelehnt. Er sah ihn großäugig an. Keßler winkte ihm lebhaft. „Bitte, fahren Sie doch ein wenig mit," sagte er, als der kleine Herr an seinen Wagen herangetreten war. Mit einer kräftigen Bewegung half er ihm hinein. „Ich wollte ja eigentlich gar nicht," sagte Freitag. Aber der Wagen rollte bereits davon. „Seit wann halten Sie sich denn einen Wagen?" fragte er. „Schon seit ein paar Monaten," entgegnete Keßler leicht- hin.„Man gewinnt Zeit und spart Geld." „Ich habe Sie aber doch nie fahren sehen," meinte Freitag. „Das will ich meinen! Ich habe es bis jetzt immer vermieden, mich vor unserem Hause absetzen zu lassen. Wozu brauchen die Leute zu wissen, daß ich mir einen Wagen halte? Ebensowenig würde ich mich an Ihrer Stelle mit dem Schimmel zeigen. Wie gesagt— ich halte das für sehr unklug. Das weckt in den Leuten Größenvorstellungen, die sie verwirrt machen. Diese Bande ist so heimtückisch und beschränkt..." „Glauben Sie, daß man gegen mich etwas im Schilde führt?" fragte Freitag und riß die Augen noch weiter auf. „Ich habe nicht die geringsten Anhaltspunkte, und den- noch warne ich Sie. Wie gesagt— ich warne Sie!" „Man kann nie wissen, was einem bevorsteht," sagte Freitag. „Nein, das kann man nicht wissen!" Freitag drückte Plötzlich und ohne jeden Grund Keßler die Hand. „Ich danke Ihnen aufrichtig." „Bitte sehr, ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen..." „Sie sind Baumeister?" fragte Freitag zerstreut.„Ich habe es nämlich auf Ihrer Karte gelesen. Sie erinnern sich, Sie gaben mir gestern eine Karte," setzte er beinahe ent- schuldigend und schüchtern hinzu. „Gewiß, gewiß, ich erinnere mich dessen ganz genau. In der Tat. ich bin Baumeister." „Was bauen Sie eigentlich?" forschte Freitag weiter. „Hm, ich habe in Lübeck eine Kirche gebaut, in der Kolonie Grunewald mehrere Villen und bin eben dabei, am Nollcndorf- platz ein großes Theater zu errichten. Dieses Theater," schloß er mit Nachdruck,„wird eine Sehenswürdigkeit werden I" „Gmd dazu nicht enorme Summen nötig?" �Millionen!" „Und wer gibt die?" Keßler lachte von oben herab. „Wenn Sie ahnten, wieviel Leute sich zu solchen Unter- nehmungen drängen! Uebrigens, ich nehme das Geld nur von Prima-Leuten. Man muß da sejhr vorsichtig sein— glauben Sie's mir. Ich für meinen Teil lasse mich nicht mit jedem ein. Uebrigens bin ich selbst mit einer gewissen Summe be- teiligt. Ich danke bestens dafür, mich bloß für andere zu schinden? Das wird nämlich, im Vertrauen gesagt, ein Unter- nehmen, an dem ungeheuer viel Geld verdient werden wird! — Aber verzeihen Sie, das kann Sie ja gar nicht inter- essieren!..." „O doch," antwortete Herr Freitag,„das interessiert mich schon.— Und Sie meinen wirklich, ich soll aus dem Hause ziehen und meinen Schimmel aufgeben?" Keßler war verblüfft über diese sprunghafte Frage. Eine Sekunde fixierte er Herrn Freitag scharf. „Den Schimmel wenigstens würde ich unter allen Um- ständen aufgeben." „Habe ich Ihnen gesagt, daß ich Rittmeister außer Dienst bin?" „Ja, das haben Sie mir gesagt." „Run, begreifen Sie das nicht, was es für mich heißt, mich von dem Tier zu trennen?" „Ich begreife das sehr wohl— durchaus begreife ich das. Aber wie die Dinge einmal liegen..." „Ich stimme Ihnen bei," unterbrach ihn Freitag,„daß dieser Schimmel die Aufmerksamkeit der Leute erregt, daß sie daraufhin Schlüsse ziehen, die absolut grundlos sind... Uebrigens— sagte ich Ihnen? Ich habe immer meinen Re- volver bei mir liegen. Ich gehe auch nie ohne Revolver aus. Der Gebrannte fürchtet sich vor dem Feuer... Sie sollten nur meine Erfahrungen haben!— Rem, das wünsche ich Ihnen nicht!" Seine Augen funkelten. Er brach ab und stierte vor sich hin. Nach einer kleinen Weile fing er von neuem au: „Wissen Sie, mein Herr, daß ich mir einen Rennstall halten könnte, wenn es mit rechten Dingen zuginge? Meinen Sie, ich sehe Ihnen nicht an, was jetzt in Ihnen vorgeht? Sie halten mich für närrisch! Leugnen Sie es nicht, Sie halten mich für närrisch! Und dennoch wiederhole ich Ihnen: Ich könnte mir einen Rennstall halten!" (Fortsetzung folgt.) Mus dem JVIuliklcben» Ein— oder das andere Mal haben wir bereits auf Max Reger aufmerksam gemacht. In den letzten Tagen weilte der Komponist hier und gab ein paar Konzerte mit eigenen Komposi- tionen. Das eine, das wir hörten, war ein Liederabend von Klara R a h n aus München unter Mitwirkung des Genannten. Max Reger ist der kommende oder schon gekommene Mann, vorerst allerdings mehr nur für engere Kennerkrcise. Die Hochachtung und reklamelose Propaganda, die er bei diesen Anhängern(großenteils Orgelspielern) besitzt, ist in der Hauptsache gerechtfertigt. So heikel auch Vergleiche sind: es trägt doch zur Aufklärung bei, wenn man hier von einem zweiten Anton Bruckner spricht. Beiden gemeinsam ist das ganz eminente satztcchnische Können, ist ferner etwas von ländlich schul- meisterlicher Natur und von einer Vereinigung schlichter Kindlichkeit mit den subtilsten Höhen kompositorischer Virtuosität. Seit Genera- tionen waren wohl zwei solche ltönner nicht wieder da. Bruckner ging freilich mehr noch als Reger im Instrumentalen auf; dieser hat zwar an Quantität und Qualität wohl das meiste in seinen Orgelwerken, Klavier- und Kammermusiksachen geleistet, scheint aber nicht weniger nach der Bedeutung eines Gesangskomponisten zu streben. Dies gelingt ihm insofern, als seine Gesairgsstimmen nicht etwa lediglich eine füllende Ergänzung zu dem sind, was das be- gleitende Instrument tut; und zu den Vertretern der Bedeutung des Ausdruckes in der Kunst gehört Reger jedenfalls in ganz hervor- ragender Weise. Aber aus dem heraus, was eigentlich die Welt der Singstimme ist, sind seine Gesangswerke doch nicht geboren. Wir sind mit ihnen und mit ähnlichen Kompositionen bei dem entgegen- gesetzten Extreme zur alten Luxuswelt des Leier- und Koloratur- gesanges angelangt. Unter solchen Umständen erwerben sich Sänger oder Sängerinnen doppeltes Verdienst, wenn sie für einen derartigen Komponisten ein- treten. Die genannte Dame sang sechs Lieder des Komponisten mit seiner Begleitung am Klavier, nachdem sie einigen früheren Kompo- nisten ebenfalls etliche Vorträge gegönnt hatte. Die von Reger gewählten Liedertexte sind vorwiegend sehr einfache, zum Teil Volks- liedmäßige Dichtungen; daneben stehen einige Stucke von phantasti- schem Gefühle. Der übermäßige Reichtum, den Reger sozusagen in jedem kleinsten Teilchen seiner Kompositionen entfaltet, geht zum Teil über die schlichten Vorlagen hinaus, beispielsweise bei dem Gedichte von Gustav Falke:„Meinem Kinde". Des Komponisten Humor ist fein, aber klein, was allerdings die Erinnerung an Anwn Bruckner zugunsten dieses Großen steigert. Besonders viel Eindruck machte das Gedicht„Waldeinsamkeit" aus einer Sammlung„Schlichte Weisen". Die Gestaltung großzügiger geschlossener Themen ist Regers Sache nun allerdings nicht. Was er dagegen auch nur an rythmischcn und metrischen Reichtümern entfaltet, ist allein schon eine eigene Welt. Das Gesagte bildet schließlich doch nur eine Variation der viel- gehörten Klage, daß wir mit unserer modernen Kompositionsweise bei einer bis zum Verwickeltsten entwickelten Kunst angelangt sind. Eine merkwürdige Ironie des Schicksals ist aber der Umstand, daß dieser Sachlage keine Analogie in der gegenwärtigen Musiktheorie entspricht. Vielmehr geht gerade bei dem hauptsächlichsten Kompositionslchrer Regers. bei Hugo Riemann, die Theorie der Harmonien dahin, daß einigen wenigen die übrigen untergeordnet werden, und daß diese wenigen im Banne der abermals ganz wenigen Gattungen von Ton- arten stehen, die wir heute besitzen. Daß man dagegen über diese Beschränkung auf die Dur-Tonart und auf eine sozusagen halbe Moll- Tonart, sowie auf deren Grundakkorde hinauskomme, scheint uns eine der wichtigsten Fragen in der Tonsctzkunst zu sein. Was wir da seit dem Mittelalter verloren haben, wird lange noch nicht durch anders- artige Gewinne wettgemacht. Klara Rahn gehört zu den besseren Sängerinnen, mit sonorem. aber etwas herbem Klangcharakter, während einzelnes noch manche Verfeinerung vertragen könnte. Irren wir nicht, so mehren sich in der jüngsten Zeit bei Sängerinnen gegenüber den silberhellen hohen Sopranstimmen einigermaßen die dunkleren Stimmen(was noch nicht eine größere Tiefe bedeutet) und selbst die tieferen Stimmen. Dies führt uns nun zu einer Angelegenheit, die jetzt in kleineren Kreisen viel besprochen wird, und der wir glauben, auch eine größere Bedeutung für weitere Kreise abgewinnen zu können. Wer sich mit Gesangsdingen abgibt, macht bald die Erfahrung, daß die Mädchen, die sich fürs Singen interessieren, zu allermeist nach dem Singen der hohen Stimmlage, des SopraneS, streben. Der Grund davon scheint uns nicht lediglich in einem naheliegenden Be» dürfnisse nach Teilnahme an den führenden Stimmen zu liegen; oder es ist dies höchstens ein weit zurückliegender historischer Grund. Auch bei unzuverlässigen Gesangslehrern und Gesangslehrerinnen besteht eine Neigung, Soprane zu bevorzugen.„Sehen Sie, vor einem halben Jahre waren Sie noch Alt; jetzt sind Sie bereits Sopran": so soll einmal eine Sopranzüchterin zu einer Schülerin gesagt haben. und wcnn's nicht wahr ist, so kann es doch gut erfunden sein. Ver, folgen wir unsere Opernlitcratur in die Vergangenheit zurück, so finden wir namentlich im 18. Jahrhundert eine beinahe völlige Alleinherrschaft des Sopranes. Das kann doch nicht bloß auf eine allgemeine Jagd nach führender Srimme zurückgehen. Vielmehr scheint uns wenigstens ein Hauptgrund darin zu liegen, daß der Sopran besser als jede andere Stimmlage, jedenfalls besser als der Alt, zu einem leeren Spiel von Verzierungen geeignet ist. Eine Kunst, die sich von den ihr nötigen intimen Beziehungen zur Natur und speziell von ihrer eigenen Ausdrucksbedeutung abwendet, wird leicht in jene Einseitigkeit fallen. Auch die bekannte Herrschaft der Soprane von Kastraten dürfte damit in Zusammenhang stehen. Noch auf einem Gebiete hat sich diese Ungleichmäßigkeit geltend gemacht, doch ohne daß man sie recht merkte. Das Streichquartett. eine der herrlichsten Stätten unserer Kompositionskunst, will eine unmittelbare instrumentale Anwendung des vierstimmigen Satzes sein. Tatsächlich aber ist es zum Teil ein Duett von zwei sopran- artigen Instrumenten mit Baßbegleitung und einer mittleren Füll- stimme. Daß trotzdem in dieser Gattung unsere klassischen Meister weit mehr geleistet haben, als in jenem Nahmen gegeben ist, zeugt von ihrer Bedeutung, nicht von der dieses Rahmens. Wir habet« vor anderthalb Monaten diese Dinge ausführlicher besprochen und da- bei auch das„Neue Deutsche Streichquartett" erwähnt. Nun ist dieses nach Berlin gekommen und hat uns einiges vorgespielt. zuerst in einer geschlossenen Soiree, bei der sich einige unserer führenden Männer lebhast für die Neuheit interessierten, und dann in einem Konzerte des„B e r l i n e r T o n k ü n st l e r v e r e i n e s". Es handelt sich uni eine Zusammensetzung des Streichquartettes, die ein getreues Abbild der menschlichen Singstimmcn sein soll. Das oberste Instrument ist unsere bisherige Geige. Das zweite In- strumcnt, das alst der menschlichen Altstimme entsprechen soll, ist nicht mehr ein zweites, sonst gleiches Exemplar der Geige engeren Sinnes, sondern ein wirkliches Altinstrument, nämlich die wohl- bekannte Bratsche, nur daß diese durch eine fünfte obere Saite für die höheren Tonregionen ergänzt ist(ein Verschen ließ uns neulich leider von einer fünften tieferen Saite sprechen). Dann kommt an dritter Stelle ein Seitenstück zur menschlichen Tenorstimme: die Tenorgeige, ein kleineres Violoncell, das berufen ist, die bisher tat- sächlich vorhandene und bedauerliche Lücke zwischen Bratsche und ge- wöhnlichem Violoncell auszufüllen. Das letztere bildet unverändert die vierte oder Baßstimme dieses neuen Quartettes. Braucht man noch einen Kontrabaß, so wird dieses alte Instrument nur so weit verändert, daß sein tiefster Ton um eine Terz niedriger liegt als bisher. Der Schöpfer dieses Quartettes ist Musikdirektor Traugott Ochs aus Bielefeld. Er gab sich Mühe, in den beiden von uns ge» hörten Konzerten d'e Sache genau zu erklären und namentlich auf die Art und Weise einzugehen, in welcher er sich an den Instrumenten- bau von Professor Hermann Ritter anschließt, und in welcher Weise er darüber hinausgeht. Natürlich können wir uns hier nicht auf die technischen und historischen Einzelheiten einlassen und quittieren auch das Spiel der vier jungen Herren, welche zur Vorführung von Beispielen gekommen waren, nnt dem, was da an Anerkennung möglich war. Jni ganzen haben wir es also mit einem Klangcharakter zu tun, der beträchtlich dunkler ist, als der bisher gewahnte, und namentlich mit einer unstreitigen Erweiterung des bisherigen In- strumentalbestandes: mit der Tenorgeige, die für die Bratsche ein- treten soll und nur um vier Töne tiefer ist als sie. Felix Wein- gartner, der sich für diese Dinge ganz besonders interessiert, will sie auch im Orchester ausprobieren. Spielt man die bisherige Quartett- literatur mit den neuen Instrumenten, so bleiben allerdings einige Regionen von diesen unbenutzt; aber nun heißt es eben: Komponisten heraus und neu komponiert! Der„Berliner Tonkünstlerverein" hat durch seine Gastfreund- schaft gegen dieses neue Unternehmen wiederum seine große Be- deutung erwiesen. Es gibt nicht bald eine Stätte, auf der so ohne Vorurteil und ohne Parteirichtung das neue Produktive zum Worte geführt wird. Sein letzter JahreÄiericht, der uns vorliegt, weist auf eine 60jährige Tätigkeit und auf ganz besonders günstige Aufschwünge nr der letzten Zeit hin, die sogar zu einer Pensionsanstalt für deutsche Tonkünstler helfen werden. Im übrigen würde dabei noch soviel Interessantes zu sagen sein, daß wir lieber schließen, als uns die Mühe einer unsicheren Auswahl zu geben. Vielleicht wird es dem Vereine auch möglich werden, an einem der bedeutsamsten Pläne unserer Zeit mitzuarbeiten: an dem Plane zur Schaffung einer deutschen Reichs-Mnsikbibliothek, der nun immer greifbarer wird.— sz. Kleines feuilleton. kl Im Patientcnziimner einer Berufsgenossenschaft. ES ist neun Uhr morgens. Das Wartezimmer ist heute ausnahmsweise gefüllt. Alles Opfer, die auf dem Schlachtfelde der Arbeit zu Schaden ge- kommen sind. Fast alle Bauberufe find vertreten. Ungeduldig wartet alles auf Einlaß. Endlich öffnet sich die Tür, und mit einem sonoren.Guten Morgen, meine Herren 1" tritt der Heilgehülfe Brunnert ein. „Wer heute zum erstenmal hier ist, bitte, hervortreten.... Sie haben doch die Vorladung mitgebracht?" „Jawohl I" Er prüft die Papiere.„Bitte, kommen Sie zum Doktor." Zu den anderen gewandt:„Sie können auch eintreten." Die Kontrollmarken werden abgegeben, und nun wollt sich jeder auf seinen Platz, jeder sucht sich nützlich zu machen. Da werden die verschiedenen Sorten Binden gelöst und auf der Wickelmaschine fein säuberlich gerollt, um nachher wieder Verwendung zu finden. DaS Zimmer ist mit orthopädischen Instrumenten angefüllt, und so mancher Seufzer wird von denen ausgestoßen, die zum erstenmal den Raum betteten. Langsam beginnt die Unterhaltung; den meisten Stoff liefert die Krankhcitsgeschichte. „Ich bin nur neugierig, wie lange ich noch her muß. Ob ich überhaupt wieder arbeitsfähig werde...?" stöhnt ein Zimmermann. „Am besten ist, man hängt sich auf." „Das ist nicht so leicht, dazu gehört ein Strick," scherzt der Nachbar, ein Töpfer.„Ich bin auch bald 13 Wochen hier: Die Krankenkasse ist bald abgelaufen, nun möchten sie mich hier abschieben. Mit meinem Ann kann ich noch lange nicht arbeiten; ich bin nur gespannt, wie hoch die Rcntenberechmmg sein wird." „Heute muß ich Euch eine feine Geschichte erzählen," beginnt ein Rohrleger. Alles horcht hin. „Vorgestern bekomme ich eine Karte von meinem Chef, ich möchte mich vor den Feiertagen mal sehen lassen. Ei. da fällt was ab zu Weihnachten sage ich zu meiner Frau. Ich gehe gestern hin und nach dem Comptoir..Guten Morgen, das ist ja schön, daß Sie sich mal sehen lassen. Was macht Ihre Hand? Bald arbeitsfähig?' fragte der Chef. Ich erwidere:.Ein paar Wochen werden noch vergehen, ich bin mit der Massage noch nicht fertig.'.Sie rauchen doch?'.Jawohl,' sage ich. ,Hier haben Sie auch was für die Feiertage.' Ich nehme mein Paket, wünsche vergnügte Feiertage und schiebe los. Unterwegs mache ich das Paket auf, und siehe, 2S Zigarren find darin." Alles lacht. Der Heilgehülfe, der emsig mit Massieren be- schäftigt ist, ruft:„Machen Sie doch nicht so einen Krach! Der Doktor wird bald r auskommen."... Die Tür des Nebenzimmers öffnet sich, und der Chefarzt er- scheint.„Guten Morgen! Heute alles so vergnügt? Bitte, einer nach dem anderen hereinkommen!" Die Untersuchungen beginnen. „Nun, wie geht eS, mein Lieber? Noch Schmerzen?" fragt der Doktor.„Es geht." Der Arzt untersucht die Wunde.„Tadellos, sehr schön! Die Hauptsache ist baden." Der Assistenzarzt sieht sich die Wunde ebenfalls an.„Wirklich, sehr schön I"„Nicht wahr?" erwidert der Chefarzt und zum Pattenten gewendet:„Wir legen am Tage Borsalbe darauf und abends einen feuchten Umschlag. Brunnert bekommt näheren Bescheid." „Herr Doktor, ich möchte bitten um den Konttollschein betreffs des Fahrgeldes." „Sie kommen zweimal täglich her." „Jawohl!" „Bitte, hier ist der Schein. Sie gehen in das Haus um die Ecke, parterre, Zimmer Nr. 7." Zinnner Nr. 7 ist ein Wartezimmer, verbunden mit einem ab- gegitterten Bureauraum, in dem die Kassengeschäfte erledigt werden. An einem Schreibtisch sitzt ein junger Mann. „Sie wünschen?" „Bitte, hier ist der Konttollschein." „Sie sind zum erstenmal hier?" „Jawohl." „Was fehlt Ihnen?" „Fingerverletzung." „Sie heißen Söhler?" „Nein, Söhlert." „Aber hier fehlt ein t.... Und wohnen Memingerstratze in Schöneberg." „Jawohl." Der Beamte studiert den Stadtplan.„Na, das sind ja höchstens zwanzig Minuten bis hierher! Die können Sie doch laufen." „Sie werden erlauben, daß man die Sttecke Weges auf drei- viertel Stunden schätzt. Ueberdies bin ich gewohnt, solche Touren zu fahren. Warum soll ich jetzt laufen, wo ich krank bin? Es ist doch mein bar ausgelegtes Geld!" „Mit was für einen Wagen fahren Sie?" „Südring I und II." „Wir können nur eine Tour bewilligen; die andere Tour müssen Sie laufen." „Na, da werde ich mich beim Doktor beschweren..." „Herr Doktor, ich komme vom Bureau. Mir wird mein Fahr- geld nicht bewilligt." „Ja, mein Lieber, bei Handverletzung wird nur eine Tour, bei Fußverletzung die ganze Tour bewilligt. Das sind Entscheidungen vom Reichs-Versicherungsamt, dagegen ist nichts zu machen."-- In dem Türrahmen erscheint ein Mann in den vierziger Jahren. Man sieht, daß ihm das Gehen schwer fällt. Von weitem schon ruft ihm der Doktor zu:„Nun, was bringen Sie denn Neues? Sie find doch Maler?° „Ja wohl, Herr Doktor. Ich habe versucht, zu arbeiten. Drei Wochen ist es gegangen. Da hatte ich eine sogenannte„Parterre- Arbeit", aber auf der Leiter halte ich es nicht aus mit meinem Fuß, namentlich wenn man mit der Leiter laufen muß." „So, so I Ziehen Sie mal den Stiefel ab." Der Fuß wird betastet, nach verschiedenen Seiten hin gedreht. „Der Fuß ist sehr gut geheilt. Die augenblicklichen Beschwerden das ist Schwäche. Der Fuß muß jetzt wieder in Bewegung kommen. Also Bewegung, verstehen Sie!..." Unterdessen wird im Nebenzimnier ein älterer Mann mühsam entkleidet. Seine Stimme ist lallend, das Augenlicht hat sehr gelitten, alles Lähmungserscheinungen.„Er ist Ganzinvalide geworden durch eine Lcuchtgasvergiftung," erklärt mir mein Nachbar.„Wenn seine Angehörigen schlau sind, so beanttagen sie die Hilflosenrente. Mir tut der arme Mensch leid." „Wenn man so ein Elend sieht, ist man immer froh, wenn man wieder draußen ist," beginnt ein Maurer.„Die Hälfte von dem Elend könnte vermieden werden, wenn ein wirklicher Bauarbeiter- schütz durchgeführt wäre, mit Kontrolleuren aus der Arbeiterschaft. Und gerade wir sind berufen, hier agitawrisch vorzugehen, weil wir das Elend am eigenen Leibe verspürt haben."— u. Magnetisierte Stimmgabeln. Von Alters her werden die Sttmmgabeln zum Sttmmen von Musikinstrumenten benutzt, weil sie einen reinen, klaren, von Nebengeräuschen fast völlig fteien Ton haben und weil sie den Ton, auf den sie einmal abgesttmmt sind, sehr lange Zeit unverändert beibehalten. Aber vor einer Sache muß man die Sttmmgabeln sorgfälttg hüten: Man darf sie nicht magnettsieren. Denn wenn eine solche Gabel magnetisiert ist, üben chre Zinken einen solchen Einfluß aufeinander, daß sie ganz anders schwingen, also auch einen ganz anderen Ton angeben, als wenn sie nicht magnettsiert sind. Nun wird sich wohl kaum jemand den Spaß machen, eine brauchbare Stimmgabel mit Absicht zu magnettsieren; aber bei den heute vielfach vorhandenen elekttischen Anlagen kann es leicht vorkommen, daß man mit einer Stimmgabel in der Tasche an eine im Betrieb befindliche kräftige Dynamomaschine herantritt; schon diese Nähe der elektrischen Maschine kann es bewirken, daß die Stimmgabel, an die man vorher gar nicht dachte, ganz unbranchbar wird, wie ja bekanntlich auch Uhren, die man in die Nähe einer elekttischen Maschine brachte, in vielen Fällen verdorben find.— Kulturges chichtliches. a. Aerzte und Heilkunde in früheren Zeiten. Von allen Zweigen der Wissenschast waren im Mittelalter Medizin und Nawrwissemchasten ain meisten vernachlässigt worden. Jahr- hunderte hindurch war man in diesen beiden Disziplinen nicht einen Schritt vorwärts gekommen. Lehrte man doch an den Universitäten noch im 16. Jahrhundert nach den Schriften de« Hippokrates, Galenus und Avicenna. Von anatomischen Kenntnissen fand sich keine Spur und selbst die Chirurgie lag im 13.— 14. Jahrhundert noch so im Argen, daß die Aerzte einen einfachen Beinbruch nicht zu heilen im stände waren. Als Leopold der Tugendhafte bei einent Tourmer zu Graz mit dem Pferde stürzte, krach er ein Bein. Da eine Heilung unmöglich schien, verlangte der Herzog, man sollte ihm das Bein abnehmen. Dazu wollte sich jedoch kein Mundarzt verstehen. Schließlich nahm der Herzog die Amputation selbst vor. Er setzte ein Handbeil auf das Bein und befahl seinem Kämmerer, darauf loszuschlagen. Bald darauf trat der Brand ein, und die Aerzte entwichen mit der Entschuldigung, daß sie den Geruch nicht vertragen könnten. Im Jahre 1295 war dem Herzog Albrecht von Oesterreich Gift beigebracht worden. Die Aerzte konnten dem Gifte nicht anders zu Leibe gehen, als daß sie den Herzog an den Füßen aufhingen, damit das Gift aus Augen, Ohren und Munde auslaufen sollte. Einer ähnlichen Kur wurde später der Kaiser Sigismund unterzogen, während schon ftüher der Sohn des Böhmeilkönigs Ottokar, den inan von seiner Mutter Kunigunde ver- giftet wähnte, auf gleiche Weise behandelt worden war. Nnwissen- heit und tiefster Aberglaube stritten bei den Aerzten um den Vorrang. Neben den Juden waren die Geistlichen im Mittelalter die ge- suchtesten Aerzte, namentlich die Benediktiner standen in großein Rufe. 1499 findet sich unter den praktizierenden Aerzten zu Frank- furt a. M. noch ein Geistlicher. Aber auch sie wußten außer den einfachsten Handgriffen und Heilmitteln nichts. Wenn sie sich nicht inehr zu helfen ivnßten, appellierten sie an die Heilkräftigleit kirchlicher Reliquien und Heiligenbilder, die alle wahrhaft guten und frommen Menschen von ihren Krankheiten und Leiden unfehlbar heilen und befreien sollten. Jüdische Aerzte und Aerztinnen finden sich schon ftühzeittg in den Registern der größeren deutschen Städte. So hatte der Erzbischof Bruno von Trier(1192—1124) einen jüdischen Arzt. 1393 fungierte die Jüdin Selekcid als Aerztin in Frankfurt a. M., wie denn Jüdinnen sich ziemlich häusig in dem Frankfurter Aerzteregister finden. 1394— 95 war der Jude Salinan Pletsch Frankfurter Stadtarzt und drei Jahre später bekleidete sein Glaubensgenosse Jsaac die gleiche Stelle. Auch Straßburg besaß viele jüdische Aerzte, 1453 stand daselbst der jüdische Arzt Jacob in sehr großem Ansehen. Die Stadtärzte damaliger Zeit waren verpflichtet, den kranken Bürgern beizustehen, die Armen event. umsonst zu behandeln, den Dienst in den Spitälern zu versehen und die Truppen in das Feld zu begleiten. 1396 wurde in dem Treffen von Kroueubcrg ein Frankfurter Arzt, der als Bruch- und Hodenschneider bezeichnet wird, gefangen. Das Gehalt der Stadtärzte war nicht eben hoch. Von 1348—1599 schwankt dasselbe zwischen 19—199 Gulden, daneben gab es noch feines Tuch für einen oder zwei Röcke oder Geld zum Pelzfutter. Von den städtischen Wachten uud Beeden, dem städttschen Umgeld, dem Mahlgeld usw. waren sie ftei. Jüdische Stadtärzte zahlten auch keine Jndensteuern. Der älteste Dienstbrief eines Frankfurter Stadt- arztcs, der in den Archiven noch vorhanden, ist derjenige des Meisters Hans des Wolfes vom Jahre 1381. Schon früh schieden sich die Aerzte in gewisse Spezialfächer. 1494 ivar Meister Heinrich Drudel Wundarzt in Frankfurt, 1431 die Jüdin Zerline Augenärzttn, daneben gab eS Zahnärzte sowie Bruch- und Steinschneider. Trotz ihrer geringen Kenntnisse waren die Aerzte im Mittelalter jederzeit sehr gesucht und geschätzt. Es gab deren nicht viel, und selbst wichttge Orte mußten einen solchen entbehren. Orte wie Gießen, Marburg, Bacharach, Oberwesel hatten keinen Arzt. Ja, Bodmann behauptet in feiner rheinischen Geschichte, daß im ganzen Mittelalter im Rheingau kein Arzt ansässig gewesen. Aus diesem Grunde trieben die Aerzte ihr Handwerk oft im Umher- ziehen. Sie priesen in marktschreierischer Weise ihre Heilküuste an. Der Mangel an Aerzten veranlaßte auch die Bader oder Scherer, die Heilkunst in ausgedehntem Matze zu betteiben. Sie waren be- sonders Wundärzte, schlugen Ader und zogen Zähne, und künstige Aerzte begannen ihre Laufbahn oft in den Badstuben. Diese Bad- stuben galten für die leidende Menschheit damals als hauptsächlichste Heilstclle, hierhin wandten sie sich bei Krankheitsfällen immer zuerst. Ost aber schadeten die Badstuben mehr als sie nützten. Sie wurden der in ihnen herrschenden Un- saubcrkeit wegen wahre Ansteckungsherde für die Gesunden. 1433 mußte der Rat von Frankfurt der Zunft der Scherer die Verpflichtung auflegen, keine Aussätzigen zu scheren oder zu Ader zu lassen. Dieses Aderlassen, verbunden mit furchtbarem Purgieren und Schwitzen war eine wahre Geißel für die Kranken des Mittelalters und gab gar manchem vollends den Rest. Ja, die Behörden verordneten den Aderlaß nach vorher festgesetzten Terminen, und in den Badstuben hingen sogenaimte Aderlaßzettel aus, in welchen amtlich festgesetzt wurde, wann und wie oft im Jahre jeder loyale Bürger sein Blnt sich gegen schweres Geld ab- zapfen lassen sollte. Die angewandten Heilmittel waren einfach grotesk. Das Blut von Kröten,� Schlangen, Molchen, Leichenteile der Gehenkten usw. waren gesuchte Heilmittel und fanden Verwendung bei unzähligen Lebeuselixieren. Die seltenen Apotheken, die ziemlich spät in die deutschen Städte Eingang fanden(die erste Apotheke wird 1285 in Augsburg, 1295 eine in Freiberg erwähnt, Leipzig erhielt feine erste Apotheke, die zum Löwen, 1499 mit der Gründung der Universität) entwickelten sich der Unsummen von naturgeschichtlichen Kuriositäten, wegen, die sie als Heilmittel benutzten, zu wahren Naturalien- kabinetten. Dabei waren diese Arzneimittel oft außerordentlich kostbar. So schrieb man den ostpreußischen Elcntier-Klauen sowie dem Bernstein ganz erstaunliche Kraft zu, sodatz der OrdenSmeister von Preußen einen ganz schwunghaften Handel mit diesen beiden Artikeln treiben konnte. Gepulverte Edelsteine und Perlen galten eben« falls als außerordentlich heilkräftig, und Papst Clemens Vit. verschluckte während einer Krankheit binnen wenigen Tagen für 49 999 Dukaten gepulverte Perlen. Auch Tabak, Tee und Kaffee galten bei ihrer Einführung zunächst als Heilmittel. Vom Tabak behauptete man: „Der Tabak macht Niesen und Schlafen, reinigt Gaumen und Haupt, vertreibt die Schmerzen uud die Müdigkeit, stillet das Zahnweh, be« hütet den Menschen vor der Pest, verjaget die Läuse, heilet den Grind, Brand, alte Geschwüre, Schaden und Wunden. Kaffee galt als ein Mittel gegen Geilheit, und voni Tee schrieb der branden- burgische Leibarzt Boutekoe 1667, um recht gesund zu sein, müsse man täglich 199—299 Tassen Tee trinken. Diese ganz allgemeine Unwissenheit der Aerzte dauerte bis zum 18. Jahrhundert. Paris galt im 17./18. Jahrhundert für eine berühmte Hochschule für Medizin. Aber die Herzogin von Orleans, die pfälzische Elisabeth Charlotte, findet in ihren Briefen nicht Worte genug, die Unwissenheit der Pariser Aerzte zu schildern. Sie be« hauptet, daß die Aerzte Ludwig XIV. durch Aderlässen, Purgieren und Schwitzen getötet, ebenso wie sie die Gemahlin des Königs auf dem Gewifien hätten. Die Dauphine sei von den Aerzten um« gebracht worden, weil man sie, die die Rötheln hatte, im vollen Schtveiße aufstehen und am Fuße zur Ader gelassen. Besonders ge« fährlich war diese Untviffenheit ftir die Neugeborenen und die Wöchnerinnen. Zu Hunderten, schreibt die entrüstete Pfälzerin, schickten die Aerzte die armen Kleinen ins Jenseits. Auch die Be« Handlung der Wöchnerinnen sei einfach barbarisch. Die Dauphine, bemerkt sie einmal, hat man im Kindbett so übel traktiert, daß sie schief geworden. Vorher hatte sie eine gar artige Taille. Und dies war die ärztliche Behandlung der Hofkreise. Wie mag man erst das arme Volk behandelt haben? Noch finsterer sah es in den Köpfen der spanischen Aerzte aus. Der spanische Geschichtsschreiber Rio gibt dafür einen ausbündigen Beweis. 1769 machte jemand in Madrid den Vorschlag, die dortigen Straßen von ihrem Schmutze und Unrat zu reinigen. Da das Volk an diesen SÄmutz und diese Unreinlichkeit seit altersher gewohnt, sich einer solchen Neuerung widersetzte, wurden die Madrider Aerzte von der Regierung zu einem Gutachten über diese Maßregel auf- gefordert. Die Aerzte erklärten, daß der Dreck bleiben müsse. Ihn aus dem Wege zu schaffen, sei eine Neuerung, und von Neuerungen könne man' unmöglich die Folgen voraussehen. Ihre Vorfahren hatten sich nicht einfallen lassen, die Straßen zu reinigen, warum sollten sie es tun? Ihre Vorfahren wären weise Leute gelvesen und hätten gewiß gewichtige Gründe für ihre Handlungsweise gehabt. Selbst der Geruch, über den sich einige beklagten, sei höchst- wahrscheinlich gesund. Denn die Lust sei scharf und schneidend und höchstwahrscheinlich machten üble Gerüche die Attnosphäre gewichtiger und nähmen ihr so einen Teil ihrer schädlichen Eigenschaften.— Notizen. — Karl Spitteler hat den ihm zugesprochenen Bauern- feld-Preis(899 M.) abgelehnt. Man möge die Summe einem Schriftsteller geben, der„das Geld nötig habe". Da? Bauernfeld-Kuratorium konnte darauf nicht eingehen. Nun soll Spitteler den Betrag einem in Norddcutschland lebenden Dichter zugewandt haben.— — I. E. Poritzky gesteht in einer Zuschrift an da? ,B. T.", aus Turgenjew abgeschrieben zu haben. Er habe damals gerade Geld gebraucht. Andere, vor ihm, hätten das auch so gemacht.— —„Der Bräutigam wider Willen", ein neues Stück von O. I. B i e r b a u m. wird Ende Februar am Hoftheater zu München die Uraufführung erleben.— — Im Monat Februar wird im Neuen königlichen Operntheater(Kroll) nicht gespielt.— — Zur Gründung eines Thüringischen Städtebund« Theater? hat sich in Eiseuack ein finanzielles Komitee konstituiert.— — Hans Psitzners Oper„Die Rose vom Liebe?« garten" geht am 2. Februar in der WienerHofoper zum erstenmal in Szene.— — Im National-Theater wurde 42 Mitgliedern g e- kündigt.— — Der jährliche Weltbedarf an Wolfram Ivird auf 1299 Tonnen geschätzt. In den letzten zehn Monaten hat Queensland allein 1999 Tonnen ausgeführt.— — Auf dem Donnersberge(Milleschauer) bei Teplitz in Böhmen ist eine meteorologische Höhen st ation erster Ordnung errichtet worden. Sie hat am Neujahrstage ihren regel- mäßigen Betrieb aufgenomnien.— — Von 16119 Pariser Gestellungspflichtigen dieses Jahres können 112 weder schreiben noch lesen, 119 können lesen, aber nicht schreiben, 669 schreiben und lesen, aber nicht rechnen.— — San Francisco war vor 57 Jahren ein Dorf mit 456 Einwohnern, heute bettägt die Einwohnerzahl 342 999. Zu einer Reise von Antwerpen nach San Francisco brauchte man damals 9 Monate, heute dauert die Geschichte 12— 13 Tage.—_ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 8. Januar. Merantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin L1V.