Mnlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 6. Sonntag, den 8. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) 6] Der Baum elfter. Roman von Felix Holländer. „Ich erlaube mir gar kein Urteil," erwiderte Keßler zurückhaltend. „Bitte, entschuldigen Sie sich nicht, ich verstehe mich ein wenig auf die Menschen. Sie müssen ja an meinen Worten zweifeln... Im übrigen bin ich Ihnen ein wenig zu Dank verpflichtet. Sie haben mich gewarnt, ohne einen Vorteil dabei im Auge zu haben. Ich habe," sagte er langsam,„ein gewisses Vertrauen zu Ihnen. Sie machen auf mich einen anständigen Eindruck... Natürlich kann man sich täuschen... Gewiß kann man sich täuschen... Immerhin, Sie machen auf mich einen äußerst anständigen Eindruck. Außerdem suche ich schon lange einen Menschen, dem ich mich anvertrauen könnte... Ich brauche einen solchen Menschen.». Wollen Sie mich heute abend besuchen?" „Es wird mir eine Ehre sein!" „Gut— ich erwarte Sie um zehn Uhr... Jetzt lassen Sie mich aussteigen!" „Kutscher, halten Sie!" Herr Freitag stieg aus. Keßler folgte ihm noch eine lange Strecke mit den Augen und sah, wie seine weißen Haare im Winde flatterten. Siebentes Kapitel. Keßler hatte sich verspätet. Um zehn Uhr sollte die Kon- ferenz mit Herrn Freitag stattfinden, und jetzt war es beinahe halb elf. Was verschlug es? Der Alte würde auf ihn warten, und der Teufel mochte wissen, was bei der ganzen Sache heraus- kommen würde. Eine Kateridee von ihm, mit diesem närrischen Patron anzubandeln! Er war wieder vollkommen mutlos. Dieser Tag, den er mit so hochfahrenden Plänen begonnen, endete für ihn kläglich. Ohne jeden äußeren Grund hatte seine Stimmung um- geschlagen. Er begriff nicht, wie er auch nur eine Stunde ernst- Haft hatte glauben können, daß diese Leute ihm„sein" Grund- stück verkaufen würden!... Und wenn sie wirklich bei Dreirkwitz anfragten, so würde der— das stand fest— sich außerstzkühl und ablehnend verhalten— und dazu ihm gehörig den Text lesen... Mochte er's! Was lag ihm daran!... Wenn er nicht bauen konnte, war ihm alles andere gleich... Gott und die Welt... Er kam jetzt an der Kronenapotheke vorbei, die in der Jerusalemerstraße gelegen ist. Vor der Tür der Apotheke stand eine auffallende Er- scheinung— ein junges Mädchen, das sich ein rotes Tuch über den Kopf geworfen hatte und eine bunte russische Schürze trug. Die feinen Linien und Umrisse ihres Körpers fesselten ihn. Er trat unwillkürlich näher, um sie besser sehen zu können. In diesem Augenblick öffnete der Provisor die Nachtklappe und reichte dem Mädchen eine Schachtel hinaus. Und nun trat folgender Zwischenfall ein: Das Mädchen suchte in ihren Taschen nach dem Portemonnaie und fand es offenbar nicht. Der Provisor da drinnen wurde unruhig und verlangte mit einem ziemlich großen Stimmenaufwand die Medizin zurück. Keßler sah die feinen, blassen Züge des Mädchens, aus denen eine furchtbare Angst und Ungeduld sprach, und ohne sich lange zu besinnen, fragte er, nähertretend: „Ich darf Ihnen wohl mit dem kleinen Betrage aushelfen?" Einen Moment schwankte das Mädchen und sah ihn mr- schlüssig an. Dann entschied sie sich und sagte, tief auf- atmend: „Ich bitte Sie sehr darum!" Keßler bezahlte drei Mark fünfzig Pfennig. Der Apotheker machte die Klappe zu, und nun standen sie sich Aug' in Auge gegenüber. „Wenn es nicht eine so furchtbare Eile hätte," sagte sie gepreßt,„aber Sie ahnen ja nicht, wie es drängt!... Darf ich Sie um Ihre Adresse bitten, mein Herr, um Ihnen das Geld zurückgeben zu können?" „Dann müssen wir kkns wohl gegenseitig vorstellen?" sagte Keßler und blickte prüfend in dieses feingeschnittene ovale Gesicht mit den tiefblauen, kummervollen Augen, über denen feingezeichnete Brauen sich wölbten. „Ich heiße Grete Anders," sagte sie leise.„Meine Eltern wohnen in der Krausenstraße Nummer 19, Hof, drei Treppen." Keßler verbeugte sich und erwiderte: „Plein Name ist Friedrich Keßler und meine Adresse Schützenstraße Nunimer 46!" „Ich danke Ihnen vielmals," brachte sie hastig hervor, „aber jetzt muß ich fort— ich habe keine Sekunde mehr zu ver- lieren!" Und wie gehetzt eilte sie davon. „Grete Anders!" murmelte er vor sich hin. Es war doch eigentlich seltsam, wie viele Beziehungen diese letzten Stunden gebracht hatten! Was hatte das alles zu bedeuten?... Und wie eigenartig dieses Geschöpf ausgesehen hatte Mit dem roten Tüchelchen und der russischen Schürze! Wie die bunten Farben zu ihrem Gesicht gestimmt hatten... Was kümmerte es ihn! Er hatte keine Zeit, den Weibern nachzulaufen... Er hatte ernstere Dinge im Sinne! Jetzt stand er vor seinem Hause. Aus dem Fenster des Herrn Freitag blinkte ihm Licht entgegen. „Aha! der wartet auf dich!" Er schloß auf und nahm die Treppe in großen Sätzen. Dann klopfte er hart und vernehmlich an Freitags Tür. So- fort wurde ihm geöffnet. Der kleine Mann war in sichtlicher Erregung. „Ich dachte schon, Sie würden gar nicht mehr kommen!" sagte er aufgeregt. „Ich wäre in jedem Falle gekommen," entgegnete Keßler. „Ich hatte nur eine wichtige Konferenz, die sich zu meinem Leidwesen viel länger hinzog, als ich erwartete. Man ist ein geplagter Mensch!" fügte er hinzu. Herr Freitag nötigte ihn, Platz zu nehmen. Wieder war er mit seinem Maskenkostüm angetan— dem blauseidenen Schlafrock und dem Fes auf dem Kopf. Er hatte eine goldme Brille aufgesetzt und betrachtete voll innerer Unruhe seinen Gast. Keßler machte nicht den leisesten Versuch, ihn zum Sprechen zu bringen. Im Gegenteil— er spielte den Uninteressierten und Unbefangenen. „Diese großen Geschäfte," sagte er nach einer langen Weile erschöpft,„haben etwas entsetzlich Aufreibendes. Sie machen einen ganz kaput! Da komme ich soeben aus einer Aufsichts- ratssitzung— so viele Köpfe, so viele Meinungen! Und waS für dummes Zeug man nicht anhören und widerlegen muß! Es ist, um auf die Bäume zu klettern! Projekte, die voll- kommen fertig erscheinen, werden noch in letzter Stunde durch die Einsichtslosigkeit von Narren ins Schwanken gebracht. Man muß seine ganze Elastizität und Selbstbeherrschung zusammen» raffen, um nicht durch solch unsinnigen Widerstand zu guter Letzt noch mürbe zu werden. Seien Sie froh, daß Sie ein un- abhängiger Mensch sind und mit Geschäften nichts zu tun haben! Die Kaufleute soll der Geier holen, das sind die unsichersten Kantonisten!... Uff!" machte er,„nun wissm Sie, warum ich verstimmt bin!" „Ich tauschte mit Ihnen— ich tauschte auf der Stelle!" sprudelte Herr Freitag hervor.„Die Sorgen, die mich drücken, sind schwerer!... Ich sagte Ihnen schon gestern: Wenn eS üt rechten Dingen zuginge, könnte ich mir einen Rennstall alten. Aber es geht eben nicht mit rechten Dingen zu. Man ebt in einer Welt von Spitzbuben und Schurken! Man ist dieser Bande gegenüber verraten und verkauft. Bitte, über- zeugen Sie sich selbst!... Ueberzeugen Sie sich selbst, mein Herr!" Er überreichte ihm ein dickes Schriftstück, offenbar die Ab- schrift eines Testaments. Keßler las, daß ein Rittergutsbesitzer namens Freitag seinen Sohn zum alleinigen Erben einsetzte, seinen illegitim« Sohn. „Ich verstehe," sagte er,„Sie fühlen sich durch dies« illegitimen Sprößling um Ihre Erbansprüche betrogen. Ist es nicht so?" .Allerdings," entgegnete Freitag,.so ist es l" „Aber dagegen wird gar nichts zu machen sein, fürchte ich!" „Da sind Sie gründlich im Irrtum— dagegen mutz etwas au machen sein! Lassen Sie mich gefälligst ausreden: Mein Onkel ist im Alter von einundsiebzig Jahren gestorben. Sein unehelicher Stammhalter war bei seinem Tode zwei Jahre alt. Jahr und Tag vorher, bevor aber dieses Kind geboren wurde, war mein Onkel schwer krank und weder im Besitze seiner körperlichen noch geistigen Kräfte. Und nun kommt der Witz: mein Onkel liegt im Krankenhause, und seine Pflegerin, eine bereits ältliche Person, ködert ihn, als er sich etwas erholt hat, zu ihr zu ziehen, da er sich dort einer besseren Pflege erfreuen würde. Und dieser Mummelgreis, der für keine drei Pfennig mehr Verstand hatte, fällt darauf'rein. Die Person hat eine Tochter von kaum zwanzig Jahren, und mit dieser soll mein armer, elender Onkel sich in ein Verhältnis eingelassen haben, das nicht ohne Folgen blieb. Merken Sie nun den ganzen Schwindel?" unterbrach er sich wütend. Ketzler zuckte mit den Achseln. „Nun, dann will ich Ihnen den Schluß dieses Kolportage- romans erzählen: Mein Onkel war gar nicht mehr in der Lage, ein Kind in die Welt zu setzen. Er wurde aber derartig ab- hängig von diesen beiden Frauenzimmern, daß er überhaupt keinen Willen mehr hatte... Und so hat man ihm dieses Testament abgeschwindelt. In Wahrheit hat diese Person ein halbes Jahr nach dem Tode meines Onkels ihren Liebhaber geheiratet, der, ebenso wie der Verstorbene, bei ihnen zur Miele wohnte... Begreifen Sie jetzt endlich?" schloß er, und sein ganzes Gesicht war von Zorn und Wut verzerrt. Ketzler hatte allmählich interessiert zugehört. „Da wird aber verdammt wenig zu machen sein," meinte er steptisch. „Oho!" schrie der Kleine,„dagegen würde sehr viel zu machen sein. Ich müßte nur das nötige Kapital haben." „Wieso denn?" fragte Ketzler unschuldig. „Ja, wissen Sie denn, was es heißt, einen Prozeß zu führen, bei dem das Objekt über zwei Millionen beträgt?... Wissen Sie, was das kostet?" „Ganz abgesehen davon," entgegnete Ketzler langsam und ausweichend,„halte ich es für ungemein schwer, den Nachweis zu bringen, daß dieses Testament Ihrem Onkel abgerungen wurde. Vielleicht ist das Kind wirklich von ihm, und dann sind Ihre Schlüsse falsch." Der Kleine klappte das Schriftstück mit lautem Geräusch zusanimen. Er sah Ketzler enttäuscht und geringschätzig an. „Mit Ihnen ist nicht viel anzufangen," sagte er achsel- zuckend und herablassend. Dann aber wechselte er den Ton. „Was Sie da sagen, ist ja borniert, geradezu hirnverbrannt!" brüllte er ihn an. „Das ist Auffassungssache!" Herr Frestag stellte sich in Positur. „Da kann von verschiedener Auffassung gar keine Rede sein. Sobald ich die nötigen Mittel hätte, würde ich schon den Nachweis führen. Ich würde alle die Personen auskund- schaften, die von der Sache etwas wissen können— glauben Sie es mir!" „Gehört denn aber dazu ein so ungeheures Kapital?" „Unzweifelhaft! Man kann diese Sache nur durchführen, wenn man über große Mittel verfügt." „Ja, was ist denn da zu tun?" fragte Ketzler.„Besitzen Sie gar keine Freunde und Angehörigen, die Ihnen unter die Arme greifen könnten? Ich nehme an, daß Sie selbst nicht in der Lage sind," setzte er hinzu,„aus eigenen Mitteln die Prozeß- kosten zu bestreiten." lFortsetzmig folgt.). Tapferkeiten. Drei Tage lang war der Verteidiger von Port Artdur, General Stösiel, der Held des Erdkreises. Gibt es etwas Erhabeneres, alt 11 Monate hindurch einen geraubten Ort gegen einen leben- verachtenden Feind zu verteidigen, der scharenweile um die morde- rischen Granaten kreist, wie trunkene Eintagsfliegen um das Licht I So lasen wir in den geschwinden Zeitungsphantasien: Eine Besatzung von SO OOO Mann bis auf einen zusammengeschmolzenen Rest von 8000 Mann getötet und verlvundet; und auch von den 8000 nur noch 2000 lampssahig. Ganz Port Arthur verwandelt in eine Abdeckerei von schwörendem, blutendem, faulendem Mcnschenfleisch, in dem der Lebcnsfunken nur deshalb noch zu glimmen scheint, um dem Entsetzen zu leuchten, damit man es recht erkenne. Keine Nahrungsmittel mehr. Der AaSgenutz verwandelt dieDtundhöhlen m ein grauenvolles Geschwür. Wie Schatten wanken die halb der- hungerten, übermüdeten Soldaten; seit 11 Monaten haben sie so recht nicht geschlafen: immer im Dienste für's Vaterland. In den Hospitälern, auf die es Granaten regnet, walten die Schwestern vom roten Kreuz ihres schaurigen Amtes, parfümierte Watte in der Nase, um den Pesthauch zu erttagen. Stössel aber, der Held, kennt keine Furcht. Er hat seinem kaiser- lichen Herrn gelobt, Port Arthur zu halten. Er kämpft bis zum letzten Blutstropfen, und in den Augenblicken der Muße verferttgt er unermüdlich Proklamattonen, Telegramme, in denen er feierlich schwört, bis zum letzten Blutstropfen«impfen zu wollen. Sein Haar ist ergraut, er ist unzählige Mal verwundet, er ist sterbenskrank. Aber er kämpft für seinen Herrn in Petersburg, diesen gottbegnadeten Epilepttker, der Hunderttausende in den Krieg jagt, aber selbst die Granaten nicht verttägt und deshalb Weltfriedens- Manifeste unter« zeichnet. Stössel aber ist ein Held! Vergebens erhebt die ketzernde Vernunft ihre Stimme gegen diesen Heldenwahn, diese tückische, mörderische Erfindung derer, die auf Leichen herrschen. Wer gab diesem Unhold das Recht, fiinfzig- tausend Menschen für ein Phantom zu opfern? Wenn er selbst brs zum letzten Augenblick kämpfen will, dann gut, er hat das Kriegs« Handwerk zu seinem Beruf gegen hohe Bezahlung fteiwillig erwählt; seine Pflicht, sein Geschäft ist es, zu morden, zu sterben. Auch seine Offiziere darf er in den Tod mitnehmen. Wofür aber gehen die Zehntausende zu gründe? Für- ein Land, für eine Regierungs- gewalt, die fie ausplündert und martert I Nicht fteiwillig sind sie gekommen, man hat fie gewaltsam gepreßt, mit dem Galgen des Pattiofismus in die Höhe ge- zogen. Und dennoch verweigern sie dem Verteidiger von Port Arthur, dem Helden, nicht den Gehorsam, der Kadaver zeugt. Aus Begeisterung für den Zaren und die Schreckensherrschast der Knute? Niemand glaubt daran. Die abergläubische Furcht, die tiefe Unwissenheit halt sie zusammen. Hat man ihnen doch immer wieder erzählt, daß der gelbe Feind kein Mensch sei. daß diese gelben Affen grausame Beitien seien. Wehe dem armen Kosak, der ihnen lebend in die Hände fällt: fie werden gerädert, in siedendem Oel gekocht, die Haut wird ihnen bei lebendigem Leibe wie Aalen abgezogen, die Augen werden ihnen ausgerissen... Rein, man wird wirklich bis zum letzten Blutsttopfen kämpfen. Der Held von Port Arthur hat sich nicht über Meuterei zu beklagen. Wie aber erschöpft diese arme, unwiffende Horde die letzten Tage ihres Lebens, ehe sie von den Granaten gemäht werden? Noch berichtet kein Zeuge der Wahrheit, wie man in Port Arthur lebte. Immer nur hört man, wie fie starben. Waren nicht die Greuel des Lebens und der Auflösung aller Dinge noch furcht- barer als die des Todes? Die Kriegslegende, diese Religion der Bestialität, darf nicht zerrüttet werden. Die grausigen Zuckungen der losgebundenen Tierheit sollen als Helderrtragödie stilisiert bleiben.... Indessen all der Bluttuhm, all der Schlachttier-PattiotismuS ist umsonst. Der Held kann die Festung nicht mehr halten. Die Mann- schaft ist getötet, verstümmelt, ohnmächttg. Die Offiziere liegen unter der Erde. Seuchen und Hunger herrschen. Die Munition ist verschossen. Das Haar des Helden wird noch eine Schattierung weißer, noch einmal beschwingt er stöhnend den Telegraphen: „Großer Kaiser verzeihe uns I" Dann kapituliert er. Die Kräfte sind erschöpft! Ueber den Erdkreis fließen die zivilisierten Tränen über den Helden... Wiederum wird die Vernunft hinweggeschwemmt, die es gar nicht erhaben findet, daß der Held, der 50 000 Mensche» geopfert, selbst noch— lebt, den Degen abliefert, sein Ehrenwort gibt, und mit gebrochenem Herzen und gebleichtem Haar, aber sonst mit allem modernen Komfort in die Heimat zurückkehrt. Er gelobte, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, und doch ergab er sich, im Vollbesitz seiner sämtlichen Blutsttopfen. Die sZehntausende der anderen moderten, seine Führcrgenialität aber wurde sorgsam behütet. Wie hätte auch sonst die namenlose Menge kunstgerecht verenden können, wenn der kühne Schlachtenlenker und Schlachtendenker sich nicht ge- schont und die Wege des Mordes gemieden hätte I Da glauben wir in unserer Kmdervernunft, ein Held vermöchte es nicht zu erttagen, Unzählige hinschlachten zu lasten und dann selbst frischlebendig zu kapituluren. Uns ersetzt nicht das Ehrenwort die Ehrentat, daß der Führer im Tode vorangeht. Auf sinkendem Schiffe verharrt der Kapitän, bis alle gerettet find, dann stürzt er ins Grab. Der russische Festungsheld verharrt, bis alle getötet find, dann marschiert er auf Ehrenwort ins vergnügte Dasein. Solch Spiel mit fremdem Menschenleben nennen wir gleichwohl Helden- tum, während der Kapitän nur einfach seine Pflicht getan hat. Held Stössel, nicht Menschenmörder Stössel— so lärmen eS die Tugeudlehrer der Herrschenden durch die Welt. Ueber Nacht hat sich die Heldenttagödie jäh gewandelt. Der Erdkreis, der es als strahlenden Heldenruhm empfand, daß ein General 40 000 Menschen opfert und selbst lebend kapituliert, findet eS gar nicht heroisch, daß diese 40 000 noch leben. Mit der Nüchternheit eines Wäschezettels, der die ausgelieferten Sttümpfe, Hemden und Unterhosen ziffernmäßig bucht, hat der japanische General die ge- fangene Menschenbeute aufgezählt: 48 000 Mann, davon 16 000 Kranke und Verwundete I 8 hervorragende Generale haben bis zum letzten Blutstropfen sich— dem Feinde ergeben. Die Vernunft atmet aus! Also find doch die Soldaten nichi''S verblendet gewesen, sich um des Aaren und seines Stösiel willen abschlachten zu lassen. Wer dre öffentliche Meinung der blutbegeisurtcn �tlifier tfi über diese Milderung des Wahnsinns gar nicht erbaut Der lebende Führer des Wahnsinns inmitten eines Heeres von Leichen war ein Held. Der lebende Führer im Kreise seiner leber lden Mltgcsangenen ist gar nichts für das Panoptikum der Patriotismen Gefühle, erne Possen- figur, vielleicht ein Feigling. Zur Psychologie des Ruhme? und der Tapferkeitist dieser Um» schwung des bürgerlich dressierten Bew ustrsemS ein � unvergeßlicher Beitrag. Tief wurzelt inimer noch Fettschdrenst, der vor dem Führer als dem Helden niederkniet, sofern er nur Menschen- leben wie Spreu auf der Wursschaufcl se.'ne? Ruhmes schwingt. Tapferkeit ist. die anderen den süßen Tod ff-r ein verhaßtes Vaterland leiden zu lasten.... »• Die Moral der Herrschenden hat es wel-Slich verstanden, die edelste menschlicher Tugenden fiir ihre Bedürfni s zu kneten. Der Held, der einen Verbrecher der Staatsgewalt m.'t Opferung semes Lebens, Brust an Brust, ausrottet, ist dieser �cral ern.feiger Meuchelmörder", wie ihr der unbarmherzige, selbsts/iHUge Menschen« vernichter ein Held ist. Wenn begeisterte Männer un.� grauen, um gewaltiger Ideale, auf die Sttaße gehen, wehrlos, ohne Waffen, wohl eine rote Fahne entfaltend, einen revoluttrnären Ruf a.'sstoßend, dann sind es freche Aufrührer, und ihre schlichte rpfernde T��ferkeit ist Frevel. Wie wilde Tiere jagt man sie. Mit Peitschen' und Säbeln werden sie mißhandelt— und die Oeffentlichkeit»�r Herrschenden erklärt die Strafe für streng aber gerecht, weil sonst die Anarchie allmächtig würde. Und doch ist jeder dieser Peitschen« striemen und Säbelhiebe ein höheres Ehrenzeichen für die verleumdete Kulturtapferkeit als der elende Ruhm der FestungSgeneräle, deren Größe ihre Roheit, deren Mut ihre Gleichgiiltigkeit fremder Schicksale ist. Helden zu erziehen, ist der höchste Sinn der Menschheits« geschichte. Das Heldentum der Zivilisation aber beginnt, wo der Blutglanz der Führer der Verachtung anHeim fällt, und als Held jeder Mensch erachtet wird, der für das Leben wirkt. Wir kämpfen für die Tapferkeit des Lebens, die den Tod nicht fürchtet. In Port Arthur wurde die Tapferkeit des Todes entlarvt, die das Leben schändet.— J oo. kleines fcuUleton. e. w. Twornik.— Man schreibt uns: Vor einigen Tagen war im.Vorwärts" ein Bericht über die Scheußlichkeiten abgedruckt, die die russischen angesoffenen Dworniks im Dienste der Polizei an den wehrlosen Demonstranten verübt haben. In dem Bericht ist das Wort Dwornik vielfach mit Hansknecht wiedergegeben. Das stimmt nicht genau. Zur näheren Erklärung müssen wir die russischen Wohnungs» Verhältnisse mit einigen Worten klarlegen. Ter größte Teil der Häuser ist in den kleineren Städten aus Holz gebaut, und mir in den größeren und in den Residenzstädten Petersburg und Moskau haben die hölzernen Hänser den Steinbauten allmählich Platz machen müssen, so daß die Straßen ein ganz modernes Gepräge aufweisen. Die Häuser aus Holz sind gewöhnlich nur ein- oder zweistöckig, während die steinernen Häuser immer höher und höher gen Hümnel streben, so daß Häuser mit fünf Stockwerken in den großen Städten keine Seltenheit mehr bilden. Bis vor verhältnismäßig noch nicht langer Zeit galt es für unfein, in seinem Hause eine Wohnung an andere Leute zu vermieten, aber noch weniger war es standesgemäß, selbst eine Mietswohnung innezuhaben, wenn man zur„Gesellschaft" oder wenn auch nur zur Kaufmannschaft gerechnet werden wollte. Diese Anschauungen haben sich nicht nur in den Neineren Städten bis heute erhalten, sondern herrschen noch vielfach sogar in Petersburg und Moskau, wo die vornehmen und reichen Familien bestrebt sind, ein Haus für sich, einen Ossobniak, zu bewohnen. Solch ein Ostobniak ist gewöhnlich ein großes einstöckiges, villenartiges Gebäude, das mitten in einem größeren oder kleineren Garten liegt. Manchmal hat es noch ein Halbgeschoß. Ein hoher Zaun umschließt gewöhnlich diese kleine für sich bestehende Welt, deren Eingang von einem Storosch (Wächter) oder Dwornik in Gesellschaft von großen Hunden bewacht wird. Da?, was wir im Deutschen Hof nennen, heißt in seinem ganzen Umfange, also auch der kaiserliche Hof, auf russisch Dwor. Daher ist Dwornik eigentlich ein Mann, der den Hof eines Hauses beanf- sichtigt, also in ganz eigentlichem Sinne ein Hofmann. Die erwähnten Ossobniaks befinden sich natürlicherweise zum größten Teil außerhalb der eigentlichen Stadt, und bei der großen Geräumigkeit dieser Wohnungen bieten sie auch den Dworniks einige nur für diese bestimmten Räume. So wird es für uns Deutsche er- klärlich, daß diese Leute die armen Opfer, die für menschenwürdige Zustände kämpfen, in ihre Behausungen schleppen und dort ungesehen verprügeln konnten.— — Heiteres aus dein Juristendeutsch. Und zwar stammt es, wie die„Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins" mit- teilt, nicht aus verwichenen Zeitläuften, sondern ist, um das bestimmt zu sagen, Akten entnommen, die noch im Gange sind. Zunächst seien folgende Wortungeheuer zum Auswendiglernen empfohlen: Eiche- rungshypothekteilforderungslöschuiigsbewilligungsurlunde. Ge- meindewaisenratseigenschaftsunterschrist.— Testamcntenwied«» niederlegungsverbittung.— Pflegerbestellungsscheinsnichtauffind» barkeit.— Pflegschaftsübernahmebereitwilligkeitserklärung.— Mündelgeldersicherungsnachweisungsangclegenheit.— Behinderungs» grundangaben.— NamensuntersHnftsanerkennungsverhandlung.— Weiterve rpfändungsbenachrichtigungsberechtigter.— Muttererberest« forderungssache. Sodann sind auch die folgende„Resolution" und Mitteilung als Stilmuster recht hübsch und beachtenswert. Sie heißen:„Die Urkundennichtwiederanherbringung über das pfleg« lingsväterliche Wkommen mit äekuncto veranlaßt mich diesseits die gegenwärtigen Akten dr. m. s. I. z. an das Kgl. Amtsgericht N. N. mit obenstehender Dahinnachrichtsgabe und dem Ersuchen um DieS« seitsbenachrichtigung über die Eventualdahinübernahme zur gef. jen» seifigen Entschließung zu übersenden."— Br. m. s. p. z. an das Gericht N. N. mit dem ergebensten Bemerken, daß diesseitig unker- zeichneter Richter bei jenseitigem Schreibeneingang bereits jenseits der Alpen war, infolgedessen diesseits eine Enischtndung für jenseits nicht gefällt werden konnte, bei schon erwähntem NichtgegeiUvärtigsein dieselbe aber diesseitigen Erachtens auch nicht zu treffen ist.— — Eine brennende Eiche mitten im nächtlichen Winterwald ist gewiß ein seltener Anblick. Am Montag abend, so wird dem „Schw. M." aus Stuttgart berichtet, bot sich dieser im hohen Bopser. unweit der Straßenkreuzung Degerloch-Ruith dar. Der ganze Riesen« stamm war gespalten und zeigte einen feurigen Kern bis zum Gipfel hinauf. Wie in einem gewaltigen Kamin zogen Glut und Flammen durch den morschen Leib des Stammes, nnd fortwährend sprühten feurige Fui len hoch darüber zum Himmel empor. Es war ein phan» tastischer, grandioser Anblick, der durch die Umgebung noch erhöht Ter Schnee ringsum war durch den Glutschein rot gefärbt, und ztwjLf'n dunklen Waldbäumen, zu denen sich die Riesenäste der Eich« wie' hülfesuchend ausstreckten, blickten ruhig vom hohen. nächtlichen Himmel' ine-lerne hernieder. Die herbeigerufene Feuerwehr ,n.> v iC1«asser fehlte, sich mit dem Versuch bc- guügen, die Glrn her«: jSüts»<*> gefällten Baumstämmen wurde dem Riesen zu � gegangen. Ein feuriger' �W'yöeKen und hell auflodernde Fla..-!! n waren die nächste Wirkung. Dann wurde versucht, einen Riesenast abzureißen, aber der hielt fest. Trotz Flammen und Glut stand der Baum da, gewaltig, unerschütterlich, und immer mächtiger lohte das Feuer empor. Man mußte ihn brennen lassen, einreißen ließ er sich nicht, kaum daß manchmal ein Brocken losgelöst wurde.— Theater. Neues königliches Opern-Theater. König Ottokars Glück und Ende. Trauerspiel in b Aufzügen von Franz Grillparze r. Ein tieferer Eindruck des Grillparzer» schcn Trauerspiels war von vornherein durch den Theaterraum schon ausgeschlossen. Die bekannte unübertrefslich schlechte Akustik muß jede ruhige Stimmung des Genusses stören. Doch auch hiervon ab- gesehen, wenn man sich das Stück in dieser Aufführung auf die Bühne des alten Schauspielhauses übertragen denkt, auch dann wäre eine bis zum Ende anhaltende innere Anteilnahme nicht zu erwarten gewesen. Von der großzügigen Genialität seiner dem EuripideS nachgeschaffenen, das antike Urbild überflügelnden Medca ist in diesem um ein paar Jahre jüngeren Werke Grillparzers nur hier und da ein Zug zu spüren. Der Dichter, der in den aus der griechischen Sagenwelt schöpfenden Dramen in Medea, Sappho, Hcro und Leander sein Höchstes erreicht, sucht in dem Ottokar einen Stoff der mittelalterlich deutschen Geschichte im Stile etwa von Shakespeares Königsdramen zu gestalten. Chronologisch, aber nur chronologisch, nicht der Empfindung nach, liegt dieser Gegenstand uns näher als jene alten griechischen Fabeln von allgemein mensch- lichem Gehalt. In Shakespeares Zeiten ragte das Mittelalter, die Erinnerung an die feudalen Kämpfe noch hinein: eine nüchtern klare Geschichtsauffassung hatte den vaterländischen Königs- und Heroen» kultuS noch nicht untergraben. Aber heute? Was sind uns dle gepanzerten Herrschaften mit der kriegerischen Bcinstellung aus der Siegesallee, was ist uns Ottokar und schließlich auch Rudolph von Habsburg? Träger von Namen, an die sich vom Schulunterricht her ein paar trockene Notizen ohne allen Phantasiewert knüpfen. Die Verherrlichung des so eiftig auf die Mehrung seiner Hausmacht erpichten Habsburgers als eines Gottesstreiters, dem nur das Wohl des Ganzen am Herzen liegt, hat bei Grillparzer in ihrer aufdring- liehen Loyalität etwas irritierendes, löst die entgegengesetzten Empfindungen, als es der Dichter wollte, aus. Die große Masse der Personen, wie sie zum Bestand solcher Haupt- und Staatsaktionen gehört, bleibt schon darum, weil der Name des Drama? eine intimere Charakteristik derselben nicht gestattet, in poetischer Hinsicht tote? Gewicht; und die Handlung, die sich an das kompliziert Historische anlehnen soll, verliert die klare Durchsichtigkeit, die schlank unb gerade aufsteigenden BcwegungSlinien, ohne daß der Reiz des Milieus, des uns heut schon allzufern gerückten, dafür entschädigte. Wie Grillparzer den Habsburger ungeschichtlich glorifiziert, so hat er, scheint es, den Böhmcnkönig unter das historische Niveau herabgedrückt. Der Kontrast, auf den er ausgeht, ist der des Herrschers, der in schlichter Gewissenhaftigkeit, ein Diener dcS Staates, seines Amtes waltet, und des zügellos Sclbsfischen, der vom Glück verwöhnt, von Größenwahn verblendet, seinen eitlen und rachsüchtigen Launen dem Idole persönlicher Macht alles zu opfern bereit ist. Damit Licht und Schatten scharf geschieden gegenüber- stehen, hat er den Rivalen Rudolphs als so übermütig prahlerisch, so Anklug und entblößt von jeder ruhigen Besinnung gezeichnet, daß man am Ende nicht mehr begreift, wie dieser Mann in der äußeren und inneren Politik so bedeutsame Erfolge hat erringen können. Alles, was wir ihn in dem Stücke tun sehen, ist gegen sein Interesse, muß ihm nutzlos neue Feinde schaffen:„groß" erscheint er hier ■nur in der souveränen Unbekümmertheit, mit der er die Empfin- düngen anderer, auch solcher, die ihm schaden können, verletzt und in dem rasenden Aufschäumen seiner Rachsucht. So aber, wie Grill- parzer ihn nun einmal faßt, hat er diesen Charakter in den Hof- szencn des ersten und des zweiten Aktes ganz außerordentlich plastisch- einprägsam herausgearbeitet. Eine sehr starke dramatische Bewegt- hcit zeigt auch die Szene in dem Feldlager Rudolphs, in der sich der Böhmenkönig unterwirft, aber die Motivierung wird unklar. Daß Ottokar plötzlich den aussichtslosen Kampf aufgibt, überrascht schon, daß aber Rudolphs Rede über das Elend des Krieges auf ihn entscheidenden Eindruck machen soll, ist unverständlich. Von da geht es abwärts mit Ottokar, wie mit dem Stück. Der Hohn seiner hoch- mütigen Gattin treibt ihn, von neuem die Waffen zu erheben, durch den Bruch des Vertrages die„Ehre" wiederzucrobern. Rudolph überbietet sich in Edelmütigkeiten; doch er kann nicht hindern, daß ein Jüngling, der den Tod seines Vaters zu rächen hat, den Rebellen- könig in dem Kampfe erschlägt. Auf dem Schlachtfelde belehnt der gottesfürchtige Kaiser den eigenen Sohn mit Ottokars Besitzungen; und, wie es in der Schillerschen Habsburger-Ballade heißt,„alles verehrte das göttliche Walten". Die Aufführung bot nur eine hervorragende Leistung: Matkowsky als Ottokar. Möglich, daß er das prahlerisch Leicht- sinnige noch mehr betonte, als der Dichter gewünscht. Aber die an- schauliche Einheit wurde dadurch nicht gestört. Dieser Stichs t�s Läppisch-Täppische stimmte vorzüglich zu der hochgewachsen-�.� breit- brüstigen Heldengestalt. Es war, als ob ein großer Kstzter mit un- geschickter Pfote in das Spiel der Kleinen schlägt, geschlossenen Auges und unendlich herablassend, obw--� er'nicht einen Grad klüger ist als sie. Großartig wi� Un zweiten Akte der wilde Aus- Srorzes. Man hörte durch die Worte unmittelbar das Innere, wie in einem rauschenden Meere der Rachsucht jeder andere Gedanke unterging. Mit seiner Kunst deutete Matkowskys Spiel auch auf physische Hintergründe, etwas nervös Pathologisches in dem Charakter hin. An Ludwigs Rudolph beftemdete zuerst das Salbungsvolle in Sprache und Ausdruck. Aber der Habsburger, von Akt zu Akt überzeugte man sich mehr davon, verdiente es nicht besser. Der Ton war gut den frommen Reden angepaßt.— dt. Kunst. es. Die Entwürfe zum Charlottenburger BrunnenaufdemStcinplatz. In der Akademie der Künste sind die Entwürfe zu dem Charlottenburger Brunnen ausgestellt, der den Steinplatz vor der Akademie schmücken soll. Aufgefordert zur Konkurrenz waren die Bildhauer Fritz H e i n e m a n n und August Gaul. Wem man den Preis wünschte, ist klar: August Gaul. Fast noch klarer war, daß Heinemann den Auftrag bekommen würde. Ein Brunnen von Gaul bedeutete eine Ehrenrettung Berliner Denkmalskunst. Um das Resultat gleich vorwegzunehmen: Gaul hat tatsächlich den Preis bekommen, ein Faktum, an dessen Möglichkeit schon nie- niand mehr glaubte. Und so wird Charlottenburg den Vorzug haben, ein Werk sein Eigen nennen zu können, das ein öffentlicher Protest ist gegen alle neueren Berliner Denkmäler. Und man wird nun wissen, wohin man zu deuten hat, wenn man die Minderwertigkeit der neueren Denkmäler aus künstlerischen Rücksichten betont. Darum ist auch diese Tatsache, daß die echte, tüchtige Kunst siegte, nicht eine so zufällige, bedeutungslose Erscheinung, die weiter keine Folge haben wird. Sie wird sie hoffentlich haben, und zwar fortschreitend im guten Sinne. Vor allem vermeidet Gaul das bis zum Ueberfluß angewendete Wasserspeien, das meist von irgendwelchen am Rande des Beckens gelagerten Tieren oder anderen Wesen auszugehen pflegt, wie es auch Heinemann tut. Er läßt die breite, ruhige Wasserfläche wirken. Nur wenig sind die Ränder des Beckens erhöht, die in harmonischer Rundung den Brunnen abgrenzen gegen breite Rasenflächen. Dies alles verstärkt und unterstreicht die räumliche Weite des Platzes und erhöht die einheitliche Gesamtwirkung. Tann wirkt es doppelt erfreuend, wie ruhig und frei diese vier Pclikanpaare auf dem Rand des Beckens stehen. Sie entsprechen sich, doch wirkt die Gruppierung nicht gestellt. Wechselnde Bewegung der Tiere, die, wie bei Gaul selbstverständlich, immer der Natur charak- tcristisch abgelauscht ist, hält das Gefühl der Wiederholung fern. Das ist eine Natürlichkeit, die vorbildlich ist wegen ihres hohen, künstlerischen Ernstes. Und in dieser räumlich freien, ungestörten Wirkung finden wir die besten Eigenschaften der alten Denkmäler, was Linie, Silhouette, Fläche anlangt, bewahrt. In der Mitte des Wasserbeckens steht ein Elefant, der aus hoch emporgehobenem Rüssel Wasser speit. In natürlichem, weitem Vogen spritzt er die Strahlen in die Luft, und das Wasser fällt plätschernd ins Becken. Auf dem Rand sitzen die Pelikane in natürlichen Gruppen, putzen sich, suchen Nahrung oder sitzen still beieinander. Nur leise verwendet Gaul noch einmal das rinnende Wasser. An beiden Ecken der Vorder- seite, wo der Rand sich ein wenig höher hebt, sprudelt es hervor, ebenso noch einmal, ein wen, g verstärkt, hinten an dem abschließenden Teil des Beckens. Durchs diese Bescheidung kommt der hohe, in weitem Bogen fallende Wasserstrahl, den das Tier gegen die Akademie schleudert, zu erhöhter. Wirkung, während die kleinen Brünnlein an den Ecken beinahe laiM'chjg� intime Winkel schaffen. Wer einmal alte Brunnen hat flic � hören, schätzt dieses stille Geräusch und haßt dieses brausebadar-tjge allseitige Bespritzen, das in modernen Brunnen üblich ist. Es.ft schön, daß Gaul somit das Wasser an sich wirken läßt und diese W.ftkung als solche mit in die Anlage berechnend hineinbezieht. Wie überhaupt die energische Betonung des Mittel» teils und die ruhige Ab ftachung des Beckens viel zu der einheitlich großen Wirkung des ganzen beiträgt, die sonst leicht durch lieber- ladung und gegenieit'.gx Annäherung in den Grötzenverhältnissen verwischt wird. Jedes,, Ornament, jeder schmückende Zierrat ist hier vermieden. Nur die persönliche Kunst lebt hier, formt die Linien, und in der treuen Art. mit der sie der Natur folgt, bildet sich schließlich aus dem Ganzen ein Allgemeines. Endlich einmal ein Werk ohne jedes üb ernommene Beiwerk. Es kommt ihm zugute, daß sein Schöpser so'Unentwegt der Natur treu bleibt. So bleiben wir vor Entgleisungen, vor Ilebertreibungen nach der anderen Seite hin bewahrt, welck-�Z Unglück sonst nicht allzuselten eintritt— und Gegnern de?� Stoff zur Kritik liefert. Dies aber ist echte Kunst von bleibendsteni Gepräge, ohne Verbrämung, die vielleicht Zeitgepräge hätte, nur wir verstehen würden, und deren Wert für kommende Zeite.st xin problematischer sein würde.— Humoristisches. — Der Ersatzmann. Floßermartl(der sich im Streit heiser geschimpft hat):„Jetz' kann i' nimmer— schimpf' Du weiter, Sepp l"— — Verteidigerblüte.„... Meine Herren, Sie wissen alle aus eigener Erfahrung, daß, wenn man des Morgens in aller Frühe einen halben Liter Schnaps getrunken hat, man zur Begehung eines Raubmordes leichter disponiert ist, als im nüchternen Zu» stände!"— — Zerstreut. In dem Kaufhause Moritz Meyer wird nach dem Tode des Geschäftsbegründers die Firma unverändert weiter- geführt. Einige Tage später klingelt es noch abends spät am Telephon. Der Kassierer, aus seinen Zahlenreihen aufgescheucht, rennt an den Apparat und ruft:„Hier Kaufhaus Moritz Meyer, wer dort?" „Hier Dottor Fagel! Sagen Sie'mal, könnte ich wohl Herrn Meyer persönlich sprechen?" Kassierer(befangen):„Bedaure, Herr Meyer ist äugen- blicklich tot-- 1"—(»Fliegende Blätter".) Notizen. — Vom Verlage H. Hansmann u. Co. in Bochuni ist uns zu» gegangen:„Neue Lieder". Gedichte von H. K ä m p ch e n. Mit einem Porträt in Lichtdruck. 160 Seiten. Preis IM.— — Philippis Schauspiel„Eine Faustsymphonie" hatte im Deutschen Schauspielhause zu Hamburg einen halben Erfolg.— Etwas besser scheint es D' Albert mit seiner Oper „Tiefland" in Magdeburg ergangen zu sein.— — Die Vatikanische Bibliothek hat kürzlich die Er- laubnis gegeben, daß die musikalischen Handschristen der Capslla Listina von Interessenten studiert werden dürfen. Es handelt sich um etwa 250 Werke von über hundert Komponisten aus der Zeit vom 14. bis zum 13. Jahrhundert.— — Im Jahre 1894 gab es in Deutschland 7796 Studierende der Medizin; im letzten Sommerhalbjahr betrug ihre Zahl 6049.— — Einen sechsten Jupitermond hat man auf der Lick- sternwarte in Kalifornien entdeckt.— — Die Höhe der Meereswellen. Der„Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: Das Hydrographische Bureau in Washington veröffentlicht soeben das Ergebnis der von dieser Anstalt während einiger Zeit sowohl am Ufer wie auch im offenen Meere selbst unternommenen Messungen der Höhe von Meeres- Ivellen. Die Durchschnittshöhe der Wellen mitten im Atlantischen Ozean Ivird mit 8 bis 10 Meter angegeben, bei sehr schlechter Witterung erreichen sie eine Höhe von rund 13 Meter und die höchsten unter den bei schweren Stürmen beobachteten Wellen erhoben sich niemals über 15 bis 16 Meter. Weit größere Verschiedenheiten herrschen naturgemäß im Hinblick auf das Längenmaß. Die Durchschnittswelle hat nach diesem Berichte eine Länge von 170 Metern, doch erreichen manche Wellen bei stürmischem Wetter ein Länge bis zu 1000 Metern und bewegen sich mit einer Schnelligkeit von 70 Kilometern in der Stunde fort.— — In der Nähe des BaikalseeS hat man ausgedehnt« Steinkohlenlager entdeckt. Sie sollen stellenweise 20 bis 40 Fuß mächttg sein.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo.. Berlin LW.