Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 7. Dienstag, den 10. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) v Der ßaumclftcr» Roman von Felix Holländer. _„Das letztere stimmt, stimmt auffallend!" antwortete Herr Freitag,„und was Verwandte anlangt, so besitze ich keine Seele, und mit meinen Freunden, wenn ich jemals welche hatte, habe ich die übelsten Erfahrungen gemacht." Und indem er ganz unvermittelt die Brille abnahm und seine feine, schlanke Hand auf Keßlers Schulter legte, sagte er:„Darum gerade wende ich mich an Sie. Zu Ihnen hätte ich Vertrauen. Ich möchte wissen, ob Sie mir eventuell helfen könnten." „Hm," machte Keßler und zog seine Stirn in Falten. „Sie stellen da eine Gewissensfrage an mich, die ich nicht ohne weiteres beantworten kann und will... So etwas muß man sich doch durch den Kopf gehen lassen." „Wenn Sie nur für einen Pfifferling Unternehmungs- geist hätten, so würden Sie mit allen zehn Fingern zugreifen — so wiirden Sie sich überhaupt nicht besinnen, erkläre ich Ihnen!" Keßler hörte gelangweilt zu. Der Mann interessierte ihn kaum mehr. Solche Testamentsgeschichten hatten seinem Gefühl nach etwas Romanhaftes. Sie vergifteten die Phantasie der Beteiligten, füllten sie mit unsauberen Vorstellungen aus, so daß aus leidlich vernünftigen Menschen groteske, tragikomische Figuren wurden. Solche Leute mußte man sich klugerweise vom Leibe halten. „Ich bin in ein Riesenunternehmen verstrickt," sagte er kühl,„und bis über die Ohren stecke ich in Geschäften. Sie müssen bedenken, daß ich die Verantwortung für ein Millionen- kapital übernommen habe," fügte er hinzu, in einem Ton, der ganz und gar nicht wichtigtuerisch�klang.„Sobald ich den Kopf etwas freier habe, will ich Ihrer«sache nähertreten." Ter alte Herr blickte den Baumeister in tiefer Enttäuschung an. Er machte eine so jämmerliche Miene, als ob ihm ein Schiff untergegangen wäre. „Gerade Sie wärm der richtige Mann gewesen," meinte er wehmütig,„Sie mit Ihren großen Beziehungen, Ihrer Stellung nach außen, Ihrer ganzen Persönlichkeit. Vor Ihnen hätte das Pack Reißaus genommen; es hätte gewußt, daß Sie kapitalkräftig genug sind, um den Prozeß durchzuführen, daß mit Ihnen nicht zu spaßen ist. Sehen Sie einmal," sagte er leiser,„ich hatte die Absicht, ganz in den Hintergruird dabei zu treten— im Interesse der Sache natürlich. Ich hatte da schon einen ganz bestimmten Plan. Es gibt nämlich Leute, die mich verfolgen, die mir nachstellen. Darum wollte ich, wie gesagt, in den Hintergrund treten— im Dunkeln verschwinden— und erst so wie ein Blitz hervorzucken, wenn die Schlacht ge- schlagen ist." Und plötzlich faßte er beide Hände Keßlers und sagte: „Ich bitte Sie flehentlich: Helfen Sie mir! Dieser Gauner- bände muß die Beute entrissen werden!" Keßler erwiderte:„Lassen Sie es mich überschlafen. Sie sollen so bald als möglich Bescheid erhalten. Heute aber sage ich Ihnen bereits: Kann ich mich entschließen, Ihre Sache in die Hand zu nehmen, so tue ich es mit ganzer Energie. Sie sollen sich nicht in mir getäuscht haben. Aber, wie bemerkt, ich möchte jetzt weder Ja noch Nein sageil.— Und nun lassen Sie uns schlafen gehen. Gute Nacht, Herr Freitag!" „Gute Nacht, mein Herr!" antwortete der Kleine, und ein trübes Lächeln spielte um seine dünnen Lippen... Achtes Kapitel. Keßler träumte das tollste Zeug: Er stand auf den: Bau- platz, wo die Ausschachtungsarbeiten begonnen hatten. Er saß im Direktionszimmer der Teut scheu Bank, zeigte den Herren die Pläne, entwickelte die Ertragsfähigkeit des Grundstückes, und man lauschte ihm und nickte beifällig mit den Köpfen. Die größten Summen wurden ihm zur Verfügung gestellt— und plötzlich tauchte die kleine Gestalt des Staatsanwalts von Drcnk- Witz auf, der ihm unheimliche Dinge zutuschelte. Und dann stand er auf einmal vor der Gerichtsbarre und entwickelte mit moralischer Entrüstung und fulminanter Beredsamkeit in un geheuerlicher Weise, wie der alte Herr Freitag von zwei Weibs- bildern um sein Geld geprellt worden war, und inmitten dieser Rede zupfte ihn jemand leise am Aermel, und als er sich um- wendete, war es Grete Anders, die ihn mit großen liebenden Augen ansah; und wieder trug sie das rote Tüchelchen um ihren Kopf, und auf ihren Zügen lag eine unendliche Zärtlichkeit und Hingabe... Er erwachte mit schwerem Kopfe. Es war bereits elf Uhr. Seine Wirtin klopfte. „Herr Baumeister, unten steht der Wagen," sagte sie devot, indem sie tief knickste. Niemals hatte sie es für möglich ge- halten, daß einer ihrer Zimmerherren sich einen Wagen halten würde. Sicherlich— der Baumeister hatte geerbt... oder das große Los gewonnen!... „Der Kutscher kann warten," entgegnete Keßler, und legte sich verdrießlich auf die andere Seite. „Wohin sollte er denn heute fahren?" fragte er sich. Die ganze Geschichte mit dem Wagen kam ihm an diesem grauen, nebeligen Morgen unsinnig vor. Schwerfällig erhob er sich und machte Toilette. Während er sich wusch, kam ihm der Einfall, per Wagen zu Grete Anders hinzufahren. Es war doch zu drollig, wenn er, selbst ein armer Schlucker, wenigstens für ein paar Tage als den großen Herrn sich aufspielte. „Nur nicht den„moralischen" kriegen!" dachte er weiter, „dann bin ich rettungslos verloren. Wer in dieser Welt trägt denn das Kostüm, das ihm gehört?" Er klingelte und bestellte sich das Frühstück. Die Wirtin brachte statt der gewöhnlichen Tasse Kaffee ein silbernes Kännchen. Die ganze Geschichte fing an, Keßler höllischen Spaß zu machen. „Hat die Post etwas hergebracht?" fragte er. „Nein, Herr Baumeister." Ueber sein Gesicht legte sich ein dunkler Schatten. Bei der Wirtin hatte der Wagen gewirkt, bei Herrn Kleefeld offenbar nicht, denn die ersehnte Antwort wollte nicht eintreffen. Er verzehrte hastig sein Frühstück, eilte die Treppen hin- unter und befahl dem Kutscher, ihn in die Krausenstraße Nummer 19 zu fahren. Nach ein paar Minuten war man schon am Ziel. Aus dem Milchgeschäft und dem Schuhmacherladen traten die Besitzer heraus und starrten den Wagen an, als ob sie nie im Leben ein Fuhrwerk gesehen hätten. Und als Keßler fragte. ob und wo hier Anders wohnte, rissen sie die Mäuler weit auf, ehe sie ihm antworteten. Er klomm die drei Treppen empor. Auf einem Porzellan- schild las er: Emanuel Anders, Musiker. Er zog vorsichtig an der Glocke, und gleich darauf öffnete ihm eine mittelgroße, ein wenig rundliche Frau, die auf dem Kopf eine weiße Haube trug. Auf ihrem ernsten Gesicht lag tiefe Sorge, und ein wenig erschreckt blickte sie zu ihm empor. „Mein Name ist Keßler, Baumeister Keßler," sagte er mit Ueberlegenheit. „Ah," antwortete sie, und ihr Gesicht hellte sich sofort auf. „Bitte, treten Sie näher. Wir sind Ihnen ja zu unendlichen! Danke verpflichtet!" „Sticht im mindesten! Ich komme auch nur herauf, um mich nach dem Patienten zu erkundigen." Das Gesicht der Frau verdüsterte sich wieder, während sie ihn in ein kleines Zimmer führte, in dem außer einem Klavier nur noch ein Sofa, ein Tisch und ein Schrank standen. „Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Baumeister. Denken Sie i—r dieses Unglück! Mein Mann ist kerngesund, und da muß imtt auf einmal das Malheur passieren. Hundertmal habe ich i. m gesagt, er soll nicht vom Wagen abspringen— er ist kein Jüngling mehr! Bedenken Sie doch, der Mann ist neunund- fünfzig Jahre alt! Aber hört er denn auf mich? Er springt also ab, gleitet aus und bricht sich das Bein— und wie sie ihn gestern heraufbrachten— er ließ sich unter keinen Umständen auf die Hülfsstation bringen—, war er so schwach und elend, daß er gleich darauf die Besinnung verlor. Da mußte denn das Mädel in die Apotheke, um Pulver zu holen... Herr, du meine Güte, was haben wir ausgestanden! Heut in aller Frühe haben sie ihm den Verband angelegt. Und wer weiß, ob er überhaupt wieder wird richtig gehen können! Denken Sie doch, der Mann ist neunundfünfzig.. So sprudelte sie unaufhaltsam hervor, als öS Keßler zu Chren ältesten Bekannten gehörte und für den traurigen Fall die größte Teilnahme besäße. Er spähte inzwischen immer nach der Tür, in der Er- Wartung, daß Grete Anders sich zeigen würde. Statt dessen rief eine tiefe Stimme: „Mama— wo steckst Du denn?" ..Ach Gott, mein Kranker ist aufgewacht. Sie ent- schuldigen wohl einen Moment?" Und ohne seine Antwort abzuwarten, eilte sie hinaus. Unmittelbar darauf erschien sie wieder. „Wenn Sie meinen Alten sehen wollen, Herr Baumeister, so treten Sie, bitte, näher. Er sagt, es ginge ihm augenblicklich vortrefflich. Ach, was ist das für ein komischer Kauz I Es kann ihm noch so schlecht gehen, immer ist er vergnügt und zu- frieden!" Keßler folgte. In dem verhältnismäßig großen Speisezimmer, das mit verblichenen, alten, roten Plüschmöbeln ausgestattet war, standen auch die Betten. Es diente offenbar als Schlaf- und Wohnzimmer. Ter Kranke im Bette nickte ihm mit vergnügten Aeugelchen zu. Er hatte ein sehr spaßhaftes Gesicht, einen schmächtigen Schnurrbart, der nach Chinesenart zu beiden Seiten herunter- hing, eine mächtige Haarmähne, eine gekrümmte, überlange Nase und zwei kleine Augen, die beständig zu lachen schienen. (Fortsetzung folgt. 1, TleiKnacbt und J�eujabr in Paris. Da hilft doch alles nichts, so um Weihnacht herum da hat man's mit dem Gemüte. Das gute deutsche Gemüt, das rumort dann. Es wird weich zum Schämen. Deutscher Tannenbaum, deutscher Schnee, freilich wie oft fehlt er auch daheim, deutscher Wald und deutsche Dorfstraßen. Gott, daheim I Ohne alle Chriftlichkeit. Und die Teller mit den Aepfeln und Nüssen, dem Lebkuchen und dem „Weihnachtsguts". Meine Großmutter hat's so gut backen können, und ehe das Christkindchen noch dagewesen war, da hatten wir's ihr schon halb weggegessen, der Bruder und ich, und das hat am allerbesten geschmeckt. Und die Mutter war gut und hat ein Auge zugedrückt. Und der Christbaum. Die vergoldeten Nüsse, die Aepfel mit den eingesteckten Stielen, die Papierkörbchen aus Tapete, der Nikolaus, der mitten drin hing, und der Engel, der oben schwebte, und die glitzernde Spitze und die bunten Lichter. Was Hilsts, die Sentimentalität ist in vollem Zuge. Die Jugend ist lebendig, all unsere traurigen, schönen Tage daheim in unserem Häuschen fast am Ende des Dorfes, das sich so klein in den Schnee duckte und die Gärten zu hüten schien, die sich hinter ihm dehnten. Wie leise, wie still und friedlich lag's, wenn der heilige Abend durch die Gassen gegangen war und sie in seine Erwartung gehüllt hatte. Wie ver- lorcn war da die Welt. Kein Laut ringsum, dann und wann ein huschender Schritt über den knisternden Schnee. Und dann ein leises Klingeln irgendwo, und wieder ein Klingeln irgendwo. Alles so ver- loren— irgendwo. Und wenn's im Nachbarhause neben war. Alles so weit und fern, alles so nah. Und die Mutter vergaß ein paar Augenblicke ihren Husten und der Vater seinen Kummer und die Großinutter am Ofen deutete uns die Weihnachtszeit so christlich- unchristlich mit der Weisheit ihrer achtzig Jahre, und all das Bittere und Schwere des ganzen Jahres, das rundete sich wie zu einem schönen Kreis und Kranz, darin sie alles gfflochten hatte,„was doch gut war". Und auch was nicht gut gewesen war in uns, denn wir waren wilde und garstige Buben gewesen und waren immer am ausgelassensten, wenn wir am ruhigsten hätten sein sollen; auch das erschien in einem milderen Lichte, und es war dann nicht mehr Hopfen und Malz an uns verloren. Ach ja, die Weihnacht. Kirchlich-religiös fühl ich gar nichts, Hab' ich auch wohl nie gefühlt. Nur immer so etwas wie Drang und Weh, und am Ende doch auch etwas wie Erfüllung. Das ist wohl das germanische Blut, das sich einem erhalten hat. Das rumort wie alter Wein zur Zeit der Rebcnblüte. Das weiß, daß die Tage nun wachsen, und daß es nun dem Licht entgegengeht. Daß das Licht wieder einmal gesiegt hat, und es freut sich, denn es hat sein altes gutes heidnisches Licht- bedürfnis noch nicht verloren, so christlich, staatlich wohlbeamtet man ihm auch das Licht verhängt hat. Das alte Julfest kann nicht sterben, denn der alte germanische Sonnengott lebt noch, muß noch leben, denn ohne seinen Segen können wir Menschen nicht existieren. Licht und Freiheit, freie Sonne, das ist miser oberstes geistiges Be- dürfnis, und so reitet Frehr noch immer auf seinem goldborstigcn Eber durch den deutschen Winterwald und segnet seine Erde und Völker, wenn sie es auch gleich nicht merken sollten. Und der Christ- bäum, an dem so viel Dunkel hängt, der steht irgendwo in strahlenden Hellen als ein stolzer Heidenbaum. Irgendwo, ja irgendwo. Und in unserem Blute empört sich's, ivenn wir ihn nicht gefunden haben. O, und wir sehnen uns so nach ihm.— Der Franzose kennt Weihnacht nicht. Wohl, wenn man durch Paris geht und betrachtet sich die Läden, da könnte man meinen, es sei alles wie bei uns zu Hause auch. Da ist alles strahlende Pracht. Da sind die Erfüllungen aller Kinderträume. Ob es irgend- wo in der Welt Schöneres gibt als in einem Pariser Spielwaren- laden zur Weihnachtszeit, das bezweifle ich. Pracht, Reichtum, Phantasie und Geschmack. Im Großen wie im Kleinen. Und alles Große auch im Kleinen. Und wie es ausgestellt istl Träume, Träume, und lauter Wirklichkeiten. So eine Puppe, so ein Puppen- automobil, so ein Guignoltheater, so ein Puppenhaus, so eine Arche Noah, so eine Pferderemise, die Clowns, die Kunststücke machen, die Tänzerin, die ein richtiges Ballett tanzt, in den ausgesuchtesten Pas, und das Kindergeschirr, die Service, die Einrichtungen, Samt, Seide, Flimmer, Musik, Bewegungen, was weiß ich was alles. Aber eines fehlt, die Erwartung. Nicht die Märchenheimlichkeit des deutschen Kindeslebens, nicht das Geheimnisvolle und Andeutende der deutschen Eltern. Keine Feierlichkeit, nichts Träumendes, nicht Ueberraschung. All' diese bunte Pracht ist außerdem nicht für Weihnacht, sondern für Neujahr. Neujahr bringt die Geschenke, auf die Neujahrs» geschenke rechnet alles. Darauf rechnet das Kind wie der Er- wachsen«. Neujahr ist der große Tag der Conciergen. Es ist der Tag ohne Pardon. Der Arme muß an diesem Tage sein Conciergen- opfer bringen wie der Reiche. Und wer nicht genug opfert und nicht genug opfern kann, der mag sich für das kommende Jahr gratulieren, es wird ihm nichts geschenkt werden an Unannehmlichkeiten. Er bekonimt das Leben so lange sauer gemacht, bis er sich entschließt, die Platte zu putzen und sich anderweitig einzulogieren, denn ncit dem neuen Mieter hat der Concierge eine neue Chance, ein besseres Neujahr zu bekommen. So ist alles Berechnung, bei den Großen wie den Kleinen und so fehlt der Reiz der Bescherung, und Ueber- raschung so gut wie ganz. Die Familienfeier an Weihnacht ist so gut wie nicht vorhanden. der Franzose hat keine Sentimentalität. Er ist ein nüchterner Rechner und will auch etwas davon haben, wenn er zur Feier eines Festes sein Geld verdepensiert; was er aber zu Hause davon haben kann, das ist ihm nicht genug. Er sucht sein Amüsement anders, und anderes amüsiert ihn. In diesem Jahre sah man allerdings mehr Weihnachtsbäume. Sie sind entweder von Fremden gekaust worden, oder wo der Ge- brauch Eingang in Familien gesunden hat, da bedeutet er nichts weiter als eine Dekoration, wie man etwa Blumen in eine Vase stellt. Besonders den Frauen macht das Freude. Und die Pariserin hat so viel Freude am Spielerischen. Sie ist selbst so viel Spiel- zeug, da paßt ihr das gerade. Wer sonst etwas weihnächtlichcr sein Zimmer dekorieren will, der tuts nach englischem Brauch, der hier sehr verbreitet scheint, er hängt den Mistelzweig auf und stellt den Stechpalme reif wird. Sie ist also Saisonpslanze, und da sie in alten Druiden ziehen damit freilich nicht in das französische Haus ein; ich glaube vielmehr, daß sich der Brauch dadurch herausgebildet und eingeführt hat, daß die Mistel um diese Zeit wie auch die Stechpalme, reif wird. Sie ist also Saisonpflanze, und da sie in Frankreich sehr häufig vorkommt, ist sie auch weit billiger als das kleinste Tannenbäumchen, das man nicht unter drei Fraick erstehen kann. Die Mistel aber wird schon lange vor Weihnachten feil- geboten und noch lange nach dem Feste auch. Das Fest bringt außer- dem einen großen Spielwarenjahrmarkt auf den großen Boulevards mit sich. Auf beiden Seiten der Straße, am äußersten Rande der Trottoirs sind kleine Verkaufsbuden errichtet, die immer von Neu- gierigen umstanden werden. Niemand ist neugieriger wie der Pariser. Seine Neugier macht diesen raffinierten Großstädter wieder zum Kinde. Aber diese Spielwaren auf den Boulevards ziehen ihn ganz besonders an. Auf Anregung des berüchtigten Polizeigewaltigen von Paris, M. Lepine(man muß es verstehen, sich populär zu machen) findet alljährlich eine Ausstellung und eine Konkurrenz von Spielwaren statt. Das ganze Jahr sind die Erfinder an der Arbeit. In der Lepineschen Ausstellung werden ihnen die Preise und An- erkennungen zuerkannt, hier von Weihnacht bis Neujahr finden sie auf den großen Boulevards ihren Absatz. Da sind denn nun diese kleinen, geschickt gemachten Sachen zu sehen, wie überraschend sie funktionieren, wie lebendig sie durch ihre kleinen Maschinen wirken. Es sind besonders die kleinen Spielwaren, die aufgezogen werden können, die da geschaffen werden. Im vergangenen Jahre war es der tanzende Bär. Dieses Jahr herrscht das Automobil. Da ist das Automobil, dessen Fahrer tutet. Das andere, das der Pariser Witz die Rückkehr des Kaisers der Sahara genannt hat, weil ein unter einem japanischen oder afrikanischen Schirm sitzender Herr höflichst grüßt, während er fährt. Das andere, in dem Damen verziveifelt auf einen Hund einhauen, der ihnen auf das Automobil gesprungen ist, und noch fünf oder sechs ähnlicher Dinger, die alle sehr hübsch gemacht sind. Es ist entschieden' zum Erstaunen, was da für fünfundzwanzig Sous geleistet wird. All diese Spielwaren machen ihren Erfindern und den geschickten Händen ihrer Anfertiger alle Ehre. Da ist noch der Koch, der Rüben schält, der Barbier, der barbiert, der Eis- Verkäufer mit seinem Eiswagen, den er mit kleinen Trippelschritten über die Straße fährt, der Feuerwehrmann, der die Leiter hinauf- geht, ist der Clown, der mit tausend Schwierigkeiten auf seinem dressierten Schwein reitet, ist das Luftschiff, der Kriegsdampfer und viel anderes, das alles auch verdiente, genannt zu werden. Viele von diesen Dingen sah man schon bei den Straßenverkäusern, die sie mitten aus dem Trottoir loslaffcn, da wo der Trubel am ärgsten ist. Die besten Kaffeemaschinen und einzig in der Welt dastehenden Rübenschäler sind jetzt auch auf den Boulevards zu haben, Lampen- anzünder und Stiefelwichse, Schreibpapier und alte Noten, Uhren und goldene Ringe und Ketten, alte Madonnen und der Kopf mit dem wachsenden Haar; das ist ein irdener Kopf als Blumenscherbe, in den man Gras oder Petersilie sät, wodurch er sich grün behaart, auch einen Schnurrbart kriegt und Augenbrauen; ja sogar auf seiner Zigarre wächst grüne Asche. Diese Buden sind, wie gesagt, der Neujahrsgeschenke wegen er» richtet. Vor Weihnacht werden sie aufgeschlagen und durch Ver- Wendung der Landesmutter, Frau Loubet, dürfen fie nach Neujahr noch acht Tage bleiben. Die eigentliche Pariserische Weihnachtsfeier findet in den feinen Restaurants und Nachtcafes statt. Weder am heiligen Abend, Reveillon, noch am Silvester wäre da ein Platz zu kriegen. Alles vorher belegt. Man ißt und trinkt fein und amüsiert sich mit Weibern. Wenn immer der Franzose knauserig ist, da kommt es ihm nicht darauf an. Da gehen die violetten Scheine weg wie Rauch. Reveillon bei Maxims oder im Cafe de Paris, das kostet etwas. Da kann man Verschwendung sehen. Da feiert die Demi-Monde ihr großes Fest. Tiefstens ausgeschnitten, daß sie alle zu einer Berliner Opernpremiere anstandslos zugelassen werden würden. Und auch Musik gibt es dabei. Zigeunermusik meistens, die auf die Sinne geht. Und nichts fehlt, was man für hohes Geld haben kann. Alles ist da zu haben, alles. Alles, was man be- schreiben kann und alles, was man nicht beschreiben kann. Hier erfüllen sich die Träume der Hurenkarriere, daran hängt die Sehn- sucht der kleinen Montmartroise. Da der Pariser überhaupt gern im Restaurant ißt, so haben viele für diese beiden Abende die Ein- richtung getroffen, einen höheren Preis für das gewöhnliche Menu festzusetzen, und hiervon kann denn auch der Familienvater, der es mit der Solidität halten will, Gebrauch machen. Auch diese Restaurants sind dann meist überfüllt, denn feiern, das ist gut essen und trinken wenigstens, wenn man sich die anderen, höheren Genüsse versagen mutz. Ter Neujahrstag ist der große Kütztag der Franzosen. Alle Welt küßt sich da, und man hat manchmal seine liebe Not, dem Küssen zu entrinnen, wenn man nur ein klein wenig mit jemand bekannt ist. Sonst ist nichts vom Neujahr zu merken. Man wünscht sich ein gutes Jahr und eine gute Gesundheit, was bei einiger Höflichkeit immer dabei sein mutz und damit genug. Außer dem Kuß natürlich, immer nicht zu vergessen. Auch die kleinen Restaurants bleiben während der Neujahrsnacht offen, und wo der Raum reicht, kommt es zu einem Tanze. Und dann kommt noch der Dreikönigstag, Hohneujahr. Der bringt dann einen alten Brauch im Familienkreise, womit der Tag gefeiert wird. Da backt der Bäcker den Dreikönigskuchen, auf den seine Klienten als Geschenk den gegründetsten Anspruch haben. In diesen Kuchen ist eine gläserne Bohne, ein Püppchen oder ein Frauen- schuh eingebacken. Freunde und alle Familiengtlieder sitzen beim Wein oder Grog, wenn der Kuchen verteilt wird. Wer nun beim Essen das Püppchen in seinem Stücke findet, ist König oder Königin. Ist es ein Herr, der die Puppe gesunden hat, so muß er eine Königin wählen, ist's eine Dame, so wählt sie den König. Beide werden dann gekrönt. Die goldenen Pappdeckelkronen wurden/ dafür schon in Bereitschaft gehalten. So oft nun der König trinkt, oder die Königin, so ruft die ganze Gesellschaft: Oe Roi boit! Das gibt den Anlaß zu vielen Ausgelassenheiten und Lustigkeiten.„Der König trinkt I" Und leicht rückt sich ihm die Krone dabei auf's eine Ohr. Anderen Tages gibt er seiner Königin, wenn er galant sein will, oder aus einem anderen Grunde, ein kleines Geschenk. Ter Brauch ist sehr alt. In„feinen Kreisen" wird er wenig mehr geübt, aber der Bourgeois hat ihn noch nicht ganz verachten gelernt. Im Louvre hängt ein Bild von Jakob Jordaens(1593 bis 1678), das diesen Brauch darstellt,„Re Roi boitl" Es ist voll derber Ausgelassenheit, trinkfröhlich und genußfeiernd. Bohnen- königsfest heißt das in München befindliche Bild desselben Meisters. Bohnenkönig von der in den Kuchen eingebackenen Bohne. Unsere Sitten sind andere geworden und was vom Alten noch besteht, das berührt uns doch einigermaßen fremd. Auch unsere Lustigkeiten find andere. Aber wenn man vor so einem Bilde steht, da fühlt man es recht, wie die derbere Form doch weit mehr mit Harmlosigkeit erfüllt war als die heutige glättere Art. Der Brauch wird sich bald ganz verloren haben. Aber wenn er auch nirgends mehr geübt wird, die Bäcker werden doch noch ihren DreikönigSknchen zu spenden gehalten werden, denn davon läßt man weniger leicht. Und das von Rechts und der Kinder wegen. Paris. Wilhelm Holzamer. kleines Feuilleton. tn. Brennessel. Vor kurzem wurde mir das Lokalblatt meines kleinen Heimatortes zugesandt. Da war eine Todesanzeige blau angestrichen. Die meldete in trockenem Tone, daß Herr Heinrich Hebcwald gestorben sei. Und am Rande stand mit Bleistift gekritzelt nur dies:„Brennessel I" Es ist mit so einem Wort mitunter, als würfe es eine Tür auf. Dahinter liegt eine vergessene Welt. Brennessel I Vor mir steht jäh eine hohe, hagere Gestalt mit langen Armen und Beinen, mit einem mageren, faltigen Gesicht, aus dem ein» lange Nase hinausstrebt. Reichliches, widerborstiges schwarzes Haar auf dem knochigen Schädel; die Stirn vorgewölbt und breit.— Eine hohe Klappmütze, ein gelbes Halstuch, schwarzer Schoßrock und dito Weste, braune Beinkleider und Schaftstiefel— das war da? Aeutzere. Anders habe ich ihn nicht gekannt. Seinen wirklichen Namen erfuhr ich erst jetzt aus der Zeitung. Alle nannten ihn Brennessel— ob er dabei war oder nicht. Die einen sagten es rein gewohnheitsmäßig, andere lachten dabei, einige betonten es hinterlistig, und viele gab's, die sprachen den Namen mit nur Zähneknirschen au sund giftigem, unverhülltem Haß. Aber gerade unter den letzteren waren nicht wenige, die sich feige duckten vor Brennessels großen braunen Augen, mit denen er so ruhig verwundert geradeaus schauen konnte. Diese Augen waren das merkwürdigste an dem Manne. Sie paßten in das Gesicht nicht hinein, machten es unharmonisch in hohem Grade. Alles an Brennessel schien zugespitzt und scharf und deutete auf einen kritischen, eigensinnigen Charakter. Die Augen hingegen waren die Sanftmut und Gutmütigkeit selber und schienen stets um die harten Worte zu trauern, die von den Lippen kamen. Vielleicht waren es diese Augen, bielleicht auch die Aepfel und Zuckernüsse, von denen ein unerschöpfliches Lager sich in den langen Rockschößen zu bergen schien, die ihm unser Herz, das Herz der Jugend gewannen. Pielleicht rührte unsere Sympathie für Brennessel auch daher, daß er sich gelegentlich scharf gegen die Herr- schaft des Rohrstockes in Schule und Familie ausgesprochen und hin- zugefügt hatte, in den meisten Fällen sei der richtige Platz für die Prügel an bejahrteren Rückenenden zu suchen. Diese gewünschte Uebertragung fand unser volles Verständnis. Und wir liebten unseren Anwalt. Wünschte er einen kleinen Dienst, sb sprang jeder. Sein Spitzname war sicherlich auch nicht von Kindern erfunden. trotzdem sie ihn nie anders begrüßten, als„Tag, Onkel Brennessel!" Das nahm er auch nicht übel, im Gegenteil: er lächelte ein wenig selbstgefällig dabei. Getauft auf jenen Namen war er von denen. oie sich an ihm„verbrannt" hatten und sich in der Folge fürchteten, ihn anzugreifen. Bei den von ihm auf törichten oder unlauteren Wegen Betroffenen lebte die unausgesprochene Absicht, ihn zu einer komischen Figur zu stempeln, seine Aussprüche als die eines Narren hinzustellen und ihn als bar jeder soliden Vernunft zu bezeichnen. Das gelang nur zum kleinsten Teil. Die Kraft der tieferen Logik und rücksichtslosen Ehrlichkeit bewährte sich auch hier. Nur die ganz Dummen lachten. Die meisten zitterten vor ihm oder empfan» den sein Dasein doch als eine arge Unbequemlichkeit. Wenn der Abendschoppen die Bürger im Ratskeller zu Karten- piel und Bierbankpolitik zusammenführte, dann saß Brennessel ab, eits vom großen runden Stammtische allein bei seinem Glase. Er tudierte die wenigen auswärtigen Zeitungen und schien ganz ver- tieft in sie. Bis er plötzlich ein Wort in die Stammtisch-Unter» Haltung schleuderte. Ein schneidendes, rücksichtsloses Wort, das den wirbelnden Rededunst wie mit einem Beilhieb spaltete und den Kern der Sache bloßlegte. Dann zuckten sie wirklich zusammen wie bei einem unwillkürlichen Griff in die Brennesseln. Und der Kampf begann. Ein ungleicher Kampf. Denn ob sie gleich ein Dutzend stark, plötzlich einig geworden am runden Tisch, und sich gegen den Eindringling kehrten,— Brennessel warf ihnen so viele und gut« Gründe an den Kopf, daß sie schließlich nicht mehr aus und ein wußten, durcheinander schrien und lärmten, sich immer mehr erhitzten und am Ende in ihrer ratlosen Wut zu persönlichen Gehässigkeiten übergingen. „Wer bist Du denn? Ein Stänkerl" „Hast Du Dich hier hereinzumischcn?" „Der größte Streithans im ganzen Ort!" „Keinen Menschen läßt er in Ruh, der Zankfritze l" Und einer duckte sich unter den Tisch und quietschte:„Brennessel!" Das war wie ein Signal zu brausendem Hohngelächter:„Brenn- nessel I"„Brennessel!"„Brennessel!" Dann klappte der Verspottete seine Mütze auf den Kopf, steckte die Hände in die Hosentaschen, daß die Rockschöße sich schmal nach hinten buchteten und stellte sich straf vor den Heulenden auf, sie mit seinen großen braunen Augen mitleidig musternd. Das rief die Verlegenheit in den anderen herauf. Allmählich wurden sie murrend still und hätten sich am liebsten versteckt. „Indianer!" sagte er verächtlich, spuckte aus und ging, gefolgt von Blicken, deren jeder eine ihn hätte vergiften mögen. Gelegentlich suchten ihn wohl auch einige zu gewinnen, ihn so- zusagen vor ihren Wagen zu spannen. Sie verbrannten sich. Ee stieß alles und alle von sich ab. Und so mußte er im Streit häufig die Frage hören:„Hast Du denn einen Freund? Hast Du denn überhaupt einen einzigen Freund, he?" Nein, Brennessel hatte keinen Freund. Nicht einen. Das wau seine Schuld. Denn er suchte keinen. Jeder, der sich ihm noch so aufrichtig näherte, wich zurück vor dem scharfen, bitteren Wesen da» als erstes stets die Schwächen des anderen sah. Aber Brennessel war doch auch wieder kein menschenscheuer Fremdling im Orte, keiner, der sich einwickelte vor den anderen und sich als Feind in die Ein- samkeit zurückzog. Im Gegenteil: wo sie am dicksten beieiuandev saßen, da ging er hinein. Und hörte sich all den wuchernden Klatsch einer kleinen Stadt mit an, sah und hörte alles. Aber er sah und hörte es anders als alle die anderen. Und machte seine Be- merkung dazu. Seine Bemerkung, die nie mit denen der anderen übereinstimmte. Da hatte ein Armenhäusler gestohlen, oder es war ein Mädchen verführt worden, und die landläufige Moral stau? auf im ganzen Ort, flammende Entrüstung auf den hungernden Dieb, Schmutz auf eine Unglückliche— beileibe nicht auf den Verführer— zu werfen, die„geschändete Stadt" zu rächen und die Frevler hundertmal zu richten mit sattem Behagen,— dann fast zwischen den Urteilenden die hagere Gestalt mit der Klappmütze und hörte zu. Ernst, ver- tieft. Bis die Augen zu glänzen begannen und er dazwischenhieb. Das war keine lahme Verteidigung, das war überhaupt keine Ver- teidigung mehr, das war eine Anklage, vor der die Moralgesättigten mit offenen Mäulern fasten und schliestlich lautlos die Köpfe senkten. Brennessel ist tot. Vielleicht weinen einige Kinder um ihn. Die Grasten werfen ihn sicherlich Steine nach ins Grab und atmen er- leichtert auf, weil das„öffentliche Aergernis"— so nannten sie ihn schon damals— den bitteren Mund für immer geschlossen. Nur zwei oder drei werden seufzen, weil das lebendige Gewissen des Ortes hinübergegangen.— ck. Ter mißlungene Reklametrick. Den Aufschlvung, den das moderne Reklamewesen genommen hat, nimmt Ernest Blum in seinem letzten„Journal d'un Vaudevilliste" zum Ausgangspunkt rück- blickender Betrachtungen, denen er wie immer eine ergötzliche Er- fahrung aus seinem Leben anzufügen weist. Nachdem er einige der heute üblichen Reklametricks aufgezählt hat, führte er fort:„Die Amerikaner sind es heute, die derartige Reklame-Coups zu höchster EntWickelung bringen. Indessen, da es nichts Neues unter der Sonne gibt,— Salonlon und ich hatten schon öfters Gelegenheit, diese Bemerkung zu machen, und da ich ein gutes Gedächtnis habe, so must ich mich wohl oder übel daran erinnern, dast Salomon es vor mir gesagt hat— must man konstatieren, dast unser altes Frankreich auch schon früher in Reklamesachen erfinderisch war." Und zum Beweise erzählt er eine Geschichte aus seiner Jugend:„Ich war 16 oder Jahre und schlug mich mühsam durchs Leben. Da wurde ich ein- mal an einen Fabrikanten, ich weist nicht mehr, ob er Wachs oder Lack machte, empfohlen, den ich um eine Beschäftigung anging. Der Mann, der sehr viel auf Reklame gab, sagte zu mir:„Ich habe zwar augenblicklich keine Stelle frei, aber man hat mir erzählt, dast Sie sich bereits auf der Bühne versucht haben." Ich spielte damals wirklich ganz kleine Rollen an Vorstadt-Theakern.„Ein wenig," sagte ich also.„Nun gut, ich will Ihnen Gelegenheit geben, etwas zu verdienen. Da Sie Komödie spielen, wird es Ihnen nicht an dem nötigen Aplomb des Auftretens fehlen."„O gewist nicht," sagte ich kühner.„Ich habe mir eine neue Reklame ausgedacht, die mir sehr glücklich erscheint. Sie nehmen einen Sperrsitz in einem besuchten Theater und einer meiner Kommis, der mit Ihnen im Einverständnis ist, setzt sich neben Sie. In der Zwischenpause geraten Sie in Streit, und plötzlich gibt Ihnen mein Kommis eine Ohrfeige."„So?l" sagte ich.„Ja, Sie sind der Jüngere und mein Kommis kann doch nicht Ihre Rolle spielen. Er must tüchtig zuhauen, damit niemand Verdacht schöpft."„So???" sagte ich.„Sie ziehen dann ruhig und würdevoll eine Karte aus Ihrer Tasche und reichen Sie dem Kommis mit den Worten:„Ich werde Sie morgen töten, mein Herr!" Dann gehen Sie fort."„Das tue ich sehr gern." Der Kommis wird Ihre Karte ganz laut vorlesen, und darauf werden nicin Name, meine Adresse und meine Fabrikate mit ihren Preisen stehen. Ich verspreche mir einen grasten Erfolg davon."„Ein höchst gelungener Einfall," sagte ich,„aber ist die Ohrfeige unbedingt dabei nötig?"„Unbedingt, Sie lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums ous den Vorfall." Ich überlegte und nahm an. Ich fand mich auch abends im Theater ein, der Kommis kam auch, und wir setzten uns beide nebeneinander, ohne uns zu kennen. Im Zwischenakt fingen wir an, uns zu zanken, aber wie der Kommis und ich ordentlich zu schimpfen anfingen und laut unsere Stimmen erhoben, da wurden wir, bevor ich noch die Ohrfeige gekriegt, dem Kommis meine Karte gegeben und dieser sie vorgelesen, von zwei Polizisten kräftig an- gepackt und hinausgeworfen... — Die Rolle des Lichtes im Walde. Ueber diese Frage hat A. Cicslar eine interessante Untersuchung angestellt, die sowohl wissenschaftlich wie praktisch zu bedeutungsvollen Resultaten geführt hat. Die Versuche wurden in Rotbuchen-, Tannen- und Schwarz- söhrenbeständen, zumeist im Wiener Sandsteingebiet ausgeführt. Der Wald, selbst der stark gelichtete, hält in seinen Kronen eine überraschend groste Menge von chemisch wirksamen Lichtstrahlen zurück. So wurden von den Kronen eines gelichteten Schwarzföhren- bestandcs rund 60 Proz., von denen eines gelichteten Tannen- bestandcs etwa 80 Proz. und von denen eines gelichteten, belaubten Rotbuchenbcstandes 80 bis 90 Proz. der chemisch wirksamen Strahlen zurückgehalten. Gleicher Standort und gleiches Alter vorausgesetzt, nimmt in verschieden lichten Beständen derselben Holzart die Zahl der die Bodenvcgetakion bildenden Pflanzenspezies und Pflanzenindividuen mit der Lichtung zu. Die Konkurrenz der Bodenflora eines Buchen- bestandcs wurde für die natürliche Verjüngung desselben bedenk- lich, als die Lichtung auf einen solchen Grad gebracht war, dast die durch die lanblosen Kronen durchgelassenen Mengen chemisch wirk- sainer Strahlen mehr als 40 Proz. des Gcsamtlichtcs betragen hatten. In den meisten Fällen ist der grünen Flora des Waldbodens eine Grenze des Gedeihens nur in einem gewissen, jeder Pflanzen- art eigentümlichen Minimum des Lichtgcnusses gesteckt. Werden in einem seit längerer Zeit stark gelichteten Bestände weitere Nach- lichtungen unterlassen, so daß allmählich wieder Kronenschlusi ein- Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: tritt, so sterben zuerst die lichtliebenden Florenelemente der Boden- Vegetation ab, und unter den schattenertragenden behalten jene die Führung, die den Boden infolge ihrer raschen vegetarischen Ver- mehrung versperren und verfilzen, die sich also waldbaulich besonders ungünstig verhalten(Seggen). Diese bilden gleichsam die Arriere- garde der sich zurückziehenden Vegetation. In verschieden dicht geschlossenen Beständen der Lichtholzarten (hier der Schwarzföhre) sind die Unterschiede in der Dichte, Ueppig- keit und Spezieszahl der Bodenflora unvergleichlich geringer, als dies in Beständen von Schattenholzarten(Buche, Tanne) der Fall ist. Diese leicht erklärliche Tatsache ist für das Gelingen von natürlichen Verjüngungen solcher Holzarten sehr wichtig. Die Zahlen der die Bodenvegetation verschieden lichter Be- stände zusammensetzenden Pflanzenarten weichen im Frühjahr der- hältnismäßig wenig von einander ab, während sie im Sommer mit dem Lichtungsgrade der Bestände außerordentlich zunehmen. Dies erklärt sich erstens aus der allgemeinen Zunahme des Artenreichtums der Floren zum Sommer hin und zweitens aus der Armut der auf dicht beschatteten Waldböden überhaupt möglichen Vegetation. An der Bodenflora des Waldes nehmen die ausdauernden Gewächse einen überwiegenden Anteil(80 bis 96 Proz. der Arten), während die Zahl der ein- und zweijährigen Pflanzenspezies eine nur geringe ist. Die Zahl der ausdauernden Gewächse nach Jndi- viduen geht über 30 bis 96 Proz. hinaus, so daß die ein- und zweijährigen beinahe verschwinden. Durch dieses Verhältnis ist die einmal aufgewachsene grüne Bodendecke in ihrem Bestehen in hohem Grade gesichert, und dies um so mehr, als im Waldesschatten, also unter Verhältnissen, die für die geschlechtliche Fortpflanzung ungünstig sind, zahlreiche ein- und zweijährige Gewächse zu aus- dauernden werden. Die ein- und zweijährigen Gewächse sind zu- meist Bewohner der lichten Waldorte und solche Pflanzen, deren Samen sich vornehmlich durch den Wind verbreiten.— („Die Umschau".) Naturwissenschaftliches. ie. D i e F a r b e d e r S p i n n e n. Es ist wohl bekannt, daß bei einer großen Zahl von Tieren, und zwar sowohl bei wirbellosen wie bei Wirbeltieren, die Färbung an den Seiten und auf der Unter- seite des Körpers von der des Rückens verschieden ist. Meist ist die Rückenfläche am dunkelsten, die Bauchseite am hellsten, und die Flanken halten in der Färbung die Mitte zwischen beiden. Durch diese Abtönung mögen die Tiere weniger auffällig werden und der Beobachtung ihrer Feinde leichter entgehen. Von der allgemeinen Regel hat nun ein Naturforscher eine merkwürdige Ausnahme fest- gestellt, die gerade sehr zugunsten jener über die Wirkung aus- gesprochenen Ansicht spricht. Die Spinnen der Gattung Linhphia haben sämtlich auf der Bauchseite eine dunkle Färbung. Die Flanken sind mehrfach mit schrägen weißen Streifen verziert, während die Rückenfläche noch weit stärker mit weißen oder blassen Flecken und Linien gesprenkelt ist. Im großen und ganzen also ist die Färbung bei diesen Spinnen gerade entgegengesetzt wie sonst. Das hat nun seinen Grund, denn die Linyphien spinnen wagerechte Netze, in deren Mittelpunkt sie in umgekehrter Lage hängen, so daß die Bauchseite nach oben weist. Letztere empfängt also das stärkste Licht, die Rücken- seite das wenigste. Der umgekehrten Körperstellung entspricht also genau die umgekehrte Verteilung der Schattierung des Körpers. Notizen. — Das nächste Heft der„Musik" wird ein Richard Strauß-Heft sein. Es enthält eine eingehende Analyse der „Liinpboiiia domestica" von Wilhelm Klatte und opus 1 des Kom- ponisten, das bisher unveröffentlichte Lied„Einkehr".— — Heinz Tovotes neues Stück trägt den Titel:„Ich lasse Dich nicht." Drei Phasen eines Alltagsdramas.— — Erfolg hatten: Rudolf Bergers vieraktiges Schau- spiel„Die Scholle" im Stadttheater zu Magdeburg, Leo Falls drciaktige Oper„Irrlicht" im Hoftheater zu Mann- heim.— — Anzen gruber-Spiele in Berlin. Vom 13. bis 31. Mai sollen im Deutschen Theater folgende sechs Stücke zur Aufführung gelangen:„Der Pfarrer von Kirchfeld",„Der Meineidbauer",„Die Krcuzelschreiber",„Das vierte Gebot",„Der G'wisscnswurm" und der„Doppelselbstmord". Für die weiblichen Haupttollen ist Frau H a n f i Niese- Jarno bereits engagiert.— Unternehmer ist Sigmund L a u t e n b u r g.— — Das märkische Städtebund-Theater hat seine Vorstellungen e i n g e st e l l t. Das Unternehmen beschäftigte anfangs ein Personal von 40 Köpfen.— — Bei Keller u. Reiner ist eine Kollektivausstellung von Arbeiten Le ss e r Urys eröffnet worden. Sie enthält 70 Oel- geniälde, Studien und Zeichnungen.— — Seit 1889 sind im Bezirke der Amtshauptmannschast O e l s n i tz(Vogtland) 37 5gö Kreuzottern eingeliefert worden. An Fangprämien wurden ungefähr 8000 M. gezahlt.— — Der Verein für Feuerbestattung in B r e m e n hat den Bau einesKrematoriums beschlossen. Die Kosten betragen 100 000 M.— — An der Südseite des Simplon-Tunnels mußten die Arbeiten, da eine starke heiße Quelle zum Vorschein kam, wieder eingestellt werden.— Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo..Berlin sW1.