Anterhaltungsblatt des Horivarts Nr. 8. Mittwoch, den 11. Januar. 1903 (Nachdruck verboten.) 8] Der ßaumeirtcr» Roman von Felix Holländer. „Treten Sie nur näher, Sie Wohltäter der Menschheit." sagte der Kranke.„Bitte sehr. Sie sind mein Wohltäter." schnitt er Keßler das Wort ab, der ofsenbar etwas erwidern wollte.„Wenn Sie nicht gestern meiner Tochter begegnet wären, wer weiß, ob ich dann noch unter den Lebenden wäre! Sie müssen wissen, ich hatte schon eine ganze Weile besinnungs- los dagelegen. Nun. es wäre nicht schade um mich gewesen. Aber sehen Sie. die Frauensleute hätten Zeter und Mordio geschrien. Und ganz unter uns— ich lebe auch noch gern ein bißchen. Die Leute schimpfen immer so auf das Leben, aber ernstlich davon wollen nur ein paar Sonderlinge!" Keßler sagte: „Ich freue mich, Sie so guter Laune zu treffen. Ein Beinbruch ist schlimm, aber es kann einem schlimmeres zu- stoßen." „Das habe ich meiner Alten grad' so gesagt. Die Weiber verlieren inimer gleich den Kopf. In meinem Alter kriegen die Leute einen Schlaganfall. Ich breche nur ein lumpiges Bein. Im schlimmsten Falle werde ich huinpeln. Man kommt auch humpelnd durch die Welt," schloß er lachend. Keßler fühlte etwas wie Neid. Dieser Mensch in seiner Gelassenhcht und seinem Humor imponierte ihm. Dennoch hörte er nur mit halbem Ohre zu. Seine Gedanken zogen ihn zu Grete Anders... Wo steckte sie nur?... Ihm selbst befremdete sein Zustand. Was für ein Interesse hatte er an diesem wildfremden Wesen, er, der niemals sich um die Frauen gekümmert hatte?! Schließlich konnte er die Frage nicht unterdrücken, ob daS Fräulein nicht zu Hause wäre? „Wo denken Sie hin?" erwiderte Frau Anders.„Sie hat sich ohnehin heute verspätet. Sie ist nicht eher ins Geschäft gegangen, bis der Verband angelegt war." „Ah, das Fräulein betätigt sich?" sagte Keßler. „Das will ich meinen! Von früh bis abends," gab Herr Anders zurück.„Man kann auch im Blumenwinden eine Künstlerin sein," setzte er hinzu. „Aber Papa!" sagte vorwurfsvoll die alte Frau. „Papperlapapp! Sie soll ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Dabei hat Ihnen das Mädel ein Gehör— phänomenal! Ein Jammer, daß die Stimme nicht größer ist. Aber Sie müssen Sie singen hören— glockenrein, sage ich Ihnen. Wundervoll! Etwas iür den Kenner! Das Mädel über- Haupt..." „Wie kannst Du nur so reden!" mischte sich Frau Anders in das Gespräch.„Was soll der Herr von uns denken? Der Mann wird wie närrisch, wenn auf seine Tochter die Rede kommt," meinte sie erklärend zu Keßler. „Der Herr wird sich überzeugen, daß ich kein Wort zu viel gesagt habe. Und Du, Alte, schilt.mich nicht! In diesem Punkt und in manchem anderen ist an mir nichts mehr zu ändern. Im übrigen— sie ist in das Mädel genau so verliebt wie ich!" Draußen ging der Schlüssel, und alle drei horchten auf. Eine Sekunde später trat Grete Anders auf die Schwelle. Sie blieb verdutzt stehen, und auf ihr Gesicht trat ein Ausdruck maßlosen Erstaunens und eine tiefe Röte. Keßler wurde verwirrt durch den Blick dieser tiefen, durch- dringenden Augen. „Das hätten Sie nicht erwartet," sagte er,„daß ich selber kommen würde, um meine Schuld einzukassieren?" „Nein," erwiderte sie,„das hätte ich nicht erwartet!" Dann reichte sie ihm freimütig die Hand und wendete sich sofort dem Kranken zu, und als ob kein Fremder im Zimmer wäre, beugte sie sich tief zu ihm hinab. „Nun sage mir. Väterchen, hast Du noch Schmerzen? Wie geht es Dir? Ich habe es vor Sorge nicht ausgehaltcn— ich mußte zu Dir!" Der Musiker nahm ihren Kopf zwischen beide Hände. „Solange diese Augen hell und klar sind," antwortete er, „geht es mir vortrefflich. Ein Beinbruch. Davon so viel Wesens zu machen! Und weißt Du. was der Doktor gesagt hat? In zwei Tagen kann ich mich schon im Krankeilstuhl nieder- lassen, und am vierten Tage soll ich im Verbände zu laufen anfangen! So alte Knochen darf man nicht rosten lassen! meinte er. Aber nun bitte," unterbrach er sich,„möchtest Du Dich nicht ein wenig mit unserem Gaste beschäftigen?" „Der Herr Baumeister wird einsehen, daß Du mir vor- gehst," entgegnete sie in einem Ton. der halb drollig, halb ernst klang. Und entschuldigend fügte sie hinzu:„Sie müssen wissen, daß wir fast nie in die Lage kommen. Besuche zu empfangen. Nur ein paar gute Bekannte lassen sich sehen, vor denen wir uns nicht zu genieren brauchen." Keßler sagte:„Ich wünschte, Sie täten es auch vor mir nicht." Da warf sie den Kopf ein wenig zurück und blickte ihn mit so stolzer Zurückhaltung an, daß ein großes Gefühl der Beschämung sich seiner bemächtigte. Es trat eine peinliche Stille ein, die dadurch bald wich, daß Frau Anders mit einer halbvollen Flasche Wein und mehreren Gläsern ins Zimmer trat. „Bitte sehr, Herr Baumeister," sagte sie und reichte ihm das eine Glas, während das andere der Patient erhielt. „Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Anders!" „Und ich auf das meiner Tochter und meiner Frau!" Sie stießen an, während Grete Anders sich abwendete. In ihre weiße, klare Stirn hatten sich Falten gegraben, und die Augenbrauen hatte sie zusammengezogen. „Ich darf mich leider Gottes nicht länger aufhalten," sagte Keßler, der das Peinliche der Situation empfand und wohl herausgemerkt hatte, daß sein Besuch gegen das Gefühl dieses Mädchens war. „Machen Sie doch nicht so ein böses Gesicht!" sagte er, als er ihr zum Abschied die Hand gab. Sie gab keine Antwort und begleitete ihn zur Tür, wäh- rend der Musiker und seine Frau ihn freundlich aufforderten, seinen Besuch zu wiederholen. Draußen im Entree nahm er ihre Hand, die sie ihm mit den Worten entzog: „Lassen Sie das!— Und hier ist auch das ausgelegte Geld zurück," fügte sie kurz hinzu. „Wenn Sie mich mit so bösen Augen ansehen, muß ich es meinen armen Kutscher entgelten lassen," sagte er hastig. „Sie haben es nicht besser verdient," entgegnete sie unmutig.„Verzeihen Sie, aber Ihr Besuch wirkt auf mich wie ein Ueberfall." Er biß sich auf die Lippe. Dieser Ton verdroß ihn. Als er aber sah, daß der Zorn ihrem Gesicht neue Reize verliehen hatte, stieg ein heißes Gefühl in ihm auf. „Ich hatte den Wunsch, Sie wiederzusehen," sagte er. „Ist das wirklich ein so großes Vergehen?" Um ihren Mund zuckte es. „Sie haben mich verstanden. Ich möchte darüber kein Wort mehr verlieren." „Und darf ich nicht wiederkommen?" „Nein!" antwortete sie kurz und kalt. Er verbeugte sich mit der Haltung eines Offiziers steif und förmlich und oerließ sie. Sie blieb nachdenklich eine kleine Weile stehen, dann strich sie sich das Haar aus der Stirn zurück und trat wieder in das Krankenzimmer. Sie setzte sich auf den Bettrand und starrre füll vor sich hin, während der Musiker beständig ihre Rechte streichelte. „Aber Kind, was ist Dir denn in die Krone gefahren?" fragte der Alte.„Wer uns beide sieht, muß Dich für den Patienten halten!" Sie lachte leicht auf. „Du hast recht, Vater," sagte sie.„Aber soll man denn nicht verstimmt sein, wenn jemand, der einem einen kleinen Dienst geleistet, sofort die Quittung verlangt?" „Mädel, sei doch nicht so mißtrauisch, es kann sich doch auch anders verhalten. Der Mann hört, daß ein großer Un- fall mir zugestoßen ist, denkt vielleicht, daß wir uns in einer Notlage befinden, und kommt in menschenfreundlichen Ge» danken hier V-rcrnf.",. „Vater, Du bist ein großes Kind," entgegnete sie leise. „Ja, ein großes Kind bist Du, und aus Deinem lieben Herzen, das keine krummen Wegtz kennt, beurteilst Du die anderen. Wenn Du wüßtest, was einem alles auf der Straße nachlauft und was für Mühe man hat, sich aufdringlicher Menschen zu erwehren, Du würdest mein Mißtrauen für begründet halten." „Kind, das nimmst Du ja viel zu tragisch. Ist ja auch nicht das schlimmste, wenn einer einem hübschen Kinde nach- läuft und ihm ein paar Schmeicheleien sagt. Vielleicht habe ich das als junger Bursche auch getan." Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sagte: „Du nicht! Du hast Dich bestimmt niemandem auf- gedrängt— dafür lege ich meine beiden Hände ins Feuer!" „Sei Du mit Deinen Händen vorsichtig," scherzte er. „Wie willst Du ohne Hände Blumen winden?" „Sage, Mutter," rief sie Frau Anders zu, die eben aus der Küche kam,„ist der Vater jemals gegen junge Mädchen aufdringlich gewesen?" Frau Anders lachte laut auf. „Er will sich wohl gar mit seinen grauen Haaren auf den Schwerenöter aufspielen? Schüchtern ist er gewesen wie ein kleines Mädchen, und hätte ich ihm nicht einen Heiratsantrag gemacht, wir wären nie zusammengekommen. Was brauchst Du zu fragen? Hat er sich denn um ein Jota in der langen Zeit geändert? Das Schlimmste ist nur, daß jedermann sich seine Gutmütigkeit zunutze macht und er von aller Welt sich ausbeuten läßt. An welcher Stelle müßte er stehen, wenn es gerecht in der Welt zuginge!" „Nun aber aufgehört!" kommandierte Herr Anders. „Ihr wollt mich wohl schamrot machen? Ich sage Euch, ich bin's zufrieden, daß ich mit meinem kleinen, unbeträchtlichen Talent meine paar Groschen verdiene. Solche Exemplare wie mich gibt es in Hülle und Fülle!" (Fortsetzuiig folgt.>! (Nachdnick verboten.) Vom Kergarbeiterpoeten im Ruhrrcvter, Just in diesen Tagen, wo der Klassenkampf im rheinisch-west- fälischen Kohlenrevier wiederum einem erbitterten Ausbruch ent- gegendrängt, erscheint ein neuer Band Gedichte des ergrauten Berg- arbeiters Heinrich Kämpchen. Fast sechzig Jahre zählt dieser treffliche Mann, und im Jahre des großen Maiausstandes— 1889— trat er zuerst mit einem Gedicbte an die Oeffentlichkcit. Der zwiefache Sinn dieser Tatsache bezeichnet des Dichters Wesen scharf und klar. Er ist eine zurückhaltende, schweigende Natur und er ist ein Kämpfer, der leidenschaftlich und im rechten Augenblicke loszuschlagen weiß. Seit 1889 stand er als reger Schaffer, Mahner und Anfeuerer im Kampfe der Organisation seiner Schacht- kameraden. Zwei Jahre nach dem großen Streik, de rdie neue Acra der deutschen Bergarbeiterbewegung stürmisch und blutgetauft ein- leitete, wurde er gemaßregelt. Nicht weil er etwa, wie viele seiner Leidensgenossen, in Versammlungsreden dem Grribenkapital die Wahr- heit ins Gesicht geschleudert hätte. Aber für sein Wort gleichwohl: für das geschriebene und gedruckte Wort seiner Gedichte! Allwöchent- lich ist jahrelang an der Spitze der„Bergarbeiter-Zeitung" ein Gedicht erschienen, mit einem schlichten II. K. unterzeichnet. In diesen Gedichten steuerte der Vertrauensmann der Bergarbeiter von Zeche Hasenwinkcl seine Münze guten Kurses zum Klassenkampfe seiner Kameraden in den Gruben, und seine Verse, von Hundert- taufenden gelesen, wurden schnell geradezu unentbehrlich. Sie sprachen die Sprache, die von denen verstanden wurde, die sie suchte. Schon diese Tatsache ließ die umfangreiche Sammlung Gedichte, die Kämpchen 1898 unter dem Titel„Aus Schacht und Hütte" —- 280 Seiten Umfang— herausgab, begrüßen. Und so begrüßen Wir wiederum die neue Folge, die jetzt zum Preise von 1 M. in 160 Seiten Umfang mit der Aufschrift„Neue Lieder" bei H. Hausmann u. Ko. in Bochum erscheint. Mitten in ein großes starkes Aufwallen der Grubenprolctarierbewegung hinein! Das ist ein Zufall. Aber das grünumhüllte Bersbuch verdient diesen. Zu- fall. Es ist Fleisch vom Fleische jener Bewegung, die jetzt aller Augen, auf sich zieht, und so auch die Augen auf ihren Dichter ziehen mag. Zwei Merkmale geben den sozialen Gedichten Kämpchens das Gepräge. Sie sind Milieulyrik von ganzer Echtheit und lassen die Phase des Klassenkampfes verspüren, aus der sie geboren find und der sie bewußt dienen. ES gibt keine Berufsschicht des Proletariats, die über eine solche Fülle dichterischer Versinnlichung ihrer Leiden unter der Fuchtel des mehrwertprassendcn Kapitals verfügte, wie diese Arbeiterschaft, die in den Tiefen der Erde die Keilhau schwingt. Wenn anderswo das Besondere der Arbeitsweise kaum Beachtung Erdet, und sich meist in finnbildlich-allgemeinen Ausdruck verliert, ist hier das Besondere ganz und gar festgehalten. Es sättigt— 8 ist keine Ucbertreibung— Kämpchens Gedichte. Des Westfalen Eigenart, knapp, schwer und geradezu im sprachlichen Ausdruck zu fein, lebt in der Unmittelbarkeit, mit der diese Besondere gegeben ist, Es ist in keiner Weise ein äußerlich Angeklebtes oder gekünstelt Hineingetragenes. Aus einer lebendigen und natürlichen Vertraut- heit mit den Vorgängen der Bergarbeit, mit ihrem Gerät, ihren Ge- fahren und Stimmungen schöpft Kämpchen, und da er die Dinge ohne Umschweif nennt, und keinerlei romantische Verbrämung irr seiner Weise liegt, so kommt in seine Gedichte diese starke Arbeits- Milieufärbung, die für sie so charakteristisch ist. Einen großen Teil seiner Bergmannslieder entwarf der Poet im Schoß der Erde, in- mitten von Schlagwetterdunst und Kohlenstaub,— so schreiben Kämpchens Freunde in den Begleitworten, die sie dem neuen Bande der Gedichte beifügen. Dem Inhalte dieses neuen Bandes dürfte ihre Mitteilung freilich kaum gelten, denn seit seiner Maßregelung im Jahre 1891 fuhr Kämpchen nicht wieder ein,— er lebt als Berg- invalide von einer kärglichen Knappschaftspension. Vom Lose dieser in Kapitalsfron Ausgemergelten weiß er in Versen voll Bitterkeit des Hohns und des Galgenhumors Anschauliches— also unmittelbar am eigenen Leibe Empfundenes— zu sagen. Wenn, aber seine Lieder vom Bergmann, der an der harten, gefährlichen Arbeit ist, nicht so unmittelbaren Ursprungs wie die früher veröffentlichten sind, so stehen sie diesen an Schärfe der Zeichnung dennoch keines- Wegs nach. Ich hebe die Gedichte von den„Bergmannsmalen", den blauen Rissen und Schrunden die das Kohlengestein dem Hauenden beibringt, dann das Gedicht von der„Jagd nach dem Soll" und vom„Pfeilerbruch" mit dem Blick in das Getriebe der schwarzen Unterwelt besonders hervor: Hutrig, hurtig, laßt die Wagen rollen, Daß wir fördern, was für fördern sollen, Nicht zum Troddeln Hab' ich Euch gedungen, Treibt die Mähren an, ihr Pferdejungenl" So der Steiger— und die Pferdetreiber Prügeln lustig auf die Pferdeleiber, Daß die Wagen schnell und schneller rollen Nach dem Förderschachte, wie sie sollen. Spricht der Steiger zu dem Strossenbolze, Der da träge hocket auf dem Holze: „Munter, munter, rühre Deine Knochen, In dem ganzen Flöze wird gebrochen. Kannst den Leuten schon die Botschaft bringen, Daß sie fleißiger die Keilhau schwingen— Geh vor Ort und Pfeiler— sag es allen: Kohlen, Kohlen müssen mehr noch fallen!" Und so rennt er weiter durch die Strecken Auf der Jagd, die Arbeitswut zu wecken... Wie zeichnen diese Verse nicht nur das äußere Bild des Arbeits» getriebes, sondern zugleich das innere Tempo kapitalistischer Arbeits- hatzi Sie sind von knapper Gegenständlichkeit der Schilderung und zugleich von äußerst starker Plastik der Bewegung. Nicht alle Ge- dichte sind von solcher Höhe, wie diese Verse, aber es ist schon be- deutsam, daß Kämpchen solcher Höhe dichterischen Versinnlichens fähig ist. Das erste Gedichtbuch Kämpchens hat auch bürgerliche Kritiker gefunden. Sie warfen es mit unwilligen Bemerkungen über die Poesie der gereimten sozialdemokratischen Leitartikel in die Ecke und> wiesen solche vergiftete angebliche Volksdichtung mit Abscheu weit von sich. Und doch gab Kämpchen ein wichtiges Stück Volksdichtung der Gegentoart. Er gab und gibt die Volksdichtung, die heute im Proletariat möglich ist. Es ist nun einmal so: die rote politische Agitation macht mit ihrem Entfesseln in Dumpfheit hingesunkener Kräfte ein Stück Volksseele— und zwar ein wichtiges— frei, und wie es beschaffen ist, wenn es den dumpfen Schlummer abwarf und zur Erkenntnis der grausamen, die seelische Entfaltung hemmenden und verderbenden Wirklichkeit gelangte, das eben gibt den Kämpchen- schcn sozialen Gedichten ihre Eigenart. ES bestimmt ihr geschicht- licheS Niveau. Und es ist-nicht nur persönliche Physiognomie, daß dieser Mann, der dreißig Jahre seines Lebens dem Grubenkapital fronte, der nie etwas anderes als Bergarbeiter war, einmal eine ausgesprochene dichterische Vorliebe für die Burgsagen der alten Ritterzeit und dann nicht eine Spur von Hinneigung zum Radika- lismus des religiösen Freidenkertums offenbart, das in Rheinland- Westfalen starke Herde besaß und für ein großes Kontingent der älteren Generation der Sozialdemokratie dieses Gebietes Durch» gangsstation bildete. Auf die Rittersagen wiesen die Burgreste seiner Heimat Kämpchen hin, und nun gibt sein neues Buch daS Gefühl, als sei ganz unvermittelt neben die Lust, sich im Sagenhaften der Vorzeit umzutun, das grelle Erwachen zur Erkenntnis der sozialen Wirklichkeit der Gegenwart getreten. Ungestüm hat ihn der Kern, gedanke der proletarischen Massenbewegung gepackt: die Solidarität. Immer wieder ruft und mahnt sein Vers, ihr zu gehorchen. Ueber allem Groll, aller Wut, allem Spott und Hohn steigt ihr Banner, begeistert gewiesen, empor. Die flatternde Sturmfahne hissend und haltend, lenkt er die Blicke auf alle Ereignisse der Bergarbeiter» Bewegung, auf alle Tagungen, alle nationalen und internationalen Kongresse, alles Schwanken, alle Niederlagen, allen Kleinmut und alle Beschränttheit der Einzelnen, und auf jedes Zeichen eines Fort» schrittes zum Besseren. Er hat diese Deutlichkeit des Wortes und des Gedankens, die solches Amt fordert. Er hat auch die tendenziöse Schärfe glücklich geformter Grob- und Spottworte, die übrigens im westfälischen Proletariate auffällig ursprünglich wachsen— Nun Knappen, fegt die Bude rein Und säubert peinlich Bank und Sitz. Hinaus mit jedem Huckebein l Hinaus mit jedem Nickefritz l Dieser Spott hat Energie,— er dringt ein und wird der- standen. Und solche Verse haften schnell im Gedächtnis. Kämpchen hat Sätze in Strophenform gebracht, die sich auf einen Schlag ein- prägen. Dazu bisweilen dies geschickte Ausnutzen von Rhythmen- gang und Strophenformen, die der Arbeiterschaft bekannt und auf ihre Wirkungskrast längst erprobt sind, wie Herweghs Bet und arbeit I und Luthers Ein feste Burg. Die zurückliegenden fünfzehn Jahre bedeuten für die Bergarbeiterschaft ein fortwährendes Aufrütteln und Aufgerüttelttoerden zur Einigkeit, zur Organisation. Der übermächtige Kapitalsgegner, der alle Versuche des Gruben- Proletariats, sich seiner Paschawirtschaft zu erwehren, brutal nieder- trat, gab in diesem Gebiet zusammengedrängter Hunderttausende von Proletariern derselben Arbeit und derselben Leiden dem Solidaritätsgedanken eine Wucht des Ausdrucks und in erregten Zeiten eine Resonanz, die möchtig berührte und etwas Einziges hatte. In Kämpchcns Gedichten ist dieses Wesen festgehalten. In den Neuen Liedern drängen sich die Wiederholungen dieses einen Gedankens: man nehme es als ein Abbild des unermüdlichen Werbe- eisers, den die 1889 Erweckten entfalteten, und wer sich in den Geist dieser Unermüdlichkcit hineinversetzen kann, der wird es auch empfinden, daß Kämpchen geradezu Hohelieder des Solidaritäts- gedankens geschrieben hat. lieber die Bedeutung dieser Gedichte entscheidet nicht der rein künstlerische Wert. Die Zweckdienlichkeit entscheidet. Hätte der künst- lerische Maßstab die Auswahl für die Buchveröffentlichung bestimmt, so würde der Umfang der beiden Gedichtbücher wesentlich zusammen- geschmolzen sein. Aber— und das ist nun wiederum stark zu be- tonen— eine solche Sichtung ergäbe ein Buch, das nicht nur von einer kraftvollen, gesunden, proletarischen Persönlichkeit, sondern auch davon zeugen würde, daß diese Persönlichkeit ein ungewöhnlich sicheres künstlerisches Empfinden für den Reichtum und auch für die Schönheit der Wirklichkeit besitzt. Die zweite Hälfte des neuen Gedichtbandes bietet solche Zeugnisse in einer ganzen Reihe von Blättern. Ein Gedicht wie„Todesahnung"— im Anschauen eines Waldes, der dem Fäller verfallen ist, empfunden— reicht völlig hin, diesem Bergarbciter-Pocten hohe künstlerische Achtung zu sichern. Und nur dies eine sei genannt. Man mutz es dringend wünschen, datz aus Kämpchcns beiden Gedichtbüchern eine Auslese des Besten recht bald in einem besonderen Bande geboten werden möchte. Dann wird, wer daS erst noch lernen mutz, den Glauben be» greifen lernen, der diesen Mann inmitten furchtbarsten sozialen Elends prophetisch verkünden lätzt: Ten Mann der Arbeit seh im Zukunftsschotz Ich stark und grotz. Nicht mehr ein Mensch, der bloß, wie jetzt zur Frist, Maschine ist,— Stumpf vegetiert, von Frohsinn keine Spur, Ein Schemen nur,— Nein, schönheitsdurstig und von Kraft erfüllt Schau ich sein Bild. Die Trommel rühren, zum Kampfe rüsten, von grauer Not und schlimmsten Tod umgeben, aber in tiefste Seele von Siegesglauben und Schönheitsdurst erfüllt— so steht Hemrich Kämpchen, der Rhein- chronist, dichtende Wortführer, Ankläger und Kampfwerber der Berg- arbeiterschaft, inmitten seiner Arbeitsbrüdcr: ein Ausdruck der Kulturkrast, die im deutschen Proletariat steckt und nach Betätigung drängt. DaS soll man sich merken besonders in diesen Tagen, die des ergrauten Dichters zornige Verkündigung in die Erinnerung rufen: Wie lange noch,— und wieder bricht Der Streik mit voller Wucht herein! Wie lange noch— dann wird die Schicht, Die längste, schnell zu Ende sein. Und wenn die Zornessaat gereist, Und wenn der Bergmann nicht mehr will, Ob ihr dann trommelt oder pfeift— Stch'n wieder alle Räder still. Drum straft und nullt nur frisch drauf los Und drückt den Bergmann immer mehr, Es wächst und reift im Zeitenschotz Wie neunundachtzig— wuchtig schwer. Franz Diederich. kleines Feuilleton. lcv. Wie man sich früher die Zeit vertrieb. Die Brettspiele hatten in früheren Zeiten eine Verbreitung und Beliebtheit, die viel größer war als heute. Schach, Dame, Puff fesselten die Menschen des Mittelalters stunden- und tagelang, und es wurde auf diese Spiele eine große Menge von Geschicklichkeit und Verstandeskraft verwendet. Ja, es war eine feine Kunst der Strategie und rech- nerischen Orhnung ausgebildet, die die Figuren des Schach und die Steine des Damespieles leitete. Das Schachspiel ist von der Phantasie des mittelalterlichen Menschen ftüh zum Symbol d«8 Menschenlebens ausgedeutet worden, so in dem Schachzabelbuch des Konrad von Ammenhausen, und schon auf den alleräl�'ten Kupfer» stichen faßt der Tod als schrecklicher Spieler den König wie den Bauer und schiebt ihn herunter von dem Schachbrett des Lebens in die öde Grube. Das Schachspiel galt lange Zeit für eine Probe, aus der die klugen Eltern den jungen Mann, der die Hand ihrer Tochter begehrte, in seinem wahren Charakter erkannten. Olaius Magnus, der Autor der„Geschichte der nördlichen Völker", erzählt uns, daß die Seigneure von Gotland und Schweden, wenn sie ihre Töchter verheirateten, den Freier in allerlei Brettspielen versuchten, denn„in solchem Spiel enthüllen sich die Fähigkeiten des Geistes, wie auch Grimm, Langweiligkeit, Liebe, Geiz, Eitelkeit, Narrheit, Liederlichkeit und andere Leidenschaften sich im Laufe des Spieles offenbaren. Wenn der Bewerber so schlecht erzogen ist, datz er sich freut beim Gewinnen oder über den Verlierenden spottet oder sonst sich unbescheiden aufführt, so wirst das ein schlechtes Licht auf ihn." In den Heldenliedern und den alten Volkssagen, z. B. in den„Bier Haimonskindern", entsteht sehr häufig Streit und Krieg beim Schach- spiel, und oft fliegen auch einmal die Steine dem Gegner an den Kopf, der dann gewöhnlich davon getötet wird; denn die Schach- figuren des Mittelalters waren sehr schwer und massiv. Das bew�t ein in der„Bibliotheque Nationale" bewahrter Gegenstand, der den Namen„Schachturm Karls des Großen" führt und ein mehrere Pfund schweres Kupferstück darstellt, das mit der nötigen Wucht geschleudert große Löcher in den Köpfen verursachen muhte. Die Brettspiele waren in ihrer stillen, Geduld erfordernden Art mehr für ältere, gesetztere Leute bestimmt; für das junge Volk waren im Mittelalter die Vorführungen und Künste der Fahrenden der liebste Zeitvertreib. Tasck�nspieler, Gaukler und Akrobaten er- weckten hellen Jubel und brachten eine heute unbekannte Erregung und Begeisterung unter die Menge. Jongleure in burlesken Auf« zügcn führten kleine mimische Szenen aus; Zauberkünstler ließen ihre Wunder sehen. Ein Holzschnitt des 17. Jahrhunderts führt einen solchen Prestigiator vor, der ähnliche Kunststücke wie die heutigen„Professoren der Magie" ausführte. Eine andere sehr beliebte Schaustellung waren die der Seil- tänzer, die ebenfalls ganz anders die Nervei» der Menschen aufzu- rütteln vermochten wie bei uns, die wir gegen solche Geschicklichkeiten nachgerade abgestumpft sind und schon zum inindesten einen»--eil- tanz über den Niagara erwarten. Der Seiltanz ist eine uralte Kunst; die Grieche» übten ihn in ihren Gymnasien und erlangten eine hohe Geschicklichkeit darin. Die Römer hatten berühmte „Künstler im Reiche der Lust", Tcrenz weist in seinen Komödien oft auf diese schwierige Kunst hin. Im Mittelalter wurde dann die Kunst des Seiltanzens zur höchsten Vollendung ausgebildet. Der Spiele und Unterhaltungen, an denen sich das Mittelalter ergötzte, gibt es eine ungeheure Anzahl. Die Jugend und die phantasiere iche Kraft des Volkes brachten stets neue hervor. Fischart zählt in seinem „Gargantua" 609 solcher Spiele auf, darunter auch das heute noch beliebte„Der Bauer schickt den Jockel aus". Das Kartenspiel und das Ballspiel, daS im„Tennis" heute wieder auflebt, sind die ge- treusten Verkürzer langer Stunden; sie haben sich noch am ehesten von dem Reichtum an Spielen im Mittelalter in unsere weniger spielfrohe Gegenwart gerettet, in der jedes Spiel so leicht zur Wissen- schast und zur Kunst wird.— t. Erdbeben in Japan. Der frühere japanische Kultusminister Deiroku Kikuchi hat eine Schrift über neue Erdbebenforschungen in Japan veröffentlicht, worin er in gründlicher Weise die EntWickelung der Seismologie in jenem erdbebenreichsten Land der Erde schildert. Entsprechend der Häufigkeit der Erderschütterungen ist die Erdbeben« künde in Japan so hoch entwickelt Ivorden, wie nirgends sonst; in Tokio besteht ein besonderer wissenschaftlicher Ausschutz für Erd- bebenuntersuchungen, der ständig in Tätigkeit ist und schon eine Fülle wichtiger Arbeitsergebnisse veröffentlicht hat. Das erste Erd- beben in Javan, von dem bestiminte Ueberlieferungcn erhalte» sind, fand im Jahre 418 unserer Zeitrechnung statt. Nach einer geschicht- lichen Ilebersicht geht der Autor über zu einer Beschreibung deS Systems, nach dem die Erdbcbenforschungen ii»- Japan vorgenoinmen werden. Dann wird die Verteilung der Erdbeben nach Raum und Zeit und ihrer Beziehung zu den Witterungsvcrhältnissen und anderen Naturerscheinungen erörtert. Erdbeben, die ihren Ursprung vom Meeresgrund aus nehmen, sind besonders häufig im Sommer, wenn das Niveau des Stillen Ozeans an den Küsten Japans höher steht als im Winter. Die im Winter häufigeren Erdbeben, deren Aus- gangspunkt auf dem Lande liegt, fallen mit der Zeit hohen Luftdrucks zusammen. Von 47 zerstörenden Erdbeben die aus dem Paclfischen Ozean kamen, waren 23 von großen Meercsflutcn begleitet, die auf erhebliche und plötzliche Veränderungen des Meeresbodens hinlvcisen. Von besonderer Wichtigkeit ist die Aufklärung der Beziehung zwischen Erdbeben und verschiedenen anderen Naturerscheinungen, die einen Einfluß auf die Erdkruste haben oder von dieser beeinflußt werden. Gegenwärtig werden dauernd magnetische Beobachtungen an fünf Stationen in Japan vorgenommen, auS denen sich u. a. ergeben hat, daß bei starken Erdbeben auch gelegentlich magnetische Störungen eintreten. Die allerwichtigstc Folge, die sich aus diesen Forschungen möglicherweise ergeben könnte, wäre die Erkennung von Gesetzen, die eine Voraussage von Erdbeben durch Beobachtungen der Magnet- nadel vermitteln würde. Die umfangreiche Abhandlung schließt mit einer Ilebersicht über die Untersuchungen, die zuin Zweck der Verminderung der zerstörenden Erdbebenwirkungen veranstaltet worden sind. In praktischer Beziehung ist dies zweifellos der wichtigste Zweig der ganzen seismologischen Forschung. Schon ist auf diesem Wege viel geschehen, und nach jeder neuen schweren Katastrophe sieht man jetzt in Japan ganz eigentümliche Baulich- leiten zwischen den Ruinen der älteren Häuser erstehen, Die europäische massive Bauart ist für Japan mit Rücksicht auf die Erd- bebengefahr durchaus unzweckmäßig. Die aus Ziegeln oder Steinen errichteten Gebäude leiden nicht nur viel mehr unter den Erdstößen, sondern sie bedingen selbstverständlich auch eine viel größere Gefahr für ihre Bewohner. Es liegen genug photographische Aufnahmen von den Wirkungen der japanischen Erdbeben in letzter Zeit vor, um diese Tatsache in ihrer vollen entsetzlichen Tragweite zu zeigen. Fabrikanlagen in europäischer Bauart stürzen bis auf die Grund- mauern bei einem starken Erdbeben zusammen, und namentlich hohe gemauerte Fabrikschornsteine werden gewöhnlich mitten durch- gebrochen. Holzhäuser sind in jedem Fall weit besser geeignet, außer- dem aber ist man mit der Zeit dahin gelangt, für die Bauart von Holzhäusern noch besondere Regeln aufzustellen, deren Beachtung den Gebäuden die größtmöglichste Widerstandsfähigkeit gegen die Wirkung von Erderschütterungen erteilt. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis in Japan die Befolgung dieser Regeln für den Bau von neuen Häusern in den von Erdbeben chronisch bedrohten Gegenden vom Staate zwangsweise angeordnet werden wird. Jetzt schon kann man zahlreiche solche„Erdbebenhäuser" in Japan sehen. Geographisches. M. Zwei Jahre in Schnee und Eis am Südpol. lautete das Thema, das am Montag ein zahlreiches Publikum nach der Urania in der Taubenstraße gelockt hatte. Der Andrang des Publikums, da? die Räume bis auf den letzten Platz stillte, galt allerdings wohl in erster Reihe dem Vortragenden, Professor Nordenskjöld, dem Leiter der schwedischen Südpolar-Exedition, die einen Winter freitvillig und einen zweiten unfreiwillig, nach Ver- lust ihres Schiffes, im Eise des Südpols zugebracht hat. Wirst man einen Blick auf eine Karte der Südpolar- aegeuden, so findet man ein ungeheures unbekanntes Ge- biet, das sich fast überall bis zum Polarkreise ausdehnt. Von drei Seiten her sollte zu Beginn des Jahres 1902 die Erforschung der unbekannten Gegenden nach gemeinsamem Plane er- folgen: vom Indischen Ozean aus durch die deutsche Expedition, vom Stillen Ozean aus durch die englische und südlich von Amerika vom Atlantischen Ozean aus durch die schwedische Expeditton. Einer der wichttgsten Punkte des Programms stir jede Expeditton war die Anstellung von magnetischen und meteorologischen Dauerbeobachrungen auf einer festen Statton. Denn nur dadurch läßt sich der magnettsche Zustand der Erde mit einiger Sicherheit bestimmen— eine der wichtigsten Aufgaben der Südpolarforschung, und ebenso kann man nur durch Dauer- beobachtungen auf festen Stattonen zu einigermaßen verläßlichen Resultaten über das antarstische Klima und seinen Einfluß auf das Klima bewohnter Gegenden und viel befahrener Meere gelangen. Daß auch die geologischen, zoologischen und botanischen Beob- achtungen auf festen Stattonen im allgemeinen erfolgreicher sein können, als bei flüchtigem Durchstreifen einer Gegend, liegt auf der Hand. Eine Polarexveditton kann daher von weittragendster wissen- schaftlicher Bedeutung sein, sie kann sehr wichttge wissenschaftliche Resultate zeitigen, ohne daß eine Schilderung ihres Verlaufes em allgemeines Interesse erweckt, ja man kann sogar sagen, je sorg- fälttger sie vorbereitet ist und je besser es ihr gelingt, ihr Programm durchzuführen, um so weniger auffallende Beachtung wird sie finden, weil das Spannende und Fesselnde ausnahmsweiser, mit beständiger Todesgefahr verbundener Erlebnisse dann fortfällt. Die schwedische Expcditton war insoweit vom Glück begünstigt, daß sie ihr Programm in weitgehendem Maße durchführen konnte. Gegen Ende des Jahres 1901 war sie von Europa aufgebrochen, hatre sich in Argenttnien vervollständigt und befand sich im Januar 1902, der warmen Jahreszeit auf der südlichen Halbkugel, auf dem Wege zu dem südlichen Eismeer. Die„Antarttik" brachte die Expeditton durch einen eisfreien Sund, den Antartik- Sund, zwischen der Joinville- Insel und dem Ludwig- Philipp- Land an die Südostküste des letzteren Landes, das in seiner weiteren Ausdehnung nach Süden als Palmer- Land und König Oskar- Land vielleicht eine Insel von noch unbekannter Ausdehnung ist, vielleicht auch ein Teil eines antarktischen Kontinents, der möglicherweise mit Victoria-Land zusammenhängt. Auf einer vorgelagerten Insel unter 64% Grad südlicher Breite, die den Namen Snow-Hill(Schneehügel-Jniel) er- hielt, wurde die Landung bewerkstelligt und eine Station errichtet, in der Dr. Nordenskjöld mit zwei Begleitern zurückblieb, während das Schiff seine» Kurs wieder näch Norden lenkte. Der Rest de? Soinrncrs und der Winter vergingen mit wissenschaftlichen Arbeiten, wobei auch Schlittenfahrten mit Hülfe der mitgenommenen Hunde zur Erforschung der weiteren Umgebung unternommen wurden. _ Mit dem Frühling kam die Hoffnung auf Erlösung aus dem einsamen Leben durch das Schiff. Doch der Frühling und der Sommer vergingen, ohne daß ein Anzeichen des Entsatzes sich sehen ließ. Die„Anlarktik" hatte zwar den Antarktik-Sund wieder passiert, wobei sie auf Ludwig Philipp-Land noch eine zweite, allerdings nur als Sommerstatton gedachte Statton mit drei Personen unter Dr. A n d e r s s o n zurückgelassen hatte, hatte dann aber im Eismeer Schiffbruch gelitten, aus den, der Kapitän L a r s e n die Mannschaft mit vielen Geräten auf die Paulet-Jnsel gerettet hatte. So kam es, daß Nordenskjöld auch den Winter 1903 noch auf der Statton auf Snow-Hill zubringen mußte: ebenso richteten sich Andersson und Larsen notgedrungen für die Ueberwinterung ein. Mit dem ersteren traf Nordenskjöld im Frühling während einer Schlittentour zusammen, so daß der Weg zur Statton, den Andersson eingeschlagen hatte, nunmehr gemeinsam zurückgelegt wurde. Auch Larsen brach im Frühjahr zur Station auf Snow-Hill auf, wo er gerade am Abend desselben Tages einttaf, an welchem ein argentinisches Schiff, die„Uruguay", zur Abholung der Expedition angelangt war. Da die„Antarkttk" ausgeblieben war, hatte die argentinische Regierung, besorgt um das Schicksal der Expedition, dieses Schiff zur Nachforschung und Abholung ausgesandt. Auf ihm wurde die Rückreise ohne Unfall zurückgelegt. Auf die wissenschaftlichen Resultate der Spedition kann im einzelnen natürlich nicht eingegangen werden. Sie bestehen einmal in der Erweiterung der geographischen Kenntnisse jenes unbekannten Gebietes, dann aber sind von besonderem Interesse Versteinerungen, die Nordenskjöld gefunden hat. und die einen ersten Einblick in die antarstische Tier- und Pflanzenwelt vergangener Erdperioden er- möglichen. Doch sind die antarkttschen Probleme dadurch erst an- geregt, keineswegs bereits gelöst.— Humoristisches. — Nach f einem Geschmack. Er:„Aber, Elsa, lauter Obst hast Du auf Deinem neuen Hut?... Das ist gar nicht mein Geschmack!" Sie(spitz):„Aber um Gottes willen, ich konnte doch nicht. um mich nach Deinem Geschmack zu richten— eine Gans mit Kastanien hinaufbinden I"— — Vorsichtig.„Bist Du eigentlich über die Liebe Deiner Ungebetenen zu Dir im klaren? „Noch nicht ganz: ich spanne immer noch, wenn ich ihr ein Ständchen bringe, den Schirm auf.'— — Aus der Rolle gefallen. Bureauchef:„Schreiben Sie: Durch hohen Erlaß vom— vom— Na, wo Hab' ich nur den dummen Wisch?'— („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Einer Fachzeitschrift für Bühnenmitglieder, durch die das gesamte Biihnenwesen, Schauspiel, Oper, Regie, Technik, Kosttimwesen zc. praktisch gefördert werden sollen, wird von zwei Seiten aus das Wort geredet. Der Wiener Regisseur Karl Ludwig Schröder ist bereits mit dem Prospett einer neuen Monats- schrift„Dramaturgische Blätter' hervorgetreten.— — Der englische Maler Eduard Gordon Craig, den da? Lessing-Theater als künstlerischen Beirat verpflichtet hatte, ist aus dieser Stellung schon wieder geschieden. Er wollte auch in die Regie hineinreden, und das wurde ihm nicht zugestanden. Craig will in Berlin in nächster Zeit den„Hamlet' in deutscher Sprache, später andere englifche Stücke in englischer Sprache zur Aufführung bringen.— — In, Wiener deutschen Volks-Theater hat das fünfaktige Schauspiel„Die Brüder von St. Bernhard' von Anton Ohorn großen Erfolg gehabt.— — Ein Land, in dem Honig fließt, scheint das w e st l i ch e Abessinien, das Grenzgebiet der Schanlallah, zu sein. Ein Schweizer, der sich gegenwärtig in dieser Gegend aufhält, schreibt darüber:„Das Land ist voll von Honig wilder Bienen. Ueberall hängen an den Bäumen Honigkörbe, Ivo sich die Bienen ein- nisten.... Für zwei Patronen von dem französischen Gras-Gewehr bekommt man sechs Liter Honig."— — c. Was hat d i e Entdeckung Amerikas ge« k o st e t? Diese Frage beantwortet eine italienische Zeitschrift nach den Dokumenten, die sich im Archiv der Stadt Genua befinden. Christoph Columbus bezog ein Gehalt von 1600 Lire jährlich; die beiden ihn begleitenden Kapitäne erhielten je 900 Lire. Der Sold der Mannschaft betrug 12>/� Lire monatlich für den einzelnen. Die Ausrüstungskosten der Flottille beliefen sich auf 14 000 Lire. Die Ausgaben für die Expeditton, auf der Amerika entdeckt wurde, über« schritten im ganzen nicht 36 000 Lire.— — A u s der Schule erzählt man der„Täglichen Rundschau': Bei Behandlung der Geschichte von Joseph, der von seinen Brüdern verkaust worden war, stellt der Lehrer die Frage:„Was wird der Vater gedacht haben, als er den blutbefleckten Rock seines SohneS sah?" Darauf erfolgt im schönen schlesischen Dialest die un- erwartete Antwort:„S' is sch o a d e um dan gutten Ruckl"— Vermttwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer&Eo..Berlin SW.